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Karen Nieberg

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Beschreibung

Es sieht aus wie ein tödlicher Unfall im Eis Spitzbergens … Kristoffer Stolt starb während einer Wandertour einen einsamen Tod im arktischen Spitzbergen. Unterkühlung, stellt die Polizei fest. Doch seiner Witwe Kirsten fällt es schwer, an einen Unfall zu glauben. Als ihr Schwiegervater, Oberhaupt einer reichen Bankiersfamilie, zu seinem Geburtstag nach Spitzbergen einlädt, kehrt Kirsten zurück an den Ort des Geschehens. Dort, in den eisigen Weiten, lauern Geheimnisse und Verrat, die Kirstens schlimmste Vermutungen in den Schatten stellen. Dann löst sich auf einmal ein Schuss aus einem zur Eisbärenabwehr gedachten Gewehr. Hat Spitzbergen ein weiteres Opfer gefordert? Ein zweiter Unfall, den Gefahren dieser lebensfeindlichen Insel geschuldet? Oder war es womöglich Mord in einer Familie, in der jeder ein Motiv hat? Kirsten will endlich Antworten auf die Geheimnisse der Familie Stolt. Antworten, die sie und ihren Sohn in Lebensgefahr bringen …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ins Eis

Karen Nieberg

Inhalt

Über dieses Buch

Über die Autorin

Prolog

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Epilog

Über dieses Buch

Es sieht aus wie ein tödlicher Unfall im Eis Spitzbergens …

Kristoffer Stolt starb während einer Wandertour einen einsamen Tod im arktischen Spitzbergen. Unterkühlung, stellt die Polizei fest. Doch seiner Witwe Kirsten fällt es schwer, an einen Unfall zu glauben. Als ihr Schwiegervater, Oberhaupt einer reichen Bankiersfamilie, zu seinem Geburtstag nach Spitzbergen einlädt, kehrt Kirsten zurück an den Ort des Geschehens. Dort, in den eisigen Weiten, lauern Geheimnisse und Verrat, die Kirstens schlimmste Vermutungen in den Schatten stellen. Dann löst sich auf einmal ein Schuss aus einem zur Eisbärenabwehr gedachten Gewehr. Hat Spitzbergen ein weiteres Opfer gefordert? Ein zweiter Unfall, den Gefahren dieser lebensfeindlichen Insel geschuldet? Oder war es womöglich Mord in einer Familie, in der jeder ein Motiv hat?

Kirsten will endlich Antworten auf die Geheimnisse der Familie Stolt. Antworten, die sie und ihren Sohn in Lebensgefahr bringen …

Über die Autorin

Karen Nieberg ist ein Pseudonym der Bestsellerautorin Birgit Jaeckel. Sie hat in Skandinavien gelebt und die nordischen Länder intensiv bereist – mit Hundeschlitten, Segelschiff, per Kajak und zu Fuß. Neben dem Schreiben arbeitet sie als Kommunikationsberaterin und Story Coach. Sie ist unter anderem die Autorin von »Das Erbe der Rauhnacht« und »Die Druidin«, welche sich mehr als eine viertel Million Mal verkauft hat. Mehr über die Autorin und ihre Romane auf: https://birgitjaeckel.com

eBook-Neuausgabe Dezember 2019

Copyright © der Originalausgabe 2013 bei Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2019 Karen Nieberg (ein Pseudonym von Birgit Jaeckel, Am Bärnbichl 1, 82494 Krün)

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Getty Images/John Beatty

eBook-Erstellung: buchseitendesign by ira wundram, www.buchseiten-design.de

Prolog

78° nördliche Breite, 15° östliche Länge:

Kein Gras. Kein Strauch. Kein Laub. Nur Steine und Wasser und Schnee und gefrorene Erde. Und Wind. Vor allem Wind. Die Faust Svalbards. Sie alle sind seine Vollstrecker.

Wieso hat er die Jacke ausgezogen?

Seine rechte Hand ist aufgeschürft. Schneeflocken vermischen sich mit Blut. Er fummelt am Reißverschluss seines Fleecepullovers. Das Stück Stoff am Griff gleitet zwischen den tauben Fingern hindurch. Er zerrt an dem Kleidungsstück, greift erneut nach dem Verschluss am Kragen, aber bekommt ihn nicht zu fassen.

Die Berge beiderseits des Tals, durch das der Sturm Anlauf nimmt, verstecken sich hinter dem wechselhaften Antlitz des arktischen Wetters. Manchmal sieht er auf der einen Seite einen Höhenrücken wie einen gestrandeten Wal aufragen. Er hofft auf einen Überhang, eine Höhle, in der er Schutz finden könnte, aber nein: Es gibt keine Höhlen. Nur eine in den Permafrost versenkte Kuhle, in die er sich wie ein Hund einkringeln wird, um warm an Kälte zu sterben.

Ein Schluchzen sitzt ihm in der Kehle. Er kann nicht klar denken, sein Kopf ein nutzloser Kühlturm des Körpers über dem vergebens heizenden Herzen. Der Wind presst die nassen Kleider an die Haut, unter der die Muskeln nicht zu zittern aufhören. Die Böen suchen sich ihren Weg durch den Stoff hindurch, schlagen zu, wo der Kragen zu kurz ist, die Ärmel enden oder der Saum im Stolpern hochrutscht, ein Stück entblößtes Fleisch, das die Erinnerung an das letzte frostige Streicheln bis zum Ende bewahrt.

Er ist so müde. Er wird schlafen, sobald er zuhause ist.

Er bleibt stehen. Dreht sich um, immer wieder. Er schreit. Ein Schemen bewegt sich im Schneetreiben hinter ihm, oder nicht? Er kneift die Augen zusammen, beugt sich vor, ganz Wachsamkeit. Der Wind schlägt ihm frontal ins Gesicht. Schleim läuft ihm aus der Nase über den Mund. Er will die Finger an die Oberlippe bringen, um ihn fortzuwischen, doch die Hand klatscht in einem trägen Bogen gegen die Wange. Als er versucht, sein Taschentuch aus der Hose zu zerren, nimmt der Wind es ihm fort. Eine Schneeflocke schmilzt auf seinen Wimpern, eine zweite auf den blauen Lippen. Ein Kuss. Freundlicher, bleibender als sein letzter.

Er macht einen Schritt rückwärts, noch einen, stolpert und stürzt auf dem losen Geröll. Wasser rinnt über seine Finger. Sein Oberkörper zittert so stark, dass der Tremor die Knie ergreift.

Wieso hat er die Jacke ausgezogen? Die Gedanken dehnen sich. Einzelne Wörter verhaken, wiederholen sich, bis er vergisst, was er denken wollte. Was er tun wollte. So viel …

Das Tal entlang, der Wind treibt ihn vorwärts. Das Tal wird ihn nach Hause bringen.

Er rennt davon. Schon seit Stunden rennt er, vielleicht seit Tagen, aber manchmal ist er zu erschöpft, und dann bleibt er stehen. Er wirft einen Blick auf sein Handgelenk. Verwundert starrt er auf das Ziffernblatt, schlägt auf die bedeutungslose Uhr ein, deren Zeiger reglos tanzen. Seine Faust trifft ins Leere. Und der Wind lacht und bedeckt ihn mit Schnee.

Er sieht über die Schulter zurück. Oder nach vorne? Das Treiben verdichtet sich, gräuliches Weiß schließt sich enger um ihn, ein Mantel. Es wird wärmer. Er zittert nicht mehr.

Er stolpert weiter, hinein in das Nichts des keine Vergebung kennenden Endes der Welt.

1

Kirstens Kopf kippte ein Stück zur Seite gegen die kühle Scheibe des Kabinenfensters. Die Vibration des Flugzeugs übertrug sich vom Plexiglas auf ihren Schädel, ein Dröhnen, das sich bis in die Zähne bohrte. Sie zog den Kopf zurück, schob mit der Schulter Jonas’ Jacke, die sie sich für ein Nickerchen schräg in den Nacken gestopft hatte, ein Stück höher und spürte mit geschlossenen Augen den waagrechten Falten auf ihrer Stirn nach. Neben ihr schnatterte ihr Sohn auf seinen Sitznachbarn ein, während seine rastlosen kleinen Füße immer wieder gegen die Rückenlehne des Vordersitzes stießen. Kirsten war es egal; sollte die Frau sich doch beschweren, wenn Jonas’ Tretattacken sie störten.

Es kostete mehr Mühe als gewöhnlich, die Stirn bewusst zu entspannen. Sie hatte wieder von Kristoffers Tod geträumt. Ein kurzes Einnicken bloß, irgendwo über der norwegisch-schwedischen Grenze, und schon hatte sie ihn gesehen, wie er durch Schnee und Wind stolperte, ein dunkler Schatten in heller, sturmdurchtoster Einsamkeit. In ihrem Traum jedoch war er nicht allein gewesen. Sie selbst hatte schräg über ihm geschwebt, ein körperloser Geist, so machtlos wie unsichtbar. Trotzdem hatte Kristoffer innegehalten und sich umgedreht. Er hatte gewusst, dass sie da war. Er hatte geschrien, aber der Wind hatte ihren Namen genommen und von seinen Lippen gerissen. Da war er weitergestolpert, mit zähen, schwerfälligen Schritten hinein in die leere, menschenfeindliche Ödnis Spitzbergens.

Das Flugzeug begann zu ruckeln. Jonas’ Schnattern verstummte, aber der nette ältere Herr neben ihm beruhigte ihn, solche kleinen Turbulenzen seien völlig normal. Er begann, von einem anderen Flug zu erzählen, bei dem der Sturm den Flieger nicht bloß durchgerüttelt, sondern mit der Hand eines Riesen hin und her geschmettert hatte. Wie ein Tennisschläger einen Ball, und – patsch! – klatschte seine Handfläche gegen die Faust der anderen Hand. Der Fremde war ein guter Erzähler, doch Kirsten hörte nicht weiter zu. Sie war immer noch müde nach der Stop-over-Nacht in einem sterilen Hotel mit viel zu weichen Matratzen am Flughafen von Oslo. Nichts hätte sie lieber getan, als sich dem Schlaf hinzugeben, allerdings lauerte Kristoffers Tod nach wie vor auf der Innenseite ihrer Lider. Erschreckend reale Traumbilder, sodass sie nachts manchmal aufwachte und meinte, vom Heulen des Polarwindes geweckt worden zu sein.

Abermals ruckelte das Flugzeug, länger diesmal. Das Anschnallzeichen ertönte, gefolgt von einer Durchsage. Sie flogen durch ein Gebiet mit Turbulenzen, die Passagiere sollten sich bitte anschnallen. Es schlossen sich weitere Fluginformationen an. Sie waren von Oslo die Grenze zu Schweden entlang nach Norden geflogen und würden in Kürze nach Westen in Richtung Tromsø schwenken. Die Passagiere auf der rechten Seite konnten unter sich den schwedischen Sarek-Nationalpark liegen sehen. Das Wetter in Tromsø erwartete sie mit Temperaturen um minus vier Grad Celsius.

Kirsten öffnete die Augen und blinzelte hinab auf die Weite Skandinaviens. Als Jugendliche hatte sie einmal in Lappland Urlaub gemacht und den nördlichen Teil des Kungsleden erwandert, knapp zweihundert Kilometer Fernwanderweg von Abisko nach Kvikkjokk. Das letzte Stück hatte durch den Sarek-Nationalpark geführt, mückenbelastete Wälder nach Tagen baumloser Majestätik. Dort, wo sie jetzt hinflogen, würde es ebenfalls keine Wälder geben. Noch nicht einmal einzelne Bäume, hatte Kristoffer ihr nach seinen Besuchen vorgeschwärmt. Das, was an Gehölzarten wuchs, Zwergbirken, Polarweiden, schmiegte sich an den Boden und wurde nirgends höher als einige Zentimeter. Gräser, Moose und Flechten erkämpften sich ihren Platz in einer Erde, die im kurzen Sommer lediglich an der Oberfläche auftaute; jenseits davon war alles Permafrost, Eis und Stein. Dennoch hatten die Farben diesen Landes Kristoffer in ihren Bann gezogen: die weißen Blüten des Heidekrauts im Sommer, die Blauschattierungen der endlosen Dämmerung, wenn die Mitternachtssonne dem Herbst gewichen war, das Polarlicht klarer Nächte, das Rosa des frühen Lichtwinters. Kirsten hatte seine Fotos gesehen. Sie hatte sogar überlegt, sie als Vorlagen zu nehmen, zu malen, was Kristoffer so gerne beschrieb. Aber es waren nicht ihre Bilder, und sie konnte nichts malen, was sie nicht selbst erlebt hatte.

»Ich und Mama fahren nach Spitzbergen, um Papa zu finden.«

Jonas’ Unterhaltung mit seinem Sitznachbarn drang durch die Farben aus Kristoffers Erzählungen. Alles kindliche Selbstverständnis dieser Welt lag in seiner Erklärung. Kirsten zuckte hoch. Jonas’ zusammengeknüllte Jacke rutschte ihr von der Schulter hinab in den Schoß.

»Willst du ans Fenster, Schatz?«, fragte sie, einer möglichen Nachfrage des Herrn auf dem Gangplatz zuvorkommend. »Schau mal, du kannst richtig weit sehen.«

Natürlich wollte er. Kirsten schnallte sie beide ab. Zwischen Jonas’ Fingern klebte das Foto seines Vaters. Er musste es aus ihrer Tasche genommen haben, um es dem älteren Herrn zu zeigen. Es war bei Kristoffers vorletzter Reise nach Spitzbergen aufgenommen worden, im Juni, zwei Monate vor seinem Tod. Kristoffer stand auf einem gleißenden Schneefeld vor hellblauem Gletschereis, dahinter ragten die Gipfel der umliegenden Berge in den azurfarbenen Himmel. Ein Gewehr lag neben seinen Füßen, die Gletscherbrille hatte er sich auf die Stirn geschoben, die Funktionsjacke nachlässig geöffnet. Ein Eispickel steckte links von ihm im Schnee; er sah aus wie ein moderner Edmund Hillary. Kristoffer hatte Jonas und Kirsten damals am Telefon von dem Ausflug erzählt, und wie ihm bei einem Bild mit Selbstauslöser die Kamera beinahe in ein Schmelzwasserloch gefallen wäre. Er hatte den Rucksack als Auflage für die Kamera benutzt, den Selbstauslöser eingestellt und war dann einige Meter zurückgerannt, hatte sich umgedreht, nur um zu beobachten, wie die Kamera ins Rutschen kam, vom Rucksack fiel, weiterglitt über eine eisige Fläche immer näher auf ein Schmelzwasserloch zu. Lediglich ein gewagter Hechtsprung hatte die Kamera im letzten Moment retten können. Kristoffers lebhafte Beschreibung hatte Kirsten und Jonas zum Lachen gebracht; sie hatten ihn am Telefon solange genervt, ihnen das schwer erkämpfte Selbstbildnis zu schicken, bis er versprochen hatte, es noch am selben Abend per E-Mail zu senden.

Jonas’ Daumen mit den Keksbröseln unter dem Nagelrand klebte knapp neben dem lachenden Antlitz seines Vaters. Kirsten nahm ihm das Foto ab. Fast schon automatisch suchte sie ein Taschentuch, um die fettigen Fingerabdrücke fortzuwischen. Sie hätte es einschweißen lassen sollen, dachte sie, während sie und Jonas die Plätze tauschten. Kaum wieder angeschnallt, deutete der Junge mit dem Finger auf einen Fluggast, der sich den Gang entlang in Richtung Toilette schob. Der Mann war groß und breit gebaut, die Hände, die sich im Laufen von Sitzlehne zu Sitzlehne streckten, gewaltige, schwielige Pranken. Seine Gestalt schien das halbe Flugzeug auszufüllen. Als sein Arm versehentlich gegen den Kopf eines Sitzenden stieß, entschuldigte er sich nicht.

»Schau mal Mama, der Riese da, der kann gar nicht aufrecht gehen.« Kirsten drückte Jonas’ Hand nach unten und sagte, es sei unhöflich, mit dem Finger auf Fremde zu zeigen. Beleidigt wandte sich Jonas dem Fenster zu. Das Licht in der Kabine verdunkelte sich einen Moment lang, da sich der Hüne an ihrer Sitzreihe vorbeizwängte.

»Arbeitet Ihr Mann in Longyear-Stadt?«, erkundigte sich Kirstens Nachbar, nachdem sie sich endlich auf ihrem neuen Sitzplatz eingerichtet hatte.

Kirsten starrte einen Moment lang auf Jonas’ Rücken. Ihre Fingerspitzen zausten seine Haare, bevor sie sich dem Herrn zuwandte und leise erklärte: »Mein Mann ist vor ein paar Monaten bei einer Tour auf Spitzbergen gestorben.«

Mit der Betroffenheit, die ihre Worte hervorriefen, war Kirsten mittlerweile vertraut: große Augen, in die Höhe wachsende Brauen, zu einem O geformte Lippen, die unbewusste Verkleinerung der Körperhöhe durch sich senkende Schultern, die stets ähnlich lautenden Kondolenzbekundungen. Dazu der schnelle Blick zu dem armen Kind, dem vaterlosen Buben. Ihr fahriges Drehen am Ehering, was sie sonst nie tat, nur in diesen Momenten des automatisierten Mitleids. Ein Tick der jungen Witwe.

»Darf ich fragen, was geschehen ist?«

Kirsten steckte das Foto sorgfältig zurück in die Tasche. Ihr Daumen strich im Verborgenen sacht über Kristoffers Gesicht, wie er früher oft über seine Lippen gewandert war.

»Man nennt es Hypothermie. Ein Absinken der Kerntemperatur des Körpers«, zitierte sie. »Unterkühlung auf Deutsch.«

»Er ist verunglückt?«

»Ja, im August, ein Tag, an dem das Wetter rasch wechselte. Ein Kälteeinbruch. Mein Mann ist von einer Wanderung nicht zurückgekehrt. Die Rettungsmannschaft hat ihn zu spät gefunden.«

»Wie schrecklich!«, entfuhr es dem Herrn, flüsternd zwar, doch so teilnahmsvoll, dass Kirsten sich genötigt fühlte hinzuzufügen: »Man hat mir gesagt, es sei wie ein sanftes Einschlafen. Der Körper hört irgendwann auf zu frieren.« Aber vielleicht waren das alles Lügen, dachte sie im Stillen, und wieso endeten solche Gespräche immer auf dieselbe Art? Als ob man dem Sterben unbedingt ein positives Ende abringen müsste, den Frieden im Tod. Wenn da wirklich Frieden wäre, wieso träumte sie dann nicht von rieselnden Kristallen und einer Decke aus Schnee über einem im letzten heiteren Lächeln erstarrten Gesicht?

Sie schienen die Turbulenzen hinter sich gelassen zu haben. Kirsten beugte sich zum Fenster, um eine Wolkenformation zu bewundern, die Jonas ihr zeigen wollte: ein Gebirge mit einem Turm darauf und vor dem Turmeingang eine Schildkröte. Es dauerte eine Zeit lang, bis Kirsten sah, was er sah. Unterdessen gingen die Flugbegleiter durch die Reihen und begannen, die benutzten Plastikbecher und sonstigen Abfall einzusammeln. Jonas’ Füße stießen erneut gegen den Vordersitz, Kirsten bat ihn halbherzig, das zu unterlassen. Um ihn abzulenken, reichte sie ihm seinen Lerncomputer.

»Darf ich fragen, weshalb Sie jetzt nach Spitzbergen fliegen?«, fragte der Herr nach einiger Zeit. Sie hatten die Reisehöhe verlassen; bis zur Zwischenlandung in Tromsø würde es nicht mehr lange dauern. Die Passagiere wurden aufgefordert, sich anzuschnallen. »Ich meine, was bringt Sie jetzt im Winter dazu, den Ort aufzusuchen, an dem dieses tragische Unglück geschah?«

»Mein Schwiegervater feiert seinen Geburtstag auf Spitzbergen. Er und mein Mann hatten das lange vorbereitet, und mein Schwiegervater möchte gerne seinen Enkel bei sich haben.«

»Verständlich. Trotzdem, verzeihen Sie meine Neugierde: Macht Ihnen das nichts aus?«

»Nein«, Kirsten blickte über Jonas’ Scheitel hinweg aus dem Fenster, »im Gegenteil, ich wollte es so.«

Kristoffer war ein erfahrener Alpinist gewesen. Es fiel ihr schwer sich vorzustellen, dass er an so etwas Banalem wie Unterkühlung hatte sterben müssen; immerhin war es August gewesen, kein arktischer Winter. In der ersten Zeit nach Kristoffers Tod waren alle noch genauso ungläubig gewesen wie sie. Doch dann, nach der Beerdigung, nach den Besuchen bei Versicherungen und Behörden, nach etlichen Wochen der gerne zitierten ›Anpassung an die Umstände› hatte sich der Tonfall geändert. Sie solle Kristoffers Tod akzeptieren, hieß es seitdem, es sei eben ein tragischer Unfall, daran ließe sich nichts ändern. Es brachte doch nichts, über diesen fernen Flecken Land nachzugrübeln, in Spitzbergen seien schon viele Reisende erfroren. Kirsten jedoch blieb bei ihrem Wie und Warum. Sie verstand Kristoffers Tod nicht. Wie konnte sie ihn denn auch verstehen, auf einer Couch in Mitteleuropa sitzend, unter der die Fußbodenheizung die Zehen wärmte, während die Zeitungen über Klimaerwärmung schrieben?

»Dann kennen Sie also Spitzbergen?«

»Nein, mein Mann ist immer ohne uns dorthin gefahren.«

»Wollten Sie ihn nicht begleiten?«

»Es waren sich immer alle einig, dass Spitzbergen kein Ort für Mütter und kleine Kinder wäre.«

»So denken die meisten in Deutschland, nehme ich an.«

»Mag sein, aber mein Schwiegervater ist der Meinung, an seinem Geburtstag gehört die Familie zusammen.«

»Und nach dem Unglück hat er es sich nicht anders überlegt und die Feier abgesagt?«

»Das hätte den Tod meines Mannes doch nur noch sinnloser erscheinen lassen«, entgegnete Kirsten müde und so leise, dass ihr Gesprächspartner sich ein wenig zu ihr hinneigen musste, um sie zu verstehen. Sie schätzte ihn auf Mitte fünfzig, sein Atem roch leicht nach Kaffee.

»Mein Mann war im August nach Spitzbergen geflogen, um das Geburtstagsprogramm vorzubereiten. Er hätte nicht gewollt, dass alles abgeblasen wird. Es ist das erste Mal seit dreißig Jahren, dass mein Schwiegervater nach Spitzbergen zurückkehrt. Er wird fünfundsiebzig.«

»Dann hat Ihr Mann seine Faszination für Spitzbergen wohl von seinem Vater geerbt?«

»Geerbt würde ich nicht sagen. Er hat Spitzbergen eher später im Leben …« – Kirsten suchte nach einem passenden Ausdruck – »nun, er hat es sich irgendwann eigenständig angeeignet.«

»Wie das manchmal so ist zwischen Vätern und Söhnen.«

Sie musste lächeln, was ihr eine unverhohlene Musterung durch ihren Nachbarn eintrug. »Haben Sie sich die Haare nach dem Tod Ihres Mannes abgeschnitten?«

Verblüfft zuckten Kirstens Finger zu ihrem Ohr. Ihre knapp kinnlangen Haare fielen in einem sanften Bogen, unterhalb des Ohrläppchens wölbten sich die Spitzen nach vorne. Sie trug einen Pagenschnitt, seit sie dreiundzwanzig war.

»Verzeihen Sie die Frage, es war nur so ein Gedanke. Es steht Ihnen sehr gut. Tut mir leid, wenn ich indiskret war.«

»Was treibt Sie denn nach Spitzbergen?«, wechselte Kirsten das Thema.

»Gar nichts. Ich steige in Tromsø aus. Ich bin Meeresbiologe und deswegen regelmäßig hier oben.«

Der Flieger legte sich in eine Linkskurve. Kirsten lehnte sich über Jonas und schaute auf das tiefe Blau eines norwegischen Fjords, das an einer Stelle ins Türkise wechselte. Sie wunderte sich über das leuchtende Blau-Grün, eine Farbe, die man eher in südlichen Meeren erwartet hätte, dort, wo Riffe wuchsen. Ihr Sitznachbar lachte, als sie den Gedanken aussprach.

»Sie unterschätzen die kalten Meere, meine Liebe. Vor der norwegischen Küste befinden sich riesige Wälder aus Kelp. Das sind meterhoch wachsende Algen. Das Leben brummt überall, man muss sich nur die Mühe machen, es zu finden.«

Kirsten lauschte den Ausführungen des Biologen, während das Flugzeug immer tiefer ging. Unter ihnen breiteten sich die ersten Straßen und Häuser von Tromsø aus. Gateway to the Arctic nannte sich die Stadt selbst. Das Tor zur Arktis. Nach einer Stunde Aufenthalt würden sie mit derselben Maschine weiter nach Longyearbyen, dem Hauptort auf Spitzbergen, fliegen.

Jonas wandte Kirsten sein zum Greinen verzogenes Gesicht zu. Einen Moment lang glaubte sie, er hätte ihrem Gespräch gelauscht und plötzlich begriffen, dass sein Vater tot war, und was der Tod in seiner Endgültigkeit bedeutete. Aber dann war es doch nur der Druckausgleich, der ihm zu schaffen machte, und sie war die nächsten Minuten damit beschäftigt, ihn dazu zu bringen, sich die Nase zuzuhalten und Luft hineinzupressen, bis die Ohren knackten.

Sie fuhren nach Spitzbergen, um Papa zu finden. Das war Jonas’ Verständnis, in dessen Welt es kein »für immer« gab. Sie hatte Jonas gesagt, sie würden seinen Papa auf Spitzbergen nicht finden, aber dafür einen Teil von ihm, der dortgeblieben war. Und sobald sie diesen verlorenen Teil fänden, erklärte sie ihm, würde er sie mit nach Hause begleiten.

Ihre Mutter hatte Kirsten für verrückt befunden, weil sie Jonas mitnahm. Ein Fünfjähriger auf Spitzbergen, auf einer Inselgruppe zwischen Europäischem Nordmeer und Arktischem Ozean, jenseits des Polarkreises. Näher konnte ein normaler Linienflug-Tourist dem Nordpol gar nicht kommen. Ein Land, zur Hälfte von Eis bedeckt, wo zweitausendfünfhundert Menschen lebten und dreitausend Eisbären. Kirstens Argument, in Longyear-Stadt gebe es immerhin Kindergärten und eine Schule, hatte ihre Mutter nicht gelten lassen. Den armen Jungen in das Land zu bringen, wo sein Vater verunglückt war! Kirsten verstand das Gezeter nicht. Für Jonas, so glaubte sie, wäre es besser, eine Vorstellung von seinem Vater in der schneebedeckten Weite Spitzbergens zu bewahren als im Angesicht des Horrors eines grauen Steins auf einem Friedhof, den sein Vater zu Lebzeiten niemals betreten hatte.

Unter Kristoffers Sachen im Hotel in Longyear-Stadt hatten sich zwei Tüten mit Kinderwinterkleidung befunden, Ausrüstung für Jonas. Kristoffer musste sie mit Blick auf die Geburtstagsfeierlichkeiten im Februar gekauft haben. Erland, Kirstens Schwager, hatte ihr die Kleidungsstücke mitgebracht, als er nach Kristoffers Tod nach Spitzbergen geflogen war, um die Formalitäten zu erledigen. Mit Ausnahme der Wertsachen hatte Erland die Besitztümer seines Bruders damals zurückgelassen, einzig die Geschenke für Jonas hatte er mitgenommen: eine Hose mit breiten Trägern, einen Daunenparka mit Kapuze, ein Paar speziell gefütterter Stiefel, dazu Schuhe aus Rentierfell, in der Tradition der Samen Lapplands an den Spitzen nach oben gezogen, und eine Mütze mit Kaninchenfell. Kirstens Ausrüstung war bis wenige Tage vor Abreise im Vergleich dazu eher dürftig gewesen, hatte sie doch ursprünglich geplant, lediglich ihre Skisachen mitzunehmen. Schließlich lag Spitzbergen im Einflussbereich des Golfstroms, der dafür sorgte, dass auf der Inselgruppe längst nicht die dem Breitengrad entsprechenden Tiefsttemperaturen erreicht wurden. Kälter als minus fünfundzwanzig Grad sollte es laut Reiseführer selten werden, das galt selbst für die frostigsten Monate Februar und März. Erst als sie drei Tage vor Abflug auf einer Website las, dass es aktuell in Longyearbyen minus neunundzwanzig Grad kalt war, war sie in den nächsten Outdoorladen gerannt und vier Stunden später mit zwei Tüten und um eineinhalbtausend Euro ärmer wieder herausmarschiert. Am Ende hatte es sich ihr Schwiegervater nicht nehmen lassen, ihr die Summe zu erstatten, so sehr sie sich auch dagegen gewehrt hatte.

Mit Fredrik Stolt diskutierte man höchstens über das Geld anderer Leute, niemals über sein eigenes.

Kirstens Kinn schwebte ein weiteres Mal über dem Scheitel ihres Sohnes, während sie beide aus dem Fenster auf das Schauspiel zehn Kilometer unter ihnen spähten. Der Flieger war pünktlich in Tromsø abgehoben; der letzte Abschnitt ihrer Reise in die Arktis hatte begonnen. Sie hatten den Punkt überschritten, der auf vielen Weltkarten fehlte – eine Beschränkung, die das Lebensfeindliche mit Nichtachtung strafte. Eine Zeit lang hatte sich unter ihnen im Dunst nur dunkles Meerblau erstreckt, während der Airbus immer weiter gen Norden strebte. Dann waren sie plötzlich über helles Grau geflogen. Wolken, hatte Kirsten im ersten Moment vermutet, bis ihr dämmerte, dass sie auf das arktische Packeis blickten. Unter ihnen trieben Schollen, an den Rändern dunkel umrahmt, losgerissen von der sich nach Norden hin verdichtenden Eisdecke. Aus zehn Kilometern Höhe war es schwer, ihre Größe zu schätzen. Etliche waren von Rissen durchzogen, andere bereits auseinandergebrochen, ihre geometrischen Bruchflächen drehten sich im Spiel der Strömungen von einander fort. Ein Puzzle aus Packeis, mittendrin eine Wasserstraße, an den Rändern gezackt wie ein auseinandergerissener Reißverschluss. Eine Flugminute später tauchten die ersten Gipfel Spitzbergens unter der Tragfläche auf.

Svalbard – Kühle Küste, so lautete der norwegische Name der Inselgruppe. Ein von Schnee und Gletschern bedecktes Netz aus Bergen, nirgends unterbrochen von Straßen, Häusern oder den Lichtern der Zivilisation. Die menschlichen Siedlungen ließen sich an einer Hand abzählen; Longyearbyen, im Westen der Hauptinsel gelegen, war mit zweitausend Einwohnern die größte unter ihnen.

Die Wolken hatten sich verdichtet, versperrten die Aussicht über den Archipel. Sie gingen tiefer, um die Wolkendecke zu durchstoßen und den Anflug auf den Flughafen zu beginnen. Der Pilot meldete minus acht Grad in Longyearbyen. Das klang gar nicht schlimm, kaum kälter als Frankfurt, das Kirsten und Jonas am gestrigen Tag hinter sich gelassen hatten. Kurz darauf tauchte die Stadt auf. Sie näherten sich ihr in einem weiten Bogen über den Fjord. Die Landebahn des Flughafens sah aus wie ein in die Schneelandschaft gestempeltes Band, neben dem die Straße zur Stadt zur Bedeutungslosigkeit verkümmerte. Einige wenige Autos fuhren sie entlang. Auf dem Bergplateau über dem Flughafen tarnten sich die weißen Kuppeln einer Satellitenanlage in dem ebenso hellen Schnee. Longyearbyen selbst schmiegte sich im Norden an einen Fjord, im Süden zogen sich die Gebäude zwischen steilen Bergen hinein ins Talinnere. Wohnhäuser in satten Tönen, rot, gelblich und grün, gruppierten sich zu versetzten Reihen. Masten überragten die Gebäude; aus einem Schlot am Ortsausgang stieg Dampf in den Himmel. Fünfzig Kilometer Straßen gab es in und um Longyearbyen, hatte Kirsten gelesen. Jenseits davon endete jegliche Infrastruktur, erstreckten sich zahllose, einzig von den Lebensadern der Flüsse durchschnittene Täler, in die im Sommer nur die eigenen Füße führten.

Dort, in einem dieser Täler, hatte Kristoffer sich niedergelegt, frierend und allein, um nie wieder aufzustehen.

2

Ein ausgestopfter Eisbär überragte das Gepäckband, auf dem sich die ersten Taschen drehten; die Touristen zückten ihre Kameras. Kirsten hatte nicht mit Fredrik verabredet, dass er sie und Jonas abholen würde, aber es überraschte sie keineswegs, ihn auf sie zukommen zu sehen. Er hatte sich den Mantel über den Arm geworfen und winkte mit der freien Hand. Kirsten lenkte Jonas’ Aufmerksamkeit von dem ausgestopften Eisbären auf seinen Großvater. Während der Junge auf Fredrik zurannte, hochgehoben und in die Luft geworfen wurde, folgte Kirsten mit den Jacken und dem Handgepäck.

»Deine Nachricht, dass ihr eine Woche früher anreisen würdet, kam recht überraschend«, bemerkte Fredrik, während er sich zu Kirsten hinabbeugte, um ihr zwei Küsse auf die Wangen zu drücken. »Ich bin selbst erst seit vorgestern hier.«

»Tut mir leid, dass wir dich so überfallen.«

»Nicht doch, ich freue mich. Ihr seid die beste Unterhaltung, die ich mir wünschen könnte.«

»Bist du denn alleine hier? Was ist mit deiner Frau?«

»Elisabeth kommt nächste Woche zusammen mit den anderen.«

Kirsten zeigte auf ihre Gepäckstücke auf dem Band: zwei große Taschen und einen Koffer. Schwungvoll hob Fredrik sie herunter. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Mann in einer Woche fünfundsiebzig werden würde. Von Elisabeth wusste Kirsten, dass Fredrik jeden Morgen eine Stunde schwamm. Runde für Runde im hauseigenen zehn Meter langen Becken, je zwanzig Minuten Brust, Kraul und Rücken, jeden Tag ohne Ausnahme, selbst an Weihnachten. Genauso roch Fredrik auch immer: frisch gebadet.

Auf dem Weg zum Ausgang überholte sie der Hüne aus dem Flieger. Außerhalb des engen Flugzeuggangs wirkte seine Gestalt nicht minder massig; er überragte Kirsten um zwei Haupteslängen. Graue Strähnen mischten sich in sein nackenlanges Haar, der Bart wucherte vom Hals bis zu den Wangenknochen. Sein Blick glitt über Kirsten hinweg und blieb an Fredrik hängen. Die beiden Männer hielten zeitgleich inne. Fredrik stellte die Taschen ab.

»Lennart«, grüßte er.

»Fredrik.« Die Stimme des Hünen schepperte wie ein Bündel rostiger Konserven, es klang nicht freundlich. Ein Junge blieb neben ihm stehen. Er war keine sechszehn, aber schon größer als Fredrik.

Die beiden Männer wechselten ein paar Worte auf Norwegisch. Die sonst so melodische nordische Sprache klang auf einmal hart. Jonas versteckte sich hinter seinem Großvater.

»Das ist mein Enkel Jonas und dies meine Schwiegertochter Kirsten«, stellte Fredrik sie auf Englisch vor.

Der Hüne zeigte mit dem Daumen auf den Teenager an seiner Seite. »Mein Jüngster«, sagte er, sparte sich jedoch dessen Namen zu nennen. Mit dem Zeigefinger auf Kirsten deutend fragte er in abgehacktem Englisch: »Die Frau deines toten Jungen?«

Fredrik rückte den Riemen der Tasche über seiner Schulter zurecht. »Du hast von dem Unglück gehört?«

»Jeder hat davon gehört. Es stand in der Zeitung.« Der Mann legte seinem Sohn eine Pranke auf die Schulter. »Deine Schuld, Fredrik. Du hättest deine Jungs damals hierher bringen sollen. Damit sie keine Dummheiten begehen. Kälte und Dunkelheit muss man lernen. Du hast es nicht gelernt. Du warst feige. Du hast deinen Jungs ein schlechtes Beispiel gegeben.«

»Ich nehme dein Mitgefühl für den Tod meines Sohnes zur Kenntnis, Lennart.«

Eine kleine Gruppe aufgeregter Briten rempelte an ihnen vorbei, auf dem Weg zum Bus, der sie nach Longyearbyen hinein bringen würde. Der Hüne sah ihnen nach und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Es gibt zu viele. Touristen. Idioten. Als was bist du zurückgekehrt, Fredrik? Ich habe gehört, du bist reich.«

»Das habe ich auch gehört.« Fredriks Miene war regungslos geblieben. Jetzt streckte er dem anderen eine Hand zum Abschied entgegen. »Immerhin scheint sich hier nicht alles geändert zu haben. Das ist gut zu wissen.«

Der Hüne schien einen Moment zu zögern, schüttelte dann die angebotene Hand fast widerwillig, bevor er mit seinem Sohn davonging.

»Ein alter Bekannter aus meiner Zeit beim Kohlebergbau«, erklärte Fredrik, während er erneut nach den Taschen griff. »Ein guter Mechaniker.«

»Offenbar kein Freund.«

»Lennart war schon immer so. Er mag keine Fremden. Und keine Veränderungen.«

»Mit solchen Leuten bin ich nie zurechtgekommen.«

»Das kann man lernen. Du musst ihnen Grund geben, dich zu respektieren. Dazu musst du sie verstehen, nachvollziehen, wie sie denken und welchem Wertekanon sie folgen. Heute verbrennen wir Kohle, damit es uns warm wird, aber früher wurde Kohle verbrannt, um Eisen zu schmieden.«

»Ich fand, er hat einfach nur Aggressivität ausgestrahlt.«

Fredrik lachte. »Ach nein«, sagte er. »Bloß verbrannte Kohle.«

Draußen auf dem Parkplatz machte Fredrik ein Foto von Jonas vor einem überdimensionalen Wegweiser, dessen Pfeile auf Orte in der ganzen Welt verwiesen. 1309 Kilometer waren es bis zum Nordpol, 18692 Kilometer bis zum Südpol. Es war fast windstill, der Himmel bedeckt, doch es zog sich zu. Kirsten kramte in ihrer Tasche nach Jonas’ Fäustlingen. Sie waren um halb drei Uhr nachmittags gelandet, und zu ihrem Erstaunen war es immer noch hell. Fredrik meinte, es würde erst in einer Stunde dunkel werden. Um diese Jahreszeit, in der zweiten Februarhälfte, kämpfte sich das Tageslicht zurück, wo vorher über drei Monate arktische Nacht geherrscht hatte. Jeder Tag brachte zwanzig Minuten länger Licht. »Aber lass dich nicht täuschen«, fügte er hinzu. »Die Sonne schleicht sich zurück, doch es beginnt die kälteste Zeit des Jahres. Da steigt das Thermometer manchmal wochenlang nicht über minus zwanzig Grad.« Er drehte die Heizung im Mietwagen eine Stufe höher.

Sie fuhren die Straße am Fjord entlang in Richtung Stadt. Fredrik gab den Reiseführer, selbst wenn es außer Berg und Fjord wenig zu sehen gab. Er wies sie auf den Arctic Seed Vault, einen in den Permafrost gebauten Kältetresor für Saatgut aus der ganzen Welt, oberhalb des Flughafens hin und nannte einzelne Berge bei ihren Namen. In just diesen Tagen, erzählte er, schaffe es die Sonne zum ersten Mal über den Horizont. Zwar erreichten ihre Strahlen nicht vor dem achten März den Talgrund oder die Stadt, doch tauchten sie die Berggipfel bereits für mehrere Stunden am Tag in ein liebliches Rosa. Ein besonderes Licht, Kirsten würde es lieben. Kurz darauf bremste er ab. Vor ihnen am Straßenrand stand das berühmteste Verkehrszeichen Spitzbergens: ein rotes Dreieck mit einem Eisbären auf schwarzem Grund, dazu der Text: Gjelder hele Svalbard – gilt überall auf Svalbard. Fredrik knipste ein Foto mit Jonas vor dem Eisbären-Warnschild.

»Der Junge sieht genauso aus wie Kristoffer in dem Alter«, sagte er leise, um dann strenger hinzuzufügen: »Jedenfalls bis auf diese unmögliche Frisur. Man sieht ja nicht einmal mehr die Ohren unter all dem Kraut. Meinst du nicht, du solltest diese Woche noch mit ihm zum Friseur?«

Jonas legte den Kopf in den Nacken und sah ängstlich zu seiner Mutter auf. Kirsten wuschelte ihm durch die hellbraunen Haare, die über dem Stirnband wild in alle Richtungen ragten. Jonas mit einer Schere zu Leibe zu rücken, war in etwa so schwierig wie das Fangen eines Fischs mit bloßen Händen. »Was meinst du?«, fragte sie. »Willst du dir Opa zuliebe die Haare schneiden?«

Jonas schüttelte sich wortlos, traute sich allerdings nicht, seinem Großvater in die Augen zu sehen.

»Da hast du deine Antwort«, sagte Kirsten, während sie wieder ins Auto stiegen.

»Was Eltern heutzutage alles ihre Kinder entscheiden lassen. Das hat es früher nicht gegeben.«

»Wikingerblut, Fredrik. Wikingerblut und -haare.«

»Zotteln gehören sicherlich nicht zum Erbe der Stolts.«

»Ja, klar. Weil Sturheit an der Kopfhaut endet.« Sie tippte mit ihrem Zeigefinger gegen Fredriks von kurz geschnittenem, dichtem weißem Haar bedeckten Schädel und brachte ihn damit zum Lachen.

Ihr selbst war nicht zum Lachen zu Mute. Sie dachte an die merkwürdige Begegnung im Flughafengebäude zurück. Von Kälte und Dunkelheit hatte der Hüne gesprochen. Eine Anschuldigung hatte in seinen Worten gelegen und ihre Neugierde geweckt.

»Sag mal, was hat dieser Lennart gemeint mit der Kälte und Dunkelheit? Mit dem schlechten Beispiel?«

»Nichts. Er hat nichts damit gemeint.«

»Es klang irgendwie seltsam, wie er es gesagt hat. Warum sollst du feige gewesen sein? Weil du damals aus Spitzbergen weggegangen bist? Für mich klang es, als ob er etwas anderes sagen wollte.«

»Sein Englisch ist so schlecht wie seine Manieren. Vergiss ihn.«

Kirsten blickte aus dem Autofenster. Wenn Fredrik ein Thema für beendet erklärte, hatte Nachbohren wenig Sinn. Aber Neugierde ließ sich von einem Basta nicht stillen. Was für eine Geschichte verbarg sich dahinter? Fredrik hatte stets den Eindruck erweckt, alle Rechnungen in Svalbard beglichen zu haben, als er fortgegangen war. Was nicht bedeuten musste, dass andere das so sahen; immerhin war Fredrik ein Meister darin, sich jeglichen Gepäcks zu entledigen. Eine Eigenschaft, die einst zur Entfremdung von seinen beiden Söhnen, von Erland, aber vor allem von Kristoffer, beigetragen hatte. »Er will einen gar nicht beherrschen. Er bestimmt einfach über einen hinweg, als ob Newton ein Naturgesetz direkt für ihn formuliert hätte«, hatte Kristoffer einmal über seinen Vater gesagt, ohne große Bitterkeit, nur voller Erstaunen über diesen Mann, der seine Söhne einst aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen hatte und mit ihnen nach Deutschland gegangen war, ohne sie zu fragen, was sie darüber dachten. Damals hatte Fredrik von einem Tag zum nächsten aufgehört, mit Kristoffer und Erland Norwegisch zu sprechen, sie sollten die neue Sprache so rasch wie möglich lernen. Das Internat war am Ende ihre Idee gewesen, die Rettung vor der offenen, zum Scheitern verdammten Rebellion. Sie waren an der Grenze zum Erwachsensein. Teenager wollten gefragt werden. Sie mochten es nicht, ihre Geschichte zu verlieren. Sie hatten zu wenig davon.

Einige Sekunden lang herrschte im Auto Stille, bis Jonas aufgeregt die Hände gegen das Autofenster klatschte: »Da sind Motorräder!«

»Das sind keine Motorräder, Jonas«, verbesserte Fredrik, »sondern Schneemobile. Spitzbergens wichtigstes Verkehrsmittel im Winter.«

Die Schneemobile kreuzten vor ihnen die Straße und bogen auf eine extra ausgeschilderte Loipe ein. Die Fahrer trugen schwere Montur und Helme, sie saßen nicht auf den Sitzen, sondern standen in der Hocke leicht vornübergebeugt. Das Dröhnen ihrer Motoren passte wenig zu Kirstens romantischer Vorstellung von arktischer Stille. Unterdessen versprach Fredrik seinem begeisterten Enkel, er würde in den kommenden Tagen selbst mit so einem Motorschlitten fahren dürfen.

Sie hatten den Hafen und die ersten industriellen Gebäudekomplexe passiert. Fredrik schlug vor, mit dem Auto eine kurze Runde durch Longyearbyen zu drehen, damit sie sich ein wenig orientieren konnten, danach würde er sie zum Hotel bringen. Schon das erste Gebäude, auf das er Kirsten hinwies, stand ganz oben auf ihrer Liste: Es war der Sitz des Gouverneurs von Svalbard. Mit seinen Schrägen, der gelblichen Front und der Konstruktion aus Zinkverkleidung, Stahl, Holz und Glas mutete es sehr modern an. Hier war Kristoffers Tod untersucht worden, und hier, hoffte Kirsten, würde sie in den nächsten Tagen ein paar Antworten bekommen.

Sie passierten die Kirche, hinter der sich, auf Stelzen gebaut, ein gräulicher Komplex erhob. »Ihr findet in der ganzen Gegend Zeugnisse des Kohlebergbaus«, erklärte Fredrik. »Das dort vorne ist eine alte Seilbahnstation, die zum Kohletransport gebraucht wurde. Ihr Kreischen hat einen früher in den Wahnsinn getrieben. Oben am Hang liegt die Grube 1a, aber sie ist schon lange außer Betrieb, wie überhaupt alle Minen um Longyearbyen herum bis auf eine, die Grube 7. Dort wird noch Kohle abgebaut. Natürlich nicht wie früher per Hand; heutzutage läuft das alles anders, mit Maschinen.« Fredrik richtete den Blick auf seine Hände, die das Lenkrad umfasst hielten. Einst waren sie schwarz gewesen, eingerissen und von schwerer Arbeit gezeichnet. Jetzt waren es die Hände eines Bankdirektors, noch immer kräftig, mit wenigen blassen Altersflecken als einzige ausdruckslose Male eines langen Lebens.

Einen Moment lang glaubte Kirsten, Fredrik würde sich in Details des Bergbaus und seines ersten Lebens verlieren, aber dann fuhr er weiter, vorbei an den Überresten des im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen zerstörten ältesten Teils der Stadt, von dem nur noch aus dem Boden ragende Pfähle zeugten. Wie Fredrik erklärte, stand alles auf Spitzbergen, was vor 1946 datierte, als Kulturdenkmal unter strengem Schutz. Selbst wenn es offen in der Landschaft herumlag, durfte man es nicht verändern, geschweige denn an sich nehmen.

»Longyearbyen hat sich unglaublich verändert.

---ENDE DER LESEPROBE---