Insel der Sturmpferde 1: Eine Freundschaft aus Wind und Magie - Eva Hierteis - E-Book

Insel der Sturmpferde 1: Eine Freundschaft aus Wind und Magie E-Book

Eva Hierteis

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Beschreibung

Auf der Insel Maolis hat jeder Mensch ein Seelenpferd und das Band ihrer magischen Freundschaft ist unzertrennlich – ein Leben lang! Gemeinsam reiten sie schnell wie der Sturm! Band 1: Nilla und ihr Hengst Windtänzer sind unzertrennlich. Tagsüber galoppieren sie mit dem Wind um die Wette. Abends lauschen sie Meister Jun, wenn er die Legenden der Insel erzählt. Doch dann tauchen eines Nachts Luna und ihr Pferd Mondlicht auf. Nilla spürt sofort, dass die beiden ein Geheimnis umgibt. Eine fantastische Freundschaft zwischen zwei Mädchen und ihren Seelenpferden - magisch, spannend und geheimnisvoll! Eine Geschichte voller Magie, Freundschaft, wehender Mähnen und Hufgetrommel auf Sand. Die perfekte Pferde Fantasy Reihe für Mädchen ab 9 Jahren.

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Eva Hierteis

Insel der Sturmpferde

Eine Freundschaft aus Wind und Magie

Mit Illustrationen von Bente Schlick

Auf der Insel Maolis wechselt der Wind seine Farbe, der Sand ist schwarz wie die Nacht und jeder Mensch hat ein Seelenpferd. Sie sind die allerbesten Freunde und reiten schnell wie der Sturm!

Nilla und ihr Hengst Windtänzer sind unzertrennlich. Tagsüber galoppieren sie mit dem Wind um die Wette. Abends lauschen sie Meister Jun, wenn er die Legenden der Insel erzählt. Doch dann tauchen eines Nachts Luna und ihr Pferd Mondlicht auf. Plötzlich ist nichts mehr wie zuvor. Die beiden umgibt ein großes Geheimnis.

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Leseprobe

Anila richtete sich auf dem Rücken ihres Pferdes auf und griff nach dem meerblauen Tuch in ihren Haaren. Einen Moment lang war es ganz still am Strand, als würde der Wind den Atem anhalten und darauf warten, was geschah. Nilla, wie alle sie nannten, zögerte kurz. Sollte sie es wirklich tun? Aber ihr bester Freund Tommo hatte heute keine Zeit für ein Wettrennen. Und sie musste schließlich trainieren. Es blieb ihr also nur der Wind.

Sie löste das Band und schon wogten ihr die dunklen Locken ums Gesicht. Um das Durcheinander perfekt zu machen, schüttelte sie den Kopf. Dann beugte sie sich vor, schlang die Arme um den Hals ihres Hengstes und drückte ihre Nase in sein Fell. Vor Aufregung pochte ihr Herz laut – genau wie das von Windtänzer. Sie spürte seine Wärme, die Muskeln unter dem seidigen Fell, die Kraft, die nur darauf wartete, losgelassen zu werden.

„Bereit?“, flüsterte sie ihm ins Ohr und musste lachen, weil seine Mähne sie an der Nase kitzelte. Unter ihr scharrte der Hengst mit den Hufen und tänzelte. In Nillas Hand tanzte das Tuch. Der Wind war zurückgekehrt und zupfte ungeduldig daran.

Ein letztes Mal sah Nilla sich um, ob auch sicher niemand da war. Ihr Blick wanderte über den Strand zu den schwarzen Klippen hinauf, auf denen sich niedrig gewachsene Drachenbäume im Wind bogen und ihre Äste zum Himmel streckten, als wollten sie sich an den Wolken festklammern.

Moment mal! Huschte da nicht ein Schatten hinter einen der Bäume? Manchmal hatte Nilla das Gefühl, beobachtet zu werden. York, ein Junge aus dem Dorf, ließ sie in letzter Zeit nicht aus den Augen. Offenbar hielt er sie für eine ernst zu nehmende Konkurrentin um den Sieg beim großen Rennen, das in ein paar Wochen stattfinden würde.

Erneut suchte Nilla mit ihrem Blick die Baumreihen ab. Sogar aufs Meer sah sie hinaus, von wo hohe Wellen heranrollten und sich an Felsbrocken im Wasser brachen.

Nein, keine Menschenseele weit und breit. Nur sie und ihr Pferd und die Möwen, die über ihnen kreischten. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Das war sicher nur die Angst davor, ertappt zu werden.

Nilla nahm eine aufrechte Haltung ein. Windtänzer spitzte die Ohren und schnaubte. Ihr Hengst ging mit Nilla durch dick und dünn. Stark und verspielt und unbeugsam wie der Wind selbst war er. In dieser Hinsicht waren sie sich sehr ähnlich, das dunkle Mädchen und das helle Pferd. Windtänzer war der beste Freund, den Nilla sich vorstellen konnte. Er war schön und klug. Unvernünftig und dickköpfig. Und unverbrüchlich treu.

Auf Maolis, dieser windumtosten Insel fernab vom Rest der Welt, diesem Stück Vulkanland zwischen Wind und Wellen, waren Mensch und Pferd nicht nur beste Freunde, sie waren Seelengefährten und schon von Geburt an untrennbar miteinander verbunden. Hier hatte jeder Mensch sein Pferd und jedes Pferd seinen Menschen. Ohne Windtänzer fühlte Nilla sich nur halb. Alles war nur halb so schön. Sie hatte nur halb so viel Spaß und Freude und Energie.

„Dann los!“, rief Nilla und ließ das Tuch los.

Sofort riss der Wind es ihr aus der Hand und wirbelte es hoch hinauf. Einen Moment lang verharrte es dort und sie dachte schon, es würde gleich zu Boden segeln, doch dann trug eine Böe es über den Strand mit sich fort.

Ein sanfter Schenkeldruck, mehr war nicht nötig, damit Windtänzer lossprengte. In wildem Galopp jagte er hinter dem Tuch her, das mal höher, mal tiefer durch die Luft flatterte. Unter seinen Hufen stob feiner schwarzer Sand auf, der hier, unterhalb der Klippen, von Steinen und Felsbrocken durchsetzt war.

„Lauf! Lauf wie der Wind!“, trieb Nilla ihr Pferd an.

Windtänzer und sie wussten beide, dass sie das nicht tun sollten. Aber es machte einfach so viel Spaß. Nilla hatte das Gefühl, dass es dem Wind genauso ging. Hatte gerade noch ein dunkelblauer Schimmer in der Luft gelegen, so war die nächste Böe nun von einem fröhlichen Hellrosa. Dabei war es verboten, den Wind herauszufordern, den mächtigen Wolkenschieber, Regenbringer, den Gewittergroller und Flutenbeschwörer, der Leben und Vernichtung zugleich brachte. Er war unberechenbar wie ein aufbrausendes, launisches Kind, das mit seinen Kräften nicht umzugehen wusste. Deshalb gab es Menschen wie Meister Jun, die ihn besänftigten, damit er keinen schlimmeren Schaden anrichtete.

Aber Nilla hatte sich noch nie vor dem Wind gefürchtet. Wenn er durch die Gassen des Dorfes heulte und pfiff, hatte sie das Gefühl, er singe ihr ein Lied. Ließ er die Fensterläden klappern und schabte mit den Ästen der Bäume an ihrem Haus, klang das für sie wie eine Aufforderung, hinauszukommen und mit ihm zu spielen. So wie heute. Und wenn er ihr durch die Haare fuhr, war es wie ein Streicheln – rau und liebevoll.

Gerade jetzt hatte er allerdings eine wild-violette Färbung angenommen und peitschte Nilla die Locken so ins Gesicht, dass sie kaum etwas erkennen konnte. „Schneller, schneller!“, trieb sie Windtänzer an, doch eine Böe riss ihr die Worte von den Lippen.

Obwohl der silbergraue Hengst alles gab, wuchs der Abstand zu ihrem Haarband immer mehr. Nilla lehnte sich weiter vor. Sie spürte, wie Windtänzers Muskeln arbeiteten. Spürte die Gischt im Gesicht. Sie hörte das Trommeln der Hufe nicht mehr, hörte nur noch das Pochen ihres Herzens, Windtänzers Schnauben und den Wind, der in ihren Ohren rauschte. Es war, als würde sie abheben.

Am liebsten hätte sie die Arme ausgebreitet. Stattdessen hielt sie den Blick konzentriert nach vorne gerichtet, wo sich das Tuch in der Luft drehte und überschlug.

Vor ihnen tauchte eine Reihe großer schwarzer Felsbrocken auf, die von den Klippen abgebrochen waren. Bei den kräftigen Regenfällen in der Nacht zuvor waren noch ein paar neue dazugekommen.

Das Haarband segelte hoch hinauf und darüber hinweg.

„Nichts wie hinterher!“, rief Nilla und Windtänzer setzte zum Sprung an. Sie schmiegte sich eng an ihn und ging seine Bewegung mit. Dann hoben sie ab und sausten durch die Luft. Es fühlte sich nicht nur an wie Fliegen. Es war Fliegen! Und es war wunderschön. Nilla fühlte sich genauso leicht wie das Tuch, das knapp vor ihr durch die Luft flatterte. Kurz schloss sie die Augen und kam sich vor wie ein Vogel.

Als sie sie wieder öffnete, segelte das Tuch an ihrem Gesicht vorbei und sie streckte die Hand danach aus. Doch im nächsten Moment wirbelte es zur Seite und ihre Finger griffen ins Leere.

Erst als sie die Felsen schon weit hinter sich gelassen hatten, setzten Windtänzers Hufe wieder im Sand auf.

Nilla fluchte unterdrückt. Wenn sie ihr Tuch nicht bald einfing, würde es aufs Meer hinausgetrieben und wäre weg. Schon kam das Ende der Perlenbucht in Sicht. Der Strand wurde schmaler und die Felswand zur Rechten rückte näher. Ein Grasbüschel, das sich an den nackten Stein klammerte, streifte ihr Bein. Die Klippen flachten ein wenig ab und ein steil ansteigender Pfad schlängelte sich durch niedrige dornige Sträucher und Blumen, die auf kurzen Stängeln wogten, während das Meer unter ihnen zurückblieb. Nilla hatte keine andere Wahl, als das Tempo zu verlangsamen.

Plötzlich blieb das Tuch an Dornen hängen. Nilla lachte auf und wollte danach greifen, doch eine letzte kräftige Böe rauschte heran und das Tuch entglitt ihren Fingern und wirbelte aufs Meer hinaus.

Der Wind hatte einmal mehr den Sieg davongetragen.

„Mist, Mist, Pferdemist!“, fluchte Nilla. Nun musste sie ihrem Ziehvater erklären, wieso sie schon wieder ein Tuch verloren hatte. Wie das davor. Und das davor und das davor.

Aber toll war das Wettrennen trotzdem gewesen. Sie parierte Windtänzer durch und strich sich die Haare aus dem erhitzten Gesicht. Zwischen den Felsen, hüfthohen Drachenbäumen und Sträuchern ließ der Wind schlagartig nach und es wurde warm.

Der Hengst atmete genauso schwer wie sie. Anila wuschelte ihrem Pferd liebevoll durch die Mähne. „Das Rennen war Wahnsinn. Vor allem der Sprung! Und für Meister Jun lassen wir uns schon irgendeine Ausrede einfallen, oder?“ Mit gerunzelter Stirn sah sie nach Westen, wo die Sonne bereits tief hinter der schroffen Flanke des Vulkans stand. „Und zwar zackig“, murmelte sie. „Ich fürchte, es wird Zeit für uns, nach Hause zu gehen.“

Als habe er jedes Wort verstanden, setzte Windtänzer sich wieder in Bewegung und sie trabten einträchtig den Pfad hinauf, bis sie die Grasebene erreichten, auf der die Herde lebte. Hinter Büschen und Obstbäumen am Rande der Ebene konnte man am aufsteigenden Rauch bereits das Dorf erahnen.

Weit entfernten sich Mensch und Pferd nie voneinander – und auch nicht lang, aber Nilla fiel selbst die kurze Trennung über Nacht schwer. Genauso wie die, wenn Kaitlin ihr und den anderen Kindern Lesen, Schreiben, Rechnen und Heilkunde beibrachte. Sogar abends, wenn sich die Dorfbewohner ums Feuer versammelten und alte Geschichten und Legenden erzählt wurden, stahl Nilla sich manchmal für einen letzten Besuch bei Windtänzer davon, während alle anderen gebannt an Juns Lippen hingen.

Widerstrebend saß sie ab. Windtänzer neigte den Kopf und sie ließ ihre Stirn gegen seine sinken. Nillas und Windtänzers Verbindung ging noch weiter als auf Maolis ohnehin üblich. Legte sie ihre Stirn an seine, sah sie Dinge, die in seinem Kopf vorgingen, Bilder, die er gesehen hatte. Nicht immer, aber oft.

Einmal hatte Nilla Tommo gefragt, ob das bei ihm und seinem Hengst Ikarus auch so sei, aber er hatte sie nur seltsam angesehen. Also hatte sie es fortan lieber für sich behalten. Es war Windtänzers und ihr Geheimnis.

Vor Nillas innerem Auge blitzten nun die Bilder ihres Rennens am Strand noch einmal auf. Das wirbelnde blaue Tuch. Die dunklen Felsen, die immer näher kamen.

Lange standen sie so zwischen all den anderen Pferden der Herde. Der Wind strich durch das hohe Gras und ließ es wogen wie Wasser.

Nilla streichelte Windtänzer über die Nüstern und er blies seinen warmen Atem auf ihre Hände. „Ich vermisse dich jetzt schon“, seufzte sie. Dann drehte sie sich um und ging.

Bei ein paar großen Steinen blieb sie noch einmal stehen und blickte zurück. Zwischen all den anderen Pferden schimmerte Windtänzers windfarbenes Fell in der Abendsonne wie flüssiges Silber und die Regentropfen, die an den Grashalmen hingen, glitzerten dazu. Es zerriss ihr jedes Mal das Herz, ihn zurückzulassen. Am liebsten hätte sie ihn in ihre Hütte mitgenommen oder zumindest bis vor die Hütte. Doch Pferde gehörten nun mal nachts nicht ins Dorf. Sie brauchten Himmel und Wind und Weite und vor allem ihre Herde, deren enger Verband ihnen Sicherheit gab, wie Meister Jun ihr mehr als einmal erklärt hatte.

Kaum merklich hob sie die Hand. „Bis morgen, mein Wirbelwind!“, flüsterte sie.

Und als hätte der Hengst sie gehört, hob er den Kopf und sah in ihre Richtung.

Wie ein Rehkitz im hohen Gras lag das Dorf in eine Mulde geduckt. Über den Dächern der niedrigen Hütten stieg Rauch auf und der Wind trug Stimmen und den Duft von gebratenem Fisch und frisch gebackenem Brot heran. Nilla lief das Wasser im Mund zusammen. Schnell rannte sie die Dorfstraße entlang.

„Bin wieder da!“, rief sie und sauste durch den Muschelvorhang in die Hütte, dass die Muscheln an den langen Schnüren nur so klimperten. „Hab ich vielleicht einen Hunger, ich könnte ein ganzes …“ Sie verstummte. „Jun?“

Keine Antwort.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass im Herd kein Feuer brannte. Nilla sah sich um. Von der Hauptkammer, in der sich ein einfacher Tisch mit vier Stühlen und einige an die Wand genagelte Bretter als Regale befanden, ging nur eine einzige weitere Tür ab. Sie führte in einen Raum, der Hufschmiede und Studierzimmer zugleich war. Oft, wenn Anila schon auf ihrem Strohlager vor dem Herd lag, saß Jun dort drüben im Schein der Kerzen oder der letzten Glut aus der Esse. Er legte dann ein breites Brett über den Amboss und las in Schriftrollen und schweren Büchern mit vergilbten, sich wellenden Seiten.

Doch auch dort war niemand. Nur noch ein dünner Rauchfaden ringelte sich zur Decke hoch. Juns rußgeschwärzte Lederschürze hing an ihrem Haken, daneben die neuere von Tommo, die noch nicht ganz so dreckig war. Seit einem halben Jahr ging er bei Jun in die Lehre und der Meister brachte ihm alles über die Kunst des Hufebeschlagens bei – und bisweilen auch mehr als das. Denn Jun war weit mehr als ein Hufschmied.

Auf Maolis hatten alle Menschen einen ganz besonderen Bezug zu Pferden, doch Jun hatte nicht nur zu seinem eigenen Seelenpferd eine unglaublich enge Verbindung, sondern zu allen. Er beschlug sie oder kontrollierte und pflegte ihre Hufe, sofern sie barhuf gingen. Er versorgte sie, wenn sie krank oder verletzt waren, und sie ließen ihn gewähren, wenn er ihnen lange und intensiv in die Augen sah, um darin zu lesen, woran es ihnen fehlte. Nie bissen sie ihn weg, wenn er ihnen seine Hände auflegte, selbst wenn es ihnen Schmerzen bereitete. Sie wussten instinktiv, dass er besondere Kräfte hatte, wie sie nur ganz wenigen gegeben waren. Das spürten die Pferde, das spürten die Menschen, das spürte selbst der Wind und ließ sich ein wenig von ihm bezaubern und bezähmen, wenn Meister Jun als Windfütterer Blüten auf Fensterbretter streute und Schüsseln mit Milch, feinem weißem Mehl und goldgelben Getreidekörnern aufstellte. Zur Zeit der Herbststürme erklomm Jun sogar manchmal den Dachfirst ihrer Hütte, um dem Wind dort die Gaben der Dörfler darzubringen, und der Wind nahm alles mit sich fort und klang gleich etwas friedlicher.

Ob der Meister irgendwo draußen war?, fragte sich Nilla. Vielleicht auf dem Dach? Sie machte kehrt und band sich im Gehen ein neues Tuch ins Haar.

Sie rief ums Haus.

Sie lief ums Haus.

Kein Jun.

Dafür hörte sie Tommos Mutter in der Nachbarhütte mit Geschirr klappern. Wie so oft stand die Tür offen. Elanor wirbelte umher, dass ihre langen Röcke flogen. Während ihr Jüngster, der kleine Theo, zu ihren Füßen mit Holzpferdchen spielte, rührte sie gleichzeitig in einem großen Kessel über dem Herd und wendete einen dünnen Brotfladen, indem sie die Pfanne ruckartig nach oben bewegte. Der Brotfladen drehte sich einmal in der Luft und landete wieder sicher. Elanor kochte gern mit großer Geste. Es machte Spaß, ihr zuzusehen, wie sie zwischen den Töpfen und Pfannen wirbelte – weit mehr Spaß, als die Sachen hinterher zu essen. Ganz anders verhielt es sich bei Jun. Er machte kein großes Aufheben, kannte jedoch die zartesten Wurzeln und die schmackhaftesten Kräuter und zu fast jeder Mahlzeit gab es frisches Brot, dessen Reste sie am Schluss in Honig tunkten.

„Nilla, mein Muckelchen, komm rein“, rief Elanor ihr zu und winkte sie heran. Sie nannte alle ihre Kinder so. Und Nilla. „Hunger?“ Mit der freien Hand hielt sie eine Suppenschüssel hoch. Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte sie sie mit Schwung auf den Tisch. Es folgten scheppernd ein Becher und ein Muschellöffel und zuletzt beförderte sie mit einem gezielten Fußtritt einen weiteren Schemel an den Tisch. Dann zog sie Nilla in eine Umarmung, hüllte sie mit ihren langen roten Haaren ein und drückte sie so fest und ausführlich, bis Nilla kaum noch Luft bekam und ein verbrannter Geruch den Raum erfüllte.

Nilla befreite sich lachend und wuschelte Theo über den Kopf. „Wo ist Jun?“, fragte sie.

Elanor zuckte mit den Schultern und nahm das Brot aus der Pfanne. An den Rändern war es schon ganz schwarz.

„Und Tommo?“, fragte Nilla weiter

Statt einer Antwort drückte ihr Elanor einen Krug in die Hand.

Also machte Nilla sich zum Wasserholen auf. Aus den Hütten, an denen sie vorbeikam, drang das Klappern von Tellern und fröhliches Schwatzen – aus manchen auch Schmatzen.

Schon von Weitem sah sie Tommos feuerroten Schopf leuchten. Er schleppte Felsbrocken heran, um den Damm zu verstärken, mit dem die Dörfler den Bach aufgestaut hatten. Mit etwas kleineren Steinen in den Händen hopsten seine jüngeren Geschwister, die Zwillinge, hinter ihm her. Sie waren ebenso sommersprossig und rothaarig wie er. Nilla musste lächeln. Wenn sie Tommo sah, bekam sie immer gute Laune.

„He, Nilla!“, rief er ihr entgegen, als er sie entdeckte, und ließ den Brocken in den Bach plumpsen, dass es nur so spritzte. Simo und Salu warfen ihre Steine daraufhin auch in hohem Bogen ins Wasser und begannen sofort eine Wasserschlacht.

„Na, wo warst du so?“, fragte Tommo und fügte mit einem Zwinkern noch „mein Muckelchen“ hinzu.

Nilla streckte ihm die Zunge heraus. „Selber Muckelchen. Außerdem ist die Frage ja wohl eher, wo Jun ist.“ Dort, wo der Bach in den Teich floss, sprang sie über ein paar flache Steine ins Bachbett und beugte sich mit dem Krug tief übers Wasser, damit Tommo ihr Gesicht nicht sehen konnte.

Tommo grinste. Er konnte sich schon denken, was sie getrieben hatte. Er kannte sie gut. Sehr gut. Doch er sagte nichts weiter dazu. „Keine Ahnung, wo Jun ist“, meinte er. „Du kennst ihn ja. Er hat mir nicht gesagt, wo er hinwollte.“

Nilla wusste, was er meinte. Ihr Ziehvater hatte seine ganz eigene Art. Er war kein Mann vieler Worte und hielt sich nie mit langen Erklärungen auf, sondern sagte immer, sie sollte selbst ihren Kopf einschalten.

„Und mitgenommen hat er mich natürlich auch nicht, sondern hier zum Schuften verdonnert“, jammerte Tommo gespielt, legte sich eine Hand auf den Rücken und tat, als könne er kaum noch laufen.

Nilla hievte den Krug aus dem Wasser und balancierte behutsam über die glitschigen Steine zum Ufer zurück. „Du Ärmster“, sagte sie trocken. „Übrigens, es gibt Essen.“

Das ließen sich Simo und Salu nicht zweimal sagen. Sofort beendeten sie ihre Wasserschlacht und rannten nach Hause. Auch Tommo hatte es auf einmal sehr eilig, sodass Nilla mit dem schweren Krug auf der Schulter kaum hinterherkam.

Beim Essen schaufelten alle gierig in sich hinein. Tommo und seine Geschwister, weil sie versalzenes, zu scharfes oder angeschmortes Essen nun mal gewohnt waren, und Nilla, weil sie sich nichts anmerken lassen wollte.

Wie immer plapperten Salu und Simo ununterbrochen. Sie kippten Becher um, schmatzten lautstark und zappelten so lange herum, bis Salu vom Schemel fiel und Elanor ein Machtwort sprach. Nur Nilla war heute schweigsam. Sie rollte kleine Brotkugeln für Theo, der auf ihrem Schoß saß, behielt dabei aber die Straße und ihre Hütte im Auge. Doch selbst nachdem sie gemeinsam mit Tommo geholfen hatte, die verschmierten Gesichter der Kleinen zu waschen, und sie unter lautem Protest ins Bett gebracht hatte, war Jun noch immer nicht zurückgekehrt.

Als Nilla sich verabschieden wollte, hängten sich Simo und Salu an ihre Arme, bis sie nachgab und ihnen noch eine Geschichte mit jeder Menge fliegender Pferde, Drachen und Hexen erzählte. Und als sie sie dann immer noch nicht gehen lassen wollten, musste Elanor ein bisschen schimpfen und ganz streng „Schluss jetzt, meine Muckelchen“ sagen.

Nilla beschloss, noch eine Runde durchs Dorf zu drehen. Sie lief durch die Gassen, die für die Pferde besonders breit angelegt und nicht gepflastert waren, vorbei an der Schenke und am Dorfplatz, über den sich eine gewaltige Platane spannte wie ein Dach. Die Gemüsegärten hinter den Hütten waren zum Schutz vor gierigen Pferdemäulern und schweren Hufen mit hohen Holzzäunen oder Steinmauern eingehegt. Dafür standen überall am Wegesrand Apfelbäume, an denen die Pferde sich nach Herzenslust satt fressen durften.

„Habt ihr eine Ahnung, wo Meister Jun ist?“, fragte Nilla die Bäckerin, den Korbmacher, den Töpfer und die Schusterin, doch alle verneinten. Nicht einmal Kaitlin, ihre Lehrerin, mit der Jun oft die Köpfe zusammensteckte, hatte etwas von ihm gehört. Jeder steckte ihr allerdings etwas zu essen zu – hier eine Scheibe Brot, dort ein Fleischspießchen, hier eine Handvoll Nüsse, dort in Honig getunkte Blüten. Nilla nahm es dankbar an – richtig satt gegessen hatte sie sich bei Elanor nicht.

Als Nilla schließlich die Suche aufgab und in ihre Hütte zurückkehrte, hatte sie das Gefühl zu platzen. Sie verzichtete auf eine Wäsche und ließ sich auf ihr Nachtlager vor dem kalten Herd plumpsen.

Das Wettrennen und das viele Essen hatten sie müde gemacht, doch ihr fehlten das Rascheln des Papiers und Juns Murmeln aus der Schmiede. Ohne den Lichtstreifen, der immer unter der Tür hindurchfiel, war es stockdunkel und auch durch die Fensterläden drang nicht das kleinste bisschen Mondlicht, weil sich Wolken wie eine Decke über den gesamten Himmel gelegt hatten.

Ja, Jun hatte seine eigene Art. Und er hielt viel davon, dass Nilla ihre eigenen Wege fand. Aber noch nie hatte er sie über Nacht allein gelassen, ohne nicht wenigstens Elanor oder Kaitlin Bescheid zu sagen.

Mit der Zeit verebbten die Geräusche des Dorfes. Dafür hörte Nilla jedes Ächzen, jedes Knacken und Knirschen der alten Hütte umso lauter. Eine Gänsehaut kroch ihr die Arme hinauf und sie zog sich die Decke bis zu den Ohren hoch.

Wie gerne hätte sie jetzt Windtänzer bei sich gehabt! Sie steckte die Nase in ihre Armbeuge und es war ein bisschen, als würde sie sie in sein Fell stecken, denn ihr Ärmel roch nach ihm – wild und tröstlich zugleich.

Plötzlich fühlte Nilla sich wieder ganz klein und ihr kam das Schlaflied in den Sinn, das ihr Jun früher immer vorgesungen hatte. Ihre richtigen Eltern waren vermutlich in einer Sturmnacht ums Leben gekommen, als Nilla noch ein Säugling und Windtänzer ein langbeiniges Fohlen gewesen war. Jun hatte Nilla aufgenommen und war ihr seither ein Vater, wie sie sich keinen besseren wünschen konnte. Doch auch wenn sie nichts vermisste – denn wie hätte sie etwas vermissen können, das sie nicht kannte? –, versetzte ihr das Lied jedes Mal einen Stich ins Herz. Sie fragte sich dann, was für ein Lied ihr wohl ihre Mutter vorgesungen hätte.

Leise sang sie die erste Strophe vor sich hin:

Bei Nacht, bei Nacht

erwacht, erwacht

die dunkle Macht.

Doch hier auf meinem Arm

bist sicher du und warm.

Der Wind hat dich zu mir

gebracht, gebracht

bei Nacht, bei Nacht.

Ich gebe auf dich acht,

bin die gute Macht,

die wacht, die wacht

bei Nacht, bei Nacht.

Wie eine Katze schlich draußen der Nachtwind ums Haus. Als er Nillas Lied vernahm, fuhr er durch den Muschelvorhang und strich ihr über die Stirn, bis sie in einen unruhigen Schlaf fiel, durch den erst Windtänzer und dann ein fremdes Pferd galoppierte.

Mitten in der Nacht erwachte Nilla von einem sonderbaren Scharren und Schnaufen, einem Schnauben und Laufen. Es folgte ein leises Stöhnen, dann klimperte der Muschelvorhang.

Nilla fuhr hoch. In der Finsternis war nichts zu erkennen. Draußen verklang Hufgeklapper. Und dennoch roch es hier in der Hütte intensiv nach Pferd. Aber nicht nach Windtänzer – den erkannte sie blind.

„Jun?“, flüsterte Nilla in die Schwärze und ihre Stimme klang ungewohnt hoch.

„Ja, ich bin’s. Erschrick nicht. Ich habe noch jemand dabei.“ Mit einem Ächzen setzte er etwas Großes neben Nilla im Stroh ab. Wieder hörte sie das Geräusch von Hufen, diesmal ganz nah.

Jun machte sich an der Feuerstelle zu schaffen. Steine schlugen aufeinander, es raschelte, bis endlich eine kleine blaue Flamme hochzüngelte, der bald mehrere folgten.

Was Nilla nun im zuckenden Feuerschein sah, verschlug ihr den Atem.

Ein Pferd. Eine edle, zierliche Stute, nachtschwarz, in deren Augen Angst und Unsicherheit standen. Dann fiel Nillas Blick auf ein in Decken gehülltes schlafendes Mädchen auf dem Boden. Es war wunderschön, doch unter seinen Augen lagen tiefe Schatten und sein Gesicht war weiß wie Gischt.

Nilla sprang von ihrem Nachtlager auf. Nun, da die Flammen höherschlugen und die Hütte erhellten, sah sie, dass Jun, das Mädchen und das Pferd voller Schlamm waren.

Jun führte die Stute dicht neben die Feuerstelle. „Könntest du mir frische Leinentücher holen?“, bat er Nilla. „Und die Heilkräuter. Ich muss Mondlichts Verbände erneuern.“

Erst jetzt merkte Nilla, dass das Pferd verletzt war. Seine schlanken Beine waren mit dreckigen Bandagen umwickelt und es schien Schmerzen zu haben. Nilla sah zwischen dem Pferd und dem Mädchen hin und her. Was war mit ihnen geschehen?

Widerstrebend riss sie den Blick von den beiden los, suchte Leinentücher und die Heilkräuter zusammen, die in Büscheln von der Decke hingen, und stellte den Wasserkrug bereit.

Als sie damit fertig war, hatte Jun bereits die Bandagen gelöst.

Nilla sog erschrocken die Luft ein, als sie die Wunden an den Vorderbeinen der Stute sah. Wie gerne hätte sie ihr beruhigend die Hände aufgelegt, doch Mondlicht zuckte nervös mit den Ohren, als sie sich ihr näherte, also ließ sie es bleiben. Verängstigte Pferde durfte man auf keinen Fall drängen. Man musste sie von selbst kommen lassen.

Stattdessen stellte Nilla eine Schale Wasser vor die Stute und hielt ihr einen Apfel hin. Neugierig beschnupperte das Pferd die Schüssel und die Frucht, zuckte jedoch immer wieder zurück.

Schließlich gab Nilla auf. „Ich lege dir den Apfel einfach hin, ja?“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Und du nimmst ihn dir selbst, wenn du magst.“

Dann verarbeitete sie nach Juns Anweisung verschiedene Kräuter und etwas Wasser in einem Mörser zu einer dicken grünen Paste und sah Jun zu, wie er behutsam die Wunden säuberte und die Salbe auf Mondlichts Beine strich.

Jun arbeitete schweigend und konzentriert. Nur ab und zu gab er leise, tiefe Laute von sich, die das fremde Pferd zu beruhigen schienen. Nilla bewunderte ihn. Niemand konnte so gut mit Pferden umgehen wie er. Sie vertrauten ihm einfach.

Meister Jun war nicht mehr jung, doch seine Körperhaltung und seine Bewegungen strahlten eine Kraft, eine Sicherheit und Ruhe aus, die sich auf die Pferde übertrug. Ein Bart verdeckte große Teile seines Gesichts und betonte die Augen, die in einem intensiven Blaugrüngrau leuchteten wie das Meer selbst. Darüber wölbten sich dichte, buschige Brauen, die auf und ab wogten wie die See – mal belustigt, mal streng, mal nachdenklich. Manchmal schienen sie regelrecht zu tanzen und verrieten Nilla, die ihren Ziehvater gut kannte, genau, was in ihm vorging.

Während Jun mit geübten Griffen die Beine des Pferdes neu bandagierte, wanderte Nillas Blick immer wieder zu dem fremden Mädchen hinüber.

Sie atmete flach und wirkte sehr zart und zerbrechlich. Ihr Gesicht und ihre Hände waren schmal, ihre Augenbrauen so fein geschwungen und hell, dass man sie kaum sah. Überhaupt war – im Gegensatz zu Nilla mit ihren dunklen Locken, den dichten Augenbrauen und der braun gebrannten Haut – alles an ihr sehr hell und ihre Haare wallten über das Stroh wie Honig.

Als der Meister mit seiner Behandlung fertig war, trank Mondlicht doch noch, und zwar so gierig, dass sie die Schüssel umstieß und sich eine dunkle Pfütze über den Lehmboden der Hütte ergoss.