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Die idyllische südafrikanische Insel Bird Island birgt ein dunkles Geheimnis, das die Bewohner seit Jahrzehnten in Angst und Schrecken versetzt. Die gequälte Seele der verstorbenen Ehefrau des Leuchtturmwärters, bekannt als „Lady“, treibt dort ihr Unwesen, seit ihr Kind vor langer Zeit spurlos verschwunden ist. Ausgerechnet auf jener sagenumwobenen Insel hat sich Schriftsteller Henrik zum Ziel gesetzt, ein Buch über seine fünfundzwanzig Jahre zurückliegende Zeit als Volontär im angrenzenden Nationalpark zu verfassen. Anstatt der ersten Romankapitel findet er auf seinem Laptop eines Tages jedoch einen Aufruf, den mysteriösen Begebenheiten ein Ende zu bereiten, und wird ungeplant in eine Detektivrolle hineingedrängt. Welche Verbindung hat Henrik zu den abgründigen Vorkommnissen und der „Lady“? Und warum wurde gerade er auserwählt, das Rätsel zu lösen? Eine packende Jagd nach der Wahrheit beginnt, in der Henrik nicht nur das düstere Geheimnis der Insel lüften, sondern sich auch seinen eigenen Dämonen stellen muss.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Der Schriftsteller
Kapitel 2 – Der Beginn der Reise
Kapitel 3 – Der Weg ans Ziel
Kapitel 4 – Die Insel
Kapitel 5 – Der Schreibbeginn
Kapitel 6 – Henriks Romanwelt
Kapitel 7 – Der Störenfried
Kapitel 8 – Henriks Romanwelt
Die schöne Frau
Kapitel 9 – Der Besuch in Addo
Kapitel 10 – Henriks Romanwelt
Kapitel 11 – Das Wiedersehen
Kapitel 12 – Der Spuk
Kapitel 13 – Die Spukgeschichte
Kapitel 14 – Der Kontakt
Kapitel 15 – Der Angriff der Vögel
Kapitel 16 – Der Leuchtturm
Kapitel 17 – Die zwei Damen
Kapitel 18 – Der Ausflug
Kapitel 19 – Henriks Romanwelt
Kapitel 20 – Der Fremde
Kapitel 21 – Henriks Romanwelt
Der Brief
Kapitel 22 – Das Kindermädchen
Kapitel 23 – Der Bootsjunge
Kapitel 24 – Henriks Romanwelt
Der Abschied
Kapitel 25 – Das Kind
Kapitel 26 – Die Abschiedsfeier
Kapitel 27 – Die Wahrheit
Kapitel 28 – Der Neubeginn
Impressum
Insel der Vögel
SABINE WOLFGANG
IMPRESSUM
Copyright © 2024 Sabine Wolfgang
Alle Rechte vorbehalten.
“The world is full of obvious things
which nobody by any chance ever observes.”
Arthur Conan Doyle, The Hound of the Baskerville
“It is only through mystery and madness
that the soul is revealed.”
Thomas Moore, Care of the Soul
Vorwort
Der Addo Elephant National Park ist ein 1.640 Quadratkilometer großer Nationalpark, der in der Ostkap-Region von Südafrika angesiedelt ist. Er wurde 1931 zum Schutz von elf Elefanten gegründet und ist mittlerweile Heimat der Big 7, denn neben den Big 5 – Löwe, Leopard, Nashorn, Elefant und Büffel – beherbergt er durch die Angrenzung an den Indischen Ozean auch den Weißen Hai und den Südlichen Glattwal. Zum Addo Elephant National Park gehört ebenso die in der Algoa Bay befindliche Insel Bird Island, Heimat der weltweit größten Brutkolonie für Kaptölpel.
Genau auf jener Insel spukt es angeblich seit vielen Jahrzehnten, da eine Frau dort als Geist ihr Unwesen treiben soll. Und genau hier kommt mein Roman ins Spiel, denn ab dieser Stelle gehen die Tatsachen in reine Fiktion über. Was einzig der Wahrheit entspricht, ist, dass auch ich – genau wie mein Romanheld – für ein paar Wochen als Volontär im Addo Elephant National Park tätig war. Einzelne Episoden könnten sich genauso ereignet haben oder nicht. Sämtliche Namensgleichheiten mit Menschen, die dort wohnen oder arbeiten, sind zufällig und unbeabsichtigt.
Henriks Wohnung / Anfang Jänner 2019
Obwohl ihm Peter in regelmäßigen Abständen riet, lieber einen anderen Ort als die sagenumwobene Insel für sein Vorhaben auszuwählen, änderte er nichts an seiner Entscheidung. Vor einem halben Jahr hatte ihn die fixe Idee gepackt, dorthin zurück zu reisen, wo er bereits vor fünfundzwanzig Jahren war. Dass es in der Gegend immer wieder zu unliebsamen Vorfällen kam, spornte ihn nur an, sein Vorhaben konsequent durchzuziehen und sich nicht von fremden Stimmen abbringen zu lassen. Ein Vierteljahrhundert war in der Zwischenzeit vergangen, und immer wieder ertappte er sich dabei, sich darüber zu ärgern, so viel Zeit bis zu seiner nächsten Reise auf den für ihn so faszinierenden Kontinent abgewartet zu haben. Doch plötzlich war sie da, jene Art Geistesblitz, die ihn wochenlang wie ein lästiges Insekt bis in seine Träume verfolgt und sich erst beruhigt hatte, nachdem Flugticket und Unterkunft gebucht waren.
Der Ranger Peter, den er damals im Nationalpark kennengelernt hatte, wies ihn immer wieder auf die mittlerweile zahlreichen Zwischenfälle hin, die sich auf Bird Island in den letzten Jahrzehnten ereignet hatten oder haben sollten. Ging es nach Peter, hatten sie sich alle tatsächlich zugetragen. Ging es nach ihm, waren sie Erfindungen oder zumindest Übertreibungen. Bei seinem Besuch dort war ihm diesbezüglich nichts untergekommen. Außerdem erzählte man sich, die Vorfälle beträfen nur Frauen. Was sich jedoch hinter der Legende um die Insel der Vögel verbarg, wusste niemand so genau.
Schon damals war er davon ausgegangen, dass die Insel eine Menge an Inspiration zu bieten hatte. Außerdem wollte er Ruhe zum Schreiben und diese glaubte er, dort zu bekommen. Sollte er vor Ort selber Kenntnis von etwas Mysteriösem erhalten, könnte er von nun an ebenfalls mitreden und es eventuell sogar in sein Werk einbauen. Er hatte Peter für die warnenden Worte und für seine Sorge gedankt, sein Angebot jedoch abgelehnt, andere von ihm vorgeschlagene Unterkünfte am Festland in Erwägung zu ziehen. Gerade erst am Vortag hatte ihn eine weitere Nachricht seines Freundes erreicht: „Wirklich die Insel?“ Er hatte laut aufgelacht, da Peters kontinuierliche Bemühungen mittlerweile einem Running Gag gleichzusetzen waren. „Ja. Ich glaube, ich brauche die Verrücktheit“, hatte er geantwortet. Dass ihm sein langjähriger Freund damit drohte, ihm dort gewiss keinen Besuch abzustatten, änderte seine festgefahrene Meinung ebenso wenig. Zum einen, weil er sich ohnehin nicht viel Freizeit gönnen würde, zum anderen, weil er auch Peter in dessen Heimat besuchen konnte. Am Wochenende lebte der leidenschaftliche Ranger bei seiner Familie in einer dem Nationalpark nahegelegenen Township. Er würde ihm nach ein paar Wochen Eingewöhnungsphase anbieten, an einem seiner freien Tage bei ihm vorbeizuschauen.
Vor ihm lagen Berge an Kleidung ausgebreitet auf seinem Bett. Er hatte weder eine Begabung darin, sich für alle Szenarien die passende Garderobe zu überlegen, noch bereitete es ihm auch nur ansatzweise Freude, sich damit zu beschäftigen. Neben diesem harten Brocken, den er wohl nur alleine bewältigen konnte, musste er sich mit bürokratischen Erledigungen auseinandersetzen, die er in den letzten Wochen erfolgreich vor sich hergeschoben hatte. In Phasen wie jenen merkte er einmal mehr, keinen Kopf für Penibilität zu haben, sofern es sich nicht um feine Details seiner Romanhelden handelte. Seine eigenen Kleinigkeiten zu organisieren, fiel ihm schwerer als die seiner imaginären Helden. Deswegen war er Autor von Beruf.
Er hoffte insgeheim, ein Wunder würde geschehen, und die Kleidungsstücke würden sich selbst zusammenfalten und sich in seinen Koffer begeben. Er konnte weder einschätzen, wie viel er brauchen würde, noch ob es Möglichkeiten gab, vor Ort etwas zu erwerben, sollte er sich grob verkalkuliert oder alles zerschunden haben. Um wenigstens irgendwo zu beginnen, zog er aus der Mitte ein Teil heraus und fragte laut „Brauche ich das?“ Nicht dass er sich Antwort erhoffte, schließlich war niemand in seiner Umgebung. Das Reden mit sich selber hatte ihm aber schon öfter Klarheit verschafft, wenn keine in Sicht war. Ausgerechnet jenes Teil wollte er unbedingt mitführen, schließlich hatte er es genau an besagtem Ort vor fünfundzwanzig Jahren geschenkt bekommen. Obwohl er kein besonders melancholischer Mensch war, rief die Erinnerung an jene Zeit genau dieses Gefühl in ihm hervor, das er sonst nicht kannte. Eine Form der Melancholie. Dafür war er tief dankbar, denn nicht nur, dass er eine Seite an sich selbst kennenlernen durfte, die er nie als Teil von ihm vermutet hätte, sie half ihm auch, seinen Romanfiguren gegenüber empathischer zu werden und über Themen zu schreiben, die ihn eigentlich kaltließen. Kurzum: Die Reise nach Afrika vor einem Vierteljahrhundert hatte den Grundstein für ihn gelegt, als Autor arbeiten zu können.
Je länger er den Berg an Textilien anstarrte, desto weniger sah er sich der Situation des Kofferpackens gewachsen. Er schob alles – von Hosen bis T-Shirts, von Socken bis Westen – mit ein paar Handbewegungen auf die zweite Betthälfte, die ohnehin seit Jahren freiblieb und deren Unordnung niemandem im Weg war, schon gar nicht ihm selber. Er würde in den nächsten vier Tagen einen anderen Zeitpunkt finden, der sich besser zum Einschlichten eignete. Vorerst gab es noch weitere Punkte abzuarbeiten, bevor er endgültig in die Maschine einsteigen und sich für einige Zeit von zuhause verabschieden durfte. Vielleicht sollte er all die Orte und Abschnitte aufsuchen, die er damals besucht hatte. Wieder kam Wehmut in ihm auf, wenn er an die endlosen Weiten, die eindrucksvollen Farben und an die Tiefe ihrer Augen dachte. In Momenten wie diesen ertappte er sich dabei, die Augen zu schließen und die Erinnerung dadurch noch lebhafter zu gestalten. Ab und an schaffte er es sogar, in Gedanken ein Lächeln von ihr zu erhaschen, während sie ihre Haare zurückwarf und schnellen Schrittes auf ihn zukam. Und obwohl er immer bereit war, sie mit offenen Armen zu empfangen, zögerte sie stets und blieb wenige Meter vor ihm stehen, als würde sie eine imaginäre Wand trennen, die ihre ganz persönliche Geschichte darstellen sollte. Auch nach so langer Zeit würde er sie nie vergessen. Er konnte es einfach nicht.
Am Rande des Bettes sitzend nahm er das T-Shirt, das er vorhin aus dem Kleiderberg gezogen hatte, an den Schulternähten und hielt es vor sich, als ob er es in einem Geschäft begutachten würde, kurz bevor er eine Kaufentscheidung traf. Es war khakigrün – eine Farbe, die seit damals nur selten an seinem Körper zu sehen war. Der Schriftzug sagte „Addo Elephant National Park“. Obwohl er es kein einziges Mal angezogen hatte, seit er von dort zurückgekehrt war, konnte er sich nicht davon trennen. Es wäre eine Art von Verrat gewesen. Wenn er allerdings darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass sie es war, die ihn verraten hatte. Oder tat er ihr Unrecht? Nach so langer Zeit war es für ihn immer noch ausgeschlossen, einen Schlussstrich darunter zu ziehen und sich von der Vergangenheit in allen Einzelheiten endgültig abzugrenzen. Dennoch faszinierte ihn der Gedanke, sie vielleicht wiederzusehen oder ihr auch nur nahe zu sein, indem er sich zumindest im selben Nationalpark befand, in dem sie sich kennengelernt hatten. Vielleicht lebte sie sogar immer noch im selben Haus wie damals.
Das T-Shirt beiseitegelegt, entschied er, sich vorerst seinen Reiseunterlagen zu widmen. Das Flugticket hatte er auf Papier ausgedruckt, da ihm immer noch nicht wohl bei der Sache war, mit einem virtuellen Ticket auf seinem Mobiltelefon zu verreisen. Zu unsicher war ihm der Gedanke, dass das Gerät genau dann noch über Strom verfügte, wenn er es brauchte. Auch die Bestätigung für seine Unterkunft packte er in Papierform mit ein. Da es auf der Insel wenige Möglichkeiten zu wohnen gab, war ihm die Wahl nicht weiter schwergefallen. Die Unterkunft musste zweckmäßig sein. Er wollte ein bequemes Bett, einen ausladenden Schreibtisch, um alle seine Notizen und Ideen vor sich ausbreiten zu können und ein anständiges Badezimmer. Mehr verlangte er nicht. Dass der Ort inspirierend sein sollte, ersehnte er zwar auch, war aber kein Kriterium, nach dem man eine Räumlichkeit buchen konnte. Die Idee dazu gefiel ihm aber. Er stellte sich Domizile vor, in welchen bereits andere Schriftsteller ihre Werke zu Papier gebracht hatten. Vielleicht steckte hinter jenen Unterkünften tatsächlich so etwas wie die Kraft zur Inspiration. Vielleicht aber war es auch nur der Gedanke daran, dass dort Magisches zu passieren hatte. Arbeiteten andere Schriftsteller am selben Ort tatsächlich ähnlich produktiv?
Es war das erste Mal für ihn, ein Werk in einem anderen Land zu verfassen. Nun wollte er es auf Biegen und Brechen durchziehen und nicht voreilig das Feld räumen, sollte die Kreativität nicht sofort zum Vorschein kommen. Zu unbedacht hatte er die letzten beiden Male aufgegeben. Obwohl die kreativen Ideen nicht so flossen wie erwartet, hätte er sich mehr Zeit dafür erlauben sollen. Mit einem Produkt zurück in die Heimat zu reisen und mit einem stolzen Lächeln verkünden zu können, jenes während eines dreimonatigen Auslandsaufenthaltes erschaffen zu haben, war schon immer ein Traum von ihm gewesen. Beinahe ärgerte er sich darüber, dies nicht schon früher von seiner imaginären „Zu erledigen“-Liste gestrichen zu haben. Nichts konnte inspirierender sein, als ein Buch über ein Land in der jeweiligen Destination zu verfassen. Die Geschichte war als fixes neues Werk im Verlagsprogramm des kommenden Frühjahres bereits eingeplant. Auch Auftritte bei Literaturmessen zu seinem mittlerweile achten Buch waren im Gespräch. Zum ersten Mal hatte er es geschafft, eine komplett eigene Idee beim Verlag durchzubringen, ohne dass jemand anderer am Konzept herumfeilte und im Endeffekt etwas komplett anderes daraus kreierte. Er war selber überrascht davon gewesen, wie schnell seine Überzeugungsarbeit Früchte getragen und man ihm für sein heiß ersehntes Südafrika-Buch grünes Licht signalisiert hatte. Endlich wurde ihm die so lang begehrte und hart erkämpfte kreative Freiheit gewährt, die er als Autor wie einen Bissen Brot benötigte.
Im privaten Umfeld gab es keine Person, die sich erwartet hätte, um Erlaubnis gefragt zu werden, wenn er sich für einige Zeit aus seiner Heimat an einen kreativen Schreibort verzog. Genau in jenen Situationen genoss er es, alleine durchs Leben zu gehen, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Abzuhalten war er ohnehin nicht, er wollte sich nur etwaige Diskussionen und Streitereien ersparen, die in einer Beziehung zuweilen auftauchten.
Er war überzeugt davon, die Geschichte nur dort niederschreiben zu können, wo er sie damals auch erlebt hatte. Aus diesem Grund entschied er sich für den Addo Elephant National Park als optimales Schreibrefugium, jedoch nicht für das Festland, wo er als Volontär stationiert war, sondern für die vorgelagerte Insel Bird Island. Selber konnte er nicht in Worte fassen, was ihn dazu bewogen hatte, ausgerechnet auf der Insel drei Monate seine Zelte aufzuschlagen, die er vor fünfundzwanzig Jahren nur für einen zweitägigen Arbeitsaufenthalt bereist hatte, doch seit ihn die Idee gepackt hatte, nach Südafrika zurückzukehren, wurde er die unerklärlich starke Anziehungskraft der Insel nicht mehr los.
Obwohl man ihm immer wieder von Bird Island abgeraten hatte, entschied er sich letztendlich doch dafür. Vielleicht just auch deswegen. Vielleicht brauchte er gerade jetzt einen sagenumwobenen Ort, der ihn zu Höchstleistungen anspornte, denn seine eigene Anforderung an dieses wohl persönlichste seiner Bücher war hoch. Geschichten zu konzipieren, fiel ihm immer noch leicht, doch die Umsetzung und die korrekte Aneinanderreihung der Worte, die nicht nur richtig klang, sondern auch einen gewissen Zauber über den Leser versprühte, stellte sich von Buch zu Buch als immer größer werdende Herausforderung dar. Er fragte sich, ob ihm diese steigende Kampfansage einmal seine Daseinsberechtigung als Autor rauben würde. Bis dato hagelte es keinerlei Beschwerden von Verlagsseite, seinem Lektor oder von Lesern, doch es reichte ihm, selbst dieses enervierende Gefühl nicht mehr loszuwerden. Reaktionen aus der Öffentlichkeit kamen in den letzten Jahren immer weniger. Eventuell war dies schon als Anzeichen für Ermüdungserscheinungen des Publikums ihm gegenüber zu deuten. Der Verkauf war zwar nach wie vor in Ordnung – auch in den Augen der Verlagsleute – doch offensichtlich nahm man sich heute weniger Zeit als noch früher, Rückmeldung zu erteilen. Meist ließ ihn die Stille von Leserseite kalt, manchmal jedoch sehnte er sich ein Echo herbei, wenn er das Gefühl hatte, nur mehr für sich selbst zu schreiben und er sich im Zuge dessen die durchaus berechtigte Sinnfrage stellte, ob er mit seiner Art zu formulieren noch richtig lag.
Peter war der Einzige von damals, mit dem er nach so vielen Jahren noch Kontakt pflegte. Mit seinem früheren Mitbewohner Mans hatte ihn einst zwar eine tiefe Freundschaft verbunden, doch nach einigen Jahren wurde auch zu ihm der Kontakt loser, bis er sich schließlich in vierteljährliche Meldungen von beiden Seiten eingependelt hatte. Dies entsprach auch dem aktuellen Status. Nur weil zwei bis dahin fremde Menschen gemeinsam einige Wochen in der Wildnis verbracht hatten, war das noch lange kein Garant für eine lebenslange Freundschaft über die Grenzen hinaus, denn Mans lebte in Schweden. Zunächst glaubte er in jener Entwicklung ein Zeichen der Schnelllebigkeit zu erkennen, denn kaum waren beide in die Heimat zurückgegangen, hatte sie der gehetzte europäische Alltag wieder eingeholt. Es war zwar nichts so wie vorher, da nie mehr wieder etwas wie vorher sein konnte, doch gewissermaßen verabschiedete man die eine unbekannte Welt und tauchte nun wieder in die andere vertraute, teils geliebte, teils gehasste Umgebung zurück. Freundschaften, die gerade in der einen Welt geschlossen wurden, brachen in der anderen vielleicht genauso schnell wieder ab. Er durfte sich nichts vormachen. Niemand konnte in zwei Welten parallel leben. Früher oder später musste man sich entscheiden.
Damals, als ihm diese Erkenntnis noch nicht gekommen war, hatte er krampfhaft versucht, an der anderen Welt festzuhalten, indem er rasch seine nächste Reise auf diesen für ihn so anziehenden Kontinent arrangiert hatte. Das desaströse Misslingen dieses Versuchs musste er kurze Zeit später am eigenen Leib erfahren. In gewisser Weise war Afrika genauso schnelllebig wie Europa. Was heute versprochen wurde, galt morgen vielleicht nicht mehr. Nicht die Herkunft war der Grund dafür, sondern der Mensch und seine teils leeren Versprechungen an sich. Über Peter hatte er versucht, Antworten auf ihren Sinneswandel zu bekommen, doch dieser war wortkarg und loyal beiden Seiten gegenüber gewesen. Dass es nicht fair war, ihn für seine Zwecke zu missbrauchen, war ihm bewusst. Seither hatte er nie wieder ein Wort aus Peters Mund über sie gehört. Vielleicht schaffte er mit dieser Reise nun endlich, jene Antworten auf Fragen zu erhalten, die er sich seit einem Vierteljahrhundert kontinuierlich stellte.
Der offene Koffer lag ausgebreitet vor ihm. Gewissermaßen warf auch er Fragen auf. Er wollte wissen, was er auf die große Reise mitführen sollte. Fast ein bisschen provokant machte er sich direkt vor dem Bett Platz und gähnte vor Langeweile in den unordentlichen Raum hinein, in dem es nur so von verschiedenen Kleidungsstücken und chaotisch eingeräumten Kästen wimmelte. Das durfte so nicht weitergehen. Er stand auf, begab sich schnellen Schrittes aus dem Raum, schloss die Tür hinter sich und atmete auf. „Morgen ist auch noch ein Tag“, sagte Henrik.
Im Flugzeug / Anfang Jänner
„Das Flugzeug steht für Sie bereit. Sie können schon an Bord gehen“, sagte die Flugbegleiterin und gab ihm sein eingescanntes Ticket retour. Da vor ihm zwölf Stunden lagen, in welchen er sich nicht vom Fleck bewegen konnte, entschied er sich dafür, noch ein paar Runden um die Sesselreihen zu marschieren und nicht gleich den Weg über die Gangway in den Flieger zu nehmen. Er erwartete dort ohnehin eine Vielzahl an Passagieren, die ihr Gepäck in die Ladeflächen über ihren Köpfen verstauten und dabei allen anderen den Weg abschnitten. Das Fliegen gehörte nie zu Henriks Lieblingsbeschäftigungen. Er nahm es jedoch in Kauf, um seine Ziele zu verwirklichen und seinen Träumen zu folgen. Einfach wegen eines langen Fluges nicht in dieses Fortbewegungsmittel zu steigen, kam ihm feige vor. Schließlich war die Zeit da drinnen nur von – verhältnismäßig – kurzer Dauer und immer begrenzt. Die kommenden zwölf Stunden boten ihm Gelegenheit, über seine Arbeit nachzudenken. Er flog zum Schreiben nach Südafrika und musste produktiv sein.
Nach seinen alibimäßigen Runden und einem letzten flüchtigen Blick zurück in die Flughafenhalle, die ihn noch einmal daran erinnerte, dass der Tag nun tatsächlich gekommen war, richtete er seine Augen nach vorne und bestieg das Flugzeug nach Johannesburg. Die übliche chaotische Stimmung, dumpfe, maschinelle Hintergrundgeräusche sowie allerhand Gemurmel von sich krampfhaft organisieren wollenden Menschen formten ein großes Ganzes, das für ihn das Fliegen als Gesamterlebnis ausmachte. Es war wie eine eigene Welt, die er nun für einen halben Tag betreten und danach wieder verlassen durfte. Das schaffte er. Ob er nun Stunden vor dem Laptop saß oder vor einem in den Vordersitz eingebauten zu klein geratenen Bildschirm, war im Grunde gleichgültig.
„Wir möchten Sie bitten, sich anzuschnallen.“ Sein dreimonatiger Arbeitsaufenthalt in Südafrika war nun also real geworden. Warum musste er fünfzig Jahre alt werden, bis er in jenes für ihn so bedeutungsvolles Land zurückkehrte? War er nie mutig genug gewesen, Ungeklärtes von damals endgültig abzuschließen? Und warum stimmte gerade jetzt der Zeitpunkt und fühlte sich so gut an? Insgeheim hoffte Henrik auf etwas Magisches, das ihm in Afrika widerfahren würde. Der Kontinent war immer für eine Überraschung gut. Genau deswegen liebte und verehrte er ihn so sehr.
Nach einigen Stunden am Laptop und einem mittelmäßigen Mittagessen, das ihn zwar satt machte, jedoch keine große Begeisterung in ihm hervorrief, wagte er einen Blick ins Unterhaltungsprogramm, indem er den Einschaltknopf auf dem Bildschirm aktivierte. Haufenweise Blockbuster, die mehr oder weniger bekannt waren oder einfach durch ihre Aktualität punkten wollten, dazu Einzelepisoden semierfolgreicher Serien, eine überbordende Musikwelt mit Angebot von ACDC bis Mozart sowie Spieloptionen, die an die Anfänge der Gameboy-Zeit erinnerten. Unter all dem sprachen ihn in diesem Moment vertraute Klänge der klassischen Musik am meisten an, die eventuell auch den Übergang zum Einschlafen ebnen konnten. Erst die versehentliche Berührung des „Dokumentation“-Buttons machte ihn auf diese durchaus spannende Variante aufmerksam. Gleich eine der ersten Dokus beschäftigte sich mit einem afrikanischen Nationalpark. Als Teaserbild sah man einen auf dem Boden liegenden Büffel mit verbundenen Augen und jede Menge Personal, das sich rundherum versammelt hatte. Die gleiche Situation wie während Henriks Volontariat im Addo Nationalpark.
Die Büffel-Schwerpunktaktion damals hatte das Ziel verfolgt, Tiere einzufangen, um sie Interessenten im Zuge einer im Frühjahr stattfindenden Auktion anzubieten. Betreiber umliegender privater Nationalreservate hatten an den Auktionen teilgenommen, um ansehnliche Exemplare zu ersteigern und sie auf ihr Grundstück zu übersiedeln. Diese Aktion war eine der jährlichen Höhepunkte in der Arbeit als Ranger gewesen, die mehrere Wochen in Anspruch genommen hatte. Henrik und sein Zimmerkollege Mans hatten besonders viel Glück gehabt, genau zum richtigen Zeitpunkt vor Ort zu sein, um hautnah mitzuerleben, wie viel Aufwand hinter diesem ambitionierten Projekt gestanden war.
Henrik drückte „Play“ auf dem Bildschirm und tauchte einmal mehr in die Welt hinter den Kulissen eines Nationalparks ein. Es schien, als wäre während seiner Anwesenheit ein Kamerateam vor Ort gewesen, denn alles hatte sich beinahe genauso zugetragen wie er es hier im Flugzeug ein weiteres Mal aus der Zuschauerperspektive erleben durfte. Selbst die Konstellation der Hauptakteure war beinahe ident. Mehrere dunkelhäutige Ranger in jüngeren und älteren Jahren, ein hellhäutiger geschätzter Mittvierziger, der das Sagen hatte, sowie drei junge Menschen, die taten, was man ihnen anschaffte, doch ein wenig verloren wirkten. In ihnen erkannte Henrik die Volontäre, die offensichtlich in vielen Nationalparks zugegen waren und durch ihre Mithilfe Einblick in die tagtägliche Arbeit der Ranger erhaschen durften. Gewissermaßen machte er nun dieses einzigartige Spektakel, hautnah an einem der Big 5 dran zu sein, während des Videos noch einmal mit und vergaß instinktiv seine drohende Müdigkeit und seine anfänglichen Tendenzen, klassische Musik einzulegen. Die erste Herausforderung im Zuge der Schwerpunktaktion bestand darin, die Tiere im Areal aufzuspüren. Obwohl Büffel keine leicht zu übersehenden Lebewesen waren, gab es unzählige Möglichkeiten für sie, sich dem Blickfeld der Menschen zu entziehen und unauffindbar für die Ranger zu werden. Um sie aus der Reserve zu locken, war es vonnöten, früh los zu starten und die morgendliche Frische zu nützen, die die Tiere noch nicht zum Aufsuchen von Schattenplätzen zwang.
Henrik erinnerte sich lebhaft an die kühle Luft um diese Uhrzeit, während er, seine Volontärkollegen und einige der Ranger auf der Ladefläche des Jeeps gestanden waren und den durchdringenden Nebel über den Weiten der Savanne und die jungfräuliche Morgenstimmung durchquert hatten. Noch vor sechs Uhr früh waren sie gemeinsam in dieses Abenteuer aufgebrochen und hatten sich auf die Suche nach einer geeigneten Büffelherde aufgemacht, aus der ein Tier ausgewählt wurde. Der Tierarzt und Projektleiter hatte berichtet, wie oft sie in früheren Jahren ausgerückt und ohne Büffel zurückgekehrt waren. Nur weil sich der Mensch etwas fix einbildete, hieß das noch lange nicht, dass das Tier hierbei auch mitspielte.
Um eine Büffelherde aufzuspüren, wurde ein spezieller Trick angewandt. Henrik erinnerte sich noch daran, wie verdutzt er mitverfolgte, was sich die Mitarbeiter zurecht gelegt hatten und wie überrascht er darüber war, dass es tatsächlich funktionierte, die Tiere so anzulocken. Die Ranger nahmen sich eine Tonbandaufnahme zu Hilfe, auf der ein scheinbar verwundetes Büffeltier zu hören war. Einige Minuten lang ertönten die durchdringenden Hilfsgeräusche und bahnten sich ihren Weg durch den Nebel hinaus in die Natur. Wie aus dem Nichts tauchten in weiter Ferne nach nur kurzer Zeit unzählige Büffel auf und machten sich auf die Suche nach diesem einen offenbar verwundeten Herdenkollegen. Henrik berührte es immer wieder, wie sozial und hilfsbereit Tiere waren.
Dieser Teil wurde in der Dokumentation ausgespart. Der Film startete bei dem Abschnitt, wo das passende Tier bereits ausgewählt und betäubt wurde. Danach musste alles schnell gehen, und durchaus gerechtfertigte Hektik brach unter den Mitarbeitern aus. Während der Büffel betäubt auf dem Boden lag, band ihm jemand eine Augenbinde um, denn sobald er aufwachte, würden sich – ohne Augenschutz – Orientierungslosigkeit und damit verbundene steigende Aggressivität breitmachen. Der weiße Mittvierziger gab klare Anweisungen in die Runde und zählte auf gutes Teamwork, um das Prachtexemplar an Büffel auf die Bahre und von dort in den LKW hieven zu können. Dies verlangte höchsten körperlichen Einsatz von bis zu zehn Rangern, doch auch dann waren sie dem Tier bei dessen Körpergewicht völlig unterlegen. Die Aktion war riskant. Irgendwie schaffte es die engagierte Truppe jedoch, das Vieh in den Transporter zu ziehen und es in Richtung Main Camp loszuschicken. Dort wurde die Tür des LKWs geöffnet und das Tier in einen Käfig gelotst, wo es bis zur Versteigerung seinen vorübergehenden Wohnort fand. Die Aufenthaltsdauer dort sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Alle Teammitglieder mussten also rasch handeln sowie konsequent gut zusammenarbeiten. Beinahe tägliches Ausrücken der Mannschaft stand ab sofort auf dem Programm, um weitere Tiere einzufangen und auf den Transport in andere Nationalparks vorzubereiten.
Noch während der Abspann mit einer langen Liste an Beteiligten an der Entstehung der Dokumentation durchlief, starrte Henrik unaufhaltsam auf den Bildschirm und genoss die letzten Impressionen sowie die stimmungsvolle Musik, die das Naturerlebnis noch weiter unterstrich. Er spürte nun endlich eine richtige Portion Vorfreude in ihm aufkommen, die er bis dato in all dem Vorbereitungsstress vermisst hatte und freute sich auf die Erlebnisse, die vor ihm standen, von welchen er momentan aber vorerst nur zu träumen wagte. Eines war klar: Er musste regelmäßig aus seiner Schreibroutine ausbrechen und zeitlichen Platz für Naturerlebnisse schaffen, denn sie würden ihm einerseits Energie geben und ihn andererseits an alte Episoden zurückerinnern lassen. Für seinen Roman konnte er jede noch so kleine Erinnerung an damals gut benötigen, um fehlende Lücken, die nicht in seinem Tagebuch zu finden waren, zu schließen.
Immer noch fasziniert und zurückversetzt in die unvergessliche Zeit vor einem Vierteljahrhundert nahm er den Kopfhörer ab und machte unbewusst eine begeisterte Geste, die seine Sitznachbarin dazu animierte, den Damm zu brechen und erste Worte an ihn zu richten.
„Sie mögen Tiere, oder?“
Die Dame rechts von ihm blickte ihn mit einem Lächeln und einem offenen Gesicht an, als hätte sie den Startschuss für eine längere Konversation abgefeuert. Kurz überlegte er, wer auf so eine Frage wohl nicht mit „Ja“ antwortete. Das entsprach einer ähnlichen Art der Suggestivfrage, wie wenn ihn auf einer der beliebten Einkaufsstraßen seiner Heimatstadt Mitarbeiter einer Menschenrechtsorganisation ansprachen, die ihn mit einer Einstiegsfrage wie „Magst du Kinder?“ für eine Spende ködern wollten.
„Sie faszinieren mich einfach immer wieder“, entgegnete er ihr. „Ich war vor Jahren als Volontär in Südafrika. Diese Doku war wie ein Flashback.“
„Ach, dann sind Sie ja ein Insider. Wir hatten auch regelmäßig Volontäre auf unserer Farm. Meine Eltern sind Farmbesitzer. Naja, sie waren es.“ Die Dame in ihren Dreißigern zögerte und nahm einen Schluck aus ihrem Becher, der zur Hälfte mit Tomatensaft gefüllt war. Auch Henrik hielt inne und wartete darauf, bis sie fortfuhr.
„Ich stamme aus Simbabwe. Die letzten Jahre waren nicht gerade leicht für meine Familie und mich. Haben Sie die politischen Entwicklungen dort etwas mitverfolgen können?“
„Ich habe so einiges mitbekommen, doch wohl nur einen Bruchteil von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat. Simbabwe ist auch in Europa immer mal wieder in den Medien“, versuchte Henrik so wertfrei wie möglich zu sagen.
„Die Enteignungen haben auch meine Familie betroffen. Nun versucht mein Vater gerade, sich wieder etwas aufzubauen. Es ist nicht leicht, kann ich Ihnen sagen. Die Menschen dort wollen etwas tun, doch die Voraussetzungen sind nicht die besten.“
„Und Sie haben nun einige Zeit in Europa verbracht?“
„Nur drei Wochen. Ich war in London auf einer Fortbildung. Ich bin im Human Ressources tätig und reise in Südafrika, Namibia und Botswana von Unterkunft zu Unterkunft, um Trainings mit Mitarbeitern abzuhalten. Eines der Ziele ist besseres Kundenservice.“
„Das klingt spannend.“ Henrik war beeindruckt. Gerade schilderte ihm die Dame die schwierige Situation in ihrem Land und in der nächsten Sekunde schaffte sie es, ihn mit einem interessanten Jobprofil zu begeistern.
„Die Zeit in London war wahnsinnig intensiv, aber sehr aufschlussreich. Es ist einfach immer wieder faszinierend, wenn länder- und kontinentübergreifend gearbeitet wird. Man lernt so viel von anderen Kulturen.“ Sie nahm einen letzten Schluck von ihrem Saft und überreichte der Flugbegleiterin den leeren Becher. „Nur mit den Flügen hatte ich Pech. Mein Direktflug von London nach Johannesburg wurde gecancellt. Glücklicherweise konnte ich umbuchen.“
„Tja, Reisen setzt Flexibilität voraus“, entgegnete Henrik.
„Fliegen Sie auf Urlaub nach Südafrika?“
„Nein.“ Er ließ das kurze Wort wirken, um damit die Spannung auf die eigentliche Antwort zu erhöhen. Nun musste er sich noch die richtige Rückmeldung zurechtlegen, wie er das, was er vorhatte, möglichst interessant präsentieren konnte. Auch nach so vielen Jahren war er immer noch unsicher, wie Leute auf seine Berufswahl reagieren würden. Einige beneideten ihn und andere stellten ihn schlicht als Tagelöhner hin, der von der Hand in den Mund lebte.
„Ich reise zum Arbeiten nach Afrika. Ich bin Autor.“
„Oh wow! Dann muss ich mich jetzt entschuldigen, dass ich Sie nicht erkannt habe?“ Sie lächelte, während ihre Hautfarbe kurzfristig von Weiß auf ein helles Rot wechselte.
„Nein, keine Sorge!“ Henrik lachte laut auf. „Meine Werke haben es bis dato noch nicht nach Afrika geschafft. Meine Leser sind im deutschsprachigen Raum beheimatet.“ Plötzlich kam ein komplett neuer Gedanke in ihm auf. Warum sollte sein achter Roman nicht auch in Südafrika erscheinen, wenn er schon dort spielte?
„Verstehe“, sagte sie und nickte anerkennend. „Ich habe Autoren immer bewundert.“ Eine kurze Pause folgte dieser Aussage. Es schien, als wäre ihr das soeben Gesagte ein wenig unangenehm.
„Wo wohnen Sie und wie lange haben Sie vor, zu bleiben?“
„Ich habe ein Zimmer auf einer zum Addo Elephant National Park gehörenden Insel gemietet. Dort bleibe ich drei Monate und bringe hoffentlich ein fertiges Buch mit nach Hause.“
„Bird Island?“ Die Frage kam aus dem Mund seiner Gesprächspartnerin wie aus einem Maschinengewehr, während sie die Augenbrauen nach oben zog und auf eine erlösende Antwort hoffte.
„Kennen Sie die Insel?“ Für einen Moment hatte Henrik vergessen, sich einen sagenumwobenen Ort ausgesucht zu haben, der durchaus über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügte. Dass er dermaßen berüchtigt war, dass eine Dame aus Simbabwe etwas mit dem Namen anfangen konnte, wunderte ihn jedoch.
„Oh ja.“ Wieder folgte eine Pause. Offenbar wusste sie nicht, was sie entgegnen sollte, ohne ihr Gegenüber zu verunsichern und das Gespräch in eine unangenehme Richtung zu lenken.
„Waren Sie einmal dort oder beziehen Sie sich auf die Schauergeschichten?“ Henrik lächelte, um ihr zu signalisieren, dass er wusste, worauf er sich einließ und locker damit umging.
„Ja, ich war vor Ort. Für ein Training mit Mitarbeitern eines Apartmenthauses. War nicht die schönste aller Erinnerungen, muss ich gestehen.“ Sie stoppte die Erzählung kurz an diesem Punkt, ahnte aber wohl, ihn mit jener Aussage nicht zufriedenzustellen. Gespräche im Flugzeug hatten es jedoch so an sich, dass man ihnen aufgrund der beschränkten Platzsituation kaum ausweichen konnte. Und immerhin war sie es, die die Konversation begonnen hatte.
„Den Spuk habe ich zwar nicht am eigenen Leib erlebt, doch zwei Damen in meinem Alter haben Schlimmes mitgemacht. Angeblich!“ Mit dem letzten Wort betonte sie, dass jene Erlebnisse auf Erzählungen basierten.
„Ich habe auch gehört, dass es dort spuken soll, aber mal ehrlich… Was soll schon passieren? Außerdem sind – laut Erzählungen – ausschließlich zwei gemeinsam reisende Frauen gefährdet, etwas davon mitzubekommen. Da bin ich wohl kaum der Richtige. Sollte ich selber etwas vom Spuk mitbekommen, habe ich wenigstens Stoff für eines meiner nächsten Werke. Und übrigens, das Apartmenthaus, in dem Sie gearbeitet haben, muss die Unterkunft gewesen sein, in dem auch ich im Zuge meines Volontariats eine Nacht verbracht habe.“
Henrik versuchte damit die Stimmung aufzulockern. An Geister, Mystik, Übersinnliches und alles, was damit verbunden war, hatte er noch nie geglaubt und in seinem hohen Alter würde er kaum damit anfangen. Schon gar nicht, weil er selber bereits auf Bird Island war und nichts mitbekommen hatte.
„Was genau ist denn den beiden Damen passiert?“
„Zunächst fühlten sie sich nur verfolgt“, fing sie an zu berichten. „Sie meinten, dass eine Dame in Weiß hinter ihnen her war. Bald ging es aber tatsächlich um Handgreiflichkeiten. Sie erzählten von einem Würgegriff am Hals der einen. Das ging so weit, dass die zwei abreisen mussten. Genaueres weiß ich allerdings auch nicht.“ Sie senkte den Blick. „Aber Sie sind ja glücklicherweise ein Mann und bleiben bestimmt verschont“, versuchte sie die Situation zu retten.
Genau das deckte sich mit Peters Erzählungen. Frauen fühlten sich beobachtet sowie verfolgt und wurden angegriffen. Vielleicht würde er vor Ort Genaueres über jene unerklärlichen Phänomene erfahren.
„Wissen Sie schon, worum es in Ihrem neuen Werk gehen wird?“ Die junge Frau stellte die Frage, als würde sie in ein großes Geheimnis vorzudringen wagen, das gleichsam verboten wie reizvoll war.
Just in der Sekunde, als Henrik zum Einatmen ansetzte, um eine allgemeine, doch zufriedenstellende Antwort zu formulieren, sackte das Flugzeug mit einem Mal für den Bruchteil einer Sekunde nach unten. Ein Raunen ging durch die Sesselreihen, und auch die Flugbegleiterinnen, die gerade zum Austeilen weiterer Getränke begonnen hatten, erschraken sichtlich durch den unvorhersehbaren Ruck, der einmal mehr die Notwendigkeit von Sitzgurten verdeutlichte. Bis sich die Passagiere wieder erholten, dauerte es einige Momente, doch der Pilot zögerte nicht mit seiner Durchsage und forderte Gäste wie Mitarbeiter zum Hinsetzen und Anschnallen auf. Zwei Frauen und ein Kind, die gerade bei der Toilette angestanden waren, marschierten rasch zu ihren Plätzen zurück. Henrik schloss seinen Gurt noch enger, als könnte er damit seine Sicherheit erhöhen, während seine Sitznachbarin schier unbeeindruckt von dem unliebsamen Vorfall wirkte. Nur hatten sie beide vergessen, sich mitten im Gespräch befunden zu haben, denn Henrik machte keine Anzeichen, auf die Frage zu reagieren, und die Dame neben ihm hatte die fragende Mimik bereits aus ihrem Gesicht gestrichen.
„Fliegen wird nie meine Lieblingsbeschäftigung werden.“
„Ach, das gehört dazu“, entgegnete sie. „In dem Moment, in dem wir das Flugzeug besteigen, geben wir unsere Verantwortung an jemand anderen ab.“
Damit hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Wenn es nur so leicht ging, auch seine Ängste abzugeben.
„Ich heiße übrigens Karen.“ Sie reichte ihm ihre Hand mit einem Lächeln.
„Freut mich sehr. Ich heiße Henrik. Und wenn Sie mal in die Nähe von Bird Island kommen, geben Sie Bescheid. Ich bin ja – wie gesagt – drei Monate lang dort.“ Während er ihr dieses Angebot unterbreitete, suchte er aus seinem Handgepäck eine Visitenkarte heraus und übergab sie ihr.
„Ich lasse es Sie wissen“, sagte sie und warf einen interessierten Blick auf das Schriftstück.
Damit war die Unterhaltung der beiden vorerst beendet. Noch immer gab es Turbulenzen, denn der erste Ruck des Flugzeuges war nur der unverhoffte Einstieg in eine Stunden andauernde unruhige Flugphase, die kein Ende zu nehmen schien.
Henrik versuchte sich einmal mehr im Unterhaltungsprogramm, doch die einzige Dokumentation, die ihn interessierte, hatte er sich bereits angesehen. Mehr Reizvolles gab es vorerst nicht zu entdecken. Aus diesem Grund entschied er sich für die Variante, die er vorhin schon wählen wollte und tauchte in das Angebot von klassischer Musik ein. Beruhigende vertraute Klänge aus der Welt von Mozart konnten nun während dieses turbulenten Fluges nicht schaden und schafften es bestimmt, ihn auf andere Gedanken zu bringen.
Wieder kam ihm Bird Island in den Sinn, obwohl er – bevor er das Flugzeug bestiegen hatte – keinen Gedanken darauf verschwendet hatte, eine falsche Wahl getroffen zu haben. Zum ersten Mal von dieser ominösen Insel gehört hatte er während seines Volontariats, als er zu Arbeitsantritt mit einem der jüngeren Ranger ins Gespräch gekommen war. Sonst war sie beinahe nie thematisiert worden. Auch während seines Aufenthaltes auf der Insel selbst hatte der Spuk so gut wie keine Rolle gespielt. Er musste von den meisten Menschen schlicht missachtet werden.
Bird Island war nun für die kommenden Monate seine neue Heimat und daran würde er nichts ändern. Zu jenem Zeitpunkt hatte Henrik keine Ahnung, dass er seine Entscheidung bald bitter bereuen würde.
Am Weg nach Bird Island / Anfang Jänner
„Es war mir eine Ehre, neben einem Autor gesessen zu sein.“
Henrik fand, dass Karen mit ihrer Verabschiedungsfloskel übertrieb, schenkte ihr aber ein Lächeln und bedankte sich für das angenehme Gespräch.
Der Weg der beiden trennte sich vom Flughafen Johannesburg an, da Henrik noch ein Anschlussflug bevorstand, Karen aber schon an ihrem finalen Ziel angekommen war. Ihre nächsten Schulungen waren in einem mittelgroßen Hotel in der Stadt angesetzt. Beinahe erleichtert, nicht den Flughafen dieser berühmtberüchtigten Metropole verlassen zu müssen, kümmerte er sich darum, das richtige Gate zu suchen und im Vorbeigehen noch einen Blick auf ansässige Marken und deren Geschäfte zu werfen. Von Johannesburg hatte er bis dato nichts Gutes gehört. Überfälle waren dort angeblich an der traurigen Tagesordnung. Jene Zwischenfälle beunruhigten ihn stets mehr als angeblich erlebte Geistergeschichten von anonymen Menschen. Über eines davon konnte er sich bald persönlich ein Bild machen.
Afrika. Da war er nun. Ein Lächeln überkam ihn bei dem Gedanken, erst in zwölf Wochen das nächste Mal sein Flugzeug retour nach Europa besteigen zu müssen. Ein noch größeres Lächeln entwich ihm bei der Idee, nun endlich am Ort seiner Träume angelangt zu sein. Bereits seine ersten Atemzüge in der Flugzeughalle vermittelten ihm ein Gefühl der Freiheit und schöpferischen Ausdruckskraft. Links und rechts von ihm erstreckten sich überdimensional große Bilder von wilden Tieren. Dunkelhäutige Menschen in bunten Roben streiften an ihm vorbei. Durchsagen ertönten in verschiedensten Sprachen. Alles war fremd und doch so vertraut. Er war am anderen Ende der Welt und doch von einem warmen heimatlichen Gefühl umgeben. Ja, das war Afrika. Ein immer noch unerklärlicher Teil seiner selbst.
Während des Schlenderns durch die langen Flugzeughallen, die von farbenfroh gestalteten Einrichtungen erhellt waren, sprang ihm ein orangefarbenes Kleid ins Auge, das ihn zum Stehenbleiben zwang. Der Stoff zeigte ein typisch afrikanisches Muster. Genauer wusste Henrik nicht darüber Bescheid, hatte aber einmal gehört, dass Mode- und Afrikakenner ausmachen konnten, aus welchem Land ein Stoff stammte. Für ihn wirkten sie alle irgendwie ähnlich, sprachen ihn aber aufgrund der Farbkraft stets besonders an. Beim Betrachten und Begreifen des Kleides wurde ihm bewusst, dass er seit Abflug kein einziges Mal an seine frühere große Liebe gedacht hatte. Trotz der ausgedehnten Länge des Fluges hatte er sich mit anderen Themen befasst und war gedanklich schon einzelne Kapitel seines Werkes durchgegangen. Weder ihr Gesicht noch ihr Name hatten sich unter seine Tagträume geschlichen. Erst das Orange an der Schaufensterpuppe bescherte ihm ein tiefes Gefühl, das er so schon lange nicht mehr verspürt hatte. Und so war sie wieder präsent: Selma, seine große Liebe von vor fünfundzwanzig Jahren.
Das Kleid hätte von ihr sein können. Sie hatte Farben über alles geliebt, besonders weil sie sich in ihrem beruflichen Alltag einem einheitlichen Khakiton hatte beugen müssen. Privat hatte sie all ihren farblichen Vorlieben freien Lauf gelassen und damit gierige Blicke nur so auf sich gezogen. Henrik war sie jedoch auch in einheitlichen Tarnfarben aufgefallen. Ihr Gesicht alleine hatte bewirkt, seinen Blick nicht mehr von ihr nehmen zu können. Während der Arbeit war ihm dies zuweilen etwas unangenehm gewesen, schließlich hatte er sein Volontariat des Arbeitens willen absolviert und nicht, um eine Frau zu beeindrucken. Auch obwohl er noch so insistent versucht hatte, sich professionell zu verhalten und seine Energie auf den Erhalt des Nationalparks und die Unterstützung der Ranger zu konzentrieren, war ihm sein Vorhaben nicht zur Gänze gelungen. Henrik war Selma hoffnungslos verfallen – schon ab dem ersten Moment, in dem sich ihre Blicke getroffen hatten.
Die Verkäuferin wurde mittlerweile auf ihn aufmerksam. Er musste sich bereits mehrere Minuten mit dem farbenstarken Kleid beschäftigt haben. Auf die Frage, ob er etwas dazu wissen oder es sogar erwerben wollte, bedankte er sich und setzte seinen Weg zum Gate schließlich fort. Immer noch das prächtige Orange vor Augen und ihr Duft in seiner Nase, versuchte er sich wieder zu fokussieren. Sein Kurzflug nach Port Elizabeth würde eineinhalb Stunden dauern. Von dort wurde er von einem Bekannten von Peter abgeholt und zu einer Anlegestelle des Nationalparks gebracht, wo er mit einem Boot weiter nach Bird Island fuhr. Peter hatte großes Interesse gezeigt, seinen Freund persönlich vom Flughafen abzuholen, schaffte es berufsbedingt jedoch nicht. Es war derzeit unmöglich für ihn, einen freien Tag zu nehmen. Offensichtlich gab es aber Privatleute, die gerne andere Menschen chauffierten und sich etwas Geld dazu verdienen wollten. Auf Peter war einfach Verlass.
Als er sich seinen langjährigen Freund im Auto vorstellte, musste er unweigerlich schmunzeln. Während seines letzten Südafrika-Aufenthalts hatte Henrik Peter gebeten, ihn zu einem benachbarten privaten Nationalpark zu fahren und ihn im Anschluss an seinen Besuch dort wieder abzuholen, da er selber über keinen fahrbaren Untersatz verfügt und auch weder Busse noch Taxis auf der Strecke verkehrt hatten. Bereits bei der Hinfahrt jedoch hatte sich Peters in die Jahre gekommenes Auto unangenehm bemerkbar gemacht und konsequent undefinierbare Geräusche von sich gegeben, von den Startschwierigkeiten ganz zu schweigen. Sein Mitbewohner und er hatten nicht umhin gekonnt zu scherzen, dass das Gefährt die Rückfahrt womöglich nicht mehr überleben würde. Stunden später, zur vereinbarten Zeit, hatte von Peter jegliche Spur gefehlt. Der Grund für seine Abwesenheit war auf der Hand gelegen, denn Peter war niemand, der etwas zusagte, dann ohne Weiteres aber seinen Plan änderte, ohne Betroffene zu informieren. Eine knappe Stunde später hatte sich dem Parkplatz ein völlig anderes Fahrzeug genähert. Sein Fahrer? Peter. Hastig hatte er das Auto zum Stehen gebracht und die Tür geöffnet. „Tut mir leid, Leute. Mein Auto ist mir auseinandergefallen. Ich habe mir ein neues organisieren müssen.“ Unweigerlich waren die beiden Mittzwanziger in Gelächter ausgebrochen. So schnell ein Ersatzfahrzeug aufzutreiben, war eine durchaus passable Leistung gewesen. Dafür und für seine Zuverlässigkeit gebührte Peter jede Menge Respekt.
„Peters Freunde sind meine Freunde.“ Der nette Mann in seinen Fünfzigern griff in der Ankunftshalle des Flughafens Port Elizabeth nach seinem Koffer. Henrik wehrte sich nicht dagegen, obwohl er durchaus in der Lage gewesen wäre, sein Gepäckstück selber zum Auto zu tragen. Erst in diesem Moment merkte er, dass er nicht bei der Sache war. Die gesamte Kurzstrecke über hatte er tief und fest geschlafen und war erst bei der unsanften Landung wieder aufgewacht. Ein unangenehmes Gefühl blieb seither zurück, das er allerdings weniger auf die grobe Landung, sondern mehr auf seinen intensiven Traum zurückführte. Seit er sich von seinem viel zu engen Fensterplatz herausgeschält, beim Einreiseschalter angestanden, eine Toilette aufgesucht, seinen Koffer vom Gepäcksband aufgehoben und Geld von der Geldmaschine behoben hatte, versuchte er, den Traum zu rekonstruieren und diesen unangenehmen Emotionen auf die Spur zu kommen. Beinahe hätte er vergessen, nach jemandem mit einem Schild Ausschau zu halten, das seinen Namen trug.
