Insel der Waisen - Laurel Snyder - E-Book

Insel der Waisen E-Book

Laurel Snyder

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Beschreibung

"Neun Waisen auf einer Insel, allein auf der Welt Einer mehr und der Himmel fällt ..." Neun Kinder leben allein auf einer paradiesischen Insel. Woher sie kommen und wohin sie gehen, wenn die Glocke ertönt, weiß niemand. Die Insel versorgt die Kinder mit allem, was sie brauchen. Jeder weiß, wofür er verantwortlich ist und es gibt klare Regeln. Doch als Jinny, die Älteste, die wichtigste Regel bricht und als zehntes Kind auf der Insel bleibt, wendet sich diese gegen sie ... Eine Robinsonade mit Lieblingsseller-Potenzial: Magisch wie Marion Zimmer Bradley, utopisch wie Margaret Atwood und abenteuerlich wie Daniel Defoe.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2020

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1. Die Glocke und das Boot

Jinny hörte die Glocke läuten. Sie warf ihr Buch hin, stand von dem alten, braunen, langweiligen, aber so bequemen Sofa auf und ging zur Tür. Sobald sie aus der Hütte in die Abendluft hinausgetreten war, rannte sie los.

Alle liefen den Strand entlang – sausten auf die Bucht zu, herbeigerufen vom goldenen Läuten der Glocke, das so hell und klar die Abenddämmerung durchschnitt. Acht Kinder, die vom Feuerkreis oder der Außenküche herbeigesprintet kamen, aus ihren Hütten auftauchten und auf die Glocke und den groß gewachsenen Jungen zuströmten, der sie am Wasser läutete.

So war es jedes Mal, wenn die Glocke erklang.

In der Bucht reihten sie sich dann auf, atemlos starrten sie auf das Meer hinaus, um zu beobachten, wie das Boot im Sonnenuntergang näher kam. Sie standen da und warteten wie unterschiedlich große Zaunpfähle. Da war Deen, der neben Jinny aufragte und sich nun vorbeugte, um die Glocke sanft auf ihren Haken zurückzuhängen, und der kleine Sam neben ihm. Da waren die dünne Eevie, die mit gerunzelter Stirn das heranschwappende Wasser anstarrte, als hätte es ihr etwas getan, und Oz und Jak, die sich gegenseitig schubsten. Joon stand groß und kerzengerade am einen Ende der Reihe, den Blick konzentriert auf das Meer gerichtet, und neben ihr wartete geduldig Nat, die ein Buch in den Händen hielt. Dann gab es noch Ben, nur ein Jahr unter Jinny und fast genauso groß wie sie, der wie immer ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen hatte, während auch er geduldig auf das Wasser hinausstarrte.

Deen war derjenige gewesen, der das kleine grüne Boot entdeckt hatte, das aus dem Nebel aufgetaucht war, der sich wie ein Kranz um die Insel gelegt hatte, und das sich jetzt einen Weg durch die weiß schäumenden Wellen bahnte. Deen hatte die Glocke genommen und sie geläutet, um die anderen herbeizurufen. Deen war – für einen kurzen Moment – allein gewesen mit dem Wissen, dass es wieder Zeit für einen Austausch war.

Jinny fand das nicht fair Deen gegenüber. Schließlich war er an der Reihe, zu gehen. Er hätte nicht auch noch die Glocke läuten und dann da am Strand stehen müssen, allein auf sein Schicksal wartend. Jinny rückte etwas näher an ihn heran. Sie nahm seine kalte Hand und Deen hielt ihre Finger fest, verschränkte sie mit seinen eigenen. Aber er drehte sich nicht zu ihr um. Er hielt seine dunklen Augen fest auf das Boot in der Ferne gerichtet, daher tat Jinny es ihm gleich. Sie fragte sich, was er wohl gerade dachte. Seltsam ruhig wirkte er, gar nicht überrascht, fast so, als hätte er bereits auf das Boot gewartet. Aber sein Kiefer war angespannt.

In den nächsten wenigen stillen Minuten glitt das Boot in die Bucht und schmiegte seinen grünen Bug in den Sand zu ihren nackten Füßen. Dann kam der leere Vorher-Moment. Dieser seltsame Moment, nur einen Herzschlag lang, wenn neun Kinder am Ufer standen und in das Boot hineinspähten. Bevor irgendjemand ein Wort sagte. Sie alle nur starrten. Auf das zitternde Kind, das zurückstarrte.

Jinny wusste, dass sie diejenige war, die zuerst das Wort ergreifen, eine Hand ausstrecken und dem Kind auf die Insel helfen sollte. Schließlich würde das hier ihres sein. Ihr Mündel. Jinny war die Zweitälteste nach Deen und würde offiziell die Älteste werden, in dem Moment, in dem er in sein Boot stieg. Aber sie konnte ihre Füße einfach nicht bewegen. Sie war noch nicht bereit. Jinny krallte ihre Zehen in den feuchten Sand und drückte Deens Finger. Er drückte zurück, doch dann ließ er los. Ließ Jinnys Hand einsam zurück.

Letztes Jahr war ein Junge im Boot gewesen, der blonde Sam, der nun an Deens anderer Seite stand und schniefte. Immerzu schniefte er. Sam hatte zu Deen gehört, war hinter ihm hergestolpert wie ein Schatten, wo auch immer er hinging. Sam hatte sich mit Deen eine Schlafhütte geteilt, war immer dabei gewesen, hatte die Insel durch den großen Jungen kennengelernt, der sie nun so plötzlich verlassen würde.

Dieser Neuankömmling war natürlich ein Mädchen. Es war ein Mädchen-Jahr. Ihre Augen wirkten riesengroß in ihrem Gesicht, sie schien überwältigt. Ihr Kinn zitterte und ihre schwarzen Locken waren feucht vom Sprühnebel auf dem Meer. Das Mädchen war hübsch, aber das spielte keine Rolle. In Wirklichkeit sahen alle Kinder gleich aus, wenn sie in dem Boot saßen. Junge oder Mädchen, dick oder dünn, dunkel oder hell. Sie sahen feucht, verloren und rotznasig aus. Durch den Sprühnebel fing ihre Nase automatisch an zu laufen.

Alle warteten. Warteten auf Jinny, dass sie etwas sagen würde. Sie brauchte zu lange, das wusste sie, aber es war schwer, die richtigen Worte zu finden. Sie war wie versteinert in Anbetracht des Moments, den sie seit Hunderten von Nächten gefürchtet hatte. Schließlich zwang sie sich dazu, einen Schritt nach vorne zu machen. Ihre Füße stotterten im Sand, während sie mit einem Arm steif in das Boot griff, Hand geöffnet, Handfläche nach oben.

»Hey!«, rief sie viel zu laut. Ihre eigene Stimme klang in ihren Ohren nach. »Wie heißt du?«

Das Mädchen starrte Jinnys Hand an. Es öffnete den Mund und sah sich um, hinaus aufs Meer und den Strand hinunter, dann wieder zu Jinny und der Reihe neugieriger Kinder. Das neue Mädchen schüttelte fast unmerklich den Kopf.

»Ach, nun komm schon«, sagte Jinny. »Es gibt nichts, wovor du Angst haben musst. Komm raus!« Sie wollte nicht hineingreifen müssen, um das Mädchen zu packen. Sie wollte die Kleine nicht noch mehr verschrecken, als sie sowieso schon war. Alles würde so viel einfacher sein, wenn sie von allein herauskam.

Das neue Mädchen starrte Jinny einige angstvolle Atemzüge lang an, einige Wellen in der seichten Brandung lang. Alle warteten. Endlich sprach sie. »Mama?«, fragte sie und sah Jinny mit großen Augen an.

Jinny schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie. »Keine Mama. Wir haben hier keine Mamas. Aber alles wird gut. Ich verspreche es. Du musst nur rausklettern. Jetzt.« Sie wollte nicht herzlos klingen, aber das war immer so mit den Neuankömmlingen. Bald schon würde das Mädchen Mama vergessen. Es einsehen – es gab stattdessen die Insel. Die Insel war besser.

Das Mädchen kniff die Augen zu. Also holte Jinny tief Luft, trat noch näher und beugte sich vor. Sie setzte einen Fuß in das Boot und das Mädchen rief »Ah!«, als das Boot sich bewegte und unter Jinnys Gewicht leicht ins Schaukeln geriet. Aber es trieb nicht weg. Das Boot trieb nie weg.

Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, wie das Boot funktionierte. Es kam immer an der gleichen Stelle an, durch diesen dicken Nebel. Als würde es von einem unsichtbaren Seil gezogen werden. Dann legte es wieder ab, nur wenige Minuten später, und fuhr den gleichen Weg zurück. Das Boot, es schien verlässlich, so verlässlich wie die Sterne.

Jinny streckte die Arme nach dem Mädchen aus. Sie fasste sie unter den dünnen Ärmchen und zerrte sie mit Gewalt von der Sitzstrebe herunter, auf der sie gesessen hatte, und über die grüne Flanke des Boots. Dann schwang sie sich das Mädchen auf die Hüfte, sodass sie es etwas umständlich zurück zu den anderen Kindern tragen konnte, die immer noch in einer Reihe dastanden, und es dort wie einen nassen Sack im Sand absetzte. Heftiger als sie wollte, sodass das Kind ein verblüfftes »Uff!« ausstieß.

Danach verdrängte Jinny das Mädchen aus ihren Gedanken, denn es war an der Zeit. Das Boot war leer. Wartete. Jinny drehte sich zu Deen um und runzelte die Stirn. »Bist du … bereit?«

Deen nickte. Seine strähnigen Haare fielen ihm ins Gesicht. »Schätze schon«, murmelte er. »Es ist wohl Zeit, hm?« Er trat einen Schritt vor und drehte sich dann zu ihnen um. Dann ließ er seinen Blick die Reihe der Kinder auf und ab schweifen – er sah jedes von ihnen an.

»Also«, sagte Deen. »Okay …«

Jinny konnte ein ersticktes Schluchzen hören, als Sam aus der Reihe ausbrach, nach vorne rannte und sein Gesicht in Deens Bauch vergrub. Deen fasste nach unten und legte seine Hand beruhigend auf Sams Kopf, aber er redete gleichzeitig weiter.

»Hey, hey – ich werde dich vermissen, Kumpel. Aber es gibt keinen Grund zu weinen. Ich werde euch alle wiedersehen, auf der anderen Seite. Wenn Ihr an der Reihe seid. Stimmt’s?«

Niemand antwortete ihm, aber hinter Deen schaukelte das Boot ungeduldig auf und ab. Deen ging in die Hocke, um Sam zu umarmen. »Ich muss los, Sam-Man«, sagte er. »Aber du machst das schon. Die anderen werden sich um dich kümmern.« Er sah über seine Schulter zurück zu Jinny, als würde er ihre Unterstützung suchen. Aber seine Stimme war matt, wie sie es in letzter Zeit so oft gewesen war. Als hätte er die Wörter auswendig gelernt. Sie fühlten sich nicht wirklich echt an. Sie fühlten sich nicht so an, als würde er sie auch so meinen, jedenfalls nicht so, wie er es sollte.

Bevor Jinny reagieren konnte, trat Ben nach vorne. Er ging mit festem Schritt die Reihe der Kinder entlang, hob Sam hoch, schlang seine Arme um ihn und trug ihn wortlos weg. Sogar als Sam richtig zu schluchzen begann, konnte das Ben nicht beirren. Er ging zielsicher zurück zum Weg, der zu den Hütten führte. Es war toll, dachte Jinny, wie Ben anscheinend immer ganz genau wusste, was zu tun war. Ben war so besonnen. Sie fragte sich, wie es sich anfühlte, immer so besonnen zu sein.

Jedenfalls, es war besser, dass Sam weg war, dachte Jinny. Es gab nichts, was die nächsten paar Momente für ihn auch nur ein bisschen leichter machen könnte. Und wie oft konnte jemand schon Auf Wiedersehen sagen? Irgendwann würde die Sonne im Meer versinken. Deen musste ins Boot klettern, bevor es zu dunkel wurde. Jeder wusste das.

Eines nach dem anderen folgten die Kinder Bens Beispiel. Sie umarmten Deen zum Abschied und versuchten, ihre Tränen zurückzuhalten, oder auch nicht, und bummelten dann zu ihren Hütten zurück. Um zu essen oder zu lesen oder unter ihre Decken zu schlüpfen und in einen tiefen Schlaf zu fallen. Es würde eine stille Nacht werden. Das war immer so. Deen weinte nicht, daher zwang Jinny sich dazu, es auch nicht zu tun.

Schließlich waren alle anderen weg und Jinny und Deen standen allein zusammen, neben dem neuen Mädchen, einem winzigen Häufchen Mensch im Sand. So still, dass sie fast nicht da war. Deen stand immer noch da wie angewurzelt, starr und abwesend, also streckte Jinny sich, um ihn ein letztes Mal zu umarmen, mit dem heimlichen Wunsch, er würde wieder weich werden, zu seinem alten Selbst schmelzen. Sie vergrub ihr Gesicht in seinem Hals. Sie legte ihre Wange an sein scharf hervortretendes Schlüsselbein, sodass seine Haare ihre Wange kitzelten. Sie wartete darauf, dass er zuerst sprach. Ihr bester Freund. Ihr Bruder. Aber er sagte nichts. Er zog sich nur zurück, entzog sich ihrer Umarmung.

»Oh«, sagte Jinny.

Deen war der einzige Mensch, der schon hier gewesen war, als Jinny angekommen war. Sie konnte sich an jenen Tag nicht erinnern, und sie bezweifelte, dass er es konnte, aber trotzdem bedeutete es etwas. Denn soweit sie denken konnte, war Deen immer da gewesen, genau einen Kopf über ihr. Ihr stetiger Begleiter. Nun ging er fort und sie würde zur Ältesten werden, dem höchsten Baum, mit der längsten Erinnerung. Sie fühlte sich nicht bereit.

Der Segen eines Wechsels war, dass die Kleinen sich an ihre eigene Ankunft nie erinnern konnten. Oft vergaßen sie sogar ihre Ältesten im Laufe der Jahre, all die gemeinsam verbrachten Stunden, all die Lektionen, die sie gemeinsam gelernt hatten. Die Erinnerungen verblassten mit den Nächten.

Jinny konnte sich kaum noch Emma, ihre eigene Älteste, ins Gedächtnis rufen. Sie erinnerte sich lediglich an ein verschwommenes Bild aus roten Haaren und Sommersprossen, ein leises, hauchiges Lachen. Ein großes Mädchen, das ihre Hand so festgehalten hatte, dass ihre Fingerknochen wehgetan hatten, wenn sie nebeneinander die Felsen zu den Klippen hochgeklettert waren. Genauso würde Sam wohl nun auch Deen vergessen. Es war schwer, sich vorzustellen, dass es so kommen würde, aber sie waren so jung, wenn all das passierte. Was sie kannten – alles, was sie kannten – war die Insel selbst, jahrelanges Herumrennen am Strand, Singen am Feuer, Früchte von den Bäumen und Fische aus Netzen pflücken. Salz und Sand und Sonne. Sie kannten nur das Gute daran.

Dieser Wechsel würde für Jinny anders sein. Dieser Moment würde für sie nie verblassen. Das wusste sie, tief in ihrem Inneren. Sie konnte spüren, wie er sich in ihrem Gedächtnis einbrannte. Sie hoffte, Deen fühlte das Gleiche. Sie sah ihn an und prägte sich sein Gesicht ein – glatte Haut, mit scharfen Wangenknochen darunter. Hatte er immer so ausgesehen? So erwachsen? Wann war das passiert?

Jinny prägte sich auch das Gefühl dieses Moments ein – der grobe, feuchte Sand unter ihren darin vergrabenen Zehen, das Schwappen der Brandung, das Salz auf ihren Lippen. Sie befeuchtete sie mit ihrer Zunge. Deen konnte so tun, als würde es ihm nichts ausmachen, doch sie weigerte sich.

»Ich will nicht, dass du gehst«, sagte Jinny und schüttelte den Kopf.

Deen setzte ein gezwungenes Lächeln auf. »Jetzt bekommst du eben einmal nicht das, was du willst.«

Jinny sah ihn finster an. »Sag das nicht. Das ist nicht lustig.«

»Es ist nur für ein Jahr«, sagte Deen. »Dann sehen wir uns wieder.«

Er blickte jetzt zu ihr hinunter, stellte Augenkontakt her.

Irgendetwas an dem, was er gesagt hatte, irritierte Jinny, und ein Wortschwall brach aus ihr heraus, der sie beide überraschte. »Das weißt du doch nicht. Du weißt nicht, wohin das Boot fährt. Niemand tut das. Es könnte dich über den Rand der Welt bringen. Oder in das Maul irgendeines gefräßigen Seeungeheuers fahren, wie in einem Buch. Es ist schön und gut, vor den Kleinen fröhlich zu tun, aber in Wirklichkeit könnte es sein, dass du einfach bis in alle Ewigkeit auf das Meer hinaus segelst, bis du vor Hunger dahinsiechst. Oder etwa nicht?«

Deen starrte sie an, als würde er sie nicht wiedererkennen. »Na, das ist ja mal ein fröhlicher Gedanke«, sagte er steif.

»Das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen«, meinte Jinny. »Aber du weißt, es ist die Wahrheit, und dich scheint das überhaupt nicht zu kümmern. Es ist beinahe so, als würdest du weggehen wollen. Oder als wärst du schon weg. Als wärst du schon länger weg. Warum?«

»Hör auf damit«, sagte Deen. Er kickte gegen die Flanke des Boots. »So einfach ist das nicht, Jinny. Ich kann das nicht erklären … wie es sich anfühlt. Nicht einmal dir. Du würdest es nicht verstehen.«

»Versuch’s doch«, sagte Jinny.

Deen schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie. Außerdem muss ich in dieses Boot. Warum machst du es mir noch schwerer, als es sowieso schon ist? Warum willst du gerade jetzt einen Streit anfangen?«

Jinnys Mund klappte zu und sie senkte den Blick. Tat sie das denn gerade wirklich? Das war nicht ihre Absicht gewesen. Sie wollte nur, dass es ihm nicht egal war. »Tut mir leid«, murmelte sie. »Ich werde dich einfach vermissen, das ist alles. Und zwar sehr.«

»Natürlich wirst du das«, sagte Deen. »Geht mir genauso. Aber du weißt, ich habe hier keine Wahl.«

Jinny biss sich auf die Lippen und versuchte, nicht wieder das Falsche zu sagen. Doch sie konnte einfach nicht anders. »Na ja, vielleicht hast du ja eine Wahl. Ich meine, du könntest … bleiben.«

»Bleiben?« Deen blinzelte.

Jinny nickte und blickte wieder zu ihm hoch.

»Du weißt, dass ich das nicht kann, Jinny«, sagte Deen.

»Warum nicht?«

»Weil …« Deens Stimme wurde schroff, beinahe wütend. »Du kennst die Worte.« Dann sagte er sie auf:

Neun Waisen auf einer Insel,

allein auf der Welt,

einer mehr …

Jinny schnitt ihm mit einem scharfen Lachen das Wort ab. »… und der Himmel fällt?«

Deen zuckte mit den Schultern. »So heißt es im Lied.«

»Die Sache ist die«, sagte Jinny, »dass der Himmel nicht wirklich fällt. Schau ihn dir doch mal an.« Sie reckte den Hals und starrte in die verlässlich endlose Weite über ihnen. »Hast du je etwas so Beständiges gesehen? Es ist nur ein kleines, dummes Lied. Wer weiß schon, wer sich das überhaupt ausgedacht hat? Wahrscheinlich vor Jahren irgendeiner der Ältesten, um sein Mündel zu unterhalten. Ich könnte mir auch ein Lied ausdenken, wenn ich wollte. Ich könnte sogar reimen, wenn ich es versuchen würde.« Sie dachte einen Moment lang nach, dann fuhr sie fort: »Zum Beispiel so:

Jeder von uns muss mal gehn.

Nur nicht Deen – der bleibt hier stehn.

So! Wie wäre das? Wirst du jetzt bleiben, wo sich das doch auch so schön gereimt hat und so?«

Deen schüttelte genervt den Kopf. »Hör mal, Jinny, die Insel hat nicht umsonst ihre Regeln. Wir müssen sie befolgen. Erinnerst du dich daran, was damals passiert ist, als Tate die ganzen Kräuselfarne gepflückt hat, obwohl doch jeder weiß, dass man nichts komplett abpflücken soll, und zwar niemals? Und wie sie dann nie wieder nachgewachsen sind? Wir waren so sauer auf sie! Denk dran, wie gut diese Farne waren und jetzt sind sie weg.«

»Das ist was anderes«, sagte Jinny. »Diese Regel ergab ja auch Sinn. Aber die hier nicht.«

Deen hatte sich wieder weggedreht und starrte auf das grüne Boot. »Hör auf, Jinny. So funktioniert das nun einmal. Ich muss gehen. Und nächstes Jahr bist du an der Reihe. Also gewöhnst du dich besser schon mal an die Vorstellung. Was würde passieren, wenn wir alle einfach für immer hierbleiben würden?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Jinny. »Und du weißt es auch nicht. Es könnte doch sein, dass es okay wäre …«

»Aber es kann auch sein, dass es nicht okay wäre«, erwiderte Deen. »Und was, wenn der Himmel wirklich fällt? Was, wenn er in seine Einzelteile zerspringt?«

»Himmel zerspringen nicht, Deen.«

»Schluss jetzt, Jinny!« Deens Stimme war laut geworden und plötzlich war sie tiefer, als sie jemals gewesen war. Deen klang nicht wie er selbst. Er klang härter, älter. »Das Boot kommt, wann das Boot kommt. Du kannst nicht einfach immer nur das tun, wonach dir gerade ist. Und überhaupt …«

»Überhaupt was?«, fragte Jinny.

»Überhaupt …«, sagte Deen, »kann es ja auch einfach sein, dass ich bereit bin … für etwas anderes. Hast du vielleicht daran schon einmal gedacht? Dass ich neugierig sein könnte, was da draußen ist?« Er schaute auf das Meer und kniff die Augen zusammen. »Geht es dir nicht so? Wenigstens ein kleines bisschen? Willst du nicht sehen, was es da sonst noch gibt?«

Deens letzter Satz hing einen ganzen Moment lang zwischen ihnen in der Luft, bevor Jinny sagte: »Oh.« Sie sah auf ihre schmutzigen Füße im Sand hinunter. »Na ja, wenn du gehen willst, dann ist das etwas anderes. Dann will ich dir nicht im Weg stehen«

»Du wirst es verstehen«, meinte Deen, während er einen Schritt von Jinny wegging. »Das wirst du, wenn du an der Reihe bist. Es ist … anders. Du wirst dich auch verändern.«

Jinny schüttelte den Kopf. Sie schwieg. Was konnte sie darauf schon sagen? Sie wusste, wenn sie es versuchte, würde sie anfangen zu weinen. Deen hatte sich verändert. Er war schon seit vielen Nächten komisch gewesen, und sie hatte es gehasst.

Deen watete in die Brandung. »Ich will nicht mehr darüber sprechen«, sagte er, als er sich zum Boot umdrehte. Er wandte Jinny den Rücken zu. »Ich sehe dich, wenn du kommst.« Ohne auch nur einen weiteren Blick über seine Schulter zu werfen, rief er: »Tschüss!«

»Nein, Deen, warte!«, schrie Jinny. Deen konnte doch so nicht weggehen. Im Streit. Das würde er doch nicht tun.

Aber genau das tat er. Denn im gleichen Augenblick, in dem er sich auf das tiefe Sitzbrett gesetzt hatte, bewegte sich das Boot rückwärts in die Bucht hinein, drehte und rauschte davon. In einer schnurgeraden Linie, schnell hinaus auf das offene Meer, dorthin zurück, von wo es gekommen war. Nicht anders als in irgendeinem anderen Jahr. Das Boot wusste nicht, dass sie sich gestritten hatten. Das Boot gab ihnen keine extra Minute, um sich zu versöhnen. Das Boot hatte irgendwo zu sein.

Während er davonraste, drehte Deen doch noch den Kopf zu ihr herum. Er rief ihr etwas zu. Aber was? Jinny konnte sehen, wie sich sein Mund öffnete und wieder schloss. Er riss eine Hand hoch, aber was auch immer er sagte, verlor sich im Sprühnebel, der ihn allmählich verschluckte.

Jinny beobachtete, wie das Boot verschwand. So lange, bis alles, was sie noch sehen konnte, Wasser und Nebel und die weite Ferne war. Es war so schnell gegangen. Sie erwischte sich dabei, wie sie dastand, beide Arme in die Richtung ausgestreckt, in die das Boot verschwunden waren. Beide Arme mit ausgestreckten Fingern, bereit, nach etwas zu greifen. Als gäbe es etwas in der Luft, woran sie sich klammern konnte.

2. Zwei traurige Gestalten

Jinny ließ ihre Hände fallen. Ihre letzten Momente mit Deen waren die absolut falschen letzten Momente gewesen. Die schlimmsten letzten Momente, die sie sich vorstellen konnte. Sie hatte sich noch nie so verloren gefühlt. Oder so müde.

Erst dann erinnerte sie sich wieder an das Häufchen im Sand. Das neue Mädchen. Sie schaute hinüber. Das Kind hatte die ganze Zeit dagesessen, still, und hatte sie mit seinen großen braunen Augen beobachtet. Jinny ließ sich neben ihm im Sand nieder. »Na, das ist ein schöner Willkommensgruß für dich, schätze ich«, sagte sie.

Das Mädchen antwortete nicht. Es hatte sein Kinn zwischen die Knie geklemmt. Aus irgendeinem Grund wollte Jinny es ihm gleichtun. Sie schlang die Arme um ihre Beine, dann steckte sie das Kinn zwischen ihre Knie. Es fühlte sich gut an, knochig. Sie umarmte sich ganz fest selbst und hatte das Gefühl, sich daran erinnern zu können, zuvor schon einmal so dagesessen zu haben, als sie jünger war. Es fühlte sich vertraut an.

So saßen sie gemeinsam nebeneinander. Zwei traurige Gestalten im Sand. Beobachteten, wie der Tag im wolkenverhangenen Meer versank. Die Orange- und Pinktöne des flammenden Sonnenuntergangs zeigten ihre üblichen Wirbelmuster über dem Nebel, zogen Schleifen und Bögen. Heute Abend sahen die Formen aus wie Delphine. Oder vielleicht auch einfach Wellen, ruhige, sanfte Wellen. Das neue Mädchen starrte hoch, den Mund leicht geöffnet. Sie sagte aber nichts, während sie beobachtete, wie der Himmel sich bewegte und tanzte, in Formen und Farben getaucht war.

Jinny holte tief Luft, aber ihr Atem zitterte, als sie ihn wieder ausstieß. »Gefällt dir das?«, fragte sie nach einer Minute und zeigte zum Himmel. Ihre Stimme klang zerbrechlich in ihren Ohren, dünn.

Das Mädchen drehte nicht den Kopf, um sie anzusehen, aber sie nickte still.

»Die Sonnenaufgangsformen sind noch besser«, sagte Jinny leise zu ihr. »Die Bilder sind morgens klarer. Du wirst sehen.«

Langsam verblassten die Formen. Das Licht zog sich aus dem Himmel zurück. Es war dunkel, aber die beiden Mädchen saßen noch immer im Sand, als Jinny spürte, wie sich ein kleiner Kopf voller feuchter Locken an ihren Arm schmiegte. Das Mädchen seufzte tief. Es war ein großer Seufzer für so einen kleinen Körper. Es legte eine Hand auf Jinnys Fuß.

Jinny schrak vor der Berührung zurück, dann fing sie leise an zu weinen. Heiße dicke Tränen rannen über ihr Gesicht. Das Mädchen starrte sie in der Dunkelheit an, beobachtete sie, wie sie weinte, mit diesem intensiven Blick. Jinny wischte sich das Gesicht am Arm ab, schüttelte den Kopf und setzte sich kerzengerade hin. »Mir geht’s gut«, sagte sie. »Alles okay. Lass uns gehen!« Sie stand auf, klopfte sich den Sand von den Kleidern; und als sie das tat, ahmte das Mädchen sie nach.

Dann wurde Jinny klar – sie wurde ihrer Aufgabe nicht gerecht. Sie war jetzt die Älteste und ihr Mündel musste müde sein. Es war nicht die Schuld des neuen Kinds, dass Deen weg war oder dass er so abwesend und seltsam gewesen war, bevor er ging. Jinny legte umständlich einen Arm um das Mädchen und tätschelte zögernd ein paarmal seinen knochigen Rücken. »Hey, du hast uns noch gar nicht deinen Namen gesagt. Hast du einen Namen?«, fragte Jinny.

»Ess«, sagte das Mädchen leise.

»Ich kann mir vorstellen, dass du Hunger hast, aber wie heißt du?«

Das Mädchen legte den Kopf in den Nacken und sah zu ihr hoch. »Ess«, wiederholte sie.

»Gleich gibt es etwas zu essen. Sag mir doch erst deinen Namen!«, sagte Jinny.

Nun sah das Mädchen verwirrt aus. »Ess!«, rief es nun leicht schrill. »Ess.« Sie zeigte auf sich selbst.

»Du heißt Bess?«, fragte Jinny. Das passierte manchmal. Die Kinder konnten ihre eigenen Namen nicht richtig aussprechen. Sie waren zu jung, mit weichen, rutschigen Kleinkindzungen, denen die harten Konsonanten fehlten, die sie brauchten. Aber es spielte keine Rolle. Sie würde sich bald an ihren Inselnamen gewöhnen, wie auch immer dieser lauten würde.

»Ess«, wiederholte das Mädchen, sichtlich frustriert.

»Okay«, sagte Jinny. »Dann eben Ess. Los, komm mit.« Jinny wartete nicht darauf, dass Ess ihr antwortete. Sie griff nach der Hand des Mädchens und zog sie vom Strand weg, hin zu der Schlafhütte, die die beiden sich teilen würden, bis das Boot wiederkam.

Ess, die schniefnasig hinter ihr herstolperte, schien kaum ein fairer Tausch für Deen zu sein. Aber nun konnten sie alle tief Luft holen und mussten nicht über das Boot nachdenken, für so viele Nächte, wie das Jahr lang sein würde. Sie würden wieder zur Normalität zurückkehren.

Jinny zog Ess mit sich, während sie den Strand entlang und in das Camp zurückging. Dort schichtete Joon die Kohle für das Feuer auf, ihr Gesicht leuchtete in der Glut. Es war noch früh, aber die Kinder schwänzten am Abend nach einem Wechsel immer den Feuerkreis. Joon sah hoch, als sie vorbeikamen, aber Jinny blieb nicht stehen, um ein wenig mit ihr zu plaudern oder um Ess vorzustellen. Dafür würde am Morgen Zeit sein. Sie winkte ihr nur zu und ging zielstrebig den sandigen Weg hinauf, erklomm den Grat zu ihrer eigenen Hütte.

Wahrscheinlich waren die anderen heute Abend zusammen, dachte Jinny. Teilten sich eine Hütte und flüsterten unter den Decken. Oz und Jak. Nat und Eevie. Vielleicht war Ben bei Sam geblieben, nachdem er ihn zu seiner Hütte zurückgetragen hatte. Das sähe Ben ähnlich.

Jinny und Deen hatten in diesen seltsamen Nächten immer zusammen in einer Hütte geschlafen. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich einmal, vor Jahren, zusammen mit Deen in einer Wechselnacht davongestohlen hatte und wie sie sich mit ihren Decken und Kissen ein Bett in den hohen Gräsern der Steppe eingerichtet hatten. Als sie aufgewacht waren, war da eine Maus gewesen, die an dem Kissen zwischen ihnen herumgenagt hatte, und Deen hatte so laut geschrien, dass Jinnys Ohren rauschten. Jinny lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie Deen vom Boden aufgesprungen war und wie wild sein Bettzeug in einem albernen Tanz ausgeschüttelt hatte. Sie hatten danach nie wieder ihre Kissen mit in die Steppe genommen.

In ihrer Hütte angekommen, hob Jinny das Mädchen auf das Bett und zog ihm die winzigen Schuhe aus. Es war noch zu früh, um ins Bett zu gehen, aber Jinny hatte mit dem Tag abgeschlossen. Es war schon viel zu viel gewesen. Morgen würde sie besser mit der Situation zurechtkommen. Morgen würde sie wissen, wie sie mit all dem umgehen sollte. Hoffte sie.

»Gute Nacht, Ess«, sagte sie sanft. »Geh schlafen.«

Aber Ess legte sich nicht hin. Sie saß einfach nur auf dem Bett und starrte Jinny an, als würde sie auf etwas warten. Jinny fragte sich, was es war, das sie brauchte. Deen hatte ihr erzählt, dass er Sam manchmal abends etwas vorsang, aber sie fühlte sich seltsam bei dem Gedanken, dem Mädchen etwas vorzusingen. Sie kannten sich ja nicht einmal.

»Ähmmm … wie wäre es, wenn ich uns einen Tee hole?«, fragte Jinny. »Minztee. Willst du einen?«

Ess schien die Frage nicht wirklich zu verstehen, aber Jinny schnappte sich nichtsdestotrotz ihre Tasse vom Nachttisch und sagte nachdrücklich: »Warte hier.« Dann öffnete sie die Tür und ging hinaus.

Als sie an der Tür zu Deens Hütte vorbeikam, blieb sie stehen. Es wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass sie das nicht mehr war. Das war nicht mehr Deens Hütte und würde es auch nie mehr sein. Jetzt war es Sams Hütte. Ich muss sie sehen, dachte sie und öffnete langsam die Tür. Ich muss sie ohne ihn sehen. Sie holte tief Luft und warf einen Blick hinein.

»Hallo?«, flüsterte sie.

»Jinny?« Ein dünnes Stimmchen, allein in der Dunkelheit. Sam war wach. Ben war doch nicht bei ihm geblieben. Der Junge sah so winzig aus in dem Doppelbett. Blass wie ein Geist, seine blonden Haare auf dem Kissen.

»Oh!«, sagte Jinny. »Tut mir leid. Ich wusste nicht, dass du noch wach bist.«

»Ich will auch nicht wach sein«, sagte Sam. »Ich kann nicht schlafen. Warum bist du hier?« Er zog die Nase hoch.

Jinny sah sich suchend um, als könne sie eine Ausrede für ihre Anwesenheit auf dem Boden oder dem Fensterbrett finden. Sam und Deens Tassen standen auf dem kleinen Nachttisch. Sie sah auf ihre eigene Tasse in ihrer Hand hinunter. »Ich, ähmm … Ich dachte nur, ich könnte … Deens Tasse mitnehmen. Ist das okay?«

»Klar«, sagte Sam. »Schätze schon.«

Jinny griff mit ihrer freien Hand nach der Tasse, aber sobald sie sie in der Hand hielt, wurde ihr klar, dass sie mehr wollte. Sie wollte alles aus diesem Raum, wollte alles mitnehmen. Alles, was Deen zurückgelassen hatte. Die Sammlung von Grashüpferhäuten. Sein Schlafumhang, der an einem Nagel an der Tür hing. Sie nahm beide Tassen in eine Hand und streckte die leere nach dem Umhang aus. »Ich nehme das hier einfach auch mit und bringe das schnell für dich … zum Lumpensack. Okay?«

»O-kay«, sagte Sam. Wobei es sich für Jinny nicht gerade okay anhörte. Sie wünschte, sie wüsste, wie sie mit ihm sprechen sollte. Sie hatte nie so richtig herausgefunden, wie es am besten war. Stattdessen fuhr sie ihm durch die Haare, wie Deen es gemacht hätte. Nacht, Sam-Man, hätte er gesagt.

Dieses ganze lange Jahr lang, seitdem Sam angekommen war, hatte Jinny nie so richtig gewusst, was sie zu dem Jungen sagen sollte. Das war der Tag gewesen, an dem Tate fortgegangen, eifrig in das Boot gestiegen war. Tate war überhaupt nicht hin- und hergerissen gewesen. Sie war bereit gewesen, so wie sie immer bereit für ein Abenteuer gewesen war, und das hatte bei Jinny einen Stich hinterlassen. Sie erinnerte sich an den Moment, den Stich, den es ihr versetzt hatte, die Tränen in ihren Augen, während sie ihre aufgeregte Freundin zum Abschied umarmt hatte. Aber wenigstens hatte sie da immer noch Deen gehabt …

Wieso war es für die beiden so einfach gewesen – für Tate und Deen? Jinny wusste, dass es für sie nicht so sein würde. Sie würde nicht in der Lage sein, einfach in das Boot zu steigen, zu winken und sich wegzudrehen …

Sie sollte netter zu Sam sein, das wusste sie, sich mehr bemühen. Es war nicht seine Schuld, dass sich die Dinge verändert hatten, als er angekommen war. Aber es hatte sich ein bisschen so angefühlt, als sei es seine Schuld. Deen hatte ihn aus dem Boot gehoben, genauso wie Jinny Ess herausgehoben hatte. Hatte das Kind unter den Achseln gefasst, wo es dann baumelte, rotznasig und traurig. Dann, einen Moment später, war Tate weg gewesen. Das war der erste Abend gewesen, an dem Jinny und Deen nicht allein beisammen gesessen hatten, um vor dem Schlafengehen zu reden, während sie die Sterne von dem Weg vor ihren Hütten aus beobachteten.

Dann war da der nächste Morgen gewesen, als Jinny zum Frühstück gekommen war und Sam auf ihrem üblichen Platz neben Deen vorgefunden hatte. Auf der Stelle, bevor Jinny auch nur ein Wort gesagt hatte, sah Deen sie finster an. »Er ist noch klein und er ist mein Mündel, Jinny.«

»Ja, Jinny, kapiert?«, hatte Eevie mit höhnischem Lachen wiederholt.

Jinny hatte es kapiert.

Sam gähnte in seinem Bett und riss Jinny damit aus ihren Gedanken.

»Ich bin jetzt müde«, sagte er. »Okay?«

Das war ihr Stichwort. Die Tassen fest im Griff, Deens Umhang über die Schulter geworfen, drehte Jinny sich zur Tür um. »Ja, schon okay«, sagte sie. »Ich hoffe, du kannst heute Nacht gut schlafen, Sam.«

»Ich versuche es«, sagte Sam fast unhörbar flüsternd. Dann fügte er hinzu: »Du, Jinny?«

Jinny blieb stehen. »Ja?«

Sams Stimme durchschnitt die Dunkelheit. »Geht es dir gut?«

Einen kurzen Moment lang hielt Jinny inne, bevor sie zum Türknauf griff. Aber nur einen Moment lang. »Ja, alles gut«, sagte sie schnell. »Sehr gut. Gute Nacht, Sam.«

Dann öffnete sie die Tür und rannte los, mit den klappernden Zinkbechern in der Hand. Den Weg den Hügel hinab ließ sie sich fallen, sodass die Schwerkraft auf sie wirkte, sie dazu zwang, in Bewegung zu bleiben.

Der Himmel über Jinnys Kopf war klar und die Sterne strahlten wie üblich am schwarzen Himmel. Aber sie verschwammen, während sie den sandigen Weg hinunter zu den Dünen und den Strand entlangrannte. Es war schön wie eh und je, die Stille der Insel. Die nächtliche Brise, die sich in den großen, scharfblättrigen Gräsern verfing, das Zirpen und Klicken der Insekten. Durch das schnelle Tempo fühlte Jinny sich besser, so vollkommen allein in der vertrauten Nacht zu sein. Der grasbewachsene, sandige Weg war noch immer warm unter ihren Füßen. Nicht alles veränderte sich. Zum Großteil waren die Dinge noch genauso wie vorher.

Am Strand angekommen lief Jinny am Feuerkreis und dem langen Holztisch vorbei und ging auf Joon zu, die unter dem Blechdach der Außenküche stand. Am Kochherd trat Joon zur Seite, sodass Jinny nach der mit einem Lumpen umwickelten Kelle greifen konnte. Einmal am Tag füllte jemand den Wassertopf mit frischem Quellwasser, sodass immer etwas davon dampfend am Rand des Herds bereitstand.

»Geht’s ihm gut?«, fragte Joon, während sie die letzten paar Teller vom Abendessen abspülte, die jemand beim Läuten der Glocke zurückgelassen hatte. »Dem neuen Mädchen, meine ich?«

»Oh, ja«, sagte Jinny. »Schätze schon. Sie sitzt einfach nur auf meinem Bett und wartet. Aber ich weiß nicht so recht, was ich ihr sagen soll. Sie scheint verwirrt zu sein.«

»Natürlich ist sie verwirrt«, meinte Joon. »Das waren wir alle, anfangs. Wahrscheinlich.«

»Na ja, klar«, sagte Jinny. »Aber ich bin dadurch auch verwirrt. Und … ich weiß auch nicht. Traurig.«

»Wie könntest du auch nicht traurig sein, Jinny?« Joons Blick traf sie unverblümt, mitleidslos. »Deen war dein bester Freund.«

»Ich meine, sie macht mich noch trauriger«, sagte Jinny und atmete den Dampf des heißen Wassers in den zwei Tassen ein. »Oder … ach, ich weiß auch nicht, was ich meine. Ich wusste einfach nicht, was ich ihr sagen soll. Ich dachte, ich hole uns einen Tee.«

Joon zuckte mit den Schultern. »Tee schadet nie. Bitteschön.« Sie rupfte eine Handvoll frischer Minzblätter von dem duftenden Beet zu ihren Füßen.

Jinny steckte die Blätter in das dampfende Wasser und tauchte sie mit flinken Fingern unter. Dann nickte sie einen Gute-Nacht-Gruß und machte sich auf den Weg zurück zu ihrer Hütte. Insgeheim wünschte sie sich, es wäre gerade Ben am Feuer gewesen und nicht Joon. Ben hätte gewusst, wie sie sich fühlte, ohne dass sie es erklären musste. Ben hätte sie umarmt. Joon war schnell und klug und stark, aber sie geizte mit Zuneigung.

Als Jinny zu ihrer Hütte zurückkam, sah sie, dass Ess in ihrer Abwesenheit eingenickt war, einfach umgekippt war und auf der Decke lag. Wie sie so ausgestreckt mit dem Daumen im Mund neben dem Fenster lag, schien das Mädchen im Mondlicht zu leuchten. Jinny streckte die Hand aus, um sie zu berühren. »Ess?«, flüsterte sie. Das Mädchen sah so klein aus in Jinnys Bett. Ihre Locken waren immer noch feucht und damit jetzt auch das Kissen.

Jinny nahm einen Schluck aus dem Becher in ihrer Hand. Sie verbrannte sich mit dem Tee den Gaumen, aber irgendwie fühlte sich das Brennen beinahe gut an. Fühlte sich richtig an. Jinny nahm einen weiteren schmerzhaften Schluck und beobachtete das schlafende Mädchen. Dann setzte sie ihre Tasse ab, schlüpfte in ihren Schlafumhang und zog die Decke am Fuß des Bettes zurück.

Die Kinder schliefen immer so, Kopf an Fuß, mit einem Kissen an jeder Seite des Bettes, wenn sie ein Mündel hatten. Jinny erinnerte sich noch daran, wie Deen ihr davon erzählt hatte. Es war die erste Ältesten-Lektion von vielen gewesen. Nach seiner ersten Nacht mit Sam hatte er es ihr erklärt. »Damit sie dir nicht aufs Gesicht sabbern können«, hatte er gesagt. »Aber Vorsicht, wenn sie mit den Füßen treten!«, und Jinny musste laut lachen. Damals hatte es lustig geklungen. Es hatte alles so weit weg gewirkt.

Es hatte eine Menge Ältesten-Lektionen gegeben in diesen ersten Tagen, nachdem Sam angekommen war. Deen hatte ihr erklärt, dass sie das ABC-Lied singen solle, während das Mündel sich die Zähne putzte. Und er hatte ihr gezeigt, dass Baumsaft eine kleine Schnittverletzung oder einen Kratzer schließen und die Blutung stoppen konnte. »Kleine Kinder hassen es, wenn sie bluten«, sagte er. Sie war froh, dass sie sich jetzt an diese Dinge erinnern konnte, aber was war da sonst noch? Wie viel hatte sie vergessen? Sie hätte besser aufpassen sollen.

Ach, Deen.

Als Jinny an der blauen Decke zog, drehte Ess sich um und murmelte: »Mama?« Jinny zuckte zusammen, während sie ins Bett kletterte. Mama. Sie wünschte, sie könnte die Erinnerungen an dieses spezielle Wort sofort aus Ess’ Gedanken löschen. Es würde die nächsten paar Wochen so viel einfacher machen.

Trotzdem, während Jinny im Bett lag, ihre Zunge an ihren juckenden, verbrannten Gaumen drückte, dem nächtlichen Regen lauschte, der begonnen hatte, auf das Dach ihrer Hütte zu trommeln, und sich an Deens verschlissenen Schlafumhang klammerte, der so vertraut roch, konnte sie nicht anders, als sich zu fragen, wie sich das anfühlte … sich zu erinnern.

Leise, in der Dunkelheit, ließ Jinny ein paar Tränen zu.

3. Explodierender Morgen

Jinny wachte am nächsten Tag früh auf, weil etwas in ihrer Nase war. Erst rollte sie sich herum und versuchte, den Käfer, oder was auch immer es war, auszuschnaufen. Als der Käfer nicht davonflog, öffnete Jinny die Augen, bereit, das Insekt auf ihrem Gesicht totzuschlagen. Doch dann wurde ihr klar, dass der Käfer gar kein Käfer war, sondern ein Finger.

»Äh!«, rief sie, schlug die kleine Hand weg und setzte sich im Bett auf. »Was machst du denn da, Ess?«

Ess krabbelte schnell zurück zum anderen Ende des Bettes. Sie schaute verängstigt, aber ihr Gesicht wurde von einem albern aussehenden, schiefen Haarnest eingerahmt. Jinny konnte sich nicht helfen, sie musste fast über sie lachen.

»Warum hast du das gemacht?«, fragte Jinny und strich sich mit dem Handrücken über ihre Nase.

Die großen Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen. Wortlos schüttelte sie den Kopf, dann versteckte sie sich unter der Decke.

»Oje«, sagte Jinny und tätschelte die Beule unter der Decke. »Macht ja nichts. Alles okay. Nur bitte nicht weinen. Bitte. Okay?« Die Decke erzitterte weiterhin von Ess’ Schluchzern, daher griff Jinny nach einer Muschel auf dem Fensterbrett und sagte: »Hey, du bekommst ein Geschenk von mir, wenn du aufhörst. Willst du kein Geschenk?« Sie hielt ihr die Muschel hin.

Ess steckte den Kopf unter der Decke hervor, schluckte und nickte in Jinnys Richtung. Ihre Finger schnappten sich die Muschel, aber noch immer rannen ihr Tränen das Gesicht herunter, bis zum Kinn. Jinny beobachtete, wie die fallenden Tränen die Decke dunkel verfärbten. Sie fühlte sich hilflos.

Dann kam ihr ein Gedanke. »Hey!«, sagte Jinny, sprang vom Bett und gab sich Mühe, fröhlich zu klingen, um Ess abzulenken. »Hey, ich weiß was. Hast du Hunger?«

Das Mädchen sah zu ihr auf, noch immer weinend, jetzt aber hellwach. Sie nickte noch einmal und flüsterte bebend: »Ess Hu… Hunger.«

Jinny klatschte in die Hände. »Gut! Ich meine, nicht gut, nicht wirklich, aber ich weiß wenigstens, was wir dagegen tun können. Lass uns aufstehen und den Tag beginnen. Niemand außer uns wird schon so früh wach sein. Es ist immer noch ziemlich dunkel draußen. Magst du Eier?«

Ess zuckte kleinlaut mit den Schultern und schniefte ein paar Tränen zurück.

»Also okay, lass uns los!« Jinny drehte Ess den Rücken zu und schlüpfte so diskret sie konnte aus ihrem Schlaf­umhang und in ihre Tunika und Hose hinein. Als sie sich wieder umdrehte, um ihren Schlafumhang an seinen Haken zu hängen, sah sie, dass Ess gar nicht zu ihr hinschaute. Stattdessen war das Mädchen ganz darin vertieft, in der Nase zu bohren. Jinny wurde bleich bei dem Anblick, aber sie sagte nichts. Sie wollte Ess nicht wieder zum Weinen bringen, aber sie fragte sich trotzdem, wie sich eine Älteste bei einer Gewohnheit wie dieser wohl zu verhalten hatte. Deen hatte ihr keine einzige Lektion zum Thema Nasebohren gegeben. Jinny war sich sicher, sie würde sich andernfalls daran erinnern. Sie versuchte, nicht zusammenzuzucken, als das kleine Mädchen, immer noch den Finger in der Nase, vom Bett rutschte.

Aber als die zwei Mädchen aus der Hütte auf den sandigen Weg traten, verflüchtigte sich das Problem. Beim Anblick des frühen Morgenhimmels war Ess so überwältigt, dass sie den Finger des Anstoßes aus der Nase zog und beide Arme verzückt in Richtung Himmel hob. »Ahhh!«, stieß sie freudig japsend aus.

Der Himmel direkt über ihren Köpfen hatte eine blau-lila Färbung, noch getönt von den letzten Spuren der Nacht. In der Ferne, über dem Nebel, der über dem Wasser hing, fing die Sonne langsam an zu strahlen und zu scheinen und schickte goldene, sich windende Schlangen in die unendliche Weite des Himmels, um den Tag aufzuwecken.