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Man muss einen hohen Preis bezahlen, wenn man die Welt retten will
War das alles nur ein Traum? Hat ihm seine Fantasie nur einen Streich gespielt? Oder hat der sechzehnjährige Tim nach seinem Autounfall wirklich für kurze Zeit die Kräfte eines Bären in sich gespürt – hat er sich wirklich in ein wildes Tier verwandelt? Der mysteriöse Psychiater McIntyre jedenfalls glaubt nicht, dass das nur Einbildung war. Er nimmt Tim mit in sein Institut, wo der Junge auf andere Teenager mit vergleichbaren Fähigkeiten trifft. Fähigkeiten, die eine große Macht verleihen. Die aber auch eine tödliche Gefahr sein können …
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2012
Vincent Villeminot
INSTINKT
Vincent Villeminot
INSTINKT
Roman
Aus dem Französischen
von Carolin Müller
Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel Instinct bei Éditions Nathan, Paris
Copyright © 2011 by Vincent Villeminot
Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion: Catherine Beck
Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München,
unter Verwendung eines Motivs von © Randy Faris/Corbis Images
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-09215-3
www.heyne-fliegt.de
Für Théophile und Madeleine
Für alle, die wissen, dass sich in den Werken der Großen Bibliothek das Leben verbirgt und dass sich die Wahrheit oftmals zwischen den Zeilen finden lässt
»Homo homini lupus.«
(»Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen.«)
Titus Maccius Plautus: Asinaria, 212 v. Chr.
(Übernommen unter anderem von Erasmus von Rotterdam: Adagia, François Rabelais: Le Tiers Livre, Thomas Hobbes: De Cive, Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Alle diese bedeutenden Werke liegen in der Belletristik-Abteilung der Großen Bibliothek am Institut für Lykanthropie in den französischen Alpen vor.)
PROLOG
01
Die Rückkehr
Seit sie im Auto ihrer Eltern den Flughafen hinter sich gelassen hatten, lauschte Tim Bens Erzählungen. Und Benjamin Blackhills war gar nicht zu bremsen. Er erweckte den Anschein, als könnte er ein ganzes Leben lang weiterreden – dabei war er nur sechs Monate weg gewesen. Diese Zeit hatte er in British Columbia verbracht, wo er bei einer archäologischen Ausgrabung des Fachbereichs für Anthropologie indigener Völker Mittel- und Nordamerikas mitgeholfen hatte. Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Ausgrabungsteams hatte er die Überreste zweier »Dörfer« untersucht, von denen man nicht wusste, ob es sich dabei um die ersten Spuren der Kwakiutl-Kultur handelte oder um frühe Siedlungen der Nootka-Indianer. Schließlich waren sie Richtung Pazifischer Ozean vorgerückt und hatten an der Küste Ausgrabungen an einem früheren Lagerplatz der Salish vorgenommen.
Aber das interessierte ihre Eltern nicht. Ihre Mutter war unfähig, sich auch nur einen einzigen Stammesnamen der kanadischen Indianer zu merken – sie sagte immer nur: »eure Rothäute«.
Doch nun saßen sie zu viert für mehrere Stunden im Auto fest, und darum ließ Tim seine Eltern alle möglichen trivialen Fragen stellen, die er und sein Bruder ihnen schon zwanzig Mal beantwortet hatten. Ihm genügte es, in Gedanken immer wieder Bens einen Satz zu drehen und zu wenden. Und wie hatten seine Augen geleuchtet, als sie am Flughafen aufeinandergetroffen waren: »Wir hatten recht … Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie recht wir hatten.«
Seit vier Tagen hatte Tim nicht mehr schlafen können, weil er immer an das bevorstehende Wiedersehen mit seinem älteren Bruder denken musste: Und wenn sich Ben bei seiner Rückkehr verändert hätte? Wenn er nun gar nicht mehr mit Tim zu den »Gebrüdern Blackhills« werden wollte, Forscher, Archäologen, Abenteurer im hohen Norden? Wenn sie sich nicht mehr verstünden?
Aber nein, mit zwei Sätzen, die all die hundert E-Mails bestätigten, die sie sich geschrieben hatten, hatte Ben ihm gesagt, dass der Traum weiterlebte. Und dass sie ihn gemeinsam weiterträumen würden. Mit einem Mal war die nervöse Anspannung von Tim abgefallen, und die Müdigkeit der schlaflosen Nächte lastete plötzlich schwer wie ein Mantel auf seinen Schultern. Jetzt, während der verbleibenden zwei Stunden Autofahrt, würde Tim schlafen und die Eltern seinen Bruder mit ihren Fragen löchern lassen. Und dann wären sie endlich unter sich, Ben und er.
Er lehnte den Kopf gegen die Scheibe und registrierte noch einige Sekunden unbewusst alles um sich herum: rechts der weiße Sicherheitsstreifen, der draußen vorbeihuschte, die langsam verschwimmende Landschaft der Außenbezirke von Seattle, die Berge am Horizont …
Er hörte den Schrei im Schlaf, dann das Quietschen, als sie ins Schleudern gerieten, das Bersten des sich zusammenknautschenden Karosserieblechs. Träumte er noch?
Vier Tage später im Krankenhaus erinnerte er sich nur noch an eines: Er war ans Autofenster gelehnt eingeschlafen, und der Schrei seiner Mutter, das Krachen des Unfalls hatten ihn geweckt.
Danach war da nur noch eine weiße Wand. Ein vollkommenes Weiß, das minutenlang anhielt – oder waren es Stunden? Er behielt keinerlei Erinnerung daran.
02
Der Geruch des Todes
Er hob den Kopf. Kein Laut.
Ein Unfall, wir hatten einen Unfall, wiederholte er in Gedanken immer wieder. Seine Nase blutete. Auch im Mund war der Geschmack von Blut. Trotz der tiefen Dunkelheit, die ihn umgab, gewöhnten sich seine Augen nach und nach daran.
Er wollte sich an der Wagentür abstützen, aber sie war weiter entfernt, viel tiefer unten, als er gedacht hatte. Der Sitz seiner Mutter vor ihm war auch nicht mehr an seinem Platz. Das ganze Auto war auf die rechte Seite gekippt, wie ein Schiff, das auf Steuerbord Schlagseite hat. Sie mussten in den Straßengraben gerutscht sein. Durch die tausendfach gesprungene Windschutzscheibe glaubte er, die Straße zu erkennen, zwei Meter über ihnen. Sie war gesäumt von Nadelbäumen, von hohen Fichten. Also hatte der Unfall stattgefunden, als sie durch einen Wald gefahren waren.
Jetzt sah er besser, beinahe deutlich, trotz der dunklen Nacht. Draußen musste irgendetwas die Straße erhellen. Die Scheinwerfer des Autos funktionierten nicht mehr, denn sie waren zusammen mit der Motorhaube eingedrückt worden. Indem er sich an der Wagentür abstützte, gelang es ihm schließlich doch, sich aufzurichten. Seine Ellbogen schmerzten, eigentlich taten ihm alle Gelenke weh. Vom Aufprall. Er fühlte sich in der Fahrgastzelle eingeklemmt, als wäre das Auto plötzlich zu winzig für ihn. Bestimmt hat sich die Karosserie verzogen, dachte er.
Nur mit Mühe und ganz langsam konnte er einen klaren Gedanken fassen. So wie man aus einem künstlichen Schlaf erwacht und vorsichtig wieder Fuß im Leben fasst.
Die Stille im Hintergrund wurde deutlicher, körperlicher. Man hörte nichts weiter als den Wind, der über den Wagen mit den zerbrochenen Scheiben strich. Seltsames metallisches Klirren mischte sich in regelmäßigen Abständen hinein – vielleicht klapperten Teile des Motors, nachdem sie beim Aufprall herausgerissen worden waren. Vielleicht tropfte aber auch irgendwo eine Flüssigkeit heraus. Sonst nichts. Keine menschliche Stimme, kein Klagen. Nichts. Bloß Grabesstille.
Warum sagen sie denn nichts? Warum sagt Ben mir nicht, dass alles gut ist?
Tims Gehirn arbeitete in Zeitlupe.
Und unsere Eltern, warum schweigen sie?
Die Angst brauchte noch ein paar Sekunden, um bis in sein benommenes Bewusstsein vorzudringen, doch dann war es, als würde ihm das Blut in den Adern stocken.
Sagt was, verdammt!, wollte er plötzlich schreien. Sagt was, sagt irgendetwas!
Er konnte die Worte nicht aussprechen; er wusste, dass sie ihm nicht über die Lippen kämen, sein Hals war rau und trocken wie eine Eiswüste.
Versuch es. Sag was, Tim …
Er öffnete die Lippen, befeuchtete sie mit der Zunge. Inmitten dieser einfachen Bewegung traf ihn etwas mit voller Wucht. Eine überwältigende Sinneswahrnehmung, oder besser gesagt eine Vielzahl davon; dutzende Schattierungen, die seine Nase und seinen Hals überfluteten und in seinen Schädel eindrangen. Gerüche. Hunderte, Tausende Wahrnehmungen, die sich vermischten und doch deutlich voneinander unterschieden. Verbrannter Gummi, der Wald, durch den sie gefahren waren, der Wind, der durch die zerborstene Windschutzscheibe drang, warmer Teer, dampfend, regennass, das Moos im Unterholz. Blut …
Es gab noch andere Gerüche, Pflanzendüfte, Maschinenflüssigkeit, Körpersäfte, ölig, organisch. Er konnte sie erkennen, benennen. Aber darunter war einer, der sich gegen alle anderen behauptete, sie geradezu erdrückte. Ein wuchtiger Gestank, beunruhigend und klebrig, der durch den Innenraum waberte. Der Geruch des Todes.
Tim beugte sich nach links. Er beschnupperte Ben, eingehend, behutsam, und wich dann instinktiv zurück. Sein Bruder war tot.
Er sah den Blutfaden, der aus Bens Ohr lief, sein gebrochenes Genick, das diesen seltsamen Winkel hatte, das Kinn, das auf seiner Brust ruhte. Er atmete nicht mehr. Tim wusste, dass er sonst einen Atemzug wahrgenommen hätte, dass er den Geruch von Leben eingeatmet hätte, selbst wenn sein Bruder nur noch ein Fünkchen davon in sich getragen hätte.
Benjamin Blackhills war tot.
Es war völlig überflüssig, sich dessen zu vergewissern, mit ihm zu reden oder ihn minutenlang zu schütteln. Er nahm die Information auf, ruhig, als habe sie nichts mit ihm zu tun; er drehte sie in seinem Kopf hin und her, um sich davon zu überzeugen und sie nachhallen zu lassen. »Ben ist tot.« Er wäre gern entsetzt gewesen.
Sein Gehirn, seine Gedanken waren noch immer wie betäubt. Er wollte nachdenken, sich konzentrieren, um herauszufinden, was zu tun war.
Jetzt schau nach deinen Eltern, sagte er sich und zwang sich, die Augen auf den vorderen Teil des Wagens zu richten. Du musst es schließlich wissen – aber er kannte die Antwort bereits. Der Kopf seines Vaters war nach hinten gesackt; die Augen, weit aufgerissen und an die Decke gerichtet, sahen nichts mehr. Die gekrümmte Gestalt seiner Mutter lehnte an der Wagentür, schlaff wie ein Lumpensack.
Er lehnte sich nacheinander zu ihnen vor, obwohl er das Gefühl hatte, sich kaum im Sitz bewegen zu können. Er schnupperte an ihnen, beugte sich so nah er konnte heran – sie waren tot. Auch sie verströmten diesen faden, charakteristischen Geruch.
Er berührte sie nicht.
Seine ganze Familie war ausgelöscht. Noch immer lief ihm Blut aus der Nase in den Mund. Es schmeckte bitter.
Unter die Gerüche, die ihm Nase und Hals überschwemmten, schmuggelte sich plötzlich ein weiterer. Bedrohlich, mineralisch, die Ankündigung einer Gefahr. Etwas, das er nicht auf Anhieb benennen konnte, das ihm aber in einem Augenblick höchster Konzentration schließlich bewusst wurde, als zöge er dieses Wissen aus einem archaischen Teil seines Gehirns: Benzin. Es strömte aus, irgendwo im Auto.
Er musste hier raus, schnell.
Jetzt mach schon, Tim …
Wenn er gekonnt hätte, hätte er es laut gerufen. Aber er bekam kein Wort heraus …
Er versuchte, die Tür zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. Seine Hände gehorchten ihm nicht, plump und unbrauchbar – sie fühlten sich dreimal so dick an. Oder waren es bloß noch Stumpen? Schau hin …
Nein, schau nicht hin.
Tim erinnerte sich an die Bergtour auf den Gilbert Peak, die er im Jahr zuvor mit seinem Bruder gemacht hatte und bei der er sich einen offenen Bruch am Handgelenk zugezogen hatte. Ben hatte gesagt: »Sieh bloß nicht hin, solange du nicht in der Lage bist, dich zu behandeln. Hinsehen bringt gar nichts, es lindert die Schmerzen überhaupt nicht. Und ich kann dich nicht tragen, wenn du ohnmächtig wirst.«
Selbst aus der Welt der Toten gab Ben ihm immer noch Ratschläge: Erst mal raus hier, am Leben bleiben, dann konnte er immer noch seine Verletzungen begutachten …
Der Benzingeruch versetzte ihn mittlerweile in Panik, er wurde noch eindringlicher als der Geruch des Todes – und dann mischte sich noch ein weiterer darunter: Rauch. Irgendwo hatte sich irgendetwas entzündet, vorne unter der Haube, im Motor – wenn die Funken erst den Tank erreicht hätten, würde das ganze Auto in Flammen aufgehen. Und er würde bei lebendigem Leibe verbrennen.
Tim warf sich mit der Schulter von innen gegen die Wagentür. Sie hielt stand. Vor Schmerz verzog er das Gesicht. Auch seine Schulter war verletzt – aber er hatte keine andere Wahl. Wieder warf er sich dagegen. Das zerstörte Auto, sein Gefängnis, schien zu kippen und landete schließlich wieder auf den Reifen.
In diesem Augenblick hörte er das Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs. Rettung? Durch die zersplitterte Windschutzscheibe sah er das gleißende Licht zweier Scheinwerfer auftauchen. Sie kamen näher, hielten an – Tim würde sich nie erklären können, wie der Fahrer erahnt hatte, dass dort gerade ein Auto im Straßengraben gelandet war. Und zum ersten Mal packte ihn wirklich Angst. Die Rettung, die nun schon so nah erschien, konnte ihm noch immer entwischen.
Sein Hals und sein Mund weigerten sich weiterhin zu schreien. Beißender Rauch breitete sich im Inneren des Wagens aus. Er hörte, wie sich eine Autotür öffnete, dann noch eine. Zwei Personen sprachen miteinander, er konnte sie trotz der Entfernung deutlich hören – schrien sie etwa? Eine Frau sagte zu einem Mann, dass sie Rauch sehe, dass alles explodieren werde.
»Geh da nicht hin, bitte!«
»Wenn noch jemand am Leben ist, muss man sie da rausholen.«
Vorsichtig näherten sich Schritte auf dem Asphalt. An der Böschung verharrten sie zögerlich.
Schrei schon, verdammt, schrei! Tim musste sich am Hals verletzt haben, irgendwo am Kehlkopf – er blieb stumm. Ein weiterer Stoß mit der Schulter gegen die Wagentür ließ ihn vor Schmerz beinahe bewusstlos werden, aber langsam gab die Tür nach.
Der Mann kletterte die Böschung hinunter, Tim nahm im Wind seinen Geruch wahr, als er sich näherte. Schneller, schneller …
Er rüttelte von innen an der Karosserie des Wagens, damit der Mann, für den Fall, dass er es sah, begriff. Dann, nach einem weiteren Schulterrammen, flog die Tür mit einem metallischen Knirschen auf. Getragen vom Schwung purzelte Tim überrascht hinaus.
Er rollte noch ein bisschen weiter die Böschung hinunter. Schließlich fand er sich auf allen vieren im triefnassen Gestrüpp wieder.
Für den Bruchteil einer Sekunde atmete er die feuchte Luft ein und lauschte konzentriert dem Rascheln der Bäume. Trotz des Rauchs nahm er erneut den Geruch des Waldes, der Freiheit wahr. In diesem kurzen Moment verspürte er große Dankbarkeit.
Er war draußen. Er war am Leben.
Der Mann musste sich noch auf der anderen Seite des Autos befinden. Hatte er das Geräusch der auffliegenden Tür gehört? Seinen Sturz? Tim musste dem unbekannten Retter dabei helfen, seine Familie aus dem Autowrack zu befreien, bevor es in Flammen aufging …
Er kam um den Wagen herum, ohne sich aufzurichten, und trat auf einen abgebrochenen Zweig. Der Mann, der das Knacken gehört hatte, richtete eine Taschenlampe auf ihn. Seine Augen weiteten sich, er machte zwei hastige Schritte rückwärts und riss mit einem Ausdruck des Entsetzens den Mund auf.
Was war mit ihm?
Tim rappelte sich auf die Beine hoch und bemerkte, dass er den Mann um gut zwei Köpfe überragte – war er etwa ein Zwerg? Sein Retter wich panisch immer weiter vor ihm zurück und stammelte: »Mein Gott, mein Gott …« Dann ließ er die Taschenlampe fallen und versuchte unbeholfen, rutschend und sich an nassem Gestrüpp festhaltend, die Böschung wieder hinaufzuklettern.
Tim witterte den Geruch von Angst, diesen ranzigen, beißenden Schweißgeruch, der von dem Mann ausging. Er wollte ihn verstehen, mit ihm reden, wissen, was …
»Aaaaah … Er kommt dir hinterher!«
Die Frau, die beim Auto geblieben war, stieß einen schrillen Schrei aus, als Tim zwei Sätze hinter ihrem Mann hersprang. Sie starrte ihn an, entsetzt hielt sie sich die Hand vor den Mund.
Da hörte Tim ein anderes Geräusch, weiter entfernt, im Unterholz. Er reckte die blutige Nase in die Luft und nahm einen Geruch wahr, den er auch über mehrere Kilometer wiedererkannt hätte: einen Moschusduft, wild und köstlich … Mit zwei weiteren schnellen Sätzen erreichte er die Straße und befand sich zwischen dem Mann und der Frau. Kurz erhob er sich auf die Beine, dann ließ er sich wieder auf alle viere fallen, überquerte zwischen ihnen den Streifen Asphalt und verschwand im tiefen Wald. Dort hatte er seine künftige Beute gewittert.
03
Der Fluss
Er rannte durchs Dickicht. Er musste nicht langsamer werden, um dem Blutgeruch auf der Tierfährte zu folgen. Das Damwild war verletzt, es verlor viel der lebenswichtigen Flüssigkeit. Tim wusste, dass es Damwild sein musste, er witterte seinen Geruch, diesen ganz eigentümlichen, würzigen Duft. Er kannte ihn von jeher.
Er hatte Hunger.
Er wollte in dieses Fleisch beißen – während er der Fährte des verletzten Tiers folgte, waren seine Nerven zum Zerreißen gespannt. Er wollte sich auf die Beute stürzen, ihr mit seinem Gewicht das Rückgrat brechen und spüren, wie das Leben dieses Tier verließ, bevor er es zerreißen würde.
Fressen, das Damwild fressen.
Zweige peitschten ihm ins Gesicht, dorniges Gestrüpp zerkratzte ihn. Er schloss die Augen. Trotz seiner schmerzenden Gliedmaßen, den beim Unfall verletzten Gelenken und der lädierten Schulter war er schnell.
Rennen. Töten. Fressen.
Weit hinter sich hörte er die Explosion – das Auto seiner Eltern musste in Brand geraten sein. Hatte der Mann es noch geschafft, seine Familie herauszuholen? Er schenkte Benjamin, John und Geneva Blackhills nur einen kurzen Gedanken. Einen merkwürdig verworrenen Gedanken, ihr Schicksal schien ihm mit einem Mal so fremd. Für sie war es ohnehin zu spät.
Er fragte sich auch nicht, ob sein Retter bei der Explosion verletzt worden war. Er dachte nur noch an eines: das Wild – es zu finden, es zu töten, es zu verschlingen.
Jetzt fraß er.
Er hatte den großen, verletzten Hirsch aufgestöbert, der im Dickicht zitternd seinem Ende entgegensah. Das Blut rann in Strömen über den linken Hinterlauf und die gelähmte Kruppe des Tiers – seine Verwundung hatte sich durch die Flucht noch verschlimmert. Tim hatte nur einen Prankenhieb gebraucht, um den Hirsch zu reißen, der vor Erschöpfung, Schreck und Resignation schon halbtot war. Dann hatte er seine Reißzähne in das zuckende, würzige Fleisch gehauen.
Plötzlich riss er den Kopf hoch. Was tat er da eigentlich gerade? Was passierte mit ihm?
Er betrachtete seine Pranken mit den langen Krallen, die sich in den Körper des Wilds bohrten. Das graubraune Fell, das seinen Körper bedeckte. Seine Gliedmaßen, blutverschmiert, kräftig, riesig, Pranken, die zum Töten gemacht waren, wie es von jeher für die seiner Art galt.
Seine Art …
Er gehörte einer Art an, die sie in- und auswendig kannten, Ben und er. Aber sein Gehirn schien wie gelähmt, unfähig, das richtige Wort zu finden. Er würde Ben danach fragen müssen. Aber Ben war …
Ben. Er war tot, kam es ihm nun wieder in den Sinn. Er hatte es im Auto gerochen.
Ein seltsamer Ekel überkam ihn. Sein Gesicht war vom Blut des Wilds verschmiert. Er verspürte keinerlei Hunger mehr, sondern nur noch tiefe Abscheu. Was tat er hier nur – er war mitten im Wald und verschlang einen verletzten Hirsch, während sein Bruder und seine Eltern tödlich verunglückt waren?
Nur einen Augenblick später erschien ihm diese Frage bereits stumpfsinnig, und die Antwort lag auf der Hand – er jagte, tötete und fraß. Das war es, was ihm der Ruf der Wildnis, die Natur – der Hunger – geboten: der einfachste Beweggrund, der klarste, der ursprünglichste, den es gab. Fressen. Jagen und töten. Das war die Rolle, die seiner Art von jeher zufiel, das völlig Offenkundige, das in seinen Adern floss.
Wieder fragte er sich: Meine Rolle, die Rolle, die meiner Art zufällt … Aber welche Art ist das? Ein Säugetier, sicherlich, ein fleischfressendes Säugetier, ohne jeden Zweifel. Aber welches Säugetier bin ich? Schau, Ben, Bruder, ich esse Fleisch, das ich selbst erlegt habe, ich bin ein Fleischfresser … Diese Pranken, diese langen, schwarzen Krallen, dieses graue Fell, du würdest es erkennen, wenn du hier wärst, du würdest mir meinen Namen nennen.
Wo bist du, Ben? Ich brauche deine Hilfe …
Wie lautet mein Name, der Name meiner Art?
Er erhob sich auf die Hinterbeine. So war er riesig. Er konnte seine Nasenspitze sehen – eine Art Schnauze, im Mondschein schwarz oder dunkelgrau. Seine kräftigen Tatzen, wahre Waffen, mit denen man einen Elch von zwei Metern Größe reißen könnte. Was war hier los? Wer war er?
Ich heiße Tim, Ben. Du bist mein Bruder. Mein Bruder Ben.
Schwer ließ er sich zurück auf die Vorderbeine fallen.
Mein Kopf … warum weigert sich mein Kopf, mir den Namen meiner Art zu liefern? Was ist mit mir geschehen, Ben? Warum hast du mir im Auto nicht geantwortet? Du warst mein Bruder, Ben, und jetzt, ohne dich, fällt mir nicht einmal mehr dieser Name ein.
Er wusste, was er zu tun hatte.
Es gab nur einen Ausweg. In den Wald laufen. Den Fluss finden, dort, wo er wild vor sich hin sprudelte, dort, wo er früher immer zum Angeln gewesen war; wo er jedes Jahr hinkam, wenn die Fische stromaufwärts schwammen. Würden sie heute Nacht schon laichen? Er meinte bereits ihren Geruch zu wittern, und dieser Gedanke beunruhigte ihn, das Fleisch der Fische …
Träumte er? Jagen, töten, fressen. Bildete er sich das bloß ein, weil er den Fluss finden musste, oder witterte er den Geruch tatsächlich?
Er konnte sich nicht mehr an seinen Namen erinnern.
Was bleibt mir noch, Ben?
Sein Geruchssinn, der ihn nicht täuschte.
Er reckte die Schnauze empor, suchte in der Luft den Duft der Gischt auf den Felsen, den der Fische. Er prüfte den Geruch der Dunkelheit in der tiefen Nacht, um sich zu orientieren. Dann kroch er aus dem Unterholz, überließ den Kadaver des Hirschs den Aasfressern und verschwand im Hochwald.
Der Wasserfall, gleichgültig gegenüber der Nacht und seiner Anwesenheit, murmelte sein immer gleiches Brausen. Er hatte den Fluss gefunden, doch nun wusste er nicht mehr, warum er ihn gesucht hatte. Aber er mochte das Geräusch des rauschenden Wassers.
Er war bestimmt schon zehnmal zum Angeln hierhergekommen, immer mit Ben. Gleich unterhalb des Wassersturzes, dort, wo die von den Strudeln verwirrten Fische nach Luft schnappten und zwischen den Kieselsteinen des Flussbetts verschnauften.
Tim sprang weiter flussabwärts ins Wasser und rieb seinen Rücken an einem großen, flachen Felsen, der aus der Strömung emporragte. In dieser Nacht gab es keine Forelle, nicht einmal einen Jungfisch, nichts. Die Laichsaison hatte noch nicht begonnen. Er spürte die leichte Julibrise – die Nacht war lau, obwohl hier schon die ersten Gebirgsausläufer begannen. Der Stein, auf dem er sich ausgestreckt hatte, hatte die Sonnenwärme des ganzen Tages gespeichert. Warum war er an den Fluss gekommen? Warum hatte sein Instinkt ihn das geheißen?
Der Mond hatte sich zu seinem nächtlichen Lauf erhoben, über einen Himmel, gespickt mit Tausenden von Sternen unter dem trüben Laken der Milchstraße. Die Luft war von einer außerordentlichen Klarheit, und der Duft der Nadelbäume, des Harzes, der sattgrünen Blätter, der Waldfrüchte betörte ihn. Ausgestreckt auf dem Felsen hielt er Ausschau nach einem Meteoritenregen, der zu dieser Jahreszeit keine Seltenheit war. Wieder scheuerte er den Rücken am Stein, als hätte er es von jeher so gemacht, um die Parasiten loszuwerden.
Seine Ursprünge. Seine Art. Plötzlich fiel ihm wieder ein, warum sein Gehirn ihm befohlen hatte, dem Geruch der Gischt zu folgen, dem Geräusch des Wasserfalls. Es war nicht wegen der Fische. Sondern wegen seines Spiegelbilds.
Er drehte sich halb um, rollte sich auf den Bauch und stützte sich dann auf die Vorderpfoten. Kurz dachte er über diese Enden seiner Gliedmaßen nach, aus denen jeweils fünf Krallen ragten, über das lange graue Fell. Vorhin hatte er sich eine Frage gestellt. Welche war das noch gewesen? Im Auto hatte er Angst gehabt, er hätte seine … er kam nicht auf das Wort … Hände … verloren?
Er hatte keine Hände, er hatte Tatzen. Schon immer, seit den Ursprüngen seiner Art. Tatzen mit langen Krallen, um zuzupacken, um zu reißen. Trotz seiner Prellungen, der gezerrten Muskeln und dem Gefühl direkt nach dem Unfall, dass all seine Knochen wie in einem Schraubstock zermalmt worden waren, fühlte er sich voller Kraft. Seine Stärke war ihm bewusst. Er hatte den Hirsch gerissen, sein blutiges Fleisch hatte ihm gutgetan. Jagen, töten, fressen. Warum wollte er den Namen seiner Art wissen? Warum hatte er an Hände gedacht?
Seine Gedanken entglitten ihm, sobald er sie formuliert hatte – oder pflanzte jemand sie ihm ein, nur um sie ihm im nächsten Augenblick wieder zu entreißen?
Jemand, den er gut kannte. Ein anderes Selbst.
Ben?
Sein Bruder war tot, das wusste er, er hatte es im Auto gerochen … Warum redete er weiterhin mit ihm?
Auf seinen Tatzen machte er ein paar Schritte, ängstlich, als befürchte er hinzufallen. Dann ging er bis an den Rand des Felsens, so weit vom Wasserfall entfernt wie möglich, wo das Wasser nicht mehr von den Strudeln getrübt war und wieder zu einer nachtdunklen Oberfläche fand, glatt wie eine … Hand. Er beugte seinen großen Kopf über den Spiegel aus Wasser.
Darin sah er eine vertraute Schnauze, schwarz, mit grauem Rand. Einen großen Schädel, in dem Augen und Ohren zu klein wirkten. Vor allem die Augen, zwei kleine, schwarze, ausdruckslose und seltsam tiefliegende Murmeln. Seine Augen. Ohne darüber nachzudenken, tauchte er die Zunge zweimal in den Fluss, und das Bild verschwamm für einen Moment. Als es wieder klar wurde, wusste er es:
Grizzlybär. Ursus arctos horribilis … Gattung der Fleischfresser, Familie der Ursidae.
Ein Grizzly … Ich bin ein Grizzlybär. Du, Ben, du hättest es gleich gewusst, du hättest nichts als eine Kralle sehen müssen, einen Pfotenabdruck. Ben. Mein Bruder Ben. Mein toter Bruder Benjamin Blackhills.
Dann spürte er, wie sich etwas in seinem Gehirn auftat, als lichte sich der Nebel. Noch immer über das Wasser gebeugt, sah er in Gedanken wieder Bens Gesicht vor sich. Seinen Bruder. Einen jungen Mann von einundzwanzig Jahren, Gattung Homo sapiens sapiens. Wie Tim war auch er einmal ein siebzehnjähriger Junge gewesen. Und nun verstand Tim, was ihn seit mehr als einer Stunde plagte. Er war ein Junge gewesen und jetzt war er ein Bär.
Ein Grizzly. Ursus arctos horribilis …
Sein Schädel schmerzte.
Er stellte sich auf die Hinterbeine, streckte die Schnauze in die Nachtluft. Plötzlich merkte er, dass sich der Schmerz, der seinen Kehlkopf seit dem Schock im Auto betäubt hatte, gerade gelöst hatte. Er öffnete seine schwarzen Lefzen einen Spalt und riss dann das Maul weit auf, sodass seine Fangzähne sichtbar wurden. Und er stieß den Schrei aus, der ihm schon so lange im Halse steckte, einen langen Schrei in der Nacht. Das Brüllen eines Grizzlybären.
»Ich bin ein Bär, Ben! Ich bin ein Grizzly … Ursus arctos horribilis … Hörst du? Hörst du mich?«
ERSTER TEIL
DIE EINGEWEIHTEN
TIMOTHY BLACKHILLS
04
Rückschau
»Ich weiß nicht, wie viel später ich auf diesem Felsen, den ich in meinem Delirium gesehen hatte, aufgewacht bin. Neben dem Wasserfall. Ich war komplett nackt, verletzt, mein Gesicht war voller Blut, das mir aus der Nase gelaufen ist … Das ist alles, woran ich mich erinnere.«
Tim blickte den Arzt an. Er hatte seinen Bericht beendet und wartete nun darauf, dass ihm der Mann die Sache erklärte. Man hatte ihm gesagt, dass Doktor Moresby Spezialist für Träume und Wahnvorstellungen war – ein Psychiater. Ein Mann, der Verrückte behandelte.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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