Irgendwas mit Gänseblümchen - Anouk Luisa Wieneke - E-Book

Irgendwas mit Gänseblümchen E-Book

Anouk Luisa Wieneke

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Beschreibung

Delia ist 16 Jahre alt, als sie erfährt, dass sie Krebs hat. Auf der Suche nach Hoffnung und sich selbst findet sie heraus, worauf es im Leben wirklich ankommt. Sie erlebt gleichzeitig die schönste und schlimmste Zeit ihres Lebens, in der Glaube und Liebe eine wichtige Rolle spielen.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für Omimi. Ich hoffe, ich kann dir mit den Gänseblümchen noch einen Wunsch erfüllen.

Inhaltsverzeichnis

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Delia

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Cara

Delia

Das also ist keine Freundschaft, dass, wenn der eine die Wahrheit nicht hören will, der andere zum Lügen bereit ist.

Cicero

„Delia“, Cara wedelt mit dem Arm vor meinen Augen herum, „ich rede mit dir!“ Ich versuche mich auf Caras Stimme zu konzentrieren, während ich meine Augen langsam wieder öffne. Der Schmerz verschwindet. „Tut mir leid. Was hast du gesagt?“, erwidere ich dann. „Es ist doch alles okay mit dir?“ „Ich…“, will ich anfangen, doch dann sehe ich Caras Blick, „es ist alles in Ordnung.“ „Jedenfalls“, fängt Cara wieder an zu reden, „habe ich gerade von Ethan geredet.“ Sie deutet auf den Jungen, der einige Meter von uns entfernt im Bus steht. Er hat dunkle, etwas längere Haare und graue Augen. Er sieht gut aus, aber ich mag ihn nicht. Er gehört zu den „Coolen“ und verhält sich respektlos und unfreundlich gegenüber seinen Mitschülern. „Was ist mit Ethan?“, schlechtgelaunt schaue ich zurück zu Cara. „Ich weiß, dass du ihn nicht magst.“ Sie knufft mich in die Seite und lächelt ihr unglaubliches Lächeln, wobei ihre strahlend blauen Augen schelmisch funkeln. Sie wischt sich ihre blonden, langen Haare mit einer Handbewegung aus dem Gesicht und fährt dann fort: „Aber er ist echt süß. Und ich glaube, er hat mich gerade angelächelt.“ „Vielleicht findet er dich ja auch toll. Du solltest ihn ansprechen“, gebe ich zurück. „Das sagst du nur, weil du meine beste Freundin bist. Du weißt doch genau so gut wie ich, dass ich bei ihm keine Chance habe.“ Ich erwidere nichts, denn wir sind an der Schule angekommen und müssen aus dem Bus steigen. Als ich in der Tür stehe, halte ich kurz inne und atme einmal tief durch. Mir wird bewusst, dass dieser Tag mein letzter normaler Tag an dieser Schule sein wird. „Lass mich durch, wenn du schon nicht weitergehst.“ Ethan rempelt mich an, so dass ich neben dem Bus auf die Straße stürze. Er läuft weiter, ohne sich noch einmal umzuschauen. „Alles in Ordnung?“ Eva taucht vor mir auf und hilft mir, mich wieder aufzurichten. Sie und Rebecca sind nach Cara meine besten Freundinnen. „Ja. Danke“, gebe ich zurück und versuche die Schimpfwörter für Ethan wegzudrängen, die in diesem Moment in meinem Kopf herumschwirren, denn Cara taucht neben uns auf. „Wie war euer Wochenende?“, will Cara wissen und Rebecca und Eva fangen an vom Schlittschuhlaufen und anschließendem Essen bei unserem Lieblingschinesen zu erzählen. Ein Stich durchfährt mich. Es ist Eifersucht. Ich wäre gerne bei ihnen gewesen. „Lia?“ Ich zucke zusammen und bitte Rebecca ihre Frage zu wiederholen. „Ich habe gefragt, was du am Wochenende gemacht hast.“ Ich lasse mein Wochenende in meinem Kopf noch einmal ablaufen. Es war ein Alptraum. Am Freitag ist Mama zusammengebrochen, meine beiden vierjährigen Zwillingsschwestern Tabea und Emma haben eine Magen-Darm-Grippe bekommen und mein Bruder Linus, der erst zwei Jahre alt ist, hat den ganzen Tag nur geschrien. Am Samstag sind wir ins Krankenhaus gefahren und der Arzt hat mir und meiner Mama, wie es schon mehrere andere Ärzte vor einer Woche getan haben, langsam erklärt, was es bedeutet, ein Pankreaskarzinom zu haben. Ich habe nicht zugehört. Ich habe in die Leere gestarrt und überlegt, was ich tun würde, wenn ich ein anderer Mensch wäre. Ein gesunder Mensch in einem gesunden Körper.

Schon vor ein paar Monaten hat alles angefangen. Mir wurde jedes Mal nach dem Essen schlecht, ich habe stark abgenommen und immer wieder über Rückenschmerzen geklagt. Mama meinte, dass es vielleicht eine Magen-Darm-Grippe ist, dass ich meine Regel bekomme oder gegen irgendetwas allergisch bin. Doch irgendwann sind wir ins Krankenhaus gefahren. Die Ärzte haben viele Untersuchungen gemacht und jedes Mal kamen sie danach mit traurigen Mienen in mein Zimmer. Irgendwann haben sie Mama erzählt, woran ich leide. Sie ist in Tränen ausgebrochen. Dann haben sie es mir erzählt. Ich habe nicht viele der Worte mitbekommen. Nur das eine hallte in meinem Kopf immer wieder. Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Ich habe nicht geweint. Nicht im Krankenhaus und auch nicht, als ich mit einigen Schmerztabletten wieder zu Hause war. Mit dem Wissen, dass ich in einer Woche wiederkommen werde, um operiert zu werden. Ich habe mich um Emma, Tabea und Linus gekümmert, gekocht, Mama das Frühstück ans Bett gebracht und die Wäsche gewaschen. Ich habe versucht mich abzulenken. Ich habe versucht mir zu sagen, dass alles gut werden wird, dass die Ärzte den Tumor in meinem Bauch entfernen können und ich wieder ganz gesund werde. Ich habe versucht ganz normal weiter zu leben und bis jetzt hat das auch geklappt.

Ich habe sogar Cara, Rebecca und Eva nichts erzählt. Ich konnte und wollte es nicht. Aber heute muss ich es tun. Heute ist mein letzter normaler Tag an dieser Schule und mit meinen Freundinnen. Nach dem heutigen Tag werde ich geschwächt von der Operation und der Chemotherapie, die darauf folgen wird, sein.

„Ich muss mit euch reden.“ Meine Stimme klingt heiser. „Geht es um deinen Vater?“, fragt Rebecca traurig. Ich schüttele wild den Kopf. Mein Vater hat uns kurz nach Linus Geburt wegen einer anderen Frau verlassen. Seitdem hat er sich nie wieder blicken lassen, geschweige denn angerufen. Auch meine Mama und ich haben nicht mehr von ihm geredet, seit er verschwunden ist. Wir wissen noch nicht einmal, wo er wohnt, und darüber bin ich froh. Ich will nichts mehr von ihm wissen.

„Was ist denn dann los?“ Eva schaut mich besorgt an. „Ich…Können wir das in der Pause besprechen? Wir treffen uns vor dem Musikraum.“ Meine Freundinnen nicken und wir verabschieden uns, um zu unseren Kursen zu laufen. Die letzte Stunde Normalität beginnt und das allererste Mal kommt sie mir willkommen. Ich wünsche mir dieses Mal nicht, wie sonst immer, ein aufregenderes Leben. Stattdessen wünsche ich mir mein normales, langweiliges Leben zurück.

Cara

Freundschaft währt am längsten, wenn sie mit dem gegenseitigen Versprechen, sich immer die Wahrheit zu sagen, besiegelt wird.

Ralph Waldo Emerson

Delia kommt mit wehenden braunen Haaren auf mich zu. Sie lächelt, doch ihre grünblauen Augen strahlen Trauer aus. Ich frage mich, was in letzter Zeit mit ihr los ist. Vielleicht wird sie es uns jetzt endlich sagen.

Hinter Delia sehe ich Ethan. Sofort spüre ich, wie ich rot werde und mein Herz anfängt schneller zu schlagen. Er unterhält sich mit Lilly, einem hübschen, rothaarigen Mädchen aus unserer Stufe. Ich werfe ihr einen giftigen Blick zu und wende mich ab, um Ethan nicht mit Lilly zusammen sehen zu müssen. Delia steht jetzt genau vor mir. Mir fällt auf, wie dünn sie geworden ist, und plötzlich mache ich mir Sorgen um sie. „Was willst du uns erzählen?“ Als ich Tränen in ihren Augen sehe, bekomme ich einen Schock. Delia weint nie. Niemals habe ich sie bis jetzt weinen sehen. Nicht, als sie sich den Arm gebrochen hat, nicht, als ihre Oma gestorben ist und auch nicht, als ihr Vater abgehauen ist. Doch jetzt weint sie. Es ist beängstigend. Unbeholfen nehme ich sie in die Arme und plötzlich ist es, als wären die zehn Jahre, die ich sie jetzt schon kenne, wie ausgelöscht. Es ist, als wäre das Mädchen, das jetzt vor mir steht, ein anderer Mensch. Jemand Fremdes, Zerbrechliches. „Ich habe Krebs“, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich höre Delias Worte wie durch eine Wand. Ich sehe, wie Rebecca und Eva anfangen zu weinen und Delia sie dann umarmt. Ich jedoch bleibe stehen, wo ich bin, und ein schreckliches Gefühl macht sich dort breit, wo Delia mich gerade eben noch berührt hat. „Ich werde morgen operiert. Wenn die Operation gut verläuft, könnte ich wieder ganz gesund werden“, höre ich Delia auf Rebeccas und Evas Fragen antworten. Sie schaut mich hilfesuchend an. Ich starre zurück. Was erwartet sie von mir? Was soll ich denn jetzt tun? Wie geht man mit jemandem um, der Krebs hat und vielleicht sterben wird? Ich weiß es nicht und deswegen tue ich nichts. Ich bleibe einfach dort stehen. Ich war noch nie die Starke von uns beiden. Immer war es Delia, die einen Ausweg wusste, wenn ich ein Problem hatte. Ich komme mir furchtbar nutzlos vor. Als in Delias Augen Schmerz aufblitzt, weiß ich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie hält sich den Bauch und scheint sich vor Schmerzen zu krümmen. Im selben Moment sehe ich hinter Delia, wie Ethan einen Jungen, der doppelt so schwer ist wie er, anrempelt. Sofort wird er von dem dicken Jungen geschlagen, wodurch er das Gleichgewicht verliert. Delia und Ethan fallen gleichzeitig auf den Boden zu.

Mein Kopf ruckt zwischen den beiden Personen, die ich liebe, hin und her. Es fühlt sich an, als müsste ich eine wichtige Entscheidung treffen. Als ich mich mit Ethans Körper in den Armen wiederfinde und hektisch versuche, ihn zum Reden zu bringen, während ich Delias Kopf auf dem Boden aufknallen höre, weiß ich nicht, was mich dazu gebracht hat, zu Ethan zu laufen und Delia im Stich zu lassen. Aber ich weiß, dass ich diese Entscheidung bereuen werde. Ich hätte meiner besten Freundin helfen müssen. Ich hätte ihre beste Freundin sein sollen.

Delia

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sie lehrt uns nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben.

Rainer Maria Rilke

Als ich aufwache, liege ich im Krankenwagen. Es ist beängstigend so schnell und so laut durch die Stadt zu rasen, mit den fremden Menschen um mich herum, die sich gegenseitig Befehle zurufen. Ich spüre den Schmerz in meinem Bauch, der mich gerade ohnmächtig hat werden lassen, nur noch dumpf. Die Rettungssanitäter müssen mir ein Schmerzmittel gegeben haben. „Kannst du uns sagen, wie du heißt?“, wendet sich ein fremder Mann an mich, als er sieht, dass ich wach bin. „Delia Morgan“, erwidere ich, „wo bringen sie mich hin?“ „In das Sana-Klinikum in Remscheid“, antwortet der Mann und ich bin beruhigt. Dort soll ich morgen sowieso operiert werden. „Ich habe Krebs“, bringe ich noch hervor, bevor die Schmerzmittel mich in einen tiefen Schlaf ziehen.

Als ich das zweite Mal die Augen öffne, bin ich alleine. An meinem Arm hängt eine Infusion und ich liege in einem Krankenhausbett. Ich versuche mich daran zu erinnern, was passiert ist, bevor ich umgekippt bin. Ach ja, ich habe Eva, Rebecca und Cara erzählt, dass ich Krebs habe, fällt es mir wieder ein. Ich sehe immer noch den Schock in ihren Augen und höre das Schluchzen von Eva und Rebecca, welches sich mit meinem eigenen vermischt hat. Denn auch ich habe zum ersten Mal, seit ich denken kann, geweint. Cara stand einfach nur da, wie betäubt. Und dann ist sie weggerannt.

Ich erschrecke, als die Tür aufgerissen wird. Ein großer, schlanker Junge kommt herein und guckt sich verwirrt um. Sein Gesicht ist grün und blau und er sieht aus, als ob er verprügelt worden wäre. Deswegen erkenne ich ihn auch erst auf den zweiten Blick. Es ist Ethan. „‘tschuldigung. Ich hab mich wohl in der Tür geirrt“, nuschelt er. Ich habe Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, denn auch sein Mund ist verletzt und blutverschmiert. Er will schon wieder gehen, doch dann dreht er sich noch einmal um. „Irgendwoher kenne ich dich.“ Prüfend schaut er mir in die Augen und kommt auf mich zu. „Bist du nicht das Mädchen, das immer mit der Blonden zusammen ist?“ „Bist du nicht der Junge, der grundlos jeden provoziert? Tja, diesmal warst du wohl selbst das Opfer. Geschieht dir recht“, gebe ich wütend zurück. Ungläubig starrt er mich an, dann grinst er. „Raus!“, zische ich und zu meiner großen Überraschung gehorcht er mir und verlässt den Raum ohne ein weiteres Wort.

Wenig später öffnet sich die Tür ein zweites Mal. Erst kommen Emma und Tabea und dann Mama mit Linus auf dem Arm in den Raum. Emma und Tabea sehen absolut gleich aus. Beide haben genauso lange, gewellte, dunkelbraune Haare wie ich, aber im Gegensatz zu mir haben sie schokoladenbraune Augen. Wir drei haben unsere Haare von Mama geerbt, die diese aber nur schulterlang trägt. Linus sieht genauso aus wie mein Vater. Er hat blaue Augen und hellbraune Locken. „Wie geht es dir?“, will Emma von mir wissen und umarmt mich, während Tabea meine Hand nimmt. „Es geht schon wieder viel besser“, antworte ich lächelnd. „Ich habe dir ein Bild gemalt.“ Tabea schmiegt sich an mich und reicht mir ein Blatt mit vielen roten und blauen Strichen. „Das ist aber schön geworden“, lobe ich sie und nehme auch das Bild von Emma, das aus grünen und gelben Strichen besteht, entgegen. Ich lege beide auf meinen kleinen Nachttisch. „Hey Mama!“ Ich versuche möglichst positiv zu klingen. Aber es gelingt mir nicht wirklich. Mama bricht wie so oft in letzter Zeit in Tränen aus. „Emma, Tabea, wie wäre es, wenn ihr kurz auf den Flur zum Getränkeautomaten lauft und mir ein wenig Wasser bringt. Ich habe furchtbaren Durst“, bitte ich meine Schwestern. Die beiden nicken brav und nehmen Linus an die Hand, der laut „Auch!“ schreit. „Mama, bitte hör auf zu weinen. Es geht mir gut. Ich werde morgen operiert und dann werde ich wieder ganz gesund“, wende ich mich an sie, als meine Geschwister das Zimmer verlassen haben. „Es tut mir leid, mein Schatz“, sie nimmt mich in den Arm und streicht mir mit einer Hand über den Rücken. „Möchtest du, dass Oma und Opa vor der Operation kommen?“ Ich bin überrascht, dass sie das fragt, denn sie meint nicht ihre Eltern. Die sind schon tot. Sie meint Papas Eltern, die ich immer sehr geliebt habe. Ich habe sie aber, seit Papa verschwunden ist, nicht mehr gesehen. „Nein. Schon gut. Ich brauche mich von niemandem zu verabschieden. Ich werde die Operation überleben, Mama“, erwidere ich und versuche möglichst zuversichtlich auszusehen. Ich rede noch lange mit denselben Worten auf sie ein, bis es schließlich so spät ist, dass meine Familie gehen muss. „Die Ärzte wollen dich morgen so früh wie möglich operieren. Das heißt, wir werden uns morgen früh nicht mehr sehen.“ Mama sieht mich an, als würde sie auf eine Antwort warten. Ich nicke nur und umarme Mama dann ein letztes Mal, denn ich weiß, dass sie morgen früh nicht da sein kann. Sie muss arbeiten, damit sie genug Geld verdient, um uns zu ernähren. Als ich beruhigend ihre Hand gedrückt habe, um ihr zu verstehen zu geben, dass ich ihr deswegen nicht böse bin, verabschiede ich mich auch von meinen drei kleinen Geschwistern. „Ich habe euch lieb!“, rufe ich ihnen noch nach, als sie schon an der Tür sind. Dann bin ich alleine und versuche die Tränen zurückzuhalten. Ich muss jetzt stark sein. Ich frage mich, ob wohl noch jemand kommen wird, um mir alles Gute für die Operation zu wünschen. Ich hoffe, dass es Cara sein wird.

Die Stunden vergehen, aber jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, ist es nur eine Krankenschwester, die zum Blutabnehmen kommt, oder ein Arzt, der mir noch einmal den Vorgang der Operation erklärt. Cara lässt sich nicht blicken.

Ich versuche mir einzureden, dass es gut so ist. Dass es besser ist, wenn sie nicht sieht, wie schlecht es mir geht. Denn mir geht es sehr schlecht, auch wenn ich das die ganze Zeit über zu verstecken versuche. Die Schmerzen, die anfangs nur im Bauch und Rücken waren, sind jetzt überall. Die Schmerzmittel, die ich mit nach Hause nehmen durfte, haben oft gereicht, aber manchmal, an den schlechten Tagen, lag ich mit einem Kissen in meinem Mund im Bett, um die Schreie zu dämpfen.

Als die Sonne langsam untergeht, beschließe ich, einen Spaziergang zu machen. Das kleine Stückchen Wald vor dem Krankenhaus wird durch die Sonne in wunderschöne gelbe und orangene Töne getaucht. In Gedanken versunken laufe ich den Weg entlang, als ich plötzlich gegen jemanden stoße. „Pass doch auf!“, fluche ich und stolpere schnell einen Schritt zurück. „Pass selbst auf“, kommt eine mürrische Antwort von dem Jungen vor mir. Natürlich ist es Ethan. Ich wende mich von ihm ab. „Ach, du schon wieder. Wo ist denn deine beste Freundin?“, fragt er, als er mich erkennt, „Gerade war sie doch noch hier.“ Ich halte abrupt inne und drehe mich langsam um. „Cara war hier?“ Ethan nickt. „Hat sie dich etwa nicht besucht?“ Seine Stimme hat einen provozierenden Unterton und sofort werde ich wütend auf ihn. „Wenn du nicht sofort deine Klappe hältst,…“ „Dann was? Dann schlägst du mich? Uhh, dann muss ich mich ja auf was gefasst machen.“ Ethan lacht. Er lacht mich aus. Ich werde noch wütender und dann, als er einen Schritt auf mich zukommt, hole ich aus und schlage ihm so fest wie möglich in sein Gesicht. Es tut unheimlich gut. Für einen Moment ist die gesamte Wut, die sich in letzter Zeit in mir angesammelt hat, verschwunden. Die Wut auf Mama, weil sie ständig nur heult, die Wut auf Papa, weil er uns einfach verlassen hat und vor allem die Wut auf Cara, die mich in letzter Zeit immer wieder dazu gebracht hat, ihr meine Krankheit zu verschweigen. Dafür hat sie mit ihren Blicken gesorgt, die sie mir jedes Mal, wenn ich ein ernstes Gesicht gemacht habe, zugeworfen hat. Cara hat mich außerdem noch nicht einmal besucht, obwohl sie anscheinend im Krankenhaus war, um Ethan zu besuchen.

Doch dieser Augenblick ist viel zu schnell wieder vorbei, denn der Schmerz überkommt mich wieder. Ich bin es eigentlich gewohnt, doch dieses Mal ist es schlimmer als sonst. Ich lasse mich mit geschlossenen Augen auf den Boden fallen und die Welt kommt mir vor, als wäre sie durch eine Wand von mir getrennt. Ich höre Ethans Schreie nach Hilfe und dann andere Menschen, die ich nicht kenne, vermutlich sind es Ärzte. Ich versuche wach zu bleiben, gegen das Gefühl anzukämpfen, dass ich einfach loslassen könnte. Es gelingt mir, indem ich ganz feste eine Hand drücke, die unerklärlicherweise in meiner liegt. Ich stelle mir für einen Moment vor, dass es Cara ist. Der Gedanke, meine beste Freundin direkt neben mir zu haben, tut gut. Auch wenn es nur ein Wunschgedanke ist.

Dann nimmt der Schmerz langsam ab und vergeht schließlich fast ganz. Ich öffne meine Augen. Direkt vor mir befinden sich Ethans Augen und für einen Moment verliere ich mich in diesem wunderschönen Grau. „Sie ist wach!“, höre ich ihn schreien. Das war ich die ganze Zeit, du Idiot. „Wie geht es dir?“ Ethan schaut mich verunsichert an. „Wunderbar“, erwidere ich sarkastisch, „siehst du doch.“ Er lächelt und das erste Mal ist es kein fieses Lächeln. „Könntest du dann vielleicht aufhören, meine Hand zu zerquetschen?“ Er deutet mit seinen Augen hinunter. „Oh.“ Ich entziehe ihm meine Hand ruckartig und schaue ihm dann wieder ins Gesicht. Zufrieden stelle ich fest, dass sich ein neuer blauer Fleck auf seiner Wange gebildet hat. „Tja, ich kann wohl doch ganz gut zuschlagen.“ Jetzt lacht Ethan laut auf. Ich beobachte ihn dabei ganz genau. Sein hübsches Gesicht mit den harten Zügen, den langen Wimpern, die Grübchen, die sich beim Lachen bilden und seine dunklen Haare, die ihm wild in die Stirn fallen. Für einen Moment verstehe ich Cara. Er sieht wirklich gut aus. „Ich dachte da draußen gerade, dass du stirbst“, sagt Ethan schließlich mit gerunzelter Stirn. „Noch gibt es Hoffnung, dass ich überlebe.“ Es sollte ein Witz sein, aber dieses Mal lacht Ethan nicht. „Du…könntest vielleicht wirklich sterben?“, entsetzt starrt er mich an. Ich nicke zögerlich, überrascht darüber, dass die Schwestern es ihm noch nicht gesagt haben. „Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs. Morgen werde ich operiert und sie versuchen den Tumor herauszuschneiden.“ Ethan schweigt und schaut mich einfach nur an. Ich bin froh darüber, dass er nicht so etwas wie „Tut mir leid“ sagt. Ich brauche sein Mitleid nicht. Das brauche ich von Niemandem. Was ich bräuchte, wäre Unterstützung von meinen Freundinnen oder von meiner Mama. Wenn ich mit ihr zusammen bin, kommt es mir eher vor, als wäre sie die Krebskranke und ich die Mama. „Worüber denkst du nach?“, reißt mich Ethan mit einer Frage aus den Gedanken. „Über Freundschaften und Verantwortung“, gebe ich zurück, „Und du?“ „Über das Schicksal.“ „Du glaubst an Schicksal?“ Verwundert ziehe ich die Augenbrauen hoch. „Nein. Ich glaube, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen muss und für alles, was passiert selbst verantwortlich ist. Aber das gilt für mich. Vielleicht glaubst du an Schicksal oder an Gott. Dann ist es für dich Wirklichkeit. Ich glaube, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg hat, das Leben zu leben und für jeden Menschen ist der eigene Weg der wirkliche, reale.“ Ich denke über Ethans Worte nach und überlege, auf welche Art und Weise ich lebe, welcher Weg meiner ist und woran ich glaube.

Ich denke auch darüber nach, Ethan nach Cara zu fragen und was er damit gemeint hat, dass sie hier war. Aber dann entscheide ich mich dagegen. Ich