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Irida und ihre Freunde, die Furchtlosen, wissen, dass ihre Heimat, das idyllische Hohenburg, in Gefahr ist. Ihre grausamen Gegner verfolgen mit allen Mitteln den Plan, die Anderswelt zu erobern. Dafür wollen sie sich sogar mit einem uralten teuflischen Wesen verbünden - das Leben Hunderter Menschen steht auf dem Spiel! Gelingt es Irida, Cedric, Jinjin und Jeremy mit sagenhafter Hilfe die Katastrophe zu verhindern? Und gibt es in Norwegen endlich Antworten auf die Geheimnisse der Wechselbälger? Markus Heitz gelingt eine rasante und spannungsgeladene Fortsetzung seiner Fantasygeschichte voller Magie, Freundschaft und gefährlichen Kreaturen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
DUNKLE SCHATTEN ÜBER HOHENBURG
Gegner haben es auf die Anderswelt abgesehen. Um ihr Ziel zu erreichen, wollen sie sich sogar mit einem uralten teuflischen Wesen verbünden – das Leben Hunderter Menschen steht auf dem Spiel! Gelingt es Irida und den Furcht-losen, die Katastrophe zu verhindern? Und liegt in den Wäldern Norwegens die Antwort auf die Geheimnisse der Wechselbälger verborgen?
Die rasante und spannungsgeladene Fortsetzung entführt in eine Welt voller Magie, Freundschaft und sagenhafter Kreaturen von Fantasy-Meister Markus Heitz.
Markus Heitz
Band 2
Irida Becker
Sie ist vierzehn, hat etwas kantigere Gesichtszüge und lange dunkle Haare, die sie meist in Flecht- und Zopffrisuren trägt. Sie hat ein sympathisches Lächeln und etwas Geheimnisvolles im Blick ihrer dunkelgrauen Augen.
Sie stottert leicht, wenn sie aufgeregt ist, und hinkt links ein bisschen. Beides wurde behandelt, bislang ohne messbaren Erfolg.
Cedric Mayer
Ist vierzehn und ein sehr gut aussehender Junge mit vielen Neidern (aus unterschiedlichen Gründen).
Als K-Pop-Fan trägt er entsprechende Outfits und sein welliges blaues Haar mittellang und nach hinten gestylt (Bro Flow). Er betreibt eigene Kanäle im Internet mit Wissen und Tanzchoreografien zu K-Pop. Er hat die Furchtlosen gegründet, nachdem er gemobbt wurde.
Marian Jeremy Dumitru
Er ist dreizehn, kam vor Kurzem mit seiner Familie als Zuwanderer aus Rumänien und ist eine Sportskanone, ein extrem guter Sprinter, Kletterer und Hochspringer.
Er hat dunkelblonde Haare, trägt meistens Sportkleidung und fährt Rad wie ein Stuntman. Manchmal redet und handelt er ein bisschen vorschnell. Seine Eltern arbeiten als Ärzte im Krankenhaus.
Jinjin Sophia Zimmer
Sie ist vierzehn Jahre alt, hat eine chinesische Mutter und hilft ab und zu im Familienrestaurant, das ihr Vater vor vier Jahren eröffnete.
Sie kennt sämtliche Legenden und Sagen im Umfeld von Hohenburg, weswegen ihr Lieblingsfach Deutsch und sie gerne in der Bibliothek ist. Die schulterlangen schwarzen Haare werden durch ihre bunte Brille betont.
Das Städtchen Hohenburg
Eine Kleinstadt mit etwa zwölftausend Einwohnern, dazu kommen noch die umliegenden Gemeinden. Rings herum wächst viel Wald, es gibt einige Bäche, die Gegend ist hügelig und ein bisschen verwunschen.
In und rund um Hohenburg existieren jahrhundertealte keltische Hügelgräber, manche sind bekannt, andere noch verborgen. Außerdem wartet ein römisches Freilichtmuseum auf einen Besuch, mit teils aufgebauten Häusern nach historischem Vorbild, in dem Veranstaltungen stattfinden.
Nicht zu vergessen die Ruine eines Klosters aus dem Mittelalter, von der aus man einen herrlichen Blick auf das Tal hat.
Und natürlich den sagenhaften Schlossberg mit der größten Buntsandsteinhöhle Europas: dreizehn Stockwerke, von denen drei besucht werden können. Auf dem Berg stehen die Ruine der Hohenburg, die Reste einer später dazu erbauten Festung, und auf dem benachbarten Charlesberg sind die Überbleibsel des gleichnamigen Schlosses zu finden.
Hohenburg, Innenstadt, Gegenwart, Spätherbst
»Wer hat das Kaninchen in die Küche gelassen? Schon wieder?«
Irida grinste, als sie die Frage ihrer Mutter hörte. Manche Dinge ändern sich nie, dachte sie. Im dunkelgrünen Lieblingshoodie und löchrigen Jeans stand sie an der Anrichte und machte sich Schinken-Käse-Sandwiches. Proviant für unterwegs. In der Thermoskanne neben ihr befand sich Tee mit frischer Pfefferminze, der aromatische Duft hing noch vom Aufbrühen in der Luft.
»Sie weiß eben, dass die Katzenklappe in ihr Paradies führt«, antwortete Irida und aß eine Scheibe Schinken aus der Hand. Sie sah über die Schulter zu ihrer Mutter, die in orangefarbener Müllwerkerinnenkleidung durch die Tür getreten war. »Hä? Musst du noch mal raus?« Ihr Blick ging prüfend zur Küchenuhr.
»Ich helfe beim Sperrmüll aus. Eine Kollegin wurde krank, und das gestapelte Zeug muss vom Bordstein.« Nicole klaute sich ein fertiges Sandwich und sah kauend auf Nooba, die auf den Hinterbeinen saß.
Schnuppernd schaute das schwarzbraune Kaninchen zwischen Mutter und Tochter hin und her. Wie eine Aufforderung, endlich Möhren oder andere Leckereien rauszurücken.
»Immer, wenn ich den Mümmler sehe«, nuschelte Nicole mit vollem Mund, »fällt mir ein, dass ich die Katzenklappe verschließen sollte.«
»Warum?«
»Wenn weniger niedliche Tiere verstehen, wie leicht unser Haus zu knacken ist, machen Waschbär, Ratte und Co. bald Party in unserer Küche.« Nicole verschlang den restlichen Happen mit raschen Bissen. »Kannst du deinen Vater bitten, das mit der Klappe zu übernehmen?«, fragte sie undeutlich. »Jetzt, wo die Bilder in meinem Kopf sind, bekomme ich sie nicht mehr weg.«
»Papa ist schon zur Arbeit. Ist auch jemand ausgefallen. Das Kassenteam im Supermarkt rief um Hilfe.« Irida schmierte sich ein Ersatzbrot für das gemopste und strich eine dunkle Strähne aus der Stirn, die sich aus dem geflochtenen Zopf gelöst hatte. Sie fand den Gedanken schade, dass Nooba nicht mehr auftauchte. Auch wenn ihr Onkel Ardo einmal gesagt hatte, das zahme Kaninchen sei eine Spionin. Für die anderen. Ohne zu sagen, wer die anderen waren. Es blieb mysteriös wie so vieles in Hohenburg. »Da musste Mister Superscan sofort los. Keiner zieht die Ware schneller über den Laser als er.« Irida imitierte das Piepsen.
»Ach so? Ich dachte, er würde mit seiner Band üben. Für den nächsten Partyauftritt.« Ihre Mutter beugte sich zu Nooba und streichelte sie. »Eines Tages bekommen wir raus, wem du gehörst. Die Person schuldet mir ein paar Kilo Möhren.«
Das Kaninchen genoss die Berührung und setzte sich, schloss die Augen und schnuffelte genüsslich.
»Sieh nur! Ooooh, das ist einfach viel zu süß«, ergab sich Nicole seufzend. »Nein, ich kann die Klappe nicht schließen.« Sie musste über sich selbst lachen. »Und du und deine Besties geht schon wieder wandern?«
»Warum?« Irida fühlte sich ertappt und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Ist meine Stimme zu hoch?
»Dein Proviant. Das macht ihr öfter.«
»Ach so, ja. Ich zeige ihnen die Schönheit des Waldes, bevor das Wetter schlechter wird. Durch Matsch und Regen latschen die nicht.« Irida verpackte den Stapel Sandwiches in eine Metalldose, quetschte den Deckel fest drauf und steckte sie mit der Thermoskanne in den schwarz-weißen Turnbeutel.
Dass Irida sich kurz ertappt gefühlt hatte, besaß einen Grund.
In Wahrheit beobachteten die Furchtlosen die verbliebenen drei Wechselbälger Mathilde, Steffi und Kevin, die wiederum in Hohenburg nach dem Eingang in die Anderswelt suchten.
Trugen sie menschliche Namen und Gestalten, waren die Wechselbälger in Wahrheit getarnte Trolle, die in das mystische, friedliche Reich der Anderswelt eindringen wollten, um die sagen- und legendenhaften Bewohnerinnen und Bewohner mit Gewalt zu unterwerfen.
Eine Observation, um die Tagesabläufe der Gegner herauszufinden oder was sie im Geheimen trieben, dauerte. Das konnten die vier Freunde nur in unregelmäßigen Abständen leisten.
Durch den rätselhaften Mord an deren Anführer Kurt Schneider hatte Mathilde übernommen. Unter ihrer Anleitung fahndeten sie seit neuestem auch mit Linnea nach einem Zugang. Ausgerechnet Linnea, eine ehemalige Furchtlose, Mitschülerin am Burg-Gymnasium, und als wäre das nicht alles schon schlimm genug: die Freundin von Iridas Bruder Nick.
Seit Irida erfahren hatte, dass sie selbst zu den in Norwegen heimlich ausgetauschten Kindern, den Wechselbälgern, gehörte, war ihre Welt nicht mehr dieselbe. Eine Trollnachfahrin in Menschengestalt. Das erklärte, warum sie sich oft fremd in ihrer eigenen Familie und an diesem Ort fühlte. Und warum sie in die Geborgenheit des Waldes flüchtete. Dort ging es ihr immer gut. Zugleich dachte sie ständig daran, dass die »echte« Irida vielleicht irgendwo in Norwegen saß und auf Rettung wartete.
Das Stottern und Hinken verdankte sie ihrer wahren Herkunft, ebenso ihre riesigen Körperkräfte und den beständigen Hunger. Permanentes Essen, ohne zuzunehmen, blieb für die meisten harte sportliche Arbeit.
Aber Irida verweigerte sich ihrem dunklen Kern.
Ihr Bestreben blieb, die übrigen Wechselbälger in Hohenburg aufzuhalten, die nichts Gutes mit der Anderswelt vorhatten. Dies ging unmissverständlich aus den Aufzeichnungen hervor, die aus Kurts Wohnung stammten, in die sie heimlich eingedrungen waren. Sie hatten dessen viele Notizbücher und den magischen Tungestein in der Villa ihres Onkels versteckt.
Das mit Runen gravierte Artefakt bestand aus dem norwegischen Gestein Larvikit, mit dem die Wechselbälger die Verbindung in ihre Heimat herstellen konnten. So oder so ähnlich hatte es Kurt Irida vor seinem überraschenden Ableben gesagt. Aber sie dürfe die Worte auf dem Tungestein nicht aussprechen, sonst verwandelte sie sich in ein Trollmädchen, und zwar für immer. Mehr hatte er ihr jedoch nicht verraten.
Ohne den Stein waren die übrigen Wechselbälger von ihrem Zuhause abgeschnitten. Noch ahnten sie nicht, wer hinter dem Einbruch steckte.
Sollte das herauskommen, würde es für Irida und die Furchtlosen unangenehm. Aber mal so richtig unangenehm.
»Nicht schlecht. Deine Besties interessieren sich trotz Smartphone und Internet doch noch für Natur.« Nicole schaltete den Kaffeevollautomaten ein und ließ Espresso in das untergestellte Tässchen plätschern. Der kräftige Duft setzte sich gegen die Minze durch. »Wie schön. Als ich in deinem Alter war, da …«
»Habt ihr noch keine Karaokewettbewerbe veranstaltet, oder?«, lenkte Irida geschickt von bekannten Ratschlägen und Geschichten ihrer Mutter ab, die gern von DVDs, LAN-Partys, antiken Spielekonsolen, MP3-Playern und längst vergangenen Internetplattformen erzählte.
»Nein. Ach so, ja! Stimmt! Ihr habt gewonnen.« Nicole umarmte ihre mittlere Tochter und drückte sie. »Glückwunsch! Habe ich gestern nur nebenbei mitbekommen. Ich lag schon im Bett.«
»Danke.« Irida freute sich wirklich über den Sieg.
Noch mehr machte sie glücklich, dass die abgespeckte Choreografie zu ihrem K-Pop-Song von BTLL zwar von der Jury zur Kenntnis genommen wurde, aber nicht den Ausschlag gegeben hatte. Den Song auf Koreanisch fehlerfrei vorzutragen, trieb die Extrapunkte dafür nach oben.
Iridas größte Angst war es gewesen, dass sie durch ihr Hinken und eventuelle Unsicherheiten bei den Schritten alles verdarb.
So war es nicht gekommen.
Cedric hatte die Bewegungen entsprechend angepasst, sodass alle sie performen konnten. Und dabei gut und furchtlos aussahen.
»Und was gab es als Gewinn?«
»Verzehrgutscheine für das Café. Ist uns am liebsten«, verriet Irida. »Natürlich auch Lob und die Anerkennung der Verlierer.« Sie lachte aufgedreht bei den schönen Erinnerungen. »Nick hatte keine Chance.« In derselben Sekunde ärgerte sie sich, den Namen ihres Bruders ins Spiel gebracht zu haben.
»Mooooment! Mein Sohn hat mitgemacht?«, wunderte sich Nicole verblüfft. »Das hat er gar nicht erwähnt.«
»Weil er verloren hat«, verriet Irida und klang schadenfroh. Wenn sie es schon erwähnt hatte, konnte sie ein bisschen triumphieren.
»Er alleine?«, staunte ihre Mutter.
»Nein. Er war die männliche Stimme bei den Brats.«
»Gesungen hat er? Nick bleibt doch mehr bei seiner Trompete.« Nicole kratzte sich am blonden Schopf. »Und wer sind die Brats?«
»Eine Girlgroup bei uns am Burg-Gymnasium«, blieb Irida absichtlich vage. Weder wollte sie verraten, dass Linnea deren Anführerin darstellte, noch dass Nick mit ihr zusammen war, nachdem sie ihn seiner vorherigen Freundin fies ausgespannt hatte.
Der Grund: Linnea versuchte, über Nick an die Weiße Dame in den Schlossberghöhlen heranzukommen.
Die Spukgestalt fungierte als eine Art Wächterin für den geheimen Eingang in die Anderswelt. Und sie redete mit ihrem Bruder. Mit sonst niemandem, abgesehen von Eleyne, der Tochter des Höhlenwächters. Das machte Nick hochgradig attraktiv für die Wechselbälger und deren Plan, die Anderswelt zu erobern.
Aber das werden wir verhindern, dachte Irida.
»Tse. Verrückt.« Nicole rührte sich Zucker in den Espresso und schlürfte den heißen, starken Kaffee in kleinen Schlucken. »Meine Kinder tun seltsame Dinge. Wandern. Singen. Was kommt als Nächstes? Ein Nobelpreis?«
»Nicht übertreiben. Den holt Lea dann in Musik.« Und icheinen Mogelpreis höchstens. Irida grinste. »Uns wird schon was einfallen, um dich zu überraschen. Vielleicht irgendwas, das du als Jugendliche gemacht hast. Retro ist voll angesagt.«
Nooba hoppelte näher an den Küchentisch und schnupperte den Boden ab.
»Hach. Sie sucht die Karotten«, schätzte Nicole verzückt. »Haben wir noch welche?« Beim Gang zum Kühlschrank nahm sie die gefaltete Tageszeitung von der Anrichte auf und warf einen Blick auf die Schlagzeile. »Oha. Neuer Besucherrekord«, machte sie Irida aufmerksam. »Gesehen? Alle wollen in die Schlossberghöhlen.«
»Und ganz ohne Schatz. Für Hohenburg ist es doch gut. Jahrelang hat die Attraktion keinen interessiert. Und jetzt kommen die Leute in Scharen.« Irida hatte den Artikel schon zwei Mal gelesen. Auf Papier und, weniger old school, online. »Bald werden sie neue Hotels in der Stadt bauen.«
Ihre Mutter lachte und öffnete den Kühlschrank.
Tatsächlich wartete noch eine einsame Karotte mit etwas Grün im Gemüsefach, die gleich darauf vor Nooba abgelegt wurde.
Das Kaninchen schlug die Zähne hinein und nagte die Möhre in Windeseile weg.
Mutter und Tochter sahen eine Weile schweigend und lächelnd zu. Es war einfach zu knuffig.
»Ist bestimmt wie Eis für sie«, vermutete Irida und prüfte mit den Fingern, ob die Flechtfrisur ihrer langen dunklen Haare noch saß.
»Schön langsam«, empfahl Nicole dem Kaninchen, als verstünde es die Worte. »Sonst verdirbst du dir den Magen. Karnickelkotze oder Kötteldurchfall müssen ja nicht sein.« Dann schlug sie sich mit der Zeitung gegen die Stirn, legte das Papier ab und zog eine Postkarte aus der Brusttasche der orangefarbenen Müllwerkerinnenjacke. »Fast vergessen! Habe ich eben aus dem Briefkasten geholt.« Sie reichte sie an ihre Tochter. »Aus Andalusien. Von meinem schrägen Bruder.«
»Yeah! Onkel Ardo!« Irida sah eine wunderschöne mittelalterliche Stadt auf der Motivseite, die einen gänzlich anderen Baustil als Hohenburg aufwies, unter der geschwungen gedruckt stand: Granada.
Sie drehte um und las:
Liebe Irida!
Granada ist toll!
So viel Geschichte und gutes Wetter.
Und gutes Essen, natürlich.
Nicht so toll sind die Mysterien, die keiner erfahren soll. Aber ich bin einer großen Sache auf der Spur. Wie immer. ;)
Denn in einem alten Palast lebt eine ältere Dame, die eine Vampirin sein soll. Das ist für Spanien eher ungewöhnlich. Die haben hier andere Spuk- und Sagengestalten.
Also forschte ich nach, aber die Frau ist verschwunden. Heißt es …
Sollte ich also nicht mehr auftauchen, liebe Nichte, oder nur noch nachts: ERHÖHTEOBACHT! Dann hat mich die alte Vampirschachtel erwischt. ;D
Melde mich bald wieder - Buenas noches!
Dein
Onkel Ardo
Irida musste bei den doch sehr typischen Zeilen lachen. »Schräg.«
Eine Postkarte konnte jeder lesen. Vermutlich hatte das nicht nur ihre Mutter, sondern auch der Postbote getan. Der Kurzbericht hiervon würde in Hohenburg die Runde machen und den Ruf von Ardo als liebenswürdigen Spinner festigen.
»Alles wie immer«, kommentierte Nicole und stellte das leergetrunkene Tässchen auf der Spüle ab. »Vampire, echt, ey. In Spanien. Edoardo wird niemals erwachsen.«
Dazu schwieg Irida lieber und drehte ihren silbernen Ring, der mit vielen keltischen und unbekannten Symbolen graviert war. Die Geheimwaffe gegen ihre Trollnatur. Er blockierte das Verwandeln in ein Monstrum und dämpfte das gefährliche Aufbrausen, wie sie es bei Kurt live erlebt hatte. Irida kannte die innere Wut, die Anspannung, sehr gut und beherrschte sie im Allgemeinen.
»Warum hat uns Oma eigentlich diesen Schmuck vermacht?«, fragte sie.
»Mh?«, machte ihre Mutter auf dem Weg zum Ausgang.
Irida hob die Hand und deutete auf das Andenken. »Wieso hat sie ihren Enkelkindern diese Ringe geschenkt? Hat sie dazu jemals was erklärt?«
Nicole blieb stehen. »Gute Frage. Ich bekam keinen. Und ehrlicherweise habe ich keine Ahnung, woher meine Mutter sie hatte. Die kenne ich auch erst, seit sie euch gehören.«
»Wie lange lebt deine Familie schon in Hohenburg?«, hakte Irida nach. Sie wusste, dass ihr Vater ein sogenannter Zugereister in der Stadt war und aus Leipzig stammte. Vor Jahren hatten sich ihre Eltern kennengelernt und schnell ineinander verliebt.
»Mindestens fünf Generationen. Soweit ich das weiß«, gestand sie. »Da müsstest du Ahnenforschung betreiben. Das hat mich nie interessiert.«
Das hatte Irida befürchtet. Es gab keine schnelle Erklärung. »Haben wir denn irgendwelche Aufzeichnungen oder Stammbäume?«
»Vielleicht bei den Sachen deiner Oma.« Nicole zeigte zur Decke und meinte damit den Dachboden. »Habe ich weggeräumt. Wir brauchten den Platz für deine Schwester. Es sind drei große Umzugskartons, auf denen Mama steht.« Sie lächelte versonnen. »Oh, da werden schöne Erinnerungen wach.«
»Was meinst du?«
»Sie hat mit deiner Urgroßmutter an manchen Tagen und in ausgesuchten Nächten kleine Feste gefeiert, von denen wir nicht wussten, was es da zu feiern geben sollte. Sie kannte sich mit den ganzen Traditionen aus. Damit meine ich keine christlichen Feiertage, sondern wesentlich ältere.« Nicole setzte ihren Weg zur Haustür fort. »Ich muss los. Euch viel Spaß nachher beim Waldbaden.«
»Nein, wir wandern einfach. Ist nicht so fancy.« Irida grinste. »Und bring bitte Karotten mit! Sonst wird Nooba bestimmt ungnädig und köttelt aus Protest alles voll.«
Nicole hob nur den gestreckten Daumen, nahm die Basecap im Vorbeigehen vom Garderobenhaken und verschwand hinaus.
Irida hatte jetzt unbändige Lust, sich an die Ahnenforschung zu machen. Es gab mehr als nur die Lebenslinien ihrer Ahninnen zu finden. Vermutlich lauerten in den Kartons größere Überraschungen. Hinweise. Erklärungen zu den Ringen und vieles mehr.
Da vibrierte das Smartphone in ihrer Hosentasche.
Sie zog das Gerät hervor und las die knappe Mitteilung, die eingegangen war, nahm den Turnbeutel hoch und schlüpfte in die festen Stiefel.
Nooba sah ihr dabei zu und vertilgte das letzte Grün der Karotte. Sonst war vom Gemüse nichts mehr übrig geblieben.
»Es geht los«, verabschiedete sich Irida vom zahmen Kaninchen und humpelte durch den Flur. »Mach das Licht aus, wenn du gehst. Und räum den Geschirrspüler aus!« Lachend winkte sie dem mümmelnden Tier und verließ das Haus.
Hohenburg, Stadtrand, Gegenwart, Spätherbst
Mathilde, Kevin, Steffi und Linnea hatten sich bei der Anführerin im Wohnzimmer des biederen Einfamilienhauses versammelt. Zum Clubtreffen Freunde der Tierlautimitationen und historischen Seifensiederei, wie sie offiziell als Verein eingetragen waren. Eine effektive Tarnung, um auf vielen Dorf- und Stadtfesten mit einem Seifenstand präsent zu sein und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.
In Wahrheit trachteten die vier Wechselbälger nach dem Eingang zur Hohenburger Anderswelt.
Und deren Eroberung.
Dieser Suche hatten sie viele Jahrzehnte geopfert, wie Linnea erfuhr, und dabei einige ihrer Freunde an die widerständigen Sagengestalten der Region sowie an die Zeit verloren. Vor Kurzem ihren Ältesten und Anführer, Kurt.
Aber Aufgeben und einfach so unter den Menschen zu leben, als gehörten sie dazu, kam für die Wechselbälger nicht infrage.
Ihre eigenen Leute im weit entfernten Norwegen brauchten dringend eine neue Bleibe. Eine neue Heimat. Und die gab es nun einmal nicht in dieser Welt, in der kein Platz für sie war. Besser gesagt, die ihnen den Platz nicht geben würde, der ihnen gebührte. Die Ansprüche der Trolle waren höher. Viel höher. Am höchsten.
Linnea trank von ihrem Gletscherwasser, das ihr schmeckte wie nichts anderes zuvor. Kein Erfrischungsgetränk löste dieses Empfinden mit einem einzigen, winzigen Schluck aus. Heimat. Wohlgeschmack, Verbundenheit, Erinnerung an vergangene Zeiten, die im Gletscher gespeichert waren. Es ließ sich nicht in Worte fassen.
Linnea hatte dem Trio bei seinen Diskussionen über Vorgehensweisen, Vermutungen und Herausforderungen aufmerksam zugehört, hielt sich aber mit eigenen Beiträgen zurück. Sie war das Küken, der Frischling unter den Wechselbälgern und noch dabei, zu lernen, was es bedeutete, nicht der Mensch zu sein, für den sie sich lange gehalten hatte.
Mittlerweile drehte sich die Unterhaltung um den verlorenen Tungestein, mit dem man Verbindung nach Hause aufnehmen konnte, sofern man bereit war, den hohen Preis zu zahlen: die permanente Wandlung in einen Troll und die tödliche Anfälligkeit für Sonnenlicht, in dem man entweder versteinerte oder zerbarst. Auch die entwendeten Notizbücher aus Kurts Wohnung blieben Thema.
»Wir haben nicht den leisesten Hinweis«, fasste Mathilde als neue Anführerin zusammen. In ihrem rosafarbenen Hausanzug, mit den Puschen, der dicken Brille und den Lockenwicklern war sie der Inbegriff von Langeweile. Spießigkeit. Und genau das war gewünscht. In der Stadtverwaltung nannten sie alle Muttchen, und das mit fünfundvierzig Jahren. »Wir wissen nicht einmal, wie der Einbrecher es geschafft hat, an den schützenden Trollrunen vorbeizukommen.«
»Was immer noch für einen Troll spricht, den die Anderswelt umgedreht und auf uns gehetzt hat«, fügte Kevin an und spielte mit seinem gravierten Rasiermesser, dessen Schneide blau schimmerte. Der Siebenundzwanzigjährige fiel in seiner schrillbunten Designerkleidung sowie der extrem flippigen Frisur zwischen ihnen auf. »So ungewöhnlich es klingen mag.«
»Der Tod von Kurt war Mord«, warf Steffi einfach so in den Raum, als habe sie auf eine Gelegenheit gewartet, um maximalen Effekt zu erzielen. Dunkelgraues Shirt, schwarze Jeans und Lederjacke erinnerten verdächtig an ihre Polizeiuniform. »Und kein Unfall, wie es hieß.«
Mathilde und Kevin gaben überraschte Laute von sich.
Linnea stellte das Glas verblüfft ab. Mord?
Das Ticken der Standuhr, die perfekt in die langweilige Einrichtung passte, von der Blümchentapete bis zu den Wandtattoos aus dem Möbelhaus, wurde überlaut.
»Tut nicht so verwundert. Wir haben es uns alle gedacht. Kurt wäre niemals von diesem Bäumchen erschlagen worden, hätte er seine volle Kraft besessen. Ich habe mir die Fotos von seinem Leichnam noch mal genauer angeschaut«, erklärte Steffi. »Darauf sah ich eine winzige Einstichstelle mit bläulicher Verfärbung, ringsherum wurden die Adern leicht grünlich. Die Gerichtsmedizin fand kein Gift und hielt es für eine harmlose Blessur.«
Kevin lachte freudlos auf. »Klar. Die haben solche Mittel gar nicht auf dem Schirm.«
»Solche Mittel?«, echote Linnea und fuhr sich durch die moosgrünen Haare, die vorne kinnlang waren und nach hinten kürzer wurden. »Was meinst du damit?« Sie richtete ihre schwarz-weiße Collegejacke mit dem Brats-Aufnäher zurecht, die sie über ihrem Polohemd trug.
»Die Anderswelt besitzt Substanzen, die auf andere Weise wirken als die Gifte der Menschen. Wir sind entsprechend anfälliger«, erklärte Steffi.
»Also hat jemand Kurt die Kraft genommen, und der kleine Stamm konnte ihn durch das Eigengewicht seines Holzes erledigen«, vermutete Mathilde.
»Die Erkenntnis bringt uns nun was?«, wollte Kevin ungeduldig wissen und wirbelte das offene Rasiermesser, ohne sich zu verletzen.
»Dass jemand sehr genau weiß, wie man uns schwächt.« Steffi sah ernst in die Runde. »Vielleicht dachten wir bei der Lösung des Einbruchs und dem Tod unseres Anführers … zu klein.« Sie langte nach ihrem Wasser und trank rasch davon. »Diese geheime Macht, von der Kurt immer sprach, die ganz eigene Ziele mit der Stadt verfolgt«, setzte sie bedächtig an und warf einen vergewissernden Blick in den weitläufigen, leicht verwilderten Garten hinter dem Haus. Doch niemand war zu sehen, der sie belauschte oder beobachtete. »Hat sie den Tungestein und die Notizbücher gestohlen, Kurt getötet und die Gefangenen befreit?«
»Wieso?«, fragte Kevin unverständig. »Was sollte sie damit anstellen? Sie kann es nicht lesen. Oder den Stein einsetzen.«
»Wegen ihrer Pläne, die wir leider nicht kennen. Kurt hatte seine Gedanken dazu für sich behalten. Vielleicht stahl diese Macht deswegen seine Aufzeichnungen? Oder sie brauchte die eingesperrten Sagengestalten für irgendwas?« Steffi erhob sich und zog die Vorhänge vor der Scheibe zu, damit niemand sie auskundschaften konnte. »Wie auch immer. Der Tungestein wird von dem Räuber längst weggeschafft worden sein, um uns zu schwächen. Wir sollten die Suche danach aufgeben. Volle Konzentration auf unseren Plan: die Eroberung der Anderswelt.«
»Aber … aber das würde bedeuten, dass diese Macht in der Lage ist, Trollmagie zu täuschen.« Kevin war hörbar mulmig zumute, und er betrachtete sein geschliffenes Messer. »Und wieso schlägt sie erst jetzt zu?«
»Vielleicht weil der Plan der anderen in die letzte Phase getreten ist?«, warf Linnea ein, die grübelnd zugehört hatte. Endlich war es ihr Moment, die Stimme zu erheben. »Nehmen wir an: Die Vorbereitungen sind getroffen, für was auch immer. Und diese Vorbereitungen neigen sich dem Höhepunkt zu. Deswegen räumt die unbekannte Macht gerade alles aus dem Weg, was sie hindern könnte.«
Die drei Erwachsenen starrten sie an.
»Das ist verdammtgut überlegt. Und verdammt schlecht für uns, wenn es so wäre«, fasste Steffi zusammen. »Umso wichtiger, dass wir in die Anderswelt gelangen. Rasch.«
»Mit vier Leuten?« Kevin spielte weiterhin mit dem gravierten Rasiermesser, wie eine Drohung an alle, die sie aufhalten wollten. »Ohne Unterstützung von zu Hause?«
»Welche Wahl haben wir?«, antwortete Mathilde mit einer Gegenfrage und ruckte an der Brille mit den dicken Gläsern herum, die ihre Augen grotesk überzeichneten. »Wir werden schnell sein müssen. Überrumpelung ist unsere beste Waffe. Neben unseren echten Waffen.«
Steffi hatte ihren Notizblock aus der Lederjacke genommen und sichtete ihre Memos. »Was ist mit den Furchtlosen? Diese Teenager, die überall auftauchen, wo wir sind? Könnten sie zu den anderen gehören? Spione?«
Kevin verzog ablehnend den Mund. »Nee. Das glaube ich nicht.« Schnappend klappte die Klinge ein, und er verstaute das Messer in der Tasche seiner gestreiften Hose.
»Ich auch nicht«, steuerte Linnea bei. »Das hätte ich bemerkt, als ich noch Teil von ihnen war. Da ist nichts Übersinnliches oder Seltsames. Nur Leute, die anders sind – und stolz darauf.«
Dass sie noch einen zweiten, massiven Verdacht hatte, behielt sie vorerst für sich. Ein leerer Bilderrahmen an der Wohnzimmerwand wartete noch immer darauf, mit dem Porträt eines fehlenden Wechselbalgs gefüllt zu werden.
Sollte es wirklich das Gesicht von Irida sein?
Linnea dachte schon länger darüber nach. Die Zeichen waren eindeutig: das Stottern, das Hinken, die eindeutig größere Körperkraft und das unentwegte Essen, ohne dass das dunkelhaarige Mädchen mit den kantigen Gesichtszügen zunahm.
Noch dazu suchten Irida und ihre Truppe sehr auffällig die Nähe der Freunde der Tierlautimitationen und historischen Seifensiederei.
Vorerst würde Linnea ihre Vermutung für sich behalten. Einerseits, weil ihr die Vorstellung überhaupt nicht gefiel, andererseits, um mit Fakten zu glänzen. Nicht mit halbgaren Überlegungen. Ich gehe der Sache selbst auf den Grund. Das würde ihr recht leichtfallen – und zwar über Iridas Bruder.
»Hallo? Was ist mit Yannick?«, fragte Mathilde passend und wohl zum zweiten Mal, wie ihr ungehaltener Tonfall verriet.
Linnea räusperte sich, ein Ruck ging durch sie. »Entschuldigung. Ich war in Überlegungen zu den seltsamen Kräften in der Stadt«, log sie. »Nick und ich sind zusammen. Und er ist nett und aufmerksam und …«
»Das interessiert mich nicht«, blaffte Steffi sie an. »Du musst schneller vorgehen! Teste ihn. Geh mit ihm nochmals in die Schlossberghöhlen, und finde heraus, warum die Weiße Dame mit ihm spricht. Irgendwas ist mit dem Jungen.«
Mathilde nickte bestätigend und glubschte sie durch die Gläser an. »Er hat in zwei Tagen Geburtstag, sagt meine Datenbank.«
»Bring ihn dazu, übermorgen die Weiße Dame zu rufen und nett nach einem Geschenk zu fragen. Die bislang Verschwundenen erwischte es immer an ihrem Geburtstag. Das ist die beste Voraussetzung. Yannick kann es ruhig als Unfug abtun, aber wenn es klappt, haben wir mit ihm einen Weg zur Lösung unseres Problems«, hängte die Polizistin resolut an. »Kann er die Weiße Dame erweichen, ihn in die Anderswelt zu bringen, wirst du dabei sein. Mach ihn zu unserem lebendigen Schlüssel!«
Linnea nickte und spürte den unfassbaren Druck, der auf ihr lastete. »Kriege ich hin«, antwortete sie gespielt souverän. »Ich wickle ihn locker um den Finger. Er ist verrückt nach mir.«
»Sehr gut! Und ich mache mich ein viertes Mal nach Woerschweiler auf. In dieser Klosterruine ist etwas verborgen. Ich spüre es!«, verkündete Mathilde enthusiastisch. Sie tastete nach einem baumelnden Lockenwickler und korrigierte ihn, bevor er sich aus den dunkelblonden gesträhnten Haaren löste.
»Ich dachte, der Eingang liegt in den Schlossberghöhlen?«, wunderte sich Linnea und langte nach dem Wasserglas. Leer. Schmachtend sah sie zur halbvollen Flasche.
»Wer sagt, dass es nur einen einzigen Eingang gibt?«, erwiderte Kevin mit einem zwielichtigen Lächeln. »Ein Haus hat meistens mehrere Türen. Fenster. Kellereingänge.«
»Und sollte es bloß eine Luke sein, die sich auf dem Klosterberg auftut, ist es auch in Ordnung. Solange wir einen Eingang haben.« Mathilde füllte die Gläser nach, als habe sie das Verlangen danach in Linneas Blick bemerkt. Sie erhob sich und reckte ihr Behältnis grüßend zu den Bilderrahmen mit Trauerflor. »In die Anderswelt – oder der Tod!«
Die anderen drei taten es ihr nach.
Vor ihrem geistigen Auge sah Linnea bereits Iridas Foto an der Wand. Als Teil der Wechselbälger.
Aber würde sie unsere Ziele teilen?
Das galt es, herauszufinden.
Von ihr.
Vorerst heimlich.
GUTES KRAUT!
Oh, ich muss unbedingt eine Reise in die weitere Umgebung unternehmen!
Mit dem Auto ist es wahrscheinlich nicht mehr als eine Stunde. Ein kleines Dorf, knappe eintausendeinhundert Einwohner.
Dort soll ein Kraut wachsen, das in einer Legende Irrwurz oder Irrkraut genannt wird.
Warum?
Wer darauf tritt, der verirrt sich.
Genannt wird als Wachstumsphase der Pflanze vor allem die Nacht nach dem Viehmarkt, der aber in diesen Jahren nicht mehr stattfindet.
Aber meine historischen Nachforschungen haben den 10. August ergeben.
Mein Plan ist, das Irrkraut samt Wurzeln auszugraben, in Mathildes Garten anzupflanzen und es einzusetzen, um unsere möglichen Verfolger und Gegner buchstäblich in die Irre zu schicken. Dazu muss ich herausfinden, ob es auch im getrockneten Zustand funktioniert.
So werden wir alle los, die uns nerven – ohne dass es jemandem auffällt.
Ich hoffe, sie verirren sich richtig weit … und kehren niemals mehr zurück.
Oder verdursten und verhungern. Mir egal.
Aufzeichnungen von Storeik S.
Hohenburg, Ortsteil Woerschweiler, Gegenwart, Spätherbst
Irida musste mit ihrem Retrofahrrad ordentlich strampeln, um die hügelige Umgebung Hohenburgs zu bewältigen. Was kein Problem für sie darstellte.
Einen Elektroantrieb hatte das alte Rad nicht, also durften ihre starken Beine ran. Man hätte es ihr niemals zugetraut, aber am Berg hängte sie jeden Radrennprofi im Sprint ab. Immer. Sie hatte es ausprobiert.
Unterwegs schloss sie spielend zu Jeremy auf, der auf seinem Fatbike gemütlich den kleinen Berg in Schwarzbach runterrollte. Für den Ausflug hatte er einen hellgrünen Sportanzug ausgesucht, an den Füßen steckten knöchelhohe Turnschuhe.
Beim Fahren unterhielten sich die Freunde über das Ziel ihres bevorstehenden Einsatzes, das verdächtig nahe dem römischen Freilichtmuseum lag. Dort, wo die Raubgräber Antoine und Pierre vor ein paar Wochen Opfer von Kurt in Trollgestalt geworden waren.
»Das ist niemals Zufall, dass Mathilde zum vierten Mal zur alten Klosterruine fährt«, sagte der junge Rumäne gegen den Fahrtwind und das Surren der dicken Profilräder; seine kurzgeschnittenen dunkelblonden Haare wehten kaum. Die Hände hatte er in die Taschen gesteckt. »Da stalkt irgendwas hinterher.«
»Da steckt irgendwas dahinter«, verbesserte ihn Irida grinsend. »Wir sind die Stalker. Aber du hast recht. Irgendwas haben die Wechselbälger dort gefunden.«
»Oder sie planen Fieses.« Jeremy wich einem Ast, der auf dem Radweg lag, durch bloße Gewichtsverlagerung aus. Niemand fuhr geschickter Rad als er. »Hoffentlich weiß Jinjin mehr über die Geschichte. Das wird uns weiterhelfen.«
Irida war sich nicht sicher, aber es gab garantiert mindestens eine Legende zu dem Areal auf dem Berg über dem kleinen Örtchen Woerschweiler. Sie erinnerte sich schwach, in der Grundschule mal etwas darüber gelernt zu haben. »Es wird wie immer sein.«
»Was meinst du?«
»Auf das Heiligtum aus vorchristlicher Zeit hat man später das Kloster gesetzt. Als Zeichen des Sieges über den Aberglauben, wie man die alten Riten nannte«, fasste Irida zusammen. »Das war ein ziemlich mächtiges Kloster. Wurde irgendwann im Mittelalter gegründet und brannte durch einen Unfall ab.«
»Jaja. Unfall. Von wegen«, orakelte Jeremy und musste sich beim Treten anstrengen, um neben seiner Freundin zu bleiben. Er nahm die Hände aus den Taschen und legte sie an den Lenker, wechselte in einen höheren Gang. »Wie machst du das?«
»Was genau?«
»So schnell zu fahren? Du hast nicht einmal eine Gangschaltung!«
»Alles Training. Ich hinke zwar, aber Kraft ist genug vorhanden. Das ist im Sattel egal.« Irida fühlte sich in solchen Momenten extrem wohl. Beim Radfahren und Schwimmen trat die Einschränkung in den Hintergrund.
Sie fuhren über die geschwungene Brücke, unter der die Autobahn langführte, und erreichten die winzige Ortschaft, die halb am Hang des Klosterberges lag. Darüber erhoben sich die Ruinen, die man dank des fallenden Laubes durch die kahlen Äste und Zweige halb erkennen konnte.
Das Wetter blieb grau und herbstlich, doch aus den Wolken fiel bislang kein Regen. Ein frischer Wind brachte die Äste und Zweige zum Wackeln, als grüßten sie.
Jinjin und Cedric warteten bereits auf dem Parkplatz am alten Schulhaus, direkt neben einer steilen Treppe, die den Hügel hinaufführte. Zwar gab es einen halbwegs befestigten Zufahrtsweg für Forstarbeiten, doch dieser führte in einem großen Bogen und Windungen die steile Erhebung hinauf. Mit den Stufen ging es schneller.
Die Furchtlosen begrüßten sich. Die sehr unterschiedlichen Räder wurden hinter dem Bushäuschen abgestellt und mit Schlössern gesichert.
»Mathilde ist eben angekommen«, berichtete Cedric, der einen stylischen Glanzmantel trug, der bis an die Fußknöchel reichte. Auf den blauen Haaren saß ein BTLL-Basecap. »Mit einem Quad! Hinten hatte das Fahrzeug einen geschlossenen Transportkorb befestigt.«
Irida musste lachen. Äußerlich war die Fünfundvierzigjährige die perfekte langweilige Spießerin. Die Vorstellung, sie auf einem wendigen Geländefahrzeug mit verdreckten Brillengläsern und im rosafarbenen Hausanzug durch den Matsch brettern zu sehen, war einfach zu komisch. »Seit wann hat sie das denn? Sonst ging sie immer zu Fuß hoch.«
»Vielleicht will sie was Größeres abtransportieren?«, mutmaßte Jeremy mit leuchtenden Augen. »So ein Quad hätte ich auch gerne. Die sind voll cool!«
»Mathilde nimmt den Forstweg. Mit ihrem Ausweis von der Stadtverwaltung darf sie den nutzen, ohne Ärger zu bekommen«, fügte Jinjin an und rückte ihren kleinen Rucksack zurecht. Der braune Kurzmantel stand ihr perfekt, eine rote Mütze saß auf den langen schwarzen Haaren. »Könnte stimmen, was Jeremy vermutet. Bei ihren früheren Besuchen hat sie nach etwas gesucht.«
»Dann wurde sie fündig und will es jetzt mitnehmen«, beendete Cedric. »Gehen wir los. Oben verteilen wir uns in der Ruine und verlieren Mathilde so nicht aus den Augen.«
Die Furchtlosen nickten und setzten sich in Bewegung.
Am alten Schulhaus und dem Feuerwehrgebäude vorbei ging es Stufe um Stufe durch den herbstlichen Wald aufwärts. Mehrmals fielen Blätter von den Zweigen, es roch nach Moos und Pilzen.
»Was kann es denn in den Ruinen geben, was für die Wechselbälger interessant ist?« Irida übernahm das Schlusslicht. Nun schlug das Hinken gnadenlos zu. Aber ihre Freunde passten die Geschwindigkeit an. Wie immer. »Irgendeine Sage, die uns etwas verrät, Jinjin?«
»Oder die Geschichte des Ortes. Was die Monks so getrieben haben«, warf Jeremy ein.
»Mönche. Englisch: monk«, verbesserte Jinjin und schob die bunte Brille auf der Nase höher. Im Gehen zog sie ihr Tablet aus dem Rucksack und rief eine Datei auf. »Ich hatte rumgeschickt, was ich zum Kloster gefunden habe. Scheint keiner gelesen zu haben?«, fragte sie vorwurfsvoll.
Jeremy hüstelte verlegen.
»Oh, uh, ich war die ganze Zeit online im Livestream«, verteidigte sich Cedric. »Heute war Release des neuen BTLL-Vids. Da musste ich eine Reaction raushauen.«
»Und bei mir kam nichts an«, beteuerte Irida.
»Ist gut, ist gut. Ich fasse es für euch zusammen.« Jinjin atmete schwerer, die Anstrengung des Treppensteigens machte sich beim Sprechen bemerkbar. »Wird. Aber ein bisschen. Abge…hackt.«
»Hatte ich dir nicht gesagt, wir sollten zusammen trainieren?«, stichelte Jeremy, dem der Aufstieg als Sportlichsten von ihnen gar nichts ausmachte. »Ich trage deinen Rucksack«, bot er ihr an.
Jinjin übergab ihn und richtete die braunen Augen im Gehen auf das Display. »Schon vor den Römern soll es auf dem Berg eine große Kult- und Opferstätte gegeben haben«, erzählte sie. »Darauf wurden die Abtei und das Kloster errichtet.«
»Was habe ich gesagt?«, rief Irida von hinten und lachte.
»Außerdem soll es einen geheimen Gang gegeben haben«, verbreitete Jinjin ihr aufgestöbertes Wissen.
»Bis in die Schlossberghöhlen«, nahm Cedric es vorweg.
»Nein. In die Nachbargemeinde Kerkel, in die dortige Burg. Und natürlich lagert auch dort ein ungehobener Schatz, tief im Berg und bewacht von einem riesigen Hund mit feurigen Augen und riesigem Maul«, korrigierte Jinjin schwer atmend.
»Dagegen ist die Weiße Dame ja harmlos«, befand Irida.
»Na, dann hoffen wir, dass der Gang zugeschüttet ist«, murmelte Jeremy. »Stellt euch vor, dieses Biest strolcht aus Langweile herum und kommt im Kloster raus.«
Daraufhin senkte sich betretenes Schweigen auf die Gruppe, das mehrere Treppenabsätze anhielt. Noch mehr Ungeheuer brauchte niemand. Sie hatten in Hohenburg schon genügend davon.
»Die Legenden besagen, dass es etliche Geister und seltsame Geschehnisse rund um und auf dem Klosterberg geben soll«, nahm Jinjin das Zusammenfassen wieder auf und schnaufte. »Die Geister der bestatteten Äbte, Ritter und Mönche flüstern aus den Gräbern. Dann gibt es noch einen goldenen Hund, der mit riesigen Zähnen und feurigen Augen den Klosterschatz bewacht.«
»Noch ein Monsterhund«, jammerte Jeremy leise. »Warum können das keine niedlichen Tiere sein?«
»Wie ein zahmes schwarzbraunes Kaninchen?«, warf Irida ein. »Wer weiß, was Nooba alles beschützt und bewacht?«
»Sie ist ein Killerkarnickel!«, platzte es aus Jeremy heraus, und er kicherte. »Mit scharfen Zähnen knabbert sie nicht nur Möhren, sondern auch Knochen weg! Und Adern! Und …«
»Leute, reißt euch zusammen. Ich bin noch nicht fertig.« Jinjin blieb stehen und stützte sich an einem Baum ab. »Doch, gut. Ich bin fix und fertig.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Gebt mir eine Sekunde.«
Die Furchtlosen legten eine Rast auf dem Absatz ein.
Cedric sah in die Runde. »Die Wechselbälger treffen sich sehr oft bei Mathilde. Scheint, als planten sie was Neues. Aber außer sie zu beschatten, können wir nichts tun. Oder hat jemand Vorschläge?«
»Drohnen«, murmelte Jinjin. »Die Geräte haben inzwischen sogar eine Verfolgen-Funktion. Und die sind superklein.«
»Gute Idee!«, stimmte Jeremy zu. »Damit kann man nahe an das Gartenfenster von Mathildes Haus und vielleicht was beflauschen.«
»Belauschen.« Irida nahm ihre Thermoskanne und trank einen Schluck Pfefferminztee. »Ich dachte schon darüber nach, mich als Wechselbalg zu outen und bei ihrem Club mitzumachen«, eröffnete sie. »Damit könnte ich sie aushorchen.«
»Was? Nein! Das ist viel zu gefährlich«, lehnte Cedric den Vorschlag vehement ab.
»Sie durchschauen bestimmt, dass du nicht wirklich zu ihnen gehörst.« Jinjin deutete auf den gravierten Ring ihrer Freundin. »Sagtest du nicht, dass er das Trollhafte in dir blockiert? Und dass Kurt es sofort gecheckt hat?«
»Das könnte geschehen, ja«, räumte Irida ein. »Denkt ihr nicht, dass sie inzwischen generell gemerkt haben, dass wir ihnen auf Schritt und Tritt folgen? Die sind ja auch nicht blöd. Außerdem haben sie Linnea mit der Liebesmasche auf meinen Bruder angesetzt. Kann sein, dass sie längst was ahnen.«
Cedric nickte langsam. »Und dass wir gerade in eine Falle tappen sollen, die Mathilde für uns auf dem Berg vorbereitet«, sprach er seine Gedanken aus. »Seid also gleich extrem wachsam.«
Die Furchtlosen nickten.
Irida polierte den Silberring an ihrer Jacke und erfühlte das hölzerne Amulett mit dem Granatstein unter dem dunkelgrünen Hoodie um ihren Hals. Ihre Großmutter hatte offenkundig nicht gewollt, dass sie zu den Wechselbälgern gehörte. Sonst hätte sie ihr das Geschenk nicht gemacht.
Aber warum auch an Nick und Lea?
Darin lag ein weiteres Rätsel.
Solange ihre Ahnenforschung noch keine Ergebnisse gebracht hatte, outete sie sich nicht als Wechselbalg. Weder gegenüber Linnea noch deren neuen Freunden.
»Kann weitergehen«, sagte Jinjin und nahm mit einem lauten Durchatmen die erste Stufe des nächsten Abschnitts. »Dann ist da noch die Geschichte vom Kegelspiel der Teufel.«
»Natürlich. Teufel«, seufzte Jeremy. »Der auch noch. Was ist falsch mit dieser Region?«, beschwerte er sich gespielt. »Nein, das war Mehrzahl, richtig?«
»Ein Mann beobachtete eines Mitternachts, wie sich der Höllenfürst höchstselbst mit etlichen schwarzen Gestalten im schwersten Gewitter seine Langeweile vertrieb. Beim Kegeln. Mit schweren Eisenkugeln, die sie gegen glühende Kegel rollten, was ein dröhnendes Rumpeln und Grollen verursacht haben soll«, führte Jinjin unbeirrt von Jeremys Einwand aus. »Der Mann musste bis zum Morgen abwarten, um nicht von ihnen erwischt zu werden. Mit dem Sonnenaufgang verschwanden sie in einer Bodensenke.«
»Hatten sie Pferdefüße und Schwänze?«, wollte Irida neugierig wissen. »Wie es sich für Teufel und Dämonen gehört?«
Jinjin scrollte durch die Datei. »Ja, hatten sie. In den Jahren danach wurden sie immer wieder mal beim Spielen gesehen.«
»Ich bin gut im Bowling. Machen wir das Beste draus.« Jeremy hatte seine Zuversicht zurückgewonnen. »Vielleicht gewinnen wir was?«
Cedric und Irida grinsten.
»Ah, ich muss mich korrigieren. Noch ein zweiter Geheimgang. Vom Kloster bis nach Hohenburg«, fügte Jinjin abschließend keuchend an. »Sorry, habe ich übersehen.«
»In die Schlossberghöhlen?«, hakte Cedric nach.
»Angeblich in ein anderes Kloster in der Stadt.« Sie steckte das Tablet zurück in den Rucksack. Der Aufstieg war gleich geschafft.
Irida kannte solche Legenden, die meistens dazu ersonnen wurden, um alte Gebräuche zu etwas Bösem und Schlechtem oder sie einfach lächerlich zu machen. »Jetzt verstehe ich, warum Mathilde in den Ruinen unterwegs ist«, sagte sie.
»Wegen des Geheimgangs in die Schlossberghöhlen«, schätzte Cedric. »Als neue Möglichkeit, die Anderswelt zu finden und hinein zu sneaken.«
»Einerseits, ja. Und wegen der sogenannten Teufel«, führte Irida ihren Gedanken aus.
»Sie will mit ihnen kegeln! Und gewinnen! Stark genug wäre sie.« Jeremy lachte und machte eine Bowlingbewegung. »Strike!«
»Irida hat recht. Die Leute haben sicher keine Teufel gesehen, sondern Bewohner einer Anderswelt«, stimmte Jinjin zu, während sie als Erste das beginnende Plateau auf dem Berg an den Ruinen betrat. Tief atmete sie durch.
Rings um die Überreste des Klosters war das Gelände gerodet, Gras wuchs auf der Fläche und zwischen den Mauern. Teils standen die Wandreste nicht höher als bis zum Knie, teils ragten erhaltene Elemente des uralten Gebäudes und Säulen mehrere Meter aufwärts.
Der verwitterte Sandstein hatte Moos und Flechten angesetzt, schwarze und graue Verfärbungen zeigten sich. Manchmal gab es nicht mehr als Fundamente, und Hinweistafeln erklärten das einstige Aussehen des Klosters. Jenseits davon erhob sich ein Mischwald, der im Wind rauschte und knarrte.
»Also sucht Mathilde nach dem zweiten Eingang.« Cedric warf einen Blick in den Himmel, der sich über ihren Köpfen verdunkelte. Schwarze Wolken zogen auf, und ein Gewitter kündigte sein Kommen in der Ferne an.
»Och, nö«, murrte Jeremy und deutete an seinem Sportanzug hinab. »Ich hab keine Regenklamotten mit.«
Jinjin öffnete die Wetter-App auf ihrem Smartphone und rückte die rote Mütze zurecht. »Laut Wolkenradar haben wir zwanzig Minuten, bevor das Unwetter hier ist«, verkündete sie. »Oh, das sieht … heftig aus.«
»Oh, wisst ihr noch? Dann fangen die Teufel an zu kegeln«, flüsterte Jeremy mit verstellter Stimme und formte Klauen mit seinen Fingern. »Wie immer bei Gewitter.«
Das Knattern des Quads schallte durch den Wald und wurde rasch lauter. Mathilde näherte sich über die Schotterstraße den Ruinen.
Cedric gab rasch Anweisung, wer sich wo verstecken sollte, um den Wechselbalg bei seinem Tun im Auge zu behalten. Mit ihren Smartphones und Ohrstöpseln hielten sie Kontakt, wollten aber nur im Notfall sprechen. »Sie darf uns keinesfalls entdecken«, schärfte er ihnen ein. »Falls doch, forschen wir für ein Schulprojekt. Alles klar?«
»Das geht immer«, stimmte Jeremy zu.
Das Röhren des Motors schwoll an, das Durchdrehen der Reifen und das Prasseln des Schotters wurden hörbar. Weit konnte die Frau nicht mehr entfernt sein.
»Los jetzt! Und passt auf euch auf.« Cedric sah Irida zuerst an, bevor er den Blick über die Gesichter von Jinjin und Jeremy schweifen ließ. »Geht kein Risiko ein. Was immer geschieht, wir bleiben im Hintergrund.«
Dann rannten die vier in verschiedene Richtungen geduckt davon, um ihre Spähpositionen in der weitläufigen Ruine einzunehmen.
Iridas feine Nackenhärchen stellten sich auf, als ein gleißender gezackter Blitz etwa einen Kilometer entfernt krachend in die Erde fuhr und ein aggressiver Donner herüberrollte, wie sie ihn noch nie vernommen hatte.
Der Wald war für Irida ein Freund, bedeutete Zuflucht und Ruhe für sie.
Vertrautheit.
Sicherheit.
Verbundenheit.
Dieser düstere Hain um sie herum mit seinen vielen kahlen Eichen und den finsteren Fichten hingegen bewirkte das genaue Gegenteil. Sie würde ausprobieren, ob sich eine Verbindung, ein Einklang mit der Natur herstellen ließ, wie damals an der Waldbühne oder am Schlossberg.
Die Wolken zogen schwarz, grau und milchig weiß über Iridas Kopf. Sie drehten und wanden sich, als wären sie lebendig. Grollend und grummelnd zog das Unwetter auf und breitete sich über dem ungeschützten Bergrücken aus. Ganz offenkundig hatte sich das Gewitter nicht an die Prognose der App gehalten.
Die Schatten fielen rasch zwischen die aufragenden alten Mauerreste, die seit Jahrhunderten an diesem Ort standen. Und damit auf Irida, die sich in einer Ecke zusammenkauerte, von der aus sie einen guten Überblick hatte.
Plötzlich setzte das leise Flüstern um sie herum ein, von dem Jinjin erzählt hatte.
Das Grabesflüstern der Geister!
Mathilde parkte das Quad vor dem zweistöckigen weißen Haus, das in den Fünfzigern etwas abseits der Klosterruine von einer Wandervereinigung errichtet worden war. Hatte das Gebäude einst als Treffpunkt des Vereins und Gaststätte für Besucher gedient, wurde es seit gut zwanzig Jahren nicht mehr genutzt und stand leer.
Sie stieg ab und nahm den großen, schweren Rucksack aus der Heckbox, in dem sich allerlei Werkzeug befand, das gleich zum Einsatz kam.
Der Helm landete in dem Behältnis, dann stapfte Mathilde los, geradewegs auf die großen und kleinen Mauerreste zu, die auf dem Berg weithin sichtbar waren.
Nachts wurden die Ruinen angestrahlt, weswegen sie es vermied, nach Einbruch der Dämmerung an diesem Ort zu sein. Man würde sie im Scheinwerferlicht leicht sehen.
Und was sie tat.
Illegalerweise.
Auch ihr Ausweis der Stadtverwaltung konnte das nicht ändern. Das Landesdenkmalamt fände es nicht witzig.
»Na toll«, murmelte sie nach einem Blick durch die dicken Brillengläser in das aufziehende Unwetter über ihr. Wanderklamotten, Stiefel und ein Poncho würden nicht als Schutz ausreichen.
Aber umkehren wollte sie nicht, abwarten noch viel weniger.
Nach dem Tod ihres Anführers durfte keine Zeit mehr vergeudet werden. Sie hatten die rätselhafte Macht vielleicht wirklich im Nacken, vor der Kurt gewarnt hatte, und der Druck, ihr Ziel endlich zu erreichen, stieg mit jedem Tag.
Nach so vielen Jahrzehnten des Herumirrens und Stocherns im Nebel der vielen Legenden hatten ihre Nachforschungen Mathilde die berechtigte Hoffnung gegeben, auf eine Art Nebeneingang in die Anderswelt gestoßen zu sein. Damit waren nicht etwa die sagenumwobenen Gänge nach Kerkel und Hohenburg gemeint. Sondern etwas gänzlich anderes.
Sie stieß vor einigen Wochen auf die Sage der kegelnden Teufelsgestalten und hatte jene Senke mit den finsteren Tannen aufgestöbert, in der das Spiel stattfand.
Genau dort hatte Mathilde auf einem vermoosten halben Grabstein einen wichtigen Hinweis gefunden.
Und diesem ging sie jetzt nach.
Meter für Meter näherte Mathilde sich der beschriebenen Stelle innerhalb der Ruine, die all ihre Probleme lösen könnte.
Plötzlich fühlte sie sich beobachtet.
