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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Maresa Zellner atmete auf, als ihr kleiner Sohn Wolfgang eingeschlafen war. Vorsichtig knipste sie die Stehlampe aus und schlich auf leisen Sohlen aus dem Kinderzimmer. Sie war fast an der Tür angelangt, da trat ihr Fuß auf etwas Hartes, das knirschend zerbrach. Maresa horchte besorgt auf, aber vom Kinderbettchen her drang kein Laut an ihr Ohr. Wolfi schlief tief und fest. Die junge Frau bückte sich, tastete auf dem weichen Spannteppich herum und klaubte die Trümmer des von ihr zertretenem Gegenstandes auf. Erst in der hell erleuchteten Diele stellte sie fest, dass sie die kläglichen Überreste von Wolfis gelber Plastiktrompete in den Händen hielt. Wieder einmal war ein Spielzeug kaputtgegangen. Warum konnte der Junge nicht besser auf seine Sachen aufpassen? Gewiss, er war erst fünf Jahre alt, aber sie befahl ihm stets, seine Spielsachen jeden Abend in die Truhe zu räumen. Meist kontrollierte sie ihn dabei, aber an diesem Tag war sie dazu einfach zu müde gewesen. Nun, die kleine Trompete war kein kostbarer Gegenstand. Morgen würde sie ihrem Sohn eine neue kaufen, und damit würde der Fall erledigt sein. Maresa warf die Bruchstücke in der Küche in den Mülleimer, dann machte sie sich daran, den Geschirrspüler zu füllen und in Gang zu setzen. Beim Zubereiten des Nachtmahls war die Suppe übergekocht, eine klebrige Kruste bedeckte die Herdplatten. Maresa putzte und wischte, obwohl ihr vor Müdigkeit beinahe die Augen zufielen. Ihre Gedanken waren bei ihrem schlafenden Söhnchen. Hoffentlich gab es nicht wieder Ärger im Kindergarten. An diesem Tag hatte sich die Erzieherin bitter über Wolfgang beklagt. Er hatte einem anderen Jungen seinen geliebten Teddybären weggenommen, ein jüngeres Mädchen angerempelt und dann, als es laut geschrien hatte, auch noch an den Haaren gerissen.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Maresa Zellner atmete auf, als ihr kleiner Sohn Wolfgang eingeschlafen war. Vorsichtig knipste sie die Stehlampe aus und schlich auf leisen Sohlen aus dem Kinderzimmer. Sie war fast an der Tür angelangt, da trat ihr Fuß auf etwas Hartes, das knirschend zerbrach. Maresa horchte besorgt auf, aber vom Kinderbettchen her drang kein Laut an ihr Ohr. Wolfi schlief tief und fest.
Die junge Frau bückte sich, tastete auf dem weichen Spannteppich herum und klaubte die Trümmer des von ihr zertretenem Gegenstandes auf. Erst in der hell erleuchteten Diele stellte sie fest, dass sie die kläglichen Überreste von Wolfis gelber Plastiktrompete in den Händen hielt.
Wieder einmal war ein Spielzeug kaputtgegangen. Warum konnte der Junge nicht besser auf seine Sachen aufpassen? Gewiss, er war erst fünf Jahre alt, aber sie befahl ihm stets, seine Spielsachen jeden Abend in die Truhe zu räumen. Meist kontrollierte sie ihn dabei, aber an diesem Tag war sie dazu einfach zu müde gewesen.
Nun, die kleine Trompete war kein kostbarer Gegenstand. Morgen würde sie ihrem Sohn eine neue kaufen, und damit würde der Fall erledigt sein.
Maresa warf die Bruchstücke in der Küche in den Mülleimer, dann machte sie sich daran, den Geschirrspüler zu füllen und in Gang zu setzen. Beim Zubereiten des Nachtmahls war die Suppe übergekocht, eine klebrige Kruste bedeckte die Herdplatten. Maresa putzte und wischte, obwohl ihr vor Müdigkeit beinahe die Augen zufielen. Ihre Gedanken waren bei ihrem schlafenden Söhnchen. Hoffentlich gab es nicht wieder Ärger im Kindergarten. An diesem Tag hatte sich die Erzieherin bitter über Wolfgang beklagt. Er hatte einem anderen Jungen seinen geliebten Teddybären weggenommen, ein jüngeres Mädchen angerempelt und dann, als es laut geschrien hatte, auch noch an den Haaren gerissen. Außerdem hatte er sich strikt geweigert, am Mittagessen teilzunehmen.
Maresa seufzte.
Früher war Wolfgang ein so lieber, umgänglicher Bub gewesen. Sicher war er manchmal unfolgsam und oft allzu lebhaft gewesen, aber niemals störrisch oder gar boshaft. Sein jetziges Benehmen lag wohl daran, dass er sich zurückgesetzt fühlte.
Wahrscheinlich wollte er um jeden Preis Aufmerksamkeit erregen.
Aber die Erzieherin konnte sich natürlich nicht nur um ihn allein kümmern. Sie war auch für die anderen Kinder da. »Wenn Ihr Sohn so weitermacht, Frau Zellner, dann sehe ich schwarz für ihn«, hatte sie an diesem Tag prophezeit. »Er hat zwar noch ein Jahr Zeit, bis er in die Schule kommt, aber eines kann ich Ihnen jetzt schon sagen: In der Schule wird er sich in die Gemeinschaft einfügen müssen. Er wird sich einer gewissen Disziplin unterwerfen müssen.«
Maresa war mit dem Putzen des Herdes fertig und wandte sich der Wäschetruhe zu. Wahre Berge warteten darauf, gebügelt zu werden. Dank der Waschmaschine war die Reinigung kein Problem mehr, aber gebügelt musste werden. Michael legte Wert auf tadellos gebügelte Baumwollhemden und glattes Bettzeug. Er schien nicht zu begreifen, dass …
»Maresa, Liebes, bringst du mir ein Bier?«, erklang vom Wohnzimmer her Michael Zellners Stimme mitten in Maresas Gedankengang hinein.
Die junge Frau hielt mit dem Besprengen eines Kissenbezugs inne und schrie zurück: »Hol es dir doch selber!«
»Ich kann jetzt nicht weg vom Fernseher. Die Grün-Weißen stürmen ununterbrochen. Jeden Augenblick muss das entscheidende Tor fallen. Sei lieb und bring mir das Bier. Ich verdurste sonst. Die Zunge klebt mir am Gaumen.«
Maresa unterdrückte eine heftige Bemerkung, holte aus dem Kühlschrank eine Flasche Bier, nahm von der Anrichte ein Glas, marschierte hinüber ins Wohnzimmer und knallte beides auf den Couchtisch, direkt neben Michaels Füße, die dieser bequem hochgelagert hatte.
Ohne seine Augen vom Bildschirm zu nehmen, nickte Michael und stieß ein geistesabwesendes »Danke« hervor.
Mit einem ironischen: »Bitteschön, gern geschehen«, begab sich Maresa zurück zu ihrer Bügelwäsche. Sie befand sich in einer gefährlichen Stimmung. Sie war nahe daran, alles hinzuwerfen. Aber auch dazu hätte sie Energie benötigt, und sie war im Moment am Ende ihrer Kräfte. Sie hatte nur den einen Wunsch, sich ins Bett zu legen und zu schlafen.
»Maresa, Liebes, du hast den Flaschenöffner vergessen!«, rief Michael vom Wohnzimmer aus.
Maresa presste ihre fein geschnittenen Lippen fest zusammen und stellte sich taub. Sollte er sich doch selbst den Flaschenöffner holen oder eben verdursten. Wie kam sie dazu, ihn zu bedienen, wo sie doch ohnedies nahe am Zusammenbrechen war? Wenn sie sich nicht rührte, würde er sich schon aus seiner behaglichen Lage aufrappeln und herüberkommen.
Maresa malte sich aus, wie er reagieren würde, wenn er sie bewusstlos auf dem Küchenboden liegen sehen würde. Ob er erschrocken sein würde – oder wenigstens besorgt? Vermutlich nicht, dachte sie voll Bitterkeit. Er würde höchstens ärgerlich sein.
»Maresa! Der Flaschenöffner!«, rief Michael mahnend.
Die junge Frau rollte schweigend die feuchte Wäsche ein. Morgen würde sie noch eine Stunde früher aufstehen müssen als sonst, um zu bügeln.
»Maresa! Was ist los mit dir? Bist du taub?«
Die Gerufene stahl sich auf Zehenspitzen ins Badezimmer, schloss sich dort ein und ließ Wasser in die Wanne laufen. Hiermit war sie vor weiteren Befehlen und Forderungen sicher. Sie hörte Michael nun wirklich nicht mehr.
Nach dem Bad schlüpfte Maresa gleich in ihr Nachthemd, vergewisserte sich, dass ihr Sohn ruhig schlief, entleerte in der Küche den Geschirrspüler und schickte sich danach an, stillschweigend zu Bett zu gehen. Doch an der Schlafzimmertür wurde sie von ihrem Ehemann Michael abgefangen.
Michael Zehner war dreiunddreißig Jahre alt, von durchschnittlicher Größe, nicht dick, aber stämmig und sichtlich vor Gesundheit und Energie strotzend. Neben ihm wirkte die um fünf Jahre jüngere Maresa zierlich, obwohl sie weder besonders klein, noch dünn war. Sie besaß eine wohlproportionierte Figur, ein ansprechendes ovales Gesicht, schulterlanges dunkles Haar und ausdrucksvolle braune Augen, die von dichten dunklen Wimpern umrahmt waren. Um ihren Mund lag allerdings ein mürrischer Zug, der zu ihrem sonstigen guten Aussehen nicht recht passte.
Michael nahm Maresas abweisende Miene nicht wahr – oder wollte sie nicht wahrnehmen. Er war blendend gelaunt, denn die Fußballmannschaft, zu deren Fans er sich zählte, hatte soeben ein entscheidendes Spiel gewonnen. Seine lebhaften graublauen Augen funkelten vergnügt. Er schien bereits vergessen zu haben, dass er vorhin vergeblich nach dem Flaschenöffner gebrüllt hatte. »Maresa, Liebling, stell dir vor, wir haben gesiegt!«, verkündete er lautstark.
»Na fein«, sagte die junge Frau gleichgültig und gähnte. »Hast du den Fernseher abgeschaltet?«
»Nein. Wieso? Jetzt kommt doch noch der Nachtkrimi, ein Film, den ich schon vor Jahren sehen wollte, damals aber im Kino leider versäumte. Du leistest mir doch Gesellschaft, nicht wahr?«
»Nein, ich gehe zu Bett. Ich bin todmüde«, entgegnete Maresa knapp.
»Ach, komm, Maresa! Allein macht mir der Krimi keinen Spaß«, bat Michael. »Mir zuliebe könntest du ruhig einmal ein bisschen länger aufbleiben. Wir haben ja morgen unseren Ruhetag. Da können wir ausschlafen.«
»Du vielleicht, ich nicht.«
»Warum nicht? Du bringst den Jungen eben einmal eine Stunde später in den Kindergarten. Wolfgang ist sowieso ein Langschläfer. Er wird dir dankbar sein, wenn du ihn nicht schon um sieben Uhr weckst.«
»Oh, ich habe ja vor, Wolfi morgen ausschlafen zu lassen. Ich habe ihm versprochen, dass er morgen ausnahmsweise einmal nicht in den Kindergarten gehen muss.«
»Na also!«
»Trotzdem habe ich keine Lust, mich jetzt noch vor den Fernseher zu setzen. Du hast morgen deinen Ruhetag, aber auf mich wartet ein Berg Wäsche zum Bügeln.«
»Lass ihn warten. Die Wäsche läuft dir nicht davon. Bügle am Nachmittag oder sonst irgendwann.«
»Oder sonst irgendwann«, wiederholte Maresa gereizt. »Wie stellst du dir das eigentlich vor? Ich bin von früh bis spät mit Arbeit eingedeckt, habe kaum mehr eine freie Minute.«
»Du solltest dir die Zeit besser einteilen. Ich stelle doch wirklich keine übertriebenen Ansprüche an dich. Alles, was ich mir wünsche, ist, dass du hin und wieder ein paar Stunden mit mir allein verbringst. Seit Monaten sind wir nicht mehr miteinander ausgegangen. Ich glaube, es war dieser Theaterbesuch im vorigen Herbst, dass wir das letzte Mal, dass wir …«
»Ist das etwa meine Schuld?«, fiel Maresa ihrem Mann aufgebracht ins Wort. »Ich würde wahnsinnig gern mit dir ausgehen, ich sehne mich geradezu nach etwas Abwechslung. Aber von einem Theater- oder Konzertbesuch wage ich gar nicht mehr zu träumen! Es geht eben nicht.«
»Mit etwas gutem Willen ließe es sich bewerkstelligen«, meinte Michael. »Wolfgang könnte bei meiner Schwägerin übernachten. Gisela nimmt ihn gewiss gern bei sich auf. Du müsstest lediglich …« Michael unterbrach sich, denn im Fernsehen begann soeben der Krimi. Er zog Maresa ins Wohnzimmer, drückte sie auf die Polsterbank, setzte sich neben sie und lehnte sich entspannt zurück, bereit, den kommenden Film voll zu genießen.
Anfangs bemühte sich Maresa, der etwas verworrenen Handlung zu folgen, aber bald gab sie es auf. Sie war außerstande, sich auf den Film zu konzentrieren, und sie wollte es auch gar nicht. Was ging sie dieser läppische Krimi an, wo sie doch viel ernsthaftere Probleme zu bewältigen hatte?
Seit einigen Monaten, genau genommen seit dem Tod ihrer Schwiegermutter, war Maresas Leben in eine schwierige Phase getreten. Ihre Schwiegereltern hatten Michael und seinem jüngeren Bruder Martin ein gut gehendes Lokal, Café und Konditorei in Maibach hinterlassen. Das Geschäft florierte. Beide Brüder konnten ihre Familien damit gut ernähren. In finanzieller Hinsicht gab es für Maresa keinen Grund zu klagen, wohl aber in anderer Hinsicht. Ihre Schwiegereltern waren knapp hintereinander gestorben, und ihr Tod hatte in dem Betrieb eine empfindliche Lücke hinterlassen, die sie, Maresa, nun ausfüllen sollte. Früher hatte sie sich nur um ihren Haushalt und um ihren kleinen Sohn gekümmert, womit sie durchaus ausgefüllt gewesen war. Doch nach dem Tod seiner Mutter hatte Michael bestimmt, dass Wolfgang in den Kindergarten gehen müsse, damit Maresa in der Konditorei und im Café aushelfen konnte.
In der ersten Zeit hatte es sich tatsächlich bloß um einige Stunden täglich gehandelt, in denen Maresa Kaffee und Kuchen serviert hatte, doch allmählich war aus den paar Stunden ein manchmal zehnstündiger Arbeitstag geworden. Das Lokal wurde um zehn Uhr vormittags geöffnet und um acht Uhr abends geschlossen. Maresa harrte meist bis gegen sechs Uhr aus, aber wenn der Andrang groß war, musste sie länger bleiben. Um vier Uhr stahl sie sich schnell fort, um Wolfgang vom Kindergarten abzuholen und nach Hause zu bringen. Sie selbst kehrte in das Café zurück und stand in den restlichen Stunden wie auf Nadeln, in Gedanken stets bei ihrem Sohn und voll Sorge, dass er, allein in der Wohnung, etwas Fürchterliches anstellen könnte. Michael teilte diese Sorge keineswegs. Im Gegenteil, er lachte Maresa einfach aus, wenn sie ihm von Zeit zu Zeit ihre Befürchtungen anvertraute. Diese sorglose Haltung trug wesentlich zu der Abneigung bei, die Maresa seit kurzem gegen ihren Ehemann hegte und die täglich stärker wurde.
Maresa wusste, dass etwas geschehen musste. Sie war weder faul noch arbeitsscheu, aber sie hatte nicht die Absicht, ihr künftiges Leben Michaels Betrieb zu widmen.
»Du, ich glaube, es war seine Frau«, sagte Michael plötzlich.
Maresa schreckte auf. »Was? Wie?«, fragte sie.
»Ich glaube, es war die eigene Ehefrau, die den Makler umgebracht hat«, sagte Michael.
»So? Geschieht ihm recht«, murmelte Maresa.
»Es geschieht ihm recht? Aber, Maresa, hast du denn nicht aufgepasst? Sie ist ein widerliches Luder, das den armen Mann von hinten und vorn betrogen hat. Aber so sind die Frauen eben. Erst sind sie untreu, und wenn man ihnen auf die Schliche kommt – greifen sie zum Gift. Die Männer sind immer die Dummen.«
»Jetzt reicht es mir aber!« Maresas Müdigkeit war verflogen. Sie war außer sich vor Wut. »Was redest du für einen Blödsinn daher?«, fuhr sie Michael an. »Nicht die Männer sind die Dummen, es sind die Frauen. Die Frauen werden ausgenutzt und …, und …«
»Aber, Liebes, worüber regst du dich so auf?«, fragte Michael verwundert. »Meine Bemerkung war doch nicht ernst gemeint. Ich weiß, dass du mich weder betrügst, noch vergiftest.«
Michael lachte fröhlich auf, während Maresa an seiner Seite wieder in sich zusammensank. Sie war nicht streitsüchtig. Seit frühester Kindheit war sie bestrebt, mit ihrer Umwelt im Frieden zu leben. Doch in jüngster Zeit hatte sie erkannt, dass gerade ihre Friedfertigkeit Michael dazu verführte, ihr immer neue Lasten aufzubürden. Sie musste sich wehren und zwar möglichst drastisch, damit Michael endlich aufgerüttelt wurde.
Kurz entschlossen erhob sich die junge Frau von der Polsterbank. Noch bevor Michael merkte, was sie beabsichtigte, hatte sie auch schon auf den Abschaltknopf des Fernsehers gedrückt.
»Maresa! Spinnst du? Warum schaltest du ab?«
»Ich habe diesen öden Krimi satt. Ich muss mit dir reden, Michael.«
»Jetzt? Ausgerechnet jetzt willst du mit mir reden? Du suchst wohl Streit? Es passt dir nicht, dass ich mich bei dem Krimi gut unterhalte«, knurrte Michael.
»Nein, es passt mir nicht«, gab Maresa unumwunden zu. »Immer geschieht nur das, was du dir in den Kopf gesetzt hast. Wenn du einen Krimi sehen willst, dann muss ich neben dir sitzen und mir diesen Unsinn ebenfalls ansehen, egal, ob er mir gefällt oder nicht.«
»Du musst überhaupt nichts!«, brüllte Michael. »Geh zu Bett oder bügle deine Wäsche, mach, was du willst! Wie komme ich dazu, mir von dir meine gute Laune verderben zu lassen?«
»Und wer interessiert sich für meine Laune?«, fragte Maresa verbittert. »Dir ist es völlig egal, wie ich mich fühle. Dir macht es nichts aus, wenn ich vor Müdigkeit umfalle, Hauptsache, deine Bequemlichkeit bleibt gewahrt.«
»Du fällst vor Müdigkeit beinahe um? Aber das ist doch Unsinn. Ich bin heute Morgen vor dir aufgestanden. Natürlich bin ich ebenfalls müde, aber so arg, wie du tust, ist es nicht.«
»Du verfügst eben über eine bessere Konstitution«, meinte Maresa.
Michael achtete nicht auf die Worte seiner Frau. Er war aufgestanden und hatte den Fernseher wieder angedreht. »Lass mich gefälligst in Frieden den Krimi zu Ende sehen«, brummte er dabei.
»Nein, du wirst jetzt nicht auf den blöden Bildschirm glotzen. Du wirst mir zuhören!«, rief Maresa und schaltete wieder ab.
»Warum bist du heute so ekelhaft zu mir?«, fragte Michael bestürzt. Das Benehmen seiner Frau wurde ihm langsam unheimlich. In ihrer siebenjährigen Ehe hatte es nur selten Auseinandersetzungen gegeben, und wenn, so war stets er selbst der Urheber gewesen. Maresa hatte sich immer bemüht, einzulenken und ihn zu besänftigen.
Maresa holte tief Atem. »Ich bin nicht ekelhaft«, sagte sie dann. »Aber ich will …, ich muss mich meiner Haut wehren. Ich …, ich schaffe die viele Arbeit nicht!«
»Was soll das heißen?«, fragte Michael langsam.
Das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer war lediglich durch eine matte Wandleuchte notdürftig erhellt. Maresa stand ihrem Mann gegenüber, aber es war zu dunkel, als dass sie in seinen Gesichtszügen hätte lesen können. Sie wusste demnach nicht, ob er verärgert oder zur Einsicht bereit war.
»Ich kann nicht den Haushalt besorgen, mich um das Kind kümmern und noch zehn Stunden täglich im Café arbeiten«, erwiderte Maresa auf Michaels Frage. »Ach, Michael, früher …, früher waren wir so glücklich. Aber jetzt …, jetzt stehe ich ständig unter einem unerträglichen Stress. Ich bin dieser Doppelbelastung einfach nicht gewachsen.«
»Stress – Doppelbelastung, das sind doch bloß Schlagworte. Es gibt Millionen von Frauen, die Haushalt, Kinder und Beruf ohne Weiteres vereinbaren. Du hast eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler, einen Mikrowellenherd und was weiß ich noch alles. Für dich ist der Haushalt doch ein Kinderspiel. Meine Mutter besaß keines dieser modernen Geräte und ist trotzdem gut zurechtgekommen. Sie beklagte sich nie über Stress oder Doppelbelastung. Dabei war sie viel stärker im Betrieb engagiert, als du es bist. Es stimmt nämlich nicht, dass du täglich zehn Stunden in der Konditorei arbeitest. Das kommt höchstens in Ausnahmefällen vor – wenn Frau Schulz früher weggehen muss, oder vor Feiertagen. Meine Mutter hingegen ist täglich als letzte nach Hause gegangen.«
Maresa wandte sich ab und bohrte ihre Fingernägel in die Handflächen. Sie war ihrer Schwiegermutter aufrichtig zugetan gewesen und war auch durchaus bereit einzugestehen, dass Hermine Zellner eine tüchtige und arbeitsame Frau gewesen war, aber es erbitterte sie, von ihrem Ehemann ihre Schwiegermutter als leuchtendes Vorbild vorgehalten zu bekommen. Übrigens hatte Hermine Zellner selbst ihre Schwiegertöchter nie dazu aufgefordert, ihr nachzueifern. Im Gegenteil, sie hatte ihnen öfters nahegelegt, sich mehr um die Kinder zu kümmern als um das Lokal.
»Sei doch nicht gleich beleidigt, Maresa«, fuhr Michael nach einer kurzen Pause fort. »Ich verstehe, dass dir der Betrieb nicht so ans Herz gewachsen ist, wie es bei meiner Mutter der Fall war. Schließlich hatte Mama ihn von ihren Eltern geerbt und gemeinsam mit meinem Vater ausgebaut und erweitert. Anfangs waren sie nur zu zweit. Papa stellte das Backwerk her, Mama servierte. Martin und ich haben es besser. Wir beschäftigen einen Konditor, einen Lehrjungen, eine Serviererin und ein Lehrmädchen.«
»Und mich«, ergänzte Maresa. »Könntet ihr nicht an meiner Stelle eine zweite Serviererin einstellen?«
»Ausgeschlossen! Du weißt, wie schwierig es ist, vertrauenswürdiges Personal zu finden. Bei dem Lehrmädchen habe ich ohnedies Bedenken. Frau Schulz ist in Ordnung, aber Birgit benimmt sich der Kundschaft gegenüber oft ziemlich schnippisch. Du musst ein Auge auf das Mädchen haben. Dir als Frau des Chefs wird Birgit schon gehorchen. Mama war allerdings energischer den Angestellten gegenüber. In ihrer Gegenwart hätte es kein Lehrmädchen gewagt, der Frau eines Stadtrates zu widersprechen.«
»Warum spielst du nicht den Aufpasser über Frau Schulz und Birgit?«, fragte Maresa mit bebender Stimme.
»Ich habe mit dem Einkauf, dem Bürokram und der Buchhaltung genug zu tun. Und Martin steht hinter der Theke. Von ihm kannst du nicht verlangen, dass er seine Augen überall hat«, kam Michael einem weiteren Einwand vonseiten Maresas zuvor.
»Du weißt natürlich auf alles eine Antwort«, seufzte die junge Frau. »Trotzdem – es kann nicht so weitergehen wie bisher. Ich komme kaum noch dazu, mit Wolfi zu spielen oder spazieren zu gehen. Ich weiß genau, dass ich mein Kind vernachlässige, aber ich kann nichts dagegen tun. Mir bleibt zu wenig, Zeit für den Jungen.«
»Ich habe es dir schon einige Male gesagt – du musst dir die Zeit besser einteilen. Martin und ich – wir beide sind uns nie vernachlässigt vorgekommen.«
»Nun, ihr wart eben zu zweit. Wolfgang hingegen ist ein Einzelkind. Leider …«
»Wenn wir zwei Kinder hätten, würdest du dich erst recht über zu große Belastung beklagen.«
