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Nicht nur Rehböcke müssen die Kugel fürchten, wie die Jagdfreunde des Haselünner Hegerings entsetzt feststellen. Einer von ihnen liegt mit einer Schusswunde tot im Wald. Ein Jagdunglück? Kommissar Mark Kössner hat Zweifel. Nicht zuletzt, weil die tödliche Kugel nirgends aufzufinden ist. Doch wer sollte Interesse daran haben, den beliebten Familienvater zu ermorden? Seine Jagdfreunde doch wohl nicht! Keine Kugel, kein Schütze, kein Motiv. Mark ist kurz davor aufzugeben. Doch die Freundschaft der Jäger war nicht so eng, wie sie auf den ersten Blick wirkte, und auch im privaten Leben der Männer findet Mark Ungereimtheiten. Kann er darin das Motiv und somit auch den Mörder finden?
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Irmela Schröck
©Irmela Schröck 2022
Cover : artush / yayimages.com
ISBN 978-3-95959-372-4
Alle Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen oder Begebenheiten sind, soweit überhaupt vorhanden, dem Zufall zu verdanken.Und die Arbeit der Polizei ist in Wirklichkeit noch um einiges komplizierter und aufwändiger als hier dargestellt.
Kommissar Mark Kössner arbeitete an seinem Schreibtisch in der Haselünner Polizeiwache und versuchte, die tanzenden Herbstblätter zu ignorieren, die der Wind vor seinem Fenster immer wieder durch die Luft wirbelte. Gerade wollte er nach der Kaffeetasse greifen, als das Telefon schrillte. Eine aufgeregte männliche Stimme gab ihm nicht einmal Zeit, guten Tag zu sagen.
„Bitte, wir brauchen Hilfe, ganz schnell! Wir hatten einen Unfall, ein Jagdbruder ist angeschossen worden, er verblutet!“
„Wo genau befindet sich der Unfallort?“, fragte Mark Kössner.
Noch während er die genaue Beschreibung notierte, beauftragte er bereits seine Kollegen, einen Rettungswagen zu alarmieren. Den Unfallort, eine Lichtung im Engelberts Wald, kannte Mark, bis zu der angegebenen Stelle konnte man auf keinen Fall mit dem Auto fahren. Er warf ein klappbares Fahrrad in den Kofferraum und fuhr los. An der Osterbrocker Straße parkte er den Wagen gut sichtbar an der Stelle, wo ein holperiger Weg links in den Wald führte. Ab hier musste das Rad herhalten.
Gott sei Dank war es nicht weit bis zu der angegebenen Lichtung. Eine Gruppe Männer stand dort und sah ihm sichtlich erleichtert entgegen. Etwas außer Atem sprang er von seinem Rad, warf es hin und eilte zu ihnen. Mitten in der Gruppe lag ein Mann auf dem Bauch. Eine blutgetränkte Rückenwunde ließ nichts Gutes vermuten. Der Kommissar kniete nieder und drehte den Kopf des Verletzten kurz zur Seite, um das Gesicht zu sehen. Ein Blick in die starren Augen des Mannes genügte. Aber Mark tastete trotzdem noch einmal sorgfältig nach der Halsschlagader. Sie blieb unbeweglich unter seinen Fingerkuppen. Mark blickte irritiert auf den Toten, er kannte ihn irgendwie, wusste aber im Moment nicht woher.
„Das tut mir leid. Da ist nichts mehr zu machen“, sagte er, noch kniend, zu den Männern. Dann richtete er sich auf und beorderte per Funk die Spurensicherung und den Rechtsmediziner zu dem Unfallort. Die fünf Jäger des Hegerings Haselünne und sechs Treiber, die den Toten umringten, schauten sichtlich geschockt drein. Mark versuchte, einen schuldbewussten Blick zu erhaschen, einer in der Runde musste ja für diesen tödlichen Jagdunfall verantwortlich sein. Doch alle hielten seinem Blick stand.
Die sechs Treiber kamen für den Tod des Jägers nicht in Betracht, weil Treiber keine Waffen bei der Jagd tragen dürfen. Die konnte er gedanklich schon einmal abhaken.
„Wie heißt der Tote?“, fragte er.
„Thomas Kelt“, antwortete ein Mann mit einem weißen Bart.
„Können Sie mir Näheres über ihn sagen?“, fragte Mark weiter und notierte sich „Thomas Kelt“ in sein Notizbuch. „Ist er verheiratet und wo wohnt er?“
„Ja, er ist verheiratet und wohnt auf dem Distelring“, antwortete jetzt ein leicht korpulenter Mann, der ein Taschentuch aus der Hose nahm und sich damit über die Stirn fuhr. Dort hatten sich Schweißperlen gebildet.
„Und die Hausnummer?“
„Hundertsechsundfünfzig.“
„Wer hat den tödlichen Schuss abgegeben?“, fragte der Kommissar. Ratloses Schweigen.
„Das wissen wir nicht, er lag schon so da, als wir auf die Lichtung kamen“, antwortete nach einigem Zögern ein großer, schlanker Mann mit grauen Schläfen.
„Und warum sind Sie alle auf diese Lichtung gekommen?“
„Die Jagd war zu Ende. Wir hatten eine Treibjagd auf einen Bock veranstaltet, sechs Jäger und sechs Treiber. Das Hornsignal hat uns alle hierher beordert“, antwortete der Mann.
Mark Kössner versuchte, sich das Ganze vorzustellen. Die Männer veranstalten eine Treibjagd, aber anstatt einen Bock zu erschießen, wird einer der Jäger tödlich getroffen. Bei der Art, wie eine Treibjagd normalerweise ausgeführt wurde, sollte das eigentlich ausgeschlossen sein. Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Wer hat den Notruf getätigt?“
„Das war ich“, antwortete der Mann mit den grauen Schläfen.
„Sie sind ...?“, fragte der Kommissar.
„Karl Mayer.“
„Sie waren also als Erster auf der Lichtung.“
„Nein, Gert Börger war vor mir da“, antwortete Herr Mayer und zeigte auf einen jungen Mann.
Mark musterte Herrn Börger. Ein großer, gut aussehender Blonder, der mit gesenktem Haupt etwas abseits der Gruppe stand.
„Herr Börger, warum haben Sie nicht den Notarzt gerufen?“
Der Mann schaute ihn mit leeren Augen an und schüttelte mehrfach den Kopf. „Ich weiß nicht, ich war einfach fassungslos und geschockt“, sagte er.
„Hatten Sie denn kein Handy dabei?“,
„Doch, ich habe es immer dabei“, antwortete er. „Aber ich war einfach handlungsunfähig.“ Er blickte beschämt zu Boden.
Der Kommissar ging erst einmal nicht näher auf diese Aussage ein, weil zwei Sanitäter mit einer Trage herangehetzt kamen. Ihren Krankenwagen hatten sie ebenfalls an der Straße stehen lassen müssen.
„Es ist zu spät“, rief Mark den Männern zu, „hier muss jetzt der Rechtsmediziner weitermachen. Tut mir leid, dass Sie umsonst hergekommen sind.“
Die Sanitäter kamen trotzdem näher und warfen einen schrägen Blick auf den Mann, der mit dem Gesicht nach unten auf der Erde lag. Es summten bereits erste Fliegen um die Wunde.
„Sollen wir nicht noch einmal ...“, fragte einer der beiden Sanitäter.
Der Kommissar schüttelte den Kopf. Die Sanitäter nahmen die Trage wieder hoch und traten den Rückweg an.
Mark schaute in die Runde. Keiner der Männer schaute ihn jetzt voll an, alle blickten an ihm vorbei. Jeder von ihnen könnte der Unglücksschütze gewesen sein. Vermutlich fühlten sich alle unschuldig, und doch konnte keiner ausschließen, dass es nicht gerade sein Schuss gewesen war, der den Mann getroffen und getötet hatte. Sie alle hatten ja vermutlich in unmittelbarer Nähe geschossen.
Die Männer murmelten und grummelten vor sich hin. Mark verstand kaum etwas von ihren Worten. Es wurde höchste Zeit für etwas Struktur. „Bitte nennen Sie mir Ihre Namen“, forderte er.
„August Lingmann“, begann der Bärtige. Die anderen folgten mit ihrer Namensnennung.
Der Kommissar notierte alle, auch die Namen der Treiber. Wenn sie auch nicht als Täter infrage kamen, so auf jeden Fall als Zeugen. Weitere Fragen hatte er im Moment nicht, dazu war es noch zu früh. Er schaute sie alle noch einmal eindringlich an und versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen. Er sah niemanden, der die Augen niederschlug. Fühlte sich demnach keiner von ihnen schuldig? Na, gut, wir werden sehen, dachte er. Er würde die Befragung später im Büro mit jedem Einzelnen fortführen.
„Meine Herren“, sagte Mark ernst, „Sie müssen spätestens morgen auf das Revier kommen, um ihre Aussagen zu machen. Bitte melden Sie sich telefonisch für einen Termin an.“
„Können wir das erlegte Wild mitnehmen?“, fragte Herr Lingmann und deutete auf drei kleine, pelzige Körper, die Mark erst jetzt bemerkte. Kaninchen.
„Die wird die Rechtsmedizin wohl nicht brauchen“, sagte Mark. „Nehmen Sie die Tiere mit.“
Die Spurensicherung und der Rechtsmediziner waren eingetroffen. Mark Kössner dirigierte die Treiber und die fünf Jäger vom Unglücksort weg, damit die Spurensicherung ungehindert ihre Arbeit tun konnte. Die Männer folgten ihm nur zögernd.
Gert Börger blieb stehen und schaute zurück. Dann seufzte er tief. „Mensch, Thomas!“
Etwas abseits des Tatorts ließ der Kommissar sie wissen: „Sie können vorerst gehen, aber Ihre Gewehre müssen für unsere weiteren Untersuchungen konfisziert werden. Bitte geben Sie diese dort hinten bei dem Polizeiwagen ab.“
Wieder hörte Mark ein undeutliches, aber zustimmendes Gemurmel. Die Männer schauten sich gegenseitig fragend an, entfernten sich dann aber langsam und schweigend in Richtung des Polizeiwagens.
Mark trat zu der Spurensicherung und bat den Fotografen, auch Bilder von der Umgebung zu machen, damit er einen Lageplan erarbeiten könnte. Er musste klären, wer sich während der Jagd wo befunden hatte. Die Kugel, die den Tod verursacht hatte, war bislang noch nicht gefunden worden. Sie war von vorn in den Körper eingedrungen und hinten wieder ausgetreten, wie man aus der Wunde schließen konnte. Der Rechtsmediziner hatte das bestätigt. Irgendwo hier musste sich das Projektil befinden. Es war wichtig, um es einer Waffe zuordnen zu können und damit den Schützen zu ermitteln.
Mark fuhr zurück zur Wache. Dort erwartete ihn sein Kollege Jens Köppke.
„Was ist passiert?“, fragte er interessiert. Mark berichtete ihm von dem Unfalltod des jungen Mannes und von den fünf Jägern, die dort anwesend waren. Dann fragte er: „Sag mal, kennst du einen Thomas Kelt? Er kommt mir bekannt vor, aber ich weiß im Moment nicht woher.“
„Thomas Kelt? Ist das der Tote?“, fragte Jens entgeistert zurück.
„Ja“, bestätigte Mark.
„Herr Kelt war doch vor etwa zwei Monaten hier und hat eine Anzeige gegen Unbekannt gemacht.“
Mark schaute seinen Kollegen fragend an, er versuchte sich, zu erinnern.
„Es ging um sein demoliertes Auto und Fahrerflucht“, ergänzte Jens.
„Ja, richtig, jetzt fällt es mir wieder ein. Die Anzeige verlief im Sand, wir konnten keinen Täter ermitteln.“ Merkwürdig, dachte Mark, dass zweimal derselbe Mann in meinem Umkreis vorkommt, wo ich doch kaum jemanden in Haselünne kenne.
„Was ist mit den anderen Männern?“, wollte Jens wissen. „Kennen wir die auch?“
„Ich kenne keinen von ihnen. Vielleicht du?“ Mark schaute auf sein Notizblock und las Jens die Namen vor.
„Zwei sind mir zumindest dem Namen nach bekannt“, erklärte Jens. „Karl Mayer ist der Leiter der Oldenburgischen Landesbank, aber Näheres kann ich dir auch nicht sagen.“
„Okay.“
Mark setzte sich an seinen Computer und protokollierte das Ereignis.
11. Oktober 2019, Notruf um 16. 05 Uhr
Bei einer Jagdveranstaltung wurde ein Teilnehmer tödlich getroffen.
Sein Name: Thomas Kelt.
Der Unfallort: Lichtung im Engelbertswald, vierhundert Meter links abseits des befahrbaren Weges.
Fünf Jäger und sechs Treiber waren bei meinem Eintreffen auf der Lichtung anwesend: Die Namen der Jäger lauten:
Gert Börger
August Lingmann
Karl Mayer
Frank Oster
Michael Schuber
und die Treiber sind:
Georg Backmann
Frank Krabben
Dirk Kuhlmann
Bernhard Wosten
Dieter Winkel
Alex Sander
Bei der ersten schnellen Befragung im Wald konnte keiner der Männer eine genaue Erklärung über den Vorgang abgeben. Sie hatten sich nach zwei Stunden Jagd planmäßig auf der Lichtung getroffen, um gemeinsam die erlegten Tiere nach Hause zu bringen. Auf dem vereinbarten Treffpunkt fanden sie ihren Jagdbruder Thomas Kelt leblos am Boden liegen. Er lag in einer Blutlache auf dem Bauch. Eine große Wunde war am Rücken sichtbar, vermutlich die Austrittsöffnung einer Kugel. Einer der Jäger, Karl Mayer, hatte sofort mit seinem Handy einen Notruf getätigt. Die Jäger haben gewartet, bis ich eintraf.
Gezeichnet Mark Kössner.
Er schloss seinen Bericht und wandte sich seinem Kollegen zu. „Hoffentlich können wir den Fall Thomas Kelt schnell klären. Es wird schwierig werden, wenn wir das Projektil nicht finden. Bislang ist es der Spusi nicht gelungen. Wir sollten mit einem Metalldetektor noch einmal gründlich suchen. Kann Kevin das übernehmen oder willst du das tun?“
„Ich mache das, Kevin ist unterwegs.“
„Dann müssen wir auf ihn warten, denn ich muss zuerst Frau Kelt die Todesnachricht überbringen. Wenn Kevin zurück ist, kannst du los.“
„Wo genau ist der Unglücksort?“
Noch während Mark es ihm erklärte, kam sein Kollege Kevin zurück. Er zog seine Jacke aus und trat neugierig zu den beiden anderen. Auch er wollte wissen, was geschehen war und wurde von seinen Kollegen aufgeklärt.
„Wenn es recht ist, fahre ich in den Wald, um die Kugel zu suchen. Ihr seid ja beide anderweitig beschäftigt“, schlug Kevin vor.
Mark nickte, Kevin zog seine Jacke wieder an und holte sich aus einer Kammer einen Metalldetektor. Damit verließ er das Polizeibüro.
Mark seufzte tief, ihm blieb die unangenehme Aufgabe, der Frau des Erschossenen die traurige Nachricht zu überbringen.
Vor dem Haus der Familie Kelt spielten zwei Kinder mit einem Ball auf der Straße. Sie liefen sofort zur Seite, damit Mark ungehindert vorbeifahren konnte. Gehörten die Kinder zu den Kelts? Er stieg aus und klingelte an der Haustür. Frau Kelt öffnete die Tür, Mark sah an ihren verweinten Augen sofort, dass jemand schneller als er gewesen war.
„Frau Kelt, ich vermute, dass Sie bereits vom Tod Ihres Mannes erfahren haben. Mein Name ist Mark Kössner von der hiesigen Polizei. Darf ich kurz hereinkommen?“
Die hübsche, junge Frau mit langen, glatten Haaren nickte, trat zur Seite und öffnete die Tür weit. Mark folgte ihr in die Küche, wo sich Frau Kelt auf einen Stuhl fallen ließ und die Hände vor ihr Gesicht schlug. Sie weinte und schluchzte heftig. Die Tränen tropften zwischen ihren Fingern hindurch auf ihren Pullover. Mark setzte sich auf einen Stuhl gegenüber und verhielt sich still. Sein Blick glitt über die penibel saubere Küche. Blauweiße Fliesen bedeckten den Boden, Gardinen in blau und weiß hingen vor dem Fenster. Kaffeebecher in diesen Farben standen auf einem Bord. Eine weiße Tischdecke, die mit blauen Blumen bestickt war, bedeckte den Essplatz. Und als Krönung dieses blau-weißen Ensembles hing eine weiße Lampe mit einem blauen Rand von der Decke herab. Für Marks Geschmack war es etwas zu viel in blau und weiß.
Nach zwei, drei Minuten hatte Frau Kelt ihre Fassung halbwegs zurückgewonnen und hob den Kopf. „Entschuldigung“, schniefte sie, putzte sich die Nase und schaute Mark mit rotverweinten Augen an.
Er lächelte verständnisvoll. „Sie müssen sich nicht entschuldigen, es ist doch verständlich, dass Sie weinen.“
Nach einer kurzen Pause fragte er: „Wer hat Ihnen von dem Unglück erzählt?“
Frau Kelt zog tief die Luft ein und stammelte: „Gert, Gert Börger, er hat mich angerufen.“
„Kennen Sie Herrn Börger näher?“
„Ja, wir sind mit ihm befreundet.“
Der Kommissar stutzte. „Er ruft sie als Freund an, teilt Ihnen das Unglück mit und dann legt er auf?“ Wie? Ein Freund hat es nicht nötig, vorbeizukommen, um der Frau das Unglück persönlich mitzuteilen? Die Frau hätte doch Hilfe und Trost gebraucht. Ihm war das Verhalten des Freundes Gert Börger schleierhaft.
„Er kommt später vorbei, hat er noch gesagt, er könnte es selbst nicht fassen“, flüsterte sie.
Mark beschloss, das Thema erst einmal nicht weiter zu verfolgen, denn zunächst waren einige andere Informationen wichtiger. „Frau Kelt, ich müsste Ihnen jetzt noch ein paar Fragen stellen.“
Die Frau blickte ihn hilflos an. „Fragen? Was wollen Sie wissen? Ich war doch nicht dabei.“
„Es geht nicht um den Unfall, Frau Kelt“, erklärte Mark. „Ich möchte nur ein paar Fakten aus dem Umfeld Ihres Mannes erfahren. Wie lange sind Sie verheiratet, seit wann ist Ihr Mann Jäger, haben Sie Kinder? Und solche Dinge. Oder soll ich später wiederkommen?“
Ein neuer Tränenstrom unterbrach Marks Wissbegier. „Nein, das k-kann ich heute nicht beantworten“, schluchzte sie und stützte ihren Kopf in ihre Hände. „Kom-men Sie an einem an-deren Tag wie-der!“, kam es stoßweise von ihren Lippen.
Mark erhob sich und wollte gehen, besann sich aber sogleich. Auf keinen Fall wollte er sich so benehmen wie der Freund Gert Börger und die Frau in ihrer Trauer allein lassen.
„Kann ich jemanden informieren, der sich um Sie kümmert?“, fragte er.
„Ich habe mei-ne Mut-ter ange-rufen, sie wird sicher gleich hier sein“, schniefte sie.
Mark setzte sich wieder, um den Besuch der Mutter abzuwarten. Da klingelte es schon Sturm an der Haustür. Mark vergewisserte sich mit einem Blick auf die Witwe, dass es ihr recht war, wenn er die Tür öffnete, und ging hin.
Im Bürobesprach er seinen Besuch bei der Witwe und die Art und Weise, in der die Todesnachricht ihr von Gert Börger überbracht worden war, mit seinem Kollegen. Er war immer noch irritiert, dass ein Freund so etwas Schreckliches noch vor der Polizei telefonisch durchgegeben und dann einfach das Gespräch beendet hatte.
„Wie siehst du das?“, fragte er Jens.
„Vielleicht ist Herr Börger einer von der Sorte Mensch, die schlechte Nachrichten sofort verbreiten müssen? So nach der Ansicht: Hallo, ich weiß was, was du nicht weißt!“, erwiderte Jens und schaute Mark erwartungsvoll an.
Mark fragte skeptisch zurück: „Oder steckte etwas anderes dahinter? Könnte es eine Warnung gewesen sein?“
Jens überlegte: „Aber Warnung wovor? Etwa vor uns? So in der Art: Mach dich darauf gefasst, dass die Polizei gleich kommt!“
„Ja, so in etwa, denke ich.“
Jens schüttelte ungläubig seinen Kopf. „Das glaube ich nicht. Das würde doch bedeuten, dass der Tod kein Unfall war und die Frau davon wusste.“
Jetzt schüttelte Mark seinen Kopf. „Nein, das denke ich auch nicht. Die Trauer der Witwe um ihren toten Mann schien echt zu sein, das kann kein gewollter Tod gewesen sein“, befand er. Auf jeden Fall aber würde er Gert Börger genau befragen und auch die anderen Männer.
Einer von ihnen kam gerade in das Büro.
„Guten Abend“, sagte der Eintretende, „ich habe gehofft, dass ich Sie um diese Uhrzeit noch antreffe, ich will meine Aussage machen.“
„Bitte kommen Sie doch herein und nehmen Sie dort Platz“, forderte Mark den Besucher auf, wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und schaute den Mann näher an. Es war der etwas kräftigere Jäger, der sich im Wald den Schweiß von der Stirn gewischt hatte. Er war schätzungsweise Mitte vierzig, mit einem kleinen Bauchansatz und dunkelblonden vollen Haaren. Der Mann trug eine Hornbrille vor seinen braunen Augen. Seinen Jagdanzug hatte er gegen blaue Jeans, einen hellen Sakko und einen olivgrünen Pullover getauscht. Die Jacke zog er aus und legte sie über seine Knie, ehe er sich setzte. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Offenbar ist dem Mann immer zu warm, konstatierte Mark. Er öffnete ein Notizbuch vor sich auf dem Tisch und begann mit seinen Fragen.
„Sie sind?“
„Michael Schuber.“
„Wohnhaft wo?“
„Ludwigstraße 20 in Lahre.“
„Geboren am?“
„25. 4. 76.“
„Verheiratet?“
„Ja.“
„Kinder?“
„Nein.“
Michael Schuber antwortete ohne Zögern. Seine Stimme war angenehm sonor, hatte aber einen leichten zittrigen Unterton. Mark betrachtete ihn aufmerksam. „Herr Schuber, erzählen Sie mir von dem heutigen Tag. Wie lief der ab?“
Der Mann wirkte etwas nervös. Er nestelte am Rand seines Pullis herum, sein Blick war unstet. „Wir hatten uns um 14. 00 Uhr zu einer Bewegungsjagd verabredet. In letzter Zeit war im Engelberts Wald öfter ein stattlicher Rehbock gesichtet worden und wir wollten versuchen, ob wir ihn erwischen können.“
„Können Sie einmal genau sagen, wie es bei so einer Jagd zugeht?“
Herr Schuber lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und fummelte wieder am Rand seines Pullis. „Also“, begann er etwas zögernd. „Der Jagdleiter muss eine Ansprache halten. Sie ist das Kernstück der Jagd und bringt jeden Teilnehmer auf den nötigen Wissensstand. Der Leiter muss vor der Jagd den genauen Ablauf erklären. Er kontrolliert die Jagdscheine und legt die Pausen und Aufbruchregelungen zeitlich und örtlich fest. Er definiert noch einmal die Sicherheitsbestimmungen und nennt den Satz, den jeder Jäger kennt.“
„Und, wie lautet der? Ich bin kein Jäger und kenne ihn nicht.“
Herr Schuber zwinkerte nervös mit einem Auge und rieb sich unter der Brille kurz daran. Es juckte ihn wohl immer noch, er nahm die Brille ab und rieb kräftiger. „Der Satz heißt: Jeder Jäger ist für seinen Schuss selbst verantwortlich.“
Mark wartete geduldig.
Dann setzte Herr Schuber die Brille wieder auf und berichtete weiter. „Hat der Jagdleiter die Formalitäten erledigt, werden wir Jäger angestellt.“
„Angestellt?“, fragte Mark leicht verwundert.
Herr Schuber lächelte. „Angestellt ist so ein spezieller Jagdausdruck und bedeutet, dass jedem einzelnen Jäger der Platz oder Hochsitz gezeigt wird, an dem er sich während des Treibens aufhalten soll. Das macht der sogenannte Ansteller.“
„Ach, Sie können sich gar nicht einen beliebigen Platz aussuchen?“, hakte Mark nach.
„Nein, das wäre zu gefährlich. Da könnte es passieren, dass man einen Menschen trifft. Der Ansteller zeigt den Jägern auch, wo sich die anderen Jäger befinden und in welche Bereiche nicht geschossen werden darf“, erklärte Herr Schuber.
„Wer war der Ansteller?“
„Die Aufgabe hatte Karl Mayer übernommen.“
„Nun, das ist gut zu wissen. Wie geht es dann weiter?“
„Dann blasen die Jagdhornbläser zum Aufbruch zur Jagd.“
„Habe ich das richtig verstanden? Die Jäger müssen darauf warten, ob ihnen ein Bock oder Reh vor die Flinte läuft?“
Herr Schuber setzte ein überhebliches Lächeln auf. „So einfach ist das nicht. Der Jagdleiter hat bei seiner Ansprache auch bekannt gegeben, welche Wildarten erlegt werden dürfen. Manchmal erfolgt dann noch eine weitere Präzisierung nach Alter und Geschlecht. In unserem Fall war das der Bock, auf den wir aus waren, und Kaninchen. Das heißt, es darf nur geschossen werden, wenn alles stimmt. Da bleiben oft nur wenige Sekunden, in denen der Jäger entscheiden muss, ob er schießen darf oder nicht.“
„Dürfen die Jäger in ihrem Bereich hin- und herlaufen?“
„Oh, nein, sie dürfen ihren Platz nicht verlassen.“
„Aber dann ist das Tier doch vielleicht schon weg“, sagte Mark. „Und der Jäger darf dann nicht hinterherlaufen?“
„So sollte es sein“, bestätigte Herr Schuber.
Mark ließ sich von Herrn Schuber auf einer Skizze zeigen, wo er während der Jagd gestanden hatte. Dann fuhr er mit der Befragung fort.
„Sie sagen, Sie hätten Ihren Platz nicht verlassen dürfen, und die anderen Jäger auch nicht. Aber offensichtlich ist es nicht immer so, sonst wäre der Unfall mit Thomas Kelt nicht passiert. Haben Sie eigentlich einen Bock gesehen?“
„Nein, weder einen Bock noch sonst ein einziges Tier. Die Jagd war für die Katz“, gab er etwas mürrisch zurück. Erneut nestelte er an dem Pulloverrand, den Blick auf seine Hände gesenkt. Er sah erst auf, als Mark die nächste Frage stellte.
„Und dann kamen Sie zurück zur Lichtung. Wer war vor Ihnen da?“
„Alle, ich war der Letzte.“
Herr Schuber machte ein fast schon triumphierendes Gesicht. Denkt er jetzt, dass ihn das vom Tod seines Kameraden freispricht, überlegte Mark.
„Was haben Sie gedacht, als Sie Ihren Kameraden dort liegen sahen?“ Herr Schuber zuckte zusammen. „Sch..., was ist denn da passiert?“
Mark nickte, wahrscheinlich hätte er dasselbe gedacht.
„Und dann? Wie ging es weiter?“
„Karl hatte schon den Notruf getätigt und wir haben alle entsetzt und schweigend darauf gewartet, dass Hilfe kommt!“, sagte Herr Schuber und wickelte sich den Pulloverrand um den Zeigefinger. Er schaute Mark nicht an, war nur auf seinen Finger konzentriert.
„Haben Sie sich um Ihren Jagdbruder gekümmert? Hat jemand seinen Puls gefühlt?“
„Nein, da war ja wohl auch nichts mehr zu machen. Er bewegte sich nicht und atmete auch nicht mehr“, gab Herr Schuber zerknirscht zu.
„Sie gingen also von seinem Tod aus?“, fragte Mark.
„Ja, denn ich bin ja als Letzter gekommen, seinen Puls zu prüfen mussten doch die anderen schon gemacht haben. Warum sollte ich das noch einmal tun?“, verteidigte er sich.
Mark war auch über dieses Verhalten irritiert. Wäre er bei den Jägern dabei gewesen, er hätte sofort Erste Hilfe geleistet. Das fragte er dann auch. „Hat denn niemand Erste Hilfe geleistet?“
„In meinem Beisein nicht, vielleicht vorher schon. Ich weiß nicht“, antwortete Herr Schuber mit inzwischen fast weinerlicher Stimme.
Mark hatte sich die Aussagen notiert und begann ein anderes Thema. „Wie lange sind Sie schon im Hegering Haselünne?“
„Schon über zehn Jahre“, berichtete Herr Schuber, dessen Stimme schlagartig wieder normal klang.
„Und so lange kennen Sie Thomas Kelt auch?“
„Nein, Thomas war ein recht neues Mitglied in unserem Verein. Er wohnte früher in Dortmund und ist erst vor fünf Jahren hierhergezogen. Zu uns kam er vor ungefähr einem Jahr, nachdem er die Jägerprüfung bestanden hatte.“
„Ist so eine Prüfung schwierig?“, wollte der Kommissar wissen.
Herr Schuber schüttelte den Kopf. „Schwierig ist sie nicht, aber man muss allerhand lernen. Da geht es ja nicht nur um die Tiere und ihre Schonzeit, es geht auch um Schießübungen und Ballistik, um Waffentechnik und Munitionskunde, um ...“
„Herr Schuber …“, versuchte Mark den Jäger zu bremsen. Die Ausführungen der Jagdprüfung trugen bestimmt nicht zur Klärung des Falles bei. „Können Sie sich erinnern, ob Sie in der Jagdzeit irgendwann geschossen haben? Und wo und wann Sie diesen Schuss abgegeben haben?“
„Ja!“ Herr Schuber wickelte seinen Zeigefinger aus dem Pulloverrand. „Ich war vielleicht noch zweihundert Meter von der Lichtung entfernt, als ich einmal in die Luft schoss.“
„Weshalb? Sie haben doch gesagt, Sie hätten überhaupt kein Tier gesehen“, sagte Mark.
Herr Schuber wand sich etwas, die Frage war ihm unbequem. „Es war wohl mehr so eine Art Frust“, gab er zu. „Schließlich waren wir zum Schießen hergekommen. Ich wollte meine Waffe nicht die ganze Zeit umsonst getragen haben.“
„Das verstehe ich.“ Mark lächelte den Jäger an. Das wäre kein Hobby für mich, obwohl ich auch gelernt habe, mit Schusswaffen umzugehen, überlegte er dabei. Nun fürs Erste hatte er sich alles notiert und im Moment keine weiteren Fragen mehr. Die würden sich vielleicht aus den Aussagen der anderen ergeben.
„Herr Schuber, haben Sie vielen Dank, ich komme wieder auf Sie zu, wenn noch Unklarheiten bestehen. Möchten Sie jetzt noch auf das Protokoll warten? Ich muss es noch in den Computer eingeben und Sie müssen es unterschreiben. Oder kommen Sie noch einmal wieder?“
„Nein, ich warte“, sagte Herr Schuber. Er blieb sitzen, schlug die Beine übereinander und wippte nervös mit einem Fuß.
