Jahrmarkt der Eitelkeit (Vanity Fair) - William Makepeace Thackeray - E-Book

Jahrmarkt der Eitelkeit (Vanity Fair) E-Book

William Makepeace Thackeray

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Beschreibung

In 'Jahrmarkt der Eitelkeit' von William Makepeace Thackeray tauchen wir in die Welt des 19. Jahrhunderts ein, in der gesellschaftlicher Status und Habgier die Charaktere prägen. Thackeray präsentiert uns eine satirische Darstellung der englischen Gesellschaft seiner Zeit, indem er die Intrigen und Ambitionen der Protagonisten Becky Sharp und Amelia Sedley aufdeckt. Sein literarischer Stil zeichnet sich durch eine präzise Charakterisierung und eine kritische Haltung gegenüber der sozialen Hierarchie aus. 'Jahrmarkt der Eitelkeit' gehört zu den Schlüsselwerken des Viktorianischen Zeitalters und wirft einen schonungslosen Blick auf die Oberflächlichkeit der Gesellschaft. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 1550

Veröffentlichungsjahr: 2017

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William Makepeace Thackeray

Jahrmarkt der Eitelkeit

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Teresa Winkler

(Vanity Fair)

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1063-3

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Jahrmarkt der Eitelkeit (Vanity Fair)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Wo Ruhm, Reichtum und Liebe wie Waren verhandelt werden, zeigt sich der wahre Preis der menschlichen Eitelkeit. William Makepeace Thackerays Roman Jahrmarkt der Eitelkeit führt in eine Welt, in der gesellschaftlicher Aufstieg, höfische Manieren und wirtschaftliche Kräfte unablässig miteinander ringen. Mit scharfem Blick für Details und einprägsamen Figuren entwirft das Buch ein Gesellschaftspanorama, das zugleich unterhält und entlarvt. Es ist ein Spiegelkabinett, in dem moralische Gewissheiten kippen und Rollen sich verschieben. Gerade diese Mischung aus Witz, Beobachtungsgabe und moralischer Unruhe macht den besonderen Reiz des Werks aus und eröffnet den Leserinnen und Lesern einen Blick hinter die Kulissen der respektablen Fassaden.

Der britische Autor William Makepeace Thackeray veröffentlichte den Roman erstmals 1847–1848 in monatlichen Fortsetzungen; noch im Erscheinungsjahrzehnt folgte die Buchausgabe. Thackeray, einer der prägenden Stimmen der viktorianischen Literatur, verband journalistische Erfahrung, satirische Schärfe und erzählerische Weite. Das Werk ist in der Zeit des frühen 19. Jahrhunderts verankert, als europäische Kriege, wirtschaftliche Umbrüche und soziale Verschiebungen die Lebenswelten prägten. Diese historische Verortung liefert nicht bloß Hintergrund, sondern eine wirksame Folie für die individuellen Entscheidungen seiner Figuren. Jahrmarkt der Eitelkeit wurde zu Thackerays Durchbruch und gehört heute zum Kanon englischsprachiger Romane.

Im Zentrum stehen zwei junge Frauen, die an der Schwelle zum Erwachsenenleben stehen und gegensätzliche Strategien für ihren Platz in der Gesellschaft verfolgen. Die eine ist ehrgeizig, wendig und entschlossen, ihre Chancen konsequent zu nutzen; die andere vertraut auf Gefühl, Loyalität und hergebrachte Maßstäbe. Um sie herum formiert sich ein dichtes Netz aus Familien, Freunden, Verehrern und Rivalinnen, das Karrieren eröffnet und Hoffnungen bedroht. Ohne sich auf einen makellosen Helden zu stützen, verfolgt der Roman die Wege seiner Figuren durch Salons, Kasernenhöfe und Kontorbüros. So entsteht eine Geschichte von Aufstieg und Enttäuschung, von Bindungen, die tragen, und Erwartungen, die zerbrechen.

Seine klassische Stellung verdankt das Buch einer seltenen Verbindung: satirischer Biss trifft auf psychologische Feinzeichnung, breite Gesellschaftsanalyse auf funkelnde Szenenkomik. Thackeray arrangiert Episoden wie Schaustücke auf einer Bühne, führt die Requisiten des Alltags vor und legt zugleich die Mechanik dahinter offen. Die Erzählerstimme bleibt sichtbar, wendet sich mit ironischer Gelassenheit an das Publikum und lenkt den Blick auf das, was ungesagt in den Gesten steckt. Damit überschreitet das Werk die Grenzen bloßer Milieustudie und wird zur Reflexion über Schein und Sein. Dieser doppelte Fokus macht seine Lektüre bis heute erfrischend.

Jahrmarkt der Eitelkeit gilt als Klassiker, weil es die Konventionen des viktorianischen Romans prüft, ausreizt und in entscheidenden Punkten unterläuft. Statt den Triumph moralischer Eindeutigkeit zu feiern, zeigt es Menschen in Zwielicht und Versuchung, geprägt von Umständen und eigenen Entscheidungen. Der Roman verweigert idealisierte Heldenfiguren und verlangt dem Publikum eine reifere Urteilskraft ab. Er demonstriert, dass Unterhaltung und Erkenntnis sich nicht ausschließen, sondern in der genauen Beobachtung der Welt zusammentreffen. So bildet das Werk ein Bindeglied zwischen höfischer Satire, realistischem Gesellschaftsroman und einem modernen Bewusstsein für Ambivalenzen.

Seine großen Themen sind bis heute gut erkennbar: Ehrgeiz und Anpassung, Geld und Ansehen, Liebe und Berechnung, Freiheit und soziale Erwartung. Thackeray erkundet, wie Status entsteht, wie er verteidigt wird und wie die Jagd nach Anerkennung Beziehungen formt. Er zeigt die Verführbarkeit der Wahrnehmung durch äußeren Glanz und die Macht materieller Bedingungen über moralische Entscheidungen. Zugleich eröffnet er Perspektiven auf Geschlechterrollen und die Spielräume, die kluge oder rücksichtsvolle, stolze oder zärtliche Figuren darin finden. Der Roman arbeitet so an der Schnittstelle von persönlichem Begehren und gesellschaftlicher Ordnung.

Historisch bewegt sich die Handlung durch die Jahre der europäischen Spannungen des frühen 19. Jahrhunderts, die höfische Eleganz und militärische Unsicherheit nebeneinanderstellten. Londoner Salons, provinzielles Bürgertum und kontinentale Kulissen bilden ein breites Tableau, auf dem sich Etikette und Existenzfragen berühren. Der Wechsel von Stadt und Land, von Gesellschaftsrang und finanzieller Lage erzeugt Dynamik und Kontraste. Diese Räume sind nicht bloßer Hintergrund, sondern aktiv gestaltende Kräfte, die Chancen eröffnen und Entscheidungen erzwingen. Die Figuren werden an ihnen gemessen und spiegeln in ihren Bewegungen die größeren Bewegungen ihrer Zeit.

Formal besticht das Buch durch eine allwissende, zugleich verspielte Erzählinstanz, die Fäden knüpft, maskierte Absichten entlarvt und das Lesepublikum zu Komplizen macht. Ironie und Mitleid halten sich die Waage, Humor steht in der Nähe von Melancholie. Wiederkehrende Motive, pointierte Dialoge und scharf gezeichnete Nebenfiguren erzeugen Dichte und Tempo. Thackeray ergänzt seine Prosa mit visueller Imaginationskraft, indem er Szenen wie Tableaus organisiert und Blickachsen präzise setzt. Dieser Kompositionswille verleiht der Folgeerzählung eine architektonische Stabilität, die einzelne Episoden trägt und zugleich das große Ganze strukturiert.

Das literarische Echo war nachhaltig: Das Werk begründete Thackerays Rang als einer der maßgeblichen Romanciers seiner Epoche und prägte die Entwicklung des realistischen Gesellschaftsromans. Seine Art, moralische Nuancen auszuleuchten und soziale Mechanismen offenzulegen, wirkte in spätere Erzähltraditionen hinein. Zahlreiche Übersetzungen und wiederholte Ausgaben belegen die anhaltende Wertschätzung. Ebenso zeugen vielfältige Adaptionen für Bühne, Film und Fernsehen von der narrativen Kraft und Bildhaftigkeit des Stoffes. Der Roman ist damit nicht nur ein Dokument seiner Zeit, sondern ein Bezugspunkt literarischer und kultureller Auseinandersetzungen.

Heute lässt sich Jahrmarkt der Eitelkeit als eindringliche Studie über Konsum, Statussymbole und die Inszenierung des Selbst lesen. Die Mechanismen, die Thackeray zeigt, haben neue Kostüme gefunden, aber ihre Logik bleibt vertraut: Aufmerksamkeit wird zur Währung, Beziehungen werden von Nutzenkalkülen berührt, Lebensläufe erscheinen als sorgfältig kuratierte Profile. Gerade darin liegt die Aktualität des Romans. Er lädt dazu ein, eigene Maßstäbe zu prüfen, Täusch- und Selbsttäuschungsmanöver zu erkennen und Empathie nicht mit Naivität zu verwechseln. So gewinnt die Lektüre eine Gegenwärtigkeit, die weit über den historischen Rahmen hinausreicht.

Wer sich dem Buch nähert, entdeckt eine erzählerische Architektur, die aus der seriellen Form lebendige Spannung bezieht: Szenen enden knapp, Fäden werden wieder aufgegriffen, Figuren dürfen ihr Profil schrittweise entfalten. Der Einstieg ist leicht, der Witz trägt, und doch entsteht im Verlauf ein komplexes Geflecht von Motiven. Ohne Vorwissen zugänglich, belohnt der Roman aufmerksames Lesen mit Einsichten in Charakter, Milieu und moralische Nuancen. Zugleich bleibt die Darstellung frei von belehrender Schwere; sie vertraut auf den scharfen Blick der Lesenden. Diese Kombination sorgt für Vergnügen ebenso wie für Nachdenklichkeit.

Jahrmarkt der Eitelkeit ist ein Klassiker, weil es eine Welt zeigt, in der Menschen mit ihren Hoffnungen, Schwächen und Talenten aufeinandertreffen, und diese Welt zugleich kritisch reflektiert. Es verbindet erzählerische Eleganz mit intellektueller Redlichkeit, Unterhaltung mit moralischer Prüfung, historischen Horizont mit zeitloser Relevanz. Wer das Buch heute liest, begegnet nicht bloß einer vergangenen Gesellschaft, sondern einer Kunst der Beobachtung, die die eigene Gegenwart erhellt. Das macht seine Langlebigkeit aus: die Fähigkeit, immer neu gelesen, gedeutet und genossen zu werden, ohne an Schärfe, Wärme oder Witz zu verlieren.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

William Makepeace Thackerays Roman Jahrmarkt der Eitelkeit, erstmals 1847–1848 als Fortsetzungsroman erschienen, zeichnet ein Panorama der britischen Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Frauen, die aus sehr verschiedenen Voraussetzungen ins Erwachsenenleben starten: die ehrgeizige, mittellose Becky Sharp und die sanfte, wohlbehütete Amelia Sedley. Nach dem Abschluss in Miss Pinkertons Pension betreten beide die Bühne Londons, deren Rangordnungen, Vermögen und Beziehungen über Schicksale entscheiden. Der Erzähler beobachtet mit ironischer Distanz, wie Anschein, Geld und Gelegenheit die Rollen verteilen. Von Anfang an wird deutlich, dass keine Figur ungetrübt vorbildlich ist und dass Aufstieg wie Fall stets nahe beieinander liegen.

Amelia wächst in einem wohlhabenden Kaufmannshaus auf und ist früh an den gesellschaftlich gefragten George Osborne gebunden. In seinem Umfeld wirkt der besonnene William Dobbin, dessen Zurückhaltung und Loyalität als Gegenpol zur eitlen Oberfläche dienen. Becky hingegen verlässt das sichere Terrain der Schule ohne Mitgift und nimmt eine Stelle im Haus der Crawleys an, einer Familie, deren innere Spannungen und Erbhoffnungen sie aufmerksam sondiert. Schon hier zeigt sich ihr Talent, Konventionen zu nutzen und Erwartungen zu wenden. Die Wege der beiden Frauen trennen sich, doch bleiben sie durch gemeinsame Bekannte und die unberechenbare Dynamik von Kredit, Ruf und Verwandtschaft miteinander verbunden.

Der Wohlstand der Sedleys gerät ins Wanken, als wirtschaftliche Turbulenzen und spekulative Fehlgriffe die Familie treffen. Der Bruch zwischen bürgerlicher Kaufmannswelt und aristokratischem Dünkel wird sichtbar, als die Osbornes Distanz wahren und eine zuvor sichere Verbindung plötzlich prekär erscheint. Amelia sieht sich Loyalität, Pflichtgefühl und gesellschaftlichem Druck gegenüber, während Dobbin im Hintergrund praktische Hilfe leistet. Parallel dazu macht Becky im Kreis der Crawleys Fortschritte, indem sie die Gunst einer reichen Verwandten gewinnt und die Schwächen der Hausherren zu lesen weiß. Thackeray zeichnet diesen Abschnitt als Lehrstück über Kreditwürdigkeit, Reputation und die Geschwindigkeit, mit der Freundschaft unter ökonomischem Stress erodiert.

Aus Beckys kalkulierter Anpassung entsteht eine Verbindung, die Erwartungen unterläuft und in der Familie Crawley wie im größeren Bekanntenkreis Debatten auslöst. Die Verteilung von Vermögen, Titeln und Zuneigungen wird neu sortiert, und der Wettbewerb um eine ältere, vermögende Tante schärft die Fronten. Während gesellschaftliche Gunst ihr kurzzeitig Türen öffnet, wachsen zugleich Abhängigkeiten, die spätere Konflikte anbahnen. Amelia erlebt derweil die Konsequenzen der Sedley-Krise: Rückzug ins Private, wechselnde Wohnverhältnisse, und die Frage, wie viel Stolz man sich in Notlagen leisten kann. Der Roman verknüpft damit persönliche Bindungen mit der Logik eines Markts, auf dem Gefühle wie Waren kursieren.

Mit dem Heraufziehen der napoleonischen Feldzüge verlagert sich die Handlung zeitweise auf den Kontinent. In Brüssel mischen sich höfische Rituale, Bälle und Offiziersehre mit der latenten Drohung des Krieges. Thackeray kontrastiert festliche Oberflächen mit wachsender Unruhe, wobei die Figuren ihre Rollen im sozialen Spiel auch angesichts echter Gefahren nicht ablegen. Die Schlacht erschüttert Karrierepläne, Vermögensverhältnisse und familiäre Erwartungen; manche Verbindungen lösen sich unter Druck, andere verfestigen sich. Der Krieg wirkt wie ein Prüfstein, der Prioritäten verschiebt und die Verwundbarkeit von Status sichtbar macht, ohne dass die zugrundeliegenden Mechanismen von Eitelkeit und Berechnung verschwinden.

Die Nachkriegsjahre bringen unterschiedliche, oft prekäre Arrangements. Amelia lebt stärker von Erinnerungen und familiären Pflichten als von handfesten Perspektiven; ihre Sanftheit wird zur Stärke und zugleich zur Falle. Dobbin bleibt verlässlich, doch sein Einfluss ist begrenzt, solange gesellschaftliche Schranken und persönliche Verblendungen bestehen. Becky, deren Anziehungskraft auf Salons und Gönner unvermindert wirkt, bewegt sich in einem Milieu aus Kredit, Spiel und Schutzversprechen. Sie nutzt Gastfreundschaft, Klatsch und Zufälle, um sich Spielräume zu eröffnen, jedoch häufen sich Hinweise auf riskante Abhängigkeiten. Thackeray zeigt, wie dünn die Trennlinie zwischen Glanz und Ruin ist, wenn Reputation zur wichtigsten Währung wird.

Je größer Beckys Radius, desto deutlicher treten Ambivalenzen hervor. Gerüchte, kleine Unaufrichtigkeiten und undurchsichtige Geldquellen nähren Zweifel an ihrer Integrität. Ein persönlicher Skandal, gespeist von Missgunst, Indiskretionen und den Interessen einflussreicher Männer, verschiebt ihr soziales Gleichgewicht. In der Familie Crawley verfangen sich Ehrgeiz, Eifersucht und verletzter Stolz; Fragen nach Erbe und Ansehen erhalten neues Gewicht. Währenddessen ringt Amelia um Selbstständigkeit und einen verantwortlichen Umgang mit der Vergangenheit. Der Roman verdichtet das Spannungsfeld zwischen Gefühl und Berechnung, wobei weder sentimentales Festhalten noch rücksichtslose Selbstbehauptung verlässlich zum Ziel führen.

Mit der Zeit rücken die nächsten Generationen und die langfristigen Folgen vergangener Entscheidungen in den Blick. Kinder werden zu Trägern von Hoffnungen, verpassten Gelegenheiten und finanziellen Erwägungen. Rechtsstreitigkeiten, Patronate und überraschende Begegnungen eröffnen Chancen zur Neuordnung von Beziehungen. Einige Figuren prüfen ihr Selbstbild, andere halten an Rollen fest, die ihnen Sicherheit boten. Ohne eine endgültige Versöhnung vorwegzunehmen, deutet Thackeray an, dass Reife weniger aus glücklichen Fügungen als aus Erkenntnis der eigenen Motive entsteht. So verschieben sich Loyalitäten, und neue, vorsichtigere Bindungen entstehen im Schatten früherer Illusionen.

Jahrmarkt der Eitelkeit bleibt als Satire eines Systems bedeutsam, in dem Ruhm, Reichtum und Moral ständig gegeneinander verrechnet werden. Der Roman ist ausdrücklich als Werk ohne makellosen Helden angelegt und zeigt Figuren, die menschlich, widersprüchlich und von Zwängen geprägt sind. Thackeray macht sichtbar, wie Gesellschaftsspiel und Selbsttäuschung einander verstärken, und wie schwierig es ist, Wahrhaftigkeit gegen den Sog von Prestige und Besitz zu behaupten. Die nachhaltige Bedeutung des Buches liegt in seiner Diagnose: Wer auf diesem Jahrmarkt mitbietet, bezahlt mit etwas Eigenem. Was wirklich wertbeständig ist, bleibt offen – und damit aktuell.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

William Makepeace Thackerays Jahrmarkt der Eitelkeit (Vanity Fair) spielt vornehmlich in Großbritannien und auf dem europäischen Kontinent während der späten napoleonischen Ära und der Regency-Zeit. Das gesellschaftliche Gefüge wird von Monarchie und Hof, der anglikanischen Kirche, einer hierarchisch geordneten Aristokratie sowie den Kreisen des städtischen Bürgertums geprägt. Zugleich wirken Imperium und Armee als tragende Institutionen, die Status, Einkommen und Karrierewege bestimmen. Die Handlung bewegt sich zwischen London, verschiedenen Provinzstädten und kontinentaleuropäischen Schauplätzen wie Brüssel, wodurch die Verzahnung privater Lebensentwürfe mit Machtpolitik, Militärbewegungen und transnationalen Eliten sichtbar wird. Diese Koordinaten bilden den Hintergrund der satirischen Gesellschaftsschau des Romans.

Die Regency (1811–1820), in der der Prince Regent den erkrankten George III. vertritt, steht für Glanz, Mode und kostspielige Repräsentation. Am Hof und in den Salons der Oberschicht verbinden sich Kunstförderung, Maskeraden und aufwendige Vergnügungen mit Patronage und Klientelwesen. Diese Kultur des Scheins und der Gunstbeziehungen strukturiert den sozialen Aufstieg: Einladungen, Empfehlungen und wohlwollende Mentoren öffnen Türen. Thackerays Roman spiegelt diese Konstellation, indem er die Mechanik von Einfluß, Protektion und Festgesellschaften zeigt, in denen Ansehen als handelbares Gut zirkuliert. Die opulenten Rituale der Regency werden so zum Resonanzraum für die Komödie und Tragik gesellschaftlicher Selbstinszenierung.

Der Klassenaufbau des frühen 19. Jahrhunderts verbindet den Grundbesitz der Landaristokratie mit dem wachsenden Kapital der Kaufleute und Bankiers. Primogenitur, Erbverträge und Entails sichern Güter in Familienlinien; zugleich drängt ein selbstbewusstes Bürgertum in repräsentative Sphären. Der Heiratsmarkt fungiert als ökonomisches Instrument, um Vermögen, Titel und Netzwerke zu bündeln. Thackeray zeigt, wie fragile Positionen – etwa die einer Gouvernante – zwischen ständischer Abgrenzung und bürgerlichen Ambitionen ausgespielt werden. Die soziale Mobilität hängt von reputationssensiblen Allianzen ab, was die ständige Aushandlung von Rang und Respektabilität in salongängigen Codes, Besuchslisten und Empfehlungsschreiben erklärt.

Der militärische Kontext ist durch die napoleonischen Kriege bestimmt, die 1815 in Waterloo kulminieren. Das britische Offizierskorps beruht im fraglichen Zeitraum teils auf dem Kauf von Offizierspatenten, wodurch Vermögen und Beziehungen Karrierechancen prägen. Gleichwohl bringen Feldzüge, besonders auf dem Kontinent, eine eigene Ruhmesökonomie hervor, die im Roman in gesellschaftliche Wertschätzung übersetzt wird. Brüssel, unmittelbar vor Waterloo, ist dabei historisch als Treffpunkt britischer Eliten, Offiziere und ihrer Familien belegt. Bälle und Gesellschaftsabende, kurz vor der Mobilmachung, spiegeln die Nähe von Kriegsgefahr und mondäner Zerstreuung, die Thackeray für seine satirischen Kontraste nutzt.

Wirtschaftlich markiert die Zeit um 1815 den Übergang vom Kriegsboom zum Friedensschock. Während der napoleonischen Blockaden profitierten bestimmte Branchen von Militärbedarfen und staatlichen Aufträgen; nach 1815 folgten Entlassungen, Preisverwerfungen und Unsicherheit. Die 1815 erlassenen Corn Laws schützen Grundbesitzer, belasten jedoch Konsumenten. In den 1820er Jahren kommt es zu spekulativen Übertreibungen und der Krise von 1825. Der Roman macht die Abhängigkeit bürgerlicher Existenzen von Kredit, Nachrichtenflüssen und Vertrauen erfahrbar: Ein Wechsel fällt, ein Auftrag stockt, und gesellschaftlicher Rang gerät ins Wanken. So werden Haushalte zu Seismographen makroökonomischer Turbulenzen.

Das britische Empire liefert Karrierewege, Kapital und Themen für die innerbritische Gesellschaft. Die East India Company dominiert bis Mitte des 19. Jahrhunderts Handel und Verwaltung in weiten Teilen des indischen Subkontinents; Offiziers- und Verwaltungsstellen versprechen Aufstieg, aber auch Distanz von der Metropole. Thackeray, 1811 in Kalkutta geboren und in England erzogen, kannte die Verzahnung imperialer Geldströme mit heimischer Statusökonomie aus nächster Nähe. Der Roman reflektiert diese Verbindungen, wenn koloniale Einnahmen, Auslandsposten oder Rückkehrer in den sozialen Kartenhäusern Londons mitspielen. Imperiale Ressourcen werden so Teil der europäischen Salonkultur und ihrer Ranglogiken.

Der urbane Schauplatz London kontrastiert City und West End: Hier die Märkte für Aktien, Kredite und Versicherungen, dort Clubs, Salons und Parkpromenaden. Zeitungen, Anzeigen und Klatschspalten schaffen einen öffentlichen Resonanzraum, in dem Biographien fortlaufend neu bewertet werden. Sichtbarkeit wird zur Währung, Adressen und Kutschen zu Signalen von Rang. Thackerays “Jahrmarkt” ist deshalb mehr als Metapher: Er erinnert an einen kommerziellen Ort, an dem Waren und Personen, Tugenden und Gerüchte feilgeboten werden. Diese Ökonomie der Aufmerksamkeit ist für Karrieren so entscheidend wie bares Geld – und macht Ansehen zum volatilsten Kapital.

Rechtliche und kulturelle Normen formen insbesondere weibliche Lebensläufe. Nach der Lehre der Coverture gehen Vermögen und Rechtsfähigkeit einer verheirateten Frau weitgehend im Ehemann auf; substantielle Reformen erfolgen erst Jahrzehnte später (u. a. 1870, 1882). Für Frauen ohne Mitgift oder Protektion bleibt oft nur die prekäre Stellung als Gouvernante, abhängig von Launen, Löhnen und Ruf. Heirat ist damit nicht nur romantische Option, sondern ökonomische Strategie. Thackerays Figuren agieren in diesem Rahmenwerk, das Leistungen, Tugend und Anmut in Heiratsverträge, Aussteuern und Besuchsrechte übersetzt – ein Feld, in dem Kalkül und Moral untrennbar verschränkt erscheinen.

Das religiös-moralische Klima des frühen 19. Jahrhunderts ist von evangelikalen Erneuerungsbewegungen, Philanthropie und einer Kultur der Respektabilität geprägt. Wohltätigkeit, Bibelgesellschaften und moralische Reformen markieren bürgerliche Tugend, zugleich gedeiht die Satire auf Heuchelei und Eigeninteressen. Der Romantitel verweist bewusst auf John Bunyans Pilgerreise (1678), in der die “Vanity Fair” als Markt irdischer Versuchungen erscheint. Thackeray verlegt diese Allegorie in ein modernisiertes England, in dem weltliche Eitelkeiten, Geld und Titel die Plätze der klassischen Laster einnehmen. So verschmelzen protestantische Moralsprache und urbane Konsumgesellschaft zu einer neuen Prüfungsordnung.

Freizeitformen und Vergnügungen der Regency zeigen eine Welt der Maskeraden, Bälle und Ausflüge: Theater, Oper, Pferderennen und Spieltische bündeln Geld, Glanz und Gerücht. Orte wie Bath oder das vom Prince Regent geprägte Brighton stehen für Kur, Mode und Sichtbarkeit. Auf dem Kontinent beleben nach 1814 wieder Salons und Promenaden das gesellschaftliche Leben britischer Reisender. Thackeray nutzt diese Szenerien, um das Zusammenspiel von Zufall, Glück und Geschick zu zeigen. Wo Tanz und Glücksspiel nebeneinander stehen, werden Lebensläufe durch denselben Mechanismus beschleunigt: durch riskante Einsätze auf dem Markt aus Chancen, Beziehungen und Kredit.

Kommunikation und Mobilität prägen den Takt dieser Gesellschaft. Vor der Eisenbahn verbinden Postkutschen, Turnpikes und Paketboote Städte und Häfen; Nachrichten reisen schnell, aber nicht augenblicklich, und Fehlmeldungen haben reale Kosten. Für die Publikationszeit des Romans in den 1840er Jahren gilt bereits anderes: Dampfdruck, gewachsene Druckauflagen und verbesserte Verkehrswege beschleunigen den Literaturmarkt. Die Postreformen und ein dichteres Vertriebsnetz erleichtern das Serielle. Thackerays Handlung bleibt in der Kutschenwelt verankert, wird aber von Lesern konsumiert, deren Alltag bereits durch technische Beschleunigung und eine vergrößerte Öffentlichkeit geprägt ist.

Die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte gehört zur historischen Matrix. Vanity Fair erschien in monatlichen Lieferungen von Anfang 1847 bis Mitte 1848 bei Bradbury & Evans, der Schluss in einer Doppellieferung, mit dem Untertitel “A Novel without a Hero”. Thackeray, zugleich Zeichner, illustrierte den Text selbst, was die gelenkte Wahrnehmung der Szenen unterstützte. Circulating Libraries – seit den 1840ern prominent – und ein expandierender Pressemarkt verbreiteten das Werk in einem moralisch sensiblen, aber neugierigen Lesepublikum. Die Form der Fortsetzung erlaubte es, aktuelle Debatten zu spiegeln und Figuren an den Puls öffentlicher Diskussionen zu binden.

Literarisch knüpft Thackeray an die Tradition von Fielding und Swift an, an satirische Moralinventuren und den Ton des allwissenden, mitunter die “Puppen” dirigierenden Erzählers. Auch die Bildwelt Hogarths – Zyklen über Laster, Aufstieg und Fall – liefert Anschlüsse. Gegen romantische Heroisierungen setzt der Untertitel programmatisch: kein Held, sondern ein Ensemble von Charakteren, die durch Umstände und Eigenarten manövrieren. Vorläufer seiner Kritik an Sensationslust ist Thackerays Auseinandersetzung mit den sogenannten Newgate-Novels der 1830er Jahre. Mit Vanity Fair bietet er eine realistische, ironische Gegenfolie zur Glorifizierung von Verbrechen, Ruhm und sentimentaler Tugend.

Der politische und soziale Kontext der 1840er Jahre schärfte die Lesart des Romans. Die Aufhebung der Corn Laws 1846, die Chartistenbewegung mit Massendemonstrationen und Petitionen (bis 1848) sowie die Hungersnot in Irland prägten die Öffentlichkeit. Zeitgleich brachten die europäischen Revolutionen von 1848 Unruhe, während in Großbritannien die Eisenbahnspekulation der Mitte der 1840er in einem Crash mündete. In dieser Lage wurde Thackerays Analyse von Gier, Rangkampf und prekärer Sicherheit als Kommentar zur Gegenwart verstanden: Sie zeigte eine Gesellschaft, deren Werte unter dem Druck von Märkten, Massen und Medien auf ihre Haltbarkeit geprüft wurden.

Rechts- und Finanzkultur des 19. Jahrhunderts verbanden persönliche Kreditwürdigkeit, Reputation und harte Sanktionen. Schuldenhaft und Schuldgefängnisse bestanden in England noch lange im 19. Jahrhundert fort, auch wenn Reformen schrittweise Erleichterungen brachten. Gerüchte, Zeitungsnotizen und Empfehlungsschreiben beeinflussten, ob Geschäfte zustande kamen oder Kreditgeber Vertrauen fassten. Thackerays Figuren agieren in einer Welt, in der der Verlust des guten Namens unmittelbare ökonomische Folgen hat. So zeichnet der Roman eine Gesellschaft, deren soziale Ordnung nicht nur auf Geburtsrecht, sondern auf der fragilen Währung des Vertrauens und der diskreten Papierspur von Wechseln beruht.

International ist die Epoche von der Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress (1814–1815) geprägt. Reisefreiheit und Diplomatie beleben den Verkehr britischer Eliten in Paris, Brüssel und deutschen Kurorten. Napoleon bleibt als Leitfigur der Bewunderung wie der Abneigung präsent – militärische Bedrohung, politischer Mythos und gesellschaftlicher Gesprächsstoff zugleich. Vor diesem Hintergrund zeigt der Roman, wie nationale Ereignisse private Pläne steuern: Mobilmachungen leeren Ballsäle, Friedensschlüsse öffnen Salons. Das kosmopolitische Flair einer Reiseklasse, die schnell Nachrichten und Moden austauscht, wird zum Katalysator für Aufstieg, Rivalität und die immerwährende Jagd nach Anerkennung.

Diese Konstellationen kulminieren in Thackerays groß angelegter Gesellschaftskritik. Die Bühne eines historischen Englands – mit Waterloo, Hofglanz und Handelszyklen – ermöglicht eine zeitgenössische Lesart, die den 1840er Jahren verpflichtet bleibt: dem Misstrauen gegenüber Spekulation, dem Skeptizismus gegenüber “Respektabilität” und dem Bewusstsein für die Kosten sozialer Mobilität. Jahrmarkt der Eitelkeit kommentiert seine Zeit, indem es eine frühere nachbildet: Es zeigt, wie Ruhm, Liebe und Tugend handelbar werden, wie Institutionen Aufstieg versprechen und entwürdigen, und wie Glück und Gewissen zwischen Markt, Militär und Moral verhandelt werden. Darin liegt seine anhaltende Gegenwartsnähe.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

William Makepeace Thackeray (1811–1863) war einer der prägenden Romanautoren der viktorianischen Epoche, bekannt für scharfsinnige Gesellschaftssatire und psychologisch nuancierte Figuren. In Calcutta geboren und in England ausgebildet, verband er Beobachtungsgabe, Humor und moralische Skepsis zu einem unverwechselbaren Realismus. Sein Ruf gründet sich vor allem auf Vanity Fair, doch sein Werk umfasst auch historische Romane, Reiseberichte, Vorträge und Essays. Thackeray konzentrierte sich auf Themen wie Klassendistinktionen, Ehrgeiz, Geld und gesellschaftliche Masken, die er mit ironischer Distanz und erzählerischer Raffinesse verhandelte. Er gilt als wichtiger Gegenpol zu sentimentalen Tendenzen seiner Zeit und als Meister des satirischen Gesellschaftspanoramas.

Er besuchte die Charterhouse School und studierte an der University of Cambridge (Trinity College), ohne jedoch einen Abschluss zu erwerben. In den frühen 1830er-Jahren hielt er sich in Deutschland und Frankreich auf, versuchte sich in der Kunst und belegte zeitweise juristische Studien am Middle Temple. Früh prägten ihn die englischen und irischen Aufklärungs- und Augustaner-Autoren, insbesondere Jonathan Swift, Henry Fielding, Joseph Addison und Richard Steele; ebenso wirkte die Tradition der picaresken Erzählung auf seine Verfahren. Seine zeichnerische Begabung beeinflusste die satirische Optik seiner Prosa, die er zuweilen mit eigenen Illustrationen und karikatureskem Blick unterlegte.

Nachdem er einen Teil seines Vermögens in den 1830er-Jahren verlor, wandte sich Thackeray endgültig dem Journalismus und der Literatur zu. Er schrieb für Fraser’s Magazine, The New Monthly Magazine und später für Punch, oft unter Pseudonymen wie Michael Angelo Titmarsh oder George Fitz-Boodle. Frühwerke wie The Yellowplush Papers, Catherine und die Skizzenbände The Paris Sketch Book sowie The Irish Sketch Book etablierten seinen Ton zwischen Parodie und sozialer Beobachtung. Durch feuilletonistische Formen, Reise- und Charakterstudien schulte er seinen Stil und gewann eine Leserschaft, die seine urbane Ironie und das genaue Erfassen zeitgenössischer Sitten schätzte.

Der Durchbruch gelang mit der 1847–1848 in Fortsetzungen erschienenen Satire Vanity Fair. Das Werk vereint breit angelegte Gesellschaftsschilderung, eine kommentierende Erzählerstimme und scharfe, doch kontrollierte Ironie. Das zeitgenössische Publikum reagierte aufmerksam auf die illusionskritische Darstellung von Ehrgeiz, Geld und Ruhm, während Kritiker die stilistische Meisterschaft und die Breite des sozialen Registers hervorhoben. Parallel festigte Thackeray seinen Rang mit The Book of Snobs (ursprünglich in Punch, 1846–1847) und The History of Pendennis (1848–1850), die das Thema des gesellschaftlichen Aufstiegs, die Macht des Scheins und die Fallstricke literarischer Karrieren variieren und reflektieren.

In den 1850er-Jahren erweiterte Thackeray sein Repertoire um historische Formen. The History of Henry Esmond (1852) rekonfiguriert das 18. Jahrhundert mit pasticher Stilgenauigkeit; The Newcomes (1854–1855) entfaltet ein weit verzweigtes Familienpanorama; The Virginians (1857–1859) knüpft lose an Esmond an. Zu seinen wichtigen früheren Prosaarbeiten zählt The Luck of Barry Lyndon (1844), eine fiktive Selbstbiografie, die Unzuverlässigkeit und moralische Blindstellen produktiv macht. Immer wieder unterläuft Thackeray heroische Konventionen, bevorzugt ambivalente Figuren und entlarvt gesellschaftlichen Prunk als Pose. Dabei verbindet er Komik und Skepsis mit historischer Detailfreude und einem Sinn für erzählerische Experimente.

Neben Romanen profilierte sich Thackeray als Vortragsredner und Essayist. Seine Lecture-Reihen The English Humourists of the Eighteenth Century (gedruckt 1853) und The Four Georges (1855–1859) verbanden Literaturkritik, Kulturgeschichte und satirische Charakteristik, auch vor amerikanischem Publikum. Als Reiseschriftsteller veröffentlichte er From Cornhill to Grand Cairo (1846). 1860 wurde er Gründungsherausgeber des Cornhill Magazine, wo er eigene Arbeiten wie Lovel the Widower (1860), The Adventures of Philip (1861–1862) und die Roundabout Papers (1860–1863) platzierte und zugleich eine Plattform für zeitgenössische Prosa und Essays gestaltete. Seine redaktionelle Arbeit prägte Ton und Reichweite einer Zeitschrift, die anspruchsvolle, doch zugängliche Belletristik verbreitete.

Thackeray starb 1863 in London; sein unvollendet gebliebener Roman Denis Duval erschien postum in Teilen. Sein Spätwerk und seine Editorentätigkeit festigten den Ruf eines Autors, der gesellschaftliche Rituale, Standesdünkel und die Ökonomie des Ruhms mit dauerhaftem Witz und Misstrauen gegen bequeme Illusionen beleuchtete. In der literaturgeschichtlichen Erinnerung steht er neben, nicht hinter, charismatischen Zeitgenossen; Vergleiche mit Charles Dickens betonen Unterschiede in Ton, Moralität und Realismusbegriff. Seine Bücher bleiben durch erzählerische Beweglichkeit, sarkastische Energie und soziale Reichweite präsent und finden in Forschung, Lehre und gelegentlichen Adaptionen anhaltende Beachtung. Ihre motivische Spannweite nährt Debatten über Klasse, Medien und Moral.

Jahrmarkt der Eitelkeit (Vanity Fair)

Hauptinhaltsverzeichnis
Vor dem Vorhang
1. Chiswick Mall
2. In dem sich Miss Sharp und Miss Sedley rüsten, den Feldzug zu eröffnen
3. Rebekka vor dem Feind
4. Die grünseidene Börse
5. Unser Dobbin
6. Vauxhall
7. Crawley von Queen's Crawley
8. Persönlich und vertraulich
9. Familienporträts
10. Miss Sharp beginnt Freundschaften zu schließen
11. Arkadische Einfachheit
12. Ein ganz sentimentales Kapitel
13. Sentimentales und anderes
14. Miss Crawley daheim
15. In dem Rebekkas Mann für kurze Zeit erscheint
16. Der Brief auf dem Nadelkissen
17. Wie Hauptmann Dobbin ein Klavier kaufte
18. Wer spielt auf dem Klavier, das Hauptmann Dobbin gekauft bat?
19. Miss Crawley in Pflege
20. In dem Hauptmann Dobbin als Bote Hymens auftritt
21. Streit um eine Erbin
22. Eine Heirat und ein Teil der Flitterwochen
23. Hauptmann Dobbin als Vermittler
24. In dem Osborne die Familienbibel herunterlangt
25. In dem es sämtlichen Hauptpersonen geraten erscheint, Brighton zu verlassen
26. Zwischen London und Chatham
27. In dem Amelia zu ihrem Regiment stößt
28. In dem Amelia in die Niederlande einrückt
29. Brüssel
30. »Ein Mädchen ließ zurück ich«
31. In dem Joseph Sedley die Schwester in seine Obhut nimmt
32. In dem Joseph die Flucht ergreift und der Krieg zu Ende geht
33. In dem Miss Crawleys Verwandte sehr besorgt um sie sind
34. James Crawleys Pfeife wird ausgelöscht
35. Witwe und Mutter
36. Wie man von nichts gut leben kann
37. Fortsetzung
38. Eine Familie in bescheidenen Verhältnissen
39. Ein zynisches Kapitel
40. In dem Becky von der Familie anerkannt wird
41. In dem Becky die Hallen ihrer Väter wieder besucht
42. Das von der Familie Osborne handelt
43. In dem der Leser das Kap der Guten Hoffnung umschiffen muß
44. Ein weitschweifiges Kapitel zwischen London und Hampshire
45. Zwischen Hampshire und London
46. Kämpfe und Prüfungen
47. Gaunt-Haus
48. In dem der Leser in die allerbeste Gesellschaft eingeführt wird
49. In dem wir drei Gänge und ein Dessert genießen
50. Enthält einen gewöhnlichen Vorfall
51. In dem eine Scharade aufgeführt wird, die dem Leser Rätsel aufgibt– oder auch nicht
52. In dem sich Lord Steyne in einem sehr liebenswürdigen Licht zeigt
53. Rettung und Katastrophe
54. Der Sonntag nach der Schlacht
55. In dem dasselbe Thema fortgesetzt wird
56. Aus Georgy wird ein Gentleman gemacht
57. Eothen
58. Unser Freund der Major
59. Das alte Klavier
60. Führt wieder in die vornehme Welt zurück
61. In dem zwei Lichter ausgelöscht werden
62. Am Rhein
63. In dem wir eine alte Bekannte treffen
64. Ein Vagabundenkapitel
65. Voller Geschäfte und Vergnügunge
66. Amantium irae
67. Enthält Geburten, Hochzeiten und Todesfälle

Vor dem Vorhang

Inhaltsverzeichnis

Während der Direktor des Puppentheaters vor dem Vorhang auf den Brettern sitzt und über den Jahrmarkt schaut, befällt ihn beim Anblick des bunten Treibens eine tiefe Melancholie. Da wird gegessen und getrunken, geliebt und kokettiert, gelacht und geweint, geraucht, betrogen, gestritten, getanzt und gegeigt, da drängen sich Großmäuler im Getümmel, Stutzer machen Frauen schöne Augen, Spitzbuben leeren Taschen, und Polizisten sind auf der Wacht; da schreien Quacksalber (andere Quacksalber, die Pest soll sie holen!) vor ihren Buden, und Bauerntölpel starren zu den flitterglänzenden Tänzerinnen und den armen, alten, geschminkten Clowns hinauf, während die Langfinger sich hinten an ihren Taschen zu schaffen machen. Ja, das ist der Jahrmarkt der Eitelkeit; gewiß kein moralischer Ort und auch kein lustiger, wenn es auch lärmend genug zugeht. Seht euch die Gesichter der Schauspieler und Possenreißer an, wenn sie von der Arbeit zurückkommen, wie der Hanswurst sich die Schminke aus dem Gesicht wäscht, ehe er sich mit seiner Frau und seinen kleinen Hanswürstchen hinter der Jahrmarktsbude zum Essen setzt. Bald geht der Vorhang auf, und er wird Purzelbäume schlagen und schreien: »Seid ihr alle da?«

Wenn ein nachdenklicher Mensch über solch einen Vergnügungsort wandelt, wird er vermutlich weder von seiner noch anderer Leute Fröhlichkeit überwältigt werden. Hier und da rührt und belustigt ihn wohl eine humorvolle oder ergreifende Episode– ein niedliches Kind, das eine Pfefferkuchenbude betrachtet; ein hübsches Mädchen, das errötend den Worten ihres Liebhabers lauscht, während er ihr ein Geschenk aussucht; der arme Hanswurst dort hinter dem Wagen, der inmitten seiner braven Familie, die von seinen Kunststücken lebt, an seinem Knochen nagt. Der allgemeine Eindruck aber ist eher melancholisch als heiter. Wenn du nach Hause kommst, so setzt du dich in ernster, nachdenklicher, milder Stimmung hin und wendest dich deinen Büchern oder deinen Geschäften zu.

Eine andere Moral als die habe ich unserer Geschichte vom »Jahrmarkt der Eitelkeit« nicht unterzulegen. Manche betrachten Jahrmärkte überhaupt als etwas Unmoralisches und meiden sie mit ihrer Familie und den Dienstboten: vielleicht haben sie recht. Aber die, die anders denken, träge sind oder wohlwollend oder sarkastisch, treten vielleicht auf eine halbe Stunde näher, um sich die Vorstellungen anzusehen. Es gibt da alle möglichen Bilder: fürchterliche Kämpfe, großartiges Kunstreiten; Szenen aus dem Leben der vornehmen Welt und solche aus dem Mittelstand; ein bißchen Liebe für die Sentimentalen und ein paar komische leichte Szenen. Das Ganze ist umrahmt von entsprechenden Kulissen und von den Kerzen des Verfassers brillant beleuchtet.

Was soll der Direktor des Puppentheaters noch sagen?– Er muß für die freundliche Aufnahme danken, die das Stück bei den achtbaren Leitern der öffentlichen Presse, beim hohen und niederen Adel und bei dem verehrungswürdigen Publikum überhaupt gefunden hat, als er mit seinem Theater in allen bedeutenden Städten Englands herumkam. Der Gedanke, daß seine Puppen den Beifall der besten Gesellschaft des Königreiches gefunden haben, macht ihn stolz. Von der berühmten kleinen Marionette Becky wurde gesagt, sie sei ungemein gelenkig und bewege sich sehr lebhaft am Draht. Die Puppe Amelia hat der Künstler ebenfalls mit größter Sorgfalt geschnitzt und angezogen, dennoch hat sie nur einen kleineren Kreis von Bewunderern gehabt. Die Figur Dobbin tanzt sehr drollig und natürlich, wenn es auch etwas unbeholfen wirkt. Dem Tanz der kleinen Jungen haben einige gern zugesehen; und man achte bitte auf die reich gekleidete Figur des schurkischen Adligen, bei dem keine Kosten gescheut wurden und den der Teufel am Ende dieser Sondervorstellung holen wird. Hiermit, und mit einer tiefen Verbeugung vor seinen Gönnern, zieht sich der Theaterdirektor zurück, und der Vorhang geht auf.

London, 28. Juni 1848

1. KapitelChiswick Mall

Inhaltsverzeichnis

Im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts fuhr an einem sonnigen Junimorgen vor dem mächtigen eisernen Tor von Miss Pinkertons Mädchenpensionat in der Chiswick Mall eine große Familienkutsche vor, gezogen von zwei wohlgenährten Pferden mit glänzendem Geschirr. Sie wurden von einem beleibten Kutscher mit Dreispitz und Perücke in einem Tempo von vier Meilen pro Stunde gelenkt. Ein schwarzer Diener, der neben dem beleibten Kutscher auf dem Bock döste, streckte seine krummen Beine, sobald der Wagen an Miss Pinkertons glänzendem Messingschild hielt, und als er die Klingel zog, sah man wenigstens zwanzig junge Köpfe aus den schmalen Fenstern des stattlichen alten Backsteingebäudes lugen. Ja, ein genauer Beobachter hätte sogar das rote Näschen der gutmütigen Miss Jemima Pinkerton über einigen Geranientöpfen am Fenster des Empfangsraumes der Dame selbst erblicken können.

»Es ist die Kutsche von Mrs. Sedley, Schwester«, sagte Miss Jemima. »Sambo, der schwarze Diener, hat gerade geläutet; und der Kutscher hat eine neue rote Weste an.«

»Hast du alle für das Ausscheiden von Miss Sedley nötigen Vorbereitungen getroffen, Miss Jemima?« fragte Miss Pinkerton, jene majestätische Dame, die Semiramis von Hammersmith, die Freundin von Doktor Johnson, die Korrespondentin von Mrs. Chapone[1].

»Die Mädchen sind heute morgen um vier Uhr aufgestanden, um ihr die Koffer zu packen, Schwester«, erwiderte Miss Jemima; »wir haben ihr einen Blumenstrauß gebunden.«

»Sage lieber Bukett, Schwester Jemima, es klingt feiner.«

»Nun ja, ein Bukett, fast so groß wie ein Heuschober; ich habe zwei Flaschen Levkojenwasser für Mrs. Sedley und auch das Rezept dafür in Amelias Koffer gepackt.«

»Und ich hoffe, Miss Jemima, du hast eine Abschrift von Miss Sedleys Rechnung angefertigt; das ist sie, nicht wahr? Sehr gut– dreiundneunzig Pfund und vier Shilling. Adressiere sie bitte an John Sedley, Esquire, und siegle dieses Billett, das ich an seine Gemahlin geschrieben habe.«

Miss Jemima brachte einem eigenhändig geschriebenen Brief ihrer Schwester, Miss Pinkerton, ebenso tiefe Ehrfurcht entgegen, wie sie dem Brief eines Staatsoberhauptes entgegengebracht hätte. Nur wenn die Schülerinnen die Anstalt verließen oder wenn sie heiraten wollten, und einmal, als die arme Miss Birch an Scharlach gestorben war, schrieb Miss Pinkerton persönlich an die Eltern ihrer Schülerinnen, und Jemima war überzeugt, wenn etwas imstande sei, Mrs. Birch über den Verlust ihrer Tochter zu trösten, dann war es das fromme und beredte Schreiben, worin Miss Pinkerton ihr das Ereignis mitteilte.

Im vorliegenden Fall lautete Miss Pinkertons Billett folgendermaßen :

Chiswick, The Mall, 15. Juni 18 ..

Madame– nach ihrem sechsjährigen Aufenthalt in der Mall habe ich die Ehre und das Vergnügen, Miss Amelia Sedley ihren Eltern als junge Dame vorzustellen, die nicht unwürdig ist, in deren glänzendem, gebildetem Kreise die ihr zukommende Stellung einzunehmen. Es mangelt der liebenswürdigen Miss Sedley nicht an jenen Tugenden, welche eine junge englische Dame von vornehmer Abkunft charakterisieren, jenen Kenntnissen, die ihrer Geburt und ihrem Stand entsprechen. Ihr Fleiß und Gehorsam haben sie ihren Lehrern lieb und wert gemacht, und ihr reizendes, sanftes Wesen hat ihre älteren und ihre jüngeren Gefährtinnen bezaubert.

In der Musik, im Tanzen, in der Orthographie, in allen Arten von Handarbeiten erfüllt sie wohl die sehnlichsten Wünsche ihrer Verwandten. In der Geographie bleibt noch manches zu wünschen übrig, und eine sorgfältige und unablässige Anwendung des Rückenbrettes, täglich vier Stunden in den nächsten drei Jahren, wird zur Erlangung jener würdevollen Haltung empfohlen, die für eine junge Dame von Welt erforderlich ist.

In den Grundsätzen der Religion und Moral wird sich Miss Sedley einer Anstalt würdig erweisen, die durch die Gegenwart des großen Lexikographen und die Gönnerschaft der bewunderungswürdigen Mrs. Chapone geehrt worden ist. Bei ihrem Scheiden von der Mall nimmt Miss Amelia die Herzen ihrer Gefährtinnen und die liebevolle Hochachtung ihrer Lehrerin mit sich, welche die Ehre hat zu zeichnen als

Ihre gehorsamst ergebene Dienerin Barbara Pinkerton.

PS: Miss Sharp begleitet Miss Sedley. Es wird ausdrücklich gebeten, daß Miss Sharp ihren Aufenthalt am Russell Square nicht länger als zehn Tage ausdehnt. Die vornehme Familie, die sie eingestellt hat, wünscht ihre Dienste baldmöglichst in Anspruch zu nehmen.

Als Miss Pinkerton diesen Brief beendet hatte, schrieb sie ihren und Miss Sedleys Namen auf das Vorsatzblatt eines Exemplars von Johnsons Wörterbuch, jenem interessanten Werk, welches sie jeder Schülerin beim Ausscheiden zu überreichen pflegte. Auf dem Deckel des Buches konnte man die »Zeilen an eine junge Dame bei ihrem Abgang von Miss Pinkertons Schule in der Mall, von dem seligen, hochverehrten Doktor Samuel Johnson« lesen. In der Tat führte diese majestätische Dame den Namen des Lexikographen ständig auf den Lippen, und ein Besuch, den er ihr abgestattet hatte, war die Ursache ihres Rufes und ihres Vermögens geworden.

Nachdem Miss Jemima von ihrer älteren Schwester aufgefordert worden war, »das Wörterbuch« aus dem Schrank zu holen, hatte sie dem erwähnten Behältnis zwei Exemplare entnommen. Als Miss Pinkerton die Widmung in das erste geschrieben hatte, reichte ihr Jemima mit zweifelnder und schüchterner Miene das andere.

»Für wen soll das sein, Miss Jemima?« fragte Miss Pinkerton äußerst kühl.

»Für Becky Sharp«, erwiderte Jemima, heftig zitternd, und ihr welkes Gesicht wurde rot bis zum Halse, als sie ihrer Schwester den Rücken wandte. »Für Becky Sharp, sie geht ja auch.«

»MISS JEMIMA!« rief Miss Pinkerton in den größten Großbuchstaben. »Bist du bei Sinnen? Stell das Wörterbuch in den Schrank zurück und wage in Zukunft nicht mehr, dir eine solche Freiheit herauszunehmen!«

»Ach, Schwester, es kostet doch nur zwei Shilling und neun Pence, und die arme Becky wird sich grämen, wenn sie keins bekommt.«

»Schick Miss Sedley sofort zu mir«, sagte Miss Pinkerton. Und so eilte die arme Jemima, verwirrt und ängstlich, ohne noch ein Wort zu wagen, davon.

Miss Sedleys Vater war ein ziemlich vermögender Kaufmann in London, während Miss Sharp Lehrschülerin war, für die Miss Pinkerton genug getan zu haben glaubte, auch ohne ihr beim Scheiden die hohe Ehre des Wörterbuches zuteil werden zu lassen.

Briefe von Schulvorsteherinnen sind kaum vertrauenswürdiger als Grabinschriften; wie es aber doch bisweilen vorkommt, daß ein Mensch das Zeitliche segnet und die Lobpreisungen des Steinmetzen über seinen Gebeinen verdient, also wirklich ein guter Christ, ein guter Vater, ein gutes Kind, eine gute Ehefrau oder ein guter Ehemann gewesen ist, also wirklich eine seinen Tod betrauernde, verzweifelte Familie hinterläßt, so kommt es auch hin und wieder in Mädchen- oder Knabenschulen vor, daß der Schüler die Lobpreisungen des selbstlosen Lehrers verdient. Miss Amelia Sedley nun war eine junge Dame dieser besonderen Art und verdiente nicht nur alles, was Miss Pinkerton zu ihrem Lobe sagte, sondern besaß noch viele andere liebenswerte Eigenschaften, die die wichtigtuerische alte Minerva von einem Weibe infolge des Rang- und Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrer Schülerin nicht zu sehen vermochte. Denn Amelia konnte nicht nur singen wie eine Lerche oder eine Billington, tanzen wie Hillisberg oder Parisot, prächtig sticken und war fehlerfrei in der Rechtschreibung wie das Wörterbuch selbst, sondern sie besaß auch ein so gutes, freundliches, weiches, sanftes, großmütiges Herz, daß sie die Liebe von jedermann in ihrer Umgebung gewann, von der Minerva bis herab zu der armen Scheuermagd und der Tochter der einäugigen Kuchenfrau, die den jungen Damen in der Mall ihre Ware einmal in der Woche verkaufen durfte. Von den vierundzwanzig jungen Damen waren zwölf ihre Busenfreundinnen. Sogar die neidische Miss Briggs sprach nie schlecht von ihr; die hoch-wohlgeborene Miss Saltire (Lord Dexters Enkelin) gab zu, daß sie eine elegante Erscheinung sei, und bei Miss Swartz gar, der reichen wollhaarigen Mulattin von Saint Kitts, erlebte man an dem Tage, als Amelia die Schule verließ, einen solchen Tränenausbruch, daß man nach Doktor Floss schicken und sie mit Riechsalz halb betäuben mußte. Miss Pinkertons Zuneigung war ruhig und würdevoll, wie die hohe Stellung und die hervorragenden Tugenden dieser Dame nicht anders erwarten ließen; aber Miss Jemima hatte bei dem bloßen Gedanken an Amelias Abreise schon mehrmals geschluckt, und wäre nicht die Furcht vor ihrer Schwester gewesen, so hätte sie hysterische Anfälle bekommen wie die (doppelt zahlende) Erbin von Saint Kitts. Einen solchen Luxus mit seinem Schmerz zu treiben ist indessen nur besonders bevorzugten Schülerinnen gestattet. Die ehrliche Jemima dagegen hatte die Oberaufsicht über die Rechnungen, das Waschen und Ausbessern, die Puddings, das silberne und das einfache Geschirr sowie über die Dienerschaft. Aber warum sprechen wir von ihr: wahrscheinlich werden wir bis in alle Ewigkeit nichts mehr von ihr hören, und weder sie noch ihre ehrfurchtgebietende Schwester wird jemals wieder in der kleinen Welt unserer Geschichte auftauchen, wenn sich erst einmal das große, verschnörkelte, eiserne Tor geschlossen hat.

Da wir indessen viel über Amelia erfahren werden, kann es nichts schaden, wenn wir gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft sagen, daß sie eines der besten und liebenswürdigsten Geschöpfe war, die je lebten, und es ist ein Segen, daß wir, da es sowohl im Leben als auch in Romanen (und in diesen besonders) von Bösewichten der schlimmsten Sorte nur so wimmelt, solch einen ehrlichen und gutherzigen Menschen zur Seite haben. Da sie keine Heldin ist, brauchen wir ihre Person nicht zu beschreiben; ich befürchte sogar, daß ihre Nase etwas zu klein und ihre Wangen viel zu rund und rot für eine Heldin waren; aber ihr Gesicht strahlte von blühender Gesundheit, und auf ihren Lippen lag das munterste Lächeln; sie hatte ein Paar Augen, die von lebhafter und ehrlicher guter Laune blitzten, wenn sie sich nicht gerade mit Tränen füllten, und das geschah in der Tat viel zu oft, denn das einfältige Ding konnte über einen toten Kanarienvogel oder über eine Maus, die die Katze gefangen hatte, oder über den Schluß eines Romans, war er auch noch so albern, weinen; und sagte man ihr ein unfreundliches Wort– vorausgesetzt, es fand sich jemand, der so hartherzig war–, um so schlimmer war es dann für diesen. Sogar Miss Pinkerton, diese strenge und göttergleiche Dame, schalt sie nur einmal, und obgleich sie von Gefühlen ebensowenig verstand wie von Algebra, gab sie allen Lehrern den ausdrücklichen Befehl, mit Miss Sedley so sanft wie möglich umzugehen, da diese eine rauhe Behandlung nicht vertrage.

Als der Tag der Abreise kam, wußte Miss Sedley daher nicht, für welche ihrer beiden Gewohnheiten– lachen oder weinen– sie sich entscheiden sollte. Sie war froh, nach Hause zu kommen, und dabei doch wieder so unendlich traurig, die Schule verlassen zu müssen. Die letzten drei Tage folgte ihr die kleine verwaiste Laura Martin überallhin, wie ein kleines Hündchen. Sie mußte mindestens vierzehn Geschenke machen und entgegennehmen und vierzehnmal das feierliche Versprechen geben, jede Woche zu schreiben. »Schicke deine Briefe an mich bitte an die Adresse meines Großvaters, des Grafen von Dexter«, sagte Miss Saltire (die, nebenbei erwähnt, etwas knauserig war). »Du brauchst dich nicht um das Porto zu kümmern, schreibe mir nur jeden Tag, mein Herzblatt«, bat die ungestüme, wollhaarige, aber großherzige und liebevolle Miss Swartz, und die kleine Laura Martin– die eben schreiben gelernt hatte– ergriff die Hand ihrer Freundin und sagte, ihr ernst ins Gesicht schauend: »Amelia, wenn ich dir schreibe, werde ich dich Mama nennen.« Zweifellos wird Jones, der dieses Buch in seinem Klub liest, alle diese Einzelheiten äußerst töricht, unbedeutend, geschwätzig und übersentimental finden. Ja ich sehe direkt, wie Jones in diesem Augenblick–gerötet nach dem Genuß seiner Hammelkeule und einem Glas Wein– seinen Bleistift zückt, die Worte »töricht, geschwätzig« und so weiter unterstreicht und »sehr richtig« an den Rand schreibt. Ja, er ist ein Mann von großem Geist und bewundert das Erhabene und Heroische im Leben und im Roman; und deshalb sollte er sich lieber warnen lassen und sich anderem zuwenden.

Nun gut. Nachdem Mr. Sambo Miss Sedleys Blumen, Geschenke, Koffer und Hutschachteln in der Kutsche verstaut und dem Kutscher grinsend einen winzigen, schäbigen alten Rindslederkoffer, säuberlich mit Miss Sharps Namensschild versehen, gereicht hatte, den dieser hohnlächelnd wegpackte, schlug die Abschiedsstunde. Der Schmerz dieses Augenblicks wurde durch die vortreffliche Ansprache, die Miss Pinkerton an ihre Schülerin richtete, beträchtlich gelindert. Nicht daß die Abschiedsrede Amelia etwa zum Philosophieren verleitet hätte oder sie irgendwie mit einer Ruhe, die der Vernunft entspringt, gewappnet hätte– nein, die Rede war unerträglich langweilig, hochtrabend und ermüdend; und da Miss Sedley ihre Schulvorsteherin nicht wenig fürchtete, so wagte sie nicht, in deren Gegenwart ihrem privaten Schmerz freien Lauf zu lassen. Ein Kümmelkuchen nebst einer Flasche Wein wurden in den Empfangsraum gebracht, was sonst nur bei dem feierlichen Anlaß von Elternbesuchen geschah, und nachdem man diesen Erfrischungen gehörig zugesprochen hatte, stand es Miss Sedley frei, zu gehen.

»Sie gehen doch wohl hinein und verabschieden sich von Miss Pinkerton, Becky?« sagte Miss Jemima zu einer jungen Dame, die, von niemandem beachtet, eben mit ihrer Hutschachtel die Treppe herabkam.

»Ich kann wohl nicht umhin«, sagte Miss Sharp gelassen zu Miss Jemimas Verwunderung; und nachdem Jemima an die Tür geklopft hatte und zum Hereinkommen aufgefordert worden war, trat Miss Sharp unbekümmert vor und sagte in vollendetem Französisch: »Mademoiselle, je viens vous faire mes adieux.«

Miss Pinkerton konnte nicht Französisch; sie stand nur denen vor, die es konnten; aber sie biß sich auf die Lippen, warf den ehrwürdigen Kopf mit der römischen Nase unter dem großen feierlichen Turban in den Nacken und sagte: »Miss Sharp, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!« Während die Semiramis von Hammersmith sprach, machte sie eine Handbewegung, teils zum Zeichen des Abschiedes, teils um Miss Sharp Gelegenheit zu bieten, einen zu diesem Zwecke ausgestreckten Finger zu schütteln.

Miss Sharp aber faltete nur sehr kühl lächelnd die Hände, verbeugte sich und verschmähte die ihr zugedachte Ehre völlig, worauf Semiramis ihren Turban unwilliger denn je zurückwarf. Es war wirklich ein kleiner Kampf zwischen der jungen Dame und der alten Dame, und die alte zog den kürzeren. »Der Himmel beschütze dich, mein Kind«, sagte sie und umarmte Amelia, wobei sie über des Mädchens Schulter hinweg Miss Sharp grimmig anblickte.

»Kommen Sie, Becky«, sagte Miss Jemima und zog das junge Mädchen in höchster Angst hinaus. Die Tür des Empfangsraumes schloß sich für immer hinter ihnen.

Dann folgten die Aufregung und das Abschiednehmen unten. Worte vermögen es nicht zu schildern. In der Vorhalle hatten sich alle Dienstboten versammelt, die teuren Freundinnen, überhaupt sämtliche jungen Damen und der eben angekommene Tanzlehrer; da gab es ein solches Drängen und Umarmen, Küssen und Weinen, begleitet von den aus dem Zimmer der reichen Miss Swartz dringenden hysterischen Schreien, daß keine Feder es zu beschreiben vermag und ein gefühlvolles Herz es gern übergeht.

Endlich waren die Umarmungen vorüber; sie trennten sich– das heißt, Miss Sedley trennte sich von ihren Freundinnen. Miss Sharp war einige Minuten zuvor ruhig in die Kutsche gestiegen. Niemand weinte bei ihrem Scheiden.

Der krummbeinige Samba schlug die Wagentür hinter seiner weinenden jungen Herrin zu und sprang hinten auf. »Halt!« rief Miss Jemima, die mit einem Päckchen zum Tor stürzte. »Es sind nur ein paar belegte Brote, meine Liebe«, sagte sie zu Amelia. »Falls Sie Hunger bekommen– und Becky, Becky Sharp, hier ist ein Buch für Sie, das meine Schwester– das heißt ich– Johnsons Wörterbuch, wissen Sie? Sie dürfen uns nicht ohne das Buch verlassen. Adieu!– Fahr zu, Kutscher! Gott segne euch!« Und das gutmütige Geschöpf eilte, ganz überwältigt von ihren Gefühlen, in den Garten zurück.

Aber siehe da! Gerade als der Wagen anfuhr, steckte Miss Sharp ihr blasses Gesicht aus dem Fenster und schleuderte tatsächlich das Buch in den Garten zurück.

Die arme Jemima fiel vor Entsetzen fast in Ohnmacht. »Nein, ich habe noch nie...«, sagte sie, »so ein unverschämtes ...« Die heftige Erregung erlaubte ihr nicht, die angefangenen Sätze zu vollenden. Die Kutsche rollte fort; das große Tor wurde geschlossen; die Glocke gab das Zeichen zur Tanzstunde. Vor den beiden jungen Damen liegt nun die Welt; deshalb: ade, Chiswick Mall!

2. KapitelIn dem sich Miss Sharp und Miss Sedley rüsten, den Feldzug zu eröffnen

Inhaltsverzeichnis

Nachdem Miss Sharp die im vorigen Kapitel erwähnte Heldentat vollbracht und gesehen hatte, wie das Wörterbuch über das Pflaster des Gärtchens geflogen und vor den Füßen der erstaunten Miss Jemima gelandet war, erschien auf dem Gesicht der jungen Dame, das bis dahin einen bleichen Haß gezeigt hatte, ein kaum liebenswürdigeres Lächeln, und sie sank in die Kutsche zurück und sagte erleichtert: »So, das war das Wörterbuch; und nun ist Chiswick Gott sei Dank überstanden.«

Miss Sedley war über Beckys trotzige Handlung fast ebenso bestürzt wie Miss Jemima, denn man möge bedenken, daß sie erst vor einer Minute die Schule verlassen hatte und daß die Eindrücke von sechs Jahren in einem so kurzen Zeitraum nicht ausgelöscht werden können. Ja, bei einigen Menschen wirken die Schrecken und die Ehrfurcht der Jugendzeit ständig fort. Ich kenne einen alten Herrn von achtundsechzig Jahren, der mir eines Morgens beim Frühstück aufgeregt berichtete: »Ich habe heute nacht geträumt, Doktor Raine hätte mich geprügelt.« Die Phantasie hatte ihn im Laufe jenes Abends um fünfundfünfzig Jahre zurückgeführt. Im Innersten flößten ihm Doktor Raine und sein Stock jetzt mit achtundsechzig Jahren ebensoviel Furcht ein wie mit dreizehn. Wäre nun der Doktor mit einer großen Rute jetzt, in seinen alten Tagen, vor ihm erschienen und hätte ihm mit schrecklicher Stimme zugerufen: Junge, die Hosen herunter! ... Nun ja, Miss Sedley war wegen dieser Unbotmäßigkeit höchst bestürzt.

»Wie konntest du das nur tun, Rebekka!« sagte sie endlich nach einer Pause.

»Ach, glaubst du denn, Miss Pinkerton wird herauskommen und mich in das schwarze Loch zurückholen?« fragte Rebekka lachend.

»Nein, aber ...«

»Das ganze Haus ist mir verhaßt«, fuhr Miss Sharp wütend fort. »Hoffentlich bekomme ich es nie wieder zu Gesicht. Ich wollte wahrhaftig, es läge auf dem Grunde der Themse, und wenn Miss Pinkerton dort wäre– ich würde sie bestimmt nicht herausziehen. Oh, wie gern würde ich sie in dem Wasser da treiben sehen, samt ihrem Turban und allem anderen, die Schleppe hinter ihr her, und als Schiffsschnabel ihre Nase!«

»Pst!« rief Miss Sedly.

»Warum? Wird der schwarze Diener schwatzen?« rief Miss Rebekka lachend. »Er soll ruhig zurückgehen und Miss Pinkerton sagen, daß ich sie aus tiefster Seele hasse; ich wollte, er täte es, und ich wollte, ich hätte auch eine Möglichkeit, es ihr zu beweisen. Zwei Jahre lang hat sie mich bloß beleidigt und beschimpft. Ich bin schlechter behandelt worden als eine Küchenmagd. Nie hatte ich eine Freundin, und außer dir gab mir niemand ein freundliches Wort. Ich mußte die kleinen Mädchen in den unteren Klassen beaufsichtigen und mit den größeren französisch sprechen, bis meine Muttersprache mir zum Halse heraushing. War es nicht ein köstlicher Spaß, daß ich mit Miss Pinkerton Französisch sprach? Sie kann kein Wort Französisch, aber sie ist viel zu stolz, es einzugestehen. Ich glaube, das war der Grund, weshalb sie mich laufenließ, und deshalb sei dem Himmel Dank für das Französische! Vive la France! Vive l'Empereur! Vive Bonaparte[2]!«

»Rebekka! Rebekka, schäm dich!« rief Miss Sedley; das war die größte Lästerung, die Rebekka je ausgestoßen hatte, denn wenn man in jenen Tagen in England sagte: »Es lebe Bonaparte!«, so war dies gleichbedeutend mit: »Es lebe Luzifer!«– »Wie kannst du nur! Wie wagst du, so schlecht und rachsüchtig zu denken?«

»Rache mag schlecht sein, aber sie ist natürlich«, erwiderte Miss Rebekka. »Ich bin kein Engel.« Und um die Wahrheit zu sagen, das war sie wirklich nicht.

Denn man wird im Laufe dieser kleinen Unterhaltung, während deren die Kutsche am Ufer des Flusses träge dahinrollte, bemerkt haben, daß Miss Rebekka Sharp zweimal das Bedürfnis verspürt hatte, dem Himmel zu danken; das erstemal jedoch geschah es nur deshalb, weil er sie von einer Person befreit hatte, die sie haßte, und das zweitemal, weil er ihr die Gelegenheit gab, ihre Feinde in Verlegenheit oder Verwirrung zu bringen. Beides waren nicht gerade liebenswürdige Beweggründe zu frommer Dankbarkeit, und freundliche und versöhnliche Gemüter würden sie auch nicht dafür gebrauchen. Miss Rebekka nun war nicht im mindesten freundlich oder versöhnlich. Dieser kleine Misanthrop (oder, besser gesagt, Misogyn, denn mit der Männerwelt hatte sie bisher wohl wenig Erfahrungen gemacht) war der Meinung, alle Welt behandele sie schlecht, wobei ziemlich sicher ist, daß alle Menschen beiderlei Geschlechts, die alle Welt schlecht behandelt, diese Behandlung auch verdienen. Die Welt ist ein Spiegel, aus dem jedem sein eigenes Bild entgegenblickt. Wirf einen mürrischen Blick hinein, und sie wird dir ein saures Gesicht zeigen, lach sie an und lach mit ihr, und sie ist dir ein lustiger, freundlicher Gefährte. Alle jungen Leute mögen nun ihre Wahl treffen. Eines ist jedoch sicher: Wenn die Welt Miss Sharp vernachlässigte, so war jedenfalls nicht bekannt, daß sie selbst jemals einem Menschen eine Freundlichkeit erwiesen hatte; man konnte auch nicht erwarten, daß vierundzwanzig junge Damen so liebenswürdig sein würden wie die Heldin dieses Buches, Miss Sedley (wir wählten sie dazu, weil sie die gutmütigste von allen war; denn was hätte uns sonst daran hindern können, Miss Swartz oder Miss Crump oder Miss Hopkins zur Heldin zu machen?). Man kann nicht erwarten, daß alle so bescheiden und sanft sind wie Miss Amelia Sedley, daß sie jede Gelegenheit ergreifen, Rebekkas Hartherzigkeit und unfreundliches Wesen zu bekämpfen und durch tausend gute Worte und Dienste Rebekka wenigstens einmal dazu bringen, ihre Feindseligkeit gegenüber dem eigenen Geschlecht zu überwinden.

Miss Sharps Vater war Künstler und hatte in Miss Pinkertons Schule Zeichenunterricht erteilt. Er war ein gewandter Mann, ein angenehmer Gesellschafter, in seiner Kunst sorglos und hatte eine starke Neigung zum Schuldenmachen und eine Vorliebe fürs Wirtshaus. War er betrunken, so pflegte er Frau und Tochter zu schlagen, und im Katzenjammer des nächsten Morgens schimpfte er auf die Welt, die sein Genie verkannte, und schmähte mit viel Witz und oftmals nicht unberechtigt seine Malerkollegen, diese Dummköpfe und Narren. Da er sich nur mühsam über Wasser hatte halten können und in Soho, wo er lebte, im Umkreis von einer Meile Schulden hatte, glaubte er seine Lage durch die Heirat mit einer jungen Französin, einer Ballettänzerin, zu verbessern. Miss Sharp erwähnte den einfachen Stand ihrer Mutter nie, sondern pflegte in späteren Jahren zu sagen, die Entrechats seien eine Adelsfamilie aus der Gascogne, und sie tat sich auf ihre Abkunft einiges zugute. Und seltsam genug: Je mehr sie im Leben vorwärtskam, desto höher stiegen auch die Vorfahren der jungen Dame in Rang und Glanz.

Rebekkas Mutter hatte irgendwo eine gewisse Erziehung genossen, und ihre Tochter sprach ein tadelloses Französisch. Dies war in jenen Tagen eine seltene Fertigkeit und verhalf ihr zu einer Anstellung bei der orthodoxen Miss Pinkerton. Denn als ihr Vater nach dem Tode der Mutter erkannt hatte, daß er sich nach seinem dritten Anfall von Delirium tremens[3] wahrscheinlich nicht mehr erholen würde, schrieb er einen mannhaften und zugleich rührenden Brief an Miss Pinkerton, in dem er das verwaiste Kind ihrem Schutz empfahl. Dann sank er ins Grab, nachdem sich zwei Gerichtsvollzieher über seinem Leichnam gestritten hatten.

Rebekka war siebzehn Jahre alt, als sie nach Chiswick kam und als Lehrschülerin verpflichtet wurde. Wie wir gesehen haben, bestanden ihre Pflichten darin, mit den Schülerinnen französisch zu sprechen; dafür hatte sie Kost und Logis frei, bekam jährlich ein paar Guineen und durfte bei den unterrichtenden Lehrern einige Weisheitsbrocken aufschnappen.

Sie war klein und schmächtig, hatte ein blasses Gesicht, rotblondes Haar und hielt die Lider gewöhnlich gesenkt. Wenn sie aufsah, erblickte man sehr große, eigentümliche, anziehende Augen, so anziehend, daß sich Ehrwürden Mr. Crisp, der soeben von Oxford gekommene Hilfsgeistliche des Pfarrers von Chiswick, Ehrwürden Mr. Flowerdew, in Miss Sharp verliebte, als er von einem tödlichen Blick getroffen wurde, den sie von den Pensionatsbänken quer durch die Chiswicker Kirche zum Chorpult hin abschoß. Dieser betörte junge Mann trank bisweilen Tee bei Miss Pinkerton, der er durch seine Mutter vorgestellt worden war, und in einem abgefangenen Briefchen, das die einäugige Kuchenfrau hatte überbringen sollen, machte er tatsächlich eine Art Heiratsantrag. Mrs. Crisp wurde aus Buxton herbeigeholt und entfernte ihren geliebten Sohn schleunigst; schon der bloße Gedanke an einen solchen Adler im Chiswicker Taubenschlag verursachte im Busen von Miss Pinkerton einen gewaltigen Aufruhr, und sie hätte Miss Sharp weggeschickt, wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, dann eine Kontraktstrafe zu zahlen. Nie glaubte sie den Beteuerungen der jungen Dame, die versicherte, mit Mr. Crisp nur im Beisein der Vorsteherin beim Tee gesprochen zu haben.

Neben den vielen hochgewachsenen und kräftigen jungen Damen in der Schule wirkte Rebekka Sharp wie ein Kind. Aber sie hatte die traurige Frühreife der Armut. Manchen ungeduldigen Gläubiger hatte sie von der Tür ihres Vaters weggeplaudert; manchen Kaufmann hatte sie in gute Stimmung geschwatzt und ihm ein weiteres Mal das tägliche Brot abgeschmeichelt. Gewöhnlich saß sie bei ihrem Vater, der auf ihren Mutterwitz sehr stolz war, und hörte die Reden seiner zügellosen Kumpane mit an, die oft für Mädchenohren wenig geeignet waren. Wie sie selbst sagte, war sie jedoch nie ein Kind gewesen; schon mit acht Jahren war sie ein Weib. Warum nur ließ Miss Pinkerton einen so gefährlichen Vogel in ihren Käfig hinein!

Tatsächlich hielt die alte Dame Rebekka für das sanftmütigste Geschöpf der Welt, denn wenn ihr Vater sie mit nach Chiswick nahm, pflegte sie die Rolle der ingénue so vollendet zu spielen, daß Miss Pinkerton meinte, sie sei ein bescheidenes und unschuldiges Kind, und ein Jahr noch vor dem Abkommen über Rebekkas Aufnahme im Hause– das Mädchen war damals sechzehn Jahre alt– überreichte ihr Miss Pinkerton majestätisch mit einer kleinen Ansprache eine Puppe als Geschenk, eine Puppe, die, nebenbei erwähnt, Miss Swindle gehört hatte und ihr weggenommen worden war, als man sie ertappte, wie sie heimlich während des Unterrichts damit spielte.

Wie lachten Vater und Tochter, als sie nach der Abendgesellschaft zusammen nach Hause wanderten (es war bei Gelegenheit der Jahresschlußfeier, zu der alle Lehrer eingeladen wurden), und wie wütend wäre Miss Pinkerton geworden, hätte sie die Karikatur gesehen, die Rebekka, die kleine Schauspielerin, von ihr aus der Puppe machte! Sie pflegte mit der Puppe Gespräche zu führen, die die Newman Street, die Gerrard Street und das ganze Künstlerviertel begeisterten. Wenn die jungen Maler kamen, um mit ihrem faulen, liederlichen, gewandten, lustigen älteren Kollegen Grog zu trinken, so fragten sie Rebekka regelmäßig, ob Miss Pinkerton zu Hause sei; sie kannten die arme Seele so gut wie Mr. Lawrence oder Präsident West. Einst hatte sie die Ehre, einige Tage in Chiswick zu verbringen; sie kam mit der Idee zurück, eine andere Puppe zur Miss Jemmy zu ernennen; denn obgleich das ehrliche Geschöpf Jemima sie mit Gelee und Kuchen für drei Kinder vollgestopft und ihr beim Abschied sogar noch ein Siebenshillingstück geschenkt hatte, so war doch der Sinn fürs Lächerliche bei dem Mädchen weitaus stärker als die Dankbarkeit, und Miss Jemmy wurde ebenso unbarmherzig geopfert wie ihre Schwester.

Die Katastrophe kam, als Rebekka in ihre neue Heimat, die Mall, gebracht wurde. Die strenge Förmlichkeit des Hauses erstickte sie: die Gebete und die Mahlzeiten, die Unterrichtsstunden und die Spaziergänge, alles in klösterlicher Regelmäßigkeit, lasteten beinahe unerträglich auf ihr, und sie vermißte die freie Bettelarmut des alten Ateliers in Soho so sehr, daß jeder, auch sie selbst, glaubte, der Kummer um den Vater verzehre sie. Sie hatte ein kleines Zimmerchen unter dem Dach, wo die Dienstmädchen sie nachts schluchzend auf und ab gehen hörten; allein das geschah vor Wut und nicht vor Kummer. Bisher hatte Heuchelei ihr ferngelegen; nun, in ihrer Einsamkeit, lernte sie, sich zu verstellen. Nie war sie in weiblicher Gesellschaft gewesen; ihr Vater war trotz aller seiner Laster ein begabter Mann; sie zog seine Unterhaltung tausendmal dem Geschwätz ihrer Geschlechtsgenossinnen vor, mit denen sie jetzt zusammenkam. Die eitle Wichtigtuerei der alten Schulvorsteherin, die törichte Gutmütigkeit ihrer Schwester, das dumme Geschwätz und die Klatschsucht der größeren Schülerinnen und die kalte Korrektheit der Erzieherinnen ermüdeten sie; und das unglückselige Geschöpf besaß kein sanftes, mütterliches Herz, um sich von dem Geplappere und Geplaudere der kleineren Mädchen, die sie hauptsächlich zu betreuen hatte, besänftigen und einnehmen zu lassen. Zwei Jahre lebte sie unter ihnen, und keine trauerte ihr nach, als sie ging. Die sanfte, gütige Amelia Sedley war die einzige, der sie sich einigermaßen angeschlossen hätte; und wer fühlte sich nicht zu Amelia hingezogen?

Das Glück– die überlegene Stellung der jungen Damen um sie her erfüllten Rebekka mit unaussprechlichem Neid. »Wie vornehm sich doch dieses Mädchen aufspielt, bloß weil sie die Enkelin eines Grafen ist«, sagte sie von der einen. »Wie sie doch vor der Kreolin und ihren hunderttausend Pfund kriechen! Ich bin tausendmal gescheiter und hübscher als dieses Geschöpf mit all seinem Reichtum. Ich bin ebenso gut erzogen wie die Grafenenkelin, trotz ihres vornehmen Stammbaumes; und doch beachtet mich hier niemand. Aber gaben nicht, als ich noch bei meinem Vater lebte, die Männer ihre lustigsten Bälle und Gesellschaften auf, um den Abend mit mir zu verbringen?« Sie beschloß, sich auf jeden Fall aus dem Gefängnis zu befreien, in dem sie sich befand, und begann nun, selbständig zu handeln und zum erstenmal in ihrem Leben zusammenhängende Zukunftspläne zu schmieden.