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In "Jahrmarkt der Eitelkeit" entwirft William Makepeace Thackeray ein komplexes Porträt der englischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und beleuchtet die Themen Ambition, Betrug und gesellschaftliche Klassen. Der Roman folgt den Schicksalen von Becky Sharp und Amelia Sedley, zwei Frauen mit entgegengesetzten Charaktern, die in der rauen Welt des Londoner Adels um ihren Platz kämpfen. Thackerays scharfer, oft ironischer Schreibstil sowie sein Talent für dreidimensionale Charakterisierung machen das Werk zu einem Satire-Meisterwerk, das die Eitelkeiten und Verfehlungen seiner Figuren gleichzeitig offenbart und kritisiert, während es die Leser in eine fesselnde Erzählung eintauchen lässt. William Makepeace Thackeray, geboren 1811 in Indien, war ein scharfer Beobachter seiner Zeit und trat als ein bedeutender realistischer Roman-Schriftsteller hervor. Sein Leben war geprägt von persönlichen sowie finanziellen Herausforderungen, die ihm einen tiefen Einblick in die sozialen Unterschieden seiner Epoche verschafften. Diese Erfahrungen spiegeln sich in seinen Werken wider, in denen er oft die Heuchelei der Oberschicht thematisiert und die vielschichtigen Dynamiken zwischen den Klassen kritisch hinterfragt. "Jahrmarkt der Eitelkeit" ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch ein zeitloses Spiegelbild menschlicher Schwächen und gesellschaftlicher Strukturen. Das Buch bietet dem Leser die Möglichkeit, sich mit den Ambitionen und Illusionen, die im Streben nach Erfolg und Anerkennung liegen, auseinanderzusetzen. Thackerays brillanter Umgang mit Sprache und Erzählkunst macht dieses Werk zu einer Pflichtlektüre für jeden Literaturinteressierten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
In dieser Erzählwelt gleicht das gesellschaftliche Leben einem Jahrmarkt, auf dem Ehrgeiz, Geld und Ansehen wie Waren gehandelt werden, während Gewissen, Loyalität und Liebe als Wechselgeld kursieren, und genau diesen unruhigen Handel beobachtet der Roman mit kühlem, wachem Blick, indem er zeigt, wie Menschen Rollen anlegen, Masken tauschen und unter all dem Glanz die Sehnsucht nach Anerkennung bleibt, sodass Erfolg und Tugend auseinanderdriften, Glück mit Status verwechselt wird und die Bühne der Stadt zum Spiegel einer Ordnung wird, in der fast alles käuflich scheint – außer der Wahrheit über sich selbst.
William Makepeace Thackeray veröffentlichte Vanity Fair zwischen Januar 1847 und Juli 1848 in zwanzig monatlichen Lieferungen bei Bradbury and Evans; 1848 erschien eine gebundene Fassung. Thackeray, ein bedeutender englischer Romancier und Satiriker der viktorianischen Epoche, schrieb und illustrierte das Werk selbst. Der deutsche Titel Jahrmarkt der Eitelkeit überträgt die zentrale Metapher des Originals. Die Entstehung fällt in eine Zeit raschen sozialen Wandels, urbaner Expansion und intensiver Periodik. Schon zeitgenössische Leser erkannten die kühne Verbindung aus komischer Beobachtung und realistischer Präzision, die das Buch sofort als Großtat des Gesellschaftsromans auswies und Thackerays Rang neben den führenden Stimmen seiner Generation festigte.
Jahrmarkt der Eitelkeit gilt als Klassiker, weil es die Möglichkeiten des Gesellschaftsromans neu vermisst: Es verbindet eine weit gespannte soziale Panoramasicht mit präziser Charakterarbeit und unnachgiebiger Ironie. Die erzählerische Stimme führt wie ein Regisseur durch Szenen, kommentiert, ordnet, widerspricht und lädt Leserinnen und Leser zur Mitverantwortung ein. Statt heroischer Muster bietet das Buch das Porträt einer Welt, in der moralische Kategorien verrutschen. Diese Haltung, zusammen mit der geschliffenen Beobachtung des Alltags, schuf ein Modell für realistische Prosa, die unterhält, entlarvt und nachdenklich macht – ohne moralisierenden Schlussstrich und ohne bequeme Gewissheiten.
Seine nachhaltigen Themen kreisen um soziale Mobilität und ihre Kosten, um die Verführbarkeit durch Reichtum, die Mechanik des Rufes und die Komödie der Manieren. Hinter salondichter Konversation erscheinen Abhängigkeiten: Kredit und Schulden, Klatsch und Karriere, Familie und Fortüne. Das Buch fragt, ob Tugend in einer Ökonomie der Selbstdarstellung bestehen kann, und wie Geschlechterrollen Ambitionen kanalisieren oder blockieren. Es zeigt, wie öffentliches Schauspiel und privates Begehren sich verschränken, und wie kleinste Entscheidungen große Folgen anstoßen. So entsteht eine Kritik der Eitelkeit, die weniger an Personen als an Strukturen ansetzt und gerade deshalb beständig bleibt.
Der Roman spielt im frühen 19. Jahrhundert, in der Übergangszeit zwischen Regency und Viktorianismus, unter dem Schatten der napoleonischen Kriege. Londoner Salons, Mietwohnungen und Ladengeschäfte, Landhäuser und Garnisonsstädte, die flandrischen Straßen vor einem großen europäischen Schlachtfeld: Diese Schauplätze verbinden Krieg und Kommerz, Mut und Mode. Thackeray nutzt die Kontraste zwischen Heimatfront und Militär, zwischen Börsenkurs und Familienglück, um die Kostbarkeit und Unsicherheit der bürgerlichen Existenz zu zeigen. Der historische Rahmen liefert kein romantisches Dekor, sondern einen Prüfstand, auf dem Werte, Loyalitäten und Illusionen der Figuren sichtbar werden, sobald äußere Erschütterungen an ihnen rütteln.
Im Zentrum stehen zwei junge Frauen, die ein Mädchenpensionat verlassen und in die Londoner Gesellschaft eintreten. Die eine besitzt scharfen Witz, Selbstbeherrschung und den Willen, aufzusteigen; die andere vertraut herzlich und lebt von Zuneigung und Gewohnheit. Familienfreundschaften, geschäftliche Risiken und Heiratspläne durchkreuzen ihre Wege, während Gerüchte, Bälle und Besuche zu Gelegenheiten und Gefahren werden. Soldaten, Kaufleute, Erben und Erzieherinnen bevölkern die Szenerie, und der europäische Konflikt wirft seinen langen Schatten. Ohne den Verlauf vorwegzunehmen, folgt der Roman ihren Entscheidungen, Zufällen und Begegnungen, die den Takt eines Lebens im Tauschrausch der Zeit bestimmen.
Thackerays Figuren stehen nie auf Sockeln. Sie werden in ihrer Widersprüchlichkeit gezeigt: Geistreich und berechnend, sanft und blind, hilfsbereit und eitel, standesbewusst und verletzlich. Nebenfiguren, von wohlmeinenden Onkeln bis zu schwerfälligen Gönnern, bilden ein Resonanzfeld, in dem Anstand und Opportunismus einander belauern. Das Interesse gilt weniger dem Spektakel der Sünde als den kleinen Bewegungen des Blicks, der Geste, des Gesprächs, wo Ehrgeiz und Gefühl ihre Kräfte messen. So entfaltet sich ein Ensemble, das sich nicht in Vorbilder und Schurken teilt, sondern in Menschen, die die Bedingungen ihrer Welt zu nutzen oder zu ertragen versuchen.
Formal verbindet das Buch erzählerische Allwissenheit mit einer unverwechselbaren, kommentierenden Stimme, die die Fäden sichtbar in der Hand hält. Thackeray spielt mit der Metapher des Theaters und der Schaustellung, deutet auf Kulissen, ruft das Publikum zur Aufmerksamkeit und schafft damit Distanz und Nähe zugleich. Seine Sprache mischt Leichtigkeit, Spott und präzise Beobachtung; die von ihm selbst gezeichneten Vignetten und Tafeln unterstreichen den Charakter eines moralischen Panoramas. Wiederkehrende Motive, Motetten von Sprichwörtern und gesellschaftlichen Etiketten, strukturieren die Lektüre und lassen erkennen, wie Konventionen Handlungen rahmen, ohne sie vollständig zu bestimmen.
Der Einfluss des Romans reicht weit über seine Entstehungszeit hinaus. Er trug dazu bei, den englischsprachigen Gesellschaftsroman als Instrument analytischer Satire zu etablieren, das Unterhaltung mit sozialer Diagnose verbindet. Kritikerinnen, Kritiker und Autorinnen sowie Autoren haben das Werk immer wieder als Maßstab für erzählerische Genauigkeit, Weite des sozialen Blicks und ironische Haltung herangezogen. Es blieb kontinuierlich im Druck, gehört zum Kanon der englischen Literatur und hat zahlreiche Bühnen-, Film- und Fernsehbearbeitungen inspiriert. Diese Wirkung beruht nicht auf Effekten, sondern auf einer unaufgeregten, beharrlichen Wahrnehmung der Welt, die selten veraltet.
Wer Jahrmarkt der Eitelkeit liest, begegnet einer Mischung aus Vergnügen und Unbehagen. Komische Szenen entkrampfen, doch sie entlarven zugleich kratzende Etikette und schäbige Motive. Die erzählerische Stimme verführt zum Lachen und lädt im nächsten Moment zur Selbstprüfung ein. Das Buch zeigt, wie leicht wir uns in Rollen verlieren, die uns Vorteile verschaffen, und wie schwer es ist, unter Druck an Großzügigkeit festzuhalten. Dabei bleibt der Ton menschenkundig, nie zynisch um des Zynismus willen, und eröffnet Raum für Anteilnahme, ohne die Härte gesellschaftlicher Mechanismen zu beschönigen. Diese Balance macht die Lektüre anhaltend lebendig.
Heute, in einer Kultur der Sichtbarkeit, klingen die Fragen des Romans mit neuer Schärfe: Wie formen Netzwerke, Marken und Bilder unsere Selbstentwürfe? Welche Chancen und Risiken bergen soziale Aufstiege, die von Kredit, Kontakten und performativer Geschicklichkeit abhängen? Wie beeinflussen wirtschaftliche Erschütterungen private Bindungen? Thackerays Blick auf die Ökonomie der Aufmerksamkeit, auf die Verhandlung von Geschlechterrollen und auf die Loyalität in unsicheren Zeiten bleibt unmittelbar verständlich. Der Markt der Eitelkeiten hat nur die Bühne gewechselt: von Salons zur Timeline, von Bällen zu Feeds. Die Mechanik dahinter ist erstaunlich vertraut.
Darum ist Jahrmarkt der Eitelkeit weiterhin lesenswert: Es vereint psychologische Genauigkeit, erzählerische Souveränität und moralische Komplexität zu einem Bild der Gesellschaft, das zugleich historisch konkret und allgemein gültig ist. Der Roman fordert dazu auf, hinter Fassaden zu blicken, das eigene Urteil zu justieren und Empathie ohne Blindheit zu üben. Seine zeitlosen Qualitäten liegen in der Beherrschung des Tons, der Klarheit der Beobachtung und dem Mut, auf einen einfachen Trost zu verzichten. Wer sich auf diese Lektüre einlässt, erhält nicht nur ein Panorama einer Epoche, sondern einen Spiegel mit Gegenwartsdauer.
Jahrmarkt der Eitelkeit, erstmals 1847–1848 als Fortsetzungsroman erschienen, bietet William Makepeace Thackerays weit gespannte Satire auf die britische Gesellschaft der napoleonischen Zeit. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen mit gegensätzlichen Voraussetzungen: die ehrgeizige Becky Sharp und die sanftmütige Amelia Sedley. Der Roman verfolgt ihren Weg durch Salons, Kasernen, Schulstuben und Börsen, wobei Ansehen, Geld und Heirat als treibende Kräfte erkennbar werden. Ohne idealisierte Heldengestalt beobachtet die Erzählstimme die Figuren mit ironischer Distanz. Der Überblick beginnt, als beide die Pension verlassen und unterschiedlich gerüstet auf eine Gesellschaft treffen, in der Herkunft, Beziehungen und Glück über Aufstieg oder Abstieg entscheiden.
Nach dem Abschied aus Miss Pinkertons Schule kehrt Amelia in das behagliche Londoner Haus der Sedleys zurück, während Becky, als Waise aus einfachen Verhältnissen, auf Scharfsinn und Gelegenheiten setzt. Ein Besuch bei den Sedleys eröffnet ihr scheinbar Chancen: Amelias Bruder Jos, ein in Indien beschäftigter Kolonialbeamter, wirkt empfänglich für ihre Reize. Doch gesellschaftliche Taktfehler, Eitelkeiten und die Skepsis in Amelias Umfeld lassen den Plan ins Stocken geraten. Zugleich treten George Osborne, Amelias selbstbewusster Verlobter, und sein loyaler Freund William Dobbin deutlicher hervor. Als Beckys Versuche bei den Sedleys scheitern, nimmt sie eine Stelle als Gouvernante im Hause des exzentrischen Sir Pitt Crawley an.
Im ländlichen Haushalt der Crawleys beweist Becky Organisationstalent und Anpassungsfähigkeit. Sie gewinnt die Aufmerksamkeit der reichen Tante Miss Crawley und begegnet Rawdon Crawley, einem lebenslustigen Offizier mit Spielschulden. Zwischen Kalkül und echter Anziehung entsteht eine Verbindung, die Beckys Stellung grundlegend verändert. Eine heimlich geschlossene Ehe verärgert einflussreiche Verwandte und bringt die ersehnte finanzielle Sicherheit nicht, eröffnet jedoch neue gesellschaftliche Zugänge. Beckys Fähigkeit, Rollen zu spielen, wird zu ihrem wichtigsten Kapital. Der Aufstieg bleibt dennoch unsicher, denn Zuneigung und Geldflüsse in der weitverzweigten Familie hängen an Launen, Testamenten und dem wechselnden Wohlwollen von Gönnerinnen und Gönnern.
Zur gleichen Zeit gerät Amelias Welt ins Wanken: Spekulationen und wirtschaftliche Turbulenzen ruinieren das Vermögen der Sedleys. Die Verbindung mit George, ohnehin vom streng berechnenden Vater Osborne missbilligt, wird dadurch weiter belastet. Dobbin, dessen stille Zuneigung zu Amelia sich als verlässlich erweist, wirkt hinter den Kulissen ausgleichend. Während Europa auf einen neuen Konflikt zusteuert, treffen die jungen Leute Entscheidungen aus Stolz, Liebe und Furcht vor dem sozialen Absturz. Eine überstürzte Heirat und der Aufbruch aufs Festland markieren einen Wendepunkt, an dem privates Glück, familiärer Ehrgeiz und militärische Pflichten in eine ungewisse Richtung auseinanderdriften.
In Brüssel zeigt Thackeray das Nebeneinander von modischem Glanz und drohender Gefahr: Bälle, Besuche und Klatsch überdecken nur kurz die wachsende Unruhe. Als die Nachricht vom Feldzug gegen Napoleon eintrifft, entlarvt der Ernst der Lage Eitelkeit, Tapferkeit und Selbsttäuschung gleichermaßen. Die Schlacht verändert die Lebenswege mehrerer Figuren schlagartig; Karrieren enden, andere beginnen, Vermögen und Hoffnungen werden neu verteilt. Zurück bleiben Trauer, Schuldgefühle und Verantwortungen, die vor allem die jungen Frauen zu tragen haben. Aus dem lärmenden Gesellschaftsspiel wird für viele eine Frage des Durchhaltens, in der jeder Schritt nun stärker von Notwendigkeit als von Selbstdarstellung bestimmt ist.
Nach dem Krieg versuchen Becky und Rawdon ihren Platz in der Londoner Gesellschaft zu festigen. Ein einflussreicher Aristokrat fördert Beckys Auftritte, während Rawdons Schulden und Risikofreude die Ehe belasten. Glanzvolle Abende, geistreiche Unterhaltung und berechnendes Wohlverhalten bringen sie an die Ränder der höchsten Kreise. Doch die Quelle solcher Gunst ist launisch, und der Preis steigt: Loyalitäten geraten in Konflikt, Vorwürfe häufen sich, ein skandalträchtiger Vorfall stellt ihren Ruf infrage. Inmitten von Arrest, Pfändungen und Demütigungen zeigt sich, wie brüchig sozialer Erfolg ist, wenn er auf Kredit, Eifersucht und der Geduld mächtiger Beschützer beruht.
Amelia lebt derweil bescheiden, geprägt von Trauerarbeit, Pflichtgefühl und der Sorge um ihr Kind. Ihre Abhängigkeit von Verwandten und vom Einfluss der Osbornes macht jeden Schritt schwierig. Dobbin bleibt eine konstante, unaufdringliche Unterstützung, doch sein Idealismus kollidiert mit Amelias Erinnerungstreue. Mit der Zeit führen Aufenthalte in England und auf dem Kontinent zu neuen Begegnungen, in denen frühere Rollen an Überzeugungskraft verlieren. Kleine Verschiebungen im Selbstbild der Figuren – ein nüchternerer Blick auf vergangene Schwärmereien, ein wachsendes Bedürfnis nach Würde – bereiten leise Veränderungen vor, ohne bereits die Entscheidung zu erzwingen, welche Bindungen künftig tragen werden.
In den weitverzweigten Crawley-Verhältnissen bewirken Todesfälle, Testamente und Vernunftehen neue Machtkonstellationen. Missgunst und Wohlwollen werden zu Währungen, die Beckys Chancen mal erhöhen, mal zunichtemachen. Während einige Verwandte durch Pflichtbewusstsein und Beständigkeit Respekt gewinnen, vertraut Becky weiter auf Improvisation und die Kunst, Erwartungen zu spiegeln. Gleichzeitig beginnt Amelia, lange gehegte Vorstellungen von Liebe und Loyalität zu prüfen, angestoßen durch Gespräche, Enttäuschungen und die Bedürfnisse der nächsten Generation. Versöhnliche Gesten und neu ausgehandelte Verantwortungen deuten an, dass die Figuren Wege aus alten Mustern finden könnten – ohne dass bereits feststeht, wessen Kompass sich letztlich bewährt.
Thackerays Roman entfaltet aus diesen verflochtenen Lebensläufen eine bleibend aktuelle Gesellschaftsanalyse. Ruhm, Reichtum und Rang erscheinen als Bühne, auf der jeder spielt und zugleich gespielt wird; Charakter entsteht im Verhältnis zu Geld, Blicken und Gelegenheiten. Ohne makellose Vorbilder richtet sich der Blick auf die Mechanik sozialer Ehrungen und die Versuchung, Gefühle zu instrumentalisieren. Die nachhaltige Bedeutung des Buches liegt in seiner nüchternen Erkenntnis, dass moralische Urteile in einem System der Eitelkeiten leicht erodieren – und darin, dass dennoch Verantwortung möglich bleibt. So bleibt die Frage offen, worin echter Wert besteht, wenn alles andere seinen Glanz verliert.
Das erzählte Geschehen ist im frühen 19. Jahrhundert verortet, vor allem in der britischen Regency-Ära (circa 1811–1820) und den Jahren unmittelbar davor und danach. Politisch dominiert das Königshaus mit Prinzregent und Hofstaat; gesellschaftlich prägen Adel, Landgentry und eine auf Ehre und Rang ausgerichtete Etikette das öffentliche Leben. Die Church of England stellt eine moralische und institutionelle Autorität, während Armee und Marine als tragende Säulen des Staates gelten. Diese Ordnung bestimmt Heirat, Karriere und Reputation und liefert den sozialen Rahmen, in dem Thackerays Figuren ihre Chancen suchen und an Normen, Ambitionen und Konventionen gemessen werden.
Zentraler Zeithintergrund sind die Napoleonischen Kriege, die 1815 in der Schlacht von Waterloo kulminieren. Großbritannien führt seit den 1790er-Jahren nahezu ununterbrochen Krieg gegen Frankreich; Armee und Verbündete sammeln sich vor Waterloo im Raum Brüssel. Historisch verbürgt ist das gesellschaftliche Treiben in der Stadt unmittelbar vor den Gefechten, inklusive des berühmten Balls der Herzogin von Richmond am 15. Juni 1815. Thackeray spiegelt diese dichte Verzahnung von mondäner Geselligkeit und existenzieller Bedrohung: Private Hoffnungen, Heiratspläne und Rivalitäten stoßen auf die Härte militärischer Entscheidungen, Meldungen über Verluste und den abrupten Umschwung politischer Lagen.
Die militärische Kultur jener Zeit ist von einem Kaufsystem für Offiziersstellen geprägt: Kommissionen werden erworben, Beförderungen oft durch Vermögen und Beziehungen ermöglicht. Tapferkeit und Tüchtigkeit zählen, doch soziale Herkunft, Protektion und Regimentsprestige bleiben entscheidend. Der Alltag der Regimenter mischt Drill, Geselligkeit, Gläubiger und Glücksspiel; Kriegsruhm verspricht gesellschaftliches Kapital. Viele britische Familien sehen im Offiziersstand eine angemessene Laufbahn für Söhne, auch wenn die Risiken enorm sind. In der Perspektive des Romans wird das Spannungsfeld aus soldatischem Ethos, Eitelkeit und ökonomischer Realität sichtbar, das die Kriegsjahre und ihre Nachwirkungen strukturierte.
Politisch ist Großbritannien vor der Reform von 1832 von Patronage, Rotten Boroughs und einem stark aristokratisch geprägten Parlamentarismus bestimmt. Ämter, Pensionen und Posten in Verwaltung, Diplomatie oder Hofdiensten entstehen häufig durch Klientelnetzwerke. Diese Struktur prägt Heiratsallianzen, Karrierewege und die Verteilung von Gunstbeweisen – etwa Empfehlungen für Kommandos, Zugang zu exklusiven Salons und Kredite. Thackerays Welt zeigt, wie Personen mit begrenzten Mitteln versuchen, über Protektion aufzusteigen, und wie mächtige Kreise Anerkennung als Währung verwalten. So verbinden sich Politik, Gesellschaft und Ökonomie zu einem System, das Reichweite, Reputation und Loyalität belohnt.
Die Klassengesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts verschränkt alte Landaristokratie und aufstrebendes Bürgertum. Handel, Finanzen und Kolonialdienst lassen neue Vermögen entstehen, die jedoch um gesellschaftliche Anerkennung ringen. Die Grenzlinien zwischen alter und neuer Elite bleiben durch Titel, Erbe und Lebensstil markiert, doch Kaufmanns- und Militärkarrieren öffnen Nischen für Aufsteiger. Thackeray beobachtet diesen Wettlauf um Status als Spiel der Fassaden, in dem Kleidung, Adressen, Bekanntschaften und Manieren als Distinktionszeichen fungieren. Zugleich zeigt die Zeit wirtschaftliche und politische Spannungen, die den sozialen Aufstieg riskant und die Absturzgefahr jederzeit real machen.
Die Topographie der Gesellschaft spiegelt sich in Räumen: Londons West End mit Mayfair und St. James steht für Rang und Mode, die City für Handel, Banken und Spekulation. Gentlemen-Clubs, Theatersäle, Vauxhall Gardens und elegante Promenaden sind Bühnen der Selbstdarstellung. Kurorte wie Bath oder Seebäder wie Brighton fungieren als Kontaktzonen zwischen Provinz und Hauptstadt, zwischen altem Geld und neuen Ambitionen. Diese Orte strukturieren Saison und Bekanntschaften, sie erzeugen Gerüchte, Allianzen und Rivalitäten. Thackerays Figuren bewegen sich in diesem Geflecht, in dem Adresse und Auftritt fast so bedeutend sind wie Vermögen oder Tugend.
Die britische Kriegsfinanzierung stützt sich auf Steuern, Staatsanleihen und private Kreditketten; in der City florieren Makler, Handelshäuser und Versicherer. Kriegsjahre können Gewinne bringen, doch die Nachkriegszeit ab 1815 kennt Kontraktionen und Insolvenzen. Marktpaniken, Zahlungsausfälle und abrupte Preisstürze gefährden bürgerliche Existenzen. Diese Volatilität lässt scheinbar solide Familienvermögen zerfallen und setzt Heiratspläne unter Druck. Thackeray nutzt diesen Kontext, um zu zeigen, wie rasch Ansehen schwindet, wenn Sicherheiten wegbrechen, und wie fragil bürgerlicher Status ist, wenn Kredite verweigert, Rechnungen präsentiert und Beziehungen opportun neu justiert werden.
Kredit- und Schuldenkultur prägen den Alltag: Wechsel, Hypotheken und Vorschüsse halten Konsum und Standesrepräsentation am Laufen. Wer nicht zahlen kann, begegnet Pfändern, Gerichtsvollziehern und – im Extrem – Schuldgefängnissen, die bis in die 1840er-Jahre existieren. Glücksspiel, Spielklubs und Wettschulden verschärfen Risiken, gerade für Offiziere und Gentlemen. Der moralische Diskurs verurteilt Ausschweifung, doch die Praxis zeigt eine Grauzone zwischen Zwang, Schein und Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Thackeray verortet seine Figuren in dieser Ökonomie der Fassade, in der Sessel, Kutschen und Bälle oft auf Darlehen beruhen und der Fall von der Mode zur Schmach sehr kurz ist.
Das Britische Empire liefert materiellen Hintergrund: Die East India Company herrscht in weiten Teilen des indischen Subkontinents und zieht seit dem späten 18. Jahrhundert beträchtliche Einnahmen ein. Kolonialdienst verspricht Einkommen, Renten und Prestigegüter; Heimkehrer, im zeitgenössischen Sprachgebrauch oft Nabobs genannt, bringen Vermögen, Gewohnheiten und exotische Requisiten nach England. Zucker, Tee, Baumwolle und Gewürze aus kolonialen Netzen prägen Konsum und Tafel. Der Roman bindet dieses Geflecht ein, wenn koloniale Karrieren familiäre Planungen beeinflussen, Mitgiften ermöglichen oder die Illusion nähren, Entfernung könne gesellschaftliche Defizite überdecken und daheim Anerkennung erkaufen.
Geschlechterrollen und Recht setzen enge Grenzen. Nach dem Prinzip der Coverture gehen Vermögen verheirateter Frauen in die Verfügung des Ehemanns über; große Reformen folgen erst Jahrzehnte später. Primogenitur und Entail sichern Landbesitz in männlichen Linien. Heiraten sind damit ökonomische Strategien, Mitgiften Kalkulationsgrößen, und weibliche Sicherheit hängt stark von Rang, Protektion und Reputation ab. Die Tätigkeit als Gouvernante gilt als respektabel, zugleich prekär, zwischen häuslicher Abhängigkeit und sozialer Unsichtbarkeit. Thackeray spiegelt diese Strukturen, indem er zeigt, wie Frauen mit Witz, Bildung und Disziplin Räume erobern müssen, die Männern kraft Gesetzes und Gewohnheit zufallen.
Bildung in höheren Schichten ist stark klassen- und geschlechtsspezifisch. Jungen besuchen Public Schools und Universitäten; Mädchen erhalten in Pensionaten eine Ausbildung in Sprachen, Musik, Tanz und Konversation – den sogenannten Accomplishments. Französisch bleibt trotz Kriegsjahren Zeichen weltläufiger Kultur, während Morallehre und Anstand den Habitus formen. Diese Schulen produzieren soziale Codes, die im Salon verwertet werden. Thackeray eröffnet sein Panorama mit einem Dameninstitut, um zu zeigen, wie früh Rangdenken, Konkurrenz und politierte Oberfläche eingeübt werden. Der schulische Rahmen wird so zur Vorschule des gesellschaftlichen Markts, auf dem Beziehungen, Umgangsformen und Anmut zählen.
Religiös prägt die anglikanische Kirche die bürgerliche Moral, doch seit dem späten 18. Jahrhundert gewinnt der Evangelikalismus an Einfluss: Nüchternheit, Wohltätigkeit und häusliche Tugend werden Leitbilder. Philanthropische Gesellschaften, Bibelvereine und Missionswerke florieren. Gleichzeitig bleibt Religion ein Feld der Repräsentation; fromme Pose und tatsächliches Verhalten klaffen oft auseinander. Diese Ambivalenz – zwischen sittlicher Rhetorik und weltlichem Nutzen – spiegelt der Roman, wenn Wohltätigkeit als soziale Bühne erscheint, Besserungsappelle an Konventionen stoßen und die Bewertung von Laster und Tugend weniger vom Inhalt als von Rang, Geld und Meinungsmacht abhängig wird.
Kommunikation und Öffentlichkeit verändern sich. Briefe sind das Rückgrat sozialer Koordination; Nachrichten reisen per Postkutsche und Paketboot. Zeitungen wie The Times berichten über Krieg und Handel, doch Informationsflüsse sind langsam, Gerüchte häufig. Karikaturen – berühmt sind Arbeiten von Gillray und Cruikshank – prägen eine visuelle Satirekultur, die Laster und Mode verspottet. Thackeray, selbst geübter Zeichner, knüpft daran an und reflektiert die Medienformen seiner Zeit. Im Roman zeigt sich, wie Zeitungsmeldungen Karrieren stützen oder zerstören können, wie Klatsch Kurse macht und wie Porträt, Karikatur und Anekdote den Ruf einer Person dauerhaft markieren.
Entstanden ist das Werk im viktorianischen Kontext: Es erschien 1847–1848 monatlich bei Bradbury & Evans, vom Autor mit eigenen Illustrationen versehen und mit dem Untertitel Ein Roman ohne Helden. Die Serialisierung nutzt technische Neuerungen wie Dampfdruck, wachsende Vertriebsnetze und eine breiter werdende Leserschaft. Leihbibliotheken und Zeitschriftenkultur verstärken Reichweite und Diskussionen. Thackeray, der eng mit dem satirischen Umfeld der Zeit verbunden ist, adressiert im Rückblick auf die Regency die Fragen seiner Gegenwart: Respektabilität, Konsum, Imperium und Klassenkonflikte – Themen, die die 1840er-Jahre ebenso beschäftigen wie die dargestellte Epoche.
Literarisch steht der Roman in der Tradition des europäischen Realismus und der englischen Satire. Der Titel verweist auf John Bunyans Pilgrim’s Progress, wo der Jahrmarkt der Eitelkeit die Versuchungen der Welt versinnbildlicht. Thackeray übersetzt das moralische Gleichnis in eine moderne Gesellschaftsanalyse, die an Fielding und Hogarth erinnert: ein breites Figurenpanorama, moralische Pointen und eine kommentierende Erzählerstimme. Statt idealisierter Helden präsentiert er ein Ensemble aus gemischten Motiven und Interessen. Die historische Genauigkeit der Kulissen schafft Glaubwürdigkeit, während die satirische Zuspitzung die Funktionslogik von Ruhm, Geld und Rang freilegt.
Zeitgenössische Rezeption und Nachwirkung verorten das Buch als Schlüsselwerk viktorianischer Gesellschaftskritik. Leserinnen und Leser lobten die Beobachtungsschärfe, diskutierten aber Thackerays vermeintlichen Pessimismus. Im Umfeld rascher Urbanisierung, imperialer Expansion und sozialer Spannungen bot der Rückblick auf die Regency einen Spiegel: Ehrgeiz, Spekulation und die Macht der Meinung erscheinen als dauerhafte Konstanten. Neben Dickens’ Sozialpanoramen etablierte Thackeray mit seinem Werk eine andere Tonlage – weniger sentimental, stärker desillusionierend –, die den Mechanismen der Repräsentation nachspürt und die moralischen Kosten von Aufstieg und Anerkennung bilanziert.
Auch die Biographie des Autors akzentuiert historische Fäden. William Makepeace Thackeray (1811–1863) wurde in Kalkutta geboren; sein Vater diente in der Verwaltung der East India Company. Die frühe Rückkehr nach England, Ausbildung und journalistische Laufbahn verbanden Kolonialferne mit Metropolenblick. Seine Tätigkeit als Illustrator und Satiriker schulte den Blick auf soziale Maskenspiele, die das Werk prägen. Diese Perspektive erklärt die genaue Kenntnis kolonialer Karrieren, metropolitaner Rituale und der Ökonomie des Scheins. So wird der Roman zu einer Schnittstelle zwischen imperialer Wirklichkeit, Stadterfahrung und literarischer Tradition der moralischen Satire im 18. und 19. Jahrhundert.
William Makepeace Thackeray (1811–1863) zählt zu den prägenden Romanciers der viktorianischen Epoche. In Calcutta geboren und in England sozialisiert, verband er journalistische Schärfe mit erzählerischer Breite. Seine Werke zeichnen sich durch satirischen Blick auf Klassen, Geld und Ansehen sowie durch eine reflektierte Erzählerstimme aus, die Illusionen entzaubert, ohne moralische Eindeutigkeit zu behaupten. Thackeray gilt als zentraler Beobachter der britischen Gesellschaft im Übergang vom frühen zum mittleren 19. Jahrhundert. Neben der Prosa beschäftigte er sich mit Zeichnung und Illustration, was seinem Stil visuelle Präzision und szenische Pointen verlieh. Sein Ruhm beruht auf Romanen, Essays und Vorträgen.
Seine Schulbildung erhielt Thackeray an der Charterhouse School; ein späteres Studium in Cambridge brach er ab. Danach suchte er künstlerische Ausbildung auf dem Kontinent, vor allem in Paris, und pflegte ein lebenslanges Interesse an Malerei und Grafik. Literarisch stand er in der Tradition der britischen Aufklärung und des 18. Jahrhunderts: die satirische Linie von Swift und die erzählerische Welt Fieldings prägten seine Sicht auf Handlung, Charakter und Gesellschaft. Ebenso wirkte die Bildsatire, etwa bei Hogarth, auf sein Gespür für soziale Typen und moralische Masken. Diese Einflüsse verband er mit einem nüchternen, beobachtenden Realismus der eigenen Zeit.
Nach ersten Versuchen als Journalist und Zeichner etablierte sich Thackeray in literarischen Magazinen wie Fraser’s Magazine und Punch. Er veröffentlichte vielfach unter Pseudonymen, darunter Michael Angelo Titmarsh und George Fitz-Boodle, und kombinierte Text mit eigenen Illustrationen. Frühwerke wie Catherine, The Luck of Barry Lyndon und The Book of Snobs zeigten seine satirische Energie: Sie attackierten Kriminalromantik, aristokratische Pose und die soziale Hierarchie der „Snobs“. Zugleich erprobte er Formen des Schelmen- und Gesellschaftsromans, die spätere Großprojekte vorbereiteten. Diese Phase schärfte seinen Ton – ironisch, moralisch prüfend, doch skeptisch gegenüber einfachen Lehrstücken.
Seinen Durchbruch verdankte Thackeray dem Roman Vanity Fair, der zunächst in Fortsetzungen erschien und bald als Buch großen Widerhall fand. Unter dem programmatischen Untertitel „A Novel without a Hero“ entfaltet das Werk ein breites Panorama der britischen Gesellschaft in Kriegs- und Friedenszeiten. Die Kombination aus erzählerischer Distanz, kommentierender Erzählerfigur und genauer Beobachtung von Geld, Ehrgeiz und Ansehen traf den Geschmack eines wachsenden Lesepublikums. Kritiker lobten die satirische Spannweite und die psychologische Feinheit, die ohne moralisierende Endgültigkeit auskommt. Vanity Fair sicherte Thackeray einen Rang neben den führenden Romanciers seiner Generation. Sein Name wurde international bekannt.
Auf Vanity Fair folgten umfangreiche Romane, die seine Themen variierten und vertieften. In The History of Pendennis analysierte er den Weg eines jungen Mannes in die Welt der Metropole und der Presse. The History of Henry Esmond, ein historischer Roman im Stil des 18. Jahrhunderts, demonstrierte pasticheartige Stilsicherheit und politische Nuancierung. The Newcomes und The Virginians erweiterten seine Gesellschaftspanoramen über Generationen und Imperium hinweg. Neben Romanen schrieb Thackeray Essays und Skizzen sowie erzählerische Kleinformen, die seine Beobachtungsgabe bündelten. Die Resonanz reichte von Bewunderung für Realismus und Tonlage bis zu Debatten über Satire und Empathie.
Parallel zur schriftstellerischen Arbeit trat Thackeray als öffentlicher Redner auf. Seine populären Vorlesungen zu The English Humourists of the Eighteenth Century und The Four Georges hielt er in Großbritannien und auf Reisen in Nordamerika, womit er sein literaturhistorisches Profil schärfte. In den frühen 1860er-Jahren war er Gründungsherausgeber des Cornhill Magazine, eines reich illustrierten Monatsblatts, das hochwertige Belletristik und Essays einem breiten Publikum zugänglich machte. Kurz zuvor bewarb er sich erfolglos um ein Parlamentsmandat. Redaktion, Vorträge und Romane zeigten ihn als präsente Stimme des literarischen Lebens, die Debatten über Geschmack, Moral und Öffentlichkeit mitprägte.
In seinen späten Jahren publizierte Thackeray neben weiteren Romanprojekten die Roundabout Papers, kurze, essayistische Betrachtungen aus dem Redaktionsalltag und der Zeitbeobachtung. Gesundheitliche Belastungen begleiteten diese produktive Phase; er starb 1863 in London. Sein Ansehen blieb über Generationen stabil: Häufig als Gegenpol zu Charles Dickens genannt, verkörpert er eine skeptisch-ironische Variante des realistischen Gesellschaftsromans. Kritiker und Forschende würdigen die kunstvolle Erzählinstanz, die visuelle Anschaulichkeit und das Interesse an Stand, Geld und Charakter. Thackerays Werk steht im Curriculum anglophoner Literaturgeschichten und erreicht weiterhin ein internationales Lesepublikum, das seine Modernität wiederentdeckt. Seine Romane bleiben Gegenstand lebhafter Interpretation.
Während der Direktor des Puppentheaters vor dem Vorhang auf den Brettern sitzt und über den Jahrmarkt schaut, befällt ihn beim Anblick des bunten Treibens eine tiefe Melancholie. Da wird gegessen und getrunken, geliebt und kokettiert, gelacht und geweint, geraucht, betrogen, gestritten, getanzt und gegeigt, da drängen sich Großmäuler im Getümmel, Stutzer machen Frauen schöne Augen, Spitzbuben leeren Taschen, und Polizisten sind auf der Wacht; da schreien Quacksalber (andere Quacksalber, die Pest soll sie holen!) vor ihren Buden, und Bauerntölpel starren zu den flitterglänzenden Tänzerinnen und den armen, alten, geschminkten Clowns hinauf, während die Langfinger sich hinten an ihren Taschen zu schaffen machen. Ja, das ist der Jahrmarkt der Eitelkeit; gewiß kein moralischer Ort und auch kein lustiger, wenn es auch lärmend genug zugeht. Seht euch die Gesichter der Schauspieler und Possenreißer an, wenn sie von der Arbeit zurückkommen, wie der Hanswurst sich die Schminke aus dem Gesicht wäscht, ehe er sich mit seiner Frau und seinen kleinen Hanswürstchen hinter der Jahrmarktsbude zum Essen setzt. Bald geht der Vorhang auf, und er wird Purzelbäume schlagen und schreien: »Seid ihr alle da?«
Wenn ein nachdenklicher Mensch über solch einen Vergnügungsort wandelt, wird er vermutlich weder von seiner noch anderer Leute Fröhlichkeit überwältigt werden. Hier und da rührt und belustigt ihn wohl eine humorvolle oder ergreifende Episode– ein niedliches Kind, das eine Pfefferkuchenbude betrachtet; ein hübsches Mädchen, das errötend den Worten ihres Liebhabers lauscht, während er ihr ein Geschenk aussucht; der arme Hanswurst dort hinter dem Wagen, der inmitten seiner braven Familie, die von seinen Kunststücken lebt, an seinem Knochen nagt. Der allgemeine Eindruck aber ist eher melancholisch als heiter. Wenn du nach Hause kommst, so setzt du dich in ernster, nachdenklicher, milder Stimmung hin und wendest dich deinen Büchern oder deinen Geschäften zu.
Eine andere Moral als die habe ich unserer Geschichte vom »Jahrmarkt der Eitelkeit« nicht unterzulegen. Manche betrachten Jahrmärkte überhaupt als etwas Unmoralisches und meiden sie mit ihrer Familie und den Dienstboten: vielleicht haben sie recht. Aber die, die anders denken, träge sind oder wohlwollend oder sarkastisch, treten vielleicht auf eine halbe Stunde näher, um sich die Vorstellungen anzusehen. Es gibt da alle möglichen Bilder: fürchterliche Kämpfe, großartiges Kunstreiten; Szenen aus dem Leben der vornehmen Welt und solche aus dem Mittelstand; ein bißchen Liebe für die Sentimentalen und ein paar komische leichte Szenen. Das Ganze ist umrahmt von entsprechenden Kulissen und von den Kerzen des Verfassers brillant beleuchtet.
Was soll der Direktor des Puppentheaters noch sagen?– Er muß für die freundliche Aufnahme danken, die das Stück bei den achtbaren Leitern der öffentlichen Presse, beim hohen und niederen Adel und bei dem verehrungswürdigen Publikum überhaupt gefunden hat, als er mit seinem Theater in allen bedeutenden Städten Englands herumkam. Der Gedanke, daß seine Puppen den Beifall der besten Gesellschaft des Königreiches gefunden haben, macht ihn stolz. Von der berühmten kleinen Marionette Becky wurde gesagt, sie sei ungemein gelenkig und bewege sich sehr lebhaft am Draht. Die Puppe Amelia hat der Künstler ebenfalls mit größter Sorgfalt geschnitzt und angezogen, dennoch hat sie nur einen kleineren Kreis von Bewunderern gehabt. Die Figur Dobbin tanzt sehr drollig und natürlich, wenn es auch etwas unbeholfen wirkt. Dem Tanz der kleinen Jungen haben einige gern zugesehen; und man achte bitte auf die reich gekleidete Figur des schurkischen Adligen, bei dem keine Kosten gescheut wurden und den der Teufel am Ende dieser Sondervorstellung holen wird. Hiermit, und mit einer tiefen Verbeugung vor seinen Gönnern, zieht sich der Theaterdirektor zurück, und der Vorhang geht auf.
London, 28. Juni 1848
Im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts fuhr an einem sonnigen Junimorgen vor dem mächtigen eisernen Tor von Miss Pinkertons Mädchenpensionat in der Chiswick Mall eine große Familienkutsche vor, gezogen von zwei wohlgenährten Pferden mit glänzendem Geschirr. Sie wurden von einem beleibten Kutscher mit Dreispitz und Perücke in einem Tempo von vier Meilen pro Stunde gelenkt. Ein schwarzer Diener, der neben dem beleibten Kutscher auf dem Bock döste, streckte seine krummen Beine, sobald der Wagen an Miss Pinkertons glänzendem Messingschild hielt, und als er die Klingel zog, sah man wenigstens zwanzig junge Köpfe aus den schmalen Fenstern des stattlichen alten Backsteingebäudes lugen. Ja, ein genauer Beobachter hätte sogar das rote Näschen der gutmütigen Miss Jemima Pinkerton über einigen Geranientöpfen am Fenster des Empfangsraumes der Dame selbst erblicken können.
»Es ist die Kutsche von Mrs. Sedley, Schwester«, sagte Miss Jemima. »Sambo, der schwarze Diener, hat gerade geläutet; und der Kutscher hat eine neue rote Weste an.«
»Hast du alle für das Ausscheiden von Miss Sedley nötigen Vorbereitungen getroffen, Miss Jemima?« fragte Miss Pinkerton, jene majestätische Dame, die Semiramis von Hammersmith[1], die Freundin von Doktor Johnson, die Korrespondentin von Mrs. Chapone.
»Die Mädchen sind heute morgen um vier Uhr aufgestanden, um ihr die Koffer zu packen, Schwester«, erwiderte Miss Jemima; »wir haben ihr einen Blumenstrauß gebunden.«
»Sage lieber Bukett, Schwester Jemima, es klingt feiner.«
»Nun ja, ein Bukett, fast so groß wie ein Heuschober; ich habe zwei Flaschen Levkojenwasser für Mrs. Sedley und auch das Rezept dafür in Amelias Koffer gepackt.«
»Und ich hoffe, Miss Jemima, du hast eine Abschrift von Miss Sedleys Rechnung angefertigt; das ist sie, nicht wahr? Sehr gut– dreiundneunzig Pfund und vier Shilling. Adressiere sie bitte an John Sedley, Esquire, und siegle dieses Billett, das ich an seine Gemahlin geschrieben habe.«
Miss Jemima brachte einem eigenhändig geschriebenen Brief ihrer Schwester, Miss Pinkerton, ebenso tiefe Ehrfurcht entgegen, wie sie dem Brief eines Staatsoberhauptes entgegengebracht hätte. Nur wenn die Schülerinnen die Anstalt verließen oder wenn sie heiraten wollten, und einmal, als die arme Miss Birch an Scharlach gestorben war, schrieb Miss Pinkerton persönlich an die Eltern ihrer Schülerinnen, und Jemima war überzeugt, wenn etwas imstande sei, Mrs. Birch über den Verlust ihrer Tochter zu trösten, dann war es das fromme und beredte Schreiben, worin Miss Pinkerton ihr das Ereignis mitteilte.
Im vorliegenden Fall lautete Miss Pinkertons Billett folgendermaßen :
Chiswick, The Mall, 15. Juni 18 ..
Madame– nach ihrem sechsjährigen Aufenthalt in der Mall habe ich die Ehre und das Vergnügen, Miss Amelia Sedley ihren Eltern als junge Dame vorzustellen, die nicht unwürdig ist, in deren glänzendem, gebildetem Kreise die ihr zukommende Stellung einzunehmen. Es mangelt der liebenswürdigen Miss Sedley nicht an jenen Tugenden, welche eine junge englische Dame von vornehmer Abkunft charakterisieren, jenen Kenntnissen, die ihrer Geburt und ihrem Stand entsprechen. Ihr Fleiß und Gehorsam haben sie ihren Lehrern lieb und wert gemacht, und ihr reizendes, sanftes Wesen hat ihre älteren und ihre jüngeren Gefährtinnen bezaubert.
In der Musik, im Tanzen, in der Orthographie, in allen Arten von Handarbeiten erfüllt sie wohl die sehnlichsten Wünsche ihrer Verwandten. In der Geographie bleibt noch manches zu wünschen übrig, und eine sorgfältige und unablässige Anwendung des Rückenbrettes, täglich vier Stunden in den nächsten drei Jahren, wird zur Erlangung jener würdevollen Haltung empfohlen, die für eine junge Dame von Welt erforderlich ist.
In den Grundsätzen der Religion und Moral wird sich Miss Sedley einer Anstalt würdig erweisen, die durch die Gegenwart des großen Lexikographen und die Gönnerschaft der bewunderungswürdigen Mrs. Chapone geehrt worden ist. Bei ihrem Scheiden von der Mall nimmt Miss Amelia die Herzen ihrer Gefährtinnen und die liebevolle Hochachtung ihrer Lehrerin mit sich, welche die Ehre hat zu zeichnen als
Ihre gehorsamst ergebene Dienerin Barbara Pinkerton.
PS: Miss Sharp begleitet Miss Sedley. Es wird ausdrücklich gebeten, daß Miss Sharp ihren Aufenthalt am Russell Square nicht länger als zehn Tage ausdehnt. Die vornehme Familie, die sie eingestellt hat, wünscht ihre Dienste baldmöglichst in Anspruch zu nehmen.
Als Miss Pinkerton diesen Brief beendet hatte, schrieb sie ihren und Miss Sedleys Namen auf das Vorsatzblatt eines Exemplars von Johnsons Wörterbuch, jenem interessanten Werk, welches sie jeder Schülerin beim Ausscheiden zu überreichen pflegte. Auf dem Deckel des Buches konnte man die »Zeilen an eine junge Dame bei ihrem Abgang von Miss Pinkertons Schule in der Mall, von dem seligen, hochverehrten Doktor Samuel Johnson« lesen. In der Tat führte diese majestätische Dame den Namen des Lexikographen ständig auf den Lippen, und ein Besuch, den er ihr abgestattet hatte, war die Ursache ihres Rufes und ihres Vermögens geworden.
Nachdem Miss Jemima von ihrer älteren Schwester aufgefordert worden war, »das Wörterbuch« aus dem Schrank zu holen, hatte sie dem erwähnten Behältnis zwei Exemplare entnommen. Als Miss Pinkerton die Widmung in das erste geschrieben hatte, reichte ihr Jemima mit zweifelnder und schüchterner Miene das andere.
»Für wen soll das sein, Miss Jemima?« fragte Miss Pinkerton äußerst kühl.
»Für Becky Sharp«, erwiderte Jemima, heftig zitternd, und ihr welkes Gesicht wurde rot bis zum Halse, als sie ihrer Schwester den Rücken wandte. »Für Becky Sharp, sie geht ja auch.«
»MISS JEMIMA!« rief Miss Pinkerton in den größten Großbuchstaben. »Bist du bei Sinnen? Stell das Wörterbuch in den Schrank zurück und wage in Zukunft nicht mehr, dir eine solche Freiheit herauszunehmen!«
»Ach, Schwester, es kostet doch nur zwei Shilling und neun Pence, und die arme Becky wird sich grämen, wenn sie keins bekommt.«
»Schick Miss Sedley sofort zu mir«, sagte Miss Pinkerton. Und so eilte die arme Jemima, verwirrt und ängstlich, ohne noch ein Wort zu wagen, davon.
Miss Sedleys Vater war ein ziemlich vermögender Kaufmann in London, während Miss Sharp Lehrschülerin war, für die Miss Pinkerton genug getan zu haben glaubte, auch ohne ihr beim Scheiden die hohe Ehre des Wörterbuches zuteil werden zu lassen.
Briefe von Schulvorsteherinnen sind kaum vertrauenswürdiger als Grabinschriften; wie es aber doch bisweilen vorkommt, daß ein Mensch das Zeitliche segnet und die Lobpreisungen des Steinmetzen über seinen Gebeinen verdient, also wirklich ein guter Christ, ein guter Vater, ein gutes Kind, eine gute Ehefrau oder ein guter Ehemann gewesen ist, also wirklich eine seinen Tod betrauernde, verzweifelte Familie hinterläßt, so kommt es auch hin und wieder in Mädchen- oder Knabenschulen vor, daß der Schüler die Lobpreisungen des selbstlosen Lehrers verdient. Miss Amelia Sedley nun war eine junge Dame dieser besonderen Art und verdiente nicht nur alles, was Miss Pinkerton zu ihrem Lobe sagte, sondern besaß noch viele andere liebenswerte Eigenschaften, die die wichtigtuerische alte Minerva von einem Weibe infolge des Rang- und Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrer Schülerin nicht zu sehen vermochte. Denn Amelia konnte nicht nur singen wie eine Lerche oder eine Billington, tanzen wie Hillisberg oder Parisot, prächtig sticken und war fehlerfrei in der Rechtschreibung wie das Wörterbuch selbst, sondern sie besaß auch ein so gutes, freundliches, weiches, sanftes, großmütiges Herz, daß sie die Liebe von jedermann in ihrer Umgebung gewann, von der Minerva bis herab zu der armen Scheuermagd und der Tochter der einäugigen Kuchenfrau, die den jungen Damen in der Mall ihre Ware einmal in der Woche verkaufen durfte. Von den vierundzwanzig jungen Damen waren zwölf ihre Busenfreundinnen. Sogar die neidische Miss Briggs sprach nie schlecht von ihr; die hoch-wohlgeborene Miss Saltire (Lord Dexters Enkelin) gab zu, daß sie eine elegante Erscheinung sei, und bei Miss Swartz gar, der reichen wollhaarigen Mulattin von Saint Kitts, erlebte man an dem Tage, als Amelia die Schule verließ, einen solchen Tränenausbruch, daß man nach Doktor Floss schicken und sie mit Riechsalz halb betäuben mußte. Miss Pinkertons Zuneigung war ruhig und würdevoll, wie die hohe Stellung und die hervorragenden Tugenden dieser Dame nicht anders erwarten ließen; aber Miss Jemima hatte bei dem bloßen Gedanken an Amelias Abreise schon mehrmals geschluckt, und wäre nicht die Furcht vor ihrer Schwester gewesen, so hätte sie hysterische Anfälle bekommen wie die (doppelt zahlende) Erbin von Saint Kitts. Einen solchen Luxus mit seinem Schmerz zu treiben ist indessen nur besonders bevorzugten Schülerinnen gestattet. Die ehrliche Jemima dagegen hatte die Oberaufsicht über die Rechnungen, das Waschen und Ausbessern, die Puddings, das silberne und das einfache Geschirr sowie über die Dienerschaft. Aber warum sprechen wir von ihr: wahrscheinlich werden wir bis in alle Ewigkeit nichts mehr von ihr hören, und weder sie noch ihre ehrfurchtgebietende Schwester wird jemals wieder in der kleinen Welt unserer Geschichte auftauchen, wenn sich erst einmal das große, verschnörkelte, eiserne Tor geschlossen hat.
Da wir indessen viel über Amelia erfahren werden, kann es nichts schaden, wenn wir gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft sagen, daß sie eines der besten und liebenswürdigsten Geschöpfe war, die je lebten, und es ist ein Segen, daß wir, da es sowohl im Leben als auch in Romanen (und in diesen besonders) von Bösewichten der schlimmsten Sorte nur so wimmelt, solch einen ehrlichen und gutherzigen Menschen zur Seite haben. Da sie keine Heldin ist, brauchen wir ihre Person nicht zu beschreiben; ich befürchte sogar, daß ihre Nase etwas zu klein und ihre Wangen viel zu rund und rot für eine Heldin waren; aber ihr Gesicht strahlte von blühender Gesundheit, und auf ihren Lippen lag das munterste Lächeln; sie hatte ein Paar Augen, die von lebhafter und ehrlicher guter Laune blitzten, wenn sie sich nicht gerade mit Tränen füllten, und das geschah in der Tat viel zu oft, denn das einfältige Ding konnte über einen toten Kanarienvogel oder über eine Maus, die die Katze gefangen hatte, oder über den Schluß eines Romans, war er auch noch so albern, weinen; und sagte man ihr ein unfreundliches Wort– vorausgesetzt, es fand sich jemand, der so hartherzig war–, um so schlimmer war es dann für diesen. Sogar Miss Pinkerton, diese strenge und göttergleiche Dame, schalt sie nur einmal, und obgleich sie von Gefühlen ebensowenig verstand wie von Algebra, gab sie allen Lehrern den ausdrücklichen Befehl, mit Miss Sedley so sanft wie möglich umzugehen, da diese eine rauhe Behandlung nicht vertrage.
Als der Tag der Abreise kam, wußte Miss Sedley daher nicht, für welche ihrer beiden Gewohnheiten– lachen oder weinen– sie sich entscheiden sollte. Sie war froh, nach Hause zu kommen, und dabei doch wieder so unendlich traurig, die Schule verlassen zu müssen. Die letzten drei Tage folgte ihr die kleine verwaiste Laura Martin überallhin, wie ein kleines Hündchen. Sie mußte mindestens vierzehn Geschenke machen und entgegennehmen und vierzehnmal das feierliche Versprechen geben, jede Woche zu schreiben. »Schicke deine Briefe an mich bitte an die Adresse meines Großvaters, des Grafen von Dexter«, sagte Miss Saltire (die, nebenbei erwähnt, etwas knauserig war). »Du brauchst dich nicht um das Porto zu kümmern, schreibe mir nur jeden Tag, mein Herzblatt«, bat die ungestüme, wollhaarige, aber großherzige und liebevolle Miss Swartz, und die kleine Laura Martin– die eben schreiben gelernt hatte– ergriff die Hand ihrer Freundin und sagte, ihr ernst ins Gesicht schauend: »Amelia, wenn ich dir schreibe, werde ich dich Mama nennen.« Zweifellos wird Jones, der dieses Buch in seinem Klub liest, alle diese Einzelheiten äußerst töricht, unbedeutend, geschwätzig und übersentimental finden. Ja ich sehe direkt, wie Jones in diesem Augenblick–gerötet nach dem Genuß seiner Hammelkeule und einem Glas Wein– seinen Bleistift zückt, die Worte »töricht, geschwätzig« und so weiter unterstreicht und »sehr richtig« an den Rand schreibt. Ja, er ist ein Mann von großem Geist und bewundert das Erhabene und Heroische im Leben und im Roman; und deshalb sollte er sich lieber warnen lassen und sich anderem zuwenden.
Nun gut. Nachdem Mr. Sambo Miss Sedleys Blumen, Geschenke, Koffer und Hutschachteln in der Kutsche verstaut und dem Kutscher grinsend einen winzigen, schäbigen alten Rindslederkoffer, säuberlich mit Miss Sharps Namensschild versehen, gereicht hatte, den dieser hohnlächelnd wegpackte, schlug die Abschiedsstunde. Der Schmerz dieses Augenblicks wurde durch die vortreffliche Ansprache, die Miss Pinkerton an ihre Schülerin richtete, beträchtlich gelindert. Nicht daß die Abschiedsrede Amelia etwa zum Philosophieren verleitet hätte oder sie irgendwie mit einer Ruhe, die der Vernunft entspringt, gewappnet hätte– nein, die Rede war unerträglich langweilig, hochtrabend und ermüdend; und da Miss Sedley ihre Schulvorsteherin nicht wenig fürchtete, so wagte sie nicht, in deren Gegenwart ihrem privaten Schmerz freien Lauf zu lassen. Ein Kümmelkuchen nebst einer Flasche Wein wurden in den Empfangsraum gebracht, was sonst nur bei dem feierlichen Anlaß von Elternbesuchen geschah, und nachdem man diesen Erfrischungen gehörig zugesprochen hatte, stand es Miss Sedley frei, zu gehen.
»Sie gehen doch wohl hinein und verabschieden sich von Miss Pinkerton, Becky?« sagte Miss Jemima zu einer jungen Dame, die, von niemandem beachtet, eben mit ihrer Hutschachtel die Treppe herabkam.
»Ich kann wohl nicht umhin«, sagte Miss Sharp gelassen zu Miss Jemimas Verwunderung; und nachdem Jemima an die Tür geklopft hatte und zum Hereinkommen aufgefordert worden war, trat Miss Sharp unbekümmert vor und sagte in vollendetem Französisch: »Mademoiselle, je viens vous faire mes adieux.«
Miss Pinkerton konnte nicht Französisch; sie stand nur denen vor, die es konnten; aber sie biß sich auf die Lippen, warf den ehrwürdigen Kopf mit der römischen Nase unter dem großen feierlichen Turban in den Nacken und sagte: »Miss Sharp, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!« Während die Semiramis von Hammersmith sprach, machte sie eine Handbewegung, teils zum Zeichen des Abschiedes, teils um Miss Sharp Gelegenheit zu bieten, einen zu diesem Zwecke ausgestreckten Finger zu schütteln.
Miss Sharp aber faltete nur sehr kühl lächelnd die Hände, verbeugte sich und verschmähte die ihr zugedachte Ehre völlig, worauf Semiramis ihren Turban unwilliger denn je zurückwarf. Es war wirklich ein kleiner Kampf zwischen der jungen Dame und der alten Dame, und die alte zog den kürzeren. »Der Himmel beschütze dich, mein Kind«, sagte sie und umarmte Amelia, wobei sie über des Mädchens Schulter hinweg Miss Sharp grimmig anblickte.
»Kommen Sie, Becky«, sagte Miss Jemima und zog das junge Mädchen in höchster Angst hinaus. Die Tür des Empfangsraumes schloß sich für immer hinter ihnen.
Dann folgten die Aufregung und das Abschiednehmen unten. Worte vermögen es nicht zu schildern. In der Vorhalle hatten sich alle Dienstboten versammelt, die teuren Freundinnen, überhaupt sämtliche jungen Damen und der eben angekommene Tanzlehrer; da gab es ein solches Drängen und Umarmen, Küssen und Weinen, begleitet von den aus dem Zimmer der reichen Miss Swartz dringenden hysterischen Schreien, daß keine Feder es zu beschreiben vermag und ein gefühlvolles Herz es gern übergeht.
Endlich waren die Umarmungen vorüber; sie trennten sich– das heißt, Miss Sedley trennte sich von ihren Freundinnen. Miss Sharp war einige Minuten zuvor ruhig in die Kutsche gestiegen. Niemand weinte bei ihrem Scheiden.
Der krummbeinige Samba schlug die Wagentür hinter seiner weinenden jungen Herrin zu und sprang hinten auf. »Halt!« rief Miss Jemima, die mit einem Päckchen zum Tor stürzte. »Es sind nur ein paar belegte Brote, meine Liebe«, sagte sie zu Amelia. »Falls Sie Hunger bekommen– und Becky, Becky Sharp, hier ist ein Buch für Sie, das meine Schwester– das heißt ich– Johnsons Wörterbuch, wissen Sie? Sie dürfen uns nicht ohne das Buch verlassen. Adieu!– Fahr zu, Kutscher! Gott segne euch!« Und das gutmütige Geschöpf eilte, ganz überwältigt von ihren Gefühlen, in den Garten zurück.
Aber siehe da! Gerade als der Wagen anfuhr, steckte Miss Sharp ihr blasses Gesicht aus dem Fenster und schleuderte tatsächlich das Buch in den Garten zurück.
Die arme Jemima fiel vor Entsetzen fast in Ohnmacht. »Nein, ich habe noch nie...«, sagte sie, »so ein unverschämtes ...« Die heftige Erregung erlaubte ihr nicht, die angefangenen Sätze zu vollenden. Die Kutsche rollte fort; das große Tor wurde geschlossen; die Glocke gab das Zeichen zur Tanzstunde. Vor den beiden jungen Damen liegt nun die Welt; deshalb: ade, Chiswick Mall!
Nachdem Miss Sharp die im vorigen Kapitel erwähnte Heldentat vollbracht und gesehen hatte, wie das Wörterbuch über das Pflaster des Gärtchens geflogen und vor den Füßen der erstaunten Miss Jemima gelandet war, erschien auf dem Gesicht der jungen Dame, das bis dahin einen bleichen Haß gezeigt hatte, ein kaum liebenswürdigeres Lächeln, und sie sank in die Kutsche zurück und sagte erleichtert: »So, das war das Wörterbuch; und nun ist Chiswick Gott sei Dank überstanden.«
Miss Sedley war über Beckys trotzige Handlung fast ebenso bestürzt wie Miss Jemima, denn man möge bedenken, daß sie erst vor einer Minute die Schule verlassen hatte und daß die Eindrücke von sechs Jahren in einem so kurzen Zeitraum nicht ausgelöscht werden können. Ja, bei einigen Menschen wirken die Schrecken und die Ehrfurcht der Jugendzeit ständig fort. Ich kenne einen alten Herrn von achtundsechzig Jahren, der mir eines Morgens beim Frühstück aufgeregt berichtete: »Ich habe heute nacht geträumt, Doktor Raine hätte mich geprügelt.« Die Phantasie hatte ihn im Laufe jenes Abends um fünfundfünfzig Jahre zurückgeführt. Im Innersten flößten ihm Doktor Raine und sein Stock jetzt mit achtundsechzig Jahren ebensoviel Furcht ein wie mit dreizehn. Wäre nun der Doktor mit einer großen Rute jetzt, in seinen alten Tagen, vor ihm erschienen und hätte ihm mit schrecklicher Stimme zugerufen: Junge, die Hosen herunter! ... Nun ja, Miss Sedley war wegen dieser Unbotmäßigkeit höchst bestürzt.
»Wie konntest du das nur tun, Rebekka!« sagte sie endlich nach einer Pause.
»Ach, glaubst du denn, Miss Pinkerton wird herauskommen und mich in das schwarze Loch zurückholen?« fragte Rebekka lachend.
»Nein, aber ...«
»Das ganze Haus ist mir verhaßt«, fuhr Miss Sharp wütend fort. »Hoffentlich bekomme ich es nie wieder zu Gesicht. Ich wollte wahrhaftig, es läge auf dem Grunde der Themse, und wenn Miss Pinkerton dort wäre– ich würde sie bestimmt nicht herausziehen. Oh, wie gern würde ich sie in dem Wasser da treiben sehen, samt ihrem Turban und allem anderen, die Schleppe hinter ihr her, und als Schiffsschnabel ihre Nase!«
»Pst!« rief Miss Sedly.
»Warum? Wird der schwarze Diener schwatzen?« rief Miss Rebekka lachend. »Er soll ruhig zurückgehen und Miss Pinkerton sagen, daß ich sie aus tiefster Seele hasse; ich wollte, er täte es, und ich wollte, ich hätte auch eine Möglichkeit, es ihr zu beweisen. Zwei Jahre lang hat sie mich bloß beleidigt und beschimpft. Ich bin schlechter behandelt worden als eine Küchenmagd. Nie hatte ich eine Freundin, und außer dir gab mir niemand ein freundliches Wort. Ich mußte die kleinen Mädchen in den unteren Klassen beaufsichtigen und mit den größeren französisch sprechen, bis meine Muttersprache mir zum Halse heraushing. War es nicht ein köstlicher Spaß, daß ich mit Miss Pinkerton Französisch sprach? Sie kann kein Wort Französisch, aber sie ist viel zu stolz, es einzugestehen. Ich glaube, das war der Grund, weshalb sie mich laufenließ, und deshalb sei dem Himmel Dank für das Französische! Vive la France! Vive l'Empereur! Vive Bonaparte[3]!«
»Rebekka! Rebekka, schäm dich!« rief Miss Sedley; das war die größte Lästerung, die Rebekka je ausgestoßen hatte, denn wenn man in jenen Tagen in England sagte: »Es lebe Bonaparte!«, so war dies gleichbedeutend mit: »Es lebe Luzifer!«– »Wie kannst du nur! Wie wagst du, so schlecht und rachsüchtig zu denken?«
»Rache mag schlecht sein, aber sie ist natürlich«, erwiderte Miss Rebekka. »Ich bin kein Engel.« Und um die Wahrheit zu sagen, das war sie wirklich nicht.
Denn man wird im Laufe dieser kleinen Unterhaltung, während deren die Kutsche am Ufer des Flusses träge dahinrollte, bemerkt haben, daß Miss Rebekka Sharp zweimal das Bedürfnis verspürt hatte, dem Himmel zu danken; das erstemal jedoch geschah es nur deshalb, weil er sie von einer Person befreit hatte, die sie haßte, und das zweitemal, weil er ihr die Gelegenheit gab, ihre Feinde in Verlegenheit oder Verwirrung zu bringen. Beides waren nicht gerade liebenswürdige Beweggründe zu frommer Dankbarkeit, und freundliche und versöhnliche Gemüter würden sie auch nicht dafür gebrauchen. Miss Rebekka nun war nicht im mindesten freundlich oder versöhnlich. Dieser kleine Misanthrop (oder, besser gesagt, Misogyn, denn mit der Männerwelt hatte sie bisher wohl wenig Erfahrungen gemacht) war der Meinung, alle Welt behandele sie schlecht, wobei ziemlich sicher ist, daß alle Menschen beiderlei Geschlechts, die alle Welt schlecht behandelt, diese Behandlung auch verdienen. Die Welt ist ein Spiegel, aus dem jedem sein eigenes Bild entgegenblickt. Wirf einen mürrischen Blick hinein, und sie wird dir ein saures Gesicht zeigen, lach sie an und lach mit ihr, und sie ist dir ein lustiger, freundlicher Gefährte. Alle jungen Leute mögen nun ihre Wahl treffen. Eines ist jedoch sicher: Wenn die Welt Miss Sharp vernachlässigte, so war jedenfalls nicht bekannt, daß sie selbst jemals einem Menschen eine Freundlichkeit erwiesen hatte; man konnte auch nicht erwarten, daß vierundzwanzig junge Damen so liebenswürdig sein würden wie die Heldin dieses Buches, Miss Sedley (wir wählten sie dazu, weil sie die gutmütigste von allen war; denn was hätte uns sonst daran hindern können, Miss Swartz oder Miss Crump oder Miss Hopkins zur Heldin zu machen?). Man kann nicht erwarten, daß alle so bescheiden und sanft sind wie Miss Amelia Sedley, daß sie jede Gelegenheit ergreifen, Rebekkas Hartherzigkeit und unfreundliches Wesen zu bekämpfen und durch tausend gute Worte und Dienste Rebekka wenigstens einmal dazu bringen, ihre Feindseligkeit gegenüber dem eigenen Geschlecht zu überwinden.
Miss Sharps Vater war Künstler und hatte in Miss Pinkertons Schule Zeichenunterricht erteilt. Er war ein gewandter Mann, ein angenehmer Gesellschafter, in seiner Kunst sorglos und hatte eine starke Neigung zum Schuldenmachen und eine Vorliebe fürs Wirtshaus. War er betrunken, so pflegte er Frau und Tochter zu schlagen, und im Katzenjammer des nächsten Morgens schimpfte er auf die Welt, die sein Genie verkannte, und schmähte mit viel Witz und oftmals nicht unberechtigt seine Malerkollegen, diese Dummköpfe und Narren. Da er sich nur mühsam über Wasser hatte halten können und in Soho, wo er lebte, im Umkreis von einer Meile Schulden hatte, glaubte er seine Lage durch die Heirat mit einer jungen Französin, einer Ballettänzerin, zu verbessern. Miss Sharp erwähnte den einfachen Stand ihrer Mutter nie, sondern pflegte in späteren Jahren zu sagen, die Entrechats seien eine Adelsfamilie aus der Gascogne, und sie tat sich auf ihre Abkunft einiges zugute. Und seltsam genug: Je mehr sie im Leben vorwärtskam, desto höher stiegen auch die Vorfahren der jungen Dame in Rang und Glanz.
Rebekkas Mutter hatte irgendwo eine gewisse Erziehung genossen, und ihre Tochter sprach ein tadelloses Französisch. Dies war in jenen Tagen eine seltene Fertigkeit und verhalf ihr zu einer Anstellung bei der orthodoxen Miss Pinkerton. Denn als ihr Vater nach dem Tode der Mutter erkannt hatte, daß er sich nach seinem dritten Anfall von Delirium tremens[2] wahrscheinlich nicht mehr erholen würde, schrieb er einen mannhaften und zugleich rührenden Brief an Miss Pinkerton, in dem er das verwaiste Kind ihrem Schutz empfahl. Dann sank er ins Grab, nachdem sich zwei Gerichtsvollzieher über seinem Leichnam gestritten hatten.
Rebekka war siebzehn Jahre alt, als sie nach Chiswick kam und als Lehrschülerin verpflichtet wurde. Wie wir gesehen haben, bestanden ihre Pflichten darin, mit den Schülerinnen französisch zu sprechen; dafür hatte sie Kost und Logis frei, bekam jährlich ein paar Guineen und durfte bei den unterrichtenden Lehrern einige Weisheitsbrocken aufschnappen.
Sie war klein und schmächtig, hatte ein blasses Gesicht, rotblondes Haar und hielt die Lider gewöhnlich gesenkt. Wenn sie aufsah, erblickte man sehr große, eigentümliche, anziehende Augen, so anziehend, daß sich Ehrwürden Mr. Crisp, der soeben von Oxford gekommene Hilfsgeistliche des Pfarrers von Chiswick, Ehrwürden Mr. Flowerdew, in Miss Sharp verliebte, als er von einem tödlichen Blick getroffen wurde, den sie von den Pensionatsbänken quer durch die Chiswicker Kirche zum Chorpult hin abschoß. Dieser betörte junge Mann trank bisweilen Tee bei Miss Pinkerton, der er durch seine Mutter vorgestellt worden war, und in einem abgefangenen Briefchen, das die einäugige Kuchenfrau hatte überbringen sollen, machte er tatsächlich eine Art Heiratsantrag. Mrs. Crisp wurde aus Buxton herbeigeholt und entfernte ihren geliebten Sohn schleunigst; schon der bloße Gedanke an einen solchen Adler im Chiswicker Taubenschlag verursachte im Busen von Miss Pinkerton einen gewaltigen Aufruhr, und sie hätte Miss Sharp weggeschickt, wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, dann eine Kontraktstrafe zu zahlen. Nie glaubte sie den Beteuerungen der jungen Dame, die versicherte, mit Mr. Crisp nur im Beisein der Vorsteherin beim Tee gesprochen zu haben.
Neben den vielen hochgewachsenen und kräftigen jungen Damen in der Schule wirkte Rebekka Sharp wie ein Kind. Aber sie hatte die traurige Frühreife der Armut. Manchen ungeduldigen Gläubiger hatte sie von der Tür ihres Vaters weggeplaudert; manchen Kaufmann hatte sie in gute Stimmung geschwatzt und ihm ein weiteres Mal das tägliche Brot abgeschmeichelt. Gewöhnlich saß sie bei ihrem Vater, der auf ihren Mutterwitz sehr stolz war, und hörte die Reden seiner zügellosen Kumpane mit an, die oft für Mädchenohren wenig geeignet waren. Wie sie selbst sagte, war sie jedoch nie ein Kind gewesen; schon mit acht Jahren war sie ein Weib. Warum nur ließ Miss Pinkerton einen so gefährlichen Vogel in ihren Käfig hinein!
Tatsächlich hielt die alte Dame Rebekka für das sanftmütigste Geschöpf der Welt, denn wenn ihr Vater sie mit nach Chiswick nahm, pflegte sie die Rolle der ingénue so vollendet zu spielen, daß Miss Pinkerton meinte, sie sei ein bescheidenes und unschuldiges Kind, und ein Jahr noch vor dem Abkommen über Rebekkas Aufnahme im Hause– das Mädchen war damals sechzehn Jahre alt– überreichte ihr Miss Pinkerton majestätisch mit einer kleinen Ansprache eine Puppe als Geschenk, eine Puppe, die, nebenbei erwähnt, Miss Swindle gehört hatte und ihr weggenommen worden war, als man sie ertappte, wie sie heimlich während des Unterrichts damit spielte.
Wie lachten Vater und Tochter, als sie nach der Abendgesellschaft zusammen nach Hause wanderten (es war bei Gelegenheit der Jahresschlußfeier, zu der alle Lehrer eingeladen wurden), und wie wütend wäre Miss Pinkerton geworden, hätte sie die Karikatur gesehen, die Rebekka, die kleine Schauspielerin, von ihr aus der Puppe machte! Sie pflegte mit der Puppe Gespräche zu führen, die die Newman Street, die Gerrard Street und das ganze Künstlerviertel begeisterten. Wenn die jungen Maler kamen, um mit ihrem faulen, liederlichen, gewandten, lustigen älteren Kollegen Grog zu trinken, so fragten sie Rebekka regelmäßig, ob Miss Pinkerton zu Hause sei; sie kannten die arme Seele so gut wie Mr. Lawrence oder Präsident West. Einst hatte sie die Ehre, einige Tage in Chiswick zu verbringen; sie kam mit der Idee zurück, eine andere Puppe zur Miss Jemmy zu ernennen; denn obgleich das ehrliche Geschöpf Jemima sie mit Gelee und Kuchen für drei Kinder vollgestopft und ihr beim Abschied sogar noch ein Siebenshillingstück geschenkt hatte, so war doch der Sinn fürs Lächerliche bei dem Mädchen weitaus stärker als die Dankbarkeit, und Miss Jemmy wurde ebenso unbarmherzig geopfert wie ihre Schwester.
Die Katastrophe kam, als Rebekka in ihre neue Heimat, die Mall, gebracht wurde. Die strenge Förmlichkeit des Hauses erstickte sie: die Gebete und die Mahlzeiten, die Unterrichtsstunden und die Spaziergänge, alles in klösterlicher Regelmäßigkeit, lasteten beinahe unerträglich auf ihr, und sie vermißte die freie Bettelarmut des alten Ateliers in Soho so sehr, daß jeder, auch sie selbst, glaubte, der Kummer um den Vater verzehre sie. Sie hatte ein kleines Zimmerchen unter dem Dach, wo die Dienstmädchen sie nachts schluchzend auf und ab gehen hörten; allein das geschah vor Wut und nicht vor Kummer. Bisher hatte Heuchelei ihr ferngelegen; nun, in ihrer Einsamkeit, lernte sie, sich zu verstellen. Nie war sie in weiblicher Gesellschaft gewesen; ihr Vater war trotz aller seiner Laster ein begabter Mann; sie zog seine Unterhaltung tausendmal dem Geschwätz ihrer Geschlechtsgenossinnen vor, mit denen sie jetzt zusammenkam. Die eitle Wichtigtuerei der alten Schulvorsteherin, die törichte Gutmütigkeit ihrer Schwester, das dumme Geschwätz und die Klatschsucht der größeren Schülerinnen und die kalte Korrektheit der Erzieherinnen ermüdeten sie; und das unglückselige Geschöpf besaß kein sanftes, mütterliches Herz, um sich von dem Geplappere und Geplaudere der kleineren Mädchen, die sie hauptsächlich zu betreuen hatte, besänftigen und einnehmen zu lassen. Zwei Jahre lebte sie unter ihnen, und keine trauerte ihr nach, als sie ging. Die sanfte, gütige Amelia Sedley war die einzige, der sie sich einigermaßen angeschlossen hätte; und wer fühlte sich nicht zu Amelia hingezogen?
Das Glück– die überlegene Stellung der jungen Damen um sie her erfüllten Rebekka mit unaussprechlichem Neid. »Wie vornehm sich doch dieses Mädchen aufspielt, bloß weil sie die Enkelin eines Grafen ist«, sagte sie von der einen. »Wie sie doch vor der Kreolin und ihren hunderttausend Pfund kriechen! Ich bin tausendmal gescheiter und hübscher als dieses Geschöpf mit all seinem Reichtum. Ich bin ebenso gut erzogen wie die Grafenenkelin, trotz ihres vornehmen Stammbaumes; und doch beachtet mich hier niemand. Aber gaben nicht, als ich noch bei meinem Vater lebte, die Männer ihre lustigsten Bälle und Gesellschaften auf, um den Abend mit mir zu verbringen?« Sie beschloß, sich auf jeden Fall aus dem Gefängnis zu befreien, in dem sie sich befand, und begann nun, selbständig zu handeln und zum erstenmal in ihrem Leben zusammenhängende Zukunftspläne zu schmieden.
