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Indiana Jones, nimm dich in Acht, hier kommt Jake Turner! Jake und seine Schatzjäger-Familie sollen das Grab des Azteken-Gotts Quetzalcoatl ausfindig machen und die Mumie bergen. Ein nahezu unmöglicher Auftrag. Denn im Dschungel von Honduras lauern nicht nur giftige Spinnen und Krokodile, uralte Fallen und gefährliche Klippen, sondern auch konkurrierende Schatzjäger, die vor absolut gar nichts zurückschrecken …
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ein neues Abenteuer für Jake Turner
Jake und seine Schatzjäger-Familie müssen sich verstecken – vor der internationalen Polizei, aber auch vor der Schlangenfrau und ihrer geheimen Organisation. Doch Jake hält das untätige Herumsitzen nicht länger aus. Prompt tappt er in eine Falle. Und damit hat die Schlangenfrau ihn am Haken. Sie zwingt Jake und seine Familie, das Grab des Azteken-Gotts Quetzalcoatl im gefährlichen Dschungel von Honduras zu finden – und zwar bevor ihnen jemand zuvorkommt!
Für Jago, den coolsten Sturmtruppler der Welt
Ich nahm einen tiefen Atemzug, hielt die Luft an und trat hinaus in die Dunkelheit.
»Nachtsicht!«
Die Einstellung meiner Smartbrille wechselte zu grobkörnig-grün und ich erkannte, dass die Granitwände um mich herum gewölbt waren. Ich befand mich in einem Geheimgang, tief unter einem fünftausend Jahre alten Tempel … oder einer Pyramide. Einer uralten Kultstätte jedenfalls. Okay, ich hatte nicht wirklich eine Ahnung, was das hier war. Ich hatte bei dem Briefing vor der Mission nicht richtig zugehört, weil ich so dringend pinkeln musste. Aber der Ort war cool, so viel stand fest.
Ich spürte ein Klopfen auf der Schulter: drei Mal – das Zeichen, stehen zu bleiben. Pan, meiner Zwillingsschwester, war etwas aufgefallen, jedenfalls huschten digitale Informationen über die Gläser ihrer Smartbrille. Die fahl leuchtenden Buchstaben ließen ihre Wangen noch bleicher erscheinen, als sie eh schon waren.
»Sami?«, fragte sie.
Klar und deutlich meldete sich eine Stimme. Die Smartbrillen übertrugen auch Schallwellen, das funktionierte mithilfe von … Okay, das Technik-Briefing hatte ich auch verpasst. Auf jeden Fall waren es absolute Hightech-Geräte. Und die Stimme, die wir hörten, war die des Brillenerfinders, Dr. Sami Fazri, Computergenie und Ausrüster der besten und gefragtesten Schatzjäger weltweit.
Die besten und gefragtesten Schatzjäger weltweit, das waren wir. Cool, was?
»Was gibt’s?«, fragte Sami.
»Hier sind Inschriften.« Pan ging in die Hocke und fuhr mit einem behandschuhten Finger über die Gravuren, eine Reihe von Linien und schrägen Strichen am unteren Ende der Wand. Für mich sah das Ganze so aus, als hätte ein Kleinkind den Stein mit einem Messer attackiert. »Ich glaube, das sind akkadische Zeichen«, fuhr sie fort. »Ich mach mal ein Foto. Schickst du es Mum zum Übersetzen?«
Pan beugte sich vor und blinzelte dreimal. Ihre Brille erkannte den Befehl und schoss ein hochauflösendes Blitzlichtfoto von der Inschrift.
»Ist angekommen«, bestätigte Sami. »Aber deine Mutter ist nicht zufrieden damit.«
»Du kennst sie länger als wir, Sami. Hast du sie jemals zufrieden erlebt?«, fragte ich.
»Ich kann dich hören, Jake«, schoss eine zweite Stimme in mein Ohr. »Und nur ganz nebenbei: Ich bin nicht eure Übersetzungs-Assistentin.«
»Mum, kannst du die Inschrift jetzt lesen oder nicht?«, fragte Pan.
»Wieso kannst du das nicht?«
»Weil ich das Akkadische nicht beherrsche.«
Na ja, das stimmte nicht ganz. In den paar Monaten, in denen unsere Eltern uns nun schon zu Schatzjägern ausbildeten, hatte Pan gleich mehrere alte Sprachen gelernt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie schon über das Akkadische, eine Sprache aus dem Mittleren Osten, habe reden hören. Meine Schwester ist ein Genie – und das meine ich so, wie ich es sage. Sie hat ein fotografisches Gedächtnis und entsetzliche Stimmungsschwankungen. Aber okay, wahrscheinlich verstand sie tatsächlich noch nicht ausreichend Akkadisch, denn sonst hätte sie Mum niemals um Hilfe gebeten. Das tat sie nämlich nur im alleräußersten Notfall.
Mum seufzte betont laut, damit wir es auch ja hörten.
»Erstens: Die Inschrift ist sumerisch, nicht akkadisch«, sagte sie. »Dir sind offenbar die fehlenden Präfixe bei den Stammwörtern mit drei Konsonanten entgangen.«
Pans Hände ballten sich zu Fäusten und ich wusste, dass sie sich gerade schwer beherrschen musste, um ihren Frust nicht laut rauszuschreien. Ich tippte ihr zweimal kurz auf die Schulter – ein Zeichen zwischen uns beiden, das so viel bedeutete wie: Egal, runterschlucken, weitermachen.
»Jane«, warf Sami ein, »Pan ist keine Expertin für Alte Sprachen wie du.«
»Deswegen ist die Inschrift trotzdem sumerisch und nicht akkadisch«, beharrte Mum. »Also, was sagt euch das?«
»Dass ihr zwei, du und Dad, zu viel Zeit in Bibliotheken verbracht habt«, stellte ich fest.
»Nein, Jake«, entgegnete Pan.
Sie nahm langsam Fahrt auf. Meiner Schwester war nur selten anzumerken, wenn sie aufgeregt war. Ihre Lieblingslaune war »mürrisch«. Das hieß: Dauerschmollgesicht unter strähnigen, schwarz gefärbten Haaren und einer dicken Schicht Goth-Make-up, mit dem sie aussah wie eine Kreuzung aus Dracula und jemandem, der sich wie Dracucla kleidet, dabei aber ziemlich übertreibt. Wenn sie jedoch auf irgendein superinteressantes Thema stieß, dann entflammte sie und konnte das schlecht verbergen. Dann leuchteten ihre Augen und ihr Kiefer verkrampfte sich beim Versuch, bloß nicht zu lächeln.
»Das sagt uns, dass die Inschrift vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren in den Stein geritzt wurde, zu einer Zeit, als die sumerische Schrift noch verwendet wurde«, erklärte sie.
»Richtig, Pandora«, sagte Mum. »Und jetzt denkt weiter.«
»Also ist der König, dessen Grab wir suchen, schon mehr als zweitausendfünfhundert Jahre tot«, folgerte ich.
»Ashurnasipal«, präzisierte Pan. »Und ja, ist er.«
»Also führt dieser Gang hier tatsächlich zu seinem Grab! Bingo.«
Pan und ich klatschten uns ab.
»Hört auf mit dem Quatsch!«, blaffte Mum. »Mag ja sein, dass ihr auf der richtigen Spur seid – aber aus Erfahrung kann ich euch sagen, dass ihr jetzt erst recht wachsam sein müsst.«
»Echt?«, murrte Pan. »Komisch, deinen Riesenschatz an Erfahrung hast du noch nie erwähnt.«
Eine dritte Stimme meldete sich in unseren Ohrhörern. »Verkneif dir deine Ironie, junge Dame.«
»Dad?«, fragte ich. »Du hörst auch mit?«
Dads Stimme klang verzerrt und knackte so laut, dass es in den Ohren wehtat.
»Sami?«, rief ich. »Ich glaube, die Verbindung bricht gleich zusammen.«
»Nein«, antwortete Sami. »Das ist euer Dad. Er isst Chips.«
»Und da sollen wir uns konzentrieren?«, schimpfte Pan.
»Pandora hat recht«, pflichtete ihr Mum bei. »Hör mit dem Chipsessen auf, John.«
»Aber das ist mein Mittagessen.«
»Chips sind kein Mittagessen«, widersprach Mum. »Ein Sandwich ist Mittagessen.«
»Und was sind Fish & Chips?«
»Leute? Denkt ihr noch an eure Mission?«, schaltete sich Sami ein.
Er hatte recht. Pan hatte ihren Teil schon beigetragen. Jetzt war ich dran. Erneut atmete ich tief ein und hielt die Luft an. Das gehörte zu der Meditationstechnik, die Dad mir beigebracht hatte – damit ich mich besser konzentrieren und kontrollieren konnte. Pan war zwar das Genie von uns beiden, doch ich hatte eine andere Gabe – falls man es als Gabe bezeichnen konnte: Mein Verstand lief in brenzligen Situationen zu Höchstform auf und arbeitete reflexhaft schnell. Dieses instinkthafte Handeln hatte mir in der Vergangenheit haufenweise Probleme eingebracht, doch langsam lernte ich, es zu beherrschen.
»Sami«, bat ich, »kannst du uns ein Infrarotbild von den nächsten fünfzig Metern schicken? Und einen Ultraschall-Scan des gesamten Tunnels? Und dann sende mir doch bitte noch einen 4-D-Plan der Grabanlage auf meine Brille. Und die genauen Koordinaten der Stelle, an der uns die Drohne nachher rausholt. Ach ja, und Vorschläge zu Fluchtwegen, falls es mit der Drohne nicht klappt. Pan und ich werden ein paar Fundstücke aus der königlichen Grabkammer mitbringen und mit einem Archäologenteam zurückkehren, sobald die Echtheit der Sachen bestätigt ist.«
»Okay«, sagte Sami. »Könnte allerdings sein, dass es Probleme gibt. Das Infrarotbild zeigt drei Wärmepunkte. Zwei davon seid ihr, der dritte logischerweise nicht. Er nähert sich euch mit ziemlichem Tempo.«
Das klang nicht gut.
»Wie schnell?«, fragte Pan.
»Sami«, bat ich, »kannst du ein so genaues Wärmebild machen, dass man die Bluttemperatur erkennt?«
Ich hörte Sami auf dem Bildschirm herumtippen. »Die Bluttemperatur deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein menschliches Wesen handelt … sondern um ein wechselwarmes«, antwortete er schließlich. »Am ehesten ein Insekt. Allerdings ist der Wärmepunkt viel zu groß für ein Insekt.«
»Such mal nach einer Liste von Insekten, die hier – wo immer hier ist – vorkommen.«
»Das Teil ist zu groß für ein Insekt, Jake.«
»Kannst du trotzdem nachsehen, Sami?«, fragte Pan.
»Sehr gut, Pandora.« Das war wieder Mums Stimme.
Ich spürte einen Stich Eifersucht und hasste mich selbst dafür. Es war total kindisch, gerade jetzt über so was nachzudenken, aber trotzdem: Mich lobte Mum nie für irgendetwas.
»Okay«, sagte Sami, »die Liste kommt gleich …«
»Es ist ein Skorpion«, fiel ich ihm ins Wort.
»Könnte sein«, sagte Sami. »Aber dann muss es ein …«
»… mutierter Riesenskorpion sein«, unterbrach ihn Pan.
»Ja. Woher weißt du das?«
»Weil er direkt vor uns steht.«
Pan und ich rückten zusammen, bis wir uns berührten. Panik stieg in mir auf, aber ich schluckte sie runter und konzentrierte mich auf die Kreatur, die auf uns zukam. Sie war so lang wie ein Krokodil, mit klobigen, hoch erhobenen Zangen, die ständig auf und zu schnappten. Der Schwanz war nach oben gerollt, als würde das Vieh eine von Mums Yoga-Übungen machen, und der Stachel am Ende war so lang wie ein Dolch.
Ich tastete nach dem technischen Equipment an meinem Ausrüstungsgürtel: Karabiner, ein Micro-Laser-Steinschneider, eine Enterhaken- und eine Signalpistole, ein Atemschlauch mit komprimiertem Sauerstoff und ein integriertes Bungee-Seil. Verdammt, wo war die Riesenskorpion-Tötungsvorrichtung, wenn man sie brauchte?
Das Monstrum kam näher, seine Zangen klapperten auf dem Steinboden.
»Jake«, zischte Pan. »Bring uns hier raus.«
Ich wandte mich von dem Skorpion und meiner Schwester ab und scannte die Tunnelwände. Mein Puls wurde ruhiger und ich merkte, wie meine Instinkte das Kommando übernahmen. Blitzschnell huschten meine Augen über die Tunnelwände. Ich musste an das Mantra unserer Eltern denken, das sie gebetsmühlenhaft wiederholten, in jeder Trainingseinheit: Es gibt immer einen zweiten Ausgang. Man muss nur scharf nachdenken und darf sich seinen Verstand nicht von der Angst vernebeln lassen. Und da passierte es wieder: Es war, als ob sich jemand in mein Hirn reinhackte und die Kontrolle übernahm. Jedenfalls arbeiteten meine grauen Zellen plötzlich anders als sonst.
»Die Inschrift«, keuchte ich.
»Was ist damit?«, fragte Pan.
»Der Stein, in den sie eingraviert ist, unterscheidet sich vom Rest der Wand.«
»Und … warum?«
Ich ging in die Hocke und inspizierte den Stein. Er war von einem Spalt umgeben, so als wäre er nachträglich eingefügt worden und könnte jederzeit wieder herausgezogen werden. Der Spalt war sogar ziemlich breit. Auffällig breit. So als sollte er die Blicke von Eindringlingen auf sich ziehen …
»Das ist eine Falle!«, warnte ich.
»Ist nicht der Riesenskorpion die Falle?«, kreischte Pan.
»Schau dir den Boden an, auf dem wir stehen«, sagte ich. »Das ist eine Falltür, die sich öffnet, sobald wir den Stein mit der Inschrift wegdrücken.«
»Und was ist darunter?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Und wie hilft uns das jetzt gegen den Skorpion?«
Pans Stimme wurde schriller, je höher das Spinnentier seinen Schwanz aufrichtete. Er war inzwischen eingerollt wie eine gespannte Feder – und der Stachel war ausgefahren.
»Ich verpass ihm eins mit dem Laser«, beschloss Pan.
»Nein! Lass ihn näher kommen.«
»Weißt du, wie Skorpione ihre Beute töten? Sie betäuben sie und fressen sie lebendig. Lebendig, Jake.«
»Vertrau mir, Pan. Nimm deine Enterhakenpistole und feuere den Haken an die Decke, wenn der Skorpion die Falltür betritt. Ich drücke gegen den Inschriften-Stein und halte mich dann an deinen Beinen fest. Die Falltür öffnet sich, der Skorpion stürzt ab und wir baumeln am Seil.«
»Sicher?«
»Ja. Nein. Hoffentlich.«
Der Skorpion kam noch näher.
Mit zitternden Händen drückte ich gegen den Stein. Mein Herz hämmerte wie ein Presslufthammer.
»Mach dich bereit …«, sagte ich.
Der Skorpion blieb stehen. Seine Zangen schnappten auf und zu … und verschwanden. Mitsamt dem ganzen riesigen Körper. Lautes Rauschen und Knistern erfüllte den Tunnel. Um uns herum begannen die Wände zu flimmern. Kurz tauchte der Skorpion noch einmal auf, kopfüber an der Decke des Ganges, dann verschwand er wieder.
Pan riss sich ihre Smartbrille vom Kopf. »Verdammt!«, schrie sie. »Das Simulationsprogramm spinnt schon wieder.«
Plötzlich war alles in grellgelbes Licht getaucht, während gleichzeitig weitere Teile des »Grabes« verschwanden – die Tunnelwände, der steinerne Boden und die Falltür. Stattdessen sah ich Wände aus Holzbrettern, haufenweise Strohballen und – in der Ecke – einen alten verrosteten Traktor.
Ich konnte mir ein Stöhnen nicht verkneifen. Für einen Moment hatte ich tatsächlich vergessen, dass wir uns gar nicht in einem verschollenen Grab befanden – sondern in Yorkshire Dales, hoch oben im Norden Englands, auf dem Landgut eines alten Freundes der Familie. Wir hatten uns hier versteckt, um zu Schatzjägern ausgebildet zu werden. Nur dass es mit dem Training nicht wirklich voranging …
Sami balancierte oben auf einer Stehleiter und nestelte an dem Hologramm-Projektor herum, der an der Scheunenwand befestigt war. Der Projektor war nur eines der vielen Hightech-Geräte, die die Tunnelsimulation an die Scheunenwand projiziert hatten. Samis Gesicht war so schrumpelig wie eine Rosine und sein kahler Schädel glänzte vor Schweiß, trotz des kalten Herbstwindes, der durch die Ritzen der Holzwände pfiff. Die Djellaba, sein traditionelles arabisches Gewand, klebte an seinem Rücken.
Er murmelte und schimpfte auf Arabisch vor sich hin. Als einer der weltweit führenden Zukunftstechnologen schätzte er es gar nicht, wenn seine Hightech-Spielzeuge nicht funktionierten.
»Bleibt in Position«, rief er uns zu. »Das ist nur eine kleine Panne.«
»Lass es gut sein, Sam.«
Mum erhob sich von einem der Strohballen. Sie klappte den Laptop zu und setzte ihre Smartbrille ab, über die sie mit uns kommuniziert hatte. Dann rieb sie sich die Augen. Sie wirkte erschöpft, hauptsächlich wohl aus Enttäuschung.
»Sie haben eh versagt«, fügte sie hinzu.
»Versagt?«, empörte ich mich. »Wie waren kurz davor, den Skorpion umzubringen.«
»Du warst kurz davor, dich selbst umzubringen«, sagte Mum. »Und deine Schwester gleich mit. Sami, was befand sich unter der Falltür?«
»Kochendes Öl.«
»Kochendes Öl?«, schnaubte Pan. »In einem fünftausend Jahre alten Grab? Wie soll das denn gehen? Wie soll das immer noch gekocht haben? Mal ganz abgesehen davon, dass die Akkadier noch gar kein Öl kannten.«
Mums Kieferknochen verspannten sich. »Die Sumerer! Der Punkt ist, dass ihr euch nicht sicher wart. Wenn das Szenario echt gewesen wäre …«
»Sorry, aber wie echt ist ein mutierter Riesenskorpion?«, maulte Pan.
»Na ja, in Ägypten hattet ihr es mit einer mutierten Riesenschlange zu tun«, gab Sami zu bedenken.
Mich fröstelte, aber nicht wegen dem Wind, der an den Scheunenwänden rüttelte. Vor ein paar Monaten hatten Pan und ich unsere Eltern noch für zwei schnarchlangweilige Professoren für Alte Geschichte gehalten. Wir hatten sie auf eine Reise nach Ägypten begleitet, wo sie urplötzlich verschwanden. Auf unserer Suche nach ihnen waren wir Sami und einem zweiten Schatzjäger namens Kit Thorn begegnet, dessen Landhaus wir gerade nutzen durften. In einer der Pyramiden hatten wir ein Labyrinth aus Geheimgängen und das verschollene Grab einer altägyptischen Gottheit entdeckt. Nur dass wir dort leider von besagter Riesenschlange angegriffen wurden. Und dann passierte etwas noch Dramatischeres: Wir fanden heraus, dass Mum und Dad eigentlich Hightech-Schatzjäger waren.
Nein, das stimmt so nicht ganz. Sie waren früher, vor unserer Geburt, Schatzjäger gewesen. Da hatten sie alte Kulturschätze gerettet und in Museen gebracht, damit Plünderer oder mafiöse Grabräuber die Schätze nicht auf dem Schwarzmarkt verkaufen konnten. Aber nach unserem Ägypten-Abenteuer hatten sie ihren »Ruhestand« aufgegeben und trainierten Pan und mich, damit wir sie bei ihrer gefährlichen Arbeit unterstützen konnten. Nur dass es, wie gesagt, nicht so richtig gut lief …
»Hab’s repariert«, verkündete Sami und im selben Moment sprang der Simulator wieder an. Hologramme schossen aus einer ganzen Batterie von Projektoren und fügten sich zu einem 3-D-Video des Tunnels zusammen. Wir wurden geradewegs von der Scheune in die Grabanlage katapultiert – und die Falltür öffnete sich.
Die Bilder wechselten jetzt in schneller Folge. Es sah aus, als würden wir einen Schacht hinunterfallen. Und plötzlich landete der Skorpion mit einem Riesenplatsch neben uns in einer dunklen, blubbernden Flüssigkeit: dem kochenden Öl. Das Vieh krümmte sich, gab ein merkwürdiges Geräusch von sich und versank. Ich blickte Pan an, die mit den Achseln zuckte.
»Völlig unrealistisch, dass das Öl immer noch kochen soll«, murrte sie.
Mutierte Skorpione, menschenfressende Riesenfledermäuse, rotierende Klingen, mit Nägeln oder giftigen Dornen ausgekleidete Schächte, Wände, die einen wie einen Käfer zermalmten, wenn man nicht rechtzeitig den verborgenen Stopp-Schalter fand … Ständig tauchten neue Horrorszenarien vor mir auf, so gestochen scharf und naturgetreu, dass ich jedes Mal unwillkürlich nach meinem Ausrüstungsgürtel tastete. Reiner Verteidigungsreflex, denn natürlich wusste ich, dass das Ganze nur eine Simulation war – und obendrein hatte ich jedes Szenario schon mindestens einmal gesehen.
Ich setzte meine Smartbrille ab und legte sie auf die Werkbank. Mir war klar, wie viel Zeit und Mühe Sami in die Simulationen gesteckt hatte, und ich fand sie ja auch wirklich beeindruckend. Trotzdem begannen sie mich zu langweilen.
»Die sind echt großartig, Sami«, sagte ich.
Sami fluchte auf Arabisch. »Aber du hast sie alle schon mal gemacht, oder?«
»Ja, sogar mehrmals.«
Noch mehr Flüche, lauter diesmal. Samis kahler Schädel glänzte im Schein der vielen Hologramme. Die Projektionen wurden von einem gläsernen Monitortisch ausgestrahlt, einer Art 3-D-Computer, den wir »Holosphäre« nannten. Sami wischte mit spitzen Fingern ein paar Dateien beiseite und tippte dann hektisch auf dem Bildschirm herum. Neue Hologramme flimmerten auf – Berg- und Höhlenwelten, Wüsten und Urwälder.
»Eure Mutter wünscht eine neue Simulation für euer Training morgen«, grummelte er. »Wie wär’s mit der Antarktis? Ich könnte ein verschollenes Grab am Südpol einrichten, mit verrückt gewordenen Eisbären und Pinguin-Mutanten.«
»Leben Eisbären nicht am Nordpol?«
»Ich sag doch, es sind verrückt gewordene Eisbären!«
»Wohl eher verirrte.«
»Okay, wie wär’s dann mit einem Vulkangrab? Selbst eure Eltern haben noch kein Grab in einem Vulkan entdeckt.«
»Aber haben sie nicht mal eines unter einem Vulkan entdeckt?«
»Mach dich nicht lustig, Jake, ich sammle doch nur Ideen!«
»Ich darf dir nicht helfen, Sami, das wäre wie schummeln! Dann würde ich ja sämtliche Fluchtwege und Notschalter schon kennen.«
»Seit wann schreckst du vor Schummeln zurück?«
Das tat ich überhaupt nicht. Und normalerweise hätte es mir auch Spaß gemacht, mich von Sami einweihen zu lassen. Aber heute Nachmittag war ich irgendwie nicht bei der Sache. Meistens blieb ich nach dem Training noch mit Sami in seiner Werkstatt und spielte mit der Technik herum, die er für unsere Missionen entwickelte. Es machte Spaß, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Er war älter als meine Eltern und hatte total schlechte Augen und kleine, schrumpelige Hände, aber wenn es um seinen Technikspielkram ging, dann hatte er die Energie eines Teenagers. In der Werkstatt, die er in einem der zahlreichen Räume von Kits Landgut eingerichtet hatte, lagen die irrsten Gerätschaften herum: Signalpistolen, Rauchbomben, Atemschläuche mit komprimiertem Sauerstoff, Laserschneider, Handschuhe mit integrierten Metalldetektoren …
»Dein Knie zuckt, Jake.«
»Häh?«
Sami wischte weitere Hologramme beiseite und sah mich prüfend an. »Dein Knie. Es zittert – wie immer, wenn du frustriert bist. Was ist los?«
Ich lächelte. Sami und ich kannten uns erst seit ein paar Monaten, seit unserem Ägypten-Abenteuer, aber er verstand mich wie kaum ein anderer.
»Die Simulationen sind toll, Sami, wirklich, aber können wir nicht langsam mal in die Realität überwechseln? Und all diese Ausrüstungsgegenstände ausprobieren? Live und in Farbe, meine ich.«
»Die Entscheidung liegt bei deinen Eltern, fürchte ich.«
»Sie trauen es uns noch nicht zu, stimmt’s? Trotz allem, was wir in Ägypten gemeistert haben …«
Während unserer Ägyptenreise hatten meine Schwester und ich die finstere Geheimorganisation aufgespürt, die für Mums und Dads Entführung in Kairo verantwortlich war. Unsere Eltern sollten ein verschollenes Grab für die Schlangenleute finden – so nannten wir die Mitglieder der Organisation –, aber Pan und ich waren ihnen zuvorgekommen und hatten das Grab zuerst entdeckt. Wir hatten unsere Eltern befreit und den Unterschlupf der Schlangenleute auffliegen lassen.
Sami und Kit Thorn hatten uns damals sehr unterstützt. Kit war am Ende im Krankenhaus gelandet, wo er immer noch lag, während wir sein Haus als Trainingslager nutzen durften. Denn zur Schule gehen konnten wir nicht, wir wurden immer noch mit internationalem Haftbefehl gesucht – wegen der Schäden, die wir bei unserer Suche nach Mum und Dad an antiken Bauwerken angerichtet hatten. Aber ich vermisste die Schule kein bisschen – und ackerte und lernte mehr als in meiner ganzen bisherigen Schulzeit. Vor allem über alte Hochkulturen und Archäologie hatten unsere Eltern uns in den letzten drei Monaten viel beigebracht, alles Stoff, der mir nicht gerade zuflog. Ich war eben kein Genie wie meine Schwester. Aber wenigstens konnte ich inzwischen Olmeken und Tolteken auseinanderhalten und Hieroglyphen von der Hieratischen Schrift unterscheiden.
Wir hatten auch Sport. Mum und Dad beherrschten mehrere Kampfsportarten, weigerten sich allerdings, uns darin zu unterrichten. Kämpfen würden wir mit Sicherheit nie, sagten sie. Stattdessen ließ Dad uns endlose Runden über Kits riesiges Anwesen traben – bei Dauerregen, der für Yorkshire im Herbst offenbar normal war. Ihr solltet mal Pans Gemecker hören.
»Warum kann Jake nicht das Action-Zeug erledigen und ich lese die Bücher?«, brüllte sie regelmäßig.
Aber das war natürlich Blödsinn. Pan war tougher als jeder Mensch, den ich kannte. Trotzdem konnte sich Dad auf den Kopf stellen und sie mantramäßig mit »Du-schaffst-das«-Sprüchen motivieren – sie verschanzte sich hinter ihren Stirnfransen und keifte zurück: »Nein, schaff ich nicht!« Dennoch glaube ich, dass Pan das Ganze genauso liebte wie ich. Ich meine, immerhin wurden wir zu Schatzjägern ausgebildet!
Aber Sami hatte es richtig erkannt: Ich wurde von Tag zu Tag frustrierter. Missmutig ließ ich meinen Blick durch die Werkstatt und über all die coolen Gerätschaften schweifen, die immer noch nicht zum Einsatz gekommen waren. Würden wir sie je benutzen?
Schon wieder schien Sami meine Gedanken zu lesen. »Keine Sorge, ihr werdet auf Mission gehen, Jake. Allerdings müsst ihr ja erst mal von einem Schatz erfahren, den ihr suchen könnt.«
»Wir wissen von einem, Sami.«
Tatsächlich hatten wir eine Spur: eine geheimnisvolle smaragdgrüne Steintafel, die Pan und ich in Ägypten gefunden hatten. Sie war eine von mehreren, die angeblich in weit verstreuten Gräbern überall auf der Welt versteckt lagen. Nebeneinandergehalten sollten diese Tafeln eine neue, geheime Version der Weltgeschichte enthüllen – und genau diese Enthüllung versuchten die Schlangenleute zu verhindern. Unser Plan war, die Tafeln auf dem gesamten Globus zusammenzusammeln und dafür zu sorgen, dass ans Licht kam, was die Geheimorganisation zu verheimlichen oder sogar auszuradieren versuchte. Das Problem war nur, dass wir einen Hinweis auf die nächste zu suchende Tafel brauchten, und bislang hatten Mum und Dad auf unserer Tafel noch keinen solchen Hinweis gefunden. Und deshalb saßen wir hier fest.
Um mich abzulenken, nahm ich eines der Geräte von der Werkbank. Es war ein winziges Ding, nicht größer als eine Fliege, mit Mini-Rotoren obendrauf.
»Ist das der weltkleinste Hubschrauber?«, fragte ich.
Sami wischte das letzte Hologramm beiseite. Seine Augen strahlten: Er liebte es, über seine Arbeit zu sprechen. »Das ist eine Nanodrohne.«
»Eine Drohne?«
»Eine extrem kleine Drohne. Sie kann durch winzige Spalten fliegen und so in Gräber eindringen, in die man nicht reinkommt.«
»Es gibt keine Gräber, in die ich nicht reinkomme, Sami«, witzelte ich.
Sami verstand den Scherz und grinste. Mit äußerster Vorsicht, als würde es sich um ein zartes Lebewesen handeln, nahm er das kleine Fluggerät hoch und hielt es in seiner Handfläche. »Es fliegt absolut geräuschlos und besitzt eine eingebaute Minikamera, Echoortung und einen Wärmesensor. Es ist …«
» … weg.«
Während Samis Ausführungen hatte ich meine Smartbrille wieder übergestreift und die Drohne hatte sich sofort mit mir verbunden. Die winzigen Rotoren hatten sich lautlos zu drehen begonnen und den Flieger abheben lassen. Für die Schatzjagd war das bestimmt eine extrem nützliche Erfindung, aber jetzt gerade hatte ich etwas anderes damit vor.
»Wie funktioniert das Ding?«, fragte ich.
»Sag ihm einfach, wohin es fliegen soll.«
»Okay. Drehe dich um 90 Grad und fliege zehn Meter geradeaus«, wies ich es an.
Die Aufnahmen, die die Drohne machte, wurden mir direkt auf meine Brillengläser gespielt. Sie verließ die Werkstatt und schwebte lautlos in einen mit Antiquitäten dekorierten Flur: Jade-Drachen und ägyptische Shabtis in Schaukästen und Ming-Vasen auf Ständern. Alles Sachen, die Kit aus Gräbern entwendet hatte.
»Fliege dreißig Meter weiter.«
Ich lotste die Drohne zu einer Eichentür am Ende des Flurs, die einen Spaltbreit offen stand. Bläulich-grünliches Licht flimmerte durch den Spalt.
»Schalte die Wärmebildkamera ein«, ordnete ich an.
Die auf meine Brillengläser projizierte Drohnenumgebung wechselte in die Infrarot-Optik. Gedämpftes Grau, und mittendrin ein helloranger Fleck: eine menschliche Wärmesignatur. Irgendjemand hielt sich in dem Raum auf.
Gut.
»Jake?« Sami klang nervös. »Was machst du da?«
Ich spürte, dass er kurz davor war, mir die Brille abzureißen, und drehte meinen Kopf zur Seite.
»Ich trainiere, Sami. Wir müssen doch wissen, wie man das Ding bedient, oder?«
Ich steuerte den lautlosen Flieger in den Raum – und sah Mum. Sie hockte ebenfalls an einem Monitortisch und studierte die in den Raum projizierten Dateien. Mit der Hand blätterte sie durch Hologramme von alten Inschriften, hin und wieder vergrößerte sie einen Ausschnitt und fuhr mit dem Finger eine Textzeile entlang, bevor sie die Datei mit einem frustrierten Seufzer wegwischte.
Ich flog die Drohne näher heran und sah, wie Mum einen Gegenstand hochnahm, der neben dem Monitortisch auf dem Boden lag. Es war ein altes Kultobjekt von der Größe eines Laptops … und bestand aus glänzend grünem Stein.
»Die Smaragdtafel«, keuchte ich.
»Wie bitte?«, fragte Sami.
»Äh, nichts …«
Allein der Anblick der Tafel ließ meinen Puls rasen. So nahe war ich ihr nicht mehr gekommen, seit Pan und ich sie in Ägypten gefunden hatten. Mum verwahrte sie in ihrem Arbeitszimmer, zu dem Pan und ich keinen Zutritt hatten. Wahrscheinlich hatte Mum Angst, dass ich irgendetwas Verrücktes mit der Tafel anstellen würde: sie klauen und bei eBay einstellen, um die Schlangenleute aus ihrem Versteck herauszuködern. Es tat weh, dass die eigene Mutter einem nicht vertraute, aber okay, ich konnte es ihr nicht wirklich verübeln, denn die Idee mit eBay hatte ich tatsächlich schon gehabt.
Die Videobilder, die die Drohne machte, waren so gestochen scharf, dass ich das Gefühl hatte, direkt in Mums Arbeitszimmer zu stehen. Vielleicht war das der Grund, warum ich auf einmal flüsterte:
»Zoom!«
Die Drohnenkamera zeigte eine Nahansicht der Tafel, die im Holosphärenlicht fast zu glühen schien. Ich hatte ganz vergessen, wie schön sie war! Beidseitig war dasselbe Symbol eingraviert: eine kreisförmig zusammengerollte Schlange, die sich in ihren eigenen Schwanz biss. Innerhalb des Kreises befand sich eine Inschrift, die meine Eltern leider noch nicht entschlüsselt hatten. Sie wussten noch nicht mal, um welche Sprache es sich handelte.
Bis spätnachts und morgens schon in aller Herrgottsfrühe hockte Mum vor der Inschrift, Tag für Tag. Sie hatte Dutzende Bücher gewälzt und Hunderte Fotos von Ausgrabungsstätten gesichtet, um einen Hinweis auf das nächste Grab zu finden. Aber bislang hatte sie nichts gefunden, nicht den kleinsten Anhaltspunkt. Inzwischen glichen ihre Augenringe schwarzen Müllbeuteln.
Das schlechte Gewissen nagte an mir. Ich hätte sie nicht ausspionieren sollen. Auf der anderen Seite: Warum musste Mum auch immer alles geheim halten?
»Warum traut sie uns nicht zu, ihr zu helfen?«, murmelte ich.
»Sie?«, fragte Sami. »Jake, spionierst du da jemanden aus?«
»Ich … nein. Na ja, doch. In gewisser Weise.«
»Wie bitte?«
»Also, ja.«
»Oh Gott, bitte sag, dass es nicht deine Mutter ist.«
»Okay, es ist nicht meine Mutter.«
»Also … ist es deine Mutter?«
»Ja, ist es.«
»Jake! Hol die Drohne zurück! Bevor sie es merkt!«
Ich nahm die Smartbrille ab, sah meinen Freund an und zog unbehaglich die Schultern hoch.
Sami seufzte. »Es ist zu spät, stimmt’s?«
Im selben Moment schallte ein wütender Schrei durch den Flur: »JAKE!«
In allen Familien gibt es manchmal Stress, oder? Bevor meine Schwester und ich von der Schatzjäger-Vergangenheit unserer Eltern erfuhren, gab es bei uns sogar nichts anderes als Stress. Danach lief es eine Weile besser – was wohl an unserer Vorfreude lag, demnächst zu viert auf Schatzjagd zu gehen. Doch inzwischen waren wir wieder beim alten Zustand angekommen – und zofften uns rund um die Uhr.
Die Auseinandersetzungen liefen immer nach demselben Muster ab: Pan und ich schlugen uns auf eine Seite, auch wenn wir gar nicht derselben Meinung waren, Dad versuchte, neutral zu bleiben und den Frieden zu wahren, und Mum versuchte, ihn mit in den Streit hineinzuziehen. Sami verkroch sich dann regelmäßig in seiner Werkstatt und wartete, bis sich der Staub gelegt hatte. Aber er hörte aufmerksam zu, das wusste ich.
An dem Abend, an dem Mum mich beim Spionieren erwischt hatte, dauerte das Geschrei mindestens eine Stunde. Ihr wollt gar nicht wissen, was da alles zur Sprache kam, aber ein Detail muss ich doch erwähnen, damit ihr das Ganze besser einordnen könnt. Stellt es euch zum Soundtrack von knallenden Türen, Mums Schnauben und Dads Beschwichtigungsgemurmel vor.
»Nein, ich beruhige mich nicht, John! Mir ist es ernst! Jake, du hast Hausarrest!«
»Hausarrest? Wie blöd ist das denn? Wir verlassen die Bude doch sowieso nie.«
»Ich weiß überhaupt nicht, was in dich gefahren ist. Zu Schulzeiten hast du dich nie so danebenbenommen.«
»Das stimmt nicht, Mum.«
»Halt du dich da raus, Pandora.«
»Aber erinnerst du dich nicht mehr an den Ameisenfarm-Vorfall?
»Natürlich erinnere ich mich daran! Aber das ist ja wohl nichts im Vergleich dazu, die eigene Mutter auszuspionieren!«
»Spionieren ist schlimmer, als rote Feuerameisen auf unschuldige Schülerinnen zu kippen?«
»Hey, ich wollte dir doch nur helfen, Pan. Diese unschuldigen Schülerinnen haben dich gemobbt.«
»Trotzdem, Jake … die Ameisen hatten einen superfiesen Wehrstachel.«
»Und inwiefern bringt uns das jetzt weiter, Pandora?«
»Es soll nur zeigen, dass Jake schon viel schlimmere Sachen gemacht hat. Er hat ja auch schon eine altägyptische Grabanlage in die Luft gejagt.«
»Dafür hab ich mich entschuldigt!«
»Bitte erwähne das NICHT noch einmal, Pandora.«
»Können wir uns nicht alle wieder einkriegen?«
»Das sagst du so leicht, John! Wie kann Jake erwarten, dass wir ihm vertrauen, wenn …?«
»Ihr vertraut mir ja nicht! Deshalb versteckt ihr die Smaragdtafel ja. Wir dürfen sie nicht mal ansehen. Dabei haben wir sie entdeckt. Ich jedenfalls erinnere mich nicht, euch beide in dem ägyptischen Grab gesehen zu haben. Erinnerst du dich, Pan?«
»Nee. Ich weiß nur noch, dass wir euch kurz nach der Grab-Episode das Leben gerettet haben. Also: Im Grunde gehört die Tafel uns.«
»Ja. Finderlohn. Die wichtigste Schatzjäger-Regel.«
»Das ist ganz sicher nicht die wichtigste Schatzjäger-Regel. Ist denn gar nichts hängen geblieben von dem, was wir euch beigebracht haben, Jake?«
»Wo wir gerade dabei sind. Jake, Pandora? Was würdet ihr sagen: Was sind die wichtigsten Regeln bei der Schatzjagd?«
»John, das hier ist keine Unterrichtsstunde. Jake hat mir hinterherspioniert!«
»Weil du uns nichts zutraust.«
»Weil du einfach nicht nachdenkst. Mir einfach mit einer Drohne hinterherzuspionieren! Was obendrein noch nicht mal sonderlich schlau ist! Spontan fallen mir mindestens ein halbes Dutzend bessere Möglichkeiten ein, in meinen Privatsachen zu schnüffeln. Dir nicht?«
»Ich dachte, das hier ist keine Unterrichtsstunde.«
»Du hast einfach nicht nachgedacht, Jake, und eine bekloppte Drohne benutzt.«
»Na ja, es war immerhin eine Kohlenstofffaser-Nanodrohne mit integrierter hochauflösender …«
»Hör auf, uns zu belauschen, Sami. Das ist ein Familienstreit!«
»Sami gehört zur Familie, Mum. Hör einfach weiter mit, Sami!«
»Nein, ich halt mich da raus.«
»Können wir uns jetzt mal alle beruhigen? Ich mach uns etwas zu essen und wir sind wieder nett zueinander, okay?«
Ich hab keine Ahnung, in welcher Welt Dad lebte, dass er glaubte, wie könnten nett zueinander sein. Die einzige Zeit, in der wir uns gut verstanden haben, war unsere Schatzjagd in Ägypten gewesen. Da hatte die Turner-Familie als Team funktioniert. Deshalb ja mein Drängen: Wir mussten endlich wieder auf Schatzjagd gehen.
Eine Weile sprachen wir kein Wort miteinander. Dad kochte irgendein Gericht mit Kichererbsen, das sowieso keiner von uns anrühren würde, nicht einmal Pan, obwohl sie Vegetarierin war. Aber die Kocherei gehörte ebenfalls zu unserer Ausbildung. Wir sollten landestypische Gerichte aus allen Ecken der Welt kennenlernen, damit wir nicht meckerten, wenn wir später mal in der Gegend waren. Das Problem war nur, dass Dad ein katastrophal schlechter Koch war. Er schaffte es tatsächlich, jede einzelne Kichererbse anzubrennen, sodass das Gericht am Ende aussah wie ein Haufen Hasenkötel.
Mum würdigte ihren Teller keines Blickes. Sie saß da, starrte aus dem Fenster und fingerte an dem Amulett der ägyptischen Muttergöttin Isis herum, das sie um den Hals trug. Sie hatte es aus dem ersten Grab entwendet, das sie und Dad entdeckt hatten, lange vor Pans und meiner Geburt. Ob sie die Zeiten damals wohl entspannter fand …?
Einige ihrer Äußerungen in letzter Zeit machten mir Sorgen. Immer öfter erwähnte sie die Schule, so als wären das hier einfach nur Ferien. Und beim Training betonte sie ständig, wie wichtig es sei, einen Plan B zu haben. Mindestens zwei Ausgänge für jeden Eingang zu kennen. Ich hatte den Verdacht, dass sie und Dad auch für unsere aktuelle Situation einen »Ausgang« hatten – eine Möglichkeit, uns unter neuen Namen in unser altes Leben zurückzuschicken. Das war es, was mir am meisten Angst machte.
Denn unser bisheriges Leben war absolut stumpfsinnig gewesen. Mum und Dad hatten so getan, als wären sie glücklich in ihren strunzlangweiligen Jobs als Geschichtsprofessoren. Ich ritt mich alle naselang in die Scheiße, klaute, prügelte und wurde von Schulen geworfen. Und Pan war auch nicht glücklich gewesen. Weil sie wegen ihrer unglaublichen Klugheit ständig gemobbt wurde, hatte sie sich irgendwann die Haare schwarz gefärbt, schwarze Klamotten übergestreift und sich in ein Goth-Girl verwandelt. Eigentlich waren wir uns pausenlos an die Gurgel gegangen. Erst das gemeinsame Ägypten-Abenteuer hatte die Wende gebracht. Pan war plötzlich stolz auf ihr immenses Wissen, und auch ich hatte mich kein Stück mehr schlecht gefühlt. Ich war nicht mehr das Problemkind, ich war ein Schatzjäger!
Würden wir jemals daran anknüpfen? Meine Meinung dazu war klar: Wir mussten! Uns blieb gar nichts anderes übrig.
Dad tippte mit seiner Gabel gegen den Teller. Es war offensichtlich, dass er nach einem Gesprächsthema suchte, um das Schweigen zu brechen. Er blickte Pan und mich durch seine dicken Brillengläser an, die seine Augen eulenhaft vergrößerten.
»Dann erzählt doch mal: Welche Überraschung hatte das Simulationsprogramm heute für euch parat?«
»Einen Riesenskorpion«, antwortete Pan, während sie mit ihrer Gabel nach essbaren Kichererbsen stocherte. »Bisschen sehr plump, oder, Dad?«
»Na ja, eure Mutter und ich wurden in Malaysia mal von einem Waran attackiert.«
Ich schob meinen Teller beiseite. Von den Abenteuergeschichten meiner Eltern konnte ich nie genug kriegen. »Und wie seid ihr entkommen?«
»Ich bin auf seinen Rücken gesprungen und sofort kamen Dutzende von Mini-Waranen hinter einem Felsen hervorgewuselt.«
Jetzt rückte auch Pan näher. »Und dann?«
»Einer von ihnen hat mir in die Hand gebissen. Deshalb kann ich meinen kleinen Finger nicht mehr bewegen, seht ihr?«
»Du hast uns immer erzählt, du hättest ihn dir bei einem Rugby-Match gebrochen.«
»Na ja, in gewisser Weise stimmt das auch.«
»Es stimmt also absolut nicht, oder, Dad?«
»Nein, absolut nicht.«
Ich grinste und fügte die Rugby-Anekdote der langen Liste an Lügengeschichten hinzu, die sie uns aufgetischt hatten, um ihre Schatzjäger-Vergangenheit zu verschleiern. Ich liebte es, mir meine Eltern als Schatzjäger vorzustellen. Als Weltenbummler, die mit einem Bein ständig in einer haarsträubenden Situation standen. Gleichzeitig stachelten mich ihre Abenteuer an. Ich wollte unbedingt auch so etwas erleben!
»Soll ich euch etwas völlig Verrücktes erzählen?«, fragte Dad.
Natürlich sollte er! Pan und ich beugten uns wie auf Knopfdruck vor. Dad hatte diesen besonderen Gesichtsausdruck, den ich bei ihm erst seit unserer Ägypten-Reise kannte. Seine weit aufgerissenen Augen leuchteten, so als hätte er gerade die heißeste Klatschgeschichte des Jahrzehnts gehört. Nachdem er und Mum ihr früheres Leben so lange geheim gehalten hatten, genoss er es, jetzt endlich offen von den guten alten Zeiten schwärmen zu können.
»Es war in China«, begann er. »Dort haben wir mal gesehen, wie ein tollwütiger Panda einen Schatzjäger biss, und zwar direkt in den …«
»John?«
Mum stopfte ihr Amulett zurück unter ihr Shirt. Seufzend dehnte und reckte sie sich. Ihr Rücken schien von der langen Holosphären-Sitzung wehzutun.
»Ich denke, die Kinder haben genug gehört.« Sie starrte das Essen auf ihrem Teller an, als hätte sie es erst in dieser Sekunde entdeckt. »Was ist das eigentlich?«
»Gheimeh«, erklärte Dad. »Ein persisches Gericht. Wir haben es im Iran gegessen, als wir den Tempel von …«
»Ja, ich erinnere mich«, unterbrach ihn Mum. »Aber damals war es nicht schwarz, oder?«
Sie katapultierte eine der verbrannten Kichererbsen von ihrem Teller. Ein perfekter Schuss, der Dad mitten auf die Brust traf.
»Hgrmpf«, machte er und schoss die Erbse zurück.
Ich bemerkte, wie Pan lächelte, obwohl sie schnell den Kopf abwandte, um es zu verbergen.
Die Atmosphäre schien sich aufzuhellen, also beschloss ich, die Frage zu stellen, die mir im Kopf herumspukte, seit ich Mum in ihrem Arbeitszimmer beobachtet hatte.
»Hast du heute etwas herausgefunden? Auf der Smaragdtafel?«
Diesmal seufzte Mum so laut, dass sie ein paar Kichererbsen auf ihrem Teller wegblies.
»Nein, Jake«, sagte sie.
»Wenn ihr raten müsstest: Was glaubt ihr, wohin werden uns die Tafeln führen?«
»Raten ist zwecklos! Schatzjäger-Regel Nummer eins«, sagte Dad.
»Gestern hast du gesagt, Regel Nummer eins wäre, niemals ohne Erlaubnis das Arbeitszimmer zu betreten«, bemerkte Pan.
»Aber wenn ihr raten müsstest …«, beharrte ich.
Dad schob seine Brille den Nasenrücken hoch. »Hm, was hat sie noch mal dazu gesagt?«
Sie. Er meinte die Frau, die versucht hatte, uns in Ägypten umzubringen. Sie gehörte zu den Schlangenleuten, vielleicht war sie sogar deren Anführerin, aber das wussten wir nicht mit Sicherheit. Jedenfalls trug sie das Schlangensymbol auf einer Brosche, weshalb wir sie Schlangenfrau getauft hatten. Irgendwann hatten wir dann mitbekommen, dass sie in Wirklichkeit Marjorie hieß, was ja nun vollkommen bekloppt klingt.
»Die Schlangenfrau hat gesagt, dass es mehrere Smaragdtafeln gibt, die über die ganze Welt verstreut sind«, antwortete ich und musste an unserer Begegnung mit der Dame in ihrem Hauptquartier in der Libyschen Wüste denken.
»Und alle befinden sich in verschollenen Gräbern«, ergänzte Pan. »Die Menschen, die mit diesen Tafeln begraben wurden, gehörten einer Hochkultur an, die noch älter ist als die altägyptische. Leider wurde sie durch irgendeinen Umstand ausgelöscht. Die Schlangenleute wollen die Tafeln finden und die Gräber zerstören, um zu verhindern, dass die Existenz dieser Hochkultur und das Geheimnis ihres Untergangs ans Tageslicht kommen.«
»Und wie viel von dem, was die Schlangenfrau euch da erzählt hat, glaubt ihr?«, fragte Mum.
»Eigentlich alles«, antwortete ich.
»Du glaubst also unbesehen, was dir jemand auftischt?«, bohrte Mum nach.
»Wir haben die Smaragdtafel«, wandte Pan ein. »Das ist doch ein Beweis.«
»Ein Beweis für irgendwas«, sagte Dad. »Aber wir wissen nicht, für was.«
»Was auch immer es ist, die Schlangenfrau will es zerstören, damit es nicht an die Öffentlichkeit kommt, niemals. Und das müssen wir verhindern, stimmt’s?«
Mum sah Dad an, aber beide schwiegen. Schließlich brachte Mum ein schmales Lächeln zustande, das sie ihre letzte Energie zu kosten schien.
»Ich koch uns etwas Neues«, entschied sie. »Wie wär’s mit Spaghetti? Die hatten wir schon lange nicht mehr.«
Ich warf Pan einen schnellen Blick zu und sah, dass sie Mum besorgt musterte. Pan liebte Spaghetti. Genau wie ich. Aber in diesem Moment wollten wir beide lieber Dads verbrannte Kichererbsen.
Mum sammelte unsere Teller ein und kratzte die Reste in den Abfallzerkleinerer im Abfluss. Die Messer rotierten und häckselten die Kichererbsen. Eine Weile starrte Mum in die Spüle, dann sagte sie etwas, das durch das Rattern des Schredders kaum zu verstehen war. Aber ich war mir trotzdem sicher, dass ich richtig gehört hatte.
»Vielleicht wird es Zeit, dass wir die Sache abhaken.«
Ich lag die halbe Nacht wach und beobachtete die Regentropfen, die an der Fensterscheibe herunterliefen. Ich suchte mir einen Tropfen heraus, der die Schlangenfrau war, auf der Jagd nach der Smaragdtafel, und einen Familie-Turner-Tropfen, der versuchte, den Schlangenfrau-Tropfen zu überholen. Aber sie gewann immer.
Mums Worte schwirrten mir im Kopf herum. »Vielleicht wird es Zeit, dass wir die Sache abhaken.« Ich hatte seit Monaten gefürchtet und sogar damit gerechnet, dass sie das sagen würde. Unsere Eltern kniffen. Sie zogen den Schwanz ein. Je intensiver sie sich mit der Smaragdtafel beschäftigten, desto absurder fanden sie das ganze Projekt. Hin und wieder schien Mum den Schatzjäger-Job wenigstens Pan noch zuzutrauen, aber mich hielt sie offenbar für völlig untauglich.
Wenn wir doch nur einen Hinweis auf die nächste Tafel hätten! Dann sähe die Sache völlig anders aus. Dann würden Mum und Dad auch Blut lecken, garantiert. Zum Glück hatte ich einen Plan B, um der Sache etwas nachzuhelfen. Falls der jedoch schiefging, würden meine Eltern mir nie wieder vertrauen, das stand fest. Aber okay, das taten sie sowieso nicht. Also konnte ich es genauso gut riskieren.
Ich kletterte aus dem Bett und schnallte den Ausrüstungsgürtel mit Samis Schatzjäger-Equipment um. Sofort fühlte ich mich, als würde ich mein Lieblings-T-Shirt tragen. Der Gürtel gab mir Selbstvertrauen – vielleicht mehr, als für meinen durchgeknallten Plan gut war.
Barfuß tappte ich den Flur entlang. Immer wieder blieb ich stehen und lauschte. Kits Haus war mehrere Hundert Jahre alt. Es erinnerte mich an die stattlichen Häuser, in denen wir früher manchmal mit unseren Eltern die Wochenenden verbracht hatten. Die große, geschwungene Holztreppe machte zwar ordentlich was her, war aber eine totale Fehlkonstruktion, wenn man unbemerkt nach unten gelangen wollte. Bei jeder Stufe musste ich erst prüfen, ob sie knarzte und vielleicht meine Eltern aufweckte – im Ernst, ich kam mir vor wie bei einer von Samis Trainingseinheiten.
Sicherheitshalber wartete ich eine Weile am Fuß der Treppe, aber alles, was ich hörte, war dröhnendes Schnarchen vom Ende des Flures. Sami war in seiner Werkstatt eingeschlafen.
Ich tappte weiter zu Mums Arbeitszimmer und löste ein lippenstiftähnliches Gerät von meinem Gürtel. Als ich es vor das Türschloss hielt, schoss es einen Laserstrahl in das Schlüsselloch, der die Rillen und Ritzen scannte. Kurz darauf schob sich ein dünner Stift aus dem Gerät und spreizte sich wie eine Art Kralle im Schloss. Ein Knirschen, dann ein Schnappen – und schon öffnete der Dietrich den Schließmechanismus. Grinsend trat ich ein und schloss die Tür hinter mir.
Durch das Bleiglasfenster fiel gerade genug Mondlicht, um den Holosphären-Monitortisch, die vielen Bücherstapel und die überall auf dem Fußboden ausgebreiteten Papiere zu erkennen. Ich löste meine Smartbrille vom Gürtel und streifte sie über.
»Ultraschall«, flüsterte ich.
Die Brille wechselte zur Echoortungsansicht: Ein Diagramm aus Kurven und Linien stellte die Schallwellen dar, die von den Hindernissen im Raum abprallten. Sami hatte die Ultraschallfunktion eingerichtet, damit wir in stockfinsteren Gräbern Geheimgänge oder Ritzen in Steinwänden aufspüren konnten. Aber jetzt brauchte ich sie für etwas anderes.
Ich drehte mich einmal um die eigene Achse, atmete langsam ein und aus … da!
»Taschenlampe!«, flüsterte ich.
Ein supergreller Lichtstrahl schoss aus dem Brillenrahmen. Ich lief um den Monitortisch herum und hob ein Bild von der Wand. Dahinter befand sich ein Safe. Ich brauchte nicht lange, um ihn mit dem Dietrich zu öffnen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und leuchtete mit meiner Brillenlampe hinein.
»Suchst du das hier?«, fragte eine Stimme.
Ich kreischte auf und wirbelte herum.
Pan stand hinter mir – die Smaragdtafel in der Hand.
»Blende mir nicht ins Gesicht!«, blaffte sie.
Ich riss meine Brille ab.
Pan trug keinen Ausrüstungsgürtel! Sie hatte also keinen Dietrich bei sich – war aber trotzdem reingekommen. Und hatte die Tür hinter sich verschlossen. Besaß sie etwa einen Schlüssel? Ich starrte sie verwirrt an.
»Was machst du hier?«, fragte ich.
Sie setzte sich an die Holosphäre und tippte einen Code in den Monitor. Ein halbes Dutzend Hologramme schoss in die Luft: archäologische Berichte und uralte Dokumente, von denen ich sicher war, dass Mum sie längst alle überprüft hatte. Aber Pan prüfte sie noch einmal.
»Mum hat mir erlaubt, das Zeug durchzulesen«, erklärte sie. »Für den Fall, dass ich etwas finde, was sie übersehen hat.«
»Moment mal: Sie erlaubt dir den Zutritt?«
»Manchmal. Daher kenne ich das Versteck für den Schlüssel. Obwohl, wenn sie wüsste, dass ich mich so spät noch hier rumtreibe, würde sie wahrscheinlich ausflippen.«
Ich nickte, als würde ich das verstehen. Ich verstand es ja auch. Es war nur vernünftig von Mum, Pan an die Smaragdtafel zu lassen. Pan war schlau genug, um einen Anhaltspunkt zu finden – und darum ging es uns ja. Aber es tat trotzdem weh, dass Mum es ihr erlaubte – und mir nicht. Mich hatte sie die Tafel kaum berühren lassen, seit wir sie der Schlangenfrau abgenommen hatten.
»Und? Wie sieht dein großer Plan aus?«, fragte Pan.
»Mein Plan?«
»Na ja, immerhin bist du gerade hier eingebrochen.«
»Oh, äh, ja. Ich wollte die Tafel stehlen und sie dem British Museum schicken. Das würde dann groß in die Nachrichten kommen – was der Schlangenfrau nicht entgehen würde. Sie würde versuchen, sich die Tafel zurückzuholen … und wir würden schon auf sie warten …«
»Ein selten dämlicher Plan, Jake.«
Okay, stimmt schon. Es war nicht meine beste Idee. Aber ich war verzweifelt.
»Du hast gehört, was Mum beim Abendessen gesagt hat, oder?«, fragte ich.
Pan nickte, den Blick immer noch auf die Hologramme geheftet. »Deshalb muss ich ja heute Nacht etwas finden.«
Ich betrachtete die Papierstapel, all die Berichte und Pläne, und fragte mich, ob es sich lohnte, sie genauer anzuschauen. Das Blöde war nur: Ich wusste ja gar nicht, wonach ich suchen sollte. Also ging ich zu der Pinnwand, an die Mum die wenigen Anhaltspunkte geheftet hatte, die wir zu der Schlangenfrau hatten. Sami hatte die sozialen Medien nach Fotos von ihrem Gesicht durchforstet. Über fünfzig Treffer hatte er gelandet, aber nur drei zeigten das uns bekannte Gesicht. Auf jedem der drei Fotos trug sie eine purpurrote Perücke, die ihr schneeweißes Haar verbarg. Ihre hohen, spitzen Wangenknochen und ihr arrogantes Lächeln konnte sie allerdings nicht verbergen. Sie wirkte extrem selbstzufrieden, als hätte sie gerade beobachtet, wie ein nerviger, kläffender Köter von einem Auto überfahren wurde.
»Was für eine widerliche Hexe!«, zischte ich.
Ich musste daran denken, wie sie Pan und mich während unseres Ägypten-Abenteuers auf einer Insel zurückgelassen hatte, damit wir dort krepierten. Und wie sie uns, nachdem wir entkommen waren und ihr erneut gefährlich wurden, die Mitarbeit in ihrer Organisation angeboten hatte. Ich fragte mich, was wohl passiert wäre, wenn wir eingewilligt hätten. Auf jeden Fall hätten wir ihren komischen Verein von innen kennengelernt. Und wären jetzt irgendwo unterwegs, auf der Jagd nach den Smaragdtafeln. Tatenlos hier rumsitzen würden wir jedenfalls nicht.
»Wow, die ist ja an coolen Orten unterwegs!«, staunte ich.
»Häh?«
»Die Schlangenfrau. Die Fotos stammen von allen möglichen Kontinenten.«
