Janusblut - Sylvia Vandermeer - E-Book

Janusblut E-Book

Sylvia Vandermeer

0,0
7,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als der Ritualforscher Daniel Kremser eine Nachricht von seinem Mentor Wolfgang Schellenberg aus Wien erhält, ahnt er nicht, dass ihn die anschließende Suche nach dem Professor durch die ganze Stadt und darüber hinaus in die mystische Welt der Templer führt und er dabei zum Gejagten wird. Was verbirgt sich hinter Schellenbergs spektakulärer Entdeckung, dem Templerstein? Dadurch, dass Schellenbergs Tochter Kim heimlich einige Forschungsergebnisse auf ihrem Blogg preisgegeben hat, werden Verfolger auf den Plan gerufen, denen jedes Mittel recht ist, in den Besitz des wertvollen Artefakts zu gelangen. Es offenbart sich ihnen ein düsteres Geheimnis, eine finstere Verschwörung über Jahrhunderte hinweg, die ihren Ursprung in Venedig fand. Eine unerbittliche Jagd beginnt, bei der sie unter dem Einsatz des eigenen Lebens das Rätsel unter Zeitdruck lösen müssen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Tatsächlich existierende Personen haben ihre Zustimmung erteilt.Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8385-9

Sylvia VandermeerJanusblutDer Templer Code

Über die Autorin:Sylvia Vandermeer, geboren 1968 in Deutschland, studierte Betriebswirtschaftslehre, Biologie, Psychologie und Bildende Kunst in Passau und Wien. Sie promovierte 1998 und habilitierte sich im Jahr 2007 an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo sie von 1998 bis 2009 als Dozentin zum Mitarbeiterstab des Europainstituts gehörte. Bekannt wurde sie durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zum interkulturellen Management. Sie ist heute freiberuflich als Schriftstellerin und Malerin tätig und lebt mit ihrem Mann auf der Insel Rügen und in Wien. „Janusblut“ ist ihr erster Roman.

Die existierenden wissenschaftlichen Begriffe passen jeweils nur zu einem sehr begrenzten Teil der Wirklichkeit, und der andere Teil, der noch nicht verstanden ist, bleibt unendlich.Werner Heisenberg

PROLOG

Schellenberg Tower, Wien

Joseph Schellenberg betrat mit federndem Schritt die Lobby seines Firmengebäudes, die Hände tief in den Taschen des offenen Mantels vergraben.

Im letzten Monat war er 76 Jahre alt geworden. Doch seine gepflegte Erscheinung ließ ihn wesentlich jünger wirken. Während er über den polierten Steinboden schritt, summte er eine Melodie von Franz Schubert, die ihm seit der Matinee im Kunsthistorischen Museum nicht mehr aus dem Ohr ging. Er schätzte die ausgesuchten Arrangements, die dort für einen erlesenen Hörerkreis auf alten Musikinstrumenten konzertiert wurden.

Vor dem Aufzug mit den schwarzen blanken Türen blieb er stehen und betätigte die Ruftaste. Während er wartete, glitt sein Blick zur Seite, und ihm fiel auf, dass das Empfangspult verwaist war.

Sein Summen verstummte abrupt.

Aufmerksam schaute er sich um.

Die Halle war leer.

Seltsam, dachte Schellenberg und ging einige Schritte auf das Pult zu. Suchend überblickte er den weiten Raum. Nichts deutete auf die Anwesenheit des Sicherheitsdienstes hin. Pflanzen hingen von den oberen Stockwerken herab, und Sitzgruppen aus Leder standen in der Mitte der Halle. Nirgends konnte er den Wachmann entdecken.

Er spürte, wie die gute Laune verflog und er ärgerlich wurde. Soweit ihm bekannt war, gab es strikte Regeln für die Sicherung des Gebäudes an Wochenenden und Feiertagen. Gleich morgen würde er sich den Verantwortlichen vorknöpfen und Rechenschaft von ihm verlangen.

Hinter ihm öffnete sich lautlos die Fahrstuhltür.

Noch einmal wanderte sein Blick durch die Lobby und hinüber zum verlassenen Empfangsbereich.

Die Situation war unverändert.

Erzürnt stieg er in den Lift.

Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn in die Konsolenöffnung und entsperrte die Tastatur. Anschließend drückte er den obersten Knopf mit der Aufschrift Penthouse/40.

Sanft setzte sich der Aufzug in Bewegung.

Die Hände auf dem Rücken verschränkt, lehnte er sich gegen den Handlauf und schaute auf einen Plasmabildschirm an der Wand gegenüber, auf dem gerade ein Werbeclip über die von der Schellenberg Stiftung geförderten Projekte lief. Ein Erdball kreiste darin und stoppte an verschiedenen Stellen. Ein Pfeil fuhr zu einem bestimmten Ort, und ein kleines Fenster mit einem Videobeitrag öffnete sich.

Ein guter Schachzug, das Unternehmen so in der Öffentlichkeit zu präsentieren, dachte er sich, und seine Stimmung hob sich langsam wieder.

36 … 37 … 38. Stockwerk.

Er löste sich von der Halterung und machte sich zum Aussteigen bereit.

Plötzlich ruckte die Kabine in der Aufwärtsbewegung mehrmals hintereinander, als würde sie über Hindernisse springen, und geriet dabei in heftiges Schlingern.

Die Erschütterung ließ Joseph Schellenberg zusammenfahren. Er knickte in den Knien ein, verlor den Halt und kippte nach hinten über. Erschrocken versuchte er noch, sich am Geländer festzuhalten. Doch seine Finger glitten ab, und er schlug rücklings auf den Stahlboden der Kabine.

Der Aufprall raubte ihm den Atem. Er ächzte und rang keuchend nach Luft. Zwei Rippen auf der rechten Seite taten ihm höllisch weh.

Er schaute nach oben, und das Deckenlicht flackerte bedrohlich über ihm. Nach einigen Sekunden erlosch es endgültig. Auch der Plasmabildschirm schaltete sich ab.

Um ihn herum herrschte jetzt absolute Finsternis.

Schellenberg schluckte. Du bist gefangen in einer Blechbüchse, ging es ihm durch den Kopf. In einer kleinen Kabine, die an einem dünnen Stahlseil über dem Abgrund hängt.

Panik stieg in ihm auf.

Um nach einem Ausweg zu suchen, hob er den Kopf, und sein Blick irrte ziellos durch die Dunkelheit. Nirgends bot sich ihm ein verwertbarer Anhaltspunkt. Nur endloses Schwarz.

Ihm wurde schwindelig, und er öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Da entdeckte er ihn, einen matt leuchtenden roten Punkt gegenüber an der Wand.

Der Notruf.

Stöhnend wälzte er sich herum. Die Schmerzen im Brustkorb spürte er jetzt ganz deutlich. Einen Moment lang hielt er inne. „Reiß dich zusammen“, schalt er sich keuchend.

Mühevoll gelang es ihm, Arme und Beine in die richtige Position zu bringen. Er kauerte jetzt auf allen vieren auf dem Fahrstuhlboden. Langsam begann er sich zu strecken. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte seine zitternde Hand den Notruf und löste ihn aus.

Erschöpft ließ er sich gegen die Wand sinken, rutschte kraftlos hinab und landete auf dem Boden.

Ein Freizeichen ertönte. Dann wurde abgehoben.

„Schellenberg hier“, stöhnte er. „Hören Sie mich?“

Die Frage hallte in der Kabine nach.

Es knackte metallisch in der Leitung.

Keine Antwort.

Plötzlich erfüllte wieder blaues Licht den Raum. Der Plasmabildschirm war eingeschaltet worden. Überrascht starrte Joseph Schellenberg auf ein albtraumhaftes Szenario, das sich nun vor ihm zu öffnen begann.

Es waren wackelige Filmaufnahmen. In Schwarz-Weiß und offenbar mit einer Handkamera aufgenommen. Er erkannte sofort, dass es sich um die eine, bestimmte Zuflucht handelte, und erneut zeigten ihm die Bilder, wie abgeschieden der Ort von der übrigen Welt versteckt lag.

Joseph Schellenberg brach der Schweiß aus. Er versuchte die verwirrenden Gedanken, die beim Anblick des Films hervorgerufen wurden und jetzt durch seinen Kopf schwirrten, einzudämmen.

Konnte das sein?

Es war so lange her. Beinahe hatte er die Kammer mit ihrem Geheimnis vergessen. Doch nun hatte ihn die Vergangenheit nach all den Jahren eingeholt.

Der alte Mann verspürte Atemnot und hörte plötzlich sein Herz laut und unregelmäßig pochen.

„Erinnern Sie sich?“ Eine markante Frauenstimme aus dem Lautsprecher durchschnitt die Stille.

„Zum Teufel, wer sind Sie?“

Die Antwort war knapp. „Jelena Lasarewa.“

Schellenberg wurde hellhörig. Der Name sagte ihm etwas. Lasarewa? … Lasarew?

Es gelang ihm nicht, den Namen zuzuordnen, und die Frau ließ ihm auch keine Zeit, länger darüber nachzudenken.

„Wo haben Sie ihn hingebracht?“

Schellenberg schreckte zusammen. Woher wusste sie davon?

Der Aufenthaltsort unterlag höchster Geheimhaltung. Überhaupt gab es nur eine Handvoll Eingeweihter. Lasarew … wer war das … er musste Zeit gewinnen …

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen …“, wiegelte er strikt ab und verlagerte sein Gewicht, um die schmerzenden Rippen zu entlasten.

„Sie lügen!“

„Rufen Sie sofort Hilfe! Ich bin verletzt und sitze hier fest. Wir können uns zu gegebener Zeit in meinem Büro unterhalten“, ordnete er mit gewohnter Autorität in der Stimme an.

Schellenberg sah mit an, wie die Dokumentation vom Bildschirm verschwand und dafür das ungewöhnlich schöne Gesicht einer Frau erschien. Er zog sich am Handlauf hoch und kam taumelnd auf die Füße. Aus blutunterlaufenen Augen betrachtete er sein Gegenüber eingehend. Ihre hohen Wangenknochen und die vollen Lippen hatten etwas unverwechselbar Markantes. Die Augen waren groß und kalt auf ihn gerichtet. Diese Frau hatte er noch nie gesehen.

Schellenberg seufzte. „Was wollen Sie von mir?“

Sie wiederholte ihre Frage. „Wo befindet er sich?“

Joseph Schellenberg fühlte, wie sich jeder Muskel seines Körpers verkrampfte. Wie konnte diese Frau von dem Geheimnis wissen? Die Erkenntnis, dass die Havarie des Fahrstuhls kein Zufall war, sickerte langsam in ihn ein, und Joseph Schellenberg stockte der Atem. Er saß in einer tödlichen Falle.

„Ich kann mich nicht erinnern …“, verteidigte er sich schwach.

„Können oder wollen Sie sich nicht erinnern?“ fuhr ihn die Stimme wütend an.

„Hören Sie, ich weiß von nichts …“ Joseph Schellenberg stöhnte und veränderte abermals die Körperhaltung. Der Schweiß rann ihm in den Hemdkragen, und er nestelte in der Manteltasche nach einem Tuch, um sich den Nacken trocken zu reiben.

„Ich denke schon! Das hier habe ich in Ihrem Safe gefunden …“, stellte Jelena Lasarewa fest und hielt ein Bündel Papierseiten hoch. Sie ließ einige Sekunden verstreichen, bis sie ihm eine vergilbte Zeichnung mit einer janusköpfigen Figur hinhielt.

„Sehen Sie das? Was wissen Sie darüber?“

Joseph Schellenberg hatte das Seidentuch in der Hand und tastete nun unter dem Ärmel seines Mantels nach dem Armband mit dem eingebauten Funksender. Er musste das Signal auslösen, doch er wusste nicht, ob sie das bemerken würde.

„Sie haben ihn versteckt …“ Schneidend traf ihn die Wucht ihrer Worte, und er zuckte mit der Hand zurück.

„Ihnen ist klar, was das bedeutet … diese Zeichnung hier und die Offenbarung …?“

Mühsam rappelte sich Schellenberg auf und stand nun schwankend in der Mitte der Kabine. „Nein, nein, ich habe nichts damit zu tun …“, stammelte er.

Sie hob die Hand und schüttelte heftig den Kopf als Zeichen, dass sie ihm nicht glaubte. Mit unversöhnlicher Härte fällte sie ihr Urteil: „Sie stehen uns im Weg. Sie kooperieren nicht. Sie sind nutzlos. Sie wussten, dass der Zeitpunkt kommen würde, wo wir seine Herausgabe fordern …“

Schellenberg hörte die Explosion über seinem Kopf und wusste, das Spiel war aus.

Augenblicklich gab der Liftboden unter ihm nach, und er stürzte der Länge nach hin.

Ungebremst raste die Kabine in die Tiefe.

Ihm blieben nur Sekunden, bis das Unvermeidliche geschah.

In diesem Moment durchzuckte ihn die Erkenntnis.

Lasarew …! Jetzt wusste er es. Das war der Mann, der in jener Nacht das Versteck für immer verschlossen hatte.

Hektisch tastete er nach dem Armband.

Während er im Fallen den Alarmknopf an seinem Handgelenk aktivierte, erfüllte ihn nur noch ein einziger Gedanke, der an seinen Sohn. „Wolfgang, verzeih mir.“

Kapitel 1

Chefinspektor Alfred Schramm hockte eingezwängt hinter der Verkleidung unter dem Spülbecken seiner Küche, wo er alle Anstrengungen unternahm, den neuen Geschirrspüler erfolgreich anzuschließen, als sein Handy klingelte. Der Zeitpunkt für ein Telefongespräch war denkbar ungünstig, denn er hielt in der einen Hand das Ende des Abwasserschlauches und in der anderen die Rohrzange. Erschwerend kam hinzu, dass vor seiner Brust auch noch ein Eimer stand, der das Wasser auffing, das aus dem geöffneten Abflussrohr lief. Deshalb versuchte er auch, flach durch den Mund zu atmen, denn nach dem Öffnen des Rohres roch es in dem Verschlag unangenehm nach Küchenabfällen und ranzigem Fett.

Doch das Klingeln des Handys zwang ihn, damit aufzuhören. Schramm holte tief Luft. „Christiane! Telefon!“, rief er, so laut er konnte. „Christiane!“

Hinter ihm klappte die Küchentür. „Schrei nicht so“, hörte er seine Frau ärgerlich sagen. „Ich bin ja schon da.“

Endlich verstummte das Klingeln.

„Christiane Schramm“, meldete sie sich. Wenige Sekunden später tippte sie ihn auf den Rücken. „Leonberg für dich! Ich denke, du hast Urlaub. Können die dich nicht in Ruhe lassen? Was machen die, wenn du in Pension bist?“

Schramm unterdrückte einen Fluch, legte den Schlauch beiseite und streckte den linken Arm nach hinten, während er aus dem Verschlag heraus etwas zu Christiane sagte, das wie „Keine Ahnung“ klang.

„Warum immer du?“, fragte seine Frau. „Die Küche ist noch nicht fertig, und für heute Abend haben wir Opernkarten.“ Christiane drückte ihm das Telefon in die Hand. „Vergiss nicht, am Wochenende kommen die Kinder“, fügte sie wütend hinzu und verschwand aus der Küche.

Alfred Schramm führte das Handy ans Ohr. „Schramm!“

„Leonberg hier! Tag Chef. Sie wissen, ich würde Sie nicht im Urlaub anrufen, wenn es nicht wichtig wäre. Aber Koller haben sie zur Weiterbildung geschickt.“

„Und Schwendinger?“

„Kam heute früh ins Spital. Blinddarmdurchbruch. Der Polizeipräsident will, dass Sie den Fall übernehmen.“

„Welchen Fall?“, fragte Schramm irritiert.

Leonberg senkte die Stimme: „Der Industrielle Joseph Schellenberg ist tot. Man hat ihn im Lift gefunden. Es könnte sich um einen Unfall handeln, aber ein Gewaltverbrechen ist nicht auszuschließen.“

Schramm seufzte ungläubig und stieß dabei unsanft mit dem Kopf gegen das Waschbecken über ihm. „Aua, verdammt.“ Er versuchte eine bequemere Position in dem Verschlag zu finden. „Was“, schnaufte er gereizt, „haben Sie bisher unternommen?“

„Unsere Leute sind noch vor Ort im Schellenberg Tower. Hundestaffel, Spurensicherung, Kampfmittelanalyse, bisher das volle Programm. Benischke ist fest davon überzeugt, dass es kein Unfall war. Er hat das im Urin, meint er. Es wurden zwar noch keine Beweise sichergestellt, aber die Spuren erhärten den Verdacht, dass …“

Schramm stöhnte auf, weil ihm der rechte Fuß eingeschlafen war. Er versuchte, langsam den Fuß zu entlasten, es gelang ihm aber nicht. Martin Benischke ist ein erfahrener Mann, dachte er. „Denkt der wirklich, dass es ein Gewaltverbrechen war?“, fragte Schramm.

„Ja, und deshalb rufe ich auch an. Sie sollten sofort hierher kommen und den Tatort persönlich in Augenschein nehmen. Der Polizeipräsident möchte nämlich absolute Klarheit in dem Fall …“

Schramm wurde hellhörig. „Moment mal! Sie erwähnen schon wieder den Polizeipräsidenten? Wer hat den Mann überhaupt informiert, und warum interessiert der sich zu so einem frühen Zeitpunkt für den Stand der Ermittlungen?“

„Ich weiß es nicht, Chef, aber ich denke, das können wir auch hier bereden. Ich gebe Ihnen die Adresse per SMS durch.“

„Gut, machen Sie das.“

Das Gespräch wurde unterbrochen.

Schramm krabbelte rückwärts aus dem Verschlag. Mühsam richtete er sich auf, legte die Rohrzange aus der Hand und bewegte seinen rechten Fuß, damit die Blutzirkulation wieder in Gang kam. So ein verdammter Mist, dachte er und rieb seinen schmerzenden Arm. Seitdem der Begriff Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit dem Namen Schellenberg gefallen war, meldete sich schmerzhaft sein Magengeschwür. Dieser Fall konnte rasch eine politische Brisanz entwickeln, die ihm nicht gefiel. Minister und Amtsräte, die sich einmischten, private Sicherheitsleute, die sich wichtigmachten, Erbenermittler … und das alles, kurz bevor er in Pension ging. Ein Versagen bei so einem Fall würde dem ermittelnden Kriminalbeamten nicht besonders gut zu Gesicht stehen. Er könnte leicht zum Bauernopfer werden.

Langsam ließ er den Arm sinken. Er verspürte überhaupt keine Lust, so kurz vor der Pensionierung noch über die Klinge zu springen.

Jetzt male nicht gleich den Teufel an die Wand, versuchte er sich zu beruhigen. Warte die Ergebnisse der Spurensicherung ab. Bis dahin tust du deinen Job und vertraust auf deine jahrelange Erfahrung und Intuition, so, wie du es immer getan hast.

Schramm lief nebenan ins Bad, öffnete die oberen Knöpfe des Arbeitshemdes, zog es umständlich über den Kopf und warf es zur Schmutzwäsche in den Korb. Danach drehte er sich zum Waschbecken und schäumte sich mit Seife ein. Dabei bemerkte er, dass ihm nach vier Tagen Küchenrenovierung jeder Muskel und Knochen im Körper wehtat. Besonders eine Stelle unter dem linken Knie machte ihm zu schaffen.

Er drehte die Wasserhähne zu, nahm ein Handtuch vom Haken und trocknete sich das Gesicht und die Hände ab.

Schramm hängte das Handtuch zurück und erblickte sein von Sorge zerfurchtes Gesicht im Spiegel des Badschranks.

Seine Haare waren schon früh weiß geworden, etwas lichter auch am Oberkopf. Die gerade Nase trennte zwei graublaue Augen, die ihn jetzt fragend musterten und von einem Strahlenkranz aus Fältchen umgeben waren. Auch hatte er immer noch ein energisches Kinn.

Schramm straffte sich.

Für sein Alter war er noch erstaunlich gut in Form, auch weil er, seit Christiane pensioniert war, mehr auf seine Ernährung achtete. Trotzdem entging ihm nicht, dass auch bei ihm die letzten Jahre ihre Spuren hinterlassen hatten, und je länger er sein Spiegelbild betrachtete, umso unsicherer wurde er, ob er für diesen letzten Akt noch genügend Kraft und die erforderlichen Nerven besaß.

Kapitel 2

Der Airbus schwenkte abseits der Rollbahn in die endgültige Parkposition. Kurz darauf verstummten die Turbinen.

Die Passagiere lösten die Sicherheitsgurte und sprangen von ihren Sitzen auf. Hektische Betriebsamkeit erfüllte das Flugzeug.

Mühsam öffnete Daniel Kremser die Augen. Seine Lippen fühlten sich trocken an, und die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er gähnte herzhaft und versuchte den Kopf zu drehen. Dabei bemerkte er, dass ihm die linke Schulter schmerzte. Das Nackenkissen war verrutscht. Träge massierte er die schmerzende Stelle.

Nach dem Ende seiner Pilotenlaufbahn flog er noch immer nicht gern als Passagier. Immerhin gelang es ihm durch die Einnahme eines Schlafmittels den Aufenthalt an Bord weitestgehend auszublenden. Doch diesmal war es ihm ausgesprochen schwergefallen, zur Ruhe zu kommen. Fortwährend kreisten seine Gedanken um die rätselhafte Nachricht, die er in Sankt Lucia von Wolfgang Schellenberg erhalten hatte und die ihn bewog, sofort nach Wien zu fliegen.

Wolfgang und er kannten sich seit einigen Jahren und teilten dieselben wissenschaftlichen Interessen. Kremser war sich sicher, dass es vor allem dem Einfluss von Wolfgang Schellenberg zu verdanken war, dass die gleichnamige Familienstiftung seine Forschungsarbeit in letzter Zeit noch einmal mitfinanziert hatte, um die Datenerhebung in der Karibik für seine Habilitation abzuschließen.

Kremser erhob sich und zog umständlich seinen Koffer aus dem Gepäckfach, griff anschließend nach der Tasche mit der Fotoausrüstung und stellte beides aufeinander.

Dann ging er mit dem Gepäck in Richtung Ausstieg.

Der Passagierraum des Flugzeugs hatte sich inzwischen geleert. Am Ende des Ganges standen nur noch zwei Stewardessen, die leise miteinander sprachen.

Als Kremser an ihnen vorrüberging, verabschiedeten ihn die beiden Frauen mit einem Lächeln.

Er trat auf den oberen Absatz hinaus und kniff sogleich die Augen zusammen. Die Sonne stand hoch und tauchte das Flugfeld in gleißendes Licht. Umständlich zog er die Sonnenbrille aus der Brusttasche des Hemdes und setzte sie auf.

Dann stieg er die Gangway hinab.

Ein schneller Seitenblick verriet ihm, dass eine junge Frau mit Gitarre soeben als einer der letzten Passagiere in einem der Transferbusse verschwand, die mit laufenden Motoren bereitstanden.

Auch Kremser erreichte jetzt das Rollfeld und lief mit langen Schritten auf den vorderen Bus zu. Der Abstand verringerte sich schnell. Er war gerade im Begriff, den Fuß aufs Trittbrett zu setzen, als ihn jemand unerwartet von der Seite ansprach. „Doktor Daniel Kremser?“

Überrascht hielt er inne und wandte sich um. Vor ihm stand ein Mann, etwa Mitte dreißig, der in seinem dunkelblauen dreiteiligen Anzug wie aus dem Ei gepellt aussah. Die Augen hatte er prüfend auf ihn gerichtet. Ein Zweiter, der um einiges älter war, stand einige Schritte abseits. Er hatte die Hände tief in den Seitentaschen seines Blousons vergraben und beobachtete ihn aufmerksam. Kremser vermutete, dass die beiden zusammengehörten, und wurde unruhig.

„Ja, bitte?“, fragte er überrascht.

„Braunsperger, Staatsschutz.“ Der Mann war klein und stämmig, hatte ein rundes Gesicht und flinke Augen, die Kremser unverhohlen musterten. Mit großer Geste zog er einen grauen Ausweis hervor, auf dem Kremser ein Passfoto, den Stempel einer Behörde und den österreichischen Bundesadler erkennen konnte.

„Bitte begleiten Sie uns.“

Kremser versuchte trotz der Nachwirkungen des Schlafmittels einen klaren Gedanken zu fassen. Er rieb sich die Stirn und blinzelte. „Entschuldigen Sie!“, protestierte er. „Aber das muss sich hier um einen Irrtum handeln.“

Der Ältere kam jetzt auf ihn zu und stellte sich dicht neben ihn. „Sie sind doch Doktor Daniel Kremser?“

Er sah ihm direkt ins Gesicht.

Kremser nickte langsam.

„Gut. Dann haben wir das schon mal geklärt.“ Der Ältere ließ ihn nicht aus den Augen. „Nächste Frage. In welcher Beziehung stehen Sie zu Professor Doktor Wolfgang Schellenberg?“

„Wolfgang Schellenberg?“ Sofort fiel Kremser die mysteriöse Nachricht ein. „Ist ihm etwas zugestoßen?“

Der Ältere musterte ihn abschätzend. Seine Stimme bekam plötzlich einen scharfen Unterton. „Wie kommen Sie darauf, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte?“

Kremser hob hilflos die Hände. Er war unangenehm berührt. „Ich dachte nur …“

Er brach mitten im Satz ab.

Im Bus hinter ihm begannen die Menschen wegen der Verzögerung zu murren. Nicht jeder der Reisenden hatte mitbekommen, warum sich die Weiterfahrt verzögerte. Braunsperger drehte sich um und gab dem Fahrer das Zeichen loszufahren.

Zischend schloss sich vor Daniel Kremser die Tür. Er verstand es immer noch nicht. Widerwillig trat er einen Schritt zurück. Langsam rollten die Busse davon und gaben den Blick auf eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben frei.

Kapitel 3

Die große Informationstafel im Ankunftsterminal veränderte sich wiederholt auf allen Positionen und gab die aktuellen Daten der Landungen bekannt.

Abseits der Wartenden stand ein Mann, dessen eine Gesichtshälfte von einer Narbe in Form einer angreifenden Kobra entstellt war. Er trug eine zusammengerollte „News“ in der Hand und studierte aufmerksam die Anzeige. Die Maschine aus Sankt Lucia war seit ungefähr zehn Minuten am Boden, und es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Zielperson den Transitbereich verließ.

Er wusste nicht, ob der Mann zusätzliches Gepäck mit sich führte, das er noch an den Transportbändern entgegennehmen müsste. Überhaupt hatte er diesmal nur wenige Informationen über die Zielperson. Ein Foto mit dem Namen Daniel Kremser und den Auftrag, den Mann in den nächsten Stunden zu observieren.

Alle anderen Entscheidungen überließ man sowieso besser der Zentrale.

Der Mann registrierte, dass der Lärmpegel, den die Menschen verursachten, die nach Verwandten, Kollegen oder Freunden hinter der Absperrung Ausschau hielten, in den letzten Minuten erheblich gestiegen war. Manche der Wartenden hatten Blumen dabei, andere Pralinen. Eine Gruppe Mädchen hielt ein selbst gemaltes Willkommensschild hoch.

Er warf noch einen letzten Blick auf das Foto.

Die Zielperson war männlich, Ende dreißig, athletisch, groß, dunkelblonde Haare, blaue Augen, markantes Kinn und gut aussehend. Er soll während seines Militärdienstes Pilot gewesen sein. So einen konnte man selbst hier, in der Menschenmenge, nicht übersehen.

Der Mann im Terminal hielt den richtigen Zeitpunkt für gekommen, sich näher am Ausgang zu postieren.

Dabei musterte er noch einmal die Reihe professioneller Fahrer, die hinter dem Gedränge standen und Pappschilder mit dem Logo ihrer Transportfirma hochhielten, neben denen ein oder mehrere Namen notiert waren. Vorhin war er an ihnen vorübergeschlendert und hatte unauffällig die Aufschriften gelesen. Der Name seiner Zielperson war nicht darunter.

Jetzt nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und drehte den Kopf. Die Schiebetür des Ankunftsbereiches hatte sich geöffnet, und ein bunter Haufen braungebrannter Urlauber quoll heraus. Kreischend wurde das Gepäck mitten in der Absperrzone abgestellt, um sich gegenseitig in die Arme zu fallen. Blumen und Pralinen wechselten den Besitzer.

Ihm eröffnete es die Möglichkeit, einen raschen Blick auf die Kofferbanderole der Airline an den Griffen zu werfen.

SLU – Sankt Lucia.

Jetzt wusste er Bescheid.

Wieder öffnete sich das Tor. Wieder trafen gut gelaunte Touristen auf ihre Angehörigen. Das wiederholte sich noch einige Male, doch seine Zielperson war nicht darunter.

Der Mann schaute auf seine Uhr. Inzwischen waren seit der Landung zwanzig Minuten vergangen.

Er spürte, dass sich die Konstellation der Gäste veränderte. Der Strom der Urlauber versiegte zusehends. Dafür kamen jetzt Männer in Nadelstreifenanzügen, das „Handelsblatt“ unter den Arm geklemmt und ihr Mobiltelefon am Ohr oder in der Hand. Mit raschem Schritt hielten sie auf die Reihe der Fahrer zu. Ein kurzes Kopfnicken. Dann waren die Ankünfte aus London und Frankfurt am Main verschwunden.

Suchend blickte der Mann sich um. Viele Gesichter, die anfangs mit ihm zusammen gewartet hatten, waren inzwischen verschwunden und durch andere ersetzt worden.

Plötzlich brauste Jubel auf. Hoffnungsvoll drehte sich der Mann noch einmal in Richtung Ausgang. Vielleicht war sein Zielobjekt ein Prominenter? Die Vermutung wurde beim Anblick der jungen blonden Frau, die eine Gitarre auf dem Rücken trug und zaghaft ihren Fans zuwinkte, zunichtegemacht.

Was sollte er tun?

Unruhig lief der Mann hinter der Absperrung auf und ab.

Über seinem Kopf veränderten sich erneut die Positionen auf der Informationstafel.

Er stöhnte auf.

Der Flug aus Sankt Lucia wurde nicht mehr angezeigt. Wahrscheinlich lag es daran, dass alle Passagiere die Maschine und später auch das Flughafengebäude verlassen hatten.

Wirklich alle?

Der Mann fuhr sich nervös durchs Haar. Ausgerechnet seine Zielperson blieb verschwunden. Aber wo steckte der Kerl? So viel war klar, hier war er definitiv nicht vorbeigekommen.

Ich muss die Zentrale informieren, ging es ihm durch den Kopf.

Er zog das Mobiltelefon heraus.

Kapitel 4

Braunsperger nahm mit wichtiger Miene auf dem Beifahrersitz Platz und schnallte sich umständlich an. Kremser hockte mittig auf der Rückbank, die Fotoausrüstung mit den wertvollen wissenschaftlichen Dokumentationen vor sich auf den Knien. Sein Handkoffer war vor der Abfahrt im Heck des Fahrzeugs verschwunden. So viel hatte er noch mitbekommen.

Die Limousine glitt in hohem Tempo über die Schnellstraße. Braunsperger strich seinen Anzug glatt und drehte sich zur Rückbank um. Mit leicht unterdrücktem wienerischen Akzent hob er zu sprechen an: „Sie werden verstehen, dass wir Sie nicht auf dem Rollfeld einer Befragung unterziehen konnten.“

Kremser mochte den Mann nicht. „Konnten Sie nicht?“, erwiderte er bissig. „Sie hatten nicht erwähnt, dass Sie mit mir einen Ausflug unternehmen wollen.“

Braunsperger winkte jovial ab. „Das tut nichts zur Sache. Glauben Sie mir. Wie gesagt, ich stelle Ihnen nur ein paar Fragen.“

Kremser schaute auf den Deckel seiner Fototasche und versuchte sich auf die Situation einzustellen. Links von ihm saß drohend der Ältere, die Hände zu Fäusten geballt.

Kremser wandte seine Aufmerksamkeit der jungen Frau zu, die den Wagen fuhr. Sie hatte beim Einsteigen kurz telefoniert und dabei amerikanisches Englisch gesprochen.

Er konnte sich auf all das keinen Reim machen. Was wollten die von ihm?

Daniel Kremser fiel auf, dass die Frau im Vergleich zu den beiden Männern mit der abgewetzten Lederjacke und dem schwarzen Kapuzenkleid eher leger gekleidet war, trotzdem vermutete er, dass es teure Markensachen waren. Sie trug keinerlei Schmuck. Ihr dunkelbraunes Haar war auf Kinnhöhe stufig gestutzt, aber der Schwung, mit dem sie es hinters Ohr strich, verriet ihm, dass es vor Kurzem noch lang gewesen sein musste. Die Sonnenbrille hatte sie bei der Abfahrt nach oben geschoben. „POLICE“ las er auf dem Brillenbügel.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Braunsperger zu.

Er konnte den Typ schwer einschätzen. Er wirkte zu aufgedreht für einen Staatsdiener, der Ältere hingegen war fast zu phlegmatisch. Vielleicht war es aber auch nur eine Mentalitätsfrage. Was wusste er schon über die Beamten beim österreichischen Staatsschutz?

Nichts.

Unauffällig tastete Kremser nach dem Handy. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, dachte er, werde ich in der Schellenberg Stiftung Alarm schlagen. Er hatte Joseph Schellenberg zwar nie persönlich getroffen, wusste aber von Wolfgang, dass er hervorragende Verbindungen besaß. Die Schellenbergs gehörten in Österreich zur Aristokratie. Soweit er darüber Kenntnis besaß, hatten sie durch das Adelsaufhebungsgesetz 1919 zwar ihre Titel, aber nicht ihr Vermögen und damit ihren Einfluss verloren. Vielleicht stimmte irgendetwas mit seinen Projektgeldern bei der Stiftung nicht, schoss es Kremser durch den Kopf. Aber würde dann der Staatsschutz ermitteln? Das wäre doch eher ein Fall für die Finanzbehörden.

Er wurde aus der Situation nicht schlau.

„Also, was wollen Sie von mir?“, fragte Kremser so unbeteiligt wie möglich und schaute auf seine Uhr.

„Wie haben Sie Universitätsprofessor Doktor Wolfgang Schellenberg kennengelernt?“

Aus der Klimaanlage strömte jetzt kühle Luft in den Wagen und half Kremser, sich zu konzentrieren.

„Ich traf ihn an der Uni. Er war mein Dozent.“

„Wann war das?“, fragte Braunsperger weiter.

„Etwa vor acht Jahren.“

Kremser rieb sich mit den Händen über das Gesicht. Vor wenigen Stunden noch war er in der Karibik, und jetzt saß er hier in einer Limousine und wurde vom Staatsschutz verhört.

Noch brachte er die beiden Welten nicht zusammen.

Sie folgten der Schnellstraße.

Futuristisch glänzte die Metallverkleidung des Raffineriegeländes der OMV, eines internationalen Öl- und Gas­unternehmens, in der Sonne.

Daniel Kremsers Gedanken verfingen sich in der Vergangenheit. Damals hätte er nicht geglaubt, dass er noch einmal studieren würde. Aber nach der Entlassung aus dem Bundeswehrkrankenhaus und dem Gutachten in seiner Krankenakte stand fest, dass er nie wieder fliegen würde, und das änderte alles.

„Welche Fächer haben Sie bei ihm belegt?“

Braunsperger machte mit den Händen eine ungeduldige Bewegung, die signalisierte, dass er eine rasche Antwort erwartete.

„Religions- und Bewusstseinsforschung“, entgegnete Kremser knapp durch zusammengepresste Zähne.

Braunsperger notierte das säuberlich auf einem Zettel in seinem Schoß. Seine Finger umklammerten dabei einen silbernen Kugelschreiber.

Daniel Kremser nutzte die kurze Pause. „Kann ich mal telefonieren?“, fragte er.

Der Alte im Blouson neben ihm schaute ihn abweisend an und schüttelte mit Bestimmtheit den Kopf.

Kremser wurde langsam ungeduldig. „Können Sie mir sagen, worauf diese Befragung eigentlich abzielt?“

Braunsperger fixierte Kremser mit zusammengezogenen Brauen und richtete die Spitze des Metallstifts auf ihn, die dicht vor seinem Gesicht aufblitzte. „Die Fragen hier stelle ich. Ist das klar?“, sagte er nachdrücklich. Dann drehte er den Kopf langsam wieder nach vorn und fingerte an seinem Jackett.

Ob die bewaffnet sind?, fragte sich Kremser und musterte unauffällig seinen Nebenmann. Er konnte nicht erkennen, ob dieser unter dem Blouson einen Schulterholster trug, aber möglich war es. Er wandte den Blick geradeaus. Bei jeder Bodenwelle wippte Braunspergers runder Kopf auf seinen Schultern wie eine Bowlingkugel. Kremser überlegte, wie leicht es wäre, ihm die Schlaufen seiner Foto­tasche um den Hals zu legen und diese mit einem Ruck zuzuziehen. Dem Alten neben ihm konnte er mit einem gezielten Ellenbogenkick die Nase brechen, aber wenn die Frau eine Waffe trug, setzte sie ihn schachmatt, bevor er aus dem Fahrzeug fliehen konnte. Äußerlich wirkte sie ruhig, sah aber immer wieder auf das Navigationsgerät in der Konsole und trommelte mit den Fingerspitzen auf das Lenkrad.

Kremser wandte sich ab und schaute stumm aus dem Fenster, um sich abzulenken. Der lange Flug und die Zeit­umstellung hatten ihn reizbar gemacht. Es wäre dumm, sich auf einen Kampf einzulassen.

Während die begrünten Straßenränder, Lagerhallen und Shoppingcenter vorüberzogen, glitten seine Gedanken noch einmal in der Zeit zurück.

Die Psychologin riet ihm noch einmal zu studieren. Aber er sollte sich bei der Auswahl der Studienrichtung Zeit lassen. Schließlich war er durch die Abfindung und die kleine Rente vorerst finanziell unabhängig. Er reiste damals ziellos durch Europa. Amsterdam, Paris, Rom … es war eine bewegte Zeit, an die er kaum Erinnerungen hatte. Schließlich war er in Wien hängen geblieben.

Irgendwann folgte er dem Rat der Ärztin und setzte sich in mehrere Vorlesungen. Doch bei den meisten Studien gab es Fächer, mit denen er sich nicht anfreunden konnte. Endlose Zahlenkolonnen und Statistiken oder öde Gesetzestexte.

Er wollte den Plan schon aufgeben, da betrat er wie durch Zufall einen abgedunkelten Hörsaal, in dem ein Videofilm lief. Von dem Geschehen auf der Leinwand gefesselt, setzte er sich in die letzte Reihe. Über seinem Kopf erklangen sphärische Klänge, und eine Stimme rezitierte Fragen, mit denen er sich seit dem Afghanistaneinsatz herumschlug: „Wer bist du? Wo willst du hin? Was ist der Sinn deines Lebens?“

Er war nie religiös gewesen oder hatte sich für Philosophie interessiert. Aber als eine Stunde später im Saal die Lichter eingeschaltet wurden, hatte er den Entschluss gefasst, dass er genau auf diese Fragen eine Antwort finden musste. Also warum sollte er es nicht hier versuchen, hier in Wien?

Kremser bemerkte, wie Braunsperger sich räusperte und kurz zur Fahrerin hinüberschaute, um anschließend seine Befragung fortzusetzten. „Wann haben Sie Professor Schellenberg zum letzten Mal gesehen?“

„Ich denke, das ist jetzt ein Jahr her“, antwortete Kremser und wandte sich wieder dem Beifahrer zu. „Ich glaube, Mitte Mai. Aber dafür müsste ich im Kalender nachschauen.“

„Was war der Anlass Ihres Treffens?“, bohrte Braunsperger weiter.

„Ein Kongress. Übrigens hier in Wien. Wolfgang Schellenberg hielt die Eröffnungsrede. Er stand kurz vor dem Abschluss seines Buches über die großen Erzählungen der Weltreligionen. Er stellte einige Thesen daraus zur Diskussion.“

„Wie kann man sich das vorstellen?“, fragte Braunsperger interessiert.

„Seine Thesen waren provokant. Er verwendete bisher unveröffentlichtes Material aus Originalquellen. Wolfgang behauptete, dass viele große Mythen der Menschheit, egal wo in der Welt sie kulturell verankert sind, sich auf eine Ursprungsquelle, also einen einzigen Ausgangspunkt zurückführen lassen, und er stellte in Aussicht, in absehbarer Zeit aufsehenerregende Artefakte der Öffentlichkeit zu präsentieren.“

„Artefakte, so so“, bemerkte Braunsperger lebhaft. „Haben Sie das Buch?“

„Nein, es ist noch nicht erschienen“, antwortete Kremser knapp.

„Aber Sie besitzen eine Kopie des Manuskripts?“, fragte der Mann plötzlich geschäftig.

„Nein, Wolfgang Schellenberg behielt seine Unterlagen unter Verschluss, bis er sie veröffentlichte. Ich habe nur ein paar Notizen aus unseren Gesprächen. Seine Annahmen betreffen im Wesentlichen auch mein Forschungsgebiet.“

Braunsperger tauschte einen Blick mit der Frau am Steuer.

Argwöhnisch fragte Kremser: „Warum wollen Sie das alles wissen?“

„Gut! Dann händigen Sie uns die Notizen aus!“, verlangte Braunsperger plötzlich.

„Sicher nicht!“, entgegnete Kremser bestimmt und umschloss demonstrativ seine Fototasche.

Eine unangenehme Pause entstand.

„Denken Sie, dass Professor Schellenberg Gegner hatte?“, fragte plötzlich der ältere Beamte neben ihm.

Kremser sah ihn überrascht von der Seite an. „Wenn Sie Kritiker meinen, sicher, die gibt es!“

„Nein!“ Der Ältere klang jetzt bestimmt. „Ich habe mich vielleicht nicht richtig ausgedrückt. Denken Sie, dass Wolfgang Schellenberg Feinde hatte?“

Kapitel 5

In der Ferne zeichneten sich jetzt die charakteristischen Silhouetten der Simmeringer Gasometer-Türme ab. Es waren ehemalige Gasbehälter aus dem 19. Jahrhundert, die inzwischen zu luxuriösen Wohnungen und Entertainmentcentern umgebaut worden waren. Ein gleißendes Licht wurde von den Fenstern zurückgeworfen.

Kremser presste die Lippen fest aufeinander. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Woher sollte er wissen, ob sein Mentor Feinde hatte? Warum war das relevant? Konnten sie das Wolfgang Schellenberg nicht selbst fragen?

In die entstandene Stille hinein räusperte sich die Frau vernehmlich. Daraufhin lehnte sich Braunsperger demonstrativ im Sitz zurück und strich den Zettel in seinen Händen glatt.

Ein Schild über der Fahrbahn verkündete „Richtung Zentrum“. Die Straße folgte jetzt dem Verlauf des Donaukanals, und der Verkehr um sie herum wurde dichter.

Kremser nahm wahr, wie die Frau hinter dem Lenkrad die Spur wechselte. Wohin fuhren sie?

Braunsperger hüstelte und setzte erneut an: „Kommen wir zu einem anderen Punkt. Was verraten Ihnen die Buchstaben N-I-G?“ Er betonte jeden der Buchstaben einzeln.

Kremser erschrak, ließ es sich aber nicht anmerken. Obwohl der Mann die Bezeichnung falsch ausgesprochen hatte, wusste er sofort, was gemeint war. Sogleich fragte er sich, ob der Staatsschutz die Mitteilung von Wolfgang abgefangen hatte. Nein, das ist absurd, beruhigte sich Kremser. Aber warum fragte dann dieser Braunsperger ausgerechnet nach dem NIG? Kremser rief sich den genauen Wortlaut der SMS noch einmal ins Gedächtnis.

Treffen unbedingt erforderlich, NIG, Universitätsstraße 7, Etage 3, Zimmer 2250, Martin schläft bei Richard.

Bis zu seiner Landung ging er davon aus, dass Wolfgang ihn wegen ein paar wissenschaftlicher Fragen wie ungeklärten Datierungen konsultieren wollte. Aber jetzt, da er sich einem Verhör ausgesetzt sah, zweifelte er daran. Darum beschloss er, von nun an auf Zeit zu spielen. Irgendwann nahm die Fahrt ein Ende, und dann würde er weitersehen. „Reden wir jetzt über das Neue Institutsgebäude der Universität Wien?“, fragte er Braunsperger mit fester Stimme.

Dessen Antwort kam zögerlich. „Ich denke schon.“

Kremser fiel auf, dass er der Frau auf dem Fahrersitz abermals einen schnellen Seitenblick zuwarf, bevor er sich ihm wieder zuwandte. Irgendwie wurde Kremser das irritierende Gefühl nicht los, dass dieser Braunsperger völlig im Dunkeln tappte.

„NIG“, er zog die Buchstaben zu einem Wort zusammen, „ist die geläufige Abkürzung unter den Studenten und dem Lehrpersonal. Auch das Institut, dem Professor Doktor Wolfgang Schellenberg vorsteht, unterhält dort Räumlichkeiten.“

Braunsperger nickte.

Plötzlich bremste der Wagen, wurde rasch langsamer und hielt. Kremser stützte sich mit einer Hand an der Lehne des Vordersitzes ab. Dann schaute er aus dem Seitenfenster. Überrascht stellte er fest, dass sie schon mitten in der Stadt waren. Die Ampel schräg vor ihm stand auf Rot. In diesem Moment lief links eine lärmende Kindergruppe los, um die Fahrbahn zu überqueren.

Kremser drehte den Kopf wieder nach vorn und beobachtete Braunsperger, der leise fluchend an seinem Mobiltelefon herumdrückte. Der Ältere neben ihm schaute indessen dem Rock der Kindergärtnerin hinterher, als ginge ihn das Geschehen im Wagen nichts an. Die junge Frau blickte nach vorn durch die Frontscheibe.

Die perfekte Gelegenheit, um abzuhauen. Er musste sich nur aus dem Wagen werfen. Er wollte gerade den Hebel der Tür drücken, als er entdeckte, dass er von der Frau im Rückspiegel beobachtet wurde. Sie sah ihn prüfend an. Nur kurz trafen sich ihre Blicke. Es schien ihm, als würde sie ganz leicht den Kopf schütteln.

Kremser wandte sich ab. Die beiden Beamten hatten nichts bemerkt. Jetzt verstand er überhaupt nichts mehr.

Was wollte sie ihm signalisieren? Hatte sie mitbekommen, dass er fliehen wollte, oder sollte er Wolfgangs Nachricht verschweigen?

Er stutzte. Das würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass die Frau über die SMS Bescheid wusste.

Aufgeregt spähte er noch einmal in Richtung Rückspiegel. Doch diesmal begegnete er nur seinem eigenen gehetzten Blick.

In diesem Moment fuhr die Limousine wieder los.

Braunsperger steckte sein Handy ein, und der Ältere neben ihm scharrte ungeduldig mit den Füßen.

Kremser hatte sich entschieden, nicht mehr zu kooperieren. Er zuckte demonstrativ mit den Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie fuhren schweigend an Stadthäusern, Parks und kleinen Trafiken vorbei in Richtung Ring, der das Zentrum der Innenstadt umschloss.

Kremser rief sich die bekannten Straßenzüge in Erinnerung und überlegte, wohin die Fahrt ging, als die Limousine erneut das Tempo verringerte und in eine weniger belebte Nebenstraße abbog.

Braunsperger hielt sich an der Kopfstütze fest, und der Ältere brummte unfreundlich, als Kremser durch das plötzliche Manöver unsanft gegen ihn gedrückt wurde, weil er noch immer seine Fotoausrüstung umklammert hielt. Als er sich aufrichtete, fiel sein Blick zufällig auf einen Schriftzug, der über einer Reihe von Rund­bögen, die zu einem Arkadengang gehörten, befestigt war:

Hotel Regina.

Schlagartig wurde ihm klar, wo er sich befand. In diesem Hotel hatte er während des Kongresses gewohnt. Das Neue Institutsgebäude lag nur wenige Gehminuten von hier entfernt.

Die Frau lenkte die Limousine in eine freie Parklücke neben dem Hoteleingang.

Was wollen wir hier?, dachte Kremser und schluckte mühsam.

Der Ältere neben ihm begann mit den Fingerknöcheln zu knacken. Kremser spürte unwillkürlich, wie sich sein Nacken verspannte.

Braunsperger öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Er ließ sie einfach offen. Motorenlärm und Wärme, vermischt mit Abgasen und dem beißenden Geruch von Urin drangen herein. Kremser sah, wie der Sicherheitsmann zu einem nachtblauen BMW hinüberging, der im Schatten einiger Bäume stand, und sich hineinsetzte. Kurz darauf sprang der Motor an. Mein Gott, ging es Kremser durch den Kopf, die wollen das Fahrzeug wechseln. Was soll das werden? Eine Entführung?

Er schaute sich panisch nach einem Fluchtweg um.

Der BMW kam mit laufendem Motor hinter der Limousine zum Stehen. Kremser sah im Rückspiegel, dass Braunsperger keine Anstalten machte auszusteigen. Dann spürte er, wie der Ältere neben ihm sich bewegte.

Du musst abhauen, ging es Kremser durch den Kopf. Sofort! Hier in der Ecke kennst du dich aus. Keine hundert Meter weiter gibt es eine U-Bahn-Station.

Unauffällig rutschte Kremser auf der Rückbank nach außen.

Versuche nur, mich aufzuhalten, dachte er wütend. Er wagte nicht, den Kopf zur Seite zu drehen. Endlich hatten seine Fingerspitzen den Türöffner erreicht. Die Füße suchten auf dem Blech nach einem Halt. Mit einer schnellen Bewegung wollte er die Tür aufstoßen, sich zur Seite werfen und davonrennen.

Plötzlich hielt er inne.

Der Ältere neben ihm machte Anstalten auszusteigen. Ächzend stütze er sich auf den Türrahmen und zog sich vom Sitz empor. Dann schlug er achtlos die Fahrzeugtür hinter sich zu und stieg zu Braunsperger in den BMW. Schon heulte der Motor auf. Der Wagen schoss davon und fädelte sich kurz darauf in den fließenden Verkehr ein.

Fassungslos schaute Kremser dem BMW hinterher. Dabei spürte er Erleichterung, Verwirrung, aber auch Zorn. Was sollte das ganze Theater?

Dann fiel ihm die Frau ein. Sie stopfte gerade ihr Mobiltelefon in die Jackentasche und schaute ihn über die Schulter hinweg an. Ein leises Lächeln trat auf ihr ernstes Gesicht, aber sie gewann sogleich die Kontrolle zurück. „Wie sieht’s aus, Doktor Kremser. Begleiten Sie mich?“ Kremser bemerkte den leichten Akzent, mit dem sie Deutsch sprach. Noch bevor er darüber nachdenken konnte, unterbreitete sie ihm bereits einen Vorschlag. „Was halten Sie davon, wenn wir Professor Schellenberg einen Besuch abstatten?“

Kapitel 6

Kremser war der Aufforderung der jungen Frau gefolgt. Er hatte seine Fotoausrüstung im Wagen zurückgelassen. Soeben hatten sie den Vorplatz des Hotels überquert und bewegten sich jetzt im Schatten der Votivkirche vorwärts. Die beiden neugotischen Kirchtürme über ihren Köpfen streckten die Kaiserkronen an ihren Enden dem wolkenlosen Himmel entgegen.

Kremser kannte die Geschichte, die hinter der Entstehung der Dankeskirche stand, weil Wolfgang sie ihm einmal erzählt hatte. Schellenberg zeigte sich fasziniert von der französischen Kathedralgotik des Mittelalters, von der sich auch die Erbauer der Votivkirche inspirieren ließen.

Heute jedoch galt Kremsers Aufmerksamkeit der Frau, die in diesem Augenblick schweigend neben ihm herlief. Unauffällig musterte er sie aus den Augenwinkeln. Er vermutete, dass sie Mitte zwanzig war. Ihre grünen Augen bedeckten nun Sonnengläser. Vorhin im Spiegel schienen sie fast südländisch und sehr ausdrucksstark unter den geschwungenen Brauen. Ihr Gesicht hatte ebenmäßige, klassische Züge, die aber immer wieder durch den Wind, der ihr ins Haar fuhr, verdeckt wurden. Kremser konnte im Gehen nur die Spitze der Nase und energisch vorgeschobene Lippen erkennen. Ihrer Aussprache und der forschen Art nach zu urteilen, überlegte Kremser, könnte sie aus Nordamerika kommen.

„Da Sie jetzt wissen, wer ich bin“, eröffnete er das Gespräch „würde es mich freuen zu erfahren, wer Sie sind.“

„Es tut mir leid wegen der Umstände“, sagte die Frau. „Aber ich habe erst vor wenigen Stunden erfahren, dass ein Kollege meines Vaters hierher auf dem Weg ist, und ich wollte so schnell wie möglich …“

Kremser blieb stehen. Zunächst begriff er nicht. Dann wurde ihm bewusst, was sie gesagt hatte. Sie hatte offenbar nichts mit dem Staatsschutz zu tun. Die Frau, die vor ihm stand, war demnach Wolfgang Schellenbergs Tochter. Sie nahm die Brille ab, aber in den Zügen ihres fein geschnittenen Gesichts konnte er nichts von Wolfgang erkennen.

Kremser hob eine Augenbraue. Log sie? Soweit er sich erinnern konnte, hatte Wolfgang ihm gegenüber nie eine Tochter erwähnt. Er starrte sie ungläubig an.

„Was ist?“ Sie blieb ungeduldig vor ihm stehen. Mein Name ist Kim“, fuhr sie fort. „Kim Winter.“

„Winter?“, wiederholte er. Das sagte ihm nichts.

„Der Mädchenname meiner Mutter Caroline. Sie lebt in Boston. Mein Vater hatte dort einen Lehrstuhl. Sie haben sich kurz nach meiner Geburt getrennt.“

„Verstehe“, erwiderte Kremser mechanisch, obwohl er in Wirklichkeit eher verwirrt war. „Und warum dann vorhin das ganze Theater mit dem Staatsschutz? Das waren doch Leute vom Staatsschutz, oder?“

Kim zögerte kurz mit der Antwort. „Das waren zwei Typen vom Sicherheitsdienst des Flughafens.“ Sie hob beide Hände, um Kremser zu beschwichtigen, als sie merkte, dass er zornig wurde. „Ich entschuldige mich bei Ihnen! Okay? Machen Sie sich mal locker. Wie sollte ich denn sichergehen, dass Sie auch wirklich derjenige sind, den mein Vater kontaktiert hat.“

Kremser stemmte die Hände ungläubig in die Hüfte. Sie wusste also auch von Wolfgangs SMS. „Ihnen ist schon klar, dass Sie eine Straftat begangen haben, oder?“ Er baute sich vor ihr auf und sagte mit Nachdruck: „Vielleicht hätten Sie mich ja auch einfach nur fragen brauchen. Wie jeder normale Mensch! Meine Telefonnummer hatten Sie ja.“

Sie sah ihn an. „Gut, vielleicht hätte ich das tun können. Aber jeder von uns macht in seinem Leben Erfahrungen, und mein Vater, Doktor Kremser, lehrte mich, vorsichtig zu sein. Können wir jetzt weitergehen?“

Sie drehte sich brüsk um, und Kremser blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Beide verließen den Votiv­park und traten aus dem Schatten der Platanen heraus. Einen Steinwurf von ihnen entfernt lag der Eingang zum NIG.

Kremser konnte dem Erscheinungsbild des Neuen Institutsgebäudes auch nach seiner Renovierung nicht viel abgewinnen. In seinen Augen stellte das Gebäude mit der beigen, porös wirkenden Fassade aus Tuffgestein und den flächigen, unregelmäßig versetzten getönten Fenstern den wenig gelungenen Entwurf eines Nutzbaus dar.

Wie imposant erschienen dagegen die Stadtpalais und Prunkbauten entlang des Rings, an denen er täglich während seiner Studienzeit vorüberfuhr. Selbst dem Hauptgebäude der Universität war es zumindest im äußeren Erscheinungsbild erfolgreich gelungen, sich in all der Zeit den postmodernen Einflüssen zu widersetzen.

Die beiden erreichten die Universitätsstraße und schauten sich erwartungsvoll um. Aber bis auf einen Lieferwagen der Firma UPS, der unmittelbar vor dem Gebäudeeingang parkte, war der Gehsteig vor dem Institutsgebäude verwaist. Keine Studenten. Auch sonst kaum Passanten.

„Für einen Montag ist es sehr ruhig“, stellte Kremser verwundert fest.

„Was erwarten Sie? Auf dem Campus sind Ferien.“

Kremser verstand. Dazu diese sommerlichen Temperaturen. Da verließ jeder, dem es irgendwie möglich war, die Stadt.

Sie überquerten die Straße. Seitlich von ihnen zuckelte eine Straßenbahn heran und hielt in der Station. Doch die Türen blieben geschlossen. Niemand wollte aussteigen. Ein Signal ertönte, und die Bahn fuhr weiter.

Als Kremser mit dem Lieferwagen auf einer Höhe war, warf er aus Gewohnheit einen Blick hinein. Das abgestellte Fahrzeug war leer.

Kim öffnete eine der Portaltüren und schlüpfte hinein. Kremser folgte ihr.

Die langen Flure vor den Hörsälen mit den hellbraunen Bänken in den Wandnischen lagen völlig verlassen da. Nirgends ein Mensch. Nur das einsame Brummen eines Getränkeautomaten unterbrach die Stille. An einem gläsernen Vorbau neben dem Eingang, der offensichtlich als Antiquariat diente, hingen, in etlichen Lagen übereinander geklebt, Kleinanzeigen von der Wohnungssuche bis zum Nachhilfeunterricht. Kim sah sich suchend nach einem Gebäudeplan um.

„Wir müssen in den dritten Stock“, sagte Kremser und deutete auf einen Paternoster, der rechts vom Eingang die einzelnen Stockwerke miteinander verband.

„Was, mit diesem Ding? Das ist ja vorsintflutlich. Gibt es hier keinen Lift?“ Abschätzend betrachtete Kim die offenen Kabinen, die wie an Kettengliedern hintereinander gereiht links von ihr in einer Bodenöffnung verschwanden und rechts durch eine zweite Öffnung aus dem Fußboden wieder herauskamen. Wie von Geisterhand gezogen schwebten sie im selben Tempo empor, wie sie auf der anderen Seite im Boden versanken. Kim starrte in die leere Öffnung.

Kremser stand neben ihr und war dicht an den Rand getreten. Er wartete.

„Am besten, Sie machen einen weiten Schritt in die Kabine hinein, wenn der Kabinenboden noch einige Zentimeter unter dem Niveau des Fußbodens ist.“ Kremser stupste sie an der Schulter an. „Jetzt!“

Kim tat einen großen Schritt. Die Kabine schwankte unter der plötzlichen Belastung kurz hin und her, ohne jedoch an Geschwindigkeit zu verlieren. Kremser folgte ihr dicht nach. Dann standen sie sich in der Kabine schweigend gegenüber.

Langsam fuhr der Aufzug sie nach oben.

Kim drehte sich leicht von ihm weg, zog ihr Handy aus der Jacke und schaute auf das Display. Kremser sah, wie sie stumm die Stirn in Falten legte und das Telefon wortlos wieder wegsteckte.

Eigenartiges Mädchen, stellte Kremser fest und lehnte den Kopf an die Kabinenwand. Was sollte die Aktion vorhin? Ist die Frau nicht ganz dicht? Er musterte sie unmerklich. Gleich werden sie Wolfgang gegenübertreten, versuchte er sich zu beruhigen. Dann wird sich hoffentlich alles aufklären. Jedenfalls, kam er nicht umhin festzustellen, dass sie, was die Geheimniskrämerei anging, ganz nach ihrem Vater kam.

Endlich erreichten sie die dritte Etage. Stetig schob sich die Kabinenöffnung über die Betonkante. Ein Schild neben der verglasten Eingangsfront verkündete „Institut für Sozial- und Kulturanthropologie“.

Kim erblickte den Mann im braunen Dress zuerst, der mit dem Rücken zu ihnen stand und ratlos den Eingang musterte. Sie stieß Kremser an und nickte stumm in Richtung des Mannes, gerade als der Kabinenboden die richtige Höhe erreichte, um auszusteigen.

Kremser hatte den Mann an seiner Uniform als Mitarbeiter des Paketdienstes erkannt. Es war sein Lieferwagen, der unten vor dem Haus parkte. Der Mann hielt einen Umschlag aus festem Karton in der Hand.

„Guten Tag“, sagte Kremser. „Können wir Ihnen helfen?“

Sie sahen, dass der Mann erschrak, als sie ihn so unverhofft ansprachen, sich dann aber schnell zu ihnen umdrehte.

Er lächelte befreit. „Grüß euch! Gehört ihr hier dazu?“, sprudelte es aus ihm heraus, und er zeigte auf das Schild neben dem Eingang. „Ich habe hier eine Zustellung für …“, er schaute in seine Kladde, „Professor Wolfgang Schellenberg. Aber heute ist das Sekretariat nicht besetzt.“

Kremser ging auf den Mann zu. „Kein Problem. Wir nehmen den Brief mit hinein. Wir sind mit dem Herrn Professor verabredet.“

Der Bote strahlte. „Mann, das ist super. Sie müssen mir nur noch den Empfang bestätigen, und dann bin ich auch schon weg.“

Kremser malte einen unleserlichen Kringel in die Spalte und bekam den Briefumschlag ausgehändigt.

Rasch verabschiedete sich der Zusteller und sprang in den Paternoster. Zuerst verschwanden seine Beine, dann der Rest der Gestalt.

Kremser drehte sich zur Tür um.

Kim stand seitlich an der Wand und zeigte auf einen kleinen rechteckigen Kasten, an dem ein rotes Lämpchen leuchtete.

„Das ist eine elektronische Türsicherung“, sagte sie. „Dafür benötigen wir den Zugangscode.“

Kim sah ihn erwartungsvoll an.

„Haben wir denn einen?“, fragte Kremser.

Kim lächelte. „Nur die Kombination, die Wolfgang Ihnen per SMS geschickt hat.“

Kremser schaute Kim einen Moment lang fragend an. Dann klemmte er sich den Briefumschlag unter den Arm und suchte in der Jackentasche nach seinem Mobiltelefon. „Wolfgang hat mir keinen Code geschickt“, stellte er dabei fest. „Hier, schauen Sie selbst!“ Er hielt ihr das Display hin. Kim überflog den Text.

Treffen erforderlich, NIG, Universitätsstraße 7, Etage 3, Zimmer 2250, Martin schläft bei Richard.

„Nicht gerade sehr einfallsreich“, murmelte sie und begann die Zahlen nacheinander einzutippen: 73 22 50. Dann bestätigte sie. Mit leisem Knacken entriegelte das Schloss, und die Kontrollleuchte sprang auf Grün. Sie öffnete die Tür.

„Ich dachte, es wäre die Adresse“, rechtfertigte sich Kremser.

„War es ja auch“, antwortete Kim schmunzelnd. „Wo müssen wir jetzt hin?“

Kremser sah sie überrascht an. „Sie wissen nicht, wo das Arbeitszimmer Ihres Vaters ist?“

„Nein“, erklärte Kim bestimmt. „Ich war noch nie hier.“

Kremser stutzte und setzte zu einer Frage an, ließ es dann aber sein. Er wurde aus der Frau einfach nicht schlau. Gott sei Dank würde das alles sicher gleich aufgeklärt werden.

Matt winkte er mit der Hand. „Folgen Sie mir einfach.“

Sie liefen nebeneinander den Korridor hinunter. Keiner von ihnen sagte etwas. Am Ende vor einer großen Pa­noramascheibe angekommen, bogen sie nach rechts in einen engen Seitenflur ab. Auch den durchschritten sie in seiner ganzen Länge. Während sie den leeren Korridor entlanggingen, wurde Kremser plötzlich klar, dass Wolfgang Schellenberg selbst hier unter seinesgleichen immer ein Außenseiter geblieben war. Er kannte die Gründe dafür nicht, aber es fiel ihm heute zum ersten Mal auf. Was wusste er eigentlich von diesem Mann?

Dann standen sie vor der letzten Tür im Gang.

Kremser klopfte.

Hinter der Tür war kein Laut zu vernehmen. Keine Aufforderung an sie, den Raum zu betreten, nicht einmal ein unwilliges Scharren mit dem Stuhl.

Nur Stille.

Kremser klopfte noch einmal, diesmal kräftiger. Wieder keine Antwort.

Ratlos sah er Kim an. Sie warteten noch einige Augenblicke. Zögernd drückte er die Klinke nach unten.

Die Tür öffnete sich nur einen Spalt breit. Gerade so weit, dass man einen Arm hindurchstecken konnte. Dann stieß sie hart gegen ein Hindernis und blockierte.

Kapitel 7

Schramm stand hinter dem Absperrband in der Lobby des Schellenberg Towers und starrte auf die zerstörten, vom Ruß geschwärzten Ränder eines ursprünglich quadratischen Wanddurchlasses, hinter dem sich ein verwirrendes Durcheinander deformierter Stahlteile übereinander türmte, aus denen sich früher die Liftkabine zusammengesetzt hatte.

Er machte einen Schritt zur Seite und bemerkte dabei die Öffnung in einem der Teile knapp über dem Boden des Fahrstuhlschachts. Jemand hatte sie aus dem Metall gefräst, gerade groß genug, um einen Menschen bergen zu können.

Schramm hatte erst einmal genug gesehen und ging hinüber zu den beiden Männern, die in weiße Overalls gehüllt seitlich an einem Tisch standen und sich tief über einen Bauplan beugten.

„Wenn wir hier schneiden“, hörte er Benischke sagen, in dessen Hand die Spitze eines Bleistiftes der markierten Linie auf dem Ausdruck folgte, „können wir die obere Platte Stück für Stück entfernen.“

Der andere nickte und streifte sich die schweren Handschuhe über.

„Servus Martin“, grüßte Schramm.

Überrascht drehte sich der Kriminaltechniker zu ihm um.

„Alfred? Ich denke, du renovierst deine Küche?“

Der Chefinspektor winkte ab. „Hast du eine Minute? Ich will mir ein Bild von der Lage machen.“

Benischke nickte und bat den Kollegen mit dem Einsatz des Trennschleifers noch einen Moment zu warten. Dann wandte er sich wieder Schramm zu. „Also, wie es aussieht, kamen die Täter durch den Lieferanteneingang ins Gebäude.“

„Mehrere Täter?“

„Wir gehen von mindestens drei Leuten aus, vielleicht waren es sogar vier.“

Schramm machte sich Notizen in einem Heft.