Januslüge - Sylvia Vandermeer - E-Book

Januslüge E-Book

Sylvia Vandermeer

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Beschreibung

Willst du die Arche finden, musst du das Tabu brechen. Daniel Kremser, Doktor der Ethnologie, erwacht nach dem Opernball mit einer Stichwunde in einem Wiener Krankenhaus. Doch viel Zeit zur Erholung bleibt ihm nicht, denn nach einem Mord an dem Direktor des Dorotheums gerät er unter Verdacht und flüchtet. Bei seinen Nachforschungen stellt sich heraus, dass ein geheimnisvolles Dokument, von vier ehemaligen Mitgliedern der Anthropologischen Gesellschaft in Wien verfasst, verschwunden ist. Die Spur führt zu dem Reeder Raphael Kassouni, der davon besessen ist, das Geheimnis um den Aufenthaltsort der Arche Noah zu lösen. Doch er ist nicht der Einzige, der sich dafür interessiert. Nun beginnt eine Jagd durch Frankreich und Monaco, bei der Kremser die Arche Noah finden und einen verbrecherischen Plan vereiteln muss.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2022 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von Adobe Stock EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8418-4

Sylvia VandermeerFrank MeierewertJanuslügeDas Genesis-Komplott

Sigurd Riener gewidmet,in liebevoller Erinnerung

PROLOG

Dorotheum, Wienein Tag vor dem Opernball

Christoph Berglehner, Direktor des Auktionshauses, hastete über die Galerie im Franz-Joseph-Saal, ohne auch nur einen Gedanken an die kostbaren alten Meister zu verschwenden, die im Halbdunkel an den Wänden auf ihre Versteigerung warteten.

Im Moment hatte er andere Sorgen.

Getrieben von einem unguten Gefühl wanderte sein Blick zu dem Hochglanzheft in seiner Hand.

Handschriften und Feldskizzen ehemaliger Weltenbummler und Ethnologen lautete der Titel, und zum wiederholten Male fragte er sich, wie es dazu kommen konnte, dass ein geheimes Schriftstück, dessen Existenz seit Jahrzehnten vor der Öffentlichkeit verborgen wurde, plötzlich auf die fünfte Seite des Auktionskataloges gelangt war?

Dem Direktor brach der Schweiß aus.

Noch wusste er keine Antwort darauf.

Berglehner lockerte den Knoten seiner Krawatte und bog eilig in die Seitengalerie ein.

Die Schritte hallten von den Wänden wider.

Er hetzte an matt schimmernden Schauvitrinen vorüber, die mit filigranen Porzellanfiguren, antiken Silberwaren und wertvollen Schmuckstücken und Juwelen bestückt waren, bis er einen Glasschrank erreichte, in dem zahlreiche Schriftstücke, Urkunden und Dokumente ausgebreitet lagen. Viele von ihnen waren alt, vergilbt, die Ränder geknickt oder eingerissen. Auf manchen drohte bereits die Tinte zu verblassen, und einige von ihnen trugen dunkle Stockflecke.

Keuchend drückte der fünfundsechzigjährige Gelehrte den Rücken durch, während er das Heft achtlos zur Seite legte und am Schlüsselbund nach dem Generalschlüssel suchte.

Wenigstens war es noch aufgefallen, und der Begleittext im Katalog lässt Gott sei Dank keine tiefergehenden Schlüsse auf den Inhalt zu.

Und soweit er wusste, waren bisher auch nur einige wenige Exemplare an ausgewählte Sammler verschickt worden, und mit ein bisschen Glück …

Endlich hatte er den passenden Schlüssel zur Hand, und die Glasfront schwang auf.

Hastig ließ er seinen Blick über die Gegenstände schweifen, da war der Brief von Ida Pfeifer an Alexander von Humboldt, daneben die Holzkiste mit dem Log­buch der Österreichisch-Ungarischen Nordpolarexpedition, die zur Entdeckung von Kaiser-Franz-Joseph-Land führte, sowie die Mappe mit den Zeichnungen von Gustav Nachtigall aus Afrika.

Er schluckte aufgeregt, als er es entdeckte.

Das unscheinbare Briefkuvert aus graublauem Papier fiel kaum in Erscheinung zwischen all den anderen Exponaten.

Rasch nahm er das Dokument an sich.

Niemandem würde es auffallen, wenn er jetzt den Umschlag aus der Vitrine entfernte und ein neues Versteck für ihn suchte.

Soweit er wusste, lag bisher kein Angebot vor, und sollte einer der Sammler nach dem Erhalt des Kataloges plötzlich Interesse bekunden, so konnte er sich darauf berufen, dass ein Auktionshaus vor Beginn der Versteigerung berechtigt war, ohne nähere Angabe von Gründen einen Posten zurückzuziehen. Diese Tatsache quittierte er mit einem erleichterten Lächeln.

Er ließ das Kuvert in die Seitentasche seines Jacketts gleiten, schloss die beiden Glastüren und machte sich gerade daran, sie wieder zu verriegeln, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm.

Der Direktor hielt inne und drehte langsam den Kopf.

Noch immer hatte er den Schlüssel in der Hand.

Er erschrak.

Keine drei Meter entfernt stand ein Mann und blickte stumm zu ihm herüber. Er war groß, sehr schlank, die Haut besaß einen leichten Bronzeton, und sein schwarzes Haar war bis zu einem dunklen Schatten auf der Kopfhaut abrasiert.

„Wie sind Sie hereingekommen?“, fragte Berglehner und legte Autorität in die Stimme. „Das Auktionshaus ist geschlossen!“

Der Mann lächelte kalt und ließ den Direktor nicht aus den Augen.

„Geben Sie ihn mir!“, sagte er plötzlich.

Berglehner zuckte zusammen. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, versuchte er Zeit zu gewinnen.

„Warum lügen Sie?“ Der Mann starrte ihn an. Er stand völlig unbeweglich da. Der kahl rasierte Kopf erinnerte an einen Totenschädel.

Instinktiv trat Berglehner einen Schritt zurück.

Wo sollte er hin?

Seine zitternden Finger berührten die Wand.

Es gab keinen Ausweg.

Zu beiden Seiten reihten sich mannshohe Schauvitrinen, und der Weg nach vorn war durch diesen Eindringling versperrt.

„Dann muss ich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen“, sagte der Mann, während er einen tänzelnden Schritt auf ihn zu tat.

„Das Vermächtnis der Vier.“ Er betonte jedes Wort.

Dem Direktor stockte der Atem.

Wie konnte der Fremde davon wissen?

Unmerklich tastete er nach dem Umschlag in seiner Tasche.

Das Vermächtnis der Vier war ein Abkommen, geschlossen vor mehr als einhundert Jahren, in dem sich alle Beteiligten zur Verschwiegenheit verpflichteten; ein Vertrag, einzig aufgesetzt, um das große Geheimnis für immer zu schützen.

Schlagartig begriff er, dass er der letzte Hüter war, der zwischen diesem Unbekannten und der Bewahrung des Geheimnisses stand.

Er schauderte.

„Das sagt mir nichts“, erklärte er ausweichend, während er in einem Anflug von Panik überlegte, welche Möglichkeiten ihm blieben.

Das Ergebnis war erschreckend.

Ihm wurde schwindelig, das Herz schlug ihm bis zum Hals.

„Das ist sehr schade“, sagte der Mann eisig, ohne eine Spur von Bedauern.

Dann legte er den Kopf schräg, die Augenschlitze verengten sich.

Berglehner fühlte, wie sein Blut in den Ohren pochte.

Jetzt! dachte er, stieß sich mit einem beherzten Ruck von der Wand ab und stürzte sich mit dem Mut der Verzweiflung auf den Mann. Er wollte nach ihm greifen, ihn zur Seite stoßen und fliehen. Wenn es ihm gelang, ein paar Meter Vorsprung herauszuholen, konnte er eines der Büros erreichen und die Polizei rufen.

Doch dazu kam es nicht.

Wider Erwarten griffen seine Hände ins Leere.

Wie ein Geist war der Fremde ihm mit einer geschmeidigen Bewegung ausgewichen.

Noch ehe er begriff, was geschah, blitzte neben seinem Kopf die Klinge eines Messers auf und bohrte sich wie glühendes Eisen seitlich in seinen Hals.

Er erstarrte.

Dann riss ihn der Schmerz von den Füßen, haltlos sackte er zusammen, blieb röchelnd auf dem Rücken liegen. Seine Kehle füllte sich gurgelnd mit Blut, das ihm die Luft zum Atmen nahm.

Christoph Berglehner schloss die Augen.

Er spürte, wie das Leben aus seinem Körper wich.

Gleich würde er sterben.

Aber zu seiner Verwunderung hatte er keine Angst vor dem eigenen Ende. Vielmehr quälte ihn die Gewissheit, dass in dieser Nacht das Mysterium um das Vermächtnis der Vier für immer verloren gehen würde.

Kapitel 1

Daniel Kremser hockte vor dem Computerbildschirm in seinem Büro und pflegte Inhalte und Literaturangaben zu den Vorlesungen, die er im kommenden Semester zu halten beabsichtigte, in die Institutshomepage ein. Dabei ertappte er sich wiederholt bei der Frage, ob er sich überhaupt für ein Auftreten vor einem vierhundertköpfigen studentischen Auditorium ausreichend gewappnet fühlte.

„Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben“, hatte ihm sein Doktorvater und Mentor Wolfgang Schellenberg schmunzelnd geantwortet, bevor er das Forschungssemester antrat und zusammen mit seiner Tochter Kim nach Amerika flog.

Kim.

Kurz schweiften seine Gedanken ab.

Vor fast einem Jahr waren sie ein Paar gewesen. Doch seit ein Ozean zwischen ihnen lag, beschränkte sich ihr Kontakt auf Videotelefonate und kurze Nachrichten per SMS. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie beide damals verzweifelt an diese Bürotür geklopft hatten und gemeinsam anfingen, nach Wolfgang Schellenberg zu suchen. Immer mit der Geheimorganisation des Ordo Bucentoro im Nacken, die sie quer durch Europa jagte.

Plötzlich klopfte es.

Er beendete rasch den begonnenen Eintrag. „Herein!“

Im Türrahmen erschien Theres Langer, sie war eine korpulente Frau Ende fünfzig und seit vielen Jahren Sekretärin des Institutes.

„Guten Tag, Doktor Kremser.“ Zielstrebig kam sie auf ihn zu. „Und, haben Sie sich schon eingewöhnt?“

Kremser lächelte. „Ist noch ein wenig ungewohnt, auf dieser Seite des Tisches zu sitzen.“

Sie sah ihn gutmütig an. „Kann ich mir vorstellen. Ich habe Ihnen die Post mitgebracht.“

Sie legte ihm einen Stapel Briefe und einige Zeitschriften auf den Tisch.

„Das ist doch nicht nötig, Frau Langer. Legen Sie mir die Post das nächste Mal einfach ins Fach. Ich hole sie mir dann.“

Die Sekretärin schien mit der Antwort zufrieden und nickte.

Kremser wollte sich schon wieder der Arbeit zuwenden, als er bemerkte, wie die Frau zögerte. Irgendetwas hatte sie auf dem Herzen.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“

Theres Langer zog einen größeren Umschlag aus dem Stapel und zeigte ihn Kremser. Die Klebefalz am Rand war sorgfältig aufgeschnitten worden.

„Entschuldigen Sie, der Umschlag hatte keinen Absender, da habe ich ihn, weil ich nicht wusste …“

„Kein Problem, was ist es denn?“

„Sie haben eine Einladung zum Ball der Republik Österreich erhalten.“

Er hörte die Ehrfurcht, die in ihrer Stimme mitschwang.

Trotzdem fiel es ihm schwer, ihr zu folgen.

„Ich verstehe nicht. Was ist das für ein Ball?“

Die Antwort kam bestimmt. „Der Wiener Opernball, Doktor Kremser.“

Die Sekretärin trat jetzt neben ihn, hob das Kuvert leicht an und ließ den Inhalt vorsichtig auf die Tischplatte gleiten.

Interessiert beugte sich Kremser vor.

Vor ihm lag ein Buch, der Einband in rotem Samt, die Jahreszahl in goldenen Lettern geprägt. Daneben lagen zwei Billetts, an denen auf den ersten Blick nichts Besonderes war. Sie hatten beide die Größe von Konzertkarten.

Das eine Ticket entpuppte sich als offizielle Eintrittskarte und das andere …

„Mein Gott!“, rief sie aus. „Sehen Sie nur, Sie haben eine Tischkarte in einer Loge.“

Kremser sah, wie Theres Langers Zeigefinger vor Aufregung zitterte, als sie bestimmt auf das Wort „Loge“ wies.

„Ja, und?“, fragte er. „Wann ist denn der Ball?“

„Heute Abend.“

„Ach was? Na, da gehe ich sicher nicht hin, ich habe hier noch einiges zu tun.“ Demonstrativ schob er einen Stapel Anmeldeformulare vor den Bildschirm.

Ungläubig musterte ihn die Sekretärin. „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?“

Kremser hob entschuldigend die Hände. „Doch, Frau Langer. So kurzfristig, und überhaupt weiß ich nicht, was ich da soll.“

Die Sekretärin ging um den Tisch herum und setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl. Sie schien sichtlich angespannt.

„Jetzt hören Sie mir bitte zu. Dieser Ball ist in Wien und in Österreich der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres. Das Ereignis wird in die ganze Welt übertragen. Fünftausend Gäste werden erwartet, und das Opernhaus wird zu diesem Anlass komplett umgebaut. An diesem Abend versammeln sich die Granden aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.“

Sie richtete sich kerzengerade auf.

„Dorthin eingeladen zu werden ist eine Ehre, Doktor Kremser. Es gibt viele Menschen in diesem Land, für die würde ein Traum in Erfüllung gehen, könnten sie nur einmal in ihrem Leben einen Wiener Walzer auf dem Opernball tanzen. Geschweige den Abend in einer Loge verbringen.“

Er wollte schon antworten, dann sollte sie doch selbst die Karte nehmen, aber die ehrliche Entrüstung auf ihrem Gesicht ließ ihn einlenken.

„Was hat es denn mit den Logen auf sich?“

„Ein Logenplatz ist ein Privileg, denn von dort aus haben Sie den perfekten Blick auf das Geschehen. Sie müssen sich nicht wie die anderen in den Saal hinein oder vor die Monitore drängen oder darauf hoffen, eventuell noch einen der Stehplätze unter dem Dach zu ergattern. Nein, aus der Loge können Sie ungestört die Atmosphäre, die ganze Pracht, das Eröffnungs­programm mit hochkarätigen Stars und den zauberhaften Einzug der Debütanten beobachten. Glauben Sie mir, es ist ein Erlebnis, das man nie mehr vergisst. Außerdem ist ein Logenplatz fast unerschwinglich teuer.“

Theres Langer benötigte einen Moment, um sich zu sammeln.

Kremser wartete geduldig ab.

Die Sekretärin rückte den Sessel etwas vor. „Denken Sie daran, auch Professor Schellenberg besuchte jedes Jahr den Ball. Die Schellenbergs hatten natürlich bis zum letzten Jahr eine eigene Loge auf dem Opernball. Doch soweit ich weiß, war für Wolfgang Schellenberg der maßgebliche Grund seines Besuches, dass er durch seine Anwesenheit das Institut in der Öffentlichkeit repräsentieren konnte, Beziehungen knüpfte für die Stiftung und für die Forschungsprojekte um Unterstützung warb. … Doktor Kremser, entschuldigen Sie, wenn ich das so deutlich sage, aber es ist Ihre Pflicht als Institutsangehöriger, die Einladung anzunehmen und dorthin zu gehen.“

Kremser nickte zögernd und zog die Einladungskarte über den Tisch zu sich heran.

Theres Langer registrierte das, war aber immer noch nicht zufrieden.

„Was werden Sie anziehen?“, erkundigte sie sich.

Kremser überlegte. Er hatte seine Koffer gerade erst ausgepackt, aber festliche Garderobe besaß er nicht.

Jetzt sah er an sich hinunter und zuckte mit den Achseln. „Jeans, Hemd, Jackett.“

Die Sekretärin schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

„Ich bitte Sie, auf dem Opernball gibt es eine Kleiderordnung. Von den Männern werden ausschließlich Frack oder Uniform getragen.“

„Wie bitte?“

„Ja, Sie haben mich schon verstanden. Haben Sie Ihre Uniform dabei?“

Kremser lachte trocken auf. Es war zu lange her, dass er nach seinem Kampfeinsatz als Pilot in Afghanistan aus der Deutschen Bundeswehr ausgeschieden war, als dass ihm die Uniform noch gepasst hätte. Dazu kam, dass er sich insgeheim geschworen hatte, nie wieder so ein Ding zu tragen.

„Uniform ist keine Option. Bleibt also nur der Frack.“

„Besitzen Sie ein solches Kleidungsstück?“ Theres Langer formulierte die Frage so, als wüsste sie bereits die Antwort.

Trotzdem verneinte er stumm.

„Dachte ich mir.“ Sie erhob sich von ihrem Stuhl und strich den dunklen Wollrock glatt. „Aber das macht nichts. Wir sind hier in Wien, und viele Männer leihen sich für die Ballsaison einen Frack aus. Ich werde für Sie einen anständigen Frack besorgen. Bitte, tun Sie mir nur einen Gefallen und notieren Sie mir Ihre Konfektionsgröße, Halsumfang und Schuhgröße hier auf diesen Zettel.“ Sie hielt ihm einen leeren Umschlag hin.

„Auch Halsumfang und Schuhgröße?“

„Zum Frack gehört ein spezielles Frackhemd, das ich für Sie bei einem Herrenausstatter in der Wollzeile ordern werde, da Sie heute Abend Fliege tragen werden.“

„Eine Fliege?“

„Ja, eine Fliege, und ein weiße noch dazu.“ Sie verzog die Mundwinkel. „Wir wollen doch nicht, dass Sie mit einem der Kellner verwechselt werden, oder?“

„Und wofür die Schuhgröße?“

„Zu einem Frack gehören Lackschuhe, Doktor Kremser.“

„Lackschuhe? Aha. Na das wird ja immer besser. Aber Sie haben recht, auch die besitze ich nicht.“

„Verstehe … Haben Sie sonst noch Fragen zum Opernball, die ich Ihnen beantworten kann?“

„Ich denke erst mal nicht. Es steht ja alles auf den Karten. Beginn, Zeit, Logennummer …“

„Gut, dann werde ich jetzt damit beginnen, die erforderlichen Dinge für Sie zu beschaffen.“

Sie drehte sich um und ging zur Tür.

„Frau Langer?“

Die Sekretärin blieb stehen und schaute über die Schulter zurück.

„Danke.“

Sie lächelte. „Gern geschehen.“ Dann griff sie nach der Klinke. Leise schloss sich die Tür hinter ihr.

Kremsers Aufmerksamkeit wandte sich wieder den Gegenständen zu, die vor ihm auf dem Tisch lagen.

Das samtrote Buch, die beiden Tickets, der große Umschlag, auf dem nur die Anschrift des Ethnologie-Institutes und sein Name vermerkt waren.

Langsam zog Kremser mit den Fingerspitzen die Eintrittskarte und die Sitzplatzreservierung für die Loge zu sich heran und betrachtete sie.

Doch, er hatte eine letzte Frage, aber er war sich sicher, dass auch Theres Langer sie nicht beantworten konnte.

Wer war die Person, die ihn überhaupt zum Wiener Opernball eingeladen hatte?

Kapitel 2

Daniel Kremser blickte prüfend in den Spiegel, der über dem Waschbecken in der Toilette des Instituts hing, und zupfte die weiße Fliege am Hals über den steifen Kragenecken zurecht.

„Ihr Frack, der König der Anzüge“, hatte auf der Schutzhülle des Leihhauses gestanden.

Bisher bin ich ganz gut ohne dieses royale Kleidungsstück ausgekommen, dachte Kremser ironisch.

Zumindest hatten sich seine Befürchtungen, er würde sich darin verkleidet vorkommen, nicht bestätigt. Da er groß und schlank war, saß der Anzug wie angegossen, und er musste widerstrebend zugeben, dass er sogar ein wenig Gefallen an dem Kleidungsstück fand.

Er legte den Kopf schräg und strich sich mit den Fingern über das markante Kinn. Auf den Wangen ließ sich deutlich ein Bartschatten erkennen, und unter den blauen Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab.

Kein Wunder, dachte er. Wegen des Umzugs aus Berlin hatte er zuletzt nur wenig Schlaf bekommen. Die kleine möblierte Wohnung, die er im zwölften Bezirk in der Nähe der Meidlinger Hauptstraße bezogen hatte, gehörte einer Kollegin, die derzeit in Klagenfurt unterrichtete. Sie überließ ihm die zwei Zimmer, Küche, Bad für ein Jahr zu einer günstigen Untermiete, und er hatte die letzten Nächte damit verbracht, sich dort einzurichten und die Gegend zu erkunden.

Im Nachhinein war er dankbar, dass es sich so gefügt hatte, und die Dauer, die er dort wohnen würde, war überschaubar. Außerdem lag die Wohnung günstig in der Nähe vom Bahnhof Meidling.

Er drehte den Wasserhahn auf, hielt die Hände unter den kalten Strahl und fuhr sich mit feuchten Fingern durch das volle dunkelblonde Haar, um es nach hinten zu streichen.

Heute war er nicht noch einmal in die Wohnung gefahren, sondern entschied sich, am Institut zu bleiben, zumal Frau Langer am späten Nachmittag die Garderobe für den Opernball vorbeigebracht hatte.

Er trocknete sich die Hände ab und schmunzelte.

Das, was du hier veranstaltest, entspricht wohl nicht ganz der Ballvorbereitung der meisten Besucher, ging es ihm durch den Kopf. Er wusste, dass die Damen und Herren bereits Wochen vorher Termine bei Friseuren, Kosmetikstudios und Modehäusern vereinbarten.

Er zuckte mit den Achseln.

Aber die hatten ihre Einladungen ja schließlich nicht am Tag der Veranstaltung erhalten.

Ein letzter Blick in den Spiegel.

Mehr konnte er nicht tun.

Kremser blickte auf die Uhr.

Er war spät dran.

Rasch schlüpfte er in die neuen Lackschuhe, die ungewohnt eng waren, und zog den dunklen Wollmantel vom Bügel. Dann nahm er die Ballkarten und die Jetons vom Tisch und steckte sie zusammen mit dem roten Buch in die Manteltasche.

Der Lift brachte ihn ins Foyer.

Mit langen Schritten überquerte er die Straße vor dem Neuen Institutsgebäude, kurz NIG genannt, und stieg in einen Wagen der Straßenbahn. Gemächlich passierte er die Universität, das Rathaus und das Parlamentsgebäude.

Er spähte hinaus in die Nacht, und die Lichter erschienen ihm heute heller als sonst.

Es war ein klarer Märzabend.

Eisige Luft drang in den Wagen, wenn Fahrgäste ein- und ausstiegen.

Kremser erhob sich von seinem Platz, als die Bahn das Kunsthistorische Museum passierte. Angespannt tastete er in der Manteltasche nach den Unterlagen. Dabei bemerkte er, wie ihn ein kleines schwarz gelocktes Mädchen, das drei Sitzreihen vor ihm saß, mit offenem Mund anstarrte, während sie ihre Mutter am Ärmel zupfte. Die Frau drehte sich nun ebenfalls zu Kremser um und musterte ihn neugierig. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie zu überlegen schien, ob sie ihn von irgendwoher kannte. Vielleicht aus dem Fernsehen oder einer der bunten Illustrierten? Möglicherweise ein Prominenter, ein Schauspieler, ein Adabei …

Unangenehm von der so offen zur Schau getragenen Neugier der Frau berührt, drehte er sich weg und war froh, als die Bahn endlich die Station erreichte. Erleichtert wandte er sich dem Ausstieg zu.

Kapitel 3

Vor der Oper hatte sich eine große Menschentraube gebildet.

Neben Reportern und Schaulustigen waren auch ungefähr ein Dutzend Demonstranten anwesend, die selbstgefertigte Protestschilder zu unterschiedlichsten Themen in die Höhe hielten. Mit Pfiffen und Gejohle versuchten sie die Aufmerksamkeit der Besucher und der Medien auf sich zu ziehen, was beides nicht gelang.

Neben ihm eilte ein junger Mann mit wehendem Haar, brauner Lederjacke, Che-Guevara-T-Shirt und einer roten Fahne über der Schulter über den Platz, um sich hinter der Absperrung bei den anderen einzureihen, wo er freudig begrüßt wurde.

Kremser, der sich nun dem vor dem Haupteingang der Wiener Staatsoper aufgebauten, überdachten und abgeschirmten Entrée mit rotem Teppich näherte, bemerkte eine weiße Stretch-Limousine, die sich langsam dem Portal näherte, um davor anzuhalten.

Beifall brandete auf, und ein Blitzlichtgewitter brach los.

Kremser erkannte den Baulöwen Richard Lugner, der mit einem weißen Schal um den Hals in Begleitung von zwei auffallend gekleideten jungen Frauen aus dem Fond des Wagens stieg. Er erinnerte sich, dass jedes Jahr im Vorfeld des Opernballs in den Medien heftig darüber spekuliert wurde, wen das Enfant terrible der Wiener Gesellschaft dieses Mal zum Ball einladen würde. Meist waren es mehr oder weniger berühmte, jedoch immer sehr schöne Frauen. Paris Hilton, Kim Kardashian und Pamela Anderson, nicht zu vergessen Andie MacDowell oder Claudia Cardinale.

Die beiden Damen, mit denen Richard Lugner in diesem Jahr zum Opernball erschien und die freudig erregt in die Menge winkten, kannte Kremser nicht. Viel mehr interessierte ihn, dass wegen des überwältigenden Ansturms auf den Opernball ein Teil der Garderoben in einem weißen Zelt seitlich des Eingangs untergebracht war.

Ohne Eile zog er seinen Mantel aus, nahm die Geldbörse, die Jetons und das Büchlein an sich und gab ihn ab. Die Marke, die er im Gegenzug erhielt, steckte er in die Frackweste.

Dann reihte er sich ein in die Schlange der erwartungs­voll wartenden Gäste. Eine knisternde Spannung schwebte über den Köpfen, es wurde geplaudert und gelacht, nach bekannten Gesichtern Ausschau gehalten oder mit vornehmer Zurückhaltung ausgeharrt.

Es ging nur schrittweise vorwärts, und als Kremser endlich den Eingang erreichte, wurde er höflich, aber bestimmt um seine Einladungskarte gebeten, die er anstandslos vorzeigte.

Hinter der breiten Glastür schlug ihm warme, schwere Luft wie in einem Treibhaus entgegen. Ein Grund dafür waren sicher die aufwendig gestalteten Blumenarrangements, die allerorts die Aufgänge der Marmortreppen und die bogenförmigen Arkaden mit bunter Blütenpracht verzierten. Die Blumen verströmten einen angenehmen Wohlgeruch, der sich mit den erlesenen Aromen zahlloser Damen- und Herrenparfüms mischte. Für die Wärme sorgten dezent aufgestellte Heizstrahler und eine unübersehbare Menschenmenge, die sich mit lautem Stimmengewirr durchs Foyer schob, darauf wartend, über die Haupttreppe nach oben zu gelangen.

Doch das war leichter gesagt als getan, denn es kam immer wieder zu Verzögerungen, weil das bekannte Moderatorenduo Alfons Haider und Mirjam Weichselbraun auf dem ersten Treppenabsatz die neu eingetroffenen Prominenten und Opernballgäste interviewte.

Gerade sprachen sie mit einer auffallend großen, sehr schlanken Frau, die ihre lange blonde Haarmähne schüttelte, welche ihr in Wellen über den Rücken fiel, während sie auf die ihr gestellten Fragen antwortete. Sie trug ein glitzerndes grünes Kleid, das tief dekolletiert war. Auf den Monitoren, die überall um ihn herum flimmerten, konnte Kremser in ihr stark geschminktes Gesicht mit dem breiten Lächeln blicken.

Als Stern von Belaris wurde sie dem Publikum vorgestellt. Neben ihr stand ein kräftiger Mann im Frack, quer über der Brust trug er eine rotweißrote Schärpe, die dunklen Haare streng mit Pomade nach hinten frisiert. Da Kremser in dem Lärm kein Wort von dem verstand, was der Mann sagte, wartete er, bis auch hier der Name eingeblendet wurde. Rayn Hamadi, CEO einer bekannten Hilfsorganisation.

Schließlich wurden die beiden verabschiedet, und die Menge rückte wieder vor.

Kremser gelang es, sich auf der Treppe seitlich am Geländer emporzuschieben, da er nicht darauf erpicht war, zufällig von einer Fernsehkamera erfasst oder von einem der Moderatoren befragt zu werden.

Am Ende der Treppe schnaufte er durch, nahm das rote Buch zur Hand und klappte es auf, in der Hoffnung einen Lageplan oder Ähnliches darin zu finden.

Konzentriert blätterte er die Seiten um.

Neben einer detaillierten Programmankündigung sowie der Vorstellung einzelner Interpreten, die heute Abend die musikalische Eröffnung gestalteten, enthielt das Büchlein Bilder von der Oper und grafische Pläne der sieben Ebenen, auf denen unterschiedlichste Attraktionen die Opernballgäste erwarteten. Kremser schaute auf die Uhr.

Er hatte dem Programmheft entnommen, dass die eigentliche Eröffnung des Balles durch den Bundespräsidenten erst um 22 Uhr erfolgte, also hatte er noch genug Zeit, um pünktlich zur entsprechenden Loge zu gelangen.

Er beschloss, ein wenig durch die Räumlichkeiten zu streifen.

Im Obergeschoss galt sein Interesse dem Schwind-Foyer oberhalb der Feststiege, einem hohen Saal mit Deckengemälden, der ihm als prunkvoller Aufenthaltsraum während der Pausen zwischen den Opernakten bekannt war.

Jetzt hatte hier das Casino Austria sein Domizil aufgeschlagen, und einige Besucher versuchten ihr Glück an den Roulette- und Kartentischen mit den Jetons, die der Einladung beilagen. Andere wiederum interessierten sich mehr für die gut sortierte Champagnerbar.

Kremser schlenderte weiter.

Im weißen Marmorsaal erspähte er eine lange Festtheke, die mit belegten Brötchen, Frankfurtern, Pralinen und exquisiten Kuchenstücken der Wiener K.u.K. Hofzuckerbäckerei Café Gerstner lockte.

Sofort meldete sich sein leerer Magen.

Er wusste, dass überall rund um die Oper in den Hotels und Restaurants Opernballmenüs angeboten wurden. Nicht ohne Grund, denn diese Köstlichkeiten hier dienten allenfalls dazu, um zur vorgerückten Stunde den kleinen Hunger zu stillen.

Er bestellte sich ein Paar Frankfurter Würstel und schluckte bei dem stattlichen Preis. Als er die zwei Scheine über den Tresen reichte, beruhigte er sein Gemüt damit, dass das Geld der Oper direkt als Spende zugutekam.

Er bedankte sich und stellte sich etwas abseits an den Rand. Herzhaft biss er hinein.

Anerkennend stellte er fest, dass die Würste, mit frischem Kren serviert, ausgesprochen delikat schmeckten.

Kremser blickte sich kauend um.

Überall im Marmorsaal waren bereits kleine Bistro-­Tische aufgebaut und mit Gläsern eingedeckt. In der Mitte jeder Platte stand ein Kühler mit Eis. Ober im Frack, wohlgemerkt mit schwarzer Fliege, sausten zwischen den Tischen herum und verteilten die bereits bestellten Getränke. An der Rückwand baute sich eine Kapelle auf.

Er wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und machte sich auf den Weg.

Aus allen Gängen strömten jetzt festlich gekleidete Menschen in den Saal und hinauf zu den Stehplätzen der Galerie.

Eine Gruppe junger Leute, die an Kremser vorbei­drängte, verabredete sich durch Zurufe später auf Cocktails in der Diskothek im vierten Tiefgeschoss.

Auf den Bildschirmen wurde soeben mit einem Einspieler das diesjährige Krönchen der Debütantinnen vorgestellt, das von der Firma Swarovski gesponsert wurde.

Dann wich er einem Eiswagen aus, der ihm entgegenkam und von zwei Frauen geschoben wurde.

Es kam Kremser so vor, als ob die Oper an diesem Abend aus einem Labyrinth von Gängen bestand, die sich in Kreisen und Teilkreisen auf den einzelnen Ebenen immer wieder schlossen.

Kurz darauf erreichte er den Logenbereich, in dem, seiner Eintrittskarte nach, ein Sitzplatz für ihn reserviert war.

Nun würde er endlich seinen geheimnisvollen Gastgeber kennenlernen.

Er hielt inne und atmete tief ein.

„Darf ich bitte Ihre Logenkarte sehen“, sprach ihn höflich einer der Saaldiener an.

Kremser gab ihm, wonach er verlangte.

Er warf einen kurzen Blick darauf und nickte. „Folgen Sie mir bitte.“

Er führte ihn den schmalen Gang entlang zu einer einzelnen offenen Tür, die außen mit rotem Samt bespannt war, innen jedoch poliertes Holz zeigte.

„Hier ist es“, verkündete der Saaldiener mit einer leichten Verbeugung und gab den Weg frei.

Kremser trat ein ... und stand allein in der Loge.

Er fand nur einen kleinen weiß gedeckten Tisch mit Gläsern vor, der in der Mitte des engen Raumes aufgebaut war, mit einer Bank auf der einen und Polsterstühlen auf der anderen Seite. Der Anblick erinnerte ihn spontan an ein Abteil in einem Speisewagen.

Gut, dann warte ich eben, dachte er und trat an die Brüstung. Der Anblick überwältigte ihn, und er war von der erstaunlichen Größe und der festlichen Ausstattung des Saales überrascht.

Alle Stühle im Parkett waren entfernt worden. Sogar den Orchestergraben hatte man überdacht, um auf einem Gerüst auf der kompletten Länge wie Breite einen Tanzboden von 850 Quadratmetern einzuziehen. Darüber hinaus war im hinteren Bereich, der ursprünglich der Bühne vorbehalten war, ein Stahlgerüst errichtet worden, das zusätzliche Gästelogen beherbergte.

Kremser unternahm gerade den hilflosen Versuch, einige der Politiker und Wirtschaftsbosse zu identifizieren, als er hörte, wie sich mehrere Personen anschickten, hinter ihm die Loge zu betreten.

Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf einen schlanken dunkelhaarigen Mann mit olivfarbenem Teint und braunen Augen, der die kleine Gruppe anführte und dabei die lässige Autorität ausstrahlte, wie sie sehr reichen Menschen eigen ist.

Begleitet wurde er von einem mittelgroßen blonden jungen Mann mit feinen Gesichtszügen und einer zierlichen Frau in einem schwarzen Ballkleid mit aufwendig hochgesteckten braunen Haaren. An der Art, wie sie völlig unbeteiligt von einem zum anderen schaute, vermutete Kremser, dass sie einem Luxus-Escort-Service angehörte.

Den Abschluss bildeten zwei Leibwächter, die sich gleich zu beiden Seiten des Logeneingangs aufbauten. Der eine, ein Glatzkopf, war von bulliger Statur, mit kantigem Schlägergesicht und kleinen Schweinsaugen; der zweite grauhaarig, sportlich muskulös, von einer auffälligen Unauffälligkeit, wie man sie nur bei Geheimdienstleuten fand.

Der Mann in der Mitte mit dem mediterranen Aussehen verzog die schmalen Lippen zu einem Lächeln und zeigte dabei eine Reihe weißer Zähne. Er reichte Kremser die gepflegte Hand. „Sie müssen der junge deutsche Ethnologe sein. Herzlich willkommen.“

Der Händedruck war unerwartet fest, und Kremser erwiderte ihn.

Der Mann beugte sich nun ebenfalls über die Brüstung und schaute in den Saal. „Eine exquisite Form der Unterhaltung, finden Sie nicht auch?“, sagte er. „Mir war das nicht bewusst, aber die Tradition des Opernballes führt zurück bis in die Zeit des Wiener Kongresses 1814/1815. Das ist erstaunlich, nicht wahr?“

Kremser stimmte ihm zu, wartete jedoch darauf, dass sich der Mann vorstellte und eine Erklärung abgab, wieso er ihn auf den Ball eingeladen hatte.

Doch er drehte sich nur um, zog wie beiläufig eine Kreditkarte aus der Westentasche seines Fracks und reichte sie dem Glatzkopf. „Enzo, ich will, dass du mit Leticia ins Casino gehst.“

Der nickte knapp, steckte die Karte ein und deutete der Dame gegenüber auf die geöffnete Tür. Kremser fiel auf, dass die Frau die ganze Zeit über nicht ein Wort verloren hatte.

Der andere Leibwächter, er hieß Maurice, folgte ihnen mit geringem Abstand und schloss leise die Tür hinter sich.

Kremser und der junge Mann blieben mit dem Gastgeber zurück.

„Bitte, nehmen Sie Platz!“

Die beiden setzten sich Kremser gegenüber auf die roten Polsterstühle. „Wollen Sie etwas trinken?“

„Vielleicht später!“, entgegnete Kremser. „Zuerst würde ich gerne von Ihnen erfahren, wer Sie sind und weshalb Sie mich hergebeten haben?“

Der Mann hob gebieterisch die Hand und bedeutete ihm damit zu schweigen. „Ich werde es Ihnen sagen, wenn der passende Zeitpunkt dafür gekommen ist.“

„Der passende Zeitpunkt? Für wen?“ Kremser machte Anstalten zu gehen. „Ich denke, ich verabschiede mich jetzt.“

„Warten Sie!“, bat der Mann, sichtlich um Fassung bemüht.

„Ich erwarte noch Ihre Kollegen! Professor Aheimer und Dr. Berglehner. Dann“, er betonte das Wort. „können wir alles gemeinsam besprechen.“

Kremser wollte erneut insistieren, doch in diesem Augenblick betrat ein Kellner die Loge, um ihre Bestellung aufzunehmen.

Kremser hörte, wie der junge Mann Wein und Champagner orderte.

„Für mich ein Wasser“, sagte Kremser und richtete seinen Blick auf den Gastgeber, der sich inzwischen mit einem Opernglas dem Saal zugewandt hatte und die Gäste in den anderen Logen betrachtete. Auf einmal lachte er glucksend. „Haben Sie gesehen, wie viele Damen heute Abend anwesend sind? Da werden Sie nachher, wenn es heißt ,Alles Walzer‘, keine Probleme haben, eine Tanzpartnerin zu finden.“

Kremser hielt es nicht für nötig, darauf zu antworten.

Er war sowieso weit davon entfernt, sich hier länger als unbedingt nötig aufhalten zu wollen. Die ganze Situation kam ihm völlig absurd vor. Und warum hatte dieser dubiose Unbekannte auch noch Direktor Berg­lehner und Professor Aheimer zu dem Treffen eingeladen?

Unauffällig schielte er auf seine Uhr.

Und warum waren die beiden Männer nicht schon längst erschienen?

Wieder lachte der Mann leise in sich hinein.

Unmerklich schüttelte Kremser den Kopf. Weil sie schlauer waren als du, dachte er. Die haben Wichtigeres zu tun, als hier aufzukreuzen und mit einem Exzentriker zu plaudern, dem sein Geld offenbar zu Kopf gestiegen ist.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet.

Kremser wollte schon aufatmen, aber im Türrahmen erschien nur der Glatzkopf in Begleitung der Frau. Er erhob sich und bot der Dame den Platz an der Brüstung an. Kurz wandte sie ihm ihr Gesicht zu, sie war wirklich hübsch, und in ihren dunklen Augen glomm ein Funken Interesse.

Kremser nickte ihr zu.

Er hatte seinen Platz nicht ganz uneigennützig geräumt. Jetzt, wo er stand, konnte er unauffällig einen Blick auf sein Mobiltelefon werfen. Er kannte Professor Aheimer als einen sehr korrekten Kollegen, vor allem in puncto Pünktlichkeit.

Keine Anrufe in Abwesenheit.

Er merkte, wie er anfing, sich Sorgen zu machen, zumal in diesem Moment der Ball mit dem Einzug des Bundespräsidenten in seine Loge unter den Klängen der von Karl Rosner komponierten Opernball-Fanfare begann. Unmittelbar danach wurden die Bundeshymne und „Freude, schöner Götterfunken“ gespielt. Der erste Teil des Komitees zog zu den Klängen einer Polonaise in den Ballsaal ein.

In der Loge hatten sich nun alle Anwesenden erhoben oder um den Tisch versammelt, um nichts von dem Spektakel zu verpassen.

Kremser beobachtete von seinem Platz aus, wie eine goldene Kutsche, gezogen von zwei Fiaker-Schimmeln mit einer Sängerin in wallenden violetten Gewändern direkt auf das Parkett der Wiener Staatsoper fuhr, und nun begann sie, eine ergreifende Arie zu singen. Nach einem Duett der Dame mit einem Tenor gab es eine der obligatorischen Ballettvorführungen, gefolgt im zweiten Teil vom Einzug des Jungdamen- und Jungherrenkomitees.

„Wussten Sie, dass an der Eröffnung rund 180 Tanzpaare beteiligt sind“, raunte der junge Mann der Dame in Schwarz zu. „Keines der Paare darf vorher einen anderen Ball eröffnet haben.“

„Ist es nicht der Tanzschule Elmayer vorbehalten, für die Eröffnung verantwortlich zu sein?“, fragte Kremser, der sich erinnern konnte, dass gerade diese traditionelle Wiener Tanzschule in ihren Kursen besonderen Wert auf richtiges Benehmen und Etikette legte.

„Sie war es, da haben Sie recht“, antworte der junge Mann, „aber unter dem Operndirektor Ioan Holender wurde das geändert. Jetzt können sich alle Tanzschulen bewerben.“

Er ist gut informiert, dachte Kremser anerkennend, während seine Augen auf den jungen Damen in schneeweißen Ballkleidern mit weißen Handschuhen ruhten sowie den Herren, die wie er einen schwarzen Frack trugen, beim Vortanzen ihrer einstudierten Choreografie sowie der Walzer-Formation, welcher alle Paare gleichzeitig folgten.

Verstohlen blickte Kremser über die Schulter zurück zur Tür, danach auf sein Handy.

Er hatte Aheimers Nummer, vielleicht sollte er ihn anrufen?

Möglicherweise steckte er irgendwo im Stau fest, oder er hatte sich gegen einen Besuch des Balles entschieden, dann konnte er ihn gleich fragen, was er von dieser Farce hier hielt.

Kremser schaute sich kurz um.

Alle Aufmerksamkeit war in diesem Moment auf das Geschehen im Saal gerichtet. Er beschloss, dass die Gelegenheit günstig war. Auf leisen Sohlen trat er zurück, schlüpfte durch die Tür und fand sich allein auf dem Gang wieder.

Rasch wählte er den Anschluss von Professor Aheimer und lauschte mit angehaltenem Atem.

Das Rufzeichen ertönte.

Aufgeregt lief er den Gang auf und ab.

Einmal, zweimal … schließlich meldete sich die Mailbox.

Er legte auf, atmete tief durch und drückte Wahlwiederholung.

Er war so mit dem Vorgang beschäftigt, dass er den langen Schatten, der sich ihm von hinten näherte, kaum bemerkte.

Erst im letzten Moment hob er den Kopf und erblickte einen Mann mit kahl rasiertem Kopf in einem eng anliegenden schwarzen Gymnastikanzug, der sich völlig unerwartet mit einem Messer in der Hand auf ihn stürzte.

Instinktiv riss Kremser den Arm hoch, um den Angriff abzublocken. Dabei fiel das Telefon zu Boden, und die Naht am Frackärmel riss mit lautem Knacken.

Der Fremde bewegte sich blitzschnell, tauchte unter seinem Arm hindurch, und die linke Hand schloss sich um seinen Hals.

Kremser keuchte, schaute verwirrt und entsetzt in ein Paar kalter Augen von unterschiedlicher Farbe, dann stach der Angreifer erbarmungslos zu.

Kremser bäumte sich auf.

Mit letzter Kraft schlug er dem Angreifer ins Gesicht, sodass dieser überrascht zurücktaumelte.

Röchelnd rang er nach Luft, bereit, sich zu verteidigen.

Doch der Schatten verschmolz bereits mit dem Halbdunkel am Ende des Ganges.

Mühsam bückte sich Kremser und hob das Telefon auf.

Die Mailbox von Leopold Aheimer piepste.

Dann brach er zusammen.

Kapitel 4

Rayn Hamadi strich versonnen mit dem Zeigefinger über das goldgerahmte Frauenfoto auf dem Kamin.

Ursprünglich war die Hilfsorganisation eine Idee seiner Mutter Samira gewesen. Der Grund war eine erschütternde Katastrophe, welche die Stadt El Asnam in Algerien am 10. Oktober 1980 völlig zerstörte und circa 5000 Todesopfer forderte.

Er war damals ein Jugendlicher, und noch heute konnte er sich an das schreckensbleiche Gesicht seiner Mutter erinnern, als im Fernsehen über die Zerstörung ihrer Heimatstadt berichtet wurde. Die Einwohner lagen friedlich in ihren Betten, als sie kurz vor Mitternacht vom Erdbeben überrascht wurden. Für die bereits von den Römern gegründete Stadt hatte das Beben verheerende Folgen, weil das Epizentrum unmittelbar darunter lag.

In nicht einmal fünfzehn Sekunden wurde beinahe ein Drittel der Bevölkerung El Asnams getötet, ein weiteres knappes Drittes erlitt Verletzungen. Über 400.000 Menschen wurden obdachlos.

Er erinnerte sich, wie zwei Tage darauf Samira mit ihrer Familie telefonierte, ihr Bruder wurde mit der Leitung der Rettungsmaßnahmen beauftragt. Er evakuierte die Überlebenden aus der Stadt, um dem Ausbruch von Seuchen vorzubeugen. Nach dem Telefonat reisten sie in die zerstörte Stadt, besuchten Notlazarette und die Lager. Wieder in Österreich zurück, begann die Mutter Geld und Kleidung zu sammeln. Zuerst in der Nachbarschaft, später weitete sie ihre Aktivitäten auf die gesamte Stadt aus. Es dauerte nicht lange, und schon bald stapelten sich in der ganzen Wohnung, auf dem Dachboden und im Keller die unterschiedlichsten Spenden, die sortiert, eingepackt und versandfertig gemacht werden mussten.

Die Mutter rekrutierte Nachbarn und Freunde und hängte in der Universität Zettel aus. Doch als die Pakete endlich gepackt waren, musste sie erfahren, dass nur Hilfsgüter von offiziell registrierten Organisationen von den Rettungskräften mit nach Algerien genommen wurden. Also ging Samira zum Magistrat der Stadt Wien und meldete kurzerhand einen gemeinnützigen Verein an.

Rayn Hamadis Gesicht wurde ernst.

Seitdem waren viele Jahre ins Land gegangen.

Inzwischen lebte Samira in einem Seniorenstift, und aus der einstigen Nachbarschaftshilfe für algerischen Landsleute war eine schnell wachsende und weltweit operierende Hilfsorganisation geworden. Ihr neues Hauptquartier lag heute in einem komplett sanierten und topmodern ausgestatteten mehrstöckigen Stadtpalais in der Wiedner Hauptstraße, mit über einem Dutzend Büros, Konferenzräumen, einer Bibliothek, einer Kantine sowie einem Logistikzentrum am Stadtrand von Wien.

Das Dachgeschoss war zu einem luxuriösen Pent­house ausgebaut worden, das er selbst mit seiner Partnerin bewohnte und dessen geräumige Dachterrasse mit einem der grandiosesten Blicke auf das Schloss Belvedere und den Stephansdom aufwartete.

Doch gerade heute bereitete Rayn Hamadi der Gedanke an all die Erfolge und Annehmlichkeiten keine Freude.

Er nahm sich einen Drink.

Dann stellte er sich ans Fenster und blickte in die Nacht hinaus.

Die Wärme, die sich in seinem Magen ausbreitete, half ihm, sich zu konzentrieren.

Seit einiger Zeit trieben ihn Sorgen um.

Ohne vorherige Anzeichen sah er plötzlich seine Interessen durch eine Macht bedroht, die zu beeinflussen er nur bedingt in der Lage war, der er sich aber stellen musste.

Sich zu verstecken war in dieser Sache keine Alternative.