Japanische Literatur - Paul Adler - E-Book

Japanische Literatur E-Book

Paul Adler

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Beschreibung

Eine Einführung in die Japanische Literatur vom Altertum bis in die Moderne (Urzeit, Nara-Zeit, Heian-Zeit, Kamakura-Zeit, Nambokucho-Zeit , Muromachi-Zeit, Tokugawa-Zeit, Meiji-Ära seit 1867). Anhand von Textbeispielen wird die Entwicklung der japanischen Literatur von ihren Anfängen bis in die moderne Zeit erläutert, einschließlich Dichtkunst, Drama und modernem Roman.

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Japanische Literatur

Geschichte und Auswahl von den Anfängen bis zur neusten Zeit

Paul Adler

Michael Revon

Paul Adler, Michael Revon

Japanische Literatur

Geschichte und Auswahl von den Anfängen bis zur neusten Zeit

Erstmals erschienen 1926

© Lunata Berlin 2019

Inhalt

Zur Einführung

Urzeit

Nara-Zeit

Die Versdichtung der Nara-Zeit

Heian-Zeit

Kamakura-Zeit

Nambokuchozeit und Muromachizeit

Die Tokugawa-Zeit

Die Meiji-Ära seit 1867

Autorenverzeichnis

Über die Autoren

Inhalt

Zur Einführung

Urzeit

Nara-Zeit

Die Versdichtung der Nara-Zeit

Heian-Zeit

Kamakura-Zeit

Nambokuchozeit und Muromachizeit

Die Tokugawa-Zeit

Die Meiji-Ära seit 1867

Autorenverzeichnis

Über die Autoren

Zur Einführung

Das japanische Schrifttum – das hier zum erstenmal in Deutschland in einem Überblick vorgelegt wird – will von dem Leser nicht anders wahrgenommen werden, als etwa eine Abteilung ostasiatischer Flora in einem groß angelegten botanischen Garten. Wie dort der Gärtner, so hatte hier die Übertragung ein Zweifaches anzustreben: ästhetischen Genuss neben der bloßen Belehrung. Es liegt auf der Hand, daß diese beiden Aufgaben an einem so exotischen Gegenstand nicht immer gleichzeitig zu erfüllen waren.

Das Japan, das man in diesem Bande kennen lernt, ist nicht die einseitig graziöse impressionistische Kunstprovinz der Keramik und der Lackarbeiten, noch weniger das europäisierte und industrialisierte Land unserer Gegenwart. Aber auch nicht allein das ritterliche, strenge Feudalland von gestern oder das in unsere Zeit fremdartig hineinragende Reich eines, an den alten Orient und an Afrikanisches gemahnenden, Gottkaisertums. Man wird kein bloßes Brevier adeliger Hofkunst vorfinden und auch keine Art buddhistischen Breviers. Die japanische Literatur umfaßt vielmehr, als Spiegel einer mehr als tausendjährigen Geistesgeschichte und Beeinflussung von ältesten Kulturen her, alles das – und in Wahrheit noch etliches mehr und viel Tieferes. Ohne eine gewisse fortlaufende Beachtung der kulturellen und auch der sogenannt politischen Erscheinungen in ihren Grundzügen kann die so abgelegene japanische Dichtung und Prosa gar nicht aufgefaßt werden.

Die älteste schriftlose, nur mittelbar überlieferte Urzeit und die wichtigen religiösen Dokumente der, nach der ersten dauernden Kulturstätte Nara benannten, Epoche (8. Jahrhundert) zeigen ein Volk von Fischern und Jägern, das gerade den Reisbau, jedenfalls vom Festlande her, eingeführt und geregelt hat. Aber dieses Volk ist, wie die meisten werdenden Kulturvölker, nicht mehr homogen. Die hellere Urbevölkerung der Ainu (Emishi) ist von Festländern gründlich und von seewärts einbrechenden malaiischen Herrenstämmen oder Seeräubern politisch durchsetzt worden. Das »Kojiki«, der nach Jahrhunderten redigierte Niederschlag der Anschauungen dieser letzten Einwanderer, zeigt die den polynesischen Vettern verwandte Götter- und Kulturheroenwelt in ihrer teils kriegerischen, teils friedlichen Auseinandersetzung mit den »Landesgöttern«, d. i. den Autochthonen. Dieses, japanisch nur lesbare, weil von der schriftlosen jungen Nation in chinesischer Bilderschrift niedergeschriebene Geschichtswerk vom Beginn des 8. Jahrhunderts hat freilich, gleich seinem rein chinesischen Parallelwerk, dem »Nihongi«, die wichtigen innern Kämpfe zwischen den einzelnen Erobererstämmen vertuscht. Sie sind da und dort noch erkennbar; ganz charakteristisch in dem Streit von Sonne (Amaterasu) und Wind- und Unterweltsgott Susanowo um ihre Nachkommenschaft, d. i. um die Vorherrschaft auf den »Acht Inseln«. Jimmu-Tenno, der Häuptling der südlichen Insel Kiushu, der Sonnenspross – ein Priester nach unserer modernen Auffassung – überschattet erst im Laufe von Jahrhunderten die andern Stämme (jap. Uji), seine Nachkommen überwältigen auch die Nachkommen Susanowos mit der Tochter des »Herrn vom Großen Berge«, des Gottes Fuji. Doch das im Kojiki so fertig aussehende, von uns so genannte Mikadotum ist darum noch lange nicht vollendet. So etwa wie der Horus-Falke in Ober- und Niederägypten, Gau um Gau, muß sich der »Himmelsenkel« von Kyushu auf der Hauptinsel Hondo, vom aufgesogenen Yamato östlich und nördlich vordringend, bei den andern Göttersprossen durchsetzen. Diese Art von Bundesverfassung lokaler Stammgottheiten weicht erst im 7. Jahrhundert dem in China schon seit langem orthodox gewordenen Königsprinzip der zentralen Beamtenverwaltung. Das geschieht durch die sogenannte Taikwa (Reform), wodurch, nach längerem vorbereitenden Einfluß von Korea, die chinesische Hierarchie der »Mützenränge« eingeführt wird, und durch die im wesentlichen bis zur Revolution von 1867 maßgebende Codification der Aera Taiho (um 700 n. Chr.). Der Literaturgeschichte hat diese frühmittelalterliche Zeit neben den mehr chinesischen Staatsdokumenten die Niederschriften der weit älteren Shinto-Riten hinterlassen als das kostbarste und großartigste Erzeugnis des alten Japan. Wie so oft, ist auch hier das Archaische von nicht wieder erreichter Schönheit. Die Wirkung, die sich aus seinem noch magischen und geglaubten Inhalt von selbst ergibt, übertrifft psycho-physisch alle später erstrebte Wirkung auf Sinne oder Gemüt.

Die Gedichte (gesammelt im 9. Jahrhundert zu dem, sprachlich in ihrer Niederschrift bald unverständlich gewordenen, Manyoshu) sind demgegenüber bereits bewußte Erzeugnisse. Am nächsten der alten Zauberwelt freier Rhythmen stehen die Hymnen oder Oden Hitomaros, eines orphischen Pindar, und die Verse des gleich nationalen Akahito. Die ungefähren Zeitgenossen: Okura, Tahibito und dessen Sohn Yakamochi sind bei aller großartigen geistigen Fortgeschrittenheit, besonders des Okura – stark im Banne der chinesischen Tang-Dichtung. Nicht solcher Stimmungsbilder, wie sie alle Welt von Li-Tai-Po kennt, sondern der zugleich weit ausladenden und realistisch eindringenden Dichtung etwa eines Tu-Fu. Um jene Zeit ist Japan bereits eine geistige Provinz Chinas, dessen imponierende, in den Staatseinrichtungen und einer klassisch-kanonischen Literatur niedergelegte Weisheit es jedoch in engster Verbindung mit einem schon lange chinesisch gewordenen Buddhismus erhält. Japan wird etwa 300 Jahre später als China von dem Licht des Ostens erleuchtet und tiefer durchleuchtet als dieses Durchgangsland der buddhistischen Patriarchen. Auf dem »Großen Fahrzeuge«, der weit mehr als alle katholische Kirchenpolitik aller Zeiten dem Polytheismus entgegenkommenden »Mahayana«-Richtung des nördlichen Buddhismus, flüchten Japans alte Götter (die Kami) in den Kern des alleinseligmachenden Lotus, von wo sie auch durch die spätesten neukonfuzianischen und nationalen Reinigungen nicht wieder zu entfernen sind. Der, mehr oder minder weltflüchtige, mehr oder minder gelehrte Mönch wird die wichtigste geistlich-geistige Erscheinung im fernen Osten ebenso wie ungefähr gleichzeitig im fernsten Westen auf der »Grünen Insel«. Und nahezu in demselben Jahre wie Monte Cassino kommt Boddhidharma, der Gründer der Meditationssekte Chinas, der späteren Zensekte Japans, in das Land des Tao. Seine Mission vollbringt dann, in Fortsetzung der theologischen Tendai-Richtung, das Butsudo, die geistige Umwandlung des malaiischen Recken in den buddhistischen japanischen Ritter. Ein Bernhard von Clairvaux hat ähnlich den Adel Frankreichs mit Mystik getränkt. Man lese dazu die Proben aus dem Heike-Monogatari und dem Gempei Seisuiki.

Doch Buddha war, wie gesagt, zugleich mit den chinesischen Klassikern eingezogen. Wem das unvorstellbar ist, der denke zum Beispiel an die gemeinsame Wirkung des weltlichen und des christlichen Rom auf die jungen Völker Nordeuropas und, noch nach Jahrhunderten, die Entwicklung der »beiden« römischen Rechte oder die aristotelische Thomistik. Der Buddhismus ergreift Japan mit der Unendlichkeit seiner gereihten und gestuften Buddhas und Boddhisattvas; Chinas Konservativismus wirkt mehr auf die Kräfte des Verstandes. Man muß sich vor Augen halten, daß die volle Gestaltung der chinesischen Klassik erst eine Tat der weit späteren Sungzeit (Chu-his im zwölften Jahrhundert) ist, und daß der echte, ursprüngliche Konfutse ein großartiger Bauer ist, wie ein Cato major mit einer immerhin vorhandenen strengsten Gebundenheit an das Überweltliche (religio). Das vormals von einer fremden Kaste geübte, bald für den Beamtenadel Japans obligatorische Studium der westlichen Werke hat also damals noch Raum für religiösen und politischen »Aberglauben« genug. Auch der Taoismus, zu Anfang bekanntlich kein glatter Gegensatz zur späteren Staatslehre, wirkt sich, wenn auch nicht gerade übermäßig, in Japan aus. Die Heiligen und die »Genien«, die Alchimisten und die Sucher des Lebenselixiers gedeihen hier freilich nicht recht, auch die Exorzisten erwachsen wohl aus dem buddhistischen Tantra. Aber die Seligen Inseln der Taosucher tauchen hie und da auf, und für immer überwältigend steht dann das buddhistische Westliche Paradies, das »Reine Land« des realen Erlösers Amida (Japans Jo-do) am Herzenshorizont. So herrscht China, das klassische des Kong und das indische des Fo, überall in Gedanken und Gefühlen, in Schriften und in besonderen sinojapanischen Verssammlungen. Aber bei der Sicherheit, die den Chinesen noch mehr als zum Beispiel den alten Römer auszeichnet, und die sich bei ihm in Eleganz wandelt, wurde er auch der Schöpfer der eigentlich blühenden Gattung des Schrifttums, des Fu, das ist des von den Historikern so genannten Essays, oder wie wir unbedenklich sagen wollen, des (sophistischen) Feuilletons. Man begreift, daß solche rhetorische Übung in einer Hofbeamtensphäre, halb von der Art der karolingischen, halb der um Louis Quatorze, vor allem Fuß fassen konnte. Das Kajo (Vorwort) der kaiserlichen Verssammlung Kokinshu (nach 900) mag als Beispiel dienen. Von dieser Viel- und Schönschreiberei zweigt sich auch die Reise- und Tagebuchliteratur ab. In Japan, in Nachwirkung der Familienverfassung einer Geschwisterehe, bei freiester sozialer Stellung der Frau, entsteht die klassische schöne Frauenliteratur. Der noch heute meistgefeierte Roman Japans ist von einer Frau verfaßt und um dieselbe Zeit (1000 n. Chr.) auch die geistreichen Reflexionen der Hofdame Sei-Shonagon.

Immer jedoch steht China blendend am Westhimmel, auch für die schreibenden Frauen. Auch die Sprache wird, freilich nicht schon in dieser klassischen Heian-Zeit, sondern erst nach einem Jahrhundert des Untergangs, allmählich zur chinesischen Mischsprache, etwa wie das verwelschte Deutsch des siebzehnten Jahrhunderts. Doch mit der Zeit entsteht die Gefahr eines durchgehenden Sino-Japanisch, eines neuen Idioms von der Art des damaligen normannisch-angelsächsischen. Von einer japanischen Literatur könnte man bald nur noch wie von einer mundartlichen reden, wenn sich nicht die fast rein japanische Lied- und Spruch- (Tanka-) Dichtung erhalten hätte. Diese in Europa vorzüglich bekannte, aber wohl durchgängig mißverstandene, nationale Dichtungsart Japans bedarf hier einer besonderen Untersuchung.

Die Tanka (sinojapanischer Ausdruck für das Kurzgedicht von dreimal sieben und zweimal fünf Silben) gilt als rein artistisches, höfisches Produkt. Man darf aber darauf hinweisen, daß Raffinement in der ganzen Kunstgeschichte eine Eigenschaft der »barbarischen« und nicht der »entwickelten« Verhältnisse ist. Technik ist hier immer irgendwie im dunkelsten Primitiven verankert. Doch die Tanka, eine Lied- und Spruchdichtung, die nur formal aber nicht als Gattung von den Versen etwa eines »Kürenbergers« unterschieden ist, ist ein Produkt der Kaiserhöfe einfach darum, weil der Kaiser seit der großen Hierarchisierung zum Brennpunkt alles Zeremoniellen geworden ist, Spruch und kurzes Lied aber von gleichem zeremoniellem Ursprung sind wie der Hof selber. Sie sind Gruß- und Wunschdichtung; und, was hier nicht näher ausgeführt werden kann, von Haus aus: Anwünschung, Zauberspruch, in einem Hauptfall zum Beispiel Liebeszauber. Wie bei allen primitiven oder sehr alten Völkern sind auch in dem kastenmäßig gebliebenen alten Japan – das Uji, ehemals Stamm, bedeutet jetzt auch den Stand – die Stämme, beziehungsweise Sippen, im Besitz eigener Riten. In Japan mußten also, wie in China (und anderswo), die Kaiser diesen magisch-poetischen Kraftzuwachs aus einer dunklen Erinnerung her zu monopolisieren, zum Regale zu machen bestrebt sein. Das ist etwas ganz anderes als das zumeist angenommene, auch psychologisch unfaßbare, oberflächliche Mäzenatentum dieser Höfe. Gewiß sind diese Grundlagen schon den Japanern der klassischen Zeit verdunkelt gewesen. Solche Dichtung erfordert und besitzt aber feste Regeln, nicht anders als solche auch das primitive Rechtsverfahren erfordert. Die scheinbare Wortspielerei, die »Kissen«- und »Angelworte«, erklären sich zunächst, und wie auch sonst ähnliches in der Weltliteratur, aus dieser Gebundenheit der Primitiven, was sich auch leicht im einzelnen durch Parallelen der Naturvölker belegen läßt. Gruß- und Gefühlslieder blühten auch in dem stammverwandten, ästhetisch ähnlich anziehenden, Polynesien. Das japanische Gedicht, das dann in abermals barbarischen Zeiten als ein wichtiger Kult die ganze freie Rhythmik verdrängte, ist daher als eine Reliquie in einem etwas barbarisch-kostbaren Schrein anzusehen, wie das gemalte chinesische Lied.

Der Kaiserhof von Kyoto wurde um diese Zeit wirklich zu einem religiösen Relikt, zu einem theoretisch unantastbaren Fetisch für die politisch Gleichstrebenden. Wie überall in der Geschichte taucht auch hier der Stammesseparatismus aufs neue auf. Es entstehen die sogenannten Militärklane, zunächst an den Marken, mit einem Hörigenaufgebot und einer Hausmacht. (In den Stammländern Yamato, Idsume stand alles nutzbare [Reis-] Land im Obereigentum des Kaisers). Auch die Beamten im Innern verwandelten sich in selbstbewußte, nach einem Gesetz der Geschichte bald wieder erbliche, Benefiziare, und das Kaisertum ist jahrhundertelang Schild der einzelnen Territorialherren. Die Taira und zuletzt deren Gegner die Minamoto werden die faktischen Herren ihrer kaiserlichen Gebieter, nicht als Kanzler (Kwambaku), wie zuvor im neunten und zehnten Jahrhundert die mitunter allmächtigen Fujiwara-Hausmeier, sondern als Oberfeldherren (auf chinesisch Shogune). Es kam die Praktik auf, prinzliche Kinder zu Kaisern zu machen und sie nach Erlangung der Jünglingsmütze (bei erreichter Mündigkeit also) ins Kloster zu stecken. Nach endlosen wechselseitigen Greueln und Ausmordungen, auch in der eigenen Partei und Gens, blieb 1189 der Minamoto Yoritomo Sieger. Die Minamoto verwalteten danach 700 Jahre lang bis zum Jahre 1868 in ihren verschiedenen Zweigfamilien das Reich. Sie gründeten die angebliche Millionenstadt Kamakura (von der bis zum letzten Erdbeben fast als einziger Rest der berühmte goldene Buddha übergeblieben war). Bis zum vierzehnten Jahrhundert aber war unter ihnen die Hojo-Gens im Besitze des »Oberministeriums« (als ›Shikki‹).

Diese Zeiten, erfüllt von Krieg und Kriegsgeschrei, sind literarisch durch die geschichtlichen Volksbücher (Monogatari) charakterisiert, und durch die Tagebücher, nun nicht mehr der Frauen, sondern der Mönche. Das Hojoki und das Tsuredsuregusa (das erstere klösterlich sentimental, das zweite intellektuell und zweideutig) gelten als Höhepunkte dieser Art Mönchsliteratur. Die politische Verwirrung wird dann durch ein Schisma eines illegitimen, südlichen Kaiserhofs weiter vergrößert (in der Nambokucho-, das heißt »Nord-Südhof«-Zeit bis 1398). Danach regiert der Ashikagazweig der Minamoto in dem Kyotoer Stadtviertel Muromachi. Ein neuer Hofstaat blüht auf, mit neuen Zeremonien: Teezeremonie, Blumenbindzeremonie, Gartenkunst. Und in der Literatur entsteht aus uralten, noch heute in Resten erhaltenen, Shintopantomimen vor Buddhatempeln ein buddhistisch-gerichtetes Melodram und Mysterienspiel (auf chinesisch No, soviel wie »Kunst«), konservativer als das damals bereits breit und bunt gewordene chinesische Drama der Mongolenzeit. Eine ausschweifende wuchtige Spätgotik für alles Volk entsteht in den eingelegten Farcen (Kyogen) und in den schillernden, oft realistischen Volkserzählungen (Otogi-dsohi).

Auch die Chroniken, die freilich in Reimerei und Naivität, in Theologie und Gelehrsamkeit ausschweifen, unterscheiden sich nicht in allem vorteilhaft von den älteren Monogatari. Sogar eine Art pragmatischer Geschichtschreibung beginnt nach dem Vorbild der alten Szema-Tsien und Sung Tsema Kiang und der fortgesetzten chinesischen Reichsannalen. Japan wird um diese Zeit anscheinend volkreich.

In dieser Übergangszeit stürzt das künstlich und vorläufig gestützte Feudalsystem und macht einer besser ausgeglichenen, staatsrechtlich allerdings nicht minder zweifelhaften Doppelordnung Platz. In Wirren, in denen auch die Jesuiten und die christlichen Nationen bereits eine (zweite) Rolle spielen, unterwirft Nabinogu die Territorialherren – so wie es kurz zuvor in Europa Könige und Reichsfürsten taten. Doch bietet das städtearme Japan für einen Absolutismus vorläufig keine Grundlage. Man teilt die Macht (nachdem noch ein Hideyoshi als Krieger nach innen und zum Teil nach außen größere Triumphe errungen hat). Es entstehen die sogenannten »Hundert Gesetze des Jeyasu«. Die Daimyos (Barone) erhalten als Lehen Naturaleinkommen für ihre Vasallen(Samurai) garantiert; der Shogun in Yeddo (Tokio) außer seiner großen Hausmacht ein eigenes Heer, Gouverneure und die Steuern einer Zentralregierung (Bakufung). Ein Hofadel residiert um ihn wie auch um den Mikado. Dieser selbst bleibt seitwärts in Kyoto als ein Papst. In dieser großen Verteilung ordnen sich auch die geistigen Mächte neu. Die Zeit der Staatsschwäche ist vorbei, und fürs erste zieht die, in China abermals schon ergraute, spekulativ begründete, neukonfuzianische Staatsphilosophie ein. Jetzt versucht auch Japan ernsthaft die alte weise »Mitte« einzuhalten. Die »Kleine Lehre« (das Siao-hi des Chu-hi), jene Polizeiverordnung der Geister, die, zusammen mit den andern Werken der Richtung, China bis in die allerneueste Zeit gefangen hielt, wird auch in Japan eingeführt und dient dann bis in die neueste Gegenwart als Schulbuch. Von einem bedeutenden, aber von der Regierung bald zurückgedrängten Überschwang an Spekulation, die einigen Richtungen mehr Raum gewährte als das Mutterland selbst, blieb die Staatslehre der Sinologen, der Kangakusha übrig. Das chinesische Japan schien vollendet. Es gab sogar Gelehrte, die sich ihren chinesischen Lehrmeistern gegenüber als »Barbaren des Ostens« bezeichneten. – Vielleicht im Zusammenhang mit wirtschaftlichen und allgemeinen Missständen erhob sich eine romantische reaktionäre Japan- und Shintorichtung (der Wagakusha). Die Regierung versuchte auch diese auf einem rein literarischen Niveau zu halten. Doch war der Mikado im Hintergrund eine ausgezeichnete Deckung. Der Zusammenbruch der für Naturalleistungen berechneten Finanzen um die Mitte des Jahrhunderts, Missernten und die Verwicklungen mit den Amerikanern führten dann politisch zu der letzten Revolution eines neu hervorgeholten, jedoch konstitutionellen Mikado als Herrscher über ein europäisch organisiertes Volk; geistig aber begünstigten sie einen nicht recht geglückten Neushintoismus, dem vor allem die noch unverändert lebenskräftige Symbiose mit dem Buddhismus entgegensteht ...

Diese Neuzeit Japans (seit dem 16. Jahrhundert) unter den Tokugawa-Shogunen eröffnet alle Schleusen der so lange traditionell gebliebenen Literatur. Das Volk, durch Gewerbe (Seidengewebe, von Korea eingeführte Keramik) zur Masse erstarkt, durch Handel in seiner Oberschicht reich geworden, ergreift die Herrschaft zunächst über das gedruckte Wort. Romanes et Circenses. Die legendären Geschichten und Märchen werden immer zahlreicher, in schnellerem Tempo erzählt (mündlich auf den Straßen vom Geschichtenerzähler, schriftlich und beholzschnittet von bürgerlichen Bohemiens). Die ganze bunte Phantastik einer noch halb primitiv gebliebenen, durch Volksmassen schon in China reich entwickelten Geisteswelt ergibt ein Dorado der Erzählungskunst. Nirgendwo seit dem Orient der römischen Kaiserzeit und nicht einmal unter den Kalifen wird so vielfältig und ausgiebig fabuliert wie in China seit dem 16. und im Japan des 17. und vor allem des 18. Jahrhunderts. Das gilt von der neueren aus dem Bänkelsängertum (Joruri) und dem Marionettentheater (einem malaischen Requisit ehrwürdigen Ursprungs) noch mehr als aus dem Tempelhoftanz (Kagura) entstehenden Bühne. Das scheint vor allem von dem Roman zu gelten. Scheint – denn keinem Europäer und vermutlich auch keinem Eingeborenen ist die ganze Hochflut dieser Novellistik zugänglich, die in den Sittenschilderern und Erotikern des 18. Jahrhunderts –, wenn sie auch vermutlich nicht oft die bekannte Obszönität Chinas erreichte, doch vom Schund zum Pathos und zu feiner Psychologie, und wieder zurück zum Schund taumelte, etwa wie die Pariser gleichzeitigen Erzeugnisse. Einer Fülle, die in Ikku einen ebenso genialen wie klassischen Humoristen hervorbringt und in Bakin einen repräsentativen Ostasiaten an der Schwelle der neuesten Zeit. Manches erinnert an die in Europa bekannte Entwicklung der Malerei und des mit der Bücherschreiberei engverknüpften Holzschnittes, an die beide hier nur erinnert werden kann.

Die Lyrik ist hinter diesen breiteren Gattungen seit Jahrhunderten zurückgeblieben, hat aber in dem, aus dem primitiven »Kettengedicht« (Japans und Chinas) abgelösten Epigramm doch ein glänzendes langblühendes Genre erzeugt. Wie die Tanka, so zeigt auch dieser Dreizeiler einen primitiven, und zwar einen buddhistischen Einschlag und (mindestens entfernten) Ursprung. Er ist ein volkstümlicher Predigtbrocken und allmählich ein kleines östliches carmen buranum. Von der Gesellschaft wird die Tanka weitergepflegt; von einer, uns zeitgenössischen, national-japanischen Literatur kann jedoch anscheinend so wenig die Rede sein wie von einer zeitgenössischen japanischen Malerei. In einer Übersicht altjapanischen Wesens solche europäisch gerichteten Werke mit aufzunehmen, erschien darum bei aller Anerkennung individueller Verdienste oder Bedeutungen nicht angemessen.

Die folgende Auswahl ist etwa zu drei Vierteilen identisch mit der aus einheimischen Sammlungen geschöpften »Anthologie Japonaise« des Professor Revon (Paris, Delagrave 1919). Es ist dieses die erste in Europa erschienene Chrestomathie. Für etwa zwanzig Stücke wurden die Proben von Karl Florenz aus seinem maßgebenden Werke über japanische Literatur verwendet. Die Mehrzahl der Übertragungen erfolgte, wie etwa die Niederschrift einer runden Hälfte des verbindenden Textes und das zu einem kleinen Reallexikon ausgestaltete Schlussregister, nach eigenen, aus den einführenden Worten sich ergebenden Gesichtspunkten der deutschen Ausgabe. Die Orthographie folgt fast durchgehend der von den Japanern selbst rezipierten englischen Transkription.

Möge das kleine Werk in der veränderten, deutschen Gestalt zur Erkenntnis nicht nur Japans, sondern der Menschheit als eines großen Ganzen beitragen, entsprechend einem der höchsten Ziele der deutschen Philologie und des deutschen Buches; mögen die dem Bearbeiter wohl bewußten Mängel eines solchen Überblicks dieses Ziel nicht zu sehr beeinträchtigen, und in dem Gemüte des Lesers die Blüten Japans aufgehen gleich dem, einst um die Geburtszeit des Franz von Assisi, von dem Taira Yasuyori in seiner Verbannung gedichteten Liede, das der Altmeister der deutschen Japanologie übertragen hat.

Paul Adler

An den Kumano Gongen 

(Buddha)

Gestalt sowohl wie Sinn sind wandelbar, o weh. 

Die Tränen, die mir von den Wangen rollen, 

Wie Wasser sind sie eines Wasserfalls. 

O möchten sie zum Teiche werden, 

Wo wunderbarer Lotus-des-Gesetzes wächst! 

Und du, o Gongen, auf dem »Schiffe der Verheißung« fährst, 

Mit eingestoßner Ruderstange, 

Und uns, die Untersinkenden, aufnimmst zu dir!

Urzeit

Verse aus der Urzeit

Die Dichtung Japans besteht in ihrer ersten, archaischen, von chinesischen Einflüssen freien Epoche in Liedern, die zwar erst im achten Jahrhundert n. Chr. schriftlich niedergelegt sind, aber lange zuvor mündlich überliefert sein dürften. Das Gedicht heißt auf japanisch Uta, Lied. Der Japaner sagt nicht: ein Gedicht wird gelesen oder rezitiert, sondern er spricht vom: Singen eines Sanges, Uta wo uta-u. Wir finden solche Sänge zum ersten Male verstreut in den mythischen Geschichtsbüchern des Kojiki (111 Lieder enthaltend) und des Nihongi. Die meisten dieser kleinen Gedichte sind von sehr geringer Erfindung und eignen sich nicht zur Übersetzung. Ihr Verständnis könnte auch erst durch eine Reihe von Kommentaren erschlossen werden. Es sind daher nur drei Gedichte hier übersetzt: das erste zeigt ganz primitiven Charakter, das letzte schon eine gewisse Höhe. Was die Datierung der Gedichte betrifft, so ist die Chronologie für die ersten Jahrhunderte anscheinend im Nihongi frei erfunden, durchaus legendär. Die Japaner haben die Schrift durch Vermittlung koreanischer Gelehrter erst gegen das Jahr 400 der europäischen Zeitrechnung erhalten, den, gleichfalls chinesischen, Kalender 150 Jahre später, im Jahre 553. Alle Datierungen über das siebente vorchristliche Jahrhundert hinaus beruhen daher nicht auf ernsthaften Berechnungen und widersprechen überdies den chinesischen wie den koreanischen Annalen. Die erste, mit den festländischen Aufzeichnungen übereinstimmende Zeitangabe des Nihongi betrifft das Jahr 461. Immerhin steht fest, daß die Japaner sich bereits mehrere Jahrhunderte v. Chr. staatlich organisiert hatten. Ihre ersten Herrscher, die eigenartige Ausbildung der nationalen Sprache und der primitive Charakter ihrer Traditionen weisen sämtlich auf ein so hohes Altertum hin.

Das erste der mitgeteilten Gedichte ist ein sagenhafter Rhythmus der Krieger des Jimmu, des legendären Gründers der japanischen Dynastie. Diese Worte sollen nach einem Gefecht erfunden und von dem Gefolge des Herzogs jedesmal mit einem gewaltigen Lachen begleitet worden sein. Die Verwandtschaft mit Sängen der Urvölker ist erkennbar.

Die beiden folgenden Kaisergedichte sind aus dem unten näher besprochenen Kojiki. Das Schenkenlied besteht im Original in echt japanischer Art bloß aus einem einzigen ungeheuer erweiterten Attribut oder »Kissenwort« zu dem Wort Yamato. Yamato ist das Stammland von Japan.

Schlachtgesang

[Sagenhaft, angeblich 663 vor Chr.]

Ha! – Jetzo! 

Ha! – Jetzo! 

Ho! - Ho! 

Drauf – Kinder! 

Drauf – Kinder!

Angebliches Grußlied des mythischen Kaisers Jimmu

(An die Gemahlin, in Erinnerung früher schlichter Liebe)

Unten im Schwemmland, 

In feuchter Hütte

Rohr fügend zum Rohre, 

Matte auf Matte, 

Darauf dann schliefen wir, miteinander.

(Bei Darreichung des Reis-Weines an den Kaiser)

Den Wein von der Sonne, 

Schänk mit Gebärden 

Dem Sproß von der Sonne, 

Reis, Fülle der Fülle! 

– Fülle des Laubes 

Im Rotglanz ist Er 

Vollechter Krone, 

Fünfhundertgeästeter, 

Vollechter Thea, 

Am Götterhause 

Froh-Erstlicher Spende 

Vom Berge, erhaben 

Mit sanfter Erhöhung, 

Hochherrscher bergender 

Yamato-Burg!

Von einer der Kaiserinnen gedichtet. Zeit Kaiser Yurya-kus, fünftes Jahrhundert v. Chr. Dies und das vorige aus dem Kojiki.

Shinto-Rituale

Im Gegensatz zu dem, eigentlich unpoetischen, Charakter der ältesten Gedichte sind die Prosaüberlieferungen von höchstem dichterischen Wert. Man findet sie in den Norito, den Formeln des Hauptfestes des Shin-to (»Götterweges«), des Weges, den die Japaner bis zur Predigt des Butsu-do (des »Weges des Buddha«) einträchtig verfolgten. Diese Riten sind uns in der Zahl von 27 in dem Buch Engi-shiki, den Normen der »Engi-Zeit«, erhalten. Die ganze Berechnungsweise nach Epochen (»Nengo« oder Jahrnamen) haben die Japaner von den Chinesen übernommen. Gezählt wird, auch gegenwärtig, von dem Regierungsantritt eines Kaisers oder von irgendeinem anderen wichtigen Geschehnis an. Die Shinto-Riten sind zwar erst im zehnten Jahrhundert gesammelt, doch dürften einige bereits vorher niedergeschrieben und zum mindesten mündlich von Vater zu Sohn, von den Nakatomi (den »Mittlern«) als den Vertretern des kaiserlichen Priestertums übermittelt sein, wahrscheinlich unverändert seit dem siebenten Jahrhundert. Die Nakatomi sind eine erbliche Priesterkaste, deren Ursprung nicht feststeht. Sie selbst führten ihn auf den Gott Koyane zurück, der einst die verfinsterte Sonnengöttin durch die harmonische Schönheit seiner Rezitation (des »Himmlischen Norito«) wieder heraufgeführt habe. Diese Norito sind also nicht so sehr Gebete als eigentliche magische Formeln. Zu den bedeutendsten gehören das »Ritual der Saaten« zur Erlangung einer guten Ernte; das »Ritual der Windgötter« zur Hintanhaltung gefährlicher Witterung; das »Glücksritual des Großen Palastes« zum Schutze der Kaiserwohnung gegen üble Einflüsse; das »Ritual der hohen Pforte« (»Mi-kado« dies der wahrscheinliche Ursprung der Bezeichnung für den Kaiser, der gegenwärtig allerdings meist nach chinesischem Vorbild »Tenshi«, Himmelssohn, genannt wird), ferner das »Ritual der großen Sühnung« (unten abgedruckt); das »Ritual des Feuers« zur Verhütung von Bränden im kaiserlichen Palaste; das der »Weggötter« gegen Seuchen; der »Erstlinge« beim Regierungsantritt; das »zur Beruhigung der Seele des Kaisers«, zur Verlängerung seines Lebens, der Ritus »zur Einführung einer Prinzessin« als Vestalin im Sonnentempel, »zur Beschwörung der Geister «, endlich »die Worte vom guten Omen« der Häupter des Idsuma-Landes, um ihrem Oberherrn das Glück zu versichern.

Das folgende »Ritual der großen Sühne« ist auch noch in seinen äußeren Zeremonien aus dem neunten Jahrhundert überliefert. Danach war der ganze Hof vor dem Südtor des Palastes von Kioto neben einem Kanal aufgestellt und erwiderte das Wort »Vernehmt« durch ein regelmäßiges »O« (d.h. Amen, so sei es). Nach gesprochenem Ritus nahm der Nakatomi die Ohonusa, den geweihten Stab der herabhängenden Hanffäden und Papierstreifen, und schwang sie erst zur Rechten, dann zur Linken, zuletzt abermals zu seiner Linken über der Versammlung. Die von ihm aufgerufenen Priester, »Urabe«, sind gleichfalls eine erbliche Kaste, jedoch eine Art von Wahrsagern. Der Text des Rituals lautet:

Die Worte der Großen Sühnung

Ich erkläre:

All hier Versammelten: Prinzen von Geblüt, Reichsfürsten, der Heiligtümer Träger, die fünfhundert Reichsbeauftragten, vernehmt alle:

Ich erkläre: Vernehmet, ihr Alle, die »Gemeine Rein- und Sühnigung«, durch welche am jüngsten Tag des feuchten Neumonds unsers Jahres ich zu reinen geruhe und fortzuräumen geruhe die vielen Verstöße, die ohne Willen begangenen, wie auch die etwa mit Willen begangen sind von den ehrfürchtigen Hofbeamten des regierenden Himmelsenkels, nämlich: Von den Stolenträgerinnen zunächst, nach ihnen von den Hals-zum-Armbindenträgern, auch von den Köcherträgern, Schwertträgern, den achtzig Ministerialen der genannten Ministerialen, und im übrigen von allen, die in gebührender Ehrfurcht der übrigen Ämter walten.

Ich erkläre: Vernehmet Alle!

Die Teuern, Ahnherr wie Ahnherrin des Höchstherrn, in ihrer göttlichen Wohnstätte auf der hohen Himmelsebene, haben all die achthunderte Myriaden Götter in eine erhabene himmlische Versammlung zu versammeln geruht, und darin in göttlicher Erwägung zu erwägen geruht und mit gebührender Achtung des Achtenswerten einen Befehl erlassen durch die folgende Erklärung:

»Der erhabene Höchstherr, der Enkel, soll in Frieden herrschen als über ein beruhigtes Land über das Land der Jungen Ähren der Fruchtbaren Rohrebene.«

Sie geruhten sodann, mit einer göttlichen Verfolgung die vielen Gottheiten des hiermit verliehenen Landes zu verfolgen. Sie geruhten, diese vor Ihm auszutreiben in einer göttlichen Austreibung. Sie geruhten, mit Stillschweigen zu belegen die Felsen und die Baum-Stämme bis hinab zu den geringsten Blättern der Kräuter – welche alle zuvor mit der Gabe der Rede begabt waren.

Nun sandten sie Ihn von dem himmlischen Felsensitze herab. Sie bahnten einen Weg mit gewaltigem Durchbruch durch die achtfach geschichteten Himmelswolken. Mit Achtung geboten sie Ihm dann, niederzusteigen, und mit Achtung verliehen sie Ihm (das Land). Als Mitte der Bezirke der vier also verliehenen Gaue wurde der Bezirk Großes-Yamato (über dem hoch die Sonne sichtbar ist) als ein beruhigtes Land mit Achtung Ihm zugewiesen. Darauf gründete man zu festem Bestand die Stützen der hohen Wohnung auf den Grundstock der zutiefst reichenden Felsen. Man erhöhte die gekreuzten Balken des Daches bis hinauf zur hochgelegenen Himmelsebene. Mit Achtung errichtete man also den luftig erhabenen Wohnsitz des erhabenen Höchstherrn, des Enkels, auf daß er sich berge im erhabenen Himmelsgrundriss und erhabenen Sonnengrundriss, und von da herrsche über ein befriedetes Land.

All die Verstöße, begangen ohn' Vorbedacht und begangen etwan mit Vorbedacht auch von dem himmlischen stetigen Bevölkerungsüberschuss im Lande, sie mögen welcher Art immer sein – und zwar: Gewisse darunter sind Verstöße gegen das Himmlische, als da sind: Verrückung der Grenzraine der Reisfelder, Verschüttung der angelegten Wasserläufe, Aufreißung der Schleusen, die Achtersaat, die Aufrichtung von Zauberruten, die Schindung des lebendigen Leibes und die Schindung schlechthin gegen den Strich, die Verunreinigung mit den Afterabgängen. Alle diese sind die ausdrücklichen Vergehen gegen das Himmlische.

Betreffend die Vergehen gegen das Irdische, so sind diese: Verletzung der Haut des Lebendigen, Verletzung der Haut am Toten, die Schlohweißen (Aussätzigen), die Afterauswürfe, die Blutschande der Mutter, die Blutschande der Tochter, die Blutschande der Stief- (Schwieger-)mutter, die Blutschande der Schwester, die Unzucht mit einem Tiere. Das Unheil der kriechenden Würmer, das Unheil von den Göttern der Höhe (Blitz), das Unheil der Vögel in der Höhe (Omina), Tötung von Tieren, Hexerei.

Sobald solche Dinge offen werden, soll »Der Große Priester« gemäß den Vorschriften des Himmlischen Palastes von den jungen Bäumen aus der Himmlischen Umfriedung erst die Wurzeln und sonach die Spitzen abschneiden. Aus den Stämmen soll er zahlreiche Tische für reichliche Opfergaben machen. Dann soll er unten nächst der Wurzel und oben nächst den Ähren Himmlische Sprossen von Gramineen schneiden und sicheln. Er soll sie mit der Schärfe immer spitzer zuschärfen. Danach soll er die kräftigen angeordneten Worte der Himmlischen Anordnung aussprechen.

Bei diesem Geschehen werden die Himmlischen Götter – nachdem sie das Himmlische Felsentor aufgestoßen haben und mit gewaltigem Durchbruch einen Weg durch die achtfach geschichteten Wolken gebrochen haben – das Ohr neigen. Und die Götter des irdischen Lands werden drunten die Gipfel der hohen Berge ersteigen und die Gipfel der niederen Berge ersteigen und, gewaltsam den Rauch der hohen Berge und den Dunst der niederen Berge zerstreuend, auch ihr Ohr leihen.

Durch solche hörende Gegenwart wird jeglicher Verstoß, der als Verstoß gilt, verschwinden von dem Hof des erhabenen Höchstherrschers-Enkels und aus den Bezirken der vier Gaue unter dem Himmel. Gleichwie der Wind des Gottes »Vom Langmütigen Atem« durch seinen Hauch die achtfach geschichteten Wolken zerstreut. Und so wie der Morgenwind sowie der Abendwind des Morgens dicke Nebel und des Abends dicke Nebel verjagen. Und wie man, am Ufer eines großen Hafens, einem großen Schiff an seinem Vorderteile zugleich und an seinem Hinterteil die Taue lichtend, das Schiff ins weite freie Meer hinausstößt. Oder wie man mit der schneidenden Schärfe einer im Feuer gehärteten Sichel verfilztes Buschwerk am Boden sichelt. Ganz also wird von den Vergehen nichts übrigbleiben!

Alles dies, was zu reinigen ich geruhe und was abzuwaschen ich geruhe, die Göttin mit dem Namen »Herrin von der Herabkunft des Stroms« (sie, die in den Schnellen des seine Schluchten niederschäumenden Gießbaches wohnt), sie wird es mit forttragen auf die Großebene des Meeres.

Und sobald diese die Verstöße mit fortgetragen hat, alsobald wird die Gottheit mit dem Namen: »Die Frau des schießenden Schlundes« (sie, die innerhalb der achthundert unterseeischen Kreuzungen der acht unterseeischen Fährten der achthundert unterseeischen Bahnen der zornigen See wohnt) diese Verstöße ergreifen und wird sie verschlingen mit ihrem Gluckgluckton. Und sobald diese sie verschlungen haben wird mit ihrem Gluckgluckton, alsobald wird der Gott mit dem Namen »Herr des Ortes vom Atemgang« sie ergreifen mit seinem Atemgang und wird sie gänzlich vertreiben in das Land, in das Land ganz unten, in das Land des Grundes. Und sobald dieser sie fortgesprudelt haben wird, alsobald wird die Gottheit mit dem Namen »Herrin der schnellen Vertreibung« (sie, die wohnt in dem Lande tief unten, in dem Lande des Grundes) alle diese ergreifen und wird sie schnell vertreiben und wird sie gänzlich austreiben.

Nachdem diese alle also ausgetrieben sind, wird es vom gleichen Tage an keinen Verstoß mehr geben, der als Verstoß gewertet wird. Nicht bei den sämtlichen Hofbeauftragten, die mit Achtung am Hofe des Himmlischen Höchstherrn dienen. Und nicht in den Vier Gauen Unter Dem Himmel.

Und (zu des Zeichen) habe ich hier ein Roß mitgebracht und an den Ort gestellt, als ein Wesen, das vernimmt und das aufhorcht mit Ohren, die es gegen die Himmelsebene droben gerichtet hält. Ich stellte es hier gegen den Untergang der Sonne des Abends dieses jüngsten Tages des Nebelmonds nun vergangenen Jahres, und ich erkläre:

Vernehmt, Alle, hier diese Allgemeine Sühnung, womit ich zu reinen geruhe und fortzuwaschen geruhte!

– Ich befehle: Und Ihr, die (Wahrsager) der Vier Enden, gehet ihr hin und begebet euch zu der »Straße des Flusses«! Reiniget! Nehmt mich euch fort!

Die Worte der Feuerbannung

In diesem Ritual erregen besonderes Interesse zunächst der Hinweis auf die Sitte der Isolierung der Gebärenden wegen magischer Gefährlichkeit des Blutes – einer Auffassung, die auch die bekannte ›Unreinheit‹ der Frau in allem Rechtlichen und Kultischen aller alten Völker erklärt, sowie unter anderem das bekannte Verbot der Endogamie und im weiteren auch die Notwendigkeit aller Blutsühnung –, ferner die im ›Kojiki‹ noch deutlichere Verwandtschaft der japanischen Schöpfungssage mit dem malaiischen und polynesischen Mythus.

»Wir sagen her die erhabenen Ritualworte des himmlischen Rituals, welche gnädigst mitgeteilt haben die im hohen Himmelsgefilde göttlich weilenden oberherrlichen teuren Gott-Herrscher und Gott-Herrscherin, als sie das Reich (dem erlauchten Enkel) gnädigst anvertrauten mit den erlauchten Worten: »Seine Hoheit, der souveräne erlauchte Enkel soll friedlich als ruhiges Land das Land der frischen Ähren des üppigen Schilfgefildes regieren!«

Ihre göttlichen Hoheiten Idsanagi und Idsanami, zwei Gottheiten, Mann und Frau, vermehrten sich und erzeugten achtzig Länder von Ländern und achtzig Inseln von Inseln, erzeugten acht Millionen Götter; als ihren jüngsten Sohn aber gebar sie den Gott Feuer-Erzeuger, wobei ihre Scham versengt wurde und sie sich in einem Felsengrab verbarg und sagte: »Meines verehrten Gemahls Hoheit! sieh mich nicht an sieben Nächte von Nächten und sieben Tage von Tagen!« Als er, noch ehe diese sieben Tage voll waren, ihr Sich-Verbergen seltsam fand und nachsah, da hatte sie Feuer geboren, wobei ihr die Scham verbrannt worden war. Da sprach sie zu ihm: »Während ich doch sagte, daß mein hoher verehrter Gemahl mich nicht anschauen solle, hat er mich dennoch erschaut«; und ferner sprach sie: »Mein hoher verehrter Gemahl soll die Oberwelt regieren und ich werde die Unterwelt regieren.«

Als sie sich in dem Felsen verbarg und an dem flachen Hügel der Unterwelt ankam, da dachte sie: »Auf der Oberwelt, die mein hoher Gemahl regiert, habe ich ein schlechtgesinntes Kind geboren und dort gelassen, und so bin ich hierhergekommen.«

So sprach sie und kehrte zurück und gebar wiederum Kinder. Sie gebar vier Arten von Dingen: Die Wassergöttin, den Kürbis, die Flussalge und die Prinzessin Lehmberg, und unterwies und lehrte, daß die Wassergöttin mit dem Kürbis (als Schöpfkelle) und die Prinzessin Lehmberg mit der (Brandwunden stillenden) Flussalge das schlechtgesinnte Kind gefälligst zur Ruhe bringen sollten, wenn es sich ungestüm gebärden würde.

Hierauf Bezug nehmend hoffen wir, daß der erlauchte Sinn (des Feuergottes) sich gnädigst nicht gewaltsam und ungestüm gegenüber dem Palaste Seiner Hoheit des souveränen erlauchten Enkels gebärden werde, wenn wir die Lobrede beenden; und was die Opfergaben anbelangt, so bringen wir ehrerbietigst dar: helles Tuch, scheinendes Tuch, feines Tuch und grobes Tuch, samt und sonders fünffarbig; und von den im blauen Meeresgefilde befindlichen Dingen bringen wir dar breitflossige Dinge und schmalflossige Dinge bis zu den Seegräsern der Tiefsee und den Seegräsern der ufernahen Flachsee; und was den edlen Reiswein anbelangt, so stellen wir die Krüge dicht nebeneinander hoch auf, füllen den Bauch der Krüge an und reihen Sie aneinander; und schließlich auch legen wir in einem hohen Haufen gleichsam wie einen Querberg gehülsten Reis und ungehülsten Reis hin, und mit den herrlichen Ritualworten des himmlischen Rituals vollziehen wir ehrerbietigst die Lobrede. Also künde ich.«

Nara-Zeit

Kaiserliche Erlässe

Diese Erlässe, bekannt unter dem chinesisch-japanischen Namen Semmyo »Ausrufung kaiserlichen Erlasses« wie unter dem rein japanischen Mikoto-nori (Ausrufung erhabenen Wortes) ahmen die Sprache der Riten, Norito' der vorigen Epoche nach, einzelne sind bereits in mehr oder minder chinesischem Stile verfaßt. In der Sammlung Shoku-Nihongi vom Jahre 797 sind uns 62 Te-te erhalten.

Erlaß bei einem Regierungswechsel

Kaiser Mommu (697 n. Chr.), Urheber des ein Jahrtausend geltenden Rechtsbuches Taihoryo, erklärt in diesem juristischen Dokument die ruhige Weitergeltung aller Gesetze (so wie etwa ein römischer Prätor), da die naive Auffassung eine wirkliche Sukzession auch in den Dingen der öffentlichen Gewalt noch nicht kennt. Auch die Residenz wechselte noch kurz vorher mit jedem Herrscher, nicht anders als bei den deutschen Königen des Mittelalters.

»Der Kaiser, welcher als gegenwärtiger Gott über das Land der Großen Acht Inseln herrscht, kündet seinen großen Befehl, um seinen großen Befehl zu verkünden: Ihr versammelten Prinzen, Fürsten, Großwürdenträger und sämtlichen Beamten, sowie alles Volk unter dem Himmel, vernehmet! So künde ich: Höret den großen Befehl des Kaisers, der den großen, erhabenen, hohen, breiten, dicken Befehl befolgt, ihm (seinerseits) erteilt und zur Aufgabe gemacht von dem (bisherigen) Souverän (der abgedankten Kaiserin Jito), deren Regierung im hohen Himmelsgefilde begonnen hat, seit dem erlauchten Zeitalter des ersten souveränen Ahnen bis zum gegenwärtigen Mittelalter sich auf die souveränen erlauchten Söhne Generation für Generation vererbt hat, und von der Kaiserin als erlauchtem Kinde der Himmelsgottheit und als gegenwärtige Gottheit geleitet wird. Dieser Befehl des neuen Kaisers verkündet, daß er im Sinne seines göttlichen Auftrages das Reich in Ordnung und Frieden zu halten und das Volk zu lieben und zu streicheln gedenkt.

Ihr Beamten allesamt bis zu den Statthaltern, denen die Regierung aller Provinzen anvertraut ist, höret daher den Befehl, daß man gegen die Landesgesetze, die der Kaiser eingeführt hat, sich weder wissentlich noch unwissentlich vergehen darf, und daß man sich bestreben soll, mit hellem, klarem und geradem Sinne treu und ohne jedwede Versäumnis dem Staatsdienste sich zu widmen. Wer daher das oben Gesagte treu und gewissenhaft befolgt, der soll je nach seinem Verdienste gelobt und befördert werden. Vernehmet ihr alle den Befehl des Kaisers. Also künde ich.«

Kaiserlicher Nachruf auf den Fujiwara-Kanzler Nagate (771 n. Chr.)

Dieser ›Erlaß‹ ist ganz im Geiste und in der Sprache der ›Totenklagen‹ primitiver Völker abgefaßt als eine offenbare Besänftigung der abgeschiedenen Seele. Er wurde im Hause des Kanzlers rezitiert.

»Wir (beiden) künden die große erlauchte Rede, die der Kaiser an den Kanzler zur Linken Fujiwara richtet. In seiner großen erlauchten Rede kündet der Kaiser: Indem Wir erwarten, daß du, o Kanzler, am nächsten Tage zum Dienst am Hofe erscheinen werdest, bist du aber nicht gesundet und zu Hofe gekommen, sondern Wir vernehmen, daß du den kaiserlichen Hof verlassen und in die Ferne gegangen. Da dachten Wir, man sage die Unwahrheit, oder es sei ein törichtes Gerede. Wenn es aber Wahrheit ist, wem hast du die Leitung des großen Staatsamtes, das du bis jetzt bekleidet hast, anvertraut und bist in die Ferne gegangen? Wem hast du es übergeben und bist in die Ferne gegangen? O wie leidvoll, o wie traurig, Unser großer Kanzler! Mit wem sollen Wir Uns nun besprechen, wen sollen Wir um Rat fragen? So weinen Wir voll Gram, Bedauern, Schmerz und Trauer. Also kündet des Kaisers große Rede. So künden Wir.

O, wie gramvoll, wie bedauernswürdig! Von heute an können Wir nicht mehr hören von der Regierung, die der große Kanzler leitet; von morgen an werden Wir nicht mehr sehen die Gestalt, in der der große Kanzler ehrerbietig diente. Indem die Monate und Tage sich häufen, wird nur Beklagenswertes mehr und mehr zutage treten; indem Jahre und Monde sich häufen, wird nur Unerfreuliches sich immerfort mehren. Mein großer Kanzler! Mit wem wirst du die Frühlings- und Herbstpracht sehen und dich daran erfreuen? Mit wem wirst du die schönen Berg- und Flusslandschaften schauen und dich daran ergötzen? So klagen Wir und sind bekümmert. Also kündet die erlauchte Rede des Kaisers. Also künden Wir.

Da du, o großer Kanzler, in der Leitung aller Regierungsgeschäfte unermüdlich warst und sie nimmer ins Schwanken geraten ließest und über Prinzen und Großwürdenträger unparteiisch, schlicht und gerecht waltetest und das gesamte Volk mit weiter und breiter Güte lenktest, und nicht nur dies allein, sondern weil du, ohne den Hof des Souveräns auch nur für kurze Zeit zu verlassen und zu ruhen, deine Dienste geleistet hast, morgens und abends, bei Tag und bei Nacht, nur darüber denkend, wie du für die Regierung des Landes das Beste träfest, und wie das gesamte Volk in Ruhe und Frieden leben könne, so waren Wir voll Hochachtung vor dir, heiter, ruhig, vertrauensvoll. Da aber hast du plötzlich unseren Hof verlassen und bist in die Ferne gegangen. So sind Wir voll Gram und Leid, nicht wissend, was Wir sagen sollen, nicht wissend, was Wir tun sollen. Also kündet die erlauchte Rede des Kaisers. Also künden Wir.

Und wiederum die Rede teilend, kündet der Kaiser: Wir werden auch die Kinder der Familie von dir, o großer Kanzler, der du dich weit und breit verdient gemacht hast, nicht im Stich lassen, sondern Wir werden sie erheben, besuchen und Uns um sie kümmern. Auch sollst du, o großer Kanzler, deine Wanderung in die Ferne tun, frei von Sorgen um deine Hinterbliebenen, mit ungestörter Ruhe des Herzens in Frieden und Seligkeit. Also kündet die erlauchte Rede des Kaisers. – Also künden Wir.

Straferlass des Kaisers Kwammu (789)

»Der Oberbefehlshaber Ki no Kosami vom oberen vierten Rang der zweiten Klasse und die anderen, welche die aufständischen Emishi (Ainu) im Lande Michinoku niederzuwerfen ernannt worden waren, haben den anbefohlenen Plan nicht befolgt, und ohne die Länder des Hinterlandes, worein sie eindringen sollten, gründlich zu durchziehen, sind sie nach verlorener Schlacht und nutzlos aufgebrauchtem Proviant zurückgekehrt. Dies sollte eigentlich den Gesetzen gemäß bestraft werden; aber gedenkend ihrer bisherigen Dienste läßt der Kaiser ihnen Verzeihung angedeihen.

Sodann waren Ikeda no ason Nahira, der zweite Befehlshaber der Garnison (in Michinoku) vom unteren fünften Rang der zweiten Klasse, und Abe no Sashima no omi Suminawa vom äußeren unteren vierten Rang zweiter Klasse und Andere ungehorsam und feige, haben das Maß fürs Vorrücken und Zurückziehen verloren (sind in Verlegenheit geraten) und den günstigen Augenblick zum Schlagen versäumt. Wollte man kraft der Gesetze gegen sie verfahren, so würde Suminawa die Strafe der Enthauptung und Nahira die Entsetzung vom Amt und Konfiskation seiner Rangmütze verdienen. Doch weil Suminawa sich durch seine lange Beschützung der Grenzen des Reiches verdient gemacht hat, lassen Wir ihm die Strafe der Enthauptung nach und nehmen ihm nur die Rangmütze; und dem Nahira erlassen Wir wegen des Verdienstes, das er sich erwarb, als er die ertrinkenden Krieger im Hafen von Higami rettete, die Strafe der Konfiskation der Rangmütze.

Außerdem belohnen Wir die Leute von geringem Verdienst je nach der Größe oder Kleinheit desselben, und die Leute mit geringem Fehl lassen Wir passieren, ohne die Gesetze anzurufen. Also lautet der Befehl des großen Kaisers. Vernehmet es alle! – Also künde ich.«

Das Kojiki

Das »Ur-Sach-Buch« Kojiki (Ko: alt, überliefert, ji: res Angelegenheit, ki: Aufzeichnungen, Annalen, Geschichtswerk) ist sozusagen die Bibel des alten Japan. (Ein ähnliches, angeblich im Jahre 620 begonnenes Annalenwerk wird von der modernen japanischen Kritik angefochten.) Das Kojiki von 712 kann demnach für das älteste Denkmal dieser Art gelten, jedenfalls aber für das bedeutendste. Seinen Inhalt bilden die japanischen religiösen Überlieferungen der erhabenen abgöttlichen Zeit von der Weltschöpfung bis zum Jahre 627 n. Chr., also Mythologie und Geschichte nacheinander. Nach seiner Vorrede ist das Werk auf kaiserliche Anordnung von Hiyeda no Are aus dem Gedächtnis zusammengestellt nach den »Worten der früheren Zeitalter«. Nach solchem Wortlaut hätte der Gelehrte Futo no Yasumaro die eigentliche Niederschrift in chinesischen Zeichen abgefaßt, die abwechselnd, auf gewöhnliche Art ideographisch oder rein phonetisch, verwendet wurden. Ideographisch konnten zum Beispiel weder die Eigennamen noch die alten Gedichte, überhaupt die Japanismen, wiedergegeben werden, während die rein phonographische Niederschrift wieder für jede japanische Silbe ein japanisches Wort erfordert hätte. Yasumaro stellte also eine originelle Doppelschrift her, die im Grunde genommen weder japanisch noch chinesisch ist und deren Vorlesung eigentlich eine Art Übersetzung bedeutete. Das Kojiki ist also in einem ganz eigentümlichen, teilweise von der Individualität des Vorlesers abhängigen Stil geschrieben! Es wurde deshalb jahrhundertelang von dem rein chinesisch abgefaßten Nihongi verdrängt, ist aber in späterer Zeit von den Japanologen wieder entdeckt worden und als Hauptquelle der Shinto-Mythologie unentbehrlich, aber auch für den europäischen Leser wegen der sich aufdrängenden europäischen »Parallelen« sowie als Dichtung von hohem Interesse.

Derzeit, da anhuben der Himmel und die Erde, so bildeten sich Gottwesen auf der Fläche des hohen Himmels. Ihre Namen alle waren:

Des Gottes: Herr hehren Himmels-Zentri.

Des Gottes: Hochhehrer Schöpfer.

Des Gottes: Gott-Schöpfer.

Diese drei Gottwesen waren allesamt freigebildete Gottwesen. Doch sie verbargen ihre Gestalt.

Danach schwamm die Erde, derweil sie noch jung war, wie Öl obenaufgeschwemmt, wie eine Qualle. Da sprossen aus dem aufschießenden Gesproß, so wie ein Rohr aufschießt, die neuen Götter. Ihre Namen beide waren:

Des Gottes: Zauber-Rohrsproß-Urfürst.

Des Gottes: Ewig-Gott-in-Himmelshöh.

Diese beiden Gottheiten, ebenfalls freigebildet, bargen gleicherweise ihre Gestalt.

Es sind aber all diese fünf Gottwesen hier geeinzelt Gottwesen.

Die Namen der Gottwesen, so sich nachher bildeten, waren:

Gott: Ewig-auf-Erden.

Gott: Abrunder-Herr.

Diese beiden Gottheiten, auch sie freigebildet, verbargen, auch sie, ihre Gestalt. Die Namen der Gottheiten, so sich nachher bildeten, waren:

Gott: Gebieter Schlammes.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Gebietrin Schlammes.

Darauf der Gott: Gott-Vollender Kornes.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Göttin-Vollendrin-Lebens.

Darauf der Gott: Alter Großen Gaues.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Große-Mutter des Gaues.

Danach der Gott: Gott Schön-Vollkommen.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Vollkommener Blitz (Schrecklich-vollkommen).

Zuletzt der Gott: Reiz des Mannes.

Zu dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Weibes Reiz.

All diese gezählten Gottwesen, von der Gottheit Gott-Ewig-auf-Erden an bis zur Göttin Weibes-Reiz heißen sämtlich zusammen die Sieben göttlichen Geschlechtsfolgen.

(Die japanischen Götternamen sind, in der gleichen Reihenfolge: Ame-no-mi-naka-nushi, Taka-mi-musubi, Kami-musubi [die erste Dreiheit]; Umashi-ashi-kabi-hikoji, Ame-no-toko-tachi [die Zweiheit] Kuninotokotachi, Toyokumuno; Uhijini und Suhujini, Tsunuguhi und Ikuguhi, Ohtonoji und Ohtonobe, Omodaru und Ayakashikone, Idsanami und Idsanagi [die Götterpaare]).

Alsobald redeten zusammen all die himmlischen Gottwesen eine erhabene Rede zu den beiden Gottwesen: Reiz des Mannes und Weibes Reiz. Sie geboten ihnen: Bereitet, verfestigt und lebendiget dort die Schwemm-Erde! Dazu übergaben sie ihnen eine himmlische Prunk-Lanze. Mit dem allen geruhten sie, Beiden dieses Werk zuzuweisen. Also standen die beiden Gottwesen auf der Himmels-Schiffsbrücke. Sie stachen mit der Prunk-Lanze nach unten, und im Hin- und Rückzug der Lanze, Hin- und Rückzug des Sumpfwassers – Quirl Quirl – da sie die Lanze nach oben wieder herausgezogen hatten, fiel das Sumpfwasser zurück und häufte sich, wurde zur Insel. Das ist die Quirl-Insel (Onogoro).

Die beiden Götter steigen darauf vom Himmel zur Erde nieder, um dort ihre Vereinigung zu feiern. Doch das erste Kind aus ihrem Bunde ist ein »schlechtes « Kind, das sie in einem Schilfnachen aussetzen. Darauf erzeugen sie »Schauminsel«, die sie zunächst ebensowenig anerkennen wollen. Die übrigen Himmelsgötter aber teilen ihnen ein Orakel mit, die Ursache der Missgeburten wäre nur, daß die Frau bei der Eheschließung zuerst das Wort genommen habe.

(Darauf erzeugen Mannes-Reiz und Weibes-Reiz [Idsanagi und Idsanami] ein neues Geschlecht von Ländern, zuerst »Schaumkamm«, danach die anderen Inseln Japans, und nach diesen ein Geschlecht von Naturgöttern. Der Jüngstgeborne »Feuer«, verbrennt aber seine Mutter [nach der Tradition des oben abgedruckten Rituals nur ihre Scham]. Idsanagi erzeugt aus seinen Tränen einen neuen Gott. Er zerreißt in wütendem Schmerz endlich den Feuergott als den Urheber seines Unglücks. Aus den zerstückelten Gliedern werden neue Gottheiten. Idsanagi begibt sich danach auf die Suche nach der Gattin in die Unterwelt, Yomi tsu Kani, das Land der Finsternis. Es ist dies das aus dem antiken Mythus und aus zahllosen Märchen bekannte Motiv der magischen Flucht. – Der den Kampf beendende Pfirsich ist dem chinesischen Volksglauben entnommen, in dem ihm seit ältesten Zeiten abwehrende Kräfte zugeschrieben werden. Rot [als Pfirsichrot] ist darum auch heute noch in China die bevorzugte Farbe aller bedeutsamen Gegenstände. – Die isolierende Gebärhütte findet sich, wie hier in Altjapan, bei einer Unzahl primitiver Völker aller Erdteile.)

Seine jüngere Schwester, die göttliche, hehre Idsanami, wiederzufinden begab Idsanagi sich also ins Land der Finsternis. Und da sie, das Gitter des Palastes in die Höhe ziehend, ihm entgegenkam, da redete zu ihr der hehre Idsanagi die Worte: »O, meine hehre jüngre Schwester, Geliebte, die Länder so wir zusammen fertigten, ich und du, sie sind noch nicht vollendet. Komm doch wieder.« Ihm entgegnete die göttliche, hehre Idsanami: »Wie schade, daß du nicht zuvor gekommen bist. Nun hab ich im Innern des Palastes gegessen. Dennoch, mein hehrer Älter-Bruder, Geliebter, möchte ich gern wiederkommen. Du hast mich ja durch deine Herabkunft so sehr geehrt. Laß mich die Gottheiten darum bitten. Nur sieh mich nicht an.« Damit wandte sie sich zurück in den Palast. Doch, da sie gar zu lang verweilte, vermochte er nicht länger zu warten. Also riß er sich von dem vielzackigen dichten Kamm, den er in seinem hehren linken Haarknoten trug, einen Zahn los; er entflammte ihn zu einem einsamen Lichte. Er ging hinein in den Palast und schaute. Da schaute er, wie die Würmer wimmelten, denn sie war gänzlich verwest. Zu ihrem Häupten war der »Große Schrecken«, in ihrem Busen der »Schrecken des Feuers«, in ihrem Leib der »Schwarze Schrecken«, darunter der »Blitzes Schrecken«, in ihrer Linken das »Schreckenskind«, in ihrer Rechten der »Erddonner«, zu ihrem linken Fuß das » Donnerrollen «, zu ihrem rechten Fuß das »Donnerverrollen«. Acht donnernde Gottheiten waren auf ihr entstanden und saßen da.

Alsobald floh der göttliche, hehre Idsanagi in größtem Schrecken. Da rief seine göttliche, erhabene jüngre Schwester Idsanami: »Du hast mich beschämt!« Nach diesen Worten sandte sie gegen ihn die »Grausen Göttinnen«. Alsobald nahm der erhabene göttliche Idsanagi das Gewinde, seinen dunklen Kranz, vom Haupte und schleuderte es gegen die Verfolgerinnen. Sogleich ward es zur Rebe. Sie lasen die Trauben vom Boden auf und verzehrten sie, und er floh aufs neue. Da sie ihn nun dann weiterverfolgten, so nahm und brach er den vielzackigen dichten Kamm aus seinem rechten Haarknoten. Den schleuderte er gegen sie, da wurde er zu einem Bambusspross. Sie rafften auch den Sproß vom Boden auf und verzehrten ihn. Er floh weiter. Da sandte nun Idsanami zu seiner Verfolgung die acht Donnergottheiten und in ihrem Gefolge fünfhunderttausend Krieger der Unterwelt. Da zog er sein Schwert von zehnfacher Handbreite, das ihn göttlich-erhaben umgürtete, und, es rückwärts schwingend, floh er fürderhin. Da sie ihn dann noch weiterverfolgten, gelangt' er endlich an den Fuß des glatten Höllenabhangs. Hier pflückte er drei Pfirsiche, und da sie herankamen, schlug er sie damit. Da entflohen sie alle. Darauf sprach der göttliche, hehre Idsanagi zauberkräftig zu den Pfirsichen: »Also wie ihr mit geholfen habt, Pfirsiche, also helfet ihr fürderhin all den sichtbaren Menschen dieses Rohrlandes aus dem Wirbel und aus der Verfolgung!« Nach diesem Spruch benannt' er sie mit dem (erhabenen göttlichen) Namen »Große Götterfrucht«.

Da machte sich seine jüngre Schwester, die erhabene, göttliche Idsanami, nun selber auf zu seiner Verfolgung. Da riß er einen Fels los, den tausend Männer nicht hätten fortschaffen können. Damit verschloß er den glatten Hang zur Unterwelt. Und stellte ihn auf zwischen sich und sie. Da sahen sie einander nun von Angesicht zu Angesicht, und sie schieden voneinander mit Worten. Die erhabene, göttliche Idsanami redete: »O mein erhabener, göttlicher Bruder, voll Liebreiz, wenn du solches tust, so will ich an einem einzigen Tage eintausend Menschen deines Landes würgen und arg töten.« Der erhabene, göttliche Idsanagi erwiderte da: »O meine erhabene, göttliche Schwester, voll Liebreiz, wenn du solches tust, so will ich an einem einzigen Tage eintausendfünfhundert Gebärhütten aufrichten. Also werden wohl an einem einzigen Tag eintausend Menschen ums Leben kommen, doch werden an einem einzigen Tag auch eintausendfünfhundert Menschen ans Licht kommen!« Aus diesem Grunde benennt man die erhabene, göttliche Idsanami die »Große Gottheit der Unterwelt«. Und weil sie ihn auf der Flucht erreichte, heißt man sie auch die »Große Gottheit Weg-Erreicherin«. Und der Felsen, mit dem er den glatten Hang zur Unterwelt versperrte, heißet seit jener Zeit die »Große Gottheit vom Rück-Wege«, man heißet ihn auch » Große Gottheit Unterweltssperre«. So auch heißet das ehemals »Glatter Hang zur Unterwelt« Genannte seither der »Hang von Ifuya« in der Landschaft Idsumo.

Wieder ans Licht gekehrt, entsühnt sich Idsanagi durch langjährige Reinigungen an dem Ausfluss eines Flüsschens, nächst dem »Orangendorf«. Aus seinem Stab, seinem Gewande und seinen Armbändern entspringen, so oft er eines derselben abgelegt hat, zwölf Gottheiten. Vierzehn Gottheiten gehen dann aus den einzelnen Reinigungen des Sühnebades hervor. Zuletzt aus der Waschung des linken Auges die »Große erhabene Gottheit Gottheit-Glanz-am-Himmel«, aus dem rechten Auge der Gott »Gott-Mond-der-Nächte« und bei der Nasenwaschung der erhabene göttliche »Manneskraft« [Deus erectus] »Sturmesgewalt-Recke«. Diesen drei Gottheiten: der Sonne [Amate-rasu-oho-mikami], dem Monde [Tsuki-yomino-kami] und dem Ozean [später Sturme, Takehaya-Susanowo-nomikoto] überträgt Idsanagi dann die wirkliche Herrschaft über dieWelt. Diese Götter-Emanationen sind vielleicht bereits spekulativ [indisch] beeinflußt, im Gegensatz zu den naiveren Erschaffungen aus Teilen menschlicher Körper, Felsen, Sümpfen und so weiter, welche durchaus primitiven und im besonderen ostasiatisch-malaiischen Charakter tragen.

Solche Betrachtung erfreute den hehren, göttlichen Idsanagi gewaltig, und er sprach: »Kinder zeugt' ich auf Kinder, nun aber hab' ich mit einem Male gleich drei erlauchte Kinder erhalten.« Er hob sie zu sich auf, da spielten sie mit der Juwelenschnur seines erhaben göttlichen Juwelenbandes, so daß es erklang. Da übergab er es der großen erhabenen »Gottheit Glanz im Himmel« und gebot ihr: »Es soll deine erhaben-göttliche Person über die hohe Himmelsebene herrschen.« Dazu übergab er ihr das Band. Der Name dieses herrlichen erhabenen Bandes aber war »Gott des Tischchens göttlicher Schatzkammer«. Zum Zweiten redete er zu dem göttlich erhabenen »Gott Mond der Nächte«: »Es soll deine erhabene göttliche Person herrschen über das Reich der Nächte.« So gab er ihm dieses Amt. Zum Dritten redete er zu dem göttlich-erhabenen »Manneskraft-Sturmgewaltrecken«: »Es soll deine erhaben-göttliche Person über die Fläche des Meeres herrschen.«

Sonne und Mond gehorchen den Geboten Idsanagis, nur der junge Susanowo [der Meer- und Sturmgott] will nicht von Klagen und Schreien lassen. Er will zu seiner Mutter. Idsanagi verjagt ihn, und der Sturmgott wendet sich gegen die Sonne. Die ganze Natur gerät in Unruhe.

Alsobald beunruhigte sich die Große und erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« dieses Getöses und redete: »Mein erhabener, göttlicher Bruder kann nicht in einer guten Absicht heraufkommen. Er will mir mein Gebiet entreißen.« Sie löste sich das erhaben-göttliche Haar, flocht es in erhaben-göttliche Knoten, und in diese erhaben-göttlichen Knoten zur Rechten und zur Linken wie auch in den erhaben-göttlichen Haarschmuck und ebenso um die erhaben-göttlichen beiden Arme, den rechten und den linken, schlang sie eine erhaben-göttliche Schnur gekrümmter Edelsteine, acht Fuß lang, aus fünfhundert Edelsteinen. Um die Schulter hing sie den Eintausend-Köcher, dazu einen Fünf hundert-Köcher, zur Seite nahm und hing sie an sich einen gewaltigen tönenden Schild. Also schwang und richtete sie zielgerecht ihren Bogen, daß seine Spitze erklang. Mit dem Fuße aufstampfend, spaltete sie den harten Boden so tief, daß ihr Oberschenkel darin stak wie in fortwirbelndem Schnee. Reckenhaft stand sie da als wie ein gewaltiger Held, und sie rief ihn an: Welches ist dein Begehr?

Ihr erwidert Susanowo, der stürmische Mann-Gott, er käme in guter Absicht, zum Beweise wünsche er Eidschwüre zu tauschen. Getrennt durch den »Stillen Himmelsfluss«, schwören die beiden Gottheiten. Dabei emanieren neue Götter aus ihrem Hauch. Susanowo überreicht der Schwester sein Schwert, das sie in drei Stücke zerbricht, und erhält dafür ihr Geschmeide, das er in der Luft hochschwingt, es erklingen läßt, bis er es dann mit seinem Hauch in alle Richtungen fortbläst. Amaterasu macht dann Vorschläge, wem die einzelnen Götterkinder zugerechnet werden sollen. Der Gott Oshi-ho-mimi ... [dieser Name enthält im Kojiki noch achtzehn weitere Silben], der Ahne des Kaisergeschlechtes, wird von Susanowo für sich gefordert, weil er aus seinem Hauch entstanden sei. Die Sonne aber erklärt ihn [und damit die japanischen Kaiser] für ihr Geschlecht, da es aus ihrem Halsband entstanden sei. Das Nihongi spricht alle aus dem Schwerte entsprungenen Götter dem Gott zu, die aus dem Geschmeide entsprungenen Götter der Göttin [wohl zur Erklärung primitiver Eigentumsgrundsätze, wie sie z. B. auch noch in der Nachlassteilung des älteren deutschen Rechtes ähnlich galten und mit ähnlichen Bezeichnungen unterschieden wurden]. Susanowo unternimmt aber trotz des beschworenen Friedens noch weitere Gewalttaten.

Danach redete der gewaltige, stürmische Mann, der Erhaben-göttliche, zu der großen Gottheit »Glanz im Himmel«, der Erhaben-göttlichen, die Worte: »Dank der Reinheit meines Herzens habe ich hier zarte weibliche Kinder erhalten. Daran siehst du wohl, daß ich ohne weiteres den Sieg davongetragen habe.« Und dazu verrückte er in Siegesungestüm die Grenzraine der bestellten Reisfelder der großen Gottheit »Glanz im Himmel«, der Erhaben-göttlichen; er verschlämmte die Bewässerungsgräben, und er warf sogar Scheiße in den Palast, wo man gerade das Festmahl der Erstlinge hielt. Trotzdem er sich also benahm, redete zu ihm die Große und erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« ruhig und ohne Vorwurf also: »Was da wie Exkremente aussieht, ist gewißlich nur irgendein Gespei aus Trunkenheit meines älteren Bruders, des Erhaben-göttlichen. Was wiederum die Zerstörung der Grenzraine und das Verschlammen der Wasserläufe betrifft, so geschah solches sicherlich nur aus einem Interesse an dem infolge dieser Vorkehrungen brachgelassenen Erdstreifen, das mein Bruder nahm, der Erhaben-göttliche.« Allein obgleich sie für ihn solche Entschuldigungen vorbrachte, setzte er sein übles Benehmen fort und wurde ganz unbändig. Indem die Große erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« in der geheiligten Kleiderkammer saß, die Weberinnen (Sternbild gleich der Elsterbrücke an der Milchstraße, dem »stillen Himmelsfluss«) – der erhaben-göttlichen Götterkleider zu überwachen, stieß er ein Loch durch das Gebälk dieser Kleiderkammer und ließ ein himmlisches Elsterjunges da hineinfallen, das er mit Frevel von unten aufwärts geschunden hatte. Als dieses die Weberinnen der erhaben-göttlichen Kleider sahen, erschraken sie so sehr, daß sie sich mit ihren Webschifflein mitten in ihren Leib hinein zu Tode stießen. Darum verschloß nun endlich die Große erhabene Gottheit »Glanz im Himmel«, erschreckt von dieser Sache, das Tor der himmlischen Felsenwohnung, sie verschloß es ganz fest, und sie hielt sich da verborgen.