Jedermann - Geschichte eines Namenlosen - Ernst Wiechert - E-Book

Jedermann - Geschichte eines Namenlosen E-Book

Ernst Wiechert

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Beschreibung

Mit diesem Werk verfasste Ernst Wiechert ein Kriegsbuch, welches über die namenlose Masse der Soldaten und die Sinnlosigkeit des Todes im Ersten Weltkrieg berichtet. Johannes und seine Kameraden protestieren stumm gegen die Vergewaltigung ihres Menschseins und ihr Schicksal steht symbolhaft für das einer namenlosen Generation. Der Protagonist und seine Kameraden verurteilen das Morden und sehen keinen Sinn darin für ihr Vaterland zu sterben. Im Lazarett trifft Johannes auf die Krankenschwester Agnete, die den Hass von Liebe ersetzt sehen will. Während Johannes immer mehr ins Zweifeln gerät, ist seine Mutter davon überzeugt, dass es ihrem Sohn gelingt "das Gesicht aus der Uniform zu retten".-

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Ernst Wiechert

Jedermann - Geschichte eines Namenlosen

 

Saga

Jedermann - Geschichte eines Namenlosen

 

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1931, 2021 SAGA Egmont

 

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN: 9788726927382

 

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

 

www.sagaegmont.com

Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com

1.

Sie sitzen auf der Steintreppe vor dem Seitenflügel der Kaserne. Johannes Karsten, Student der Rechte, Klaus Wirtulla, letzter Beruf: Abiturient, Percy Pfeil, Student der Philosophie. Sie haben die Rucksäcke hinter ihren Rücken gelegt und rauchen Zigaretten. Es gibt kein anderes Mittel gegen das Warten, die Erregung, den Krieg. Dor ihnen, am Fuss der Treppe, steht Professor Luther, in einem phantastischen Mantel, den breiten grauen Hut aus der Stirn geschoben. Die Sonne flimmert auf dem Sand des Kasernenhofes. Alle Türen sind geöffnet, und aus allen Öffnungen scheint der Krieg herauszuströmen. Korporalschaften, feldmarschmässig ausgerüstet, Rekruten, eben eingekleidet, verlegen und unbeholfen wie auf einem Maskenfest, einberufene Reservisten mit Pappschachteln in den Händen, Freiwillige, die auf die Untersuchung warten, Eltern, Geschwister, Fahrzeuge, Zeitungsverkäufer, eine Musikkapelle, ein herrenloser Hund, der heimatlos und verzagt von Gruppe zu Gruppe irrt. Befehle springen aus dem Innern der roten Gebäude, aus den Ecken des weiten Hofes, suchen gleich Vögeln nach einer Beute, reissen hier eine Gruppe auseinander, ballen dort eine Gruppe zusammen, erscheinen wie Explosionen, die aus dem dumpfen, gefährlichen Dröhnen einer verborgenen Maschine sinnlos aufsteigen, deren Treibriemen unsichtbar hinter den Mauern rauschen, von Stube zu Stube, von Haus zu Haus, und über die Stadt hinweg zu allen Kasernen des Landes, aus denen der Krieg hervorbricht wie aus dem Mahlgang einer dröhnenden Mühle. »Grossartig!« sagt Klaus. Die Augen in seinem grossen Kopf sind in unaufhörlicher Bewegung. Sie reissen alle Wirrnis der Laute und Bilder in sich hinein, berauscht, geängstigt, atemlos, genau wie in der Schule, wenn Weishaupt eine mathematische Deduktion entwickelte und Klaus die Hand nach dem Türgriff des vorüberdonnernden Zuges hob, immer um einen Atemzug zu spät und trotzdem vorwurfsvoll erschüttert von dem Brausen einer unfassbaren Bewegung.

Percy wirft die Zigarette auf den Sand des Hofes und sieht ihn von der Seite an, aber er sagt nichts. Johannes spielt mit seinen ringlosen Händen, und der Professor sieht sorgenvoll einem Unteroffizier entgegen, der auf die Treppe zukommt. Er trägt Feldgrau, und der gesamte Begriff des Vaterlandes scheint sich in seinem Gesicht versammelt zu haben, streng, wachsam, aller freundlichen Bindungen entkleidet. »Rauchen verboten!« klirrt es auf die Steinstufen nieder. »Zu Befehl!« sagt Klaus und springt auf. Der andere ist schon vorüber, und es sieht aus, als habe der Gott des Krieges achtlos einen Stein zur Seite geworfen auf seinem Wege nach den grossen Dingen der Erde. Es liegt etwas Bedrückendes in dieser kurzen, fast verächtlichen Äusserung der Macht, und sie lauschen alle vier, wie es drinnen die Steinstufen hinaufsteigt, auf genagelten Sohlen, vor denen es keinen Widerstand gibt, kein Ausweichen, kein Eigentum des Lebens oder des Geistes.

»Tja«, sagt Luther, »das ist es . . .«, und zieht wieder an seiner schwarzen Zigarre.

»Du kannst dich ruhig wieder hinsetzen», meint Percy. »Er hat keinen Appetit auf dich.»

Johannes sieht in die Sonne hinaus und denkt an den Karstenhof, wo sie nun den Roggen mähen. Er möchte gern eine Sense in den Händen halten und am Abend die Kornblumen aus den Garben lesen, von jenem dunklen Blau, in dem die Augen sich so ruhig sammeln können wie in einem Becher mit unzerbrochenen Wänden.

»Der Rochen!« sagt Percy plötzlich.

Sie wenden sich alle um, und Johannes rückt etwas zur Seite, weil ihm immer noch so ist, als müsste Oberlehrer Weishaupt mit einer Kanone an der Hand die Treppe hinunterkommen. Aber nur sein Degen klirrt hinter ihm her. Sein Uniformkragen ist sehr hoch, und er sieht, so schlank und aufrecht er ist, ein wenig verkleidet aus. Das Notizbuch fehlt, und eine zivile Gezwungenheit scheint von innen her sich auflehnend gegen alle Nähte seiner zu neuen Uniform zu pressen. Er stutzt, und einen Augenblick lang sieht sein Gesicht wie ein Fenster aus, in das man einen Stein geworfen hat. Dann lächelt er, etwas verlegen, aber verbindlich. Er legt die Hand an den Helm und wartet, dass man ein gutes, bescheidenes, ehrfurchtsvolles Wort zu ihm sagt. Als niemand spricht und alle Augen sich mit seinen hohen Stiefeln beschäftigen, erlischt die Verbindlichkeit, und mit erstarrtem Gesicht steigt er die Stufen hinunter.

»Moin«, sagt Luther nach einer Weile und hebt den Hut.

Dann gehen sie hinein. Es scheint ihnen mit einem Male gut, ein Dach über dem Kopf zu haben. Das Unvermutete kriegerischer Äusserungen und Begegnungen könnte zwischen den kühlen Mauern etwas Gedämpftes gewinnen, etwas durch die Masse der Wartenden Gemildertes, und sie wollen auch eine Art von Übergang herstellen, aus der Sonne des freien Raumes in die abgeschlossene Strenge des Untersuchungszimmers.

Es sind viele Bekannte da, ehemalige Kameraden, Bauernföhne, Schüler. Viele fürchten, zu spät zu kommen und sprechen fast mit Bitterkeit über die ersten Erfolge, als habe man sie bei einer Verabredung im Stich gelassen und sie müssten nun wie eine vergessene Schar durch das Doppelte an Eifer, Leidenschaft, Hingebung das Versäumte nachholen.

Es wird viel vom Vaterland gesprochen, von Verwandten, die schon draussen seien, von Mut und Auszeichnungen. Es ist alles etwas laut und ungehemmt, etwas schülerhaft, ein Zuviel an Preisgabe, Enthüllung, Darbietung. Aber es ist keine Roheit dabei, keine Streitsucht. Es ist der Instinkt des Gebenden, nicht des Nehmenden.

Johannes ist ein wenig elend, weil die Vielheit ihn bedrückt, die Gleichmachung. Er lehnt sich an die kühle Wand, und er fühlt sich wie auf dem sich senkenden Deck eines untergehenden Schiffes. Durch sein Bewusstsein gleiten wie Nebel Rettungsboote und weisse Ringe, nach denen man greifen kann, aber der Boden schwankt. Man weiss nicht, wo man schlafen wird, welches Buch man lesen, in welche Augen man blicken wird.

In allen herumschwirrenden Gesprächen ist seltsam, dass alle Vergangenheit ausgelöscht ist. Das Leben ist kein Land, das weit zurückreicht wie ein grosses, aus allem Anfang quellendes Gewebe. Es beginnt mit jedem Herzschlag gleichsam zum ersten Male, und der nächste löscht schon aus, was eben noch alleiniges Bewusstsein war. Es ist eine gedrückte Gegenwärtigkeit, die nur eine Schwelle zum Kommenden ist, und das Warten, in dem alle diese jungen Menschen begriffen sind, ist mehr als ein zeitlicher Zustand, ist der eigentliche Sinn ihrer Tätigkeit, und es ist, als hebe eine Treppe sie in ihrer Gesamtheit Stufe um Stufe empor, dass sie nichts zu tun hätten, als auf ihre Tür zu warten.

»Wer untersucht?« fragt Johannes einen Herauskommenden.

»Moldehnke. Es geht sehr schnell. Wenn du nicht verwachsen bist oder bloss ein Auge hast, nehmen sie dich schon.«

Johannes geht an das Fenster am Ende des Ganges und sieht hinaus. Er sieht auf den Küchenhof, und unten, im Schatten einer kümmerlichen Kastanie, sitzen vier Soldaten in schmutzigen Drillichröcken und schälen Kartoffeln. Das Wasser spritzt aus dem Kessel, in den sie die geschälten Früchte werfen, und die gebeugten Gestalten, deren Augen bewegungslos auf das Messer in ihren Händen gerichtet sind, haben etwas Beruhigendes in der Wirrnis aller Gedanken. »Vielleicht muss man morgen auch dort sitzen«, denkt Johannes, und unter seinen Füssen gleichsam fühlt er, dass er eben »man« gedacht hat, nicht »ich«. »Und während man Kartoffeln schält, geht alles seinen Gang weiter, der Krieg und Moldehnke, Frau Lisa und die Ernte auf dem Karstenhof. »Was machen Sie da, Soldat?« »Ich schäle Kartoffeln, Herr Stabsarzt ... Befehl vom Herrn Unteroffizier.« Da kann auch Moldehnke nichts machen. Man ist sicher, ist unter einem Befehl, ist behütet wie unter dem Mantel Gottes . . .

»Es ist ja nichts, Johannes«, sagt Luther. »Es ist nicht Moldehnke, sondern eine Uniform, ein Dienstgrad, verstehst Du? Alle Namen sind ganz gleichgültig geworden und mit den Namen alle Erinnerungen. Es gibt nur Dienstobliegenheiten und Material. Du musst es ganz sachlich betrachten, hörst du?«

»Ja«, erwidert Johannes.

Dann tritt der Sanitätsunteroffizier auf den Gang und lässt sie hinein. Er zählt bis zwanzig. Sein Gesicht ist müde und gleichgültig, als ob er zwanzig Zahlen hereinlasse und nur zu überlegen habe, ob er sie unter- oder nebeneinander schreiben werde. »Fix!« sagt er scharf und leise, und Klaus zieht den Kopf ein wie unter der ersten Kugel. Er ist der letzte unter den Zwanzig.

Und auch in diesem kurzen Wort, in der Gebärde, dem Gesichtsausdruck liegt die gleichgültige, fast widerwillige Verachtung des Berufssoldaten gegen das Zivil, die Verachtung, die seit dem Betreten des Kasernenhofes aus jeder Uniform auszustrahlen scheint und die eine undurchdringliche Wand zwischen zwei Völkern zu errichten scheint. Es ist, als sei nun endlich durch Gottes Hand ein unerträglich langes Unrecht beseitigt worden, als habe diese Hand sich richtend auf ein unbegreifliches Gleichgewicht gelegt und nun erst hingen die Schalen an dem ihnen zukommenden Platz, die mit den Uniformen in den Sternen und die ohne Uniformen im Schlammbett der Tiefe. »Wir sind doch Freiwillige«, denkt Johannes. »Wir wollen es doch nachholen . . .« Aber kein Gedanke kann zu Ende laufen in dem engen Raum, in dem es nach Jodoform riecht und den nackten Leibern vieler Menschen, die schon fort sind, aber die ihren Geruch zurückgelassen haben als eine Art von Opfer, mit dem sie sich dem Kriege geweiht und gebunden haben.

»Ausziehen!« sagt dieselbe scharfe, leise Stimme.

Johannes zieht den Rock aus, aber während aller Bewegungen sieht er das bleiche und gleichsam kahle Gesicht des Arztes, den Kopf, der immer noch an einen Pferdekopf erinnert, die blassen Hände, die ungeduldig mit dem Hörrohr an die Tischkante klopfen, und er kann es nicht ändern, dass er alles wieder vor sich sieht: Frau Lisas Zimmer, ihre erstarrten Augen, die Peitsche in den Händen des Arztes und das erloschene Gesicht auf dem Teppich. Er wendet sich um, nach Luther, nach der Türe, aber der Professor ist auf dem Gang geblieben, wo er wahrscheinlich bewegungslos an der Wand lehnt, damit die Leute nicht sehen, dass er hinkt, und an der Tür stehen die andern, die sich hastig entkleiden und deren frohe, leuchtende Gesichter plötzlich still geworden sind, bedrückt, entrechtet.

Es dauert länger, als es dauern dürfte. Sie sind nicht gewohnt, sich vor andern zu entkleiden. Sie zaudern, das Hemd abzustreifen, und ihre Hände machen nutzlose und vorgetäuschte Bewegungen, um noch eine Sekunde, einen Atemzug zu gewinnen. Johannes fühlt, dass seine Haut eiskalt ist. Er fühlt, dass Moldehnkes Augen ihn gefunden haben und über seinen Körper tasten, den seine Frau geküsst hat, mit einem noch immer lebendigen Hass, der sich ein glühendes Eisen wünscht, um diese Küsse auszubrennen aus der weissen Haut. »Etwas plötzlich, wenn ich bitten dürfte!« sagt er höflich. »Hier ist kein Damenboudoir.« Einige lachen, zuvorkommend, gehorsam, aber Johannes fühlt die Beziehung, auf ihn berechnet, und mit einem Mal, noch weit vor der Schwelle, erscheint der Krieg ihm als das Ende des Lebens, eine Gewalttat ohne Massen und Scham, aus der man zerbrochen heimkehren wird, verkrüppelt, geschändet. Er sieht Percy an, der neben ihm steht, unbekleidet, aufrecht, stolz, und richtet sich an dessen Blick ein wenig auf, einem hochmütigen, wissenden Blick, der nichts bekennt und auch auf der Folter nichts bekennen wird.

Percy tritt vor den Arzt und Johannes folgt ihm. »Name?« fragt Moldehnke. »Graf Pfeil.« Der Schreiber hebt die Augen von seiner Liste und taucht die Feder noch einmal ein, als müsse mit einem solchen Namen ein neuer Anfang gemacht werden. »Gesund?« »Jawohl.« Moldehnke horcht ein wenig mit seinem braunen Rohr. Percy wird gewogen, gemessen, angenommen, eingetragen. Es geht wie in einer Maschine, Sieb auf Sieb, schnell, genau, ohne Abirrung.

»Name?«

»Johannes Karsten.«

Erstaunte Bewegung über den wimperlosen Augen.

»Bitte?«

»Johannes Karsten.«

»Nicht Zerrgiebel?«

Ein tödliches Schweigen ist plötzlich im Raum. Nur der ruhige, satte Atem des Fragenden geht wie eine leise Säge durch den stockenden Atem der übrigen. Sie wissen alle, dass Albert Zerrgiebel im Zuchthaus sitzt. Eine Fliege stösst an das Fenster, und ganz in der Ferne hört man den Gesang einer marschierenden Abteilung, der körperlos über der Stadt zu schweben scheint. »Siegreich woll’n wir Frankreich schlagen ... sterben als ein he . . .eld . .«

»Das ist der Krieg«, denkt Johannes, und laut wiederholt er: »Johannes Karsten.«

»Merkwürdig«, meint Moldehnke und sieht grübelnd in sein Hörrohr. »Schreiben Sie ,Johannes Karsten‘ und in Klammern ,Zerrgiebel‘ . . . tja . . . gesund?«

»Jawohl.«

Auch Johannes wird gewogen und gemessen. Aber bevor er zum Schreiber treten kann, ruft Moldehnke ihn noch einmal zurück. »Geschlechtskrank gewesen?«

Die Roheit der Frage hilft Johannes. Er blickt, ohne abzuirren, in die von Hass erfüllten Augen und sagt ohne Erstaunen, Vorwurf, ja ohne Teilnahme: »Nein«.

»Nein? Merkwürdig . . . Kallweit, sehen Sie einmal nach, aber gründlich!«

Der Unteroffizier gehorcht, ohne besondere Rücksicht. »Mit amtlichen Händen«, denkt Johannes. Wenn sie allein wären, ausserhalb dieses Zimmers, ausserhalb des Krieges, der Welt, würde er diesen Menschen erwürgen können, der an dem Heiligtum seines Körpers herumtastet, gleichgültig, sachlich, einem Befehl gehorchend. Der Kopf des Unteroffiziers ist dicht unter seinen Augen, und er sieht das fettige, lichte Haar, wie es aus der Kopfhaut aufsteigt, mit einer widerlichen Nähe und Vertraulichkeit, und er weiss, dass Schweres vor ihm steht.

»Es ist nichts, Herr Stabsarzt«, sagt Kallweit und sieht, unangenehm berührt, auf seine Fingerspitzen.

»So . . . merkwürdig . . . ist gut.«

Johannes kleidet sich an, hastig, weil er glaubt, dass alle Augen heimlich auf seiner Haut brennen. Er versucht, an das Vaterland zu denken, dem Begriff eine Anschauung zu geben, um sich daran aufzurichten, aber er sieht nur Hände, die an nackten Leibern heruntergleiten, tastend, messend, abschätzend. »Es wird besser werden«, denkt er, »anders werden«. Aber er weiss schon jetzt, dass der Krieg eine Angelegenheit der Masse ist, die eine Unterordnung verlangt, ein Sichaufgeben, Sichhingeben an ein Feuer, das nicht aus dem Einzelnen brennen kann, sondern nur aus dem Vielen. Die eine Uniform verlangt, und Uniform bedeutet Gleichheit. Er blickt von einem der Gesichter zum nächsten. Sie alle sind einander ähnlich, Kindergesichter, die von einem gemeinsamen Plan brennen, einer heimlichen Verschwörung, in der gleichen Bedrücktheit und dem gleichen Stolz, die man vertauschen könnte, auswechseln, ohne dass das Gesamtantlitz sich änderte. Nur Percy hat ein anderes Gesicht, aber es ist ein gleichsam übergeordnetes Gesicht, und kein Trost fliesst daraus in seine eigene Fremdheit.

Klaus ist natürlich der Letzte.

»Kallweit«, sagt Moldehnke, »fordern Sie telegraphisch einen Helm aus Berlin an. Für Makrozephalen.«

Kallweit lächelt, vertraulich, ölig, ein Untergebenenlächeln. Der Schreiber lächelt. Die Freiwilligen lächeln. Klaus ist errötet, jählings, aus der ängstlichen und freudigen Blässe, mit der er sich der Untersuchung hingegeben hat, und an seinem grossen Kopf gewinnt das Erröten eine aufsehenerregende Grossheit, so dass die Scham, die aus ihm spricht, eine vervielfältigte Scham zu sein scheint, wie die eines ganzen Standes oder Geschlechtes. Er will etwas erwidern, und Johannes weiss, dass er stottern wird, aber ein schräger Blick des Arztes trifft ihn mit so kaltem Erstaunen, dass er schweigt.

Sie werden auf den nächsten Tag nach der Kaserne bestellt, sauber gewaschen, um eingekleidet zu werden. Urlaub gebe es dann nicht mehr. Ein paar schlagen die Absätze zusammen, und dann drängen sie, ein wenig betäubt, hinaus. Sie fühlen, dass sie unter ein Schicksal getreten sind, das sich bereitet, die Arme um sie zu legen.

»Nächste Horde!« sagt Moldehnke.

Luther steht am Fenster und sieht ihnen entgegen. »Alle drei!« ruft Klaus. Der Professor nickt. Er hat ein müdes, altes Gesicht bekommen, während sie im Untersuchungszimmer gewesen sind, und es kommt Johannes in den Sinn, dass eine Mutter so aussehen müsse, die ihre Tochter in die Ehe mit einem Fremden entlasse.

Luther hat ein Auto aufgetrieben, und sie fahren alle zum Karstenhof. Es ist ihnen, als glitten sie aus einem lauten Tage in die Dämmerung des Friedens. Sonne liegt auf dem Lande »Ohneangst«. Schwere Erntewagen ziehen über die Stoppeln, und in der Ferne wird eine Sense geschliffen. Eine grosse Klarheit steht über der Erde und reicht bis in die weiten Wälder. Jeder Ton schwingt weithin durch die stille Luft, als seien alle Türen in einem Hause geöffnet, als sei nichts zu verbergen, nichts zu verschliessen. Hier ist keine Unruhe, kein Befehl, keine Vorbereitung. Die Erde ist nicht hineingezogen in den Strudel der Zeit, nicht erschüttert von der Erschütterungen der Menschheit. Sie hat ihr Gesetz bewahrt, ihr Antlitz, ihre Gebärde. Durch alles Zeitliche strömt ihre Ewigkeit, und alle Ufer der Zukunft sind mit einem Male klar, bleibend, unvergänglich.

Sie schicken den Wagen zurück und gehen quer über die Felder zu den Erntewagen. Sie gehen nebeneinander, langsam, sorgenlos. Sie gehen durch die Sonne wie durch einen sich teilenden warmen Strom. Die Feldmäuse fliehen in ihre dunklen Wohnungen, und Johannes sieht ihnen ohne Schmerzen nach. Auf der letzten Höhe dreht er sich um, sieht über die weiten Felder zurück und sagt, ohne Ahnung oder Angst: »Wenn ich falle, möchte ich auf solch einem Felde fallen.« Die andern sehen ihn nicht erschreckt oder missbilligend an. Sie folgen nur seinem Blick, und sie sehen jeder für sich eine graue, schweigende Gestalt weit hinten auf den Stoppeln, ruhevoll ausgestreckt, die Hände auf die Erde gebreitet, das Antlitz in die Bläue des Himmels gerichtet. Kein Grauen scheint um sie zustehen, kein Schmerz, nur die feierlich gehobene Hand des Friedens, die zum Schweigen auffordert, zur Demut, zur Beugung unter das ewige Gesetz.

Es sind nur zwei Jungknechte da und die Mädchen. Sie können nur mit zwei Wagen einfahren, und Gina steht auf einem der Fuder, die Hände auf die Leiter gestützt und sieht ihnen entgegen. »Alle drei!« ruft Klaus und schwenkt die Mütze. Sie wird ein wenig blasser, aber sie nickt nur, und als Johannes unter ihr steht, streckt sie die Hand über die Leiter und streicht zweimal über den schmalen Raum zwischen seinen Augenbrauen. »Mein Leben . . .«, sagt sie leise.

Ein dritter Wagen wird fertig gemacht. Ohne dass ein Wort gewechselt wird, räumt der Grossvater seinen Platz und Johannes reicht seiner Mutter die Garben herauf, und jedesmal, wenn er die Gabel hebt, treffen ihre Augen sich, ruhen ein wenig ineinander und gleiten dann wieder zu ihrer Arbeit zurück. Es ist eine schweigende und keusche Zwiesprache, und als er die letzte Garbe hebt und sie schonend in die Hände der Mutter legt, haben sie einander alles gesagt, was vor dem nächsten Morgen zu sagen ist. Sie bleibt oben sitzen, und Johannes nimmt die Leine und fährt den letzten Wagen auf die Tenne. Es ist ihm, als bringe er die Ernte seines bisherigen Lebens ein, damit er frei werde zur Saat der Zukunft, die morgen beginnt. Aber immer wird die Ernte in die Saat hineinreichen, wie die Augen seiner Mutter hinunterreichen zu ihm und ihm folgen werden bis an den fernsten Rand jenes Geschehens, das heute begonnen hat, als er gemessen und gewogen und nicht zu leicht befunden wurde.

In der Scheune hebt er die Arme, und Gina lässt sich hinuntergleiten. Einen Augenblick ruht sie an seiner Brust. Sie sprechen kein Wort, aber sie wissen, dass dies der Abschied ist. Und bevor sie hinausgehen, zieht Gina eine Ähre aus dem Wagen, bricht sie entzwei und reicht ihm die Hälfte. Sie lösen beide ein Korn aus ihrem Teil, um es zu essen, und dabei sehen sie, wie gleich ihre Hände sind. Sie legen sie nebeneinander, einen Augenblick lang, und die Gemeinsamkeit ihres Blutes offenbart sich ihnen in der gegliederten Form mit dem tröstenden Zuspruch einer Verheissung, aus der sie nicht einer ohne den andern stürzen können.

Es gibt kein Erntefest an diesem Tage. Sie sitzen in der Dämmerung vor der Treppe. Ein schwerer Feuerschein steht über dem Horizont, von einer Sägemühle wahrscheinlich, die man niederbrennt, um Schussfeld zu schaffen. Der Arm eines Scheinwerfers reckt sich weiss über den fernen Wald, tastet, sucht, versinkt. Die Fledermäuse flattern wie sonst, aber mitunter haucht es gleich dem Atem eines verborgenen Tieres über den stillen Hof. Es rauscht im Ahorn, leise und windlos, ein dumpfer Ton erstirbt in den Ställen, ein Schrei hebt sich ferne über die Felder. Man weiss nicht von wem, weshalb, aber alles gewinnt eine dunkle, drohende Bedeutung, ist anders als sonst, scheint geheimnisvoll geknüpft an ein fernes Geschehen, das noch nicht da ist, aber dessen Atem über die Erde geht und alle Räume erfüllt. Sie sprechen nicht davon, sie versuchen es zu leugnen, aber es steht schon hinter ihnen, wartend, drängend, befehlend, und sie wissen, dass es morgen da sein wird, auf der Treppe, im Haus, in ihrer Seele, Raum Heischend und nicht mehr zu leugnen.

Dann gehen Gina und Grossvater ins Haus, und die vier bleiben noch vor der Treppe. Sie wissen, dass der Abend nicht wiederkehrt, ja dass nichts wiederkehrt von dem, was ihre Hände noch halten. Und plötzlich, entfesselt, stürzen die Erinnerungen sich über sie, das Vergangene ihres blühenden, ungehemmten Lebens, was sie noch besitzen, noch diese Nacht, bevor es ausgetrieben wird aus dem ehernen Raum, den ihr Fuss morgen betritt. Klaus allein ist unter ihnen das Kind, dem Wechsel fröhlich zugewandt, aber auch er hat schon erfahren, dass Schweres sein wird, Spott, Gelächter, Scham. Und die andern sind durch ihr Leben bereitet, sich nicht hinzugeben an die Menge, sind gewohnt, dem zu misstrauen, was wie eine Fahne über einem Hause steht, vom Elternhause her, von der Schule, den Lehrern, der Tradition, dem ganzen Bett des Stromes, in dem ihr Körper treiben musste bis zu dieser Stunde.

Und nun ist es wie ein Rausch des Gewesenen, und die Vergangenheit ist gleich einer Geliebten, die noch am Herzen ruht, ganz nah, ganz eng, noch eine kleine Stunde, während draussen schon der erste Vogel schüchtern ruft und ein roter Schein sich vor das Fenster hebt.

Und sie bekennen. Wie an der Schwelle des Todes zerbröckelt die Maske ihrer Zurückhaltung, ihres Stolzes, ihrer Scham. Es wird keine Zeit mehr sein, etwas zu sagen, denn morgen treten sie unter das Schicksal, und das Schicksal hat keinen Raum für das Vergangene. Es hat nur Raum für das Zukünftige, für Leiden, Kampf und Tod. Sie wissen, dass die Blüte verwelken wird unter dem heissen Atem dieses glühenden Schickhals, alles Unbefangene, Spielerische, Träumende. Dass es nur auf das Mark ankommen wird. Dass die Unterschiede des Berufes, des Geistes, der Geburt erlöschen werden, wie die Dialektik eines Gesprächs erlischt, wenn der Gegner die Fäuste hebt. Sie werden ihre Krone zurücklassen und nackt und bloss und namenlos in die Arena steigen. Sie wissen noch nicht, was sie gewinnen werden. Sie wissen nur, was sie verlieren werden. Und sie beugen sich über das Entgleitende wie über ein sterbendes Antlitz und sprechen zu ihm mit einer letzten Eindringlichkeit und Wahrhaftigkeit, weil sie die Hand schon sehen, die sich nach dem Riegel hebt.

Der Mond steht gross über den Feldern, und der Duft der Levkojenbeete umhüllt den ganzen Hof. Klaus fragt, ob sie wohl Blumen in der Kaserne haben werden, und Percy sieht ihn wieder von der Seite an.

»Ja, es war alles anders«, fährt Johannes leise fort, »als ich gedacht hatte. Und ich kam nicht nach Hause die ganze Zeit, weil ich wusste, dass ich dann niemals mehr fortgehen würde. Man muss so teuer bezahlen für alles, für jede Kenntnis von Menschen und Dingen. Und ich fühlte, dass ich nur ein kleines Vermögen besass, und dann hätte ich mit meinem Blut zahlen müssen. Und ich brauche doch mein Blut . . . «

»Fürs Vaterland«, sagt Percy kühl.

»Nein, aber für jedes Gedicht, für jeden Brief, für jedes Wort. Ich habe kein Kleingeld. Ich muss alles mit Wechseln bezahlen, und die Wechsel gehen auf mein Blut.«

»Alles Echte wird mit Blut bezahlt, Johannes«, wirft Luther ein.

Sie verstehen, wie er es meint, aber sie denken an morgen und an das Kommende. Es gibt jetzt nur eine Beziehung zu allen Worten, und sie fühlen den Zwang dieses Denkens als eine unerbittliche Umklammerung.

»,Johannes Karsten‘, stand an einer der braunen Türen«, fährt Johannes nach einer Weile fort. »Alle diese Türen trugen eine weisse Karte, mit einem Namen, einer Fakultätsbezeichnung, einem Verbindungszirkel. Und das Holz, die Griffe der Klingeln, die Karten, die Treppenhäuser waren von einer so müden und formlosen Gleichmässigkeit, dass die Namen in ihr gleichsam ertranken und sich verwischten wie in einem Nebel, so dass nichts übrig blieb als das Bewusstsein einer Gattung von Mietern. Und auch diese Gattung, in ihren Trägern wechselnd wie die weissen Namenschilder, hatte etwas Flüchtiges, sich Verwischendes, und als das Unveränderliche blieben die Zimmer mit ihren flüchtig hineingestellten Türen, der Begriff des Möblierten, für kurze Zeit Gemieteten, eine Art von geistigen Absteigequartieren, wo das Abgeschlossensein nicht ausreicht, um den Hauch der Öffentlichkeit zu entfernen, und alle Namen nur Masken sind für das Namenlose, Unpersönliche, das mit einer leeren und bedrückenden Starrheit in dem Gesicht der Kasernen stehen mag, vielleicht der Bordelle, und das in dem Gesicht des grauen Hauses stand, in dem ich ,ihn‘ besuchte und das die Sprache ein Zuchthaus nennt.

Es hätte auch ein anderer Name an meiner Tür stehen können, ein stolzer, ein fremdartiger, ein lächerlicher. Es kam nur darauf an, dass er ein Zimmer bezeichnete, einen Geldeswert, die Gattung eines Studenten, und was hier an jedem Morgen die engen Treppen hinunterstieg, früher oder später, leiser oder lauter, und am Abend oder zur Nachtzeit sie wieder hinaufstieg, müde, oder schwankend, oder polternd, allein oder mit einem Mädchen, unterschied sich nicht durch Namen oder Gesicht, sondern durch die Verschiedenheit der Müssenfarben, der Fakultät, des Zimmerpreises, der lärmenden oder gedrückten, räuberischen oder duldenden Erscheinungsform.

Ich trug keine farbige Mütze. Ich ging die Treppen leise hinauf und hinunter. Ich wich den Menschen, ihren Worten und Türen aus. Was mich aus der Nichtbeachtung herausholte, waren meine verschieden gefärbten Augen. Sie machten mich zunächst unter den Kindern berühmt als eine Art von Abnormität, der es vielleicht einmal einfallen könnte, auch nach Belieben ein Bein abzuschrauben und in einem Winkel des engen Hofes für einige Stunden abzustellen. Von dort aus verbreitete sich mein Ruhm zu den Erwachsenen. Ich hiess ,der mit den Augen‘, als ob alle andern blind wären, und so wurde ich wieder etwas Besonderes in jener Vielheit, bei deren Formung sich die Natur zu keiner Laune bemüht gesehen hatte.

Die Stadt war schön, eng, winklig, aufsteigend und niederfallend, wie die Erde es befahl. Der Fluss hatte ein leises Rauschen, und in der Nacht, wenn die Boote und Lieder der Studenten verschwunden waren, schien es mir, als sammle er das Geschehen des Tages aus allen Häusern, Höfen und Gärten und trage es still und mit einer schönen Heimlichkeit in die Nacht hinaus, alle Tränen, alles Verbotene und Verschwiegene. So viele Fenster gingen auf den Fluss hinaus, und aus jedem schob sich verstohlen eine blasse Hand und liess die Last der lauten Stunden lautlos hinunterfallen in seinen stillen Gang.

Und es war eine blühende Stadt. Es waren so viele Mauern und hohe Zäune und dunkle Torwege. Und überall hing ein blühender Ast aus dem Verborgenen in das Sichtbare. Es waren so viele heimliche Gärten hinter den Häusern. Man wusste nicht, was in ihnen war, aber ein Duft stand über ihnen den ganzen Tag, und zur Nachtzeit stieg er hinauf bis an die hohen, sich überbauenden Giebel. In der Heimat waren es Strassen und Häuser, fest und nüchtern auf die Erde gestellt, aber dort wuchs es aus der Erde empor, und es mussten überall Zugänge sein in das Unterirdische, und es sprach überall wie in einem Walde. Es machte mich unruhig. Alles wollte etwas von mir, und ich wusste nicht, was es wollte. Auch ich hielt meine Hände aus dem Fenster, wenn der Fluss unten lauter sprach, aber er nahm die Last nicht mit, und ich blieb zurück wie ein blühender Baum, den die Bienen auslassen und vergessen . . .

— — — — — — — — — — — — — — — — — —

Mein Zimmer gehörte einem Sargtischler, der unten wohnte und seine Werkstatt auf dem Hof hatte. Er hiess Lämmle, aber ich nannte ihn Engstrand, weil seine Tochter Regine hiess. Die Mutter war tot, und sie waren beide blass und kümmerlich, als ob die Schatten seines Gewerbes sie bedrückten. Ich sass oft am Abend zwischen seinen Särgen und sah zu, wie unter seinem Hobel die Späne sich krümmten. Er hatte ein Gesicht wie blasses Fichtenholz, und seine Augen waren wie Astlöcher, rund, tief, nach innen führend, statt nach aussen. Ich glaube, dass er sich über jeden Toten freute, nicht des Verdienstes wegen, sondern weil der Tod gleichmacht. Er war Sozialist, ein zweiter Pinnow, aber ohne Bibel. Pinnow brannte wie die Offenbarung des Johannes, aber Engstrand glühte. Er wird nur einmal brennen, und dann wird nichts übrigbleiben von ihm.

Zuerst war er misstrauisch, aber da ich immer still zwischen seinen Särgen sass und nur mit den Hobelspänen spielte, sind wir Freunde geworden. Ich fragte ihn nach der Stadt, nach den Menschen, den Gärten, nach dem, was der Fluss in der Nacht mit sich forttrug. Aber er wusste nichts davon. Er wusste von den Gehältern und der Ausbeutung, von der Polizei, von Streiks und dem Unrecht, das die Macht an dem Schwachen übt. Aber das wollte ich nicht wissen. Ich glaubte nicht mehr, dass alles davon herkomme. Ich glaubte, dass es überall auf der Welt aus den Gärten komme, die man nicht sehe, aus den Kammern, aus denen sich nachts die blassen Hände verstohlen schieben.

,In zehn Jahren sind sie alle gleich, junger Herr‘, sagte er. ,Unter Eichenholz dauert es etwas länger, aber die Erde hat Würmer für jedes Holz. Von allen Ihren Geheimräten bleibt nicht mehr übrig als von Ihnen oder von mir.‘

Regine war hereingekommen, um zum Essen zu rufen. Sie lehnte am Türrahmen, und in der Dämmerung war sie wie ein grauer Schatten, dersich hineingestohlen hatte, umzu sehen, ob sein letztes Haus schon fertig sei. ,Nur das Verwesliche ist gleich, Meister Lämmle‘ sagte ich. ,Aber das Unverwesliche ist niemals gleich. Es ist nicht dasselbe, ob man Häuser für die Toten macht oder für die Lebenden, ob Sie Bücher schreiben oder Geldscheine zählen, ob eine Frau Kinder geboren hat oder unfruchtbar geblieben ist.‘

Aber er winkte nur mit der Hand und stellte den Hobel auf einen Sargdeckel. Als ich hinausging, sah Regine mich an. Sie hatte sonst die Augen zu Boden geschlagen. Sie war blass und lautlos wie eine Motte. Man hätte sie in die Hand nehmen und aus der Nähe betrachten mögen. Dann würde sie vielleicht von einer zarten, gleichsam silbernen Schönheit gewesen sein . . .

Ich hörte soviele Vorlesungen, wie ich konnte. Ich war wie ein Lehrling in seinem Handwerk. Ich lernte jeden Tag dazu, und einmal würde ich jedes Gerät in der Werkstatt bedienen können. Aber es war auch nicht mehr. Es war, was jeder lernen konnte, und in derselben Fakultät lernten sie alle dasselbe Handwerk. Und dann würden sie auf die Aufträge warten wie Engstrand. ,Heute ist der Geheimrat gestorben‘, sagte. Engstrand. ,Das macht einen Rittersarg, Eiche, erste Qualität.‘ ,Heute sind tausend Kinder geboren worden‘, sagten die Lehrlinge aus meiner Fakultät. ,Das macht zehn Verbrecher. Auf ein Jahr umgerechnet, gibt das eine ganze Menge von Richter- und Staatsanwaltsstellen.‘ ,Es lebe der Tod‘, sagte Engstrand. ,Es lebe das Leben‘ sagten meine Kommilitonen. Es war wie ein laufendes Band. Der Tod griff zu und das Leben griff zu, immer wenn sie herankamen. Und wir arbeiteten uns langsam vor, Seite für Seite, Kolleg für Kolleg, damit auch wir herankamen. Professoren, Studenten, Mädchen, Kinder. Nur Regine war anders und ein jüdischer Student, der noch eine Treppe höher wohnte, in einer abgeschlagenen Dachkammer. Er hiess Perlmutter, und ich glaube, dass es ein schrecklicher Name für ihn war.

Noch schrecklicher vielleicht als Zerrgiebel. Er kam aus Russisch-Polen, und seine Eltern und Geschwister waren bei einem Pogrom umgekommen. Ale. Und er muss viele Geschwister gehabt haben. Er selbst sprach nicht davon. Er studierte Philosophie, aber ich glaube, dass er einmal durch die Kollegs ging oder sich durchhörte und dann zu Hause studierte. Dass er nur Student war, um die Bibliothek benutzen zu können. Wovon er lebte, weiss ich nicht. Es hat mir immer geschienen, als lebe er von den Büchern, als könne er Buchstaben in Speise und Trank verwandeln.

Er war so scheu, als habe er keine Haut, als habe man sie ihm dort in seiner Heimat abgezogen. Sie verspotteten ihn, überall, selbst die Kinder auf dem Hof. Ich befreite ihn einmal, und sein Dank war beschämend. Nur die Verfolgten können so danken, die die Verfolgung seit Jahrtausenden im Blut tragen.

Aber es verging ein Jahr, bis er mir sein Leben zeigte. Sein Leben war ein Stoss eng beschriebener Blätter, der Anfang eines Werkes ,Geschichte der Judenverfolgungen‘. Er sagte, dass es zehn Bände werden würden und dass er dann erst sterben dürfte. Er war schwindsüchtig. Es erschütterte mich damals sehr. Er war zwanzig Jahre alt und schrieb ein zehnbändiges Werk. Er stand nicht am laufenden Band. Er war ein Licht, das verbrannte . . .«

»Er hat nur früher angefangen, Johannes«, sagt Luther.

Aber Johannes schüttelte den Kopf. »Die andere war Regine. Wenn wir wieder einmal mit den Welträtseln nicht fertig geworden waren und ich in der Morgendämmerung die Bodentreppe hinunterkam, kniete sie schon auf den Stufen und wusch mit einem nassen Lappen die Treppen. Ihre Hände sahen aus, als dürften sie das nicht tun. Es waren zärtliche, kindliche Hände, die gleichsam fremd an ihr aussahen, als zwinge ein Zauber sie zu einem unangemessenen Werke. Wir sagten einander ,Guten Morgen‘ und weiter nichts. Einmal, in der Frühe, kam ich dazu, wie mein Nachbar, der jeden Morgen betrunken nach Hause kam, sie bedrängte. Es war nicht schwer, sie zu befreien und ihn in sein Zimmer zu schieben. Es war mir, als wollte man einem Kinde Gewalt antun. Aber das nächste Mal, als ich von Perlmutter herunterkam und sie wie sonst arbeitend auf den Knien lag, beugte sie sich schnell und küsste meine Füsse . . .

Und damit verfiel ich ihr. Es war nun wieder alles leichter und schwerer, wie es wohl immer sein wird, wenn man sein Leben hingibt . . .«

Er schweigt, und sie sehen, dass er nicht mehr sprechen will.

»Zwei ist viel«, sagt Luther. »Zwei Menschen in zwei Jahren ist ungeheuer viel, Johannes.«

Johannes nickt. »Aber es ist merkwürdig,« fügt er nach einer Weile hinzu, »dass man immer nimmt. Dass man nichts gibt . . .«

»Alle Brunnen sind so, Johannes. Eine lange Zeit. Erst wenn es erfüllet ist, dann beginnt man zu tauschen.«

»Nun werden wir geben . . .«, sagt Percy ruhig.

»Und wenn sie nun keinen Helm für mich finden?« fragt Klaus bedrückt.

Sie lächeln und stehen auf. Der östliche Himmel ist schon rot, und nun, da sie aus dem Schuss der Nacht getreten sind, schämen sie sich ein wenig ihrer Enthüllung und gehen schweigend auseinander, um etwas Raum zwischen sich und die andern zu legen.

Dietrich Karsten fährt sie zur Kaserne. Gina geht neben dem Wagen her bis zu der Höhe, wo der Stein liegt. Dort oben, bevor sie sich trennen, ist es ihnen plötzlich, als müssten sie alle zugleich sprechen, viel, das Letzte, Entscheidende, immer noch Verborgene. Aber sie sagen nichts. Gina sieht einmal über die Felder hin, über den Hof und die hohen Ahornwipfel, und als ihr Blick zurückkehrt, ist es allen, als sei er gefüllt mit der Pflicht und dem Segen dieser Erde, um es ihnen noch einmal darzubieten, damit sie ein Ewiges in das Vergängliche nehmen. Und sie verstehen es und brauchen nun nichts zu sagen.

Sie steht noch da, als der Wagen schon im Walde verschwunden ist. Sie erinnert sich der Stunde, als sie vor vielen Jahren hier gestanden hat, die Schmach des Schlages auf der Wange, und als alle Karstensöhne und -frauen und -kinder aus der nächtlichen Erde aufstanden, um sich schützend um sie zu stellen. Das Bewusstsein ihres Geschlechts gleitet wie ein Faden durch ihre Hände, Knoten auf Knoten, und sie öffnet ihre Finger ein wenig, damit es nicht scheine, als wolle sie Widerstand leisten.

Und dann geht sie langsam den Weg zurück in ihres Vaters Stube und nimmt die Bibel aus dem Schrank. »Bestand die Reifeprüfung und wartet auf die nächste.« Das ist die letzte Eintragung. Und sie nimmt die Feder, schreibt Tag und Monat und Jahr darunter, hält ein wenig inne und setzt dann in ruhigen, grossen Buchstaben hinzu: »Geht in den Krieg.«

2.

»Ich will es nun alles betrachten wie ein buntes Spiel«, dachte Johannes. »Nur wie ein Spiel.« Und er stieg auf die unterste Treppenstufe und blickte mit einer etwas erzwungenen Fröhlichkeit über die zweihundert Kriegsfreiwilligen, die zwischen zwei langen Schuppen des Kasernenhofes versammelt waren.

Das erste, was sich ihm darbot, waren die Hüte. Der würdige Ernst der Melonen, die heitere Sorglosigkeit der Strohhüte, die Verwegenheit der Ballonmützen. Er versuchte, eine Beziehung zu den Gesichtern herzustellen, eine Art von Gesetzmässigkeit, die jede Erscheinung des Zufälligen entkleidete, aber es gelang ihm nicht. Er vertauschte die Gesichter und die Kopfbedeckungen, und nichts änderte sich. Er erkannte, dass es ein Massengesicht war, und in dieser Erkenntnis ging ihm unvermittelt der Sinn der Uniform auf, des Helmes, des Gleichschrittes. Er sah Percy an und Klaus und wusste, dass in wenigen Stunden eine schreckliche Veränderung über sie kommen würde wie über alle, ihn eingeschlossen, und dass es sich zunächst darum handeln müsste, aus dieser Veränderung mit einem neuen Gesicht wieder emporzutauchen wie aus einem zermahlenden Strudel. »Man muss das Gesicht aus der Uniform retten«, dachte er. »Das ist die erste Aufgabe. Das andere wird sich schon finden.« Und es erfüllte ihn mit einem leisen Trost, dass er auf etwas zu achten hätte, eine bestimmte Pflicht zu erfüllen wäre, dass man nicht unterzugehen brauchte in der Willenlosigkeit gänzlicher Unterordnung. »Sie sind alle froh, dachte er noch, ganz unbeschwert. Sie können noch ,ausser sich‘ sein, das ist das Geheimnis . . . ich aber bin immer ,in mir,‘ und ich muss lernen, mich zu verlassen, mein Haus abzuschliessen und auf eine Reise zu gehen . . . Das ist die zweite Aufgabe . . .«

Dann kam der Feldwebel mit einem Buch zwischen den Knöpfen seines Waffenrockes und ein Schreiber mit Listen. Unteroffiziere umkreisten den ungeordneten Haufen wie eine Viehherde. Die Zigaretten verschwanden, und als der Feldwebel seine kühlen, erstaunten Augen von einem Flügel zum andern gehen liess und wieder zurück, wie über eine Schar von Kindern, die die Mäntel ihrer Eltern angezogen hatten und sich nun wie Erwachsene gebärdeten, verschwanden auch Gespräche, Lachen, Sorglosigkeit, und eine Art von Selbstbesinnung fiel gleichmachend über die nach einer Richtung gewendeten Gesichter.

Der Schreiber las die Namen vor, mit einer nüchternen, gänzlich unbeteiligten Stimme, wie man die Nummern einer Bauholzliste vorliest, und die Aufgerufenen schrieen »hier!«, traten vor und wurden von den Unteroffizieren in Reih und Glied gestellt. Und auch hier schien es Johannes wie am vorigen Tage, dass alle Worte und Gebärden von einer leisen Verachtung durchtränkt waren, von dem Bewusstsein einer Unangemessenheit, mit der ein Meister die Arbeit eines Handlangers unternimmt.

Es gab eine Unterbrechung, als ein Mann namens Oberüber, mit einem heiter gefalteten Gesicht, dem das Fehlen zweier Vorderzähne etwas Respektloses und Unbeschwertes verlieh, austreten zu dürfen bat. Auf die sachlich gestellte Frage, ob er verrückt geworden sei, trat er lächelnd in die Menge zurück, stellte seinen Pappkarton sorgfältig auf die Erde und steckte beide Hände in einer Art von Notwehr in seine Hosentaschen. Es wurde gelacht, aber ein Unteroffizier erschien sofort am bedrohten Punkt, und der Schreiber, der missbilligend die Vorlesung unterbrochen hatte, fuhr mit einer leisen Gekränktheit fort.