Verlag: Elektronik-Praktiker Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Jenseits der Spur - Karla Letterman

Mitte Mai, die Sonne strahlt, das Städtchen Bad Lauterberg macht sich frühlingsfein. Da explodiert mitten am Tag eine Autobombe und reißt eine Frau in den Tod. Große Aufregung bei der Kripo: Man kann sich keinen Reim auf den Anschlag machen und beginnt in verschiedenste Richtungen zu ermitteln. Bald gibt es jede Menge Spuren: Waren es aufgeflogene Schmuggler? Kompromisslose Historiker? Gewaltbereite Autonome? Frustrierte Studenten? Oberkommissar Alois Aisner hält hartnäckig an einer besonderen Verdächtigen fest, einer durchgedrehten Informatikerin mit auffälligen Ticks. Ist sie nur zu intelligent, um sich fassen zu lassen, oder doch unschuldig? Da hat Aisners Stiefsohn Eagle-Eye eine denkwürdige Begegnung mit der Frau...

Meinungen über das E-Book Jenseits der Spur - Karla Letterman

E-Book-Leseprobe Jenseits der Spur - Karla Letterman

Karla Letterman

Jenseits der Spur

Impressum

Jenseits der Spur

ISBN 978-3-947167-55-5

ePub Edition

V1.0 (04/2019)

© 2019 by Karla Letterman

Abbildungsnachweise:

Umschlagmotiv © IgorYasak

# 204497130 | depositphotos.com

Bild »Autonomes Fahren« © lightsource

# 150947494 | depositphotos.com

Porträt der Autorin © Thomas Schmitt-Schech

lichtblick-fotokompass.de

Lektorat:

Sascha Exner

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Postfach 1163 · 37104 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

E-Mail: mail@harzkrimis.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Titelseite

Impressum

Kapitel 1: Der Knall

Kapitel 2: Chef und Käfer

Kapitel 3: Die Außenseiterin

Kapitel 4: Die Verbindung

Kapitel 5: Ernüchterung

Kapitel 6: Fleißarbeit

Kapitel 7: Die olle Frau Holle

Kapitel 8: Die lange Jugend des Hirschkäfers

Kapitel 9: Verbindung nach Mersin

Kapitel 10: Das kannst du nicht machen!

Kapitel 11: Volles Haus

Kapitel 12: Der Schrei

Kapitel 13: Die Jaulefrau

Kapitel 14: Hintergrundberichte

Kapitel 15: Alles nur ein Trick?

Kapitel 16: Überraschung

Kapitel 17: Der Tastenheld

Kapitel 18: Bei den Hörnern gepackt

Kapitel 19: Belauscht

Kapitel 20: Zugehört

Kapitel 21: Mitgekriegt

Kapitel 22: Hey, Matrose

Kapitel 23: Weiß auf schwarz

Kapitel 24: Pegasus

Kapitel 25: Besuchsversuch

Kapitel 26: Der Auslöser

Kapitel 27: Die Botschaft

Kapitel 28: Roter Luxx

Kapitel 29: Puzzleteilchen

Kapitel 30: Was für ein Tag!

Kapitel 31: Versteckt

Kapitel 32: Zukunfstaussichten

Kapitel 33: Euer Wille geschehe

Kapitel 34: Irrtum

Kapitel 35: Konzert!

Kapitel 36: Überdruss

Der Anker im Alltag

Danke

Gestatten, Karla!

Mehr von Karla Letterman

Die Hexenpapiere

Kapitel 1: Der Knall

Bevor das Unglück geschah, lag unbeschwerte Fröhlichkeit in der Luft. Die Sonne vergoldete die Vorgärten im Harzstädtchen Bad Lauterberg, das durch seine Lage auf der Südseite des Mittelgebirges vom Wetter bevorzugt war.

Im Stadtteil Aue, dessen Bedeutung sich aus der modern geführten Kooperativen Gesamtschule KGS und dem nicht weit davon entfernt gelegenen Polizeikommissariat ergab, wechselten kleine Blöcke der städtischen Wohnungsbaugesellschaft mit Reihen- und Einzelhäusern ab. Bunte Blüten wiegten sich wohlig in der leichten Brise, geputzte Fensterscheiben glänzten um die Wette. Die Arbeit des ersten Vormittags der Arbeitswoche war erledigt, mühelos erledigt an diesem Schönwettertag Ende Mai. Selbst die Gruppen Halbwüchsiger, die aus der KGS auf die Straße schlurften und kein Auge für Beete oder Lichtstimmung hatten, waren von der seltenen Gelassenheit dieser Mittagsstunde erfüllt. Die Scherze gerieten ohne Häme, einzelne Mobbingversuche fanden einfach kein Echo. Fünftklässler, deren Unterricht schon beendet war, und Zehntklässler, die beschlossen hatten, Englisch, Sport und Politik ausfallen zu lassen, liefen in außergewöhnlicher Eintracht nebeneinander her zur Bushaltestelle.

Ein Schlaks mit den ersten schüchternen Bartstoppeln inmitten des Aknefeldes wandte sich an Marvin Azizmahmutogullari: »Ey, Türkenkind, ist das nicht dein Vater, der den Dönerimbiss da vorn eröffnet hat?«

Marvin, noch unschlüssig, wie er sich gegen den zu erwartenden groben Witz wehren sollte, staunte nicht schlecht, als der Junge weiterredete: »Echt fair, der Schülerteller. Nice gemacht. Kannste ma’ ausrichten.« Marvin genoss die anerkennenden Blicke seiner Kumpels.

»Neiß gemacht, heiß gemacht, Preis gelacht!«, krähte der blonde Eagle-Eye und tanzte um Marvin herum.

»Guck nur mal dies übermütige Gesocks«, raunte Hertha Ansorge und stieß ihren Friedensreich mit dem rechten Ellbogen an. Die beiden hatten sich wie üblich bei warmem Wetter zwei flache Kissen auf die Wohnzimmerfensterbank gelegt und überblickten von ihrer Wohnung in der Berliner Straße aus sowohl den Gläsnerweg, der zur Schule führte, als auch die Scharzfelder Straße, die alte Durchgangsstraße durch den Ortsteil. »Wir haben in dem Alter Kartoffeln mit der Hand aufgeklaubt. Da war keine Zeit für Tänzchen und nutzlose Ausgelassenheit.«

Ihr Mann, der gelernt hatte, dass er das Geschimpfe seiner Frau irgendwie quittieren musste, damit sie die nötige Aufmerksamkeit erfuhr und seine Tagträumerei nicht weiter störte, brummte »ja, ja, genau« und wandte sich nach links. Die magere Frau da im hellen Trenchcoat, kannte er die nicht? Diese abgehackten Bewegungen... wer war sie noch gleich? Er wollte gerade Hertha befragen, die ein elefantöses Gedächtnis für merkwürdige Mitbürger hatte. Der Knall verschlug ihm die Sprache.

Marvins Freund Zbigniew, der Einfachheit halber Bingo genannt, holte Luft, um ein polnisches Wortspiel zum Thema Imbiss und Preise zum Besten zu geben. Ihm blieben die Worte im Hals stecken, als er das schauerliche Feuer sah.

Der VW Touareg schickte eine rußige Scherbenwolke gen Himmel, als er mit wütendem Getöse zerbarst. Feurige Zungen gierten nach allem Brennbaren, sie mischten sich mit dem rauchigen Schleier, der den lodernden Haufen umgab. Der Feuerball schien sämtlichen Sauerstoff aufzusaugen. Dröhnen, Blenden, Zischen. Qualm, Gestank, Metallsplitter. Poltern. Weder die Ansorges noch einer der Schüler konnten sich später an die genaue Abfolge erinnern. Alles stürmte zeitgleich auf ihre arglosen Sinne ein.

Die Schülergruppe stob auseinander. Neun Jugendliche rannten, was das Zeug hielt, zurück zur Schule. Es waren die vier Jüngsten, die ohne nachzudenken in Richtung der Katastrophe liefen. Marvin, Eagle-Eye, Leon und Bingo, elfjährige Fünftklässler, hasteten an den Trümmern der Bushaltestelle vorbei bis zum neugebauten Glaswürfel mit der roten Leuchtreklame ›Aue-Döner‹.

»Ein Glück!«, keuchte Leon und versetzte Marvin einen leichten Boxhieb gegen die Schulter. Was man vom Gläsnerweg aus durch die Rauchschwaden nicht hatte erkennen können, sahen sie jetzt klar: Tayfun Azizmahmutogullari, seiner Crew und den Imbissgästen war nichts passiert. Der Döner-Würfel stand unversehrt. Nur die großen Glasscheiben, ›das Lukull-Schaufenster‹, wie Marvins Vater es getauft hatte, war von dunkelgrauen Schlieren verschmiert.

Tayfun war zur Tür gehastet und schloss nun wortlos seinen Sohn in die Arme. Ein Angestellter, der frisches Gemüse aus dem Keller geholt hatte, stand an den Tresen gelehnt und nickte wie ein Wackeldackel mit dem runden Kopf. Die Gäste hockten erstarrt auf ihren Plätzen. Nur der Schülerpraktikant hatte geistesgegenwärtig sein Mobiltelefon gezückt und 112 gewählt. »An der Scharzfelder Straße, gleich neben der Bushaltestelle, ist ein Auto explodiert«, erklärte er. »Nein, Verletzte kann ich nicht sehen. Aber alles ist schwarz und stinkt.«

Er hatte kaum zu Ende geredet, als ein muskulöser, etwas untersetzter Mann schräg über die Straße gelaufen kam. »Igor!«, rief er und fasste Eagle-Eye etwas unbeholfen bei den Schultern. Der Sohn seiner Lebensgefährtin schätzte seinen Taufnamen nicht eben sehr und ließ sich lieber Igor nennen. »Was um Himmels willen ist hier los? Geht’s euch gut, Jungs?«, fragte er, als er Leon und Bingo auf einer Holzbank kauern sah.

»Das war krass laut, und dann war da ein Feuerball, und wir dachten, Marvins Vater ist was passiert«, erklärte Eagle-Eye leise. Er schüttelte sich und zwängte sich neben Bingo auf die Bank.

Der Neuankömmling schaute von den Jungen zu den Gästen. »Ich muss Sie bitten, hierzubleiben, bis ich Ihre Daten aufgenommen habe. Doch erst mal – die Jungs hier ...«

Marvins Vater Tayfun schaltete sich ein. »Die Jungs bleiben am besten hier, von den Eltern ist ja niemand zu Hause.«

Im gleichen Moment bremste ein rotes Tanklöschfahrzeug auf dem Gehweg vor dem Imbiss, und zwei Feuerwehrleute setzten mit geübten Handgriffen die Pumpe in Gang. Ein dritter Mann trabte heran. Als er eintrat, sah er sofort den Stämmigen. »Gott sei Dank, die Polizei ist schon da. Ich geh mit löschen.«

»Herr Aisner ist Polizist«, stellte Marvins Vater den Mann seinen Angestellten und den Gästen vor. »Vom Kommissariat schräg gegenüber.«

»Ich bin Zivilbeamter«, setzte Aisner erklärend hinzu, als er die skeptischen Blicke zweier Gäste auf seine Kleidung bemerkte. »Und ich muss mit jedem von Ihnen kurz sprechen.«

»Nee, das wird nix«, protestierte ein kräftiger Mann in signalroten Arbeitshosen, der soeben seine Mahlzeit beendet hatte. »Wir müssen arbeiten, ran an den Feind, und zack, zack.«

»Naa, guter Mann«, entgegnete Aisner, der kaum merklich in seinen österreichischen Dialekt verfiel, und richtete sich auf.

»Dees müssen S’ scho’ mir überlassen mit ...«

»Hörense schlecht? Wir sind ganz in der Nähe, müssen ’ne Straßenmarkierung machen, da findense uns, laufen schon nich’ weg.«

»Aber, Ralf, unsere Fräse ... ob die’s überhaupt noch tut?«, mischte sich der Kollege des Mannes ein. »Die hat bestimmt was abgekriegt.«

»Das woll’n wa gleich ma’ seh’n«, erwiderte der Erste und machte Anstalten, sich zu erheben.

»Ja Himmiherrgottsakra nu’ amoi«, rief Aisner und hieb seine Faust auf den Tisch. »Den Tatort betreten S’ ganz bestimmt nicht, und ...«

Die Blicke, die ihn diesmal trafen, ignorierte er. Seit er der Liebe wegen in den Harz gezogen war, versuchte er, sich den Dialekt abzugewöhnen. An seinem vorigen Wohnort Passau hatte man über ›den Ösi‹ gegrinst, ihn aber wenigstens verstanden. In Niedersachsen jedoch fiel er auf. Dennoch hatte er alles richtig gemacht. Sobald er an Larissa dachte, wurde ihm das sofort wieder klar.

Mit schwerem Schritt betrat ein hoch gewachsener, leicht vornübergebeugt laufender Mann mit schütterem Haar den Laden und schrie schon beim Öffnen der Tür: »Was haben Sie gemacht? Terrorzelle hier? Kurden, oder was?«

»Was wollen Sie damit sagen?« Jetzt verlor Tayfun Azizmahmutogullari die Fassung. Mit rotem Gesicht wies er auf die Tür: »Sie verlassen sofort mein Geschäft!«

Aisner zog sein Mobiltelefon aus der Hemdtasche. »Du, Norbert, schick mal zwei Mann rüber zum Imbiss. Ich brauch Verstärkung.«

Der Feuerwehrmann, der Aisner vorhin erkannt hatte, hastete im Laufschritt auf den Imbiss zu und winkte in Richtung des Polizisten. Aisner schob sich an den stehenden Männern vorbei, befahl: »Alle hiergeblieben!« und trat vor die Tür. »Kommen Sie mit«, keuchte der Feuerwehrmann. »Wir haben eine Tote.«

Kapitel 2: Chef und Käfer

Aisner war froh, dass Larissa, seine Lebensgefährtin, früher nach Hause kommen und sich um Eagle-Eye und seine Freunde kümmern konnte. Hektik, Durcheinander und aggressives Gehabe bestimmten weiterhin den Ton im ›Aue-Döner‹. Auch wenn die Jungen es nicht zugeben wollten: sie waren schockiert und mussten nach Aisners Ansicht das Geschehene erst einmal verdauen. Von der Leiche erzählte er ihnen wohlweislich nichts, als er sie in die Gehrichstraße fuhr.

Ihre Wohnung lag am anderen Ende des Ortes, dem stolzen Kurviertel, in dem die eine oder andere Altbauvilla den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Bad Lauterberg hatte, auf der Karte betrachtet, die Form eines dahingeschmolzenen Kreuzes – so als wäre ein eisernes Kunstgussprodukt der früheren Gießerei Königshütte nicht richtig ausgehärtet. Lag das Kurviertel fast an der Spitze des Kreuzes, so befanden sich KGS und Kommissariat am unteren Ende.

Zurück am Ort des Geschehens in der Scharzfelder Straße, wunderte sich Aisner, dass keine Menschentrauben um die Unglücksstelle versammelt waren.

»Jessy hat das wunderbar in den Griff gekriegt«, erklärte ihm sein Kollege Norbert Kellner. »Sie hat die ersten Neugierigen gleich in die KGS dirigiert. Wer Zeit hätte zu glotzen, hätte erst recht Zeit, sich um die traumatisierten Schüler zu kümmern, hat sie gesagt«, fuhr Kellner fort und gestattete sich ein verschmitztes Lächeln. »Sie hat ein bisschen übertrieben, aber du kennst ja ihren Tonfall. Die Leute sind kleinlaut abgezogen.«

»Ja, Jessys zweiter Vorname ist Kommando«, feixte Aisner. »Hat sie auch dem Rothosen-Proll Bescheid gegeben?«

»Du meinst den Straßenarbeiter«, stellte Kellner nach kurzem Überlegen fest, »ja, den hat sie gehörig in die Enge getrieben. Wenn es ihn so zu seiner Maschine drängt, macht er sich verdächtig, Spuren verwischen zu wollen, hat sie eiskalt behauptet. Der Mann war auf Normalmaß zurechtgestutzt.«

»Was ist mit dem Hageren, der ›Terrorzelle‹ geschrien hat?«

»Dessen Auto explodiert ist? Tja, den haben wir aufs Revier

mitgenommen. Wir mussten ihn unbedingt von Herrn Aziz ... na, du weißt schon, trennen. Ich dachte, dass du dich um ihn kümmerst.«

Alois seufzte leise. Wenn der Mann das Opfer war, würde er ein harter Brocken werden und ihn lange beschäftigen. Andererseits musste er sich so nicht mehr mit dem sturen Straßenmarkierer abgeben. Er ließ sich noch ins Bild setzen hinsichtlich der Mordkommission, die gerade gebildet wurde. Fred Herkules aus Northeim, ein Kollege, mit dem er schon bestens zusammengearbeitet hatte, würde auch wieder dabei sein. Mit der Aussicht auf ein angenehmes Team machte er sich auf den Weg in den Vernehmungsraum.

Aisner setzte dem Mann einen dampfenden Kaffeebecher vor und fragte sich im selben Moment, ob er das richtige Getränk gewählt hatte. Sein Gegenüber machte auf ihn einen fahrigen Eindruck. Und dann noch Koffein? »Es war also Ihr Wagen, der da in die Luft geflogen ist, Herr Heitmüller?«

»So ist es«, antwortete der Mann und strich sich mit der rechten Hand durch die schütteren hellbraunen Haare, denen der Eingriff eines kundigen Friseurs gutgetan hätte. »Und ich will endlich wissen warum«, fuhr er fort und schaute Aisner direkt in die Augen. »Was ging da vor sich?! Ich habe ein Anrecht, das zu erfahren! Ich hätte tot sein können!«

Der Kommissar gestand sich ein, dass der Mann recht hatte, und beschloss, ihn sensibel zu behandeln. Das hieß auch, seinen Ausbruch von vorhin nicht überzubewerten. Er durfte auf politische Parolen nicht allergisch reagieren, egal wie verhasst sie ihm sein mochten. Aisner räusperte sich. »Konnte jemand wissen, dass Sie Ihr Auto dort parken würden?«

»Das ist doch völlig wurscht«, herrschte Heitmüller ihn an, »das war ein Sprengstoffattentat, Herr Kommissar! Und wer macht so was? Extremisten! IS vielleicht nicht, der Imbiss gehört ja keinem Araber. Aber wer weiß. Kurden. Anhänger von Öcalan. Alles militantes Volk, von da unten.«

»Bitte ziehen Sie in Erwägung«, hakte Aisner ein und wählte seine Worte mit Bedacht, »dass der Anschlag Ihnen persönlich gegolten haben könnte. Deshalb nochmals meine Frage: Parken Sie Ihren Wagen regelmäßig dort?«

»Na ja, was heißt regelmäßig. Donnerstagmittag. Da esse ich bei meinen Eltern.«

»Sie essen jeden Donnerstagmittag bei Ihren Eltern?« Aisners Augenbrauen schnellten in die Höhe. »Na, das nenne ich mal regelmäßig!«

Alois fragte seinen Gesprächspartner behutsam ab. Nachdem er geklärt hatte, dass Heitmüller kein Augenzeuge der Explosion gewesen war, musste er herausbekommen, ob er mit der Toten, einer 68-jährige Rentnerin aus der Oberen Hauptstraße, in Verbindung stand. Als er dies mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen konnte, nahm er seine berufliche Position unter die Lupe. »Sie sind Personalchef bei United Impetus, der Unimp«, las Aisner vor. »Das ist ein verantwortungsvoller Posten. Sicher nicht immer einfach.«

Der Mann blickte die Wand hinter Aisner an und seufzte. Seltsamerweise schien er durch den Kaffee ruhiger geworden zu sein. »Nein, Herr Kommissar, das ist nicht immer einfach. Man macht sich nicht nur Freunde.«

»Das denk’ ich mir. Hier in der Kleinstadt. Wenn S’ da mal wem kündigen müssen ...«

»Wenn jemand gehen muss, bin ich das Monster. Egal, welche Abfindung er absahnt. Egal, wie viele silberne Löffel er geklaut hat. Oder wenn jemand einen Job nicht bekommt, obwohl der Cousin schon zehn Jahre bei der Unimp ist. Immer bin ich der Buhmann. Egal, was für ein Trottel der Bewerber ist: der Heitmüller ist schuld!«

»Ja, geh, Herr Heitmüller, da haben Sie mir ein erstklassiges Motiv geliefert. Sie wissen, was ich jetzt brauch’?«

»Eine Liste mit Enttäuschten?«

»Genau. Eine Liste der möglichen Monsterjäger.«

Aisner kritzelte ein paar Stichworte in sein Notizheft; in das Online-Modul würde er die Ergebnisse morgen übertragen. Wenn er jetzt nach Hause führe, könnte er Larissa unterstützen und gleichzeitig den Jungs vorsichtig auf den Zahn fühlen. Seine Erfahrung des letzten Jahres sagte ihm, dass er Eagle-Eye und seine drei Freunde nicht unterschätzen sollte. Sie hatten schon manches wichtige Detail aufgeschnappt, das Erwachsene überhört oder übersehen hatten. Er klappte das schwarz gebundene Büchlein zusammen und schob es an den rechten oberen Schreibtischrand, richtete es nach den Ablagefächern aus. Er mochte es ordentlich. Die leere Brotdose verstaute er im Rucksack. Handykabel aus der Steckdose ziehen, Steppjacke vom Haken nehmen, und dann los.

Als er die energischen Schritte im Flur hörte, war Aisner klar, dass es mit dem frühen Aufbruch nichts würde. »Alois!«, kam der Kollege vom Empfang ohne Klopfen ins Zimmer gestürzt. »Hier sind Zeugen, die eine Beobachtung zu melden haben. Ehepaar Ansorge.« In seinem Schlepptau folgte ein ältliches Paar.

Beide, Mann und Frau, sahen sich mit geweiteten Augen im schmucklosen Büro um. Jetzt vergleichen sie die Realität mit ihren ›Tatort‹-Bildern, schoss es dem Kommissar durch den Kopf, sie suchen die klebenden Scheiben und all den interaktiven Schnickschnack. Der Blick des Mannes blieb am Whiteboard hängen, das schon bessere Tage gesehen hatte. »Zeugen => bäääh!!!« stand in eckigen Buchstaben darauf vermerkt. Das konnte nur Jessica Henkel verzapft haben, im Kommissariat auch als Wildwest-Jessy bekannt. Aisner dachte an den Arbeiter in der signalroten Hose, den Henkel ›gewonnen‹ hatte, und empfand gewisse Sympathien für das Statement. Dennoch konnte er es nicht kommentarlos stehen lassen. »Wir hatten Schüler zu Besuch«, behauptete er und drehte die Tafel zur Wand.

»Tja, also, so viel haben wir gar nicht gesehen«, murmelte Hertha Ansorge und begann Aisner mit dem gleichen neugierigen Blick zu mustern wie zuvor das Büro.

»Ist doch Quatsch!«, brummte ihr Mann. »Wir haben alles gesehen, was man nur sehen konnte. Erst die Explosion, dann die komische Frau.«

»Die komische Frau?«, echote Aisner. »Das erklären Sie etwas genauer, bitt’schön!«

Während die beiden über die Explosion nichts Neues zu berichten hatten, weckte die Schilderung der Frau, die Friedensreich Ansorge in Tatortnähe gesehen hatte, Aisners Aufmerksamkeit.

»Das ist eine, wo man denkt, die ist magersüchtig«, begann der Mann seine Beschreibung. »Die wirkt so verhärmt, obwohl sie noch gar nicht alt ist. Könnte ganz hübsch sein. Äh – vielleicht«, schränkte er mit einem Seitenblick auf seine Ehefrau ein. »Wenn sie nicht so nervös wäre. Zuckt nach hier, zuckt nach da. Das Kinn sieht direkt spitz aus. Und sie trägt immer so weite Klamotten. Da sieht man nicht, wie dünn sie wirklich ist.«

»Können Sie die Kleidung genauer beschreiben?«

»Heute hatte sie einen hellen Trenchcoat an.«

»Haarfarbe? Augenfarbe?«

»Also, Herr Kommissar, wenn ich die Augenfarbe auf die Entfernung erkannt hätte, wäre ich ja so was wie ein Hellseher«,

scherzte der Mann.

Seine Frau, die unruhig auf dem Stuhl herumgerutscht war, platzte heraus: »Ist doch egal, ich weiß ja, wer die ist!«

Aisner widerstand der Versuchung, mit den Augen zu rollen. »Dann lassen Sie mich doch an Ihrem Wissen teilhaben, gnä’ Frau«, bat er betont höflich.

»Das ist eine von den Käfers«, ließ Hertha Ansorge verlauten. »Ich glaube, Mai.«

»Moment, versuchen Sie mir mitzuteilen, dass die Dame im geheimnisvollen Überziehermantel ›Maikäfer‹ heißt?«

»Exakt«, bestätigte die Gefragte und richtete sich im Sitzen auf. »Mai ist eine Tochter der Käfers aus der Zechenstraße. War ’n paar Jahre weg, aber ich hab’ sie wiedererkannt. Sie war die Frau im Trenchcoat!«

»Sagen Sie, hat die Dame vielleicht eine Schwester namens ›Marien‹?«, erkundigte sich Aisner und bereute die Abschweifung in dem Moment, in dem er sie ausgesprochen hatte. Die Zeugin warf ihm einen tadelnden Blick zu, während Friedensreich sich das Lachen nur knapp verkneifen konnte.

»Die Käfers haben ihren Kindern wirklich unmögliche Namen gegeben«, erläuterte Hertha, die es genoss, dass ihre über Jahrzehnte erworbenen Kenntnisse der engeren und weiteren Nachbarschaft einmal offiziell gefragt waren. »Karl-Derek wollte sie Mai, VW und Hirsch nennen.«

»Naa, das hat er nicht geschafft«, schnappte Alois aus tiefster Überzeugung. Allerdings hatte der Bad Lauterberger Standesbeamte auch den Namen Eagle-Eye akzeptiert.

»Stimmt!«, bestätigte die Zeugin. »Er hat es nicht ganz geschafft. Mai hat er durchgekriegt, das ist eine spezielle Kurzform von Maria. Doch aus VW musste er Verena-Walburga machen, und Hirsch hat er einfach ins Italienische übersetzt. Der Junge heißt Cervo.«

Weitere Beobachtungen, die Aisner hinsichtlich des Geschehens am heutigen Tage hätten weiterhelfen können, steuerten die Ansorges nicht bei. Dennoch blieb nach ihrer Befragung der Eindruck zurück, die Frau im Trenchcoat habe etwas auf dem Kerbholz.

»Ich komm’ heut’ a bisserl später«, kündigte Alois Larissa am Telefon an. »Muss noch zu einer Befragung. Und du glaubst nicht, wen ich frag’.«

»Na, wen denn? Luke Skywalker?«

»Naa. Ein Insekt.«

Kapitel 3: Die Außenseiterin

Als Alois die windschiefe Pforte im niedrigen Jägerzaun öffnete, gab sie einen schrillen Quietschton von sich. Er betrat den Kiesweg und verzichtete auf das Schließen der Tür, denn das Geräusch wollte er nicht noch einmal hören. Dafür setzte ein abgehacktes Bellen ein. Aisner versuchte sich den dazu passenden Hund vorzustellen und kam zu dem Schluss, dass es sich um etwas Mittelgroßes handeln musste – einen Husky vielleicht. Die waren im Harz gerade schwer in Mode.

Ob der frei im Garten herumlief? Wohl eher nicht, denn das Gebell kam nicht näher. Vielleicht war er irgendwo angebunden; hinter dem Haus mochte eine Hundehütte sein. Oder der Hund befand sich im Schuppen linker Hand; das Geräusch klang gedämpft. Seit Aisner vor einem halben Jahr von einem Rottweiler angegriffen worden war, reagierten seine Antennen empfindlich. Ein früherer Kollege aus Passau war gar von einem American Pitbull-Terrier dienstunfähig gebissen worden. Der Kommissar bückte sich nach vorn und nestelte im Weitergehen die Dienstwaffe aus dem Knöchelholster. Hand und Waffe steckte er locker in die Tasche seiner Cargo-Hose.

Er hatte den Eingang an der Stirnseite des Haupthauses erspäht, die hinter einem ausladenden Holunderstrauch halb verborgen lag. Das Gebell verstummte und setzte auch nicht wieder ein, als er dicht vor dem Haus stand. Er hob den linken Arm, um den Klingelknopf zu drücken, da flog die massive Holztür auf.

»Wer stört?!«

Die schwarzhaarige Frau schleuderte ihm die Worte eher wie einen Vorwurf entgegen, als dass sie fragte. Aisner musterte sie im Schnelldurchlauf: spitzes Gesicht, schmale Statur, weite Tunika, die die Einzelheiten der Figur verbarg. Passte auf die Beschreibung des Zeugen.

»Frau Käfer?«, erkundigte er sich. »Frau Mai Käfer?«

»Wer stört?«, wiederholte die Frau, ohne seine Frage zu beachten.

»Oberkommissar Alois Aisner, Polizei Bad Lauterberg. Ich untersuche die Explosion heute Mittag. Sie wurden am Tatort gesehen.«

Die Frau schnaubte und zischte etwas, das Alois nicht verstand. Dabei ging sie einen Schritt zurück und gab den Eingang frei. Bevor er eintrat, spähte Aisner in den Hausflur hinter ihr. Er entspannte sich etwas, als er keine Spuren eines Hundes entdecken konnte.

»Ich habe Sie erwartet«, erklärte seine Gastgeberin dem Kommissar, während sie ihm einen Platz am Esstisch anbot. Das Wohnzimmer von der Sorte Eiche rustikal schien Aisner nicht recht zu ihr passen zu wollen. Auch das blumenverzierte, verschnörkelte Geschirr ordnete er einer früheren Generation zu. Hertha Ansorge hatte von ›den Käfers‹ gesprochen. Vielleicht handelte es sich um die Wohnung von Mais Eltern.

»Sie haben mich erwartet ... dann stör’ ich nicht ganz so arg ...«, versuchte er es mit ein wenig Vertraulichkeit.

Die Antwort war eine hektische Drehung des Kopfes. »Das heißt noch lange nicht, dass Sie willkommen sind.«

Trotz ihrer Worte stellte die Frau eine violett geblümte Tasse samt Unterteller vor Alois hin und schob ihm die Zuckerdose über den Tisch zu. Ohne zu fragen, schenkte sie ihm aus einer dickbauchigen Kanne eine dunkle Flüssigkeit ein. »Was anderes als Tee habe ich nicht anzubieten«, beschied sie ihn und goss sich selbst nach.

»Danke«, antwortete er geistesabwesend, denn er wollte auf den Punkt kommen. »Warum haben Sie die Polizei erwartet?« Aisner bemühte sich um akzentfreies Hochdeutsch, um offiziell zu klingen. Wenn er nicht aufpasste, eroberte das Oberösterreichische seine Zunge Stück für Stück zurück. Doch jetzt war er hoch konzentriert.

»Möchten Sie eine Aussage machen?«

Wieder dieses unverständliche Zischen. Wie eine Natter, schoss es Alois durch den Kopf. Sein Gegenüber räusperte sich und sah ihm dann geradewegs in die Augen. Auch sie schien sich zu konzentrieren.

»Na, ist doch mal wieder klar. Ich war zur falschen Zeit am Ort des Geschehens und bin sofort verdächtig. ›Die verrückte Tochter von den Käfers‹ hieß es bestimmt wieder. Wer hat Sie gerufen? Müllers? Ortlepps? Ansorges?«

»Das spielt keine Rolle, Frau Käfer, mir geht es darum ...«

»Für mich schon!«, unterbrach sie ihn brüsk. »Für mich spielt es sehr wohl eine Rolle, wer wie über mich spricht! Diese Kleinstadt ist in Wahrheit ein Dorf. Wenn hier unten in der Aue einer pupt, riechen die oben am Kurpark einen Scheißhaufen.« Sie begleitete den letzten Satz mit wütendem Kopfnicken und endete in einer Art Brummen, das wie heiseres Surren klang. Aisner spürte eine kalte Stelle zwischen den Schulterblättern. Die Frau war ihm unheimlich. Er würde Tempo machen, um schnellstmöglich fertig zu werden.

»Warum waren Sie am Tatort?«, begann er die Befragung.

»Das war Zufall. Ich hatte mein Auto zum Lackieren gebracht und war auf dem Rückweg nach Hause.«

Aisner musste kurz überlegen. »Der direkte Weg von der Werkstatt hierher wäre der durch die Grubenstraße gewesen. Sie jedoch schlendern mitten am Tag ohne Eile weiter durch die Scharzfelder Straße. Ohne Ziel. In der Richtung gibt’s keinen Supermarkt, keinen Friseur – nur Fabriken und das Polizeikommissariat. Und da wollten Sie nicht hin, oder?« Er hob die Tasse, um einen Schluck Tee zu nehmen, zuckte jedoch heftig zusammen, als er das bedrohliche Knurren vernahm. Es war dicht neben ihm.

Es dauerte eine Schrecksekunde, bis Aisner verstand, dass es die Frau war, die das Geräusch von sich gab. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sie mehrmals den Kopf zur Seite warf. Das Zucken schien sich seit seiner Ankunft gesteigert zu haben. Da begriff er: Worunter Mai Käfer litt, war mehr als Nervosität. Es musste ein schwerer Tic sein, es gab so ein seltenes Syndrom, dessen Name ihm nicht einfiel. Von Larissas Psychologielektionen bekam er zuweilen Bruchstücke mit, deshalb erinnerte er sich entfernt an die grotesken Ausprägungen, die eine solche Störung annehmen konnte. Hüpfen und Grunzen fielen ihm ein.

Na klar, es gab gar keinen Hund hier, Mai selbst hatte gebellt! Jetzt lief es ihm kalt den ganzen Rücken herunter. Mit einem sturen, rhetorisch geschickten oder aggressiven Gegenüber konnte er umgehen, das hatte er gelernt. Doch eine Frau, die die Grenzen zur Tierwelt durchstieß, hatte etwas so unerhört Zügelloses, dass er nicht wusste, wie er ihr auf Augenhöhe begegnen konnte. Schockiert und betreten suchte Aisner Zeit zu gewinnen, indem er die übergeschwappte

Flüssigkeit mit dem Taschentuch von der Untertasse tupfte, mehrmals auf den Tee in der Tasse pustete und schließlich einige Schlucke trank – alles, ohne aufzusehen. Erst als Mai das Wort ergriff und damit eine gewohnte Situation wiederherstellte, bemerkte er, wie stark und ekelhaft bitter das Gebräu war, das sie ihm eingeschenkt hatte.

»Ich brauche kein Ziel, um in der Scharzfelder Straße spazieren zu gehen, Herr Kommissar«, sagte sie mit fester Stimme. »Ich versäume nichts, wenn ich schlendere. Sehen Sie mich doch an.« Sie machte eine Pause, bis er ihrer Aufforderung nachkam. »Glauben Sie vielleicht, dass mir hier jemand einen Job gibt?« Wieder eine Pause. Aisner befürchtete schon, dass sie eine Antwort von ihm erwartete. Doch sie sprach selbst weiter: »Ich bin ohne Arbeit. Wenn ich etwas habe, dann Zeit. Ich gehe jeden Umweg, der sich bietet, damit ich nicht den ganzen Tag in der Bude hocke. Sonst werde ich komplett verrückt und mache den ganzen Zoo.« Damit stieß sie ein schimpansenartiges Keckern aus.

Aisner verzog gequält die Mundwinkel. Sie musste doch wissen, wie abstoßend sie auf diese Weise wirkte! Ob sie es darauf anlegte? Vielleicht als eine Art Rache an allen, die von derlei Syndromen verschont waren? Ein gewisses Maß an Bosheit und Hinterhältigkeit traute er seiner Gastgeberin durchaus zu. Er würde Larissa fragen, ob man solche Ausbrüche steuern konnte. Oder wollte die Frau ihn schlicht rausekeln? Zu gern wäre er auf der Stelle gegangen, doch er musste sich zusammenreißen. Das Ende der Befragung bestimmte immer noch er!

»Frau Käfer, was haben Sie beobachtet?«

»Von der Explosion, meinen Sie?«

»Ja, gewiss. Sie sind ja von der Werkstatt aus geradewegs drauf zugelaufen.«

»Ach, und Sie glauben, ich habe die ganze Zeit stur auf den Punkt geguckt, wo dann später der Wagen in die Luft flog, was?«

Aisner seufzte. »So kommen wir nicht weiter. Weder möchte ich Ihre Zeit mehr als nötig strapazieren, noch will ich meine anderen Aufgaben hinausschieben. Lassen S’ uns bitte einfach den Sachverhalt klären, ja? Haben Sie jemanden in der Nähe gesehen? Einen Fremden vielleicht?«

»Quatsch, da war niemand. Also soweit ich drauf geachtet habe. Habe nur plötzlich diesen lauten Puff gehört. Und dann brannte was. Habe gemacht, dass ich nach Hause komme, damit nicht das passiert, was jetzt passiert ist.«

»Wie meinen S’?«

»Na, dass ich verdächtigt werde. Ich habe die Biege gemacht, bevor mir jemand blöde Fragen stellen kann. Also – dachte ich.«

Aisner zwang sich, cool zu bleiben. ›Blöde Fragen‹ sagte sie mit Absicht, das stand fest – sie wollte ihn provozieren. »Und Sie hielten es nicht für nötig, einen Notruf abzusetzen? Sie meinen, den Fragen der Polizei entgehen zu wollen, rechtfertigt unterlassene Hilfeleistung?«

»Was denn für Hilfeleistung? Das Auto war verloren. Puff – und jüngster Tag. Da war nichts mehr zu machen.« Sie begann wieder zu zischen, und diesmal hörte Aisner deutlich »nix, nix, nix« heraus.

»Ich rede doch nicht von dem Karren, Kruzifix noch mal! Die Frau an der Bushaltestelle, die’s erwischt hat. Ihr hätten Sie helfen sollen!«

Zischen und Zucken erstarben urplötzlich. »Welche Frau? Da war niemand.«

»Die Dame, die auf den Bus gewartet hat. Jetzt ist sie tot.« Er erhob sich. »Sie hören noch von uns. Und: Ich finde hinaus, danke.«

Das Keckern, das den Kommissar auf seinem Weg durch den Hausflur begleitete, war schriller als vorhin. Es ließ ihn an einen gehetzten Orang-Utan denken. In seiner Erinnerung tauchte eine Figur von Edgar Allan Poe auf: ein Menschenaffe, der einen Doppelmord begangen hatte.

Kapitel 4: Die Verbindung

Als Aisner die Wohnungstür aufschloss, schlug ihm ein intensiver Duft entgegen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie groß sein Hunger war. Den Dönerteller de luxe, von Marvins Vater am frühen Nachmittag am Rande der Ermittlungen angeboten, hatte er ausgeschlagen. Der stechende Brandgeruch, der die Scharzfelder Straße durchwaberte, verdarb ihm den Appetit. Das Wissen um die tote Frau hatte es nicht besser gemacht.

»Gerade noch rechtzeitig«, stellte Larissa trocken fest, als Alois die Küche betrat. »Ich habe noch Teig für zwei Pfannkuchen. Diese Helden fressen einem die Haare vom Kopf.«

Rund um den alten dunklen Eichentisch saßen Eagle-Eye, Leon und Marvin und starrten ihm mit großen Augen entgegen.

»Bingo ist schon zu Hause, Alopa«, erwähnte Eagle-Eye, der seinen Blick bemerkt hatte. »Er musste die Kaninchen füttern.«

An die Ansprache ›Alopa‹ hatte Aisner sich noch nicht gewöhnen können, obgleich Eagle-Eye sie schon ewig benutzte. Der Junge lehnte es ab, ihn Papa zu nennen, sondern bestand darauf, dass er einen anderen Vater habe. Auch wenn er seinen Erzeuger (so hatte er Larissa von ihm reden hören) nicht kannte, wusste er, dass er Dennis hieß. Larissas Vorschlag, Aisner ebenfalls mit Alois oder Alo anzusprechen, hatte Eagle-Eye mit dem Hinweis gekontert, er sei doch nicht sein Freund!

Aisner ließ sich ohne ein Wort auf den freien Stuhl sinken. Er atmete tief durch, es wirkte wie ein bewusster Akt, in dieser Welt anzukommen. »Fein, Spatzerl, Käse-Palatschinke«, seufzte er und sah an Larissa vorbei. Sie merkte ihm an, wie sehr er an seinen Ermittlungen festhing, und sah ihm deshalb das ›Spatzerl‹ nach.

»Kriegen wir jetzt nix mehr?«, maulte Marvin, der daraufhin einen Rippenstoß von Leon kassierte.

»Doch, als Nachtisch gibt’s bestimmt Donauwellen, oder, Mama?!«, forderte Eagle-Eye mehr als er fragte.

Larissa hievte das dreiviertelvolle Kuchenblech, das sie im Ofen geparkt hatte, auf die Arbeitsplatte und schnitt sechs appetitlich saftige Stücken heraus, die sie auf einer altmodischen weißen Porzellanschale drapierte. Nebenbei wendete sie den Pfannkuchen, dessen eine Seite schon eine goldbraune Färbung angenommen hatte.

»Wein, Alo?«

»Naa, für den Anfang tut’s ein Almdudler. Ich fahre die beiden nachher nach Haus.« Er wandte sich den Jungen zu. »Mögt’s mir sagen, was ihr heut’ Mittag gesehen habt?«

»Den Feuerball!«, antwortete Marvin ohne Zögern. Er sprang auf und streckte seine Arme weit zur Seite, sodass Leon geistesgegenwärtig reagieren musste, um sein Limonadenglas in Sicherheit zu bringen. »Er war riesig. Und total hell.«

Eagle-Eye nickte. »Und es knallte. Die ganzen Schüler rannten weg. Nur wir nicht«, fügte er stolz hinzu. »Wir wollten gucken ...«

Aisner unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Ihr wart tapfer«, sagte er. »Doch jetzt muss ich noch mehr zum Tatort wissen. Habt ihr wen dort gesehen? Jemanden, der weggerannt ist, vielleicht?«

»Nee«, ergriff Leon das Wort. »Das war ja alles so neblig und staubig und so. Wir konnten ja nicht mal den Aue-Döner sehen.«

»Drum sind wir auch hingerannt«, ergänzte Marvin. »Wir mussten doch wissen, ob Papa was passiert ist.«

Larissa stellte einen Teller mit einem dicken, fluffigen Käse-Pfannkuchen vor Alois auf den Tisch. Dabei sah sie die Jungen der Reihe nach an. »Ich bin sicher, Tayfun ist sehr gerührt. Das war echt mutig, dass ihr nicht weggelaufen seid.«

Eagle-Eye hatte ein Kuchenstück auf die Gabel gespießt, hielt dann aber inne. »Frau Mischke ist gestorben, oder?«

»Was?!«, rief Larissa alarmiert, während Alois zeitgleich »Wer?« fragte.

»Na, die mit Uroma Hilde beim Stammtisch ist«, ergänzte Eagle-Eye.

»Wieso ist die gestorben? Wann?«, drängte Larissa.

»Na, bei der Explosion!« Der Junge sah seine Mutter kopfschüttelnd an, entgeistert darüber, wie wenig Erwachsene kapierten.

Larissa rief »Um Gottes willen!«, Alois fragte kauend: »Wie – ihr kennt die Tote?« Marvin und Leon nutzten die Verwirrung, um sich die besten Donauwellen-Stücke zu angeln.

»Irene Mischke ist beim Kurhausstammtisch und in der Archivgemeinschaft aktiv«, erklärte Larissa. »Ich meine: war. Dadurch kennt Hilde sie.«

»Ich habe vorhin den Personalchef der Unimp nach ihr befragt«, erinnerte sich Aisner nachdenklich. »Dem gehörte das explodierte Auto. Ich wollte wissen, ob die Frau was mit ihm oder der Firma zu tun hat. Er wusste es nicht. Ist wohl auch noch nicht so lange in der Position.«

»Mit der Unimp direkt hatte Irene, soweit ich weiß, nichts zu tun«, erwiderte Larissa. »War dort nie angestellt, meine ich. Aber mit dem Vorgängerbetrieb ...«

»Heißt was? Komm, Schatzerl, mach’s nicht so spannend!«

Auch die drei Jungen hingen an Larissas Lippen. Ihr Zögern war ihnen nicht entgangen, offenbar war die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. Instinktiv verhielten sie sich ruhig. Nur nicht auf sich aufmerksam machen – sonst wäre die Story für sie beendet.

»Also – soweit ich weiß, hat Irene an einem Artikel über die Harzwaldwerke recherchiert. Das war ein Betrieb, der auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs errichtet wurde. Wurde in den 90er Jahren von den Amis erworben und heißt seitdem United Impetus, Unimp.«

»Kann die Vergangenheit brenzlig sein – für die heutigen Betreiber?«, erkundigte sich Alois hellwach.

»Keine Ahnung. Weiß nicht, ob damals was mit Zwangsarbeitern gelaufen ist. Ob Entschädigungszahlungen ausstehen oder so.«

»Was sind Entschädigungen, Mama?«, wollte Eagle-Eye wissen. Leons Fußtritt, der ihn zum Schweigen gemahnen sollte, kam zu spät.

»Ach, weißt du, Igor, das erklär’ ich dir morgen in Ruhe. Jetzt ist mal Schluss für euch Ganoven. Alo fährt eben Leon und Marvin nach Haus, und du gehst dich schon mal waschen.« Protest war zwecklos, so gut kannten sie Larissa und den Kommissar.

Alois wandte sich im Gehen noch einmal kurz um. »Das ist die Verbindung«, strahlte er Larissa an. »Vielleicht schon der Schlüssel zur Lösung.«

»Na hoffentlich geht’s schnell.« Larissa seufzte. Ausgerechnet jetzt, da sie so viel für ihre Prüfung lernen musste, wünschte sie sich einen Alois, der Überstunden abbaute und zu Hause einhütete. Insgeheim verfluchte sie einmal mehr ihren Ehrgeiz, neben Broterwerb, Haushalt und Kindererziehung auch noch ein Fernstudium der Psychologie zu bewältigen. Wenigstens hatte sie die Anzahl ihrer Putzjobs reduzieren können, seit Alois bei ihnen eingezogen war und den Großteil der Lebenshaltungskosten übernahm.

Der Küchentisch war abgewischt, der Raum gelüftet. Aus dem linken oberen Fach des Küchenschranks zog Larissa zwei Bücher, Notizblock, Kuli und Notebook. Das Lexikon der Psychologie schlug sie beim Stichwort Reaktionsumkehr auf.

›Es handelt sich um eine verhaltenstherapeutische Behandlung der Tic-Störungen‹, las sie. ›Den Kern der Behandlung stellt das Training so genannter inkompatibler Reaktionen dar. Bei vokalen Tics sind dies meist spezielle Atemmuster. Reaktionsumkehr ist wirksam sowohl bei chronischen motorischen und/oder vokalen Tics (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom).‹

Larissa erinnerte sich, mit Alois nach einem Film schon einmal über das Thema gesprochen zu haben. Der hatte ein geradezu verbissenes theoretisches Interesse daran gehabt. Doch würde sie selbst so etwas nach dem Studium je brauchen? Konnte nicht etwas auf dem Stundenplan stehen, womit sie auch in der Praxis zu tun haben würde?!