Jesusse - Leon Skip - E-Book

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Leon Skip

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Beschreibung

Die Kurie in Rom beauftragt Kardinal Bonboni mit einer heiklen Mission. Zu viele selbst ernannte Heilande gibt es mittlerweile auf der Erde, überall tauchen Jesusse im Internet auf, es wird von Wundern gemunkelt und von spontanen Heilungen da und dort. Was, wenn einer dieser Erlöser tatsächlich der Sohn Gottes ist und die katholische Kirche dies eines Tages aus der Zeitung erfahren muss? Darauf will es der Vatikan nicht ankommen lassen und beauftragt Bonboni, der Sache auf den Grund zu gehen. Drei Priester werden auf Erkundungsmission gesandt. Drei der auffälligsten Heilande werden ausgewählt, deren Charaktere unterschiedlicher nicht sein könnten. Der reiche und selbstgefällige Amihan Ablog auf den Philippinen, der über einen Privatjet, ein eigenes Fernsehstudio und zwei Millionen Anhänger verfügt, ist einer der Kandidaten, die sich als Jesus von Nazareth ausgeben. Ein weiterer Sohn Gottes ist Vassilian. Bescheidener als Ablog, jedoch nicht so bescheiden wie seine Jünger, lebt Vassilian in der selbst gegründeten Stadt des Himmels in Ostsibirien. Hier wird häufig von Wundern berichtet. Und dann gibt es da noch diesen Jesus in Australien. Der Roman basiert auf Tatsachen. Sowohl in Sibirien gibt es einen Jesus von Nazareth (Wissarion) als auch auf den Philippinen (Apollo Quiboloy) und auch in Australien (J.C.). Alle besitzen Macht und eine große Anhängerschaft. Und sie sind nicht die einzigen. Pater Morgenschweiß, der auch schon mal gerne Damenstrümpfe trägt, nimmt Vassilian in Russland unter die Lupe. Frisch verliebt in die Lebensgefährtin des selbsternannten Jesus, kommt er rasch zum Schluss, das Vassilian der Erlöser sein muss. Doch auch Padre Moratti, seines Zeichens Liebhaber von Ladyboys, ist schnell davon überzeugt, dass der philippinische Jesus der wiedergekehrte Messias ist - die Wunder im Empire of Christ sprechen schließlich für sich.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ähnliche


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Jesusse

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1 - Rom

2 - Rom

3 - Philippinen

4 - Australien

5 - Russland

6 - Philippinen

7 - Australien

8 - Russland

9 - Philippinen

10 - Australien

11 - Russland

12 - Philippinen

13 - Australien

14 - Russland

15 - Rom

16 - Philippinen

17 - Australien

18 - Russland

19 - Rom

Impressum neobooks

Prolog

Es ist doch wie mit Avocados.

Ich meine das Leben.

Du stehst vor dem Gemüseregal im Supermarkt und nimmst eine steinharte Avocado nach der anderen in die Hand und quetscht sie, um festzustellen, ob sie reif ist.

Du quetscht vier, zehn, fünfzehn Stück. Alle steinhart. Und dann kommt eine weiche und du weißt nicht, ob sie weich ist, weil sie bis zur vollen Reife am Baum hing oder weil hundert andere Supermarkt-Kunden vor dir sie weich gequetscht haben.

Du musst dann eine Entscheidung treffen.

Du musst glauben.

Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus, oder dort, so glaubt es nicht! Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten auftreten und werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen.

Matthäus 24

1 - Rom

KARDINAL BOBONI KRATZTE SICH. Was machten eigentlich andere Männer gegen eingewachsene Barthaare? Seit Monaten juckte sein Hals nun. Es war zum aus der Haut fahren. Er kratzte ein letztes Mal extra fest, obwohl er wusste, dass er dafür würde büßen müssen.

Dann lenkte er seine Gedanken auf die vor ihm liegende Aufgabe. Was hatte sich die Kurie eigentlich dabei gedacht? Er hatte eine böse Vorahnung, was dieses Projekt betraf. Heikle Fälle waren, wie jeder wusste, sein Spezialgebiet aber diese Geschichte hatte eindeutig einen bitteren Beigeschmack.

Irgendetwas stimmte einfach nicht. Er hätte nicht sagen können was und trotzdem hatte er das Gefühl, es lag ihm auf der Zunge und in wenigen Momenten würde er wissen was es war. Das Dumme war, dass sie ihm die Verantwortung übertragen hatten und was sollte er schon dagegen tun? Sollte er sich weigern? Dazu war die Sache andererseits auch wieder zu interessant. Also versuchte er einfach, diese immer wiederkehrende Schleife aus negativen Gedankenströmen aus seinem Bewusstsein zu verdrängen und sich auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Immerhin hatte das päpstliche Sekretariat ihm und nur ihm, seiner Eminenz, Kurienkardinal Bartolomeo Bonboni diese Aufgabe übertragen und er würde sie, so vertrackt sie auch war, zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen. Er fummelte an seinem Kardinalsring herum und hob den Blick. Der Himmel erinnerte ihn an einen ausgekippten Erstehilfekasten. Dutzende parallele Kondensstreifen wie abgerollte Mullbinden hinterlegten die Wattebäusche der Cumuluswolken. Es fehlten nur Pflaster und Schere.

Bonboni überlegte in diesem Zusammenhang, ob er sich noch schnell eine Salbe gegen den Juckreiz kaufen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder.

Die Büroräume der Kurienverwaltung waren in ganz Rom verstreut. Die meisten lagen im Vatikan, doch dort konnte er sein geheimes Treffen mit den Priestern nicht abhalten - immerhin war im Vatikan nichts wirklich geheim. Jeder versuchte, sich mit den entsprechenden Brocken von Informationen eine Wirklichkeit zurechtzuzimmern, die zwar der Wahrheit nie sehr nahe kam, aber wer war im Vatikan schon an Wahrheitsfindung interessiert? In Zeiten der neu entstehenden Simulationssekten und des BlueBongoKults verschwamm ohnehin mehr und mehr die Grenze zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Es ging um Macht. Es ging um Einfluss. Es ging darum, einfachen Menschen eine einfache Botschaft zu verkaufen und darum, sich gegen die zu verteidigen, die an den Futtertrog drängten.

Genau das war das Einsatzgebiet Bonbonis: Die Verteidigung der Einflussbereiche der katholischen Kirche gegen Mächte von außen. Niemand konnte ihm auf dem Gebiet das Wasser reichen. Er hatte eine Skrupellosigkeit erreicht, die einen Bush, Putin oder Mugabe erröten lassen würde. Der Vatikan war Bonbonis Festung und er würde notfalls auf brennendem Öl, Folter und Scheiterhaufen zurückgreifen, wenn es denn erforderlich wäre, dieses Bollwerk gegen den Feind zu verteidigen.

Manchmal wünschte er sich, in früheren Zeiten geboren zu sein, als die Dinge noch einfacher und die Päpste keine Weicheier waren. Zeiten, in denen das Zölibat nur für die unteren Chargen verpflichtend und die Macht der Herren im Ornat unangefochten gewesen war. Seine Aufgabe in der Verteidigungslinie des Vatikan, so alt wie die Säulen der sixtinischen Kapelle selbst, hatte im Laufe der Zeit ihre Handschlagqualität verloren. Durften ehemals Daumenschrauben angesetzt werden, um Sachverhalte auf einfache und schnelle Art zu klären, so mussten heute Hacker, die das Netzwerk der Vatikanbank abstürzen ließen, formell vor Gericht zitiert werden, um, vertreten durch Anwälte und unterstützt durch einen Haufen nihilistischer User ohne jeden Glauben in gottgewollte Hierarchie, mühsam zur Rechenschaft gezogen zu werden. Irgendwann war irgendetwas schief gelaufen, keine Frage. Warum nur hatten die Kirchenväter die Zügel aus der Hand gegeben? Konnten hohe Würdenträger zur guten alten Zeit hemmungslos die Puppen im kleinen Kreis tanzen lassen, so mussten die Priester heute hinter zugezogenen Vorhängen ihrem Vergnügen nachgehen und fürchten, dass ein Schmierblatt den Knaben der Wahl vor die Kamera zerrt und ihn mit Geschenken ködert, um ihm eine schlüpfrige Geschichte abzuringen, in der es ganz offen um Oralsex, Dildos und Einläufe mit Weihwasser ging.

Aus all diesen Gründen war auch die Arbeit Bonbonis im Schattenreich angesiedelt. Die verdeckten Aktionen des vatikanischen Geheimdienstes und seiner Handlanger waren dem durchschnittlichen Gläubigen, der Maulaffen feilhielt, wenn Franziskus am Balkon erschien, und der an das Gute im Menschen glaubte, gänzlich unbekannt. Man konnte auch sagen, der normale Gläubige von der Straße hätte es gar nicht wissen wollen. Wollten denn die Amerikaner wissen, was damals, am Elften Neunten, wirklich geschehen war? Einen Dreck wollten die!

Bonboni hatte zwar ein Büro im Vatikan, er hielt sich aber selten dort auf. Reine Vorsichtsmaßnahme! Seitdem Überwachungsgeräte auf das Format von Stecknadelköpfen geschrumpft waren, konnte man nie sicher sein, wer alles mithörte.

Nein, er hatte entschieden, sich mit den Priestern auf neutralem Boden zu treffen und so steuerte er nun die Sakristei der Kirche Santa Maria in Cosmedin an der Piazza Bocca della Verità an. Die Basilika gehört heute den verrückten Melkiten, wie Bonboni für sich die Leute von der katholischen Ostkirche nannte. Ursprünglich unter Papst Hadrian auf den Resten eines Herkulestempels erbaut, bei einer Invasion der Normannen verwüstet, später barockisiert, dann romanisiert und schließlich der Jungfrau Maria geweiht.

In der Vorhalle konnte man den so genannten Wahrheitsmund bewundern, der zugleich das populärste Ausstellungsstück der Kirche war. Es handelte sich um einen antiken Kanaldeckel der Cloaca Maxima, der den Flussgott Triton zeigt. Die Geschichte lief darauf hinaus, dass angeblich jeder, der die Hand in den Mund schiebt und dabei nicht die Wahrheit sagt, diese Hand verlieren würde und so konnte man täglich Hunderte von jugendlichen männlichen Touristen dabei beobachten, wie sie von ihren Freundinnen dazu genötigt wurden, ihre Hand in Tritons Mund zu stecken und gleichzeitig zu geloben, dass sie nur sie und keine andere lieben würden. Da kam es schon mal vor, dass sich der eine oder andere Tropfen Angstschweiß seinen Weg entlang der Schläfe eines verschreckten Jungen bahnte, der einem ernsthaft dreinblickenden Mädchen, das keine Ahnung vom Leben hatte, seine Treue schwor.

Bonboni fand, dass dieser Symbolismus passte. Es ging bei diesem Projekt - zumindest nach außen hin - um Wahrheitsfindung und irgendwie hoffte er auf ganz und gar unchristliche Weise, dass diejenigen, die als Frevler aus dieser Geschichte hervorgehen würden, mehr als nur ihre Hand verlieren würden.

Der Schlüssel zur Sakristei war so groß wie eine Forelle, nur etwas schwerer. Trotzdem schnappte das Schloss ohne weiteres auf und Bonboni betrat den kühlen Raum, der mit liturgischen Gewändern, Hostienschalen, Kerzen, Büchern und Paramenten vollgeräumt war. Einer der besonderen Zwecke von Sakristeien war ja auch die Vorbereitung der Priester auf ihre Aufgabe, ihre Verantwortung gegenüber den Gläubigen. Auch hier wieder ein Symbolismus, der Bonboni gefiel. Denn vorbereiten, zumindest mental, mussten sich die Priester auf das, was auf sie zukommen würde.

Bonboni schloss die alte, schwere Tür und setzte sich an den einfachen Tisch in der Mitte des Raumes. Erinnerungen krochen von unbewussten in bewusste Regionen seines Gehirns, Erinnerungen an seine Zeit als einfacher Priester, als er in Räumen wie diesem nervös darauf gewartet hatte, dass die Kirche sich füllte und nur das hatte für ihn gezählt. Volle Sitzreihen. Er hatte es stets als persönliches Versagen empfunden, wenn seine Schäfchen nicht dicht an dicht seiner Predigt lauschten - in diesem Sinne war er Perfektionist gewesen. Das war er wohl auch jetzt noch, nur hatte die Zeit bereits lange Schatten über seinen jugendlichen Idealismus geworfen und heute war seine Berufung für ihn mehr Pflicht als Ideal. Mit einem lauten Gähnen versuchte er, diese Erinnerungen in die unbewussten Hirnareale zurückzuschieben. Dem Gähnen folgte ein Furz und das Erschrecken darüber, dass er gerade die Sakristei vollstank. Was, wenn just in diesem Moment einer der Priester den Raum betrat.

Er sprang auf und riss die Tür auf. Leider regte sich kein Windhauch. Er dachte an die Cloaca Maxima. Und natürlich erinnerte er sich an die letzte Sitzung der internationalen Theologenkommision am vergangenen Dienstag. Warum konnte man die Dinge nicht einfach belassen, wie sie waren? Die katholische Kirche war über Jahrhunderte gut ohne solche Projekte gefahren, warum also jetzt plötzlich diese Panik?

Aber er wusste die Antwort: Das Internet war schuld daran. Früher hätte man sich mit solchen Fragen gar nicht erst beschäftigt. Kein Hahn hätte danach gekräht, ob … er roch noch einmal extra stark, so dass seine Nasenhaare die Schleimhaut seines Riechorgans kitzelten. Der Gestank hatte sich noch immer nicht verflüchtigt. Was hatte er eigentlich gegessen? Er streckte sich hoch zu einem winzigen Fenster, brach jedoch beim Versuch, dieses zu öffnen, den barocken Verschluss ab und stand nun etwas verunsichert mit dem Griff in der Hand da, als er Schritte hörte.

»Eure Eminenz, es ist mir eine Ehre ...«

Kaum einen Augenschlag später stürzte ihm ein junger Priester entgegen, der ihm sogleich kniend seinen Kardinalsring küsste. Bonboni berührte ihn an der Schulter, was einerseits als Segnung, andererseits aber auch als Aufforderung zum Aufstehen verstanden werden konnte.

Bonboni hatte es schon immer tuntig gefunden, wenn Männer sich gegenseitig die Hände küssten. Mit den jungen, den ganz jungen, da war das schon was anderes. Ein schwacher Impuls seiner Libido projizierte die entsprechenden Bilder auf die Leinwand seiner Phantasie und er musste an das vergangene Wochenende denken. Er verscheuchte diesen Gedanken jedoch sofort, als der zweite und der dritte Priester in die Sakristei eintraten und das Knie-Kuss-Ritual absolvierten. Verlegen standen alle im Kreis. Die Priester waren nicht oft in Gesellschaft von Kardinälen und Bonboni war schon gar nie alleine in Gesellschaft mit einer Runde von gewöhnlichen Priestern.

Wie auch immer, er musste die Initiative ergreifen.

»Signori, setzen sie sich doch bitte. Sie kennen sich noch nicht. Darf ich vorstellen: Pater Morgenschweiß aus Köln, Prêtre Langlois aus Avignon und Padre Moratti aus Mailand. Verzeihen Sie die ungewöhnlichen Umstände, ich werde ihnen sogleich erklären, warum wir uns an diesem Ort treffen und vor allem, warum sie mich hier alleine antreffen.«

Er hob bedeutungsvoll seinen Kopf und fummelte nochmals an seinem Ring.

»Doch vorher muss ich sie bitten zu schwören, dass alles, was in diesem Raum besprochen wird, unter uns bleibt.«

Alle drei hoben die rechte Hand. Morgenschweiß schwor auf Deutsch, Moratti stellte sein Latein auf die Probe, Langlois schwor auf Französisch. Bonboni nickte kurz mit dem Kopf.

Es widerte ihn an.

Er war von der Kommission verpflichtet worden, den Priestern diesen Schwur abzunehmen und gleichzeitig war ihm klar, dass man diese Geschichte nie und nimmer würde geheim halten können. Und genau das war der wunde Punkt an der Sache. Irgendjemand würde früher oder später plaudern und was dann? Nein, es konnte nicht gut gehen.

»Also gut, ich komme gleich zur Sache. Patres, sie werden verreisen. Jeder von ihnen hat einen äußerst wichtigen Auftrag zu erfüllen, von dem vielleicht der Fortbestand der heiligen Mutter Kirche abhängt.«

Zugegeben, er pflegte einen Hang zur Dramatik und es entsprach sicher nicht den Tatsachen, was er hier zum Besten gab. Trotzdem würde er deswegen nicht schlechter schlafen als sonst. Ganz im Gegenteil. Er legte noch ein Schäuflein nach.

»Und nicht nur der Fortbestand unserer heiligen Mutter Kirche. Vielleicht auch der Ausgang des jüngsten Gerichts.«

Wenn die Priester vorher die Augen aufgerissen hatten, so begannen ihnen jetzt die Pupillen auszutrocknen, da sie wie versteinert den Kardinal anstarrten. Bonboni liebte es, Menschen zu verunsichern. Und schon gar, wenn es so weit ging, dass jungen Priestern der Schweiß in Strömen hinter den Collarkragen sickerte.

Moratti fing sich als Erster. Er hatte einen knallroten Kopf, da er völlig auf das Atmen vergessen hatte.

»Eure Eminenz erlauben sich doch hoffentlich keinen Scherz mit uns?«

Wie zur Bestätigung nickten die beiden anderen synchron mit den Köpfen. Sie erinnerten an Spielzeughunde mit gelenkig gelagerten Köpfen auf der Ablage mancher Autos.

»Padres, es war mir nie ernster«, log Bonboni. Er wollte die Situation noch ein bisschen auskosten und überlegte, ob er nicht noch etwas mehr Pathos ins Spiel bringen sollte.

»Sie, Signori, nehmen eine Mittlerrolle zwischen Gott und den Menschen ein und der Auftrag, der ihnen bevorsteht, wird ihren rechten Glauben auf die Probe stellen, soviel ist sicher.«

Hier war eine kurze dramaturgische Pause angebracht, die der Kardinal nutzte, um die Ereignisse des letzten Wochenendes Revue passieren zu lassen. Das herrliche Machtgefühl, nachdem er seinem Laster gefrönt hatte, war durch nichts zu ersetzen.

»Signori, die Kurie und die Theologenkommission haben mich mit einem schwierigen Fall beauftragt und ich habe sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse ausgewählt, ihren Beitrag an diesem Fall zu leisten. Wie sie vielleicht wissen, gibt es zur Zeit unzählige Personen auf diesem Planeten, die vorgeben, der Sohn Gottes zu sein, aber nur einige wenige von ihnen haben eine beträchtliche Anhängerschaft um sich versammelt. Nicht alle von ihnen behaupten jedoch, Christus zu sein. Bei einigen sind es ihre Anhänger, die diese Botschaft in Umlauf bringen. Sie werden nun inkognito vor Ort feststellen, was es mit diesen Gerüchten auf sich hat. Sie werden jedoch nicht erfahren, wohin die jeweils anderen reisen und sie werden ausschließlich mir Bericht erstatten.«

Es war wiederum Moratti, der die Frage stellte:

»Eure Eminenz, bezüglich eurer Anspielungen auf den Fortbestand der heiligen Mutter Kirche und des Ausgangs des jüngsten Gerichts-«

Der Kardinal unterbrach Moratti. Wenn er etwas hasste, dann war das, unterbrochen zu werden.

»Padre, wenn sie nichts dagegen haben, würde ich gerne mit meinem Vortrag fortfahren … nun, die heilige Mutter Kirche steht vor gewaltigen Entscheidungen. Nie zuvor gab es so viele Heilande mit solch großer Anhängerschaft… «

Nun kam der schwierige Teil. Er wollte es eigentlich nicht aussprechen, aber was blieb ihm anderes übrig?

»…sodass wir uns fragen müssen, ob der Sohn Gottes möglicherweise wie seinerzeit angekündigt bereits zurückgekehrt ist.«

Bonboni hob seine Hände zur Brust und faltete sie wie im Gebet. Die Priester bekreuzigten sich, alle drei wurden blass um die Nasenspitze.

»…zumal im Zusammenhang mit diesen selbsternannten Heilanden des Öfteren von Wundern die Rede ist, muss der heilige Stuhl unbedingt wissen, ob der Heiland zurückgekehrt ist. Das Schlimmste für die katholische Kirche wäre, wenn wir das als Letzte erfahren würden. Sie können sich vorstellen, wie wir in dem Fall dastehen würden.«

Jetzt war es raus. Bonboni fühlte sich beschmutzt und wäre am liebsten davongelaufen. Eigentlich gab es nichts mehr zu sagen.

Pater Morgenschweiß quollen die Augen aus dem Kopf. Er erinnerte Bonboni an eine Lemure.

»Wie viele selbst ernannte Heilande gibt es denn?«

»Wenn sich das nur in Zahlen ausdrücken ließe. Allein in der psychiatrischen Notaufnahme des Kfar-Shaul-Spitals von Jerusalem werden zurzeit siebzehn Jesusse und sieben Marias stationär behandelt. Bei der letzten Präsidentenwahl in den USA wurden über sechshundert Wahlkampfspenden von Jesussen verzeichnet. Wir haben uns also lediglich auf diejenigen Fälle konzentriert, wo es dem vorgeblichen Heiland gelang, eine große Anhängerschaft um sich zu versammeln. Das gelang bisher … siebenundzwanzig…«

Synchron atmeten die Priester aus, als wollten sie gemeinsam eine Geburtstagstorte ausblasen.

»…jedoch nur wenige kommen in die engere Wahl. Die Kommission hat sich nach langen Beratungen auf drei Kandidaten geeinigt. Im Zusammenhang mit dem Wirken dieser Personen wird immer wieder von Wundern berichtet. Ich werde jetzt nicht verlautbaren, wer ausgewählt wurde, da sie nur von dem Kandidaten erfahren werden, dem sie zugeteilt wurden. Alles andere hat sie nicht zu interessieren.«

Er griff in seine Tasche und zog drei Kuverts heraus. Er reichte jedem einen Umschlag. Bonboni war mit der Auswahl ganz und gar nicht einverstanden gewesen. Jeder der ausgewählten Heilande hatte sich mit Popstar-Allüren zu dem gemausert, was er heute war. Er, Bonboni, hätte eher auf die ruhigen, unscheinbaren Selbsternannten gesetzt, das heißt, die Abstimmung der Kommission war nicht gerade in seinem Sinne verlaufen.

»Sie dürfen nun gehen, Signori. Möge Gott ihnen beistehen. Ich muss hoffentlich nicht extra betonen, dass sie sich nicht austauschen dürfen. Ihr jeweiliger Auftrag ist streng geheim und ein Verstoß gegen die Geheimhaltungspflicht hätte sofortige Exkommunikation zur Folge. Die Details zu ihrem jeweiligen Auftrag finden sie in den Unterlagen.«

Er blickte den Priestern einschüchternd in die Augen.

»Verstehen wir uns?«

Sie verstanden sich.

Morgenschweiß und Moratti standen auf, absolvierten das Knie-Kuss-Ritual und wandten sich der Tür zu. Sie wussten nicht, ob sie nun gehen sollten. Da Bonboni ihnen jedoch den Rücken zuwandte, verließen sie die Sakristei. Die Exkommunikation vor Augen, hatte niemand Lust auf Fragen oder Erklärungen und so verbeugten sie sich lediglich wortlos und gingen ihrer Wege.

Bonboni trat ans Fenster, nahm den abgebrochenen Griff und warf ihn in den Papierkorb. Giuseppe Sardi, Barockarchitekt und Autodidakt, hatte ihn 1718 entworfen und nun ging er den Weg alles Irdischen.

Bonboni musste an Buddha denken, als er sich wider besseres Wissen am Hals kratzte, wodurch das Jucken nur noch schlimmer wurde.

Er war sich sicher, der Buddha hätte sich erst gar nicht gekratzt

2 - Rom

PATER DIETER MORGENSCHWEISS SASS AUF DER BETTKANTE seines Zimmers im Hotel Fornesino. Durch die Vorhänge konnte er die Ponte Milvio und die Kuppel des Petersdoms sehen. Seltsamer Weise hatte dieser Ausblick für ihn allerdings nicht mehr die gleiche Qualität wie gestern. Überhaupt war heute alles anders. Er hätte gerne mit jemandem über diese Sache gesprochen, aber das kam nicht in Frage. Seiner Schwester in Köln hatte er lediglich mitgeteilt, dass er eine Reise nach Russland machen würde und dass er nicht darüber sprechen wolle. Sie war beunruhigt gewesen. Hätte er jedoch gesagt, dass er nicht darüber sprechen dürfe, hätte sie sicher versucht, ihn auszuquetschen. Und das brauchte er jetzt ganz sicher nicht.

Warum Sibirien, warum Vassilian? Er hatte schon von diesem selbsternannten Heiland gehört. Kopfschüttelnd erinnerte er sich an die Dokumentation auf Youtube. Ein junger Journalist hatte die Stadt des Himmels besucht, wo sich die Anhänger Vassilians angesiedelt hatten. Mit versteckter Kamera filmte er die Bergpredigt, dann bekam er die Erlaubnis zu einem Interview mit dem sibirischen Messias. Morgenschweiß hatte sich gewundert, dass Jesus das Wagnis einging, sich ablichten zu lassen. War es denn nicht viel zu riskant, dass ein kleiner Fauxpas beim Drehtermin das Bild des Messias nachhaltig beschädigte? Wollte man denn wirklich für alle Ewigkeit im Internet die Hautunreinheiten des Erlösers in HD-Qualität sehen, sich darüber wundern, warum Jesus sich beim Rasieren geschnitten oder warum er sich die Nasenhaare nicht gestutzt hatte? Dunkle Augenringe, Warzen, eingetrockneter Speichel in den Mundwinkeln, halb zugewachsene Piercing-Löcher in den Ohrläppchen - all das war doch gefundenes Fressen für zynische, unesoterische Zeitgenossen und Nährboden für Verunglimpfungen aller Art.

Und wie es der Teufel wollte, sah man auf den Aufnahmen nicht nur den Messias, sondern auch zwei seiner Getreuen, die wohl darüber wachen sollten, dass der Journalist die richtigen Fragen stellte und einer der langhaarigen, nachlässig Gekleideten, die im Hintergrund lümmelten, biss an seinen Nägeln rum. Vorne der Messias, Jesus von Nazareth leibhaftig, in aufrechter Haltung, als hätte er einen Besenstiel verschluckt, mit gütig-salbungsvollem Blick, der versucht, die peinlichen Fragen des Journalisten wie: Warum haben Sie als einziger ein Auto, wenn in der Stadt des Himmels generelles Verbot für Fahrzeuge aller Art besteht?, zu beantworten, ohne die Contenance zu verlieren und hinter ihm sitzen mit hängenden Schultern und ungewaschenen Haaren seine Nächsten, zwei seiner Jünger, und einer kaut an den Fingernägeln. Passte das denn zum Bild des Wiedergekehrten, der die Last der sündenbeladenen Menschheit auf seine Schultern nahm? Würde Leonardos Abendmahl noch heute das Refektorium das weltberühmten Dominikanerklosters schmücken, wenn die Apostel nicht in just dem Moment, in dem der Meister von Pinsel und Perspektive sie verewigt hatte, auf den Griff in den Schritt oder das Bohren in der Nase verzichtet hätten?

Mal ganz abgesehen davon, dass an der Wand des sibirischen Jesus-Hauses (Das Interview wurde auf der Terrasse gedreht) ein Verschalungsbrett runterhing. Wäre das nicht dem echten Jesus, seines Zeichens Zimmermann, ein Dorn im Auge gewesen? Hätte nicht der Heiland von heute schnurstracks zum Akkuschrauber gegriffen, um den bautechnischen Missstand mit Wasserwaage und Kreuzschlitzschrauben aus der Welt zu schaffen? Also: Fragen über Fragen, die sich Morgenschweiß nicht beantworten konnte.

Und warum schickte man Morgenschweiß zu Vassilian und nicht zu einem der anderen Jesusse? Er, Morgenschweiß, war doch sicher nicht der einzige Priester, der Russisch und Hindi fließend sprach und überhaupt, wozu? Er las das Dossier in aller Ruhe.

An Vassilian kamen nur auserwählte Gäste nahe heran. Und da Vassilian einen starken Bezug zu Indien und dem indischen Guru Saj Ba hatte und Morgenschweiß´ Mutter Inderin war, passte schon alles irgendwie zusammen. Sein Auftrag lautete, sich in der Rolle als Saj Ba nahestehender indischer Guru für Vassilian unentbehrlich zu machen, um überhaupt in dessen näheren Kreis aufgenommen zu werden und festzustellen, ob in Vassilians Umfeld Wunder geschahen. Falls dem so wäre, hätte er dies unverzüglich in seinem wöchentlichen Memo Kardinal Bonboni mitzuteilen.

Vassilian hatte sich vor zehn Jahren am Tagasuk-See nahe Krasnojarsk in Sibirien angesiedelt. Nahe bedeutete in diesem Zusammenhang zwei Tagesreisen mit dem Auto. Innerhalb weniger Wochen gelang es dem charismatischen Messias, knapp fünfzig Jünger um sich zu scharen, wobei nicht klar war, ob diese von Anfang an Vassilian als Heilsbringer sahen oder ob sie lediglich von seiner Idee für eine Ökosiedlung in der unendlichen Weite der Taiga fasziniert waren. Vassilian stammte aus Tscheljabinsk und hatte bis zu dem Moment als Taxifahrer gearbeitet, als der Herr ihm das Zeichen sandte, seine Schäflein um sich zu versammeln und zu verkünden, der Sohn Gottes sei zurückgekehrt, um die wenigen Gerechten an einem abgelegenen Ort in Ostsibirien zusammenzuführen. Er hatte es irgendwie geschafft, seine wenigen Anhänger in Tscheljabinsk mit seiner Euphorie anzustecken, so kratzten diese all ihre Ersparnisse zusammen und gründeten die Siedlung am abgelegenen Tagasuk-See mitten im moskitoverseuchten borealen Waldgebiet Ostsibiriens. Die ersten zehn ernannte er zu seinen Jüngern, die erste Siedlung nannten sie Stadt des Himmels und die erste Versammlung hieß die Verkündung der letzten Wahrheit.

Mit den Gerüchten über Wunder da und dort zogen mehr und mehr Gläubige in die Stadt des Himmels, nach zwei Jahren waren es bereits eintausend, die den Bauern der Gegend ihre Häuser und Gehöfte abkauften, so dass diese in entferntere Gegenden oder in größere Städte abwanderten. Vassilian war sehr belesen, insbesondere die Lehre des indischen Gurus Saj Ba floss in Vassilians Testament der letzten Wahrheit ein und bald darauf wurde am Tagasuksee auch eine neue Zeitrechnung eingeführt, natürlich beginnend mit dem Geburtstag Vassilians. Also schrieb die Kirche der letzten Wahrheit das Jahr 47, als Pater Dieter Morgenschweiß aus Köln kopfschüttelnd auf seinem Bett im römischen Hotel Fornesino saß und seine Chancen abwog.

Wenn er es, was ihm lachhaft erschien, mit dem Messias zu tun hatte, käme ihm dann wohl die Rolle des Judas zu, wenn er ihn an seine Vorgesetzten verriet. Gott allein wusste, was die im Vatikan dann wohl mit Vassilian anstellen würden. Wenn es sich um Scharlatanerie handelte, so würde Morgenschweiß später der Makel anhaften, nicht im ersten Moment erkannt zu haben, nicht den Sohn Gottes vor sich zu haben. Denn so viel musste klar sein: Als Geistlicher sollte man doch wohl den Heiland bei der ersten Begegnung erkennen können. Oder doch nicht? Und somit kam als dritte Variante die Möglichkeit ins Spiel, dass sie es mit dem Heiland zu tun hatten und Morgenschweiß dies nicht erkannte. Ach ja, und dann gab es noch die Möglichkeit seiner Exkommunikation, falls auch nur das kleinste Detail seines Auftrags ans Tageslicht kam. Diese Aussicht war dann wohl das geringste Übel. Er hätte es nicht geglaubt, wenn irgendjemand Morgenschweiß vor vierundzwanzig Stunden eröffnet hätte, dass seine Zukunft sich so gestalten würde und die beste Variante seines zukünftigen Lebens die eines unehrenhaft aus der heiligen Mutter Kirche Verstoßenen war.

Die weiteren Anweisungen, die in dem Kuvert enthalten waren, bezogen sich auf sein Auftreten vor Ort. So oder so wurde er zum Verstoß gegen das achte Gebots aufgefordert, was ihn zu einem Lügner machen würde. Es bestand keine Möglichkeit, den Auftrag abzulehnen. In vage umrissenen Drohungen wurde ihm klargemacht, was passieren würde, wenn er nicht nach Ostsibirien fuhr. Und man wollte nichts von ihm wissen, falls die Sache - mit oder ohne sein Verschulden - aufflog.

Er stand auf. Ein Schwächegefühl, ähnlich dem, das einen grippalen Infekt begleitet, ließ ihn zum Fenster torkeln. Er zog die Vorhänge zur Seite. Der Himmel über dem Petersdom war strahlend blau, so dass ihn Ekel überkam. Er zog den Vorhang wieder zu und schlurfte ins Bad. Er war groß, einsachtundachtzig, viel gereist und wie so oft zuvor fragte er sich, was die Ausstatter von Hotels sich eigentlich dabei dachten, die Spiegel so niedrig zu montieren, dass sich Gäste seiner Statur lediglich vom Kinn an abwärts darin sehen konnte.

Er beugte leicht die Knie und da war es wieder: Etwas, das einfach nicht authentisch war - sein Gesicht. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals das Gefühl gehabt zu haben, sein Spiegelbild als authentisch zu erleben. Das war nie er selbst. Es beschlichen ihn seltsame Gefühle, wenn er sich betrachtete und er vermied stets, zu lange dem eigenen Blick im Spiegel standhalten zu müssen. So mochte es Tieren ergehen, die ihr Spiegelbild erkennen und nicht erkennen. Eine Täuschung, eine Fata Morgana, etwas Vorgegaukeltes und doch das Abbild von etwas - wenn auch weit entfernt – Existierendem. Manchmal fragte er sich, warum er sich selbst nicht erkennen konnte oder wollte und es entspann sich beim Rasieren jedes Mal aufs Neue ein innerer Dialog zwischen ihm und der seitenverkehrten Wiedergabe seines Gesichts.

Die Wirklichkeit war unwirklicher als die Unwirklichkeit, das stand für ihn außer Frage und er hätte gerne gewusst, ob andere wohl auch so empfanden. Ein Blick in seine eigenen Augen lieferte ihm keine Antworten über sein Leben. Hatte es damit zu tun, dass man sich immer nur spiegelverkehrt sah? Er wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, dieses ständige Hinterfragen zu vermeiden. Er näherte sich dem Spiegel, so dass sein Atem unterhalb seiner Nasenspitze eine Spur von Kondensat hinterließ. Eigentlich hatte er an seinem Äußeren nichts auszusetzen: Mit siebenundvierzig Jahren hatte er noch volles, schwarzes Haar, das dicht, kurz und gescheitelt einen schönen Kontrast zu seinen dichten Augenbrauen bildete. Sein schmales Gesicht besaß eine Nase, die wie gemeißelt wirkte und das Kinn mit leichtem Grübchen war sicherlich attraktiv, lediglich seine Ohren standen etwas ab und der Adamsapfel stand unnötig weit vor. Dennoch kam ihm dieser Mensch im Spiegel nicht authentisch vor.

Morgenschweiß ging zum Bett zurück, riss sich die Soutane vom Leib, zog Schuhe und Socken aus und zwirbelte sich die Brustwarzen. Sofort regte sich etwas unter der Gürtellinie. Er öffnete den Koffer, griff in ein kleines schmales Seitenfach und holte die halterlosen Strümpfe hervor. Er hatte sich extra für diese Reise ein Paar in schwarz und ein Paar elfenbeinfarbene gekauft. Da er noch eine Stunde Zeit hatte, bevor er zum Flughafen musste, nahm er die elfenbeinfarbenen und zog sie vorsichtig an. Einen Augenschlag später war jegliche Verzweiflung verflogen. Er ging zurück ins Bad und betrachtete seine zugegebenermaßen wohlproportionierten bestrumpften Beine. Er liebte es, mit den Fingerspitzen über die Strümpfe zu streichen, seinen Hintern sanft zu berühren und immer wieder seine Brustwarzen zu erregen. An seinem Spiegelbild störte ihn nichts mehr.

3 - Philippinen

Padre Policarpio Moratti sah aus dem Fenster und unter ihm lag Fiumicino wie eine unordentliche Spielzeugstadt. Der Flieger zog eine weite Kurve aufs Meer hinaus, bevor der Autopilot die Boeing auf Ostkurs brachte. Moratti hatte 15 Stunden Flug vor sich, zuerst zum Ninoy Aquino International Airport und anschließend weiter nach Tuguegarao. Er war noch nie auf den Philippinen gewesen, er wusste nur, dass die heilige Mutter Kirche dort die höchste Dichte an gläubigen Schäfchen im gesamten asiatischen Raum hatte und dass die Menschen dort klein waren. Zumindest etwas kleiner als in Europa. Und verdammt viele Inseln gab es dort. Padre Moratti wäre lieber nach Thailand oder nach Brasilien geflogen, die einzigen Länder der Welt, wo es hübsche Ladyboys im Überfluss gab und dort gab es ganz bestimmt auch den einen oder anderen Jesus. Aber es sollte eben nicht sein. Er zog das Kuvert aus seiner Laptop-Tasche und überflog nochmals seinen Auftrag, während er das kleine Fläschchen Whiskey leerte, das er sich im Dutyfree-Bereich des Flughafens gekauft hatte. Warum musste er ausgerechnet diesen Jesus unter die Lupe nehmen?

Pastor Amihan Ablog und das Empire of Christ auf Tuguegarao waren doch ganz offensichtlich das Produkt windiger Marketingexperten. Mit hunderttausend Anhängern, was schon verdächtig genug war. Ein eigener Fernsehsender, ein Palast für Ablog mit einem hundert Hektar großen Park, der von einem Heer freiwilliger, unbezahlter Arbeiter betreut wurde. Gott steh´ uns allen bei: Ablog hatte sogar seinen eigenen Privatjet. Aber auch wenn er diesen selbsternannten Propheten verabscheute, er musste ihm doch zugute halten, dass er scheinbar zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war und die Eier gehabt hatte, zu klotzen statt zu kleckern. Der Mann hortete seinen Reichtum in einem Land, in dem die Hälfte der Einwohner in übervölkerten Slums wohnte und das monatliche Durchschnittseinkommen umgerechnet unter hundert Euro lag. Und von diesen hundert Euro nahm er jedem Anhänger seiner Kirche zehn Prozent ab. Und sie alle gaben dieses Geld gerne. Keiner wurde dazu mit vorgehaltener Waffe gezwungen. Die Missionare hatten seinerzeit auf den Philippinen ganze Arbeit geleistet.

Moratti lehnte sich zurück. Im Flugzeug war ein Höllenlärm. Die kinderliebenden Philippinos ließen ihren Bälgern einfach alles durchgehen. Sahen die denn etwa nicht, dass ein Mann Gottes an Bord war?

Moratti nahm das zweite Fläschchen Whiskey, setzte es an und leerte es mit wenigen Schlucken. Sollte er es wagen, kurz in den privaten, sehr privaten Dateien in seinem Laptop zu stöbern. Nein, das kam nicht in Frage, die dicke Frau zu seiner Linken würde es sehen können. Nein, ganz ausgeschlossen.

Moratti war nicht schwul. Dachte er! Schwänze mochte und brauchte er jedoch. Muschis nicht. Körperbehaarung brauchte er nicht. Busen schon. Muschis. Er konnte sich daran erinnern, als wäre es gestern passiert: Er war vierzehn, sie war sechzehn und sie ließ den Rock runter und zog ihn an den Haaren zwischen ihre Beine. Nie hätte er mit Sex assoziiert, dass man da an den Haaren gezogen wird. Aber das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wäre da nicht dieser penetrante Geruch gewesen. Moratti wusste zu dem Zeitpunkt nicht, das Muschis nicht oder nur selten stinken – ausgerechnet bei seinem ersten Mal aber wurde er vom Schicksal geprüft und wäre das Leben schonender mit ihm umgesprungen, er wäre vielleicht nie Priester geworden und seine Sexualität nicht so verkorkst.

Jetzt war es zu spät. Jetzt war alles komplizierter.

Er dachte an Pilars Kussmund und ihre Implantate, die er ihr in Casablanca spendiert hatte. Das L-Wort hatten sie noch nie ausgesprochen und er wusste nicht wirklich, ob er es von ihr hören wollte. Wahrscheinlich würde er sich dann ständig fragen, ob sie es nur so gesagt oder doch ernst gemeint hätte. Es war eben, wie gesagt, etwas kompliziert.

Und teuer.

Und sie provozierte ihn ständig.

Er als Mann des Glaubens, zusammen mit einer hedonistischen Nihilistin? Man hätte meinen sollen, dass hier unüberbrückbare Gegensätzlichkeiten zutage treten würden, doch Moratti sah die Dinge heute nicht mehr so streng und konnte deshalb auch mal Fünfe gerade sein lassen. Hatte Bonboni ihn gerade deshalb ausgewählt, um dem philippinischen Jesus auf den Nerv zu fühlen? Er erinnerte sich an das letzte Gespräch mit Pilar. Sie hatte die Gabe, ihn zur Weißglut zu bringen, ohne ihn zu beleidigen. Sie gab sich nicht mit Halbheiten zufrieden und wollte den Dingen auf den Grund gehen:

»Aber wie soll ich mir das vorstellen?« fragte sie ihn letztens. »Da ist einer, der behauptet, der Sohn Gottes zu sein. Ich meine, stell´ Dir das einfach mal realistisch vor. Wie verhält man sich dem gegenüber? Wie spricht man den an? Nehmen wir mal an, einer der schwulen Apostel ist in den verliebt. Legt der dann die Fingerspitzen der rechten Hand aufs Brustbein und fragt: Süßer, die Tür zu meiner Schlafkammer klemmt, kommst Du mal mit Deinem Hobel vorbei? Darf der so was fragen? Und kommt der Jesus dann mit seinem Hobel?«

»Wieso schwuler Apostel?« Moratti dachte, er hätte falsch gehört.

»Wie, wieso schwuler Apostel?«

»Ja, wieso schwuler Apostel?«

»Na, da sind sich die Religionshistoriker heute doch wohl einig, dass die Jungs schwul waren.«

»Die?«

»Ja, die Apostel. Versuch das mal aus diesem Blickwinkel zu sehen, dann wird Dir ein Licht aufgehen.«

»Wenn ich Dich nicht besser kennen würde, könnte ich das als Beleidigung auffassen.« Der Priester zog eine Schnute.

»Aber Du bist doch auch schwul. Was sollte Dich also dran stören, dass die Apostel schwul waren?«

»Ich bin nicht schwul!«

Um diese Art der Auseinandersetzung besser verstehen zu können, muss man wissen, dass Pilar es nie böse meinte, aber sie meinte es ernst.

Moratti schloss die Augen und dachte mit einem Lächeln auf den Lippen an Pilars schönen Schwanz, bevor er einschlief.

Fünfzehn Stunden später und einem Bandscheibenvorfall näher als je zuvor stieg er aus dem Flugzeug. Er hatte der dicken Frau neben ihm die Tasche aus dem Gepäckfach gereicht und nicht damit gerechnet, dass diese einen Zentner oder mehr wog. Bevor er sie abstellen konnte, durchfuhr ihn ein Blitz, der Tesla in Erstaunen versetzt hätte. Er schrie unwillkürlich laut auf und musste sich mitten im Gang auf allen Vieren platzieren, sehr zum Ärgernis der anderen Reisenden, die endlich aus dem Flugzeug kommen wollten. Die Flugbegleiter hievten ihn schließlich zurück auf seinen Platz und so stieg er als letzter aus. Er hätte sich gewünscht, wenigstens humpeln zu können. So setzte er mühsam einen Fuß vor den anderen und war schweißgebadet, als er den Flughafenbus erreichte. Nach einer weiteren Stunde saß er im Flugzeug nach Tuguegarao. Den zweistündigen Flug verbrachte er im Tiefschlaf, der Schweiß rann ihm in Strömen über den Rücken. Er hätte sich nicht erinnern können, jemals so tief geschlafen zu haben.

Die Stadt selbst hatte nichts zu bieten, schon gar nicht, wenn man grade aus Rom kam. Barocke Kolonial-architektur mit Schimmelflecken im Sockelbereich und unter den Dachtraufen, wellblechgedeckte Schuppen und einfache zweigeschossige Betonkonstruktionen, dazwischen die in diesen Ländern übliche Ansammlung von Müll, Büschel von Elektroleitungen, die von den Masten in alle Richtungen verliefen und einen Elektriker aus Europa zur Verzweiflung gebracht hätten. Hunde in der Sonne, Hunde im Schatten, Hunde auf Stiegen, Hunde im Staub. Billige Waren aus China in den Läden.

Das Empire of Christ war überall angeschrieben, selbst ein Schulkind, das noch nicht lesen konnte, hätte hingefunden. Die Wegweiser mit holografischem Motiv des Heilsbringers erforderten keine Lesekenntnisse. Moratti überlegte, ob er mit offenem Fenster fahren oder die Klimaanlage seines Leihwagens einschalten sollte. Er entschied sich dafür, das Fenster zu öffnen. Luft wie aus einem Backofen schlug ihm entgegen. In kurzärmeligem Hemd, dünner Leinenhose und Ledersandalen konnte ihm die Hitze nichts anhaben. Seinen Talar und die engen Collarkrägen hatte er gar nicht erst mitgenommen, schließlich war er inkognito hier auf den Philippinen.

Das Empire of Christ und den Palast von Father Ablog konnte man nicht übersehen. Auf einer Anhöhe gelegen, zeichnete sich das Anwesen durch perfekte Sauberkeit aus. Weder an den Außenmauern, noch auf den Zufahrtsstraßen oder in den Büschen, die diese säumten, konnte man auch nur das geringste Fitzelchen Unrat oder nur einen kleinen Fetzen der in diesem Land allgegenwärtigen vom Wind verwehten Plastik-tüten sehen. Der Himmel sah aus wie ein frisch tapeziertes Kinderzimmer. Die diagonal angeordneten Altocumuluswolken spiegelten die Ordnung am Boden wieder und aktivierten sämtliche Symmetrieareale in Morattis Kleinhirn.