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ACHTUNG: Sämtliche Ähnlichkeiten mit einem allseits bekannten, mehrfach straffällig gewordenen Premier aus einem der südeuropäischen Länder sind rein zufällig und nicht beabsichtigt! Der egalienische Ex-Premier, Oligarch und Mediendiktator Mario Carponi wird von der selbstbewussten, jungen Architektin Nicoletta (NiNi) entführt. NiNi, die eine Baustelle neben dem Altersheim betreut, in dem Carponi seinen Sozialdienst anstelle einer vierjährigen Gefängnisstrafe ableisten darf, betäubt diesen und entführt ihn vom WC des Altersheims durch einen Mauerdurchbruch zwischen den zwei Gebäuden, schafft ihn in eine alte, abgewohnte Wohnung in einer angrenzenden Kleinstadt und setzt ihn dort fest. Carponi muss sich nun diverse Demütigungen durch seine Entführerin gefallen lassen. Zufällig ohrfeigt NiNi den Commendatore eines Tages mit einem Fisch und stellt diese Begegnung, so wie alle anderen auch, ins Netz. Schon am nächsten Tag ist die Kultfigur, das Mädchen mit dem Fisch, geboren, und NiNi greift nun regelmäßig zum Fisch. Egal, ob blauer Butterfisch, Makrele oder Hornhecht, im Namen des Volkes hinterlassen sie alle Spuren bzw. Schuppen in Carponis Gesicht und dieser muss nun – gezwungenermaßen – vor laufender Kamera Tag für Tag selbstkritisch seine Vergangenheit ausleuchten. Sid ist - auf einer Parallelebene – derjenige, der die Geschichte schreibt und natürlich projiziert der waschechte Narzisst die eine oder andere Macke auf NiNi und überträgt ihr auch die Verantwortung für die Rache des kleinen Mannes.
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Leon Skip
Das Mädchen mit dem Fisch
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog:
Der Narzisst
Sashimi
Frisör Ali
Stillleben mit Früchten, Brot, Käse und USB-Stick
Umgekehrt
Im Namen des Volkes
Facebook und Ballerinas
Trizophrenie
Sandschwund
Zwei Burkas und eine Entführung
Überheblichkeit junger Mütter
Lüsterner Oligarch
Nicoletta die Starke
Broker sucht Frau
Feige
Qualitätsmakrele
Wie merkt man, dass man verrückt wird?
Regenbogenforelle
Schönheitskönigin
Mary Poppers
Die egalienische Sandale
Geräucherter Hornhecht
Kettenkarussell
Geständnis in Unterhosen
Vorbeihuschende Industriekomplexe
Dschungel voller Raubtiere
Feuertod
Bordeauxrotes Wappen
Impressum neobooks
Es gibt Geschichten und es gibt Geschichten. Man braucht nicht viele Zutaten für eine Story und es ist nur eine Frage der Zubereitung, um sie schmackhaft zu machen.
So bekommt im Buchhandel jeder das Seine!
Vampirromanliebhaberinnen werden zum Beispiel darauf beharren, dass ihr Held schön und bissig ist und natürlich auch den Gentleman rauskehrt, wobei die berechtigte Frage eigentlich nicht weit hergeholt ist, warum ein Vampir-Gentleman die vor morbider Lust ganz zappeligen Tanten ungestraft aus dem Leben reißen darf und andere, gewöhnliche Gentlemen, sich ans Knigge-Protokoll halten müssen.
Sekretärinnen wiederum, die heimlich unter ihrem Schreibtisch, oder, wie immer öfter zu beobachten, ganz offen in der U-Bahn Liebesromane lesen, verlangen nach einem Cover mit geprägter Goldschrift über leicht bekleideten, sich stürmisch liebenden Protagonisten, als Hinweis auf in Bälde erfüllte Liebe und als Hoffnung erzeugende Stimulanz.
Dann gibt´s noch die etwas stärkeren Leser/innen, die über genügend Muskelkraft verfügen, um schwere, siebenhundertseitige Trilogien von netten Zwergen in heikler Mission stundenlang in Händen halten zu können, ohne von der langen, einseitigen Belastung eine Sehnenscheidenentzündung zu bekommen.
Und dann wären da noch die Liebhaber historischer Romane, in denen es historisch, aber nicht historisch korrekt zugehen soll. Ganz eigenes Genre!
Weiters auf den Büchertischen:
Vorkriegs/Nachkriegs-Eltern-Kind-Problemgeschichten/DDR
Ost-West-Gefälleanalyse-Familienepen/DDR
Abnehmratgeber, Rauchentwöhnratgeber, Ratgeber-Ratgeber
Männer-Erkenn-Fibeln für Frauen
Frauen-Versteh-Handbücher für Männer
Schwulen/Lesben-Polit-Problemromane/DDR
Ich glaube, ich habe nichts ausgelassen.
Na dann! Probieren wir´s mal mit Vampir:
Der dunkle Fremde mit dem gepflegten Dreitagebart, hypnotisierendem Moschusduft und trainierter Bauchmuskulatur unter anthrazitfarbenem Hemd, dessen oberste zwei Knöpfe offenstanden und solcherart einen Blick auf die sinnliche Brustbehaarung freigaben, beugte sich über Vanessa.
»Tu´s nicht! Oh bitte, tu´s!«, gab sie von sich und er schenkte ihr ewiges Leben, als das Blut des Fürsten der Finsternis sich mit dem der Sekretärin mischte …
Ich versteh das nicht! Wieso fällt mir sowas nie ein? Längst hätte ich mich auf das umsatzsichere Untoten-Terrain begeben, aber ich komm auf sowas einfach nicht!
Oder:
Der dunkle Fremde mit dem gepflegten Dreitagebart, hypnotisierendem Moschusduft und trainierter Bauchmuskulatur unter anthrazitfarbenem Hemd, dessen oberste zwei Knöpfe offenstanden und solcherart einen Blick auf die sinnliche Brustbehaarung freigaben, beugte sich über Lisa.
»Tu´s nicht! Oh bitte, tu´s!«, hauchte sie, als sie ihn wegstieß, um ihn im nächsten Moment besser an sich reißen zu können und ihm zu geben, was nur eine Frau einem Mann geben kann …
Liebesromane! Ist das denn wirklich so schwierig? Bin ich denn ein solcher Miesepeter, dass ich den Lesern die einfachsten Wünsche zu erfüllen nicht bereit bin?
Oder ganz was anderes:
Der dunkle Fremde mit dem gepflegten Dreitagebart, hypnotisierendem Moschusduft und trainierter Bauchmuskulatur unter anthrazitfarbenem Hemd, dessen oberste zwei Knöpfe offenstanden und solcherart einen Blick auf die sinnliche Brustbehaarung freigaben, beugte sich über die tapfere Zwergin aus Trulla.
»Tu´s nicht! Oh bitte, tu´s!«, gab die Zwergin von sich und er brach den vergifteten Pfeil, zog ihn seiner kleinen Verehrerin aus der Schulter und verarztete die Wunde …
Warum nicht Zwergen-Fantasy? Wenn´s die Menschen halt so gern lesen! Gib ihnen Zwergengeschichten aus Trulla. Doch scheinbar besitze ich leider nicht die nötige charakterliche Größe zu solchem Werk.
Also probieren wir´s mal so:
Der Mann mit den Ei-Resten im Vollbart und den durchlöcherten Frotteesocken schlug den Fisch immer wieder auf das Küchenregal. Die Schuppen flogen wild durch den Raum. Die pensionierte Krankenschwester war besorgt – um ihre Einrichtung, um die Tassen, um den Fisch …
»Tu´s nicht! Oh bitte, tu´s!«, flehte sie.
Der Mann hielt inne. Völlig perplex starrte er sie an:
»Ja was jetzt. Ja oder nein.« Er steckte den Fisch wieder in das Futteral an seinem Gürtel.
»Menschenskind, entscheid dich mal endlich …!«
Ich drehe an den Reglern, verstelle die Parameter und mache aus einer einfachen, verständlichen Geschichte komplizierte, nervenzehrende Lektüre.
Aber hier die gute Nachricht: Wenn sie´s bis hierher geschafft haben, wird ihnen der Rest mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gefallen. Trotzdem erwarte ich bereits freudig die unvermeidbaren Einwände der Leser:
Muss das denn sein, eine Geschichte in der Geschichte? Ist es nicht völlig verkehrt, dass die Protagonistin, gerade mal als strahlende Heldin des Volkes aufgebaut, so mir nichts, dir nichts … ?
Frau mit Schwanz, oh mein Gott, kann man den Kindern doch nicht zu lesen geben!
Nihilistisch/narzisstischer Protagonist, buaah!
Schreiben als Therapie - versuchen sie´s auch! Es kann zwar dauern, aber irgendwann, eines Tages, ist es ihnen sowas von wurscht, was andere über ihr Werk denken – dann sind sie zwar nicht geheilt, aber irgendwie, ich weiß auch nicht …, keine Ahnung …, man fühlt sich einfach besser – oder?
Nein, auch nicht wirklich.
Wozu sind Therapien eigentlich nochmal gut?
ACHTUNG:
Jegliche Ähnlichkeit zwischen der fiktiven Figur Mario Carponi und einem u.a. wegen diverser Straftaten verurteilten italienischen Ex-Premier sind zufällig und nicht beabsichtigt. Es ist jedoch nicht verboten, privat – sozusagen zum eigenen Vergnügen – hier Parallelen zu sehen.
Der Mann mit den Ei-Resten im Vollbart und den durchlöcherten Frotteesocken schlug den Fisch immer wieder auf das Küchenregal. Die Schuppen flogen wild durch den Raum. Die pensionierte Krankenschwester war besorgt – um ihre Einrichtung, um die Tassen, um den Fisch…
Sid ging immer nach dem gleichen Schema vor. Er projizierte auf gut Glück Worte auf den Bildschirm und kostete ihren Geschmack. Was blieb ihm auch anderes übrig? Wie der Jäger - mehr oder weniger geübt - den Schrei des Hirsches oder Entengequake imitiert, um die Tiere zum größten Fehler ihres Lebens zu animieren, so köderte er Wörter. Hier eine Wortschlinge ausgelegt, dort eine Silbengrube gebuddelt und dann: Lauschen und abwarten. Ähnlich dem Sonar eines Schatzsuchers tastete er den manchmal schlammigen, manchmal sandigen oder auch schon mal steinigen Grund seiner Persönlichkeit und seiner Welt ab, in der Hoffnung auf ein Muster, eine Resonanz, die vom Boden zurückgeworfen wird und irgendwie ein erkennbares Bild ergibt.
Er griff zur Maus und wollte die Sätze schon löschen, unterließ es aber. Wer weiß, dachte er, wozu man die Szene noch brauchen konnte. Er streckte sich und freute sich über seine Weisheit. Ja, alles hat oder bekommt einen Sinn, wenn die Zeit reif dafür ist, keine Frage. Aber warum musste das jetzt ein Mann sein?
Der mit dem Fisch rumfuchtelte.
Nun gut, man würde sehen.
Der Narzissmus – so wie auch die Persönlichkeitsstörung von Sid - entwickelt sich aufgrund mangelnder Zuwendung durch die Eltern während der Kindheit, gepaart mit einem zu hohen Leistungsanspruch von Vater und Mutter. So wird einerseits das Selbstwertgefühl nie richtig entwickelt, andererseits entsteht – paradoxerweise - als Kompensation dieses Mangels ein mächtiges, mit allen Mitteln der Kunst konstruiertes Selbstbewusstsein.
Der Narzisst verbringt sein weiteres Leben wie ein Ballonfahrer. Ein klitzekleines Selbstwertgefühl, kaum sichtbar, hängt an einer aufgeblasenen, erfundenen Persönlichkeit, ohne Boden unter den Füßen, getrieben vom Wind, woher der auch immer weht. Die Übersicht über die Dinge da unten ist gut, da gibt’s nichts zu bekritteln, wenn da nicht gleichzeitig diese störende Distanz zur Welt wäre.
Der Narzisst wird meist auch wenig oder gar nicht von der Mutter gestillt, ihm fehlt also das nötige Sprungbrett, um rechtzeitig zu lernen, Nähe und soziale Kontakte herzustellen. Er nuckelt in der Folge an sich selbst rum.
So auch Sid. Seine ersten Erinnerungen sind die eines einsamen Jungen, der sinnierend auf seinem Kletterbaum sitzt und an seinem Arm nuckelt. Klar hatte er damals keine Ahnung, was in ihm vorging.
Dazu war er zu jung.
Doch die Weichen waren gestellt.
Wer im Zuge seiner weiteren persönlichen Entwicklung soziale Kontakte meidet und infolgedessen lange Zeit den Einflüsterungen durch die Gemeinschaft entgeht, muss sich ein eigenes Bild der Welt entwerfen. Sid, der jetzt fünfzig ist, hatte dazu, an seinem Ballon hängend, viel Zeit. Die Welt steht für ihn auf dem Kopf. Menschen sind für ihn nicht die Spitze der Evolution. Seine Sicht der Dinge stößt andere vor den Kopf und macht ihn zum schrägen Vogel. Doch wie dem kosmischen Narr, der nichts mehr ernst nehmen kann oder will, erwachsen auch Sid als intelligentem Neurotiker gerade durch seine autodidaktisch erworbene Einsamkeit besondere Fähigkeiten.
Der Verbrecher bedrohte die geschockte Frau - ihres Zeichens Krankenschwester im nahegelegenen orthopädischen Krankenhaus - nun ganz direkt und unverhohlen mit dem Fisch.
»Ich habe Sie gewarnt. Aber sie wollten ja partout nicht auf mich hören. Jetzt müssen sie die Suppe auch auslöffeln.« Er holte aus und schlug der Frau den Fisch kräftig auf die Schultern. Ins Gesicht wollte er sie nicht schlagen - seine gute Erziehung hätte dies nie zugelassen. Die Krankenschwester wusste nicht, was sie am meisten abstieß: Der Vollbart mit den Eiresten, der nackte, weiße, schwabbelige Körper des Angreifers oder seine weißen, durchgewetzten Frotteesocken.
Sid war mit dem Absatz noch nicht ganz zufrieden. Er würde ihn später überarbeiten müssen. Sein Blick fiel auf das Buch, das er gestern gekauft hatte. Was wollte ihm der Autor sagen? Wie war das eigentlich mit diesen glücklichen Schriftstellern? Jedes Mal, wenn Sid ein Buch kaufte, las er mit dumpfem Gefühl, als hätte ihm jemand das Hirn amputiert, die Danksagung des Autors:
»…ich danke ganz besonders meiner wunderbaren, geliebten Frau, ohne die dieses Werk nie zustande gekommen wäre. Mit Geduld, Aufopferungsbereitschaft und einem Herz voller Liebe stand sie stets an meiner Seite, wenn es mal mit dem Schreiben nicht so recht weiterging. Ohne den Rückhalt meiner Familie wäre ich nicht der, der ich heute bin. Ich danke auch ganz besonders Lilly, Mandy und George, meinen Kindern, die mich stets vorbehaltlos unterstützten. Ich liebe Euch!
WTF? War es nicht bekannt, nein, bewiesen, dass man als Schriftsteller ausgiebig leiden musste, bevor man in die Ruhmeshalle der Vielzitierten gelangte? War nicht seit eh und je der Grad des Leidens in direktem und der des Mitgefühls durch eine unterstützende, rücksichtsvoll-ruhig durchs Haus schleichende, schultermassierende Frau in reziprokem Verhältnis zum literarischen Erfolg zu sehen?
Nein, die Zeiten waren vorbei.
Heute durften die ausgeglichensten Menschen mit völlig intaktem sozialem Umfeld und schöner, liebender, ebenfalls in keiner Weise von Selbstzweifeln zerfressener Frau und strafrechtlich gesehen unauffälligen Kindern auf schamlose Art und Weise ihre Druckwerke in Umlauf bringen.
Wo sollte das alles nur hinführen?
Sid zog das Kabel aus der Kabeltrommel des Staubsaugers. Narzisst gut und schön, aber Messie war er nun wirklich keiner. Staubbüschel, die beim Öffnen einer Tür durch die Wohnung wirbelten, waren nicht sein Ding. Er steckte das Ding ein und begann zu saugen. Gerade beim Putzen wurde er oft an seine Neurose erinnert. Mit beiden Füßen genau auf der Mitte des Läufers im Vorzimmer, setzte er die Saugbürste auf, genau darauf achtend, dass der Läufer sich nicht durch das Saugen und die Bewegung verschob.
Das war etwas, das er nicht mochte.
Aber es war eines der kleineren Übel, die ihn plagten.
Das Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Es war Nachmittag und dies zum Glück der erste Anruf an diesem Tag. Anrufe machten Sid generell nervös. Er liebte Textnachrichten, sprach aber nicht besonders gerne am Telefon. Da war immer die Vorstellung, dass über das Telefon mehr als nur die Stimme übertragen wurde. Beim Telefonieren fühlte er sich irgendwie nackt, obwohl er wusste, dass ihn keiner sehen konnte. Schließlich war er kein Idiot. Aber empfahl man nicht auch Personen, die in Heimarbeit Versicherungen verkauften, sich so zu kleiden, wie wenn sie den Kunden persönlich besuchen würden? Wurde nicht von Marketingexperten eindringlich empfohlen, dass man nicht nackt oder mit Gurkenmaske im Gesicht per Telefon völlig fremde Menschen als Kunden für DAS neue, revolutionäre Guarana-Extrakt keilen sollte?
Am Display stand Sashimi. Die einzige, die ihn wirklich kannte und, soweit er sich erinnern konnte, noch nie genervt hatte, also stellt er den Staubsauger ab und ging ran.
»He Süße, wie geht’s? Lange nichts gehört.«
»Stimmt. Ist eine Ewigkeit her, seit wir uns gestern gesehen haben.«
»Ja, da kann schon einiges passieren, an so einem langen Tag.«
»Ich wollt dich eigentlich nur was fragen.«
Sid fläzte sich aufs Sofa. Man kennt das ja, wenn man mit ausgestreckten Beinen den Blick durch den Raum schweifen lässt, stolz darauf, wieder einmal einen kleinen Sieg gegen Lurch, Krümel und abgestorbene Hautzellen errungen zu haben, auch wenn man den Krieg gegen den Dreck nie gewinnen würde. Ordentlich war Sids Wohnung zwar noch nicht, aber guten Willen hatte er allemal bewiesen. Das war für ihn schon ein Anfang.
»Ich hab mir grad einen Horrorfilm angesehen.«
»Mitten am frühen Nachmittag?«
»Ja, wieso nicht?«
Sie schwieg. Ihr Schweigen sollte wohl heißen: Wieso sollte ich mir nicht nachmittags einen Horrorfilm ansehen? Und irgendwie war ihr Schweigen berechtigt: Wer sagte denn, dass es nachmittags verboten ist, sich zu gruseln? Noch dazu für jemanden, der nachts arbeitete. Noch dazu in einer durch und durch gruseligen Existenz.
Dann fuhr sie fort:
»Also, ich denk mir, die sind da noch nicht auf den grünen Zweig gekommen mit dem Horror.«
»Was meinst?«
»Denk mal nach! Maritimer Horror mit Riesenkraken, Piranhas, weißen Haien und so. Ist uns geläufig. Aus der Luft kennen wir Attacken von Viren, Mördervögeln, Heuschrecken und Killerbienen. Und Spinnen, Ameisen, menschenfressende Riesenwürmer. Schlangen, die aus Containern in Flugzeugen entweichen, um die Passagiere zu quälen, alles schon da, aber das war ´s doch noch lange nicht.«
»Okay!?«
»Ja, ich meine, wenn schon Horror, dann doch so richtig. Aber das dürfen die wahrscheinlich gar nicht. Dass jeder normale neurotische Mensch Angst kriegt, sobald er bis zur Hüfte im Wasser steht, ist nach drei Folgen Weißer Hai scheinbar tolerierbar, aber stell dir mal vor, wenn die richtig zur Sache gehen würden. Ich denk da etwa an Horror im Haushalt. Hör zu! Wie wär ´s mit Toilette des Grauens?
Erste Szene: Die ahnungslose Hausfrau geht im Morgenrock aufs Klo, während ihre Kinder beim Frühstück sitzen und ums Müsli streiten. Auch ein Hund ist dabei. Ein Labrador-Mischling. Im Hintergrund die offene Küchentür. Der Blick erschließt einen Garten mit Kinderspielzeug und vielleicht hört man einen Benzinrasenmäher. Nein, besser einen Elektro-Rasenmäher, da hört man noch das Vogelgezwitscher.
Keiner denkt sich was, alles ganz normal. Dann hört man fetzende, spritzende Geräusche und einen kurzen erstickten Schrei aus dem Abort. Die Kinder stürzen hin und rütteln vergeblich an der Tür, während unten ein rotes Rinnsal raus läuft. Dann kommen Titelmelodie und Filmvorspann und alle im Kino wissen, dass sie ab heute nie wieder entspannt aufs Klo gehen können. Wäre das nicht viel gruseliger, wirkungsvoller als bei bekannten Horrorgenres…?«
Sid sagte nichts und wechselte das heißgelaufene Telefon vom rechten zum linken Ohr.
» … da könnte man doch eine richtige Massenpsychose auslösen. Oder wie wär´s mit flammenwerfenden Föhns. Wieso kommt da eigentlich niemand drauf?«
»Hat was, kann ich nicht bestreiten…«
Sid fand es nicht okay, dass er ausgerechnet jetzt an Sashimis Schwanz dachte. Sashimi wollte sich unterhalten und da sollte er schon bei der Sache bleiben. Er war aber doch gleichzeitig zufrieden, sein Fehlverhalten aus einem kritischen Blickwinkel gesehen zu haben. Immerhin ein Anfang.
Sid war nicht schwul. Zumindest nicht, wenn man die Parameter behaarte Beine, tiefe Stimme, Fußballkucken und Bierrülpser ins Spiel brachte. Eine attraktive Frau mit was zwischen den Beinen war da schon was anderes. Schwanzblasen war eigentlich nicht sein Ding und Analsex musste auch nicht immer sein. Aber Sashimi war die einzige Person auf diesem Planeten, die alles, wirklich alles von ihm wusste und sie war das offenste Wesen, dem er je begegnet war. Und für ihn kam sowieso nur experimenteller Sex in Frage - darin war sie Spezialistin.
Er fuhr fort: » …aber da stoßen die eben an Tabus, das ist es wahrscheinlich. Klos, die Hausfrauen zerfetzen? Da denkt doch jeder an Anal. Es ist zu intim. Denk doch bloß dran, dass in achtundzwanzig amerikanischen Bundesstaaten sogar Oralsex verboten ist. Da ist nicht daran zu denken, im Film unschuldige Bürger beim Verrichten ihrer Notdurft von einer Killer-Toilette metzeln zu lassen.
Stell dir vor: In Cleveland dürfen Frauen keine Lackschuhe zum Rock tragen, weil Männer in deren Spiegelung ihr Höschen sehen könnten. In Nebraska sind Ehepaare gesetzlich dazu verpflichtet, beim Sex Nachthemden zu tragen. In Wyoming ist Sex in Kühlhäusern verboten. In Connecticut dürfen Kondome offiziell nicht verkauft werden. In Indiana ist es Frauen verboten, Kondome zu kaufen. Und in Irland, da gibt’s die gar nicht, die Kondome.«
»Hast Lust auf Skype?«
Sashimis Stimme hatte jetzt das gewisse Etwas, das kannte Sid schon. Er griff sich das Laptop und eine Minute später grinste sie ihm entgegen.
»Wo bist du eigentlich gerade?«
»In Tschechien.«
Sie stand vor einem Spiegel und bürstete sich das Haar. Es fiel bis über ihre Schulterblätter, war fransig geschnitten und … blau.
»He he hee, das sieht ja gut aus.«
»Nennt sich Atlantic Blue. Gefällt´s dir? Hab ich mir gestern machen lassen.«
»Bist echt für Überraschungen gut. Was heißt hier gefallen?«
Die Webcam zeigte sie von den Knien aufwärts bis zum Scheitel. Sid nahm sie unter die Lupe, während sie an ihrem anthrazitfarbenen Catsuit rumzupfte. Als ob der nicht perfekt sitzen würde. Aber so war sie eben nun mal. Ihr Busen, ihre Brustwarzen und auch sonst fast jedes Detail waren durch den dünnen Stoff klar zu erkennen. Sid fragte sich, wann er zum letzten Mal in Tschechien gewesen war.
»Na, vermisst du mich?« Sashimi fuhr mit einem blauen Fingernagel über ihr bestes Stück und rückte ein Stück näher an die Kamera. Sie beugte sich vor, drückte ihren Busen und streckte ihm die Zunge raus. Sid griff zur Wasserflasche und nahm einen Schluck, um seine Zunge vom Gaumen zu lösen. Sie wusste, dass sie ihn nicht verführen konnte, zumindest nicht, ohne ihm vorher irgendeine Substanz zuzuführen, die Amphetamine oder THC enthielt. Und Amphetamine nahm Sid nur äußert selten.
»Blöde Frage: Wann kommst du wieder?«
»Übermorgen. Hab hier noch zwei Kunden.«
»Und? Klingelt die Kasse?«
»Kann nicht klagen. Ein Araber und ein Japaner. Die zahlen gut, wollen aber ziemlich schräge Sachen. Na ja, ist nicht richtig ausgedrückt. Die sind eigentlich stinknormal, verglichen mit dir.«
Sie klimperte mit ihren Wimpern und die blauen Augen kamen im Sekundentakt zum Vorschein wie Falschfarbenaufnahmen der Galaxie NGC 1232. Ihr bestes Pseudo-Verliebt-Lächeln mit kirschroten Lippen rundete das Ganze ab.
»Ich hoffe, du besorgst es dir nicht zu oft selbst, du Armer.«
»Äh, nein. Nein nein nein ... Du weißt doch, dass ich sexuellen Dingen gegenüber sehr verschlossen bin. Außerdem bin ich gerade in einer Output-Phase.
»Noch immer der Mörder mit dem Fisch?«
»Ja, ist aber eigentlich kein Mörder. Er erschreckt nur Hausfrauen und dabei stirbt halt manchmal eine an Herzversagen.«
»Du hast einfach die besten Geschichten auf Lager.«
»Sag das mal den Verlagen. Ich glaub, ich werde das alles noch mal überarbeiten. Bin mir noch nicht sicher, ob die Geschichte so stehenbleiben wird.«
»Wird schon. Wirst sehen.«
»Ich denk oft an Dich. Hätte ich genug Geld, würde ich Dich täglich buchen. Als Muse. Aber das wäre dir wahrscheinlich ohnehin zu langweilig. Da müsstest du den ganzen Tag lang bei mir abhängen und ich würde dich ab und zu ansehen, um nicht am Leid der Welt zu ersticken. Naja, nimm´s einfach als Kompliment.«
»Ja, mach ich. Bis dann.« Sie zwitscherte ihr Lachen und stülpte die Lippen vor, um auf die Kamera zu hauchen.
Dann war das Bild weg.
Beziehungen waren für Sid genauso bereichernd, hilfreich, heilsam und auch vernünftig im ökonomischen Sinn als auch lächerlich und nervig in ihrem Bemühen, über die primitiven Tatsachen des Lebens und die Illusion der ruppigen Existenz hinwegzusehen und das hieß für ihn, dass er nie ganz bei der Sache war. Menschen – also auch Frauen - wollten aber ganz oder gar nicht geliebt werden - wer konnte es ihnen verübeln? Da musste man schon dann und wann fünfe grade sein lassen, um im Spiel zu bleiben.
Dieses Ganz-oder-gar-nicht war Sids Verhängnis. Er hätte so manches Mal im Leben gerne gesagt: Ich liebe Dich, echt, obwohl Du mich auch irgendwie nervst! Das wäre jedoch der Liebe abträglich gewesen und der Tod jeder Romantik wäre vorprogrammiert. Lass dich einmal ablenken vom Fokus auf die Sinnhaftigkeit, lass die Zügel im falschen Moment schleifen und du bist raus. Auf der Autobahn lässt man auch nicht mir nichts dir nichts das Lenkrad aus. Auch wenn man ganz genau weiß, dass man eine ignorante Drecksau ist, die in der stinkenden Dreckskarre die Umwelt verpestet und den Weg in eine annehmbare Zukunft verbarrikadiert.
