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Ein Krimi-Dinner im Hotel Mystery Manor in Cornwall mit der gefeierten Autorin Patricia A. Swan - kurz vor der Lesung ist sie verschwunden. Im Keller findet man schließlich ihre Leiche. Durch einen Sturm von der Außenwelt abgeschnitten, übernimmt die Dorfpolizistin Margo McCallum die Mord-Ermittlung in dem Hotel. Und erhält unfreiwillig Hilfe vom Schauspieler Newton Stewart, der Swans berühmten Inspector Grey in einer Fernsehserie spielt und sich nun in einem realen Fall beweisen will. Das ungleiche Paar stößt auf ein kompliziertes Beziehungsgeflecht unter den Gästen und eine Vielzahl von Motiven. Düstere Geheimnisse, unterdrückte Gefühle und alte Rechnungen werden offenbar. Und wo ist Swans letztes unveröffentlichtes Manuskript? Der Roman ist ein klassischer Whodunit, erst am Schluss wird der Mörder oder die Mörderin entlarvt.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Zum Buch
Ein Krimi-Dinner im Hotel Mystery Manor in Cornwall mit der gefeierten Autorin Patricia A. Swan – kurz vor der Lesung ist sie verschwunden. Im Keller findet man schließlich ihre Leiche.
Durch einen Sturm von der Außenwelt abgeschnitten, übernimmt die Dorfpolizistin Margo McCallum die Mord-Ermittlung in dem Hotel. Und erhält unfreiwillig Hilfe vom Schauspieler Newton Stewart, der Swans berühmten Inspector Grey in einer Fernsehserie spielt und sich nun in einem realen Fall beweisen will …
Hinter dem Autorennamen M.S. Walther stehen 14 Autorinnen, die in 14 Kapiteln aus 14 Perspektiven schreiben. Alle sind versierte Krimifrauen bei den Mörderischen Schwestern e.V.
Die Autorinnen sind: Jutta Büsscher ∙ Ella Kröger ∙ Carina Kullang ∙ Anja Labussek ∙ Franzi Maar ∙ Paula May ∙ Rodica Meltzer ∙ Anja Puhane ∙ Sibyl Quinke ∙ Anja Sommer ∙ Brigitte Stammschröer ∙ Petra Treiber ∙ Anke Völkel ∙ Manu Wirtz.
Prolog
Kapitel 1
Patricia A. Swan
Kapitel 2
Newton Stewart
Kapitel 3
George Cooper
Kapitel 4
Newton Stewart
Kapitel 5
Margo McCallum
Kapitel 6
Hotelchefin
Kapitel 7
Lektorin Kayleigh Harrison
Kapitel 8
Stalker
Kapitel 9
Reporter
Kapitel 10
Newton Stewart
Kapitel 11
PA, persönlicher Arsch oder Paul Adel
Kapitel 12
Roomboy
Kapitel 13
Margo McCallum
Kapitel 14
Ernest A. Porter
Epilog
Patricias Geist
Über den Krimi
Gehören Sie auch zu den Leuten, die immer die letzte Seite eines Romans zuerst aufblättern? Nach den ersten paar Seiten juckt es einen in den Fingern, ich kenne das. Liest man vorher schon das Ende, erkennt man schnell, wo die Hauptfigur anlangt. Denn wer am Schluss noch übrigbleibt, ist unzweifelhaft der Protagonist. Ich weiß das, weil ich eine Krimiautorin bin.
Shit, verdammter!
Es bedeutet nämlich, dass ich es nicht mehr sein kann. Leider bin ich schon tot!
Ermordet!
Ich liege als Leiche im Escape-Room des Mystery Manor in Cornwall auf dem Metalltisch. In meinem Manuskript würde ich das Opfer stilvoll ablegen. Ich finde, man sollte einem Leichnam seine Würde lassen, schließlich kann das Opfer ja nichts dafür, dass es ermordet wurde.
Mehr als eine Stunde dürfte es auch kaum einer in dieser Gruselhöhle aushalten. Die Wände sind roh und unverputzt. Der Schmutz von Jahrhunderten scheint ihnen anzuhaften. Flackernde LED-Kerzen an den Wänden erhellen ein paar große Plakate und Fotos. Sie zeigen Szenen und Schauspieler aus Frankenstein-Filmen und Fernsehserien. Sogar eine lebensgroße Figur von Boris Karloff als Monster gibt es hier.
In der Mitte steht ein massives Metallgestell mit einer polierten Metallplatte darauf, ähnlich einem Seziertisch. Das Gestell lässt sich mit einer Handkurbel hoch- und runterfahren. Hinter dem Tisch steht eine Disco-Kugel mit unzähligen Glasmosaiken und Antennen auf einem kleinen Rollwagen. Ein weiterer Rollwagen mit allerlei Operationsbesteck steht neben dem Tisch. Ein wuchtiger Sekretär mit Büchern und Papieren auf der Schreibplatte lehnt an der Wand. Ob hier die Hinweise für die Escape-Spiele versteckt werden?
An der gegenüberliegenden Wand wurde ein grüner Metallschrank mit vielen Schaltern, Reglern, Warnlampen und Stromanzeigern aufgebaut. Daneben stehen große Isolatoren auf Sockeln. Die veraltete Technik sieht aus, als käme sie aus einem stillgelegten Kraftwerk. Dicke Kabel führen von den Aufbauten zu einem Punkt an der Deckenmitte, genau über dem Metalltisch. Von der Decke hängt eine überdimensionierte Tesla-Kugel. Die magische Plasmalampe verbreitet ein flackerndes, geheimnisvolles violettes Licht und verstärkt noch die schaurige Atmosphäre in dem düsteren Keller. Das Ambiente ist wie geschaffen für ein abenteuerliches Event.
Das ärgerliche für mich ist, dass ich nun als Leiche an keinem Abenteuer mehr teilnehmen kann, weder im Spiel noch im wahren Leben. So habe ich mir das Ende nicht vorgestellt. Ich hatte einen völlig anderen Plan. Nur leider wurde ich ja er ...
»Halt«, würde meine Lektorin jetzt rufen. »Achtung Spoiler!«
Wahrscheinlich würde sie mir auch den kompletten Prolog streichen und forderte mich stattdessen auf, das Kapitel noch mal neu zu schreiben. Von Anfang an, wie sich das eben für einen guten Kriminalroman gehört.
Na schön. Dann drehen wir die Zeit zurück zu dem Moment, wo mein Ende anfing. Aber nur, wenn Sie es sich verkneifen, auf den letzten Seiten nachzuschlagen, wer mich ermordet hat.
»Liegt das nicht in der Nähe von Land's End, wo ich sowieso zum Rechercheabschluss hinfahren wollte?«, fragte ich meinen Mann.
George beugte sich über meine Schulter und las die E-Mail auf dem Bildschirm des Laptops: ›... Mystery Manor ist ein Krimihotel in Cornwall. Wir würden uns glücklich schätzen, Sie zu einem Meet & Greet-Wochenende einzuladen in Verbindung mit einer Lesung beim Krimi-Dinner. Der Aufenthalt, alle Annehmlichkeiten des Hotels sowie Essen und Getränke für Sie und eine Begleitperson sind natürlich kostenlos ...‹
Das Mystery Manor präsentierte sich auf seiner Webseite als ein altes Herrenhaus, das zum Themenhotel umgebaut worden war. Die Gästezimmer hatten alle eine Einrichtung, die einem englischen Krimiautor oder einer bekannten Figur gewidmet war. So gab es ein Alfred-Hitchcock-Zimmer, Sherlock-Holmes- oder Inspector-Barnaby-Zimmer und viele weiter spannende Räume.
»Eine Lesung? Ich dachte, du hasst Lesungen.« George war überrascht. Er überlegte ein paar Sekunden: »Andererseits wäre es vielleicht doch eine gute Gelegenheit. Sieh mal: vor Ort für dein neues Buch zu recherchieren und auch noch umsonst in einem angenehmen Krimihotel zu wohnen, das ist doch günstig oder nicht, Darling?«
»Ich kann es mir leisten, in jedem 5-Sterne-Hotel der Welt zu übernachten. Da bin ich doch nicht auf ein kostenfreies Wochenende angewiesen«, gab ich schnippisch zurück.
Im Gegensatz zu früher, als ich noch eine unbekannte Krimiautorin war. Da gehörten Lesungen an fast jedem Wochenende zum Pflichtprogramm. Ein Honorar gab es in den Anfangsjahren höchst selten. Damals konnte ich froh sein, wenn mir von Buchhändlern, bei Privatfeiern oder Hotels wenigstens die Fahrkosten erstattet wurden. Dabei musste ich von meinen Buchverkäufen leben. Später, als meine Romane ständig auf den Bestsellerlisten landeten, konnte ich es mir leisten, die meisten Anfragen abzulehnen und nur an den großen Events wie Buchmessen oder im Fernsehen aufzutreten.
George sagte: »Aber das meine ich nicht, Abby. Du hättest mit dem Arrangement einen völlig harmlosen Grund, dich in der Umgebung des Hotels umzusehen, ob du mit deiner Theorie recht hast.«
Ich verstand, worauf er hinauswollte. »Du meinst, zu schnüffeln.« Ich schmunzelte.
Er grunzte mich wie ein Schweinchen an und grinste.
»Na gut, überredet.«
Ich schrieb an Mrs Porter zurück: »Vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich wollte schon lange Ihr besonderes Hotel kennenlernen und freue mich über die Einladung. Ich reise mit meinem Mann am zehnten August an. Wir benötigen für meinen Assistenten ein zusätzliches Zimmer. Kann ich davon ausgehen, dass das im Arrangement enthalten ist?«
Zufrieden klickte ich den Senden-Button.
An diesem Freitag fuhren wir zu dritt von London nach Cornwall. George chauffierte den Jaguar in entspanntem Tempo durch das Bodmin Moor in Richtung Land’s End.
Mein persönlicher Assistent Paul Adel schmollte im Fond des Wagens; er hatte sich auf ein freies Wochenende mit seinem neuen Freund gefreut. Stattdessen verlangte ich seine Anwesenheit bei der Lesung. Er sollte für mich das Mystery Manor mit allen Räumen fotografieren und Details notieren. Vielleicht brauchte ich das Setting ja irgendwann einmal für einen neuen Krimi.
Er hatte seinen braunen Schopf zum Fenster gedreht und starrte nach draußen. Sein eigentlich ganz hübsches Gesicht war zu einer mürrischen Miene verzogen. Paul war achtundzwanzig Jahre alt und arbeitete seit zwei Jahren bei mir. Er war ein ganz brauchbarer Kerl, der gut organisieren konnte. Seine Familie hatte französische Wurzeln. Deshalb betonte er seinen Nachnamen gerne mit einem Accent aigu – Adél – was sich lächerlich anhörte. Er schrieb Kurzgeschichten und träumte selbst von einer Karriere als Schriftsteller.
In den letzten zehn Jahren hatte ich viele persönliche Assistenten beschäftigt. Die meisten waren für die Leistung, die ich erwarte, nicht geeignet und kündigten oft nach kurzer Zeit, oder ich musste sie feuern. Es lohnte sich manchmal kaum, sich ihre Namen zu merken, und so gewöhnte ich mir mit der Zeit an, sie nur als PA zu bezeichnen.
Ich verlange von meiner rechten Hand, dass sie mir vor allem vorbereitende Arbeiten für meinen Roman, wie Recherchen, Informationsbeschaffung und -aufbereitung, erledigt. Während der Schreibphase soll er oder sie auch die Rohfassungen der Texte nach Logikfehlern und Rechtschreibung prüfen. Nicht zuletzt die Reiseplanungen, die Beantwortung von Fanpost sowie die Überwachung von Twitter, Facebook und Instagram gehören zu den täglichen Aufgaben. Ich gebe zu, es ist eigentlich ein Vierundzwanzig/Sieben-Stunden-Job. Aber ich bezahle schließlich gut, die jungen Menschen reisen mit mir durch die Welt und lernen sehr viel über das Verlagsgeschäft.
»Machen Sie nicht so ein griesgrämiges Gesicht, Paul«, rüffelte ich meinen Assistenten. »Wann bekommen Sie sonst die Gelegenheit, im Krimihotel zu übernachten? Sie sind von lauter berühmten Schriftstellern und deren Figuren umgeben. Das sollte Sie doch inspirieren.«
Er brummte nur schlechtgelaunt und kraulte sein Schoßhündchen Chouchou weiter. Diese handtaschengroße Töle war sein neuster Spleen. Der Chihuahua hatte sich bei mir sogleich unbeliebt gemacht, als er auf meine Teppiche kackte; die teuren Reinigungskosten zog ich Paul vom Gehalt ab. Seitdem durfte er den Köter nicht mehr mit ins Büro bringen. Ich ließ die beiden links liegen und schaute aus dem Fenster.
Ich genoss die Fahrt durch die offene Landschaft und den weiten Himmel. Die ganze Palette an satten Grüntönen hatte die gewellten Hügel überzogen. Schafherden weideten auf den Wiesen, von niedrigen Steinmauern oder Brombeerhecken umzäunt. Ich atmete den salzigen Geruch des nahen Meers tief ein und mit ihm das Gefühl unendlicher Weite.
Ich nahm mein MacBook auf den Schoß und überflog zum gefühlt tausendsten Male das aktuelle Manuskript. Eine leichte Korrektur hier, ein Synonym dort, um eine Wortwiederholung zu vermeiden – mein ganzes Autorinnendasein hindurch hatte ich das Gefühl, etwas verbessern zu müssen. Aus diesem Grund las ich auch keines meiner gedruckten Bücher. Ich wollte mich nicht darüber ärgern, auf einer Seite doch noch einen Fehler zu entdecken.
Zum Leidwesen meiner Lektorin verzögerte das den Schreibprozess, und ich gab ein Manuskript immer in letzter Minute ab. Jetzt konzentrierte ich mich auf das neue Buch.
Mittags hielten wir am Jamaica Inn, nahmen in der urigen Piratenkneipe einen Lunch ein und besuchten auch Daphne du Maurier’s Smugglers Museum in der ehemaligen Remise. Je weiter wir nach Südwesten fuhren, desto mehr Wolken türmten sich zu gigantischen Gebilden auf.
»Ich fürchte, da kommt schlechtes Wetter auf uns zu, Darling«, warnte mein Mann.
Am späten Nachmittag rollte der Jaguar knirschend über den Kiesweg vor dem Mystery Manor. Graubraun war das Anwesen von einer Mauer umgeben, die mit Kletterpflanzen fast vollständig überdeckt war. Von der Auffahrt stieg eine breite Treppe zum Herrenhaus auf.
Hinter mir lachte Paul Adel spöttisch auf: »Herrje, wohnt hier Cinderella?«
Das dreigeschossige Herrenhaus war im neogeorgianischen Stil gebaut, wie so viele Landsitze aus dem frühen 19. Jahrhundert. Grob behauene, unverputzte Kalksteinmauern, hohe Fenster mit Rastern aus Blei, aber vor allem Erker, Spitzdächer und Türme kennzeichneten die Renaissance der mittelalterlichen Bauelemente. Ich dagegen war der Meinung, dass der Baustil eine romantisierte Rückbesinnung auf die glorreiche ritterliche Vergangenheit Englands war. Nicht sehr vorteilhaft für die meisten Gebäude, denn ästhetische Fassaden wie in Frankreich oder Italiens Prachtbauten waren eher selten. Hier herrschte mit den vielen Vorsprüngen und Nischen das reinste Chaos.
Ein Kichern gluckste in meiner Kehle. »Wohl eher Lady Macbeth. Die Atmosphäre passt jedenfalls zu einem Krimihotel.« So kam es, dass ich mit einem breiten Lächeln aus dem Wagen stieg und der blonden Frau entgegensah, die die Steintreppe hinunterkam.
»Wie ich mich freue, Sie zu sehen, Mrs Swan«, begrüßte sie mich freudestrahlend. »Ich bin Gemma Porter, die Hotelmanagerin. Herzlich willkommen im Mystery Manor.«
Sie war etwas kleiner und wirkte wie eine jüngere Ausgabe von mir selbst: gute Haltung und toughe Ausstrahlung. Das mochte ich.
Überschwänglich fasste sie nach meinem Arm und schüttelte lebhaft meine Hand. Unwillkürlich verkrampften meine Schultern und ich spürte, wie meine Mundwinkel erstarrten. Mühsam beherrschte ich mich, um nicht zurückzuweichen, obwohl ich eine heftige Abscheu gegenüber aufdringlichen Fremden empfand. Vor allem enthusiastischen Fans ging ich gerne aus dem Weg. Ich hasste das übergriffige Verhalten mancher Personen, die mich ohne Vorwarnung anfassten oder umarmten. Aber das konnte die Frau ja nicht wissen.
»Danke«, antwortete ich spröde. Wie schade, die spontane Sympathie war zerplatzt.
George war inzwischen aus dem Jaguar gestiegen. Er erkannte meine steife Haltung und eilte um das Fahrzeug herum.
»Mrs Porter«, zog er ihre Aufmerksamkeit auf sich. »Die Freude ist ganz auf unserer Seite. Sie haben da etwas ganz Besonderes geschaffen. Meine Frau und ich sind schon sehr gespannt auf Ihr Hotel.«
Geschickt hatte er sich zwischen mir und der Hotelchefin positioniert und ihre Hand ergriffen. Ich entspannte mich.
Hinter mir klappte die Autotür zu. »Oh, und das ist Paul Adel, mein persönlicher Assistent«, stellte ich unseren Begleiter vor. Gemma Porter nickte freundlich und begrüßte die beiden Männer: »Mr Swan, Mr Adel. Willkommen im Mystery Manor.«
»Nicht Swan, mein Name ist Cooper«, korrigierte George.
Gemma Porter blinzelte kurz, dann fasste sie sich und drehte sich schnell zur Treppe um. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen. Ich zeige Ihnen die Räume. Sie hatten sich ja das Miss-Marple-Zimmer gewünscht«, sagte sie und schritt die Stufen hinauf.
»Ahh, da kommt ja mein Mann Ernest. Er wird sich um Ihr Gepäck und den Wagen kümmern.« Ein knapp fünfzigjähriger Mann in Arbeitshosen und festen Schuhen kam über die Terrasse auf die Gruppe zu. Der Naturbursche war das genaue Gegenteil seiner Frau, groß und breit, mit verstrubbelten rot-blonden Haaren und einem Vollbart. Etwas Gegensätzlicheres als die beiden konnte man sich als Paar kaum vorstellen. Er begrüßte freundlich die Gäste und ließ sich von George den Schlüssel für den Jaguar aushändigen.
»Ich werde den Wagen in der alten Scheune einstellen. Die haben wir als Garage für die Fahrzeuge unserer Gäste umgebaut. Das Gepäck bringe ich Ihnen so schnell wie möglich auf Ihre Zimmer«, sagte er jovial. Interessiert blickte er mich dabei an.
Dann wurde seine Aufmerksamkeit von etwas hinter mir abgelenkt und sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich jäh.
»Diese verdammten Geocacher! Da trampelt schon wieder einer in meinen Rosen herum.« Mit gesenktem Kopf eilte er die Steintreppe hinunter zu einem entfernten Blumenrabatt am Rande des parkähnlichen Gartens. Er schimpfte wütend, um einen jungen Mann, der mit einer Sonde zwischen den Büschen herumstelzte, auf sich aufmerksam zu machen.
»Was sucht der denn da?«, fragte ich neugierig, obwohl ich mir sicher war, die Antwort zu kennen.
»Das wüsste ich auch gerne«, seufzte Gemma. »Das ist so eine GPS-Schnitzeljagd, die hier in der Gegend veranstaltet wird, wie eine Schatzsuche. Ständig haben wir fremde Leute, die über das Grundstück laufen und dabei die Pflanzen zertreten. Meinen Mann regt das jedes Mal auf, weil er seine eigene Rosenzüchtung hat, die er hegt und pflegt. Seine Lieblingsrose heißt Bloody-Mary.«
Ich sah George an und las in seinen Augen, dass wir denselben Gedanken hatten. Wir folgten Mrs Porter durch die verschnörkelte Eichentüre in eine große Empfangshalle. Der Marmorboden hatte ein grau-gelbes, geometrisches Muster. Ich sah eine breite Holztreppe mit einem dunkelroten Teppichläufer, die in das erste Obergeschoss auf eine Galerie führte. Die Halle war in Creme- und Gelbtönen gehalten, ein paar Verzierungen an der Kassettendecke waren mit Blattgold überzogen. Großformatige Gemälde von berühmten Krimischriftstellern in üppigen Goldrahmen hingen an den Wänden.
Die hohe Empfangshalle wirkte hell und einladend, mit einigen dunklen Eichenmöbeln und tiefen Klubsesseln. In einem der Sessel lag eine rote Katze und schaute uns aufmerksam an.
»Das ist Gamaliel Gumbel Bear, unser Hauskater. Er ist sehr freundlich zu den Gästen«, sie blickte kritisch zu dem kleinen Chihuahua, den Paul auf seinem Arm trug, und der bereits die Lefzen hochzog und leise knurrte. »Ich würde Ihren kleinen Hund allerdings nicht in seine Nähe kommen lassen. Er hat sehr scharfe Krallen« Paul drückte sein Schoßhündchen daraufhin noch enger an seine Brust.
Die Hotelchefin steuerte auf die Rezeption zu, die hinter einem massiven Holztresen lag. Eine junge Frau lächelte uns freundlich entgegen. »Cecilia, die Schlüssel für das Miss-Marpleund das Baskerville-Zimmer bitte«, sagte Gemma Porter, beugte sich über den Tresen und ergriff ein paar Formulare. Die Rezeptionistin nahm die Zimmerschlüssel vom Board und legte sie auf dem Tresen ab.
»Ist eigentlich Newton Stewart schon hier?«, fragte ich.
Der gutaussehende Schauspieler verkörperte in der TV-Serie ›Grey‘s Cases‹ meinen Protagonisten Inspector Aaron Grey seit über einem Dutzend Büchern. Die Rolle passte ihm wie angegossen. Er spielte die Figur nicht nur, er war Grey. Wir waren seit Jahren befreundet und ich hatte ihn gebeten, beim Krimi-Dinner mit mir zusammen im Dialog aus den Büchern zu lesen, das würde den Abend unterhaltsamer gestalten.
»Es tut mir leid. Mr Stewart hat von unterwegs angerufen, dass er im Stau steckengeblieben ist und sich verspätet«, sagte die Managerin.
Ich seufzte leise, es konnte nicht jeder so perfekt organisiert sein wie ich. Wozu hat man denn einen PA.
Gemma reichte meinem Mann die Papiere und Zimmerschlüssel. »Sie geben mir die Anmeldungen im Laufe des Abends bitte ausgefüllt zurück. Ich zeige Ihnen das Miss-Marple-Zimmer.« Sie gab den zweiten Schlüssel an Paul weiter. »Sie haben den Hund-von-Baskerville-Raum bekommen, er liegt direkt gegenüber.«
Paul Adel klappte erschrocken den Mund auf. »Hund von Baskerville?«, rief er. »Ausgerechnet dieses Monster? Oh neee, das kann ich meiner Chouchou doch nicht antun, die Arme regt sich so schnell auf. Ich will ein anderes Zimmer haben.« Hektisch streichelte er seinen Chihuahua.
Gemma Porter schaute befremdet von einem zum anderen.
»Es tut mir sehr leid, aber andere Einzelzimmer haben wir leider nicht frei. Heute sind noch viele weitere Gäste angereist. Eine so berühmte Autorin im Haus zu haben, hat sich schnell herumgesprochen. Wir sind ausgebucht. Es war der Wunsch von Mrs Swan, dass Sie ein Zimmer direkt in ihrer Nähe bekommen.« Entschuldigend zuckte sie mit den Schultern.
Paul blickte mich zornig an. »Das haben Sie doch mit Absicht gemacht«, fauchte er.
»So ein Unsinn. Es ist purer Zufall, dass der Raum uns gegenüber das Hundezimmer ist. Na und?«, erwiderte ich. »Werden Sie endlich erwachsen!«
Ich drehte ihm den Rücken zu und ging zur Treppe. Innerlich musste ich grinsen. ›Angst vor großen Hunden. So ein Schlappschwanz‹, dachte ich. Ich kam nur ein paar Schritte weit, als ich vom Saloneingang gerufen wurde.
»Patricia, Dearest.« Ich erkannte die Stimme sofort.
Sie gehörte Kay Harrison, meiner Lektorin aus dem Verlag, der seit Jahren meine Bücher veröffentlicht.
Bloody hell!
Ich war mit meinem Manuskript mal wieder im Verzug und hatte den Abgabetermin überzogen. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Schulkind, das beim Abschreiben ertappt wurde und ärgerte mich darüber. Ich blieb stehen und verzog den Mund zu einem Lächeln.
»Kayleigh, was für eine Überraschung, dich hier zu sehen.«
»Ganz bestimmt«, spöttisch zog sie eine Augenbraue hoch.
»Nachdem ich dich in den letzten Tagen nur hundert Mal angerufen oder E-Mails, SMS und WhatsApp-Nachrichten geschrieben habe. Und du hast nie zurückgerufen.«
Sie trat auf mich zu und begrüßte mich mit dezenten Luftküsschen an die Wangen. Meine Scheu vor fremden Berührungen war ihr schon lange bekannt.
»Wir brauchen endlich das fertige Manuskript«, flüsterte sie mir ins Ohr. Alles an Kayleigh war extrem schmal, ihr überschlanker Körper, das lange Gesicht und die dünnen Lippen. Die kurzen, weißblonden Haare betonten noch ihre Magerkeit. Wenn man sie ansah, war der erste Reflex, ihr spontan etwas zu Essen anzubieten.
»Ich habe auch ein ganz schlechtes Gewissen«, sagte ich leise und setzte einen reumütigen Gesichtsausdruck auf. »Nur das Ende fehlt noch.«
Sie fiel nicht auf meine Unschuldsmiene herein. »Na, das hoffe ich doch. Ich bin das ganze Wochenende hier. Du hast Zeit genug, das Buch zu beenden. Am Montag muss der Text ins Lektorat«, verkündete sie.
Es klang fast wie eine Drohung. Ich spürte, wie mir die Zornesröte in die Wangen stieg. »Wann das Buch fertig ist, bestimme immer noch ich! Ich gebe kein Manuskript heraus, mit dem ich nicht hundertfünfzigprozentig zufrieden bin.« Selbst in meinen Ohren klang meine Stimme wie das Fauchen einer gereizten Katze.
Kay Harrison lenkte sofort ein: »Ich habe einen Tisch für heute Abend reserviert. Nur wir vier. Dann können wir in Ruhe plaudern.« Mein Mann und Paul kamen auf uns zu und Kay Harrison begrüßte sie.
»Oh. Übrigens, ich muss dich vorwarnen«, sagte Kay zu mir. »Dein allergrößter Fan, Eddie Baily, ist auch hier im Hotel. Ich habe ihn vor Kurzem gesehen und gewarnt, dir zu nahe zu kommen.«
Ich verdrehte die Augen. ›Der fehlt mir gerade noch‹, dachte ich. Meine Laune stürzte in den Keller.
Baily war ein mittelgroßer Mann, der mir seit Jahren zu allen Lesungen und öffentlichen Auftritten folgte. Seine wässrigen blauen Augen über den Tränensäcken ließen mich dann keine Sekunde aus den Augen. Die lange Nase hing traurig über den wulstigen Lippen, die borstigen Brauen und das ausgedünnte Haar ließen ihn älter aussehen, als er war. Seine Segelohren waren nicht zu übersehen, nicht mal in einer großen Menschenmenge, wenn ich auf einer Bühne stand. Baily war mir ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse. Allein die Erinnerung an seine eigenartige, fistelige Stimme jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. George und ich wunderten uns schon lange darüber wie ein Geschäftsmann, denn diesen Eindruck machte sein Äußeres auf uns, sich die Zeit nehmen konnte, mir seit Jahren zu allen öffentlichen Lesungen und Auftritten zu folgen. Er erklärte sich selbst zu meinem allergrößten Fan, der sämtliche Bücher kaufte und Poster, Autogrammkarten und Zeitungsberichte sammelte. Tatsächlich aber war er ein Stalker, vor dem ich keine Ruhe fand. Bei dem Gedanken an die Lippen dieses Menschen, die er beim Sprechen oft wie zum Kuss spitzte, wäre ich am liebsten sofort aus dem Hotel gerannt und wieder nach Hause gefahren. Hin- und hergerissen schwankte ich unglücklich zwischen Flucht und Verpflichtung.
Aber ich hatte ja nicht nur die Lesung morgen Abend zum Krimi-Dinner versprochen. Ich wollte den Aufenthalt auch dafür nutzen, um etwas Bestimmtes zu überprüfen.
George spürte meinen Ärger und legte schützend den Arm um meine Schultern. »Beruhige dich, Darling. Ich passe auf, dass der dir nicht zu nahekommt.« Ich schüttelte unwirsch seinen Arm ab.
»Ich will auf mein Zimmer«, sagte ich laut. Ich war genervt und brauchte dringend eine Ruhepause. George nahm der ratlosen Hotelmanagerin den Schlüssel aus der Hand: »Wir finden schon den Weg, danke.«
Mein Mann und ich gingen die breite Treppe hinauf, vorbei an den Porträts von Mary Shelley, GK Chesterton, Agatha Christie, Sir Arthur Conan Doyle und Dorothy L. Sayers. Von der Galerie zweigte ein langer schmaler Flur zu einer Zimmerflucht ab. Er war in dunkelroten Farben gehalten und an den Wänden hingen etliche Filmplakate. Der Teppich dämpfte unsere Schritte. Wir kamen an einer Kleiderpuppe vorbei, die als Cora Lanscenet aus dem Miss-Marple-Film »Der Wachsblumenstrauß« verkleidet war.
Eine Türe öffnete sich zum Gang und Eddie Baily streckte neugierig seinen Kopf heraus. Als er mich erblickte, strahlte sein Gesicht. »Mrs Swan, das ist aber schön, Sie zu sehen. Und wir wohnen auch noch auf demselben Flur. So ein Glück!«, rief er begeistert aus. Seine Segelohren glühten rosa.
»Nicht für jeden«, fauchte ich ihn an und beschleunigte meine Schritte, um schnell das Zimmer zu erreichen.
»Mr Baily, Sie wissen, dass wir eine Verfügung gegen Sie beantragt haben«, schimpfte George lautstark. »Halten Sie Abstand von meiner Frau, sonst bekommen Sie es mit mir zu tun.«
»Beantragt, aber noch nicht genehmigt!«, giftete Baily eifersüchtig zurück.
Ich stand mit verschränkten Armen vor der Türe des Miss-Marple-Zimmers und tappte ungeduldig mit einem Fuß. George kam sofort hinter mir her und schloss die Türe auf. Ich stürmte in das Zimmer und fiel erschöpft auf das Bett.
›Endlich Ruhe‹, dachte ich.
Am späten Abend saß ich an dem antiken Schreibtisch und tippte das Ende meines Romans in das Notebook hinein. Ich war noch immer ein wenig aufgewühlt von den Höhen und Tiefen des Tages und entsprechend dramatisch fielen die Dialoge und Szenen im Manuskript aus. Seit einer Stunde feilte ich schon an dem letzten Kapitel und kämpfte mit den Formulierungen.
George hatte es sich im Bett behaglich gemacht und blätterte in House & Garden. Das Zimmer war gemütlich und stilvoll eingerichtet mit Mahagonimöbeln und Polstersesseln mit einem Rosendekor, das sich in den schweren Brokat-Vorhängen wiederholte. Die Wand hinter dem Bett hatte eine sattgrüne Mustertapete, die anderen Wände waren cremefarben gestrichen.
Ein Bad en Suite gehörte zu jedem Gastzimmer in diesem Hotel. Wir hatten uns sofort wohlgefühlt, als wir den Raum Nr. 14 bezogen.
Überall waren Fotos und Requisiten aus den Miss-Marple-Filmen an den Wänden und auf Tischchen dekoriert. Darunter sehr viele Bilder von Margaret Rutherford und Stringer Davis alias Mr Stringer, ihrem Partner. George hatte sich lange den Golfschläger, Mashie-Nr. 4 Eisen, der an der Wand hing und das Logo einer Firma aus Leicester eingraviert hatte, angesehen. »Was meinst du? Ist der wirklich aus dem Film 16 Uhr 50 ab Paddington?«
»Wahrscheinlich«, sagte ich. »Die schwarzen Spitzenhandschuhe hier in der Vitrine sind ja auch Original-Requisiten. So steht es jedenfalls auf dem Kärtchen.« Ich drehte mich zum Schreibtisch um und tippte weiter.
Gegen Mitternacht las ich ein letztes Mal das Ende des Romans durch. Ich schloss das Programm und schaltete das Notebook aus. Dann stand ich auf.
Mit einem zufriedenen Seufzen reckte ich die Arme und dehnte die verspannten Rückenmuskeln. Die Arbeit war erledigt. Mein Mann sah mich lächelnd vom Bett her an. Ich schlüpfte unter die Decke und kuschelte mich in seine Arme. Nur wenn wir zu zweit waren, konnte ich körperliche Nähe akzeptieren und mich dabei wohlfühlen.
George war ein Glückstreffer für mich, ein stattlicher Mann aus altem englischem Landadel: gutaussehend, charmant und fürsorglich, mit vollendeten Manieren. Dass er fast zwanzig Jahre jünger war, störte weder ihn noch mich. Nur manchmal, wenn ihn etwas emotional sehr belastete, konnte er unbeherrscht werden. Er versuchte, die Contenance zu bewahren, aber sein linkes Augenlid zuckte dann und verriet ihn.
»Und?«, George sah mich jetzt aus grünbraunen Augen sanft an. »Für welches Ende hast du dich entschieden, Abby?« Abby durfte er mich nur nennen, wenn wir zu zweit waren.
Ich strahlte ihn erleichtert an: »Ich habe ihn endlich sterben lassen.«
Es war dunkel hier am Ende der Welt. Verdammt dunkel.
›Land’s End – Life’s End‹. Vor vielen Jahren war er schon einmal hier gewesen. Zu Beginn seiner Karriere.
Newton Stewart fluchte leise, als er das Schild für die Abzweigung im Scheinwerferlicht zu spät sah. Mystery Manor 3 Miles. Sein Landrover kam schlitternd zum Stehen. Es war nicht nur dunkel wie im Tower von London, es regnete auch noch wie aus Kübeln. ›Fine english weather.‹ Er hätte sich chauffieren lassen sollen, anstatt sich selbst hinters Steuer zu klemmen. Es hatte ewig gedauert, bis der Londoner Feierabendverkehr ihn ausgespuckt hatte und er endlich auf die ruhigeren Nebenstrecken hatte ausweichen können. Normalerweise fuhr er gerne Auto, da war er alleine und hatte seine Ruhe. Aber bei dem Wetter war es eine Zumutung.
Newton setzte den Landrover zurück und bog in die noch schmalere Straße ein, die zum Hotel führte. Auf beiden Seiten wurde sie von niedrigen Steinwällen flankiert, die absolut keinen Gegenverkehr zuließen. Nur ab und an gab es eine Einfahrt oder eine Haltebucht, in der man ausweichen konnte. Aber zu dieser späten Stunde verirrte sich hier sowieso niemand mehr. Konzentriert starrte Newton in die Dunkelheit. Die Scheibenwischer arbeiteten unermüdlich und schoben das Wasser von der Windschutzscheibe, als wäre das Auto ein Schiff bei schwerem Seegang. Der Geländewagen rauschte durch eine Pfütze, und es polterte am Unterboden. Verdammte Schlaglöcher.
Stoisch lenkte Newton den Landrover zurück auf die Straße, da tauchten plötzlich zwei Scheinwerfer in der Kurve vor ihm auf. Der entgegenkommende Wagen machte jedoch keine Anstalten, auszuweichen, und Newton musste hart auf die Bremse steigen, damit er nicht mit dem anderen kollidierte. Gerade noch rechtzeitig konnte er zur Seite fahren, bevor der dunkle Volvo in einem Affentempo an ihm vorbeischoss und beinahe seinen Seitenspiegel touchiert hätte.
»He, du Idiot, Pass doch auf! Du bist hier nicht allein auf der Straße!« Die Rücklichter verschwanden hinter ihm in der Nacht und Newton gab erneut Gas. »Verdammte Landeier!« Dass er überhaupt hier rumgurkte, tat er nur um der Freundschaft mit Patricia A. Swan willen. Die Autorin von Grey‘s Cases hatte ihn darum gebeten, sie bei einem speziellen Anlass zu unterstützen, und er hatte eingewilligt, weil er ihr viel zu verdanken hatte. Nicht nur, weil er in der nach ihren Büchern adaptierten Fernsehserie die Hauptrolle des Inspector Grey spielte, sondern auch, weil sie ihm Aaron Grey direkt auf den Leib geschrieben zu haben schien. Er war Grey und Grey war er. Sie waren ein Dream-Team, also nicht seine Rolle und er, sondern Patricia Swan, die Topautorin, und Newton Stewart, der britische Superstar und George Clooneys heimlicher Cousin, wie ihn die SUN unlängst betitelte. Er wurde sogar als der nächste James-Bond-Darsteller gehandelt, obwohl Newton noch gar nicht wusste, ob er in das Agentenbusiness einsteigen wollte. Er mochte seine übersichtliche Rolle als kongenialer Inspector, der mit Witz und Charme Mordfälle auf dem Lande löste. Und noch mehr als das: Inspector Grey bescherte ihm das Leben, das er ohne die Schauspielerei nie hätte führen können. Die Gründe dafür ... ach, was soll’s, das musste keiner wissen.
Nach einer halben Ewigkeit tauchte am Straßenrand endlich wieder ein Schild mit Mystery Manor darauf auf und dahinter ein Parkplatz mit einem Dutzend Fahrzeugen. Hell erleuchtete Fenster, die in der Schwärze der Nacht zu schweben schienen, zeigten an, dass er sein Ziel erreicht hatte: das alte Herrenhaus, das vor einigen Jahren zu einem Krimihotel umfunktioniert worden war.
Newton parkte seinen Landrover neben einem roten Vauxhall und stellte den Motor ab. Missmutig schaute er durch das Fenster auf die Treppe, die zum matt beleuchteten Eingangsportal hinaufführte. Es regnete immer noch und sein Schirm lag hinten im Kofferraum. Ein kapitaler Fehler. Zumindest hier in Cornwall.
Mit einem Seufzer stieg Newton aus. Ein Begrüßungskomitee konnte er wohl kaum erwarten, dafür war er zu spät dran. Aber das hatte auch sein Gutes. So erregte er wenigstens keine Aufmerksamkeit. Als Superstar war er ständig neugierigen Blicken und aufdringlichen Annäherungsversuchen ausgesetzt. Ein Rummel, der ihm überhaupt nicht behagte. Aber das war wohl der Preis dafür, eine berühmte Person zu sein.
Hastig lief er durch den Regen zum Kofferraum, holte seinen Lederkoffer und seine Anzugtasche heraus und flitzte die Steintreppe zum Eingang hinauf. Als er durch das große Portal trat, wehte ihm stickige Wärme und ein rauchiger Geruch nach einem Kaminfeuer entgegen.
Ein paar offene Schiebetüren mit Butzenglasscheiben führten von der Halle in weitere Gasträume: Frühstücks- und Dinnersaal, Salon, Bar sowie ein Raucherzimmer gaben die vergoldeten Beschriftungen auf den Türrahmen bekannt. Aus der Bar drang leises Gemurmel und Gläserklirren.
Sehr gut, dann konnte er gleich noch einen kleinen Sundowner zu sich nehmen. Newton schüttelte die Regentropfen von seiner Kleidung und strich sich das schwarze Haar glatt, polierte sorgfältig die Spitzen seiner handgefertigten Lederschuhe verstohlen am Teppichläufer. Dann straffte er die Schultern und trat geradewegs auf die verlassene Rezeption zu, an deren Rückwand eine stattliche Sammlung von Messingschlüsseln glänzte.
»Hallo?«, rief er in die dumpfe Stille der Eingangshalle hinein, und nachdem sich nichts rührte, betätigte er die kleine silberne Klingel auf dem Tresen. Kaum, dass der schrille Ton verhallt war, sprang eine Tür auf und eine junge brünette Frau erschien. Ihre Augen weiteten sich, als sie den späten Gast erblickte. Eine der üblichen Reaktionen, wenn Newton die Szene betrat, neben entzücktem Aufjauchzen oder in Ohnmacht fallen. Er wusste, dass er gut aussah, aber sooo gut ... na ja.
Gelassen lächelte er der Rezeptionistin entgegen, auf deren Namensschild Cecilia Clark stand. »Für mich wurde ein Zimmer reserviert, Madam, Newt–«
»Aber natürlich, Mr Stewart. Wir haben Sie schon erwartet. Es tut mir leid, dass Sie durch den Regen laufen mussten. Hätten Sie uns kurz benachrichtigt und Ihre Ankunftszeit durchgegeben, dann hätten wir Sie in Empfang genommen.«
»Schon gut, bin ja nicht aus Kandiszucker.« Er schob sein zweitcharmantestes Lächeln hinterher, das die junge Frau erröten ließ.
»Ja, also«, sie räusperte sich. »Sie haben die Nummer 28 im zweiten Stock. Das ist das Inspector-Barnaby-Zimmer. Ähm, leider haben wir noch kein Inspector-Grey-Zimmer, aber ich glaube, nach Ihrem Besuch werden die Besitzer bestimmt eines einrichten.« Mit einer eleganten Bewegung fischte sie einen der Schlüssel vom Brett hinter sich und überreichte ihn Newton. Als er den Schlüssel aus ihren Fingern nahm, berührten sie einander, was die Rezeptionistin kurz erstarren ließ.
»Äh, ich lasse Ihr Gepäck auf Ihr Zimmer bringen, Mr Stewart. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?« Unsicher lächelte sie ihn an.
»Ist die Bar noch geöffnet?«
»Selbstverständlich. Der Service geht bis Mitternacht.«
»Gut, dann habe ich ja noch zwei Stunden Zeit für den ein oder anderen Drink.« Er zwinkerte ihr zu und ließ den Schlüssel in seiner Jacketttasche verschwinden. Danach schritt er mit angemessener Würde zum Eingang der Bar, der Marmorboden unter seinen Füßen ließ seine Schritte hallen. Vor der Glastür blieb er stehen, zupfte seine Manschetten und Krawatte zurecht und betrat schließlich den dezent abgedimmten Raum. Mit geübtem Blick erfasste er die Umgebung. Ihm gegenüber verlief eine lange Theke aus schwerem Eichenholz und einem klassischen Spiegel an der Rückwand. Vor dem Tresen standen etwa ein halbes Dutzend Tische, an denen ein paar Gäste saßen und sich unterhielten. Newton kannte keinen davon. Patricia und ihr Mann waren wohl schon auf ihrem Zimmer. Schade, er hätte sie gerne begrüßt.
Bevor einer der Gäste bemerken konnte, wer da den Raum betreten hatte, begab sich Newton in eine dunkle Ecke der Bar und lehnte sich auf den Tresen. Neben ihm saß nur noch ein anderer Mann auf dem Barhocker. Er hatte ein leeres Glas vor sich stehen und starrte darauf, als könne er aus den Bierschaumresten die Zukunft lesen.
»Was darf es für Sie sein, Sir?«, fragte der Barkeeper.
»Eine Pimm’s Lemonade, bitte.«
»Gern.« Der Mann machte sich an die Arbeit und befüllte ein Highballglas, das er keine Minute später auf einer kleinen Serviette und mit einer Schale voller Erdnüssen vor Newton platzierte.
»Cheers«, prostete er dem Barkeeper zu, der ihm mit professioneller Miene zunickte. Entweder hatte er ihn nicht erkannt, oder er tat so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Guter Mann!
Newton nahm ein paar Schlucke und genoss das Geräusch der im Glas klirrenden Eiswürfel. Der Pimm’s war perfekt. Weniger perfekt hingegen war, dass der Mann neben ihm begonnen hatte, ihn anzustarren.
Newton versuchte, ihn zu ignorieren. Doch es gelang ihm nicht, denn der Typ glotzte geradezu ein Loch durch ihn hindurch. Newton war einiges gewohnt: Unaufgeforderte Selfies mit Fans, auf die Wange geschmatzte Küsse, BHs, die nach ihm geworfen wurden, oder das obligatorische »Ich will ein Kind von dir, Newton! Heirate mich!«. Auch das. Was er aber wirklich und wahrhaftig hasste, war, wenn man ihn einfach nur anstarrte.
Er stellte das Glas ab und wandte langsam den Kopf, dabei vermied er es, dem Mann in die Augen zu sehen. Er wollte schließlich keinen Streit anfangen, nur seine Ruhe.
»Entschuldigen Sie, Sir. Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er in deeskalierendem Tonfall. In Englands Kneipen wusste man nie, welchem Hooligan man gegenübersaß. Der Typ war zwar älteren Semesters, wirkte aber nicht wie jemand aus der High Society. Sein stumpfes graues Haar hatte lange keinen Frisör mehr gesehen und seine Haut bestimmt noch nie eine Kosmetikerin. Die Pockennarben in seinem Gesicht wirkten wie eine 3D-Replik der Mondfotos von 1969.
»Sie sind Newton Stewart«, sagte der Kerl, ohne eine Miene zu verziehen. Sein Blick durchbohrte einen Punkt etwas oberhalb von Newtons Herz.
»Und wer sind Sie?«, fragte Newton genervt zurück.
»Baily, Edward Baily. Für Sie Eddie.«
Newton nickte und nahm sein Glas wieder in die Hand. Er hatte wenig Lust, den Typen näher kennenzulernen. Leider starrte der immer noch.
»Waren Sie schon mal im Schlafzimmer von Patricia Swan?«, fragte dieser unvermittelt. »Trägt sie nachts ein Negligé?«
Newton blinzelte. Er wollte gerade darauf antworten, als ihm der Barkeeper zu Hilfe kam.
»Möchten Sie noch ein Bier, Mr Baily, oder kann ich Ihnen die Rechnung bringen?«
Baily löste seinen Blick von Newtons Herzregion und sah auf sein leeres Pint.
»Hmmm«, machte er nachdenklich.
