Jetzt wirds ernst - Robert Seethaler - E-Book
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Beschreibung

»Mein Weg ans Theater war verschlungen. Unvorhersehbar. Holprig. Als Kind hasste ich es sogar, angesehen und vorgeführt zu werden« – so beginnt Robert Seethalers eigenwilliger Held seine Geschichte. Eine Geschichte, die mit der Kindheit im kleinen Friseursalon der Eltern beginnt, gefolgt von der turbulenten Freundschaft mit dem treuen Begleiter und ewigen Konkurrenten Max und dem ersten Verliebtsein in Lotte mit den grellpinken Zehennägeln. Doch so viel Unglück diese Liebe über den Helden bringt, so viel Glück bedeutet sie letztlich auch, denn durch sie kommt er zum Theater – Tschechow hin oder her – und beginnt damit seinen langen, steinigen Weg zum Schauspieler und schließlich gar raus aus der Provinz.

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MOBI

Seitenzahl:353


INHALT

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ÜBER DEN AUTOR

Robert Seethaler, geboren 1966, wurde 2007 für seinen Roman Die Biene und der Kurt mit dem »Debüt-Preis des Buddenbrookhauses« ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das »Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste«. Der Film nach seinem Drehbuch Die zweite Frau wurde mehrfach ausgezeichnet und lief auf verschiedenen internationalen Filmfestivals. 2008 erschien sein zweiter Roman Die weiteren Aussichten. Im Juli 2010 erschien sein dritter Roman Jetzt wirds ernst bei Kein & Aber. Robert Seethaler lebt in Berlin und Wien.

ÜBER DAS BUCH

»Mein Weg ans Theater war verschlungen. Unvorhersehbar. Holprig. Als Kind hasste ich es sogar, angesehen und vorgeführt zu werden« – so beginnt Robert Seethalers eigenwilliger Held seine Geschichte. Eine Geschichte, die mit der Kindheit im kleinen Friseursalon der Eltern beginnt, gefolgt von der turbulenten Freundschaft mit dem treuen Begleiter und ewigen Konkurrenten Max und dem ersten Verliebtsein in Lotte mit den grell-pinken Zehennägeln. Doch so viel Unglück diese Liebe über den Helden bringt, so viel Glück bedeutet sie letztlich auch, denn durch sie kommt er zum Theater – Tschechow hin oder her – und beginnt damit seinen langen, steinigen Weg zum Schauspieler und schließlich gar raus aus der Provinz. Ausgelassen, mit viel Zärtlichkeit, aber in seinem typisch lakonischen Ton wagt sich Seethaler ganz dicht an seine Figuren und erzählt von all den kleinen und großen Dingen, die sie und ihre Wege zeichnen.

»Robert Seethaler nimmt uns mit auf den turbulenten Weg seines Helden: raus aus der Provinz, rauf auf die Bühne.«

Cosmopolitan

DER STURZ DES APFELBAUMS

Die Vorstellung ist gut besucht. Aus dem Zuschauerraum dringt das helle Stimmengewirr gedämpft zu mir in die Dunkelheit hinter der Bühne. Durch den Guckschlitz im Seitenportal luge ich vorsichtig hinaus. Etwa dreißig oder vierzig Vorschulkinder drängen sich in den Stuhlreihen und verfolgen die merkwürdigen Bühnengeschehnisse. Ihre vom klirrend kalten Wintermorgen immer noch verrotzten Gesichter leuchten vor Aufregung. Dabei plappern, kichern, tuscheln und zischeln sie durcheinander wie ein Spatzenschwarm in einer nachtdunklen Baumkrone. An der Rückwand stehen die Tanten, zwei riesige Frauen in wallenden Hosen und wild gemusterten Pullovern. Sie haben ihre Arme vor den gewaltigen Brüsten verschränkt und überwachen den Raum. Nichts entgeht ihnen, keine versteckten Boxhiebe, Spuckattacken, Heulanfälle oder vorgetäuschten Übelkeitsanflüge. Ein kurzes Heben der buschigen Augenbrauen genügt, um die Kinder schnell wieder ins unsichtbare Geschirr von Zucht und Ordnung zu spannen. Keine Frage: Die Tanten haben die Sache im Griff.

Mein Kopf steckt fast zur Gänze zwischen den Falten des schweren Samtvorhangs. Der Staub unzähliger Theateraufführungen kitzelt in meiner Nase. Ich unterdrücke den Niesreiz und gebe das Zeichen. Die Scheinwerfer gehen aus. Schwarz. Absolute Dunkelheit. Ein kühler Atemhauch an meiner Stirn. Ein Luftzug, der am Vorhang hinunterzugleiten scheint und mein Gesicht streift. Mit einem blechernen Sirren gehen die Scheinwerfer wieder an. Der Staub tanzt im Licht, das Spatzengezwitscher erstirbt, und ich setze mich in Bewegung.

Langsam, sehr langsam stakse ich quer über die kleine Bühne bis ganz nach vorne an die Rampe und recke mit hölzernen Bewegungen meine Äste in die Höhe. Die steifen, mit echter Rinde beklebten Stoffbahnen umspannen meinen Körper, auf meinem Kopf raschelt leise das Laub, meine Äpfel glänzen wie die roten Rotzgesichter der Zuschauer.

»Guten Morgen, Kinder!«, sage ich mit knarrender Stimme. »Ich bin der Apfelbaum!«

Wie immer antworten die Kinder, lachen, klatschen, trampeln mit den Füßen. Einige springen sogar auf und rufen mir irgendetwas zu. Ich verstehe sie nicht mehr. Ihre Worte verschwimmen zu einem einzigen, undeutlich wabernden Geräuschestrom. In meinem Kopf wummert und dröhnt es. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie betäubt. Nur im Magen blubbert eine eklige, dickflüssige Suppe. Ich versuche mich zusammenzureißen und einfach weiterzumachen.

»Vor Hunderten … von … äh … Jahren … äh …«

Aus. Der Text ist weg. Wie weggeblasen. Nie da gewesen. Ich stehe hier an der Rampe, dort unten sitzt das Publikum, und ich bin der Apfelbaum, so viel ist klar. Aber was, verdammt nochmal, war vor Hunderten von Jahren losgewesen?

»Vor Hunderten … von … äähh …«

Nichts. Ich spüre, wie mir der kalte Schweiß den Rücken hinunterläuft und sich am Unterhosengummi zu einem kleinen Rinnsal sammelt. Fast im selben Moment wird mir schwarz vor Augen, und kleine leuchtende Punkte ziehen in seltsam geschwungenen Bögen in meinem Gesichtsfeld vorüber. Der Kreislauf. Eine kurze Schwäche. Das kennt man ja. Das ist nichts. Das geht vorbei.

Doch es geht nicht vorbei. Die Punkte vermehren sich mit rasender Geschwindigkeit, beginnen zu tanzen und kleine flinke Kapriolen zu schlagen. Ich versuche es noch einmal:

»Vor … äh … äähh … ääähhh …«

Das wars. Endgültig.

Ich schnappe nach Luft. Reiße den Mund auf. Die Augen. Werfe den Kopf in den Nacken, sehe, wie die Pünktchen über mir verglühen. Es wird dunkel. Es rauscht in der Baumkrone, die Nacht fällt lautlos vom Himmel, die Sterne verzischen in der tiefen Finsternis, der Boden bricht auf, und ich taumle einem dumpf pochenden Abgrund entgegen.

Ich werde sterben.

Ich bin schon tot.

Es dauert höchstens ein, zwei Sekunden, dann bin ich wieder bei mir. Aber zu spät. Ich wanke bereits, torkele, versuche einen stabilisierenden Ausfallschritt, rudere mit den Armen, trete auf eine meiner Pappmachéwurzeln, stolpere, verliere das Gleichgewicht und kippe langsam von der Bühne. Gerade noch kann ich erkennen, wie die Kinder nach allen Seiten hin wegspringen. Gleichzeitig schießen mir in rasender Geschwindigkeit Fragen wie leuchtende Schriftbänder durch den Kopf: Warum bin ich hier? Warum stecke ich ausgerechnet in einem Apfelbaumkostüm? Was will ich? Wer bin ich? Was zum Teufel ist nur geschehen?!

Im nächsten Moment krache ich mit der Stirn an eine Stuhllehne. In meinem Kopf explodiert ein greller Feuerball, und ich bin weg.

VOM SOUNDTRACK DER ERSTEN JAHRE

Mein Weg zum Theater war verschlungen. Unvorhersehbar. Holprig. Als Kind hasste ich es sogar, angesehen und vorgeführt zu werden. Die Blicke anderer Menschen empfand ich als Zumutung. Nie wollte ich im Mittelpunkt stehen, ich wollte überhaupt nie irgendwo stehen. Ich wollte sitzen, kauern oder zusammengerollt in einer Ecke liegen, irgendwo am Rande der Gemeinschaft, von niemandem beachtet und in der Sicherheit von Schatten und Anonymität. Eigentlich wollte ich nur meine Ruhe, und ich hasste alles, was Licht auf mich werfen konnte: Kerzen, Lampen, Kronleuchter, Scheinwerfer.

Ganz zu Beginn meines Lebens hasste ich sogar das Tageslicht.

Mit meiner ganzen Kraft weigerte ich mich, das wohlige Weltall des Mutterbauches zu verlassen. Ich wollte ewig so weiterschweben in der warmen Nacht, nur begleitet vom dumpfen Schlag des großen Herzens über mir, dem gelegentlichen Darmgluckern direkt vor meinem Gesicht und den rätselhaften, gedämpften Geräuschen einer unbekannten Welt jenseits meines Universums.

Und ich schaffte es auch ziemlich lange, mich den Wehen und den verschiedenen ärztlichen Bemühungen entgegenzustemmen, siebenunddreißig Stunden lang, um genau zu sein. Doch plötzlich ging alles schnell. Die Wehen rollten immer druckvoller und in immer kürzeren Abständen heran. Ihre schiere Kraft schob und presste mich in Richtung Ausgang. Es wurde ungemütlich. Schließlich platzte mit einem ohrenbetäubenden Knall die Fruchtblase und ich tauchte mit der Stirn voran in eine weiche Masse. Ein geheimnisvolles, dunkles Rauschen. Überall, unter mir, über mir, in mir. Gleichzeitig begann sich meine Schädeldecke zu verformen, mein Gesicht wurde gequetscht, die Wangen verschoben, die Ohren verfaltet. Und plötzlich ging nichts mehr voran. Für einen unendlich qualvollen Augenblick ging es nicht weiter. Aber auch nicht zurück. Ich rührte mich keinen Millimeter, steckte fest, gefangen in dem engen Raum, der eben noch meine Freiheit war.

Auf einmal gab es einen Ruck, etwas blubberte und schmatzte laut, direkt vor meinem Gesicht glitt das pulsierende Fleisch auseinander und mit einem weiteren satten Schmatzen rutschte ich ins Freie.

Sofort wurde ich gepackt, verdreht und zurechtgerückt. Etwas zog und zerrte an mir, es gab einen weiteren Ruck, etwas heftiger noch als der erste, und plötzlich baumelte ich kopfüber im Nichts. Das Blut schoss mir in den Kopf und füllte ihn bis zum Platzen aus. Es war eisig kalt, der Lärm überwältigend, Licht brannte mein Schädelinneres aus, grell, leuchtend, rosarot, mit einem saugenden Geräusch, einer Art lang gezogenem Seufzen, brachen meine Lungen auf, ein heller Schmerz durchzuckte meinen ganzen Körper, und ich begann zu brüllen.

Das Krankenbett ist ein Schlachtfeld, durchtränkt von Blut, Schweiß und allen möglichen anderen Flüssigkeiten. Irgendwie habe ich es geschafft und liege jetzt in ein Tuch gewickelt auf dem leeren Bauch meiner Mutter, faltig, verbeult, vollkommen unbehaart und bläulich-violett. Ich kann das vertraute Darmgluckern hören, das dumpfe Schlagen des großen weichen Herzens, leise, gedämpft, wie aus weiter Entfernung. Ganz nah ist meine Heimat und doch so unerreichbar.

Irgendwo im Zimmer kramt leise fluchend eine Frau in einem weiß-blauen Kittel herum. Die Hebamme. Oder die Putzfrau. Das macht keinen Unterschied mehr. Am Ende der Schlacht sind alle Uniformen gleich. Meine Mutter liegt unter mir, ausgepumpt und schlaff. Ihre Augen sind geschlossen, der Atem geht ruhig, die Hände liegen leicht und warm auf meinem Rücken und bedecken ihn fast zur Gänze. Auf einem Stuhl neben dem Bett sitzt vornüber gebeugt mein Vater, immer noch zitternd nach der Erschütterung. Draußen auf der Straße rauschen Autos vorüber. Mutter öffnet die Augen. Vater legt seine Hand auf ihre Schulter. Die weiß-blaue Frau geht leise fluchend aus dem Zimmer. Eine Leuchte sirrt von der Zimmerdecke herunter.

Das also ist das Leben.

Die Zeit und die Wirkung einer von Vater eigenhändig zusammengepanschten Kräutersalbe glätteten die Schrammen und Beulen meiner Geburt. Die Kräuter stammten aus dem winzigen, von hohen Hecken umwucherten Gärtchen hinter dem Haus, das wir am Stadtrand bewohnten. Jeden Morgen lief Vater gebückt unter dem verkrüppelten Kirschbaum herum und rupfte kleine Büschel aus dem taunassen Boden. Das Zeug wurde in einer Tonschale eingeweicht, mit einem Mörser zermanscht und dann als dicke, hellgrüne Paste überall auf meinem Körper verschmiert. Ich stank wie ein Komposthaufen, aber bald gewöhnte ich mich daran. Und irgendwann hatte sich das Ganze sowieso erledigt und ich hatte mich zu einem einigermaßen ansehnlichen Jungen ausgeformt.

Vater jedenfalls hatte Freude an den Kräutern. Er wäre gerne Naturwissenschaftler geworden. Oder Pflanzenkundler. Oder wenigstens Apotheker. Das Schicksal in Gestalt seiner kriegsmüden Eltern hatte allerdings etwas anderes für ihn vorgesehen. Er wurde Friseur.

An der Vorderseite unseres Hauses, zur Straße hin, lag der Friseursalon. Auf einem Blechschild über der Eingangstür stand in großen mattgoldenen Buchstaben das Wort Coiffeur hingepinselt. Und darunter: Frisuren für die Dame und den Herren.

Sechs Tage in der Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, ohne Krankheitsunterbrechung, ohne Urlaubspausen, standen Vater und Mutter in dem kleinen Laden und bedienten die Kunden. Die Arbeitsteilung war einfach: Vater schnitt, Mutter wusch.

Eine Ecke war für mich reserviert. Dort saß ich auf einer flauschigen Wolldecke und konnte ungestört die Vorgänge im Salon verfolgen. Mutters ruhige, sanfte Bewegungen. Vaters wendige Handgriffe. Das Aufblitzen der von einem verirrten Sonnenstrahl getroffenen Rasierklinge. Das bunte Gewackel der Lockenwickler auf den Kundenköpfen und so weiter. Ich mochte das. Alles war so selbstverständlich, gleichzeitig schien es jedoch einer geheimen Ordnung unterworfen zu sein, jede Bewegung schien mit den anderen Bewegungen im Raum zusammenzuhängen, sie zu beeinflussen und überhaupt erst zu ermöglichen.

Aber noch lieber hatte ich die Geräusche. Das Klappern der Schere, das helle Rauschen der Trockenhaube, das sonore Summen des Rasierapparats, das angriffslustige Fauchen des Föhns, das ruhige Plätschern des warmen Wassers, das Geplauder der Damen, das Schnarchen der Herren, all das sammelte sich zu einem beständigen, nie abreißenden Geräuschteppich, der über allem schwebte und quasi den Soundtrack meiner frühen Kindheit bildete. Ich saß still und zufrieden in meiner Ecke und hörte zu, wie die Jahre vergingen.

BUMSEN MIT TRIXIE

Es war ein brütend heißer Sommersonntag. Der Himmel schien ungewöhnlich hell, fast weiß. Keine Wolke. Kein Wind. Hoch oben zitterte die Sonne in ihrer eigenen Hitze. Meine Eltern hatten mich mit einer großen Tüte Karamellbonbons in den Garten geschickt und sich aus irgendwelchen Gründen ins Schlafzimmer verzogen.

Da stand ich jetzt, nur mit einer winzigen roten Badehose bekleidet, die Tüte mit den Bonbons in der Hand, einen ganzen leeren Nachmittag vor mir und tausend schwirrende Fragen in meinem dummen Bubenkopf.

Der Garten summte. Ein gelber Schmetterling torkelte vorüber, landete auf einem Halm, torkelte weiter, verschwand hinter dem Haus. Ich schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Plötzlich begann es mich zu schütteln. Das Glück hatte mich gepackt und rüttelte mich nun ordentlich durch. Ich lachte, schrie auf und schmiss die Arme in die Höhe. Die Karamellbonbons flitzten aus der Tüte und segelten wie kleine braune Meteore durch die Luft. Ich ließ mich nach hinten fallen und blieb auf dem Rücken liegen. Das Gras war trocken und warm. Darunter pulsierte die Erde, hob und senkte sich wie der Rücken eines großen Tieres.

Aus dem Schlafzimmer der Eltern drangen ein dumpfes Poltern und das überdrehte Kichern meiner Mutter. Ein einzelner Schweißtropfen löste sich von meiner Schläfe, kullerte hinters Ohr und verfing sich irgendwo im Haaransatz. Meine Stirn brannte unter der Sonne. Der Himmel strahlte in seiner ungewöhnlichen Helligkeit. Ich sprang auf, sammelte die verstreuten Bonbons ein und rannte quer über die Rasenfläche, am Kirschbaum vorbei, und zu der hohen Hecke hinüber, die unser Grundstück von der Nachbarschaft abschottete. Ich bog ein paar Äste zur Seite und kroch ins Gebüsch.

Drinnen war es angenehm kühl. Durch das dichte Blätterdach drang nur wenig Sonnenlicht herein. Ich hockte mich in meine Kuhle und ruckelte mir den Hintern zurecht. Dieser Platz war mein Rückzugsgebiet, mein ganz privater Schutzraum.

Ein winziger, dunkelgrün glänzender Käfer krabbelte träge über meinen Handrücken. Ich beobachtete ihn eine Weile, dann schnippte ich ihn ins Dickicht und steckte mir ein Karamell in den Mund.

Drüben auf dem Nachbargrundstück tat sich was. Leute standen im Garten herum. Redeten. Lachten. Ließen Gläser klirren. Frauen in Blümchenschürzen, Männer in Unterhemden. Uralte Knacker. Dreißig oder noch älter. Ich schob einen Zweig zur Seite und spuckte aus der Hecke heraus. Im hohen Bogen zischte der gleißende Tropfen meiner Verachtung durch die Luft und landete unbemerkt im Nachbarrasen.

Die Männer kippten Bier aus Dosen, die Frauen schlürften Sekt aus dünnen Gläsern. Auf einem wackeligen Grill brutzelten ein paar Würstchen. Das Fett tropfte zischend auf die glühenden Kohlestücke, und der Geruch von verbranntem Fleisch und billigem Parfum lag in der Luft. Alle waren gut gelaunt. Es wurde viel gelächelt, gezwinkert, mit dem Plastikschmuck geklimpert und so weiter. Goldzähne blitzten in der Sonne. Aus Sockenbündchen quoll das Wadenfett in winterlich weißen Wülsten heraus. In einem kleinen Rekorder eierte eine Kassette und untermalte alles mit einer Art blecherner Gute-Laune-Musik.

Ich wollte gerade wieder Speichel sammeln, um ein weiteres Geschoss abzuschicken, als ich sie sah: Ungefähr mein Alter, klein, pummelig, Pferdeschwanz, schwarze Lackschuhe, weiße Söckchen, blauer Rock, gelbes Haarband. Stand einfach da, regungslos wie eine Statue, und starrte genau zu mir herüber. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Blieb ganz still. Atmete nicht. Doch es war zu spät. Plötzlich setzte sie sich in Bewegung, hopste quer über den Rasen, ließ sich auf die Knie fallen und kroch zu mir ins Gebüsch.

Alles in mir spannte sich an. Ich wusste, dass ich aufpassen musste. Die Sache war mir unangenehm. Unheimlich. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, die Kleine saß nun einmal da. Vorsichtig hielt ich ihr die Tüte mit den Karamellbonbons hin. Sie nahm drei und steckte sie sich in den Mund. Eine Weile saßen wir leise lutschend da und starrten uns an.

»Magst du bumsen?«, fragte sie plötzlich und zeigte auf meine Badehose.

Das kam überraschend. Ich hatte von diesem Bumsen schon gehört, allerdings immer nur in irgendwelchen nebulösen, völlig unverständlichen Zusammenhängen.

»Und du?«, fragte ich vorsichtig zurück.

»Klar!«, sagte sie. »Zieh die Hose aus!«

Das klang vernünftig. Ich zog meine Badehose aus und hängte sie an einen Ast in Blickhöhe. Eine Weile geschah nichts. Die Erde war kühl unterm Hintern. Im Hintergrund plätscherte das Stimmengewirr der Grillgäste und das blecherne Gedudel aus dem Rekorder.

Plötzlich fasste sie sich an den Hinterkopf, zog ihr gelbes Haarband vom Pferdeschwanz, beugte sich nach vorne, griff beherzt zu und band mir eine große Schleife um meinen Pimmel.

Ich war beeindruckt. Ich hatte das Schleifenbinden noch nicht gelernt, weder im Kindergarten noch zu Hause, sie hingegen brauchte nur ein paar Handgriffe und das Ding saß. Das kleine Luder hatte Erfahrung.

»Schön!«, nickte sie anerkennend und stopfte sich drei oder vier weitere Bonbons in den Mund. Jetzt erst sah ich ihre Augen. Sie waren ungewöhnlich groß und grün. Glänzend grün wie der Panzer des Käfers, den ich vorher ins Gebüsch geschnippt hatte. Und auf einmal sah ich auch ihre Zahnlücken, tief und dunkel wie Baugruben.

Vom Nachbargrundstück keifte eine schrille Frauenstimme herüber:

»Trixiiie!«

Das Mädchen zuckte zusammen als hätte ihr jemand mit einem nassen Lappen in den Nacken geschlagen.

»Ich geh dann mal!«, sagte sie schnell, nickte mir zu, kroch aus der Hecke, lief zu ihren Leuten hinüber und verschwand im Haus.

Ich blieb zurück, in meinem Blätterdachdunkel, eine gelbe Schleife um den Pimmel und ein seltsames Schwirren im Kopf.

Das also war Bumsen. Unspektakulär eigentlich. Obwohl ich davon bislang allerhöchstens ein paar verschwommene Fantasien und dementsprechend wenig Erwartungen gehabt hatte, war ich doch ein wenig enttäuscht.

Und trotzdem hatte die kurze Begegnung mit Trixi etwas in mir ausgelöst. Etwas nicht zu Benennendes. Etwas Unsagbares. Vielleicht waren es die Augen, vielleicht die Zahnlücken, vielleicht die kleinen Bewegungen der rosigen Wurstfinger an meinem Pimmel, schwer zu sagen. Irgendetwas jedenfalls hatte mich in eine nie gekannte innere Verwirrung gestürzt und eine Sehnsucht in mir entzündet, die nicht mehr zu löschen sein würde. Nie mehr.

Die Bonbons waren alle. Ich kroch ein wenig benommen aus der Hecke und ging zum Haus hinüber. Zwischen meinen Beinen wippte die Schleife wie ein großer gelber Schmetterling. Aus dem Schlafzimmer im ersten Stock drangen immer noch die fröhlichen Geräusche meiner Eltern ins Freie.

Ein leichtes Lüftchen kam auf. Mein Schmetterling zitterte leicht. Dann schlug er ein-, zweimal mit den Flügeln, hob ab und trug mich am Schlafzimmerfenster vorbei, über den Kirschbaum, über unser Haus, über die Dächer der Stadt, hoch und höher und immer weiter durch die restlichen Tage dieses kurzen heißen Sommers.

KASPERLS TOD

Mit sechs Jahren kam es zu meiner ersten Begegnung mit dem Theater. Eines Morgens lag ein kleines rosarotes Krtchen neben meiner Kakaotasse auf dem Frhstckstisch. Eine Eintrittskarte mit gestanzten Abrisslchern. Immer wieder musste mir Mutter die ernsten Anweisungen darauf vorlesen: Eintritt fr ein Kind, keine Ermigung, Beginn dann und dann, Reihe dort und dort, Sitz so und so. Der Titel des Stckes lautete Kasperls geraubtes Picknick.

An einem trben Regennachmittag bestiegen wir die Straenbahn und fuhren die paar Stationen bis ans andere Ende der Stadt. Es war ber Nacht kalt geworden. Drauen dampfte der nasse Asphalt und die Menschen hasteten mit Hten, Schirmen und hochgeschlagenen Krgen geduckt durch die Straen, whrend ich wohlig eingezwngt zwischen meinen Eltern sa, das unregelmige Ruckeln der Straenbahn unterm Hintern und eine seltsam prickelnde Erregung in der Brust.

Gleich gegenber der Haltestelle befand sich das Theater. Beziehungsweise das in den Fnfzigerjahren hingewrfelte Volkshochschulgebude mit angeschlossener Mehrzweckhalle. Die Veranstaltung schien jedenfalls gut besucht zu sein. Da es mittlerweile wie aus Kbeln schttete, drngelten sich die Leute im Eingangsbereich. Es herrschte ein brutales Geschiebe und Getrampel wie bei einer dieser afrikanischen Rinderherden whrend der verzweifelten berwindung einer lehmigen Flussbettbschung.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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