Jnana Yoga - Ein Kurs im Yoga des Wissens - Yogi Ramacharaka - E-Book

Jnana Yoga - Ein Kurs im Yoga des Wissens E-Book

Yogi Ramacharaka

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Beschreibung

Jnana Yoga - Yoga des Wissens, Yoga der Erkenntnis, Yoga der Weisheit. Eine ganz eigene, spezielle Yoga-Richtung, in der es vor allem um das Verstehen geht. Im Gegensatz zum beliebten Hatha Yoga, ist Jnana Yoga bei uns eher wenig bekannt. Es wird bisher nur selten gelehrt und gibt auch kaum deutschsprachige Literatur dazu. Dabei hat gerade diese Yoga-Richtung sehr viel mehr zu bieten, als die meisten Menschen ahnen. Dieses Jnana-Yoga-Buch entstand bereits vor über hundert Jahren. Ursprünglich wurde es in Form von einzelnen Lektionen, die in regelmäßigen Abständen an einige wenige Interessierte versendet wurden, veröffentlicht. Absicht und Ziel war es, den Menschen im Westen die beeindruckend tiefgründigen indischen Lehren und Überlieferungen des Yoga näherzubringen, die in unserem Kulturkreis zu diesem Zeitpunkt noch weitestgehend unbekannt waren. Um den Interessierten den Einstieg zu erleichtern, wurde beim Verfassen dieser Lehrbriefe - so weit es möglich war - auf die Verwendung zu fremdartiger Begriffe verzichtet und stattdessen andere Worte und Umschreibungen verwendet, die im Westen leichter zu verstehen sind, ohne jedoch die ursprüngliche Bedeutung zu verzerren. Der Kurs in Jnana-Yoga bildete dabei das Ende und den krönenden Abschluss einer langen Reihe von Kursen über die verschiedensten Yoga-Themen und Bereiche. Ungefähr zwei Jahre nach Versendung der letzten Lektionen - im Jahre 1909 - wurde der gesamte Kurs dann erstmals auch in Buchform veröffentlicht. Seitdem gilt dieses Werk im englischen Sprachraum als einer der großen, zeitlosen Klassiker auf diesem Gebiet und erfreut sich selbst heute noch hoher Beliebtheit. Über hundert Jahre nach seiner englischen Erstveröffentlichung liegt dieses Buch endlich auch in deutscher Übersetzung vor.

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Seitenzahl: 383

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Jnana Yoga

Yogi Ramacharaka William Walker Atkinson

2015 EDITION SOLIS

Inhaltsverzeichnis

- 1 -Das All-Eine

- 2 -Allgegenwärtiges Leben

- 3 -Der schöpferische Wille

- 4 -Das Einssein allen Lebens

- 5 -Das Eine und die Vielen

- 6 -Im Inneren des Einen Bewusstseins

- 7 -Kosmische Evolution

- 8 -Der Aufstieg des Menschen

- 9 -Reinkarnation

- 10 -Spirituelle Evolution

- 11 -Das Karmagesetz

- 12 -Verschiedenes

Lektion 1

Das All-Eine

Die Philosophie der Yogis kann in vier unterschiedliche Bereiche aufgeteilt werden. Als Erstes gibt es den Bereich, der als Hatha-Yoga bekannt ist. Dieser beschäftigt sich mit dem physischen Körper, dessen Beherrschung, Wohlbefinden, der Gesunderhaltung und den dazugehörigen Gesetzmäßigkeiten. Zweitens gibt es den Bereich, der Raja Yoga genannt wird. Dieser beschäftigt sich mit dem Bewusstsein, dessen Beherrschung, Weiterentwicklung und Entfaltung. Als Drittes gibt es noch den Bereich, der als Bhakti-Yoga bekannt ist. Dieser beschäftigt sich mit der Liebe des Absoluten – Gott. Und schließlich gibt es den vierten Bereich, der Jnana-Yoga genannt wird. Dieser beschäftigt sich mit der rationalen und intellektuellen Erkenntnis hinsichtlich der großen Fragen des Lebens als solches und dem, was diesem Leben zugrunde liegt – dem Mysterium des Universums.

Jeder dieser vier Yoga-Bereiche ist jeweils ein spezieller Pfad, der auf das eine Ende hinzielt: Entfaltung, Weiterentwicklung und Wachstum. Derjenige, der zuerst seinen physischen Körper weiterentwickeln möchte und diesen beherrschen und stärken, um ihn so zu einem für das Höhere Selbst geeigneten Instrument zu machen, der folgt dem Pfad des Hatha Yoga. Wer seine Willenskraft und mentalen Fähigkeiten steigern sowie die inneren Sinne und latent vorhandenen Kräfte entfalten möchte, der folgt dem Pfad des Raja Yoga. Derjenige, der sich durch „Wissen“ und „Erkenntnis“ weiterentwickeln möchte, also durch das Studium der besonderen Gesetzmäßigkeiten und der wundervollen Wahrheiten, die dem Leben zugrunde liegen, der folgt dem Pfad des Jnana-Yoga. Und derjenige, der durch den Einfluss der Liebe in die Vereinigung mit dem Einen Leben hineinwachsen möchte, der folgt dem Pfad des Bhakti-Yoga.

Allerdings sollte niemand annehmen, dass sich der Yoga-Schüler nur auf einen einzigen dieser Pfade beschränken müsste. Das machen nur sehr wenige Menschen. Die meisten ziehen es vor, ein ganzheitlicheres Wissen zu erlangen, und beschäftigen sich daher mit den Prinzipien mehrerer Bereiche, um so von allem etwas zu lernen. Auch wenn selbstverständlich meist dem Bereich Vorzug gegeben wird, der einen am stärksten interessiert.

Es ist für jeden gut, ein wenig über Hatha-Yoga zu wissen, um zu erfahren, wie man den Körper reinigt, stärkt, gesund erhält und so zu einem für das Höhere Selbst besser geeigneten Instrument macht. Jeder sollte ein wenig über Raja-Yoga wissen, um zu lernen, wie man sein Bewusstsein weiterentwickelt, und dieses – wie auch den Willen – zu gebrauchen und zu beherrschen lernt. Für jeden ist es hilfreich, etwas über die Weisheit des Jnana-Yoga – der Wissenschaft des Seins – zu erfahren, um so die wundervollen Wahrheiten zu erkennen, die dem Leben zugrunde liegen. Und selbstverständlich ist es auch für jeden gut, ein wenig über Bhakti-Yoga zu wissen, um so die großartigen Lehren verstehen zu lernen, die sich mit der Liebe beschäftigen, die allem Leben zugrunde liegt.

Einen Hatha-Yoga- und einen Raja-Yoga-Kurs haben wir bereits zusammengestellt, beide sind auch in Buchform erhältlich. In den „14 Lektionen“ und dem darauffolgenden Fortgeschrittenen-Kurs [Anm.: auf Deutsch unter dem Titel „Philosophie der Yogi, Teil 1 und 2“ erschienen] hatten wir schon ein wenig über Jnana-Yoga erzählt. In dem Fortgeschrittenen-Kurs schrieben wir über Bhakti-Yoga und hoffen, euch auch in den weiteren Kursreihen etwas darüber etwas darüber lehren zu können. Denn wir können uns nicht vorstellen, wie man einen der anderen Yoga-Bereiche lehren oder studieren kann, ohne vom Gefühl der Liebe und dem Einssein mit der Quelle allen Lebens erfüllt zu sein. Den Schöpfer allen Lebens zu erkennen, bedeutet, ihn zu lieben. Und je mehr wir über ihn wissen, desto intensiver wird diese Liebe. Doch in diesem Kurs, von dem dies nun die erste Lektion ist, werden wir uns ausführlich mit dem Thema Jnana-Yoga beschäftigen – dem Yoga des Wissens. Wir werden uns bemühen, einige der bedeutendsten und tiefgründigsten Lehren zu veranschaulichen.

Wir vertrauen darauf, auf diese Weise in euch ein noch klareres Erkennen eurer Beziehung zum All-Einen zu erwecken, und auch eine entsprechende Liebe demgegenüber, also dem, in dem wir leben, uns bewegen und unser Dasein haben. Wir bitten um eure liebevolle Anteilnahme und Mitarbeit bei dieser Aufgabe.

Lasst uns mit der Betrachtung dessen beginnen, was wir die „Fragen aller Fragen“ nennen: Was ist Wirklichkeit? Um diese Frage zu verstehen, müssen wir uns umschauen und die sichtbare Welt betrachten. Was wir dort sehen, sind gewaltige Mengen von etwas, das die Wissenschaft „Materie“ nennt. Wir sehen die Aktivität eines wundervollen Etwas – in vielen verschiedenen Erscheinungsformen –, das „Energie“ genannt wird. Und wir sehen andere Dinge, die wir „Lebensformen“ nennen – ebenfalls in vielen unterschiedlich komplexen Erscheinungsformen, vom winzig kleinen Prokaryoten (ein zelluläres Lebewesen, das keinen Zellkern besitzt) bis hinauf zu der Lebensform, die wir Mensch nennen.

Aber diese Welt der Erscheinungsformen mit wissenschaftlichen Mitteln zu erforschen – was grundsätzlich von höchstem Wert ist –, bringt uns irgendwann an den Punkt, an dem kein weiterer Fortschritt mehr möglich ist. Materie entschwindet im Rätselhaften, Energien gehen in etwas Anderes über, das Geheimnis des Lebens entzieht sich uns auf äußerst subtile Art und Weise und Bewusstsein wird als Manifestation von etwas gesehen, das sogar noch unfassbarer sein muss. Doch obwohl uns diese Dinge und Erscheinungsformen entgleiten, sehen wir uns trotzdem mit etwas Anderem konfrontiert, das all diesen verschiedenen Erscheinungsformen und Manifestationen zugrunde liegen muss. Und dieses Andere nennen wir Wirklichkeit. Weil es als Einziges wirklich, real, endgültig und beständig ist. Und auch wenn sich die Menschen über das Wesen dieser Wirklichkeit streiten, Dispute führen und aneinandergeraten, gibt es dennoch diesen einen Punkt, in dem sie einer Meinung sind: dass die Wirklichkeit etwas All-Eines ist. Dass also allen Erscheinungsformen und Manifestationen Eine Wirklichkeit zugrunde liegt, aus der Alles hervorgeht. Und dass die Erforschung dieses All-Einen – der Einen Wirklichkeit – genau genommen die Frage aller Fragen im Universum ist. Der menschliche Verstand – wie auch die Intuition – führen zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass diese Wirklichkeit, oder das Grundlegende Sein, EINS sein muss. Also ein Einziges, aus dem alle Naturerscheinungen als unterschiedlich erscheinende Emanationen, Manifestationen oder Ausdrucksformen hervorgehen müssen. Viele Menschen haben erkannt, dass das Leben eine Art Strömung ist, die der einen Großen Quelle – der Natur – entspringt. Auch wenn der Name dieser Quelle unbekannt und – wie einige meinen – auch unerkennbar ist. Und obwohl sich die jeweiligen Theorien der Menschen unterscheiden, in denen es um die Betrachtung der Natur geht, stimmen sie trotzdem darin überein, dass es sich dabei nur um ein All-Eines handeln kann. Erst wenn die Menschen damit beginnen, dieses All-Eine zu benennen und zu analysieren, entsteht das Durcheinander der unterschiedlichen Auslegungen und Interpretationen.

Betrachten wir daher, was die Menschen über das All-Eine gedacht und gesagt haben. Das kann uns dabei helfen, das Wesen der Frage aller Fragen besser zu verstehen.

Der Materialist erklärt, das All-Eine sei etwas, das man Materie nennt. Materie existiert aus sich selbst heraus. Sie ist ewig, grenzenlos vorhanden und trägt das Potential zur Entstehung von materiellen Objekten, von Energie und von Bewusstsein in sich. Eine andere Betrachtungsweise, die der des Materialisten sehr nahe steht, erklärt, das All-Eine sei etwas, das Energie genannt wird. Materielle Objekte und Bewusstsein sind demnach lediglich unterschiedliche Erscheinungsformen von Energie. Die Idealisten erklären hingegen, das All-Eine sei etwas, das Bewusstsein genannt wird. Ihrer Ansicht nach sind sowohl die materiellen Objekte als auch die Energie bloß die Gedanken des All-Einen Bewusstseins. Theologen sagen hingegen, das All-Eine sei ein Gotteswesen (als Person vorgestellt), dem sie entsprechend ihrer jeweiligen Glaubensvorstellungen und Dogmen bestimmte Eigenschaften und Merkmale zuschreiben. Die Naturalisten erklären jedoch, das All-Eine sei etwas, was Natur genannt wird, und was sich unaufhörlich in zahllosen Erscheinungsformen manifestiert. Und verschiedene östliche und westliche Mystiker erklären, das All-Eine sei ein Wesen, dessen Leben dem Leben aller Lebensformen zugrunde liegt.

Alle Philosophien, Wissenschaften und Religionen teilen uns mit, dass diese Welt der Erscheinungsformen nur eine Welt des Scheins ist. Der mit den Sinnen wahrgenommene Schatten einer Wirklichkeit, die dahinter verborgen liegt und für die es verschiedene Namen gibt. Aber denkt stets daran, dass jede wahre Philosophie immer auf einer Art Monismus – einem Einssein – basiert und sich daher alle existierenden Vorgänge und Phänomene auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Gleichgültig, ob es dabei um einen bekannten oder unbekannten Gott, ein bekanntes oder unbekanntes Prinzip, eine Substanz, eine Energie oder einen Lebensatem geht. Es gibt nur ein All-Eines. Zu diesem Ergebnis kommen der Verstand, die Intuition und auch der Glaube des Menschen.

Eine weitere Schlussfolgerung lautet, dieses Eine Leben müsse alle sichtbaren Lebensformen durchdringen und ebenso müssen alle sichtbaren materiellen Objekte, Energien und Prinzipien die Emanationen des All-Einen sein. Sie sind sozusagen „aus“ dem All-Einem hervorgegangen. Man könnte jedoch einwenden, die Religionen, die an einen Gott als Person glauben, seien offensichtlich nicht derselben Ansicht. Denn diese sagen schließlich, ihr Gott wäre der Schöpfer des Universums, das dieser außerhalb von sich selbst erschaffen hat. Ähnlich wie auch ein Handwerker sein Werkstück außerhalb von sich selbst erschafft. Doch dieser Einwand führt zu nichts. Denn woher sollte solch ein Schöpfer das für die Erschaffung seines Universums notwendige Material herbekommen, wenn nicht aus sich selbst? Woher die Energie, wenn nicht aus sich selbst? Und woher das Leben, wenn nicht aus sich selbst? Letzten Endes kommen wir nicht daran vorbei, dass es nur ein All-Eines geben kann – nicht zwei. Selbst wenn wir die Formulierung „Gott und sein Universum“ bevorzugen. Denn sogar in diesem Fall muss das Universum aus Gott hervorgegangen sein und kann nur durch die Kraft seiner allem innewohnenden Essenz leben, sich bewegen, aktiv sein und denken.

Wenn wir die jeweiligen Konzepte der verschiedenen Denker an uns vorüberziehen lassen, fällt jedoch in allen Theorien eine gewisse Einseitigkeit ins Auge. Jede Weltanschauung sieht nur das, was zu ihrer eigenen Theorie passt, und blendet den Rest aus. Der Materialist spricht von der grenzenlosen und ewigen Materie, obwohl die moderne wissenschaftliche Forschung zeigt, dass der Urgrund der Materie im Nichts entschwindet. Das vermeintlich „ewige“ Atom setzt sich aus zahlreichen, noch viel kleineren Teilchen zusammen, die letztlich nichts Anderes als elektrische Energie zu sein scheinen, die sich zu einer Art „Knoten“ verdichtet haben. Ganz genau vermag es die Wissenschaft jedoch noch nicht zu erklären. Aber Energie, die nicht mit Materie in Wechselwirkung steht, ist nicht vorstellbar. Auch Energie unterliegt ganz offensichtlich bestimmten Gesetzen. Nur sind Gesetze ohne Gesetzgeber und ein Gesetzgeber ohne Bewusstsein – oder etwas Anderem, das noch über dem Bewusstsein steht – ebenfalls unvorstellbar. Und wie wir wissen, ist das Bewusstsein in erstaunlicher Weise sowohl mit der Materie als auch der Energie verbunden. Doch unterliegt Bewusstsein ebenso äußeren Gesetzen. Allerdings betrachtet man Bewusstsein üblicherweise eher als etwas Veränderliches, Unbeständiges und Wechselhaftes. Diese Eigenschaften passen jedoch überhaupt nicht zum Absoluten – dem All-Einen. Wie wir wissen, waren sowohl Bewusstsein als auch Materie und Energie für die weisesten Lehrer immer nur etwas Relatives und nichts Absolutes. Für sie waren alle drei nur die Erscheinungsformen von etwas, das viel fundamentaler und beständiger ist. Folglich kommen wir zwangsläufig wieder zu dem alten Begriff zurück, den schon die früheren Weisen benutzten, um das zu beschreiben, was der Materie, Energie und dem Bewusstsein zugrunde liegt: Lebensatem. In den verschiedenen Kulturen wird dieser unter anderem auch als Prana, Ruach, Pneuma, Lebenshauch, Lebenskraft oder Lebensenergie bezeichnet.

Mit dem Begriff „Lebensatem“ ist die „Essenz“ des Lebens und Seins als solches gemeint – die Wirklichkeit, die dem Universellen Leben zugrunde liegt.

Selbstverständlich kann diesem All-Einen kein Name gegeben werden, der es tatsächlich korrekt beschreibt, aber da wir es bereits in den anderen Büchern „das Absolute“ genannt haben, werden wir diese Bezeichnung auch weiterhin gebrauchen. Selbstverständlich könnt ihr diesen Namen aber gerne gegen einen anderen austauschen, der euch besser gefällt. Das Wort Gott benutzen wir nicht (außer in Ausnahmefällen, um eine bestimmte Bedeutung zu betonen). Nicht etwa, weil wir etwas gegen Gott hätten, sondern weil wir damit das Risiko eingehen würden, das Absolute mit der Vorstellung einer Person (genannt Gott) zu verbinden – eine wie auch immer geartete personenartige Gottesfigur, die bestimmte theologische Charaktereigenschaften hätte. Wir werden auch das Wort „Prinzip“ nicht verwenden, denn damit assoziiert man eher ein kaltes, gefühlloses, abstraktes Ding. Den Absoluten Lebensatem, beziehungsweise das Absolute Sein, betrachten wir als eine warme, vitale, lebendige, handelnde und mitfühlende Wirklichkeit. Wir verwenden auch nicht das Wort „Natur“, das viele aufgrund seiner materialistischen Bedeutung bevorzugen. Dennoch ist uns dieses Wort sehr recht, wenn wir auf die äußere Erscheinung des Absoluten Lebens Bezug nehmen. Von der wahren Beschaffenheit des Absoluten können wir selbstverständlich so gut wie nichts wissen, da es die menschliche Erfahrung weit übersteigt und der Mensch nichts besitzt, mit dem er das Grenzenlose erfassen könnte. Spinoza hatte recht, als er sagte: „Gott zu definieren bedeutet, Gott zu verleugnen.“ Denn jeder Definitionsversuch ist selbstverständlich der Versuch, das Grenzenlose zu begrenzen. Etwas zu definieren bedeutet, es mit etwas Anderem zu vergleichen. Aber wo gibt es solch ein Anderes, mit dem man das Grenzenlose vergleichen könnte? Das Absolute kann nicht mit Begriffen des Relativen beschrieben werden. Es ist kein Ding, obwohl es in sich selbst die Wirklichkeit enthält, die allen Dingen zugrunde liegt. Man kann dem Absoluten keine Eigenschaften irgendeines seiner scheinbar von ihm getrennten Teile zuschreiben, weil es ALLES ist. Es ist alles, was wirklich EXISTIERT.

Es befindet sich weit jenseits von Materie, Energie oder Bewusstsein, wie wir sie kennen. Dennoch ist es der Ursprung von all dem und daher müssen sie Bestandteile seines Wesens sein. Denn alles, was sich manifestiert hat, muss auch im Manifestierenden existieren. Kein Fluss kann höher ansteigen als seine Quelle. Keine Auswirkung kann größer sein als die Ursache. Man kann kein Etwas aus dem Nichts erhalten.

Aber für den menschlichen Verstand ist es äußerst schwer, DAS zu begreifen, was außerhalb seiner Erfahrung liegt. Viele Philosophen betrachteten es sogar als gänzlich unmöglich. Aus diesem Grunde können wir uns das Absolute nur mithilfe von Konzepten und Begriffen vorstellen, die seiner höchsten Ausdrucksform entsprechen. Und in unseren Augen ist Bewusstsein eine höhere Ausdrucksform als Materie oder Energie. Daher benutzen wir entsprechende Begriffe des Bewusstseins, wenn wir über das Absolute sprechen, und keine Begriffe der Materie oder der Energie. Versuchen wir uns also ein Grenzenloses Bewusstsein vorzustellen, dessen Kräfte und Fähigkeiten auf solch ein gewaltiges Ausmaß angewachsen sind, dass Herbert Spencer dazu sagte, es wäre „eine Daseinsform, die Intelligenz und Willen so weit übersteigt, wie diese eine rein mechanische Bewegung übersteigen.“

Obgleich es wahr ist (wie alle Kenner der Inneren Lehren wissen), dass die besten Informationen über das Absolute aus dem Bereich des Selbst kommen, der über dem Verstand liegt, sind wir dennoch dazu verpflichtet, die Erkenntnisse des Verstandes zu prüfen, die mit dem All-Einen zusammenhängen. Denn der Verstand hat sich in uns entwickelt, damit wir ihn benutzen. Für Untersuchungen, Schlussfolgerungen und zum Denken im Allgemeinen. Daher liegt es an uns, ihn auch tatsächlich dafür einzusetzen. Wenn wir den Verstand auf diese Weise gebrauchen, stärken und entwickeln wir ihn nicht nur, sondern erhalten von ihm auch bestimmte Informationen, die uns auf keinem anderen Wege erreichen können. Außerdem sind wir durch den Gebrauch des Verstandes imstande, viele Täuschungen und Irrtümer zu entdecken, die sich in unser Denken eingeschlichen haben. Zum Beispiel in Form von Überzeugungen, Dogmen oder dergleichen. Schon Kant sagte: „Der größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft ist also wohl nur negativ; da sie nämlich nicht, als Organum, zur Erweiterung dient, sondern als Disziplin, zur Grenzbestimmung, und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat, Irrtümer zu verhüten.“ Lasst uns also diese Informationen des Verstands – und auch jene aus den höheren geistigen Bereichen stammenden – genauer betrachten.

Eine der ersten logischen Schlussfolgerungen bezüglich des Absoluten ist die, dass es schon immer existiert haben muss und auch zukünftig für immer weiterexistieren wird. Dieser Erkenntnis kann sich niemand entziehen – gleichgültig, ob man es aus der materialistischen, philosophischen, esoterischen oder theologischen Perspektive betrachtet. Das Absolute kann niemals dem Nichts entsprungen sein und außerhalb des Absoluten gibt es keine Ursache, die zur Entstehung des Absoluten geführt haben könnte. Genauso kann es außerhalb des Absoluten auch keine Ursache geben, die zur Beendigung seines Daseins führen könnte. Außerdem können wir uns das Grenzenlose Leben, oder das Absolute Leben, nicht als etwas vorstellen, das stirbt. Also muss das Absolute ewig sein – zu diesem Ergebnis kommt der Verstand.

Diese Idee eines ewigen Seins ist jedoch für den menschlichen Geist im Grunde unvorstellbar, obwohl er dazu gezwungen ist, sie als Merkmal des Absoluten anzuerkennen. Ursache dieses Problems ist, dass der Intellekt alles durch einen Schleier aus Zeit und Kausalität betrachten muss. Aber sowohl kausale Beziehungen aus Ursache und Wirkung wie auch die Zeit sind lediglich Erscheinungsformen der relativen Welt und haben im Absoluten und Wirklichen keine Bedeutung. Lasst uns deshalb schauen, wie wir dies verstehen können.

Eine genauere Betrachtung dieser Angelegenheit wird euch den alleinigen Grund dafür zeigen, warum ihr nicht imstande seid, euch eine ursachenlose Ursache vorzustellen. Denn alles, was ihr in dieser relativen Welt der Sinne jemals wahrgenommen und erlebt habt, besaß eine Ursache. Also etwas, aus dem es hervorgegangen ist. Ihr seht, wie überall um Euch herum das kausale Prinzip von Ursache und Wirkung am Werk ist. Es ist daher vollkommen verständlich, wenn der Intellekt dadurch zur Annahme gelangt, es könne nichts Ursachenloses geben und allem müsse zwangsläufig eine Ursache vorangegangen sein. Denn der Intellekt hat damit vollkommen recht – zumindest soweit es Dinge betrifft. Denn alle Dinge sind relativ und daher das Ergebnis einer vorangegangenen Ursache. Aber hinter den ursachenbedingten Dingen muss DAS existieren, was man den Großen Verursacher aller Dinge nennen könnte. Also etwas, das selbst kein Ding ist und niemals aus einer vorangegangenen Ursache hervorgegangen sein kann. Der Verstand gerät ins Trudeln, sobald wir versuchen, ein geistiges Bild von etwas aufzubauen, das keine Ursache hat, weil wir mit so etwas in der Welt der Sinne keinerlei Erfahrung haben. Deswegen ist so etwas schlicht nicht vorstellbar. Es befindet sich außerhalb eures eigenen Erfahrungshorizonts und daher könnt ihr kein geistiges Bild davon aufbauen. Und das, obwohl der Verstand gezwungen ist, die Existenz eines All-Einen zu akzeptieren, welches keine vorangegangene Ursache besitzt. Für den Intellekt ist das eine schwere Herausforderung, aber mit der Zeit erkennt er, wo das eigentliche Problem liegt. Dann hört er damit auf, die Stimme der höheren Bereiche des Selbst – die Intuition – mit entsprechenden Widersprüchen und Einwänden zu unterbrechen.

Vor einem ähnlichen Problem steht der Intellekt, wenn er versucht, sich etwas Ewiges vorzustellen – ein Etwas, das sich jenseits und außerhalb der Zeit befindet. Überall sehen wir die Auswirkungen von Zeit und nehmen es daher als gegeben an, dass Zeit etwas Wirkliches ist, also etwas, das tatsächlich existiert. Doch das ist ein Irrtum der Sinne. Tatsächlich gibt es so etwas wie Zeit überhaupt nicht. Zeit existiert einzig und allein in unserem Bewusstsein. Es ist lediglich eine Form der Wahrnehmung, wie wir unsere Bewusstheit von Veränderungen der Dinge ausdrücken.

Zeit können wir uns ohne eine Abfolge von Veränderungen der Dinge nicht vorstellen, wobei es sich dabei genauso um Dinge der äußeren Welt oder den vorbeiziehenden Gedanken-Dingen innerhalb unseres Geistes handeln kann. Ein Tag ist bloß die Wahrnehmung des Vorüberziehens der Sonne am Himmel. Eine Stunde oder Minute ist lediglich die Unterteilung des Tages. Oder die Wahrnehmung der Uhrzeigerbewegung. Es handelt sich also um die Wahrnehmung von Veränderungen in den Dingen, welche gleichzeitig auch die Symbole für die Veränderung von Dingen sind. In einer Welt, in der sich die Dinge nicht verändern, würde es so etwas wie Zeit nicht geben. Zeit ist nur eine Erfindung des Geistes. Zu diesem Ergebnis kommt der Verstand.

Unabhängig von den rein logischen Schlussfolgerungen über die Zeit lassen sich auch in unseren täglichen Erfahrungen viele Beispiele für die Relativität von Zeit entdecken. Wir alle wissen, wie viel schneller die Zeit zu vergehen scheint, wenn wir an etwas sehr interessiert sind. Wenn wir uns jedoch langweilen, zieht sie sich unglaublich in die Länge. Wir wissen, die Zeit rast beinahe mit Kometengeschwindigkeit dahin, wenn wir gerade glücklich sind. Während sie wie eine Schildkröte dahin kriecht, wenn wir unglücklich sind. Sind wir an etwas besonders interessiert oder glücklich, dann wird unsere Aufmerksamkeit von den stattfindenden Veränderungen der Dinge fast vollständig abgelenkt und wir betrachten sie nicht mehr so genau. Wenn uns aber nichts Besonderes interessiert oder wenn wir unglücklich sind, dann betrachten wir die Details der Dinge – und deren Veränderungen – so genau, dass sich die Zeit endlos in die Länge zu ziehen scheint. Eine winzige insektenartige Milbe kann einen gesamten Lebensablauf – mit Geburt, Erwachsenwerdung, Paarung, Vermehrung, Alter und Tod – in nur wenigen Minuten durchlaufen. Trotzdem scheint ihr Leben genauso vollständig zu sein wie das hundert Jahre dauernde Leben eines Elefanten. Warum? Weil so viel geschehen ist! Wenn wir uns sehr vieler Geschehnisse bewusst sind, dann haben wir den Eindruck und die Empfindung einer langen Zeit. Je mehr Dinge uns bewusst sind, desto langandauernder wird die Zeit empfunden. Wenn wir uns mit einem geliebten Menschen unterhalten, und wir so sehr auf ihn fokussiert sind, dass wir um uns herum alles andere vergessen, dann fliegen die Stunden nur so dahin. Die gleiche Anzahl an Stunden können aber demjenigen wie Tage erscheinen, der nicht im gleichen Maße an dieser Person interessiert ist oder dessen Aufmerksamkeit nicht durch eine spezielle Aufgabe stark beansprucht wird.

Wenn Menschen schlafen, können sie in der letzten Sekunde vor dem Aufwachen von Geschehnissen träumen, die eigentlich Jahre benötigen würden, um abzulaufen. Viele von euch haben so etwas schon einmal erlebt und auch die wissenschaftliche Forschung hat bereits etliche Fälle dieser Art dokumentiert. Andererseits kann man aber auch einschlafen, für mehrere Stunden unbewusst bleiben und dann nach dem Erwachen davon überzeugt sein, nur ganz kurz eingenickt gewesen zu sein. Zeit gehört zum relativen Bewusstsein und hat im Ewigen, dem Absoluten, nichts zu suchen.

Als Nächstes kommt der Verstand zu dem Ergebnis, dass wir uns das Absolute als eine räumliche Unendlichkeit vorzustellen haben. Als etwas, das überall vorhanden ist, etwas Allgegenwärtiges. Es kann nicht begrenzt sein, weil es außerhalb von ihm nichts gibt, das es begrenzen könnte. Es gibt kein Nirgendwo. Überall ist Allüberall. Jeder Ort ist vom All-Einen erfüllt – der Unendlichen Wirklichkeit – dem Absoluten.

Doch wie schon bei der Vorstellung einer zeitlichen Unbegrenztheit ist es für uns ebenfalls sehr schwer – wenn nicht sogar unmöglich –, uns eine Allgegenwart vorzustellen, die eine räumliche Unbegrenztheit sein soll. Also etwas, das unendlich groß ist. Denn alles, was unser Verstand kennt, besitzt bestimmte Ausmaße und Begrenzungen. Das eigentliche Geheimnis besteht jedoch darin, dass Raum und Zeit außerhalb unserer geistigen Wahrnehmung der relativen Position von Dingen – materiellen Objekten – überhaupt nicht existieren. Wir sehen hier ein bestimmtes Ding und dort ein bestimmtes anderes Ding. Zwischen ihnen befindet sich ein Nichts. Dann nehmen wir ein weiteres Ding – sagen wir mal einen Zollstock – und messen dieses Nichts zwischen den zwei Dingen. Die Vermessung dieses Nichts bezeichnen wir als Distanz. Aber trotzdem haben wir nicht das Nichts gemessen, denn das ist unmöglich. Was haben wir wirklich getan? Nun, wir haben einfach festgestellt, wie viele Zollstocklängen man zwischen die beiden anderen Dinge legen kann.

Diesen Vorgang nennen wir die Vermessung eines Raum(e)s. Aber der Raum selbst ist ein Nichts, und wir haben nur die relative Position von Objekten zueinander festgestellt. Um „Raum messen“ zu können, benötigen wir drei Dinge: 1. Das erste Objekt, an dem wir unsere Messung beginnen. 2. Das andere Objekt, mit dem wir messen. Und 3. das Objekt, an dem wir unsere Messung beenden. Einen unendlich großen Raum können wir uns deshalb nicht vorstellen, weil es uns bei dieser Messung an einem dritten Objekt mangelt: dem Objekt, an dem die Messung beendet wird. Wir können uns selbst als Ausgangspunkt der Messung nehmen und der mental vorgestellte Zollstock ist ebenfalls immer zur Hand, aber wo ist das Objekt auf der anderen Seite des unendlichen Raums, an dem die Messung beendet werden soll? Es existiert keines. Doch ohne ein solches drittes Objekt können wir uns kein Ende vorstellen.

Lasst uns mit uns selbst beginnen und dann versuchen wir uns eine Milliarde Kilometer vorzustellen. Als Nächstes multiplizieren wir diese Milliarde mit einer weiteren Milliarde und wiederholen diese Multiplikation eine Milliarde Male. Was haben wir getan? Wir haben unseren geistigen Zollstock einfach sehr viele Male verlängert, bis zu einem gedachten Punkt im Nichts, welchen wir Raum nennen. So weit, so gut, aber der Verstand erkennt sofort, dass es jenseits dieses gedachten Punktes, also am Ende des allerletzten Zollstocks, immer noch genügend Platz für eine weitere unendliche Verlängerung von zahllosen weiteren Zollstöcken gibt. Und diese Verlängerung ist unendlich oft wiederholbar. Eine Verlängerung von was? Des Raums? Nein, von Zollstöcken! Objekte. Dinge. Ohne materielle Objekte lässt sich Raum nicht vorstellen. Es gibt keinen wirklichen Raum. Raum ist lediglich ein unendlich großes Fassungsvermögen für die Ausdehnung von Objekten. Raum ist nur ein Name für ein Nichts. Wenn ihr euch ein Objekt vorstellen könnt, das aufgehört hat zu existieren, und nichts Anderes dessen Platz einnimmt, dann würde dieses Nichts Raum genannt werden. Dieser Begriff ermöglicht es, dort etwas zu platzieren, ohne dafür etwas Anderes wegnehmen zu müssen.

Selbstverständlich ist Größe bloß eine andere Art und Weise, um über Distanzen zu reden. Und in diesem Zusammenhang sollten wir eines nicht vergessen: Raum kann nicht nur unendlich groß sein, sondern auch unendlich klein. Gleichgültig, wie klein man sich ein Objekt vorstellt, wir sind trotzdem in der Lage, uns Unterteilungen dieses Objektes vorzustellen. Und von diesen Teilen dann weitere Unterteilungen, und das unbegrenzt immer so weiter. Auch in dieser Richtung gibt es keine Grenzen. Wie schon Jakob sagte: „Das Konzept von etwas unendlich Winzigem ist für uns genauso unbegreiflich wie das Konzept von etwas unendlich Großem. Dessen ungeachtet ist das Eingeständnis der tatsächlichen Existenz einer Unendlichkeit sowohl im Großen wie auch im Kleinen unausweichlich.“

Und Radenhausen sagte: „Die Vorstellung eines Raums ist nur eine unumgängliche Illusion unseres Bewusstseins, oder unseres begrenzten Wesens, und existiert nicht außerhalb von uns. Das Universum ist unendlich klein und unendlich groß.“

Die Erfindung des Teleskops hat uns Vorstellungen von überwältigender Weite und Größe eröffnet und die des Mikroskops eröffnete uns eine Welt von überwältigender Winzigkeit. Letzteres zeigte uns, dass ein einzelner Wassertropfen eine Welt voller winzig kleiner Lebensformen ist, die lebendig sind, Nahrung zu sich nehmen, miteinander kämpfen, sich fortpflanzen und sterben. Der Verstand ist daher fähig, sich ein Universum vorzustellen, das nicht größer ist als der zigmillionste Teil eines winzigen Staubkorns, das nur noch mit dem Mikroskop sichtbar ist. Außerdem kann sich der Verstand weiter vorstellen, dieses Universum könne Millionen von Sonnen und Welten enthalten, die unseren ähneln und von Lebewesen bewohnt werden, die uns ähneln. Lebendige, denkende Frauen und Männer, die uns in jeder Beziehung gleichen. Einige Philosophen meinten allerdings, wenn unser Universum plötzlich auf solch eine kleine Größe zusammenschrumpfen würde – und darin alle relativen Proportionen untereinander erhalten blieben – dann würden wir diese Veränderung überhaupt nicht bemerken. Denn das Leben würde genauso weitergehen und wir hätten – für uns selbst, wie auch für das Absolute – immer noch dieselbe Bedeutung, wie wir sie jetzt haben. Das Gleiche würde auch gelten, wenn sich das Universum plötzlich viele Millionen Mal vergrößern würde. Diese Veränderungen würden überhaupt keinen Unterschied machen. Vom Absoluten aus betrachtet, haben das winzigste Staubkorn und die größte Sonne im Vergleich zueinander im Grunde dieselbe Größe. Diese Betrachtungen haben wir deshalb mit einbezogen, damit es leichter für euch wird, die Relativität von Raum und Zeit zu verstehen. Sie sind nur Symbole für Dinge, die der Verstand im Umgang mit endlichen Objekten benutzt, und haben in der Wirklichkeit nichts zu suchen. Wer das erkennt, für den wird die Vorstellung einer Unendlichkeit in Raum und Zeit viel leichter fassbar.

Wie Radenhausen sagte: „Jenseits des menschlichen Verstandes gibt es weder Raum noch Zeit. Sie sind willkürliche Vorstellungen des Menschen, zu denen er durch Vergleich und Gliederung unterschiedlicher Sinneseindrücke kam, welche er aus der äußeren Welt empfing. Die Vorstellung von Raum entsteht durch eine Aufeinanderfolge von verschiedenen Formen, die den Raum ausfüllen. Dies betrachtet der Mensch als die äußere Welt. Die Vorstellung von Zeit entsteht durch eine Aufeinanderfolge von verschiedenen Formen, die sich räumlich bewegen. So wirkt die äußere Welt auf den individuellen Menschen ein. Aber außerhalb von uns existiert kein Unterschied zwischen dem Ausgefülltsein und der Veränderung davon, weil sich alles in ständiger Wandlung befindet. Alles, was existiert, ist gleichzeitig ausgefüllt und verändert sich – nichts steht still.“ Und um Ruckert zu zitieren: „Die Welt hat weder einen Anfang noch ein Ende, nicht im Raum und auch nicht in der Zeit. Überall ist das Zentrum und der Umkehrpunkt. In einem Augenblick ist die Ewigkeit.“

Als Nächstes sagt uns der Verstand, wir müssen uns das Absolute als etwas vorstellen, das alle Energie in sich enthält, die existiert. Denn außerhalb dieser All-Energie kann es weder andere Energien noch überhaupt eine Energiequelle geben. Außerhalb des Absoluten kann es auch keine Kräfte geben, die das Absolute begrenzen, beschränken oder sich im Widerstreit mit ihm befinden. Alle Gesetze des Universums müssen aus ihm hervorgegangen sein, weil es keinen anderen Gesetzgeber außer ihm selbst gibt. Jede Manifestation einer Energie, Gewalt oder Kraft, die in der Natur beobachtet oder nachgewiesen wurde, muss Teil des Absoluten sein und gemäß der von ihm festgelegten Gesetze wirken. In der dritten Lektion – „Der schöpferische Wille“ – werden wir sehen, wie sich die Kräfte des Absoluten nach dem Vorbild des Lebens – so wie wir es kennen – manifestieren.

Weiterhin teilt uns der Verstand mit, er wäre dazu gezwungen, sich das Absolute als etwas vorzustellen, das alle Weisheit und alles Wissen, was überhaupt jemals zu erlangen ist, in sich enthält. Denn außerhalb des Absoluten kann es keine andere Weisheit und kein anderes Wissen geben. Folglich muss alles Wissen und alle Weisheit in ihm vorhanden sein. Wir sehen, wie sich Bewusstsein, Weisheit und Wissen in den relativen Lebensformen offenbaren. Doch muss all das – nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten – aus dem Absoluten hervorgehen, weil es andernfalls überhaupt kein Bewusstsein, Wissen oder Weisheit geben würde. Es gibt schließlich außerhalb des All-Einen nichts, aus dem sie hervorgehen könnten. Die Wirkung kann nicht größer sein als die Ursache. Und wenn es nichts gibt, was dem Absoluten unbekannt ist, dann wird ein endliches Bewusstsein das Absolute niemals vollständig erkennen können. Denn es muss ALLES WISSEN, das existiert, jemals existierte und zukünftig existieren wird, bereits JETZT in dem All-Einen, dem Absoluten, vorhanden sein. Das bedeutet aber nicht, das Absolute würde denken, so wie ein Mensch denkt. Das Absolute muss wissen, ohne überhaupt zu denken. Es braucht Wissen nicht mithilfe des Denkprozesses anzusammeln – wie es beim Menschen der Fall ist. Diese Idee wäre albern, denn woher – außer von ihm selbst – sollte dieses Wissen kommen? Wenn der Mensch denkt, zieht er mittels seiner Gehirnaktivität Wissen aus der Universellen Quelle zu sich heran. Aber das Absolute hat nur sich selbst, aus dem es Wissen heranziehen könnte. Also dürfen wir nicht annehmen, das Absolute hätte es nötig, wie wir zu denken.

Aber um in diesem Aspekt nicht falsch verstanden zu werden, sollten wir hier auf die höchsten Inneren Lehren hinweisen, nach denen das Absolute etwas an sich hat, das dem ähnelt, was wir konstruktive oder aufbauende Gedanken nennen würden. Diese „Gedanken“ manifestieren sich in der gegenständlichen Wirklichkeit und in den Erscheinungsformen und werden so zur Schöpfung. Entsprechend dieser Lehren sind die erschaffenen Dinge die „Gedanken Gottes“. Lasst euch durch dieses Konzept aber nicht verwirren und zu dem Schluss verleiten, euch selbst deswegen als Nichts zu fühlen, weil ihr durch einen Gedanken des Grenzenlosen Einen ins Dasein gerufen wurdet. Auch ein Gedanke des Einen ist in der relativen Welt – im Vergleich zu allem anderen – vollkommen real. Nur im Vergleich zum Absoluten nicht. Auch das Absolute weiß, dass die realen Bestandteile seiner Schöpfungen ein Teil von ihm selbst sein müssen, der sich durch seine Schöpfungen manifestiert hat. Die Gedanken des Grenzenlosen müssen real sein und Teil von ihm selbst, weil es nichts anderes außer ihm geben kann. Und das als Nichts zu bezeichnen wäre nur ein Jonglieren mit Worten. Der schwächste Gedanke des Grenzenlosen Einen wäre viel realer als alles, was der Mensch je erschaffen könnte – sei es so stabil wie ein Berg, hart wie Stahl oder so beständig wie ein Diamant. Denn natürlich sind selbst diese die Emanationen des Unendlichen Bewusstseins, wenn auch nur die Dinge eines Tages. Die höheren Gedanken hingegen – die Seele des Menschen – tragen einen Funken der Göttlichen Flamme in sich, den Lebensatem des Unendlichen. Aber diese Themen werden wir im Laufe dieser Lektionsreihe an anderer Stelle noch ausführlicher behandeln. Hier haben wir nur etwas Gedankensaat bezüglich des Bewusstseins des Absoluten ausstreuen wollen.

Liebe Freunde und Schüler, ihr seht, der Intellekt kommt – selbst bei stärkster Anstrengung – zwangsläufig nur zu einem Ergebnis: Das Absolute muss tatsächlich existieren und es muss ein All-Eines sein, dessen Wesen jede menschliche Erfahrung so weit übersteigt, dass der menschliche Geist keine geeigneten Konzepte, Symbole oder Worte findet, mit deren Hilfe es vorstellbar wird. Trotzdem sieht sich der Verstand, aufgrund seiner eigenen Gesetze, dazu gezwungen, die Existenz eines solchen All-Einen anzuerkennen.

Der Versuch, sich das All-Eine genau vorzustellen, ist allerdings ziemlich töricht. Denn wir haben nichts Anderes als menschliche Attribute, die wir dem Absoluten zuordnen können, obwohl es deren Maßstäbe so weit übersteigt, wie sich die Kette gedachter Zollstöcke in der Unendlichkeit verliert. Die größten Denker der Menschheit sagen, die Ergebnisse ihrer intensivsten geistigen Anstrengungen ließen sie zu folgendem Schluss kommen: Dem All-Einen selbst können keine Attribute und Eigenschaften zugeordnet werden, noch lässt es sich mit den menschlichen Worten beschreiben, mit denen die Dinge der relativen Welt beschrieben werden. Doch sind alle unsere Worte nur solche Worte. Alle unsere Worte entstammen diesen Vorstellungen und alle Vorstellungen entspringen unserer Erfahrung – direkt oder indirekt. Deshalb verfügen wir nicht über geeignete Worte, mit denen wir das denken oder beschreiben können, was die eigenen Erfahrungen übersteigt. Auch wenn uns unser Verstand sagt, dass diese Wirklichkeit unseren Erfahrungen zugrunde liegt.

Die Philosophie sieht sich selbst nicht in der Lage, mehr erreichen zu können, als uns mit den großen Paradoxien zu konfrontieren. Der Wissenschaft – in ihrem Streben nach Wahrheit – gelingt es, ihrem Netz listig auszuweichen. Aber unserer Ansicht nach lässt das Absolute dies absichtlich zu, damit der Mensch am Ende gezwungen ist, nach dem Lebensatem in sich selbst zu suchen – dem einzigen Ort, an dem er mit ihm in Berührung kommen kann. Wir meinen, dies ist die Antwort auf das Rätsel der Sphinx: „Suche im Innern, wonach es dich dürstet.“

Aber obwohl der Lebensatem in uns selbst wahrgenommen werden kann, vermag der Verstand – sobald er erst einmal die Existenz des Absoluten anerkannt hat – bei der Beobachtung der äußeren Welt zahllose Hinweise auf dessen Gegenwart und Einflussnahme in allen Lebensformen zu sehen. Alles Leben ist erfüllt von der Lebenskraft und dem Willen des Absoluten.

Für uns ist alles Leben eins. Das Universum ist eine lebendige Einheit, die mit dem Lebenswillen des Absoluten pocht und pulsiert. Hinter allen offensichtlichen Erscheinungen, Formen, Namen, Kräften, Elementen, Prinzipien und materiellen Stoffen gibt es nur eins: das Eine Leben. Dieses ist überall gegenwärtig und manifestiert sich in einer unendlichen Vielfalt von Erscheinungen, Formen und Kräften. Jedes individuelle Leben ist ein Bewusstseinszentrum in dem Einen Leben, das allem zugrunde liegt. Und der jeweilige Entfaltungs-, Ausdrucks- und Selbstverwirklichungsgrad aller Bewusstseinszentren ist von dem dahinter liegenden Einen Leben abhängig.

Das mag für manche nach Pantheismus klingen, unterscheidet sich aber sehr vom Pantheismus, wie er von einigen Schulen und Kulten verstanden wird. Pantheismus wird als Lehre definiert, nach der „Gott aus allen vereinigten Kräften und Prinzipien besteht, die sich im existierenden Universum manifestiert haben.“ Man nimmt an, „das Universum als Ganzes ist identisch mit Gott“. Diese Definitionen passen aber nicht zur Vorstellung des Absoluten, wie sie in der Yoga-Philosophie gelehrt wird. Denn beide Annahmen machen bloß den Eindruck einer Art von weiterentwickeltem Materialismus. Das Absolute ist aber weder alle „vereinigten Kräfte und Prinzipien des Universums“, noch ist es mit dem „Universum als Ganzes“ identisch. Vielmehr wird das Universum – mit allen darin enthaltenen Kräften und Prinzipien – selbst als ein Ganzes verstanden, das keine Existenz aus sich selbst heraus besitzt, sondern nur die Manifestation des Absoluten ist. Gewiss unterscheidet sich diese Auffassung vom Pantheismus.

Wir lehren, dass das Absolute allen Lebensformen im Universum innewohnt, genauso wie auch in all seinen Kräften und Prinzipien. Alles sind nur Manifestationen des Willens des Einen. Wir lehren, dass dieses All-Eine allen manifestierten Erscheinungsformen übergeordnet ist. Seine Existenz und sein Dasein hängen nicht von diesen Erscheinungsformen ab, da diese nur die Auswirkungen der Ursache sind.

Das pantheistische Universum – Gott – ist nur eine Welt des äußeren Anscheins. Doch das Absolute ist der wirkliche Lebensatem – eine lebendige, existierende Wirklichkeit – und wäre das sogar dann immer noch, wenn sich jede Erscheinungsform wieder in die Ursprungsquelle zurückgezogen hätte, aus der sie entstammt. Das Absolute ist mehr als ein Berg oder Ozean, Elektrizität oder Gravitation, Prokaryot oder Mensch – es ist der LEBENSATEM – das LEBEN – das SEIN – die WIRKLICHKEIT – das ALL-EINE, DAS IST. Allmächtig, allgegenwärtig, allwissend, ewig, grenzenlos und absolut. Das sind die gewaltigsten menschlichen Worte und dennoch stellen sie lediglich einen schwachen Schatten dar, den das All-Eine auf sich selbst wirft.

Das Absolute ist keine weit entfernte Wesenheit, die unsere Angelegenheiten aus der Ferne dirigiert – keine abwesende Gottheit – sondern ein allem innewohnendes Leben in und überall um uns herum. Es manifestiert sich in uns und macht uns zu individuellen Bewusstseinszentren, entsprechend den großen Gesetzen des Seins.

Mehr noch: Das Absolute ist kein teilnahmsloser und desinteressierter Betrachter seiner eigenen Schöpfung, sondern vielmehr ein aufblühender, sich ausdehnender, aktiver, mitfühlender, mitfreuender und mitleidender Universeller Lebensatem, der an den Gefühlen seiner Manifestationen Anteil nimmt, statt ihnen gefühlskalt zuzuschauen.

Das Absolute lebt in uns – mit uns – durch uns. Hinter all dem Leid der Welt ist eine große fühlende und mitleidende Liebe zu finden. Das viele Leid in der Welt ist keine Bestrafung oder der Beweis für das Vorhandensein eines göttlichen Zorns, es handelt sich dabei vielmehr um Störfälle und Fehler beim Ausarbeiten eines kosmischen Plans, in dem das Absolute derjenige ist, der durch seine Erscheinungsformen hindurch handelt.

Die Botschaft des Absoluten an einige Erleuchtete lautete daher: „Alles wird auf die beste und einzig mögliche Weise getan – ich tue alles, was mir möglich ist, – alles ist gut – und das wird letztendlich auch offensichtlich werden.“

Das Absolute ist keine Gottheit als Person, obwohl es alles in sich trägt, was Persönlichkeit und alle Arten von menschlichen Beziehungen ausmacht. Vater, Mutter, Kind und Freund – alles ist in ihm enthalten. Jede Form von menschlicher Liebe, Sehnsucht nach Zuneigung, Verständnis und Partnerschaft ist Teil der Liebe des Absoluten.

Das Absolute ist in unserem Leben jederzeit gegenwärtig, obwohl wir schon hier und dort in der äußeren Welt nach ihm gesucht haben und es baten, es möge sich zeigen und seine Existenz beweisen. Daher könnte es uns antworten: „Nun warst du so lange Zeit mit mir zusammen und hast mich doch nicht erkannt?“ Das ist die große Tragödie des Lebens. Der Universelle Lebensatem kommt zu uns – höchstpersönlich – und wir erkennen ihn nicht. Es gelingt uns nicht, seine Worte zu hören: „Oh, ihr, die klagt, ich leide mit euch und durch euch. Wahrlich, ich bin es, der in euch trauert. Euer Schmerz ist meiner – bis zum letzten Stich. Ich leide alles Leid durch euch – und dennoch frohlocke ich jenseits von euch, weil ich weiß, dass ich durch euch, und mit euch, siegen werde.“

Und das ist nur eine schwache Umschreibung dessen, von dem wir glauben, es sei das Absolute. In den folgenden Lektionen werden wir sehen, auf welche Weise das Absolute in allen Lebensformen, und in uns selbst, tätig ist. Wir werden uns seinem gewaltigen Willen annähern und seinem Herz der Liebe.

Tragt folgende Gedankenessenz dieser Lektion mit euch:

GEDANKENESSENZ

Es gibt nur ein Leben im Universum. Und diesem Einen Leben – seinem wahren Selbst – seiner Essenz – seinem Lebensatem – liegt das Absolute zugrunde. In und durch uns hindurch lebt, fühlt, leidet, freut, sehnt und strebt es. Das Absolute ist alles, was wirklich existiert. Das gesamte sichtbare Universum und alle darin befindlichen Lebensformen sind ein Ausdruck des Absoluten. Es mangelt uns zwar an geeigneten Worten, um das Absolute zu beschreiben, aber wir werden trotzdem zwei Worte gebrauchen, um sein innerstes Wesen auf die uns bestmögliche Art und Weise zu beschreiben. Diese zwei Worte lauten LEBEN und LIEBE. Das eine beschreibt seine äußere und das andere seine innere Wesensart. Lasst uns als Zeichen unseres ursprünglichen und innersten Wesen sowohl Leben als auch Liebe verwirklichen. Möge Friede euch begleiten.

Namasté.

Lektion 2

Allgegenwärtiges Leben

In der ersten Lektion dieses Jnana-Yoga Kurses haben wir gesehen, wie der menschliche Verstand zwangsläufig zu dem Ergebnis kommt, das Absolute müsse allgegenwärtig sein. Genauso ist er auch gezwungen anzuerkennen, dass alles, was IST, das Absolute – oder Teil des Absoluten – sein muss. Und wenn ein Ding Teil des Absoluten ist, dann muss das Absolute auch in ihm sein. In irgendeiner Weise muss das Absolute dessen Essenz sein. Wenn wir dem zustimmen, dann kommen wir zu diesem Schluss: In allem muss die Essenz des Lebens vorhanden sein. Denn Leben – oder vielmehr das, was wir Leben nennen – muss eine der Eigenschaften des Absoluten sein. Es muss der äußere Ausdruck des grundlegenden Seins des Absoluten sein. Und wenn dem so ist, dann würde daraus folgen, dass alles im Universum lebendig sein muss. Der Verstand kann dieser Schlussfolgerung nicht entkommen. Aber falls die beobachtbaren Tatsachen diese Schlussfolgerung nicht bestätigen können, wären wir gezwungen, die gesamte grundlegende Theorie über das Absolute und seine Erscheinungsformen infrage zu stellen, und müssten sie stattdessen als Irrtum betrachten. Keine Kette ist belastbarer als ihr schwächstes Glied. Wenn dieses Kettenglied zu schwach sein sollte, um das Gewicht der Fakten des Universums tragen zu können, dann muss die ganze Kette als fehlerhaft und nutzlos verworfen und durch eine andere ersetzt werden. Diese logische Konsequenz wird zwar im Allgemeinen von denen, die behaupten, das All sei Eins, oder eine Emanation des Einen, nicht ausdrücklich angesprochen, muss aber in Betracht gezogen und berücksichtigt werden. Sollte es im Universum nur ein einziges Ding geben, das „tot“ ist, also ohne Leben, leblos, dann muss die gesamte Theorie in sich zusammenfallen. Wenn ein Ding nicht lebt, kann die Essenz des Absoluten nicht in ihm sein. Es muss dann ein Fremdkörper sein, etwas, das nicht zum Absoluten gehört. Und in diesem Fall kann das Absolute nicht absolut sein, weil es außerhalb von ihm etwas Anderes gibt. Also ist es von allergrößter Bedeutung, alle Dinge – sowohl die organischen wie auch die anorganischen – daraufhin zu untersuchen, ob es in ihnen Anzeichen für das Vorhandensein von Leben gibt. Lasst uns daher mit dieser Untersuchung beginnen.

Die früheren Weisen aller Kulturen lehrten Folgendes: Das Universum ist lebendig; In allen Dingen ist Leben; Es gibt nichts, was tatsächlich tot ist; Der Tod ist einfach nur eine Formveränderung der Materie eines „toten“ Körpers. Sie lehrten, Leben sei in unterschiedlichen Manifestations-, Entfaltungs- und Ausdrucksstufen in Allem und Jeden vorhanden – selbst in härtesten Mineralarten und den Atomen, aus denen sich deren Körper zusammensetzen.

Die moderne Wissenschaft geht mit großen Schritten auf dieselbe Erkenntnis zu. Immer wieder führen neue Untersuchungen nur dazu, diese alten Lehren zu bestätigen.

Luther Burbank, der wunderbare Pflanzenzüchter, hat diesen Gedanken sehr gut ausgedrückt: „Alle meine Forschungen haben mich von der Idee eines toten stofflichen Universums weggeführt. Ich habe sie aufgrund verschiedener Zwänge verworfen – zugunsten der Vorstellung eines Universums, das uneingeschränkt aus Energie, Leben, Seele oder Denken besteht, oder welchen anderen Begriff wir dafür auch bevorzugen mögen. Jedes Atom, Molekül, Pflanze, Tier oder Planet ist nur eine Ansammlung geordneter Kräfte, die wiederum von noch stärkeren Kräften zusammengehalten werden. Auf diese Weise bewahren sie für eine gewisse Zeit eine stabile Ruhe, obschon sie von einer unvorstellbar großen Energiemenge erfüllt sind. Alles Leben auf unserem Planeten befindet sich sozusagen am äußersten Rand dieses unendlichen Ozeans aus Energie. Das Universum ist nicht größtenteils tot, sondern zur Gänze lebendig.“

Die Wissenschaft blickt heute auf ein lebendiges Universum. Sie hat nur noch nicht die volle Bedeutung dessen erkannt, was sie selbst bereits herausgefunden hat. Sie hat ihre Hände erhoben, wie um ihre Augen zu beschatten, im Angesicht dieses ungewohnt blendenden Lichts, das sie anstrahlt. Sie ist aus der dunklen Höhle der universellen Materie hervorgetreten in das gleißende Mittagslicht eines Universums, in dem alles lebendig ist – sogar bis ins kleinste und (scheinbar) inaktivste Teilchen.

Wenn wir mit dem Menschen beginnen, der höchsten uns bekannten Lebensform, dann können wir sogleich die Stufen zu den Tieren hinab gehen. Denn bei jeder Stufe abwärts erkennen wir, dass Leben immer noch klar und eindeutig vorhanden ist. Wenn wir von den Tieren zu den Pflanzen hinabsteigen, erkennen wir auch dort überall Leben, wenn auch in den Ausdrucksmöglichkeiten etwas begrenzter und teilweise weniger offensichtlich. Wir werden an dieser Stelle jedoch nicht anhalten und uns im Detail mit all den verschiedenen Formen von pflanzlichem Leben beschäftigen, denn wir werden in einer späteren Lektion nochmals Gelegenheit haben, etwas genauer darauf einzugehen. Trotzdem sollte es für jeden offensichtlich sein, auf welche Weise sich Leben im Keimen einer Saat, in den Trieben und Sprösslingen, den Blättern, Blüten und Früchten der Pflanzen manifestiert. Und in der allgegenwärtigen Kraft des Wachstums und der Ausbreitung. Man kann deutlich sehen, wie die Lebenskraft danach drängt, sich in der Pflanze auszudrücken und zu entfalten. Vom ersten Sprießen eines Samenkorns bis zur letzten vitalen Aktivität seitens der voll entwickelten Pflanze oder des Baumes. Von den sichtbaren Wachstums- und Entwicklungsprozessen der Pflanzen ganz abgesehen, wissen wir selbstverständlich auch, das Pflanzen erkranken, sterben und auch sonst alle für Lebensformen typische Eigenschaften zeigen. Es gibt also keinen Grund, über das Vorhandensein von Leben im Pflanzenreich zu diskutieren.