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Die neue Thriller-Reihe führt in das atemberaubende Leben zweier Spezialagenten: Jonas und Josy sind nur scheinbar gewöhnliche Teenager vom Niederrhein. Ihre Begabungen ziehen sie immer tiefer in spektakuläre Herausforderungen. Wirken sie gerade noch mit bei der Aufklärung eines kleinen Banküberfalls, stehen sie bald schon vor der größten terroristischen Bedrohung Deutschlands. Jo-Jo ist für den Autor, den Berliner Hauptstadt-Journalisten Gregor Mayntz, die moderne Variante des Agenten-Krimis. Ob Macho im Dienste Ihrer Majestät oder Amazone auf Ego-Trip - so konnte vielleicht gestern die Welt gerettet werden. Heute schaffen es Agenten wie Jonas und Josy nur gemeinsam, den Bösewichtern der globalen Verwicklungen das Handwerk zu legen, auch wenn die Gefahr noch so übermächtig zu werden droht. In Band 1 lernen die Leser die jungen angehenden Agenten zu einem Zeitpunkt kennen, als die beiden 17-Jährigen selbst noch nicht ahnen, was auf sie zukommt. Wie sie ein Paar werden, wie sie an sich zweifeln, von den Ereignissen überfordert zu werden scheinen, dann aber ihren Weg finden - und sich ihnen ungeahnte Perspektiven bieten. Von Band zu Band werden Jonas und Josy älter, geschulter und erfahrener. Sie steigen nicht nur immer tiefer ein in die Hintergründe von Politik und Gesellschaft, von Sicherheitsbehörden und Militärs. In ihren spannungsgeladenen Erlebnissen im Kampf gegen Kriminalität, Terrorismus und Krieg spiegelt sich auch die Entwicklung der Welt des 21. Jahrhunderts mit ihren offenen und verborgenen Konflikten, ihren Sehnsüchten und menschlichen Abgründen.
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Seitenzahl: 643
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Impressum
Jo-Jo und das Feuer des Elia Gregor Mayntz Copyright © 2012 Gregor Mayntz
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-8442-2109-1
Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Zum Autor
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Hinweis
Das Buch
Die neue Thriller-Reihe führt in das atemberaubende Leben zweier Spezialagenten: Jonas und Josy sind nur scheinbar gewöhnliche Teenager vom Niederrhein. Ihre Begabungen ziehen sie immer tiefer in spektakuläre Herausforderungen. Wirken sie gerade noch mit bei der Aufklärung eines kleinen Banküberfalls, stehen sie bald schon vor der größten terroristischen Bedrohung Deutschlands.
Jo-Jo ist für den Autor, den Berliner Hauptstadt-Journalisten Gregor Mayntz, die moderne Variante des Agenten-Krimis. Ob Macho im Dienste Ihrer Majestät oder Amazone auf Ego-Trip - so konnte vielleicht gestern die Welt gerettet werden. Heute schaffen es Agenten wie Jonas und Josy nur gemeinsam, den Bösewichtern der globalen Verwicklungen das Handwerk zu legen, auch wenn die Gefahr noch so übermächtig zu werden droht.
In Band 1 lernen die Leser die jungen angehenden Agenten zu einem Zeitpunkt kennen, als die beiden 17-Jährigen selbst noch nicht ahnen, was auf sie zukommt. Wie sie ein Paar werden, wie sie an sich zweifeln, von den Ereignissen überfordert zu werden scheinen, dann aber ihren Weg finden - und sich ihnen ungeahnte Perspektiven bieten.
Von Band zu Band werden Jonas und Josy älter, geschulter und erfahrener. Sie steigen nicht nur immer tiefer ein in die Hintergründe von Politik und Gesellschaft, von Sicherheitsbehörden und Militärs. In ihren spannungsgeladenen Erlebnissen im Kampf gegen Kriminalität, Terrorismus und Krieg spiegelt sich auch die Entwicklung der Welt des 21. Jahrhunderts mit ihren offenen und verborgenen Konflikten, ihren Sehnsüchten und menschlichen Abgründen.
Zum Autor
Der Autor Gregor Mayntz arbeitet seit vielen Jahren für eine Tageszeitung als Hauptstadtkorrespondent. "Jo-Jo" ist sein Ausflug von der Berichterstattung über die reale Politik in die virtuelle Welt erfundener Abenteuer, die aber durchaus in dem Metier angesiedelt sein können, in dem er sich auskennt.
Prolog
Die Schmerzen waren einfach unerträglich. Jonas Finger krallten sich in die Dachrinne. Seit Minuten schon hing er über dem Abgrund, seit ihn die Explosion buchstäblich von den Beinen gefegt und er im Fallen dort noch einen letzten Halt gefunden hatte. Aber das Ding wurde heißer und heißer. Und das, was mal seine Hände waren, schien nicht mehr zu sein als eine blutige Mischung aus Knochen, Fleisch und Sehnen. Längst war seine Hoffnung, halbwegs heil aus diesem Inferno wieder herauszukommen, der puren Sehnsucht gewichen, dass es irgendwie endlich vorbei sein möge. Irgendwie. Auch wenn danach nichts mehr käme. Nichts. Egal. Hauptsache keine Schmerzen mehr. Trotz der höllischen Qualen war ihm innerlich nach Sarkasmus. Waren das nicht genau die Szenen, die er als James-Bond-Fan immer wieder konsumiert, ja genossen hatte? Stets in der Vorstellung, er selbst wäre dieser Held, der durchs Feuer geht, sich gerade noch mal in Sicherheit bringen kann. Und dann würde er mit einem eleganten Sprung auf einen vorbeifahrenden Lkw springen, von dort auf die Straße, sich kurz den Staub aus dem eleganten weißen Smoking klopfen und in der Menge untertauchen. Aber da war kein Staub auf seinen Klamotten, da war Blut. Und Flammen. Und vor allem: Schmerzen, die noch schlimmer wurden. Von wegen „Klappe, wir drehen die nächste Szene“. Hier würde es keine nächste Szene geben. Es ging nicht um Nervenkitzel. Sondern um Tod. Die beiden finsteren Gestalten vom gegenüberliegenden Balkon hatten die Detonation bestimmt nicht überlebt. Ob es Josy schaffen würde, war noch nicht ausgemacht. Und für ihn selbst, ja was würde werden? Jedenfalls sollte es so schnell wie möglich enden. Diese Schmerzen!
Ein weiterer ohrenbetäubender Knall erschütterte das Dachgeschoss. Offenbar hatte das Feuer eine weitere Gasleitung erreicht, Steine und Ziegel flogen wie Geschosse an ihm vorbei, ließen jetzt auch auf der Straße, fünf Stockwerke tiefer, Panik aufkommen. Dort hatten Polizisten die Gaffer angebrüllt, Platz für die Rettungswagen zu machen. Aber selbst im ereignisverwöhnten Berlin war eine solche Katastrophe mitten im Wohngebiet nun einmal eine Sensation, die die Menschen zusammen strömen ließ. Eine Mischung aus Gier nach spektakulären Bildern und wohligem Schaudern über das Gefühl, dass andere leiden mussten und man nicht selbst in dem Dachgeschoss steckte, das inzwischen in voller Ausdehnung brannte.
Die gefährlich nah einschlagenden Trümmerteile lösten nun jedoch eine Massenflucht aus. Auch für die Feuerwehrleute ging es ums Überleben. Die Rettungsplattform am Ende der Feuerwehrleiter war ohnehin auf dem Weg nach unten. Gottseidank. Im letzten Augenblick hatten die Männer den leblosen Körper auffangen können. Jonas hatte es genau gemerkt, als Josy das Bewusstsein verlor. Ihre Finger, die gerade noch seinen Arm fest umklammert hatten, waren langsam heruntergerutscht, dann hatte er mit einer letzten verzweifelten Anstrengung wenigstens Josys linke Hand gepackt. Während er mit seiner Linken sie beide festzuhalten versuchte. Wissend, dass das nur noch Sekunden zu ertragen sein würde. Er hatte gebrüllt vor Schmerzen, denn seine rechte Hand hatte, nachdem sie von der Kugel durchschlagen worden war, keine Kraft mehr. Sie brannte nur noch. Aber deshalb Josy in die Tiefe stürzen lassen, das ließ ihn seine letzten Reserven mobilisieren. Ein weiteres Mal seine letzten Kräfte. Für Josy. Für seine Freundin, ach was, für die Frau seines Lebens. Aber plötzlich war da kein Gegendruck mehr gewesen. Und so war sie Millimeter für Millimeter in ihr scheinbar sicheres Ende gerutscht, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Die eintreffende Feuerwehr hatte die Dramatik sofort erfasst und im richtigen Moment den Winkel der Leiter so verändert, dass die Retter im Korb rechtzeitig unter Josy zur Stelle waren und sie ihnen sozusagen in die Arme fiel. Zwei, drei Mal hatten sie hochgerufen, er möge sich doch auch fallenlassen. Aber er hatte es nicht verstanden, sondern erleichtert registriert, dass sie nach endlos scheinenden Sekunden endlich die Leiter einholten, damit sich die Notärzte um Josy kümmern konnten.
Würde er sie je wiedersehen? Erstaunt nahm er wahr, dass er mit diesen Fleischklumpen, die einmal seine Finger waren, immer noch etwas fühlen konnte. Denn er hörte ein Knacken. Er schaute in die Richtung des Geräusches und sah, wie sich ganz allmählich die Rinne vom Dach löste. Unter ihm wurde die Leiter noch weiter weggefahren, „schneller Männer“, hörte er, als er mit dem heißen Metall in den Händen Richtung Bordstein stürzte. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf: „Das war es also, Dein Leben.“ Und dann kamen die Bilder. Wie er Josy nach seinem Sturz vom Dach doch noch einmal zu fassen kriegt. Wie sie die furchtbaren Absichten der Männer auf dem gegenüberliegenden Balkon entdecken und sich ohne nachzudenken dazwischen stürzen. Wie sie im Kanzleramt das ganze Ausmaß der Gefahr erkennen. Wie er im Mittelmeer fern der Küste zu ertrinken droht. Wie ein Film, der rückwärts läuft, kamen die Bilder immer schneller, wie Blitze von Erinnerungen vor seinem inneren Auge vorbei. Die Leiche in der Ferienwohnung, die verschwundene Freundin, der korrupte Polizist. Josys blutiges Knie beim Sturz mit dem Fahrrad und ihr Blick, der ihm einmal mehr ein heißes Gefühl durch die Adern trieb. Oder war das schon der Aufschlag auf dem Asphalt? Das Ende? Dann würde es jetzt sicher dunkel werden um ihn. Und es wurde dunkel. Aber die Bilder blieben. Sie wurden größer und deutlicher. Und schöner. Jetzt sah er das süße kleine Mädchen im Sandkasten vor sich, das er - wie ihm klar wurde – immer schon geliebt hatte. Und das er nie wieder sehen würde. Es war ihm, als schickte ihm sein Unterbewusstsein zum Trost noch einmal die Bilder von den schönen, spannenden, verheißungsvollen Augenblicken aus den zurückliegenden Monaten. Doch jetzt liefen sie wieder vorwärts, und zwar ganz langsam.
Kapitel 1
Die Kaffeemaschine rumpelte vor sich hin. Gleich würde Jonas den Höhepunkt des Tages erleben, wenn er Hauptkommissar Salzberg zu neuen Lobeshymnen brächte. „Wunderbar“ würde der Mann mit der Glatze sicherlich wieder sagen. Und dann betonen, wie falsch es gewesen sei, sich so lange und so energisch gegen Schülerpraktikanten bei der Kempener Kripo gewehrt zu haben. Schon am ersten Tag habe Jonas die Arbeit ungemein bereichert, wiederholte Salzberg mit niemals nachlassender Ironie. Allmählich ging Jonas dieses Ritual gewaltig auf die Nerven. Er hatte doch nur die hoffnungslos verdreckten Kaffeebecher der Kripobeamten gespült und statt der hart, sauer und flockig gewordenen Uralt-Kaffeesahne frische Milch besorgt. In erster Linie natürlich, weil ihn das Geschirr angeekelt hatte und er selbst einen guten Kaffee haben wollte. Der Nebeneffekt bestand darin, jedes Mal einen der dankbaren Beamten in ein kurzes Gespräch über seine aktuelle Arbeit verwickeln zu können. Das wiederum hatte seine Gefühle in Wallung gebracht: Es binnen einer Stunde vom Schülerpraktikant schon zum gleichwertigen Mitglied in einem eingespielten Kripo-Team gebracht zu haben! Das konnte doch nur bedeuten, dass er zusammen mit den Profis schon bald auf Verbrecherjagd gehen, die Schule abbrechen und wegen des sensationellen Fahndungserfolges sofort Kommissar werden würde. Nun lachte er innerlich über seine eigene Naivität. Denn außerhalb dieser Träume war das Kaffeekochen seine einzige „Aufgabe“ geblieben.
Fast noch mehr ärgerte ihn, dass Josy ihn mit diesem zweifelhaften Erfolg dauernd aufzog.
„Männer sind halt doch die besseren Hausfrauen“, stellte sie wieder und wieder fest. Und grinste ihn dabei herausfordernd an.
Den Tonfall von Salzberg nachäffend, fragte sie, ob der „begabte Nachwuchskommissar“ ihr nicht ebenfalls einen frischen Becher dieses „wunderbaren Getränkes“ bringen könne. Dumme Kuh. Natürlich hatte sie keinen Tropfen bekommen. Und offenbar mochte sie auch keinen. Jedenfalls hatte Jonas sie noch nie Kaffee trinken sehen. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren, in denen sie nun zusammen zur Schule gingen. Aber so genau wusste er es gar nicht. Schließlich hatte er seit Jahren nicht mehr auf sie geachtet. Und jetzt das!
Dass dieses Mädchen überhaupt mit ihm in diesem alten Büro am Moorenring saß, und das 14 Tage lang, hatte ihn schon mehr als einmal furchtbar geärgert. Schließlich war er es doch gewesen, der mit viel Bitten, Betteln und Einschalten seines Onkels im Düsseldorfer Innenministerium die Kempener Kripo dazu gebracht hatte, zum ersten Mal seit Menschengedenken einen Schülerpraktikanten aufzunehmen. „Kein Platz“, hatte es zunächst geheißen. Dann „Bedenken wegen des Datenschutzes“, denn die Bearbeitung der Fälle hatte zwangsläufig mit vertraulichen personenbezogenen Informationen zu tun, die die Polizei, so das Argument von Salzberg, keinem Außenstehenden zugänglich machen dürfe. Jonas hatte dann darauf hingewiesen, dass sogar das Landgericht im benachbarten Krefeld seit Jahren Schülerpraktikanten nehme, und dass dort sicherlich noch mehr brisante Daten anfielen. Die jungen Leute mussten sich halt nur einer vorgeschalteten Schulung unterziehen und sich schriftlich verpflichten, alle Informationen für sich zu behalten. Er sei gerne bereit, einen Nachmittag zur Schulung nach Krefeld zu fahren, das Formular des Landgerichtes einzuscannen und überall, wo „Justizbehörde“ steht, „Polizeibehörde“ einzusetzen und selbstverständlich zu unterschreiben, hatte er dem Oberkreisdirektor in Viersen geschrieben.
Denn diesem unterstand die Kripo in Kempen, jenem 30.000 Einwohner zählenden Städtchen am linken Niederrhein. Es zeichnete sich durch eine bis ins Mittelalter reichende Geschichte aus. Spuren fanden sich nicht nur überall in der Stadt-Architektur, jenem „Rundling“, der als innerstädtische Ringstraße konsequent den Verlauf der historischen Stadtmauer aufnahm. Spuren fanden sich auch im Bewusstsein der Einwohner. Die Geschichte hatte es mit der Bedeutung des „Rundlings“ gut gemeint. Die kurkölnische Burg strahlte frühe Größe aus, und gleich vier große weiterführende Schulen machten Kempen zu einem Städtchen, das über seine eigenen Grenzen hinaus seit Jahrhunderten ins niederrheinische Umland ausstrahlte. Die schon früh begonnene und mutig zupackende Sanierung hatte in der Thomasstadt, wie sich Kempen nach ihrem berühmtesten Sohn, dem mittelalterlichen Kirchenlehrer Thomas von Kempen nannte, die Grundlagen für eine attraktive Mischung aus Geschäfts- und Wohnhäusern gelegt. Es passierte nicht gerade selten, dass betuchte Shoppingtouristen aus Düsseldorf oder Köln am Wochenende beim Stöbern durch die Boutiquen auf den Geschmack kamen, die Immobilienangebote studierten und Gefallen an dem Gedanken fanden, mitten in der Altstadt ein luxuriöses Appartement zu kaufen. Durch die günstige Verkehrsanbindung war man schnell in den Zentren an Rhein und Ruhr. Und sogar einen eigenen Bahnhof hatte das Städtchen erhalten können. Er war mit großem Aufwand sogar ausgebaut worden. Aber die traditionelle Befürchtung vieler Kempener, irgendwann aufs Abstellgleis zu kommen, hatte das nur mindern, nicht beseitigen können. Vermutlich hatte dieser latente Pessimismus der Kempener mit Erlebnissen zu tun, die nun schon Jahrzehnte zurücklagen. Die Neugliederung der Städte, Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte ihnen einen Stadtteil entrissen, und dann war auch noch der Sitz der Kreisverwaltung abhanden gekommen. Das hatte das Selbstbewusstsein nach Jahrhunderten stolzer Gefühle nachhaltig getroffen. Im Tauziehen um den Sitz der regionalen Behörden hatte es zwischen dem Sieger, der neuen Kreisstadt Viersen, und dem Verlierer, dem untergegangenen „Königreich Kempen“, eine Reihe von Kompromissen gegeben. Unter anderem sollte Kempen noch so lange eine eigene, und gegenüber vergleichbaren Dependancen in anderen Kreisen wesentlich größere Kripo behalten, so lange noch Mitglieder der Mannschaft aus den 70er Jahren dort ihren Dienst versahen. Inzwischen gab es nur noch einen: Salzberg. Durch geschicktes Steuern im Hintergrund, zu dem auch attraktive Grundstücksangebote in der Innenstadt gehört haben sollen, war es gelungen, ihn von allen Versetzungsplänen abzubringen. Nun wollte man ihm noch möglichst lange einen ruhigen Job bereiten. Schließlich waren in der neuen Landesregierung Überlegungen in Gang gekommen, die wieder mehr auf Dezentralisierung setzten. Vielleicht würde es ja gelingen, die Kripo auf Dauer doch in Kempen zu halten. Als Beispiel für eine Reihe anderer Kreis-Einrichtungen. Also sollte es jetzt einerseits überzeugende Fahndungserfolge der Kempener in ihrem internen Aufklärungswettstreit mit den Viersenern geben, andererseits aber möglichst keine Experimente, die Salzberg die Arbeit verleiden könnten.
Jonas ahnte davon nichts. Sein Leben drehte sich um seine Leidenschaft für den Sport, um seine Eltern, die vor Jahren in der so genannten Neuen Stadt Kempens ein Häuschen gebaut hatten, und um seine Zukunftspläne, die – obwohl er inzwischen 17 Jahre alt war, immer noch stark von Agenten-Abenteuern geprägt waren. Sein Bemühen um ein Praktikum bei der örtlichen Kripo war im Grunde für ihn nur letzte Wahl gewesen. Denn der Bundesnachrichtendienst hatte sich als Ort für ein Schülerpraktikum als leider unerreichbar herausgestellt. Das Landeskriminalamt war auch noch „ein paar Nummern zu groß“ gewesen, wie Jonas von seinem Onkel erfuhr. Deshalb musste es wenigstens mit der örtlichen Kripo klappen. Besser die Kaulquappe im Glas als den Frosch irgendwo im Teich, hatte sich Jonas gesagt. Dann bestand wenigstens die Chance, dass sich die Kaulquappe in seiner Hand doch noch in einen Frosch verwandelt und ihm den Wunsch nach einem Einstieg in die spannende Welt der Doppel-Null-Agenten „mit der Lizenz zum Töten“ doch irgendwie erfüllte.
So hatte er sich Stück für Stück herangearbeitet. Seine Hartnäckigkeit hatte seinen Onkel offenbar beeindruckt, und nach zwei Telefonaten mit dem Landgerichtspräsidenten in Krefeld und dem Oberkreisdirektor in Viersen war das Unternehmen „Schülerpraktikum“ bei der Kripo in Kempen in Gang gekommen – freilich als „Versuch“ überschrieben, der zudem je nach Anfall aktueller Ermittlungsfälle jederzeit abgebrochen werden konnte. Dieser Passus hatte Jonas ganz und gar nicht gefallen. War damit doch die Befürchtung verbunden, dass er doch nicht so viel werde miterleben können. Denn natürlich bestand die Gefahr, dass er rausflog, sobald es spannend würde.
Das Unglück mit Josy passierte in der Schule, als Jahrgangsstufenleiterin Brunhilde Winkels die Liste mit den feststehenden Praktikumsstellen durchsah. Sie hatte gerade wieder triumphierend festgestellt, dass die Schulleistungen der Mädchen deutlich besser seien als die der Jungen – und dann mit großem Bedauern den Aufmacher der aktuellen „Rheinischen Post“ vorgelesen, wonach Frauen in Deutschland immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Das liege vor allem daran, dass Frauen traditionell in schlechter bezahlte Berufe strebten, Männer in besser bezahlte. Also müsse schon die Schule auf eine andere Berufsauswahl einwirken, lautete der Schluss für Frau Winkels. Bis dahin hatte Jonas ihr nicht sonderlich genau zugehört. Das schien ihn alles nichts anzugehen. Die Jobs bei der Kripo waren zwar spannend, aber zu den gut bezahlten gehörten sie nicht. Und außerdem waren sowieso von Jahr zu Jahr mehr Frauen unter den Polizeianwärtern. Doch die Winkels hatte eine andere Vorstellung, die sicherlich begünstigt wurde durch den Umstand, dass die Kempener Kripo tatsächlich nur aus Männern bestand - von Sibylle König mal abgesehen. Aber die war „nur“ Sekretärin. Also mal wieder eine typische Männer-Frauen-Verteilung, die für die Lehrerin ganz und gar nicht akzeptabel war. Und so bot sich für sie ein willkommener Anlass, mal wieder ein gefürchtetes Doppel-E zu starten: Ein „emanzipatorisches Exempel“. Der verkrampfte Feminismus hatte sich zwar überall überlebt, aber sich in Person von Brunhilde Winkels in Kempen eine ziemlich lebendige Nische erhalten. Und in dieser war Platz bei der Kripo für einen Jungen nur, wenn zugleich auch ein Mädchen genommen würde. Selbst im Fernsehen gingen schon eine ganze Menge Frauen erfolgreich auf Verbrecherjagd, also sei es höchste Zeit, dass dies auch in der Realität des linken Niederrheins endlich kapiert werde. Jonas hatte das Gefühl, einen Schlag in den Magen abgekriegt zu haben. Wenn die Winkels das tatsächlich durchdrücken wollte, würden die Behörden bestimmt den Versuch gleich wieder einstellen. Wo angeblich für einen kein Platz war, würden zwei schon gar nicht hinpassen.
Aber wer die Winkels kannte, wusste um ihre Hartnäckigkeit. Schon nach einem Tag hatte sie mit zig-Telefonaten einen zweiten Praktikumsplatz erzwungen, einen, der ausdrücklich einer Praktikantin vorbehalten war. Von einem Gespräch mit seinem Onkel wusste Jonas, dass hinter den Kulissen dabei mächtig Staub aufgewirbelt worden war. Die Winkels hatte damit gedroht, die Sache öffentlich zu machen, den ganzen „Macho-Verein Kripo“ hochgehen zu lassen und alles vor den Landtag und den Petitionsausschuss des Bundestages zu bringen. Das Innenministerium hatte deshalb auf den Oberkreisdirektor eingewirkt und dieser unter der Bedingung zugestimmt, dass der Versuchscharakter nochmals unterstrichen wurde: Sofortiger Abbruch, wenn es auch nur leichte Anzeichen dafür gebe, dass durch die Anwesenheit der beiden Praktikanten der Dienstbetrieb beeinträchtigt werde. Und zwar für beide. Jonas hatte als Ergebnis seiner Bemühungen somit fast die Garantie, nichts erleben zu können. Und es schmerzte ihn besonders, dass Josy täglich Zeugin dieser Niederlage werden würde. Ausgerechnet Josy, die Zicke aus dem Nachbarhaus.
Mit ihr war er schon zusammen in den Kindergarten Christ-König gegangen. Damals konnten sich die beiden noch richtig gut leiden. Ihre Eltern hatten die Häuser zur gleichen Zeit nebeneinander gebaut, sich gegenseitig bei den Eigenleistungen immer wieder unterstützt und damit eine enge Freundschaft der Familien aufgebaut, in die sich die Kinder nahtlos einfügten. Sie spielten abwechselnd im Sandkasten des einen oder der anderen, trafen sich mit anderen Freunden mal in dem einen, mal in dem anderen Haus. Sie waren eigentlich eine große Familie, hatten mindestens einmal sogar ihren Urlaub zusammen verbracht. Schemenhaft erinnerte sich Jonas daran, dass sie zusammen Winddrachen ausgemalt, Kartoffeln an Stöcken im Feuer verkohlt und manchmal auch ziemlichen Blödsinn veranstaltet hatten. Eher peinlich fand er, dass seine Mutter von Zeit zu Zeit daran erinnerte, dass die beiden sich sogar einmal im Planschbecken im Garten geküsst hätten und dass Jonas fest davon überzeugt gewesen sei, Josy unbedingt heiraten zu wollen. Daran erinnerte er sich nun wirklich nicht. Eine Sandkastenliebe reicht halt wirklich nur bis zu den Rändern des Sandkastens. Und diesen gab es inzwischen nicht einmal mehr. An seiner Stelle war ein Blumenbeet angelegt worden. Und zwar sowohl in der Wirklichkeit als auch in Jonas’ Kopf. Diese Erinnerung war gründlich überwuchert. Denn schon in der Grundschule hatte sich eine ständige Rivalität zwischen ihnen entwickelt, die mehr als einmal ihre Spuren in Form ausgerissener Haare, Kratzer im Gesicht und blauer Flecken auf den Beinen hinterlassen hatte. Glücklicherweise waren sie dann auf dem Gymnasium Thomaeum in unterschiedliche Klassen gekommen und hatten sich nur ab und zu auf dem Schulweg und auf dem Pausenhof gesehen. Leider hatten sie sich dann aber in der Oberstufe für eine Reihe gleicher Kurse entschieden, so dass sie sich nun doch wieder fast täglich im Unterricht begegneten. Doch außerhalb der Klassenräume waren sie sich weiterhin aus dem Weg gegangen.
Nun hatte die Winkels mit der ihr typischen Logik vorgeschlagen, dass Josy ihr Praktikum bei der Kripo machen sollte. Und warum? Weil dann Jonas und Josy morgens zusammen hin und abends zusammen nach Hause fahren könnten. Das sei einfach sicherer, zumal die Arbeitszeit, wie sie gehört hatte, sehr flexibel sein würde und es morgens noch und abends schon wieder dunkel sein könne. Ein dämliches Argument, hatte Jonas sogleich gedacht. Als ob 17-jährige nicht allein in Kempen unterwegs sein könnten. Und außerdem hatte Josy doch eigentlich lieber ans Geologische Landesamt nach Krefeld gewollt.
„Statt der geologischen sollten Sie vielleicht einmal menschliche Abgründe erkunden“, hatte die Winkels dazu gemeint, und Josy die Mitteilung gemacht, dass es beim Landesamt gleich drei Bewerber für einen Praktikumsplatz gebe und sie nicht die besten Chancen habe, da sie als einzige nicht aus Krefeld komme.
Also kam es, wie es nach der Überzeugung von Jonas absolut nicht kommen durfte. Montagmorgen hatte der Hauptkommissar sie zusammen willkommen geheißen. Innerhalb von fünf Minuten hatte er ihnen einen derart komprimierten Vortrag über die Aufgaben der Kripo, ihr Zusammenspiel mit der übrigen Polizei auf der einen und der Staatsanwaltschaft auf der anderen Seite, die Laufbahnen, die Dienst- und Fachaufsichten und die einzelnen Zuständigkeiten der verschiedenen Ebenen und Bereiche gehalten, dass sie schnell den Faden verloren hatten. Danach war er mit ihnen durch die einzelnen Etagen und Büros gegangen und hatte ihnen rund zwei Dutzend Beamte vorgestellt, von denen aber die meisten offenbar gar nicht zur Kempener Kripo gehörten, sondern nur hier saßen, um einen Banküberfall in Vorst, rund sechs Kilometer vor den Toren Kempens, aufzuklären. Das hatte ganz groß in den Zeitungen gestanden: Ein maskierter Mann hatte die Sparkassen-Filiale überfallen und war mit der Beute auf einem Fahrrad geflüchtet. Auf dem Parkplatz des weit bekannten Medikamentenhilfswerkes „action medeor“ hatte er das Fahrrad ins Gebüsch geworfen und war zu einem Komplizen ins Auto gestiegen. Mit quietschenden Reifen waren die Verbrecher dann Richtung Kempen geflüchtet. Ein Fahrer einer nahe gelegenen Fleischwarenfabrik hatte die Angaben einer Mitarbeiterin des Hilfswerkes bestätigt, dass es sich um einen dunkelroten japanischen Kleinwagen, vermutlich einen Honda, gehandelt hatte. Das Viersener Kennzeichen, das hatte die Polizei schnell herausgefunden, war gefälscht. So wie bei einem Banküberfall zwei Wochen zuvor in Hinsbeck, einem Ort nahe der niederländischen Grenze. Und einem weiteren vor drei Wochen in Oedt, einem anderen Ort, ebenfalls nur rund sieben Kilometer von Kempen entfernt.
Jedes Mal waren die Taten ähnlich abgelaufen. Weil bei dem Überfall in Oedt die Täter auf der Flucht einige Geldscheine verloren hatten und sich diese wenig später im nahegelegenen „Gänsebrunnen“ wiederfanden, hatte sich für die offiziell „Raubüberfälle im Raum Kempen“ bezeichnete Sonderkommission intern der Name „Soko Gänsegeld“ breit gemacht. Und im alltäglichen Sprachgebrauch war daraus ein schlichtes „SKGG“ geworden, wie Salzberg ihnen kurz und eher gehetzt erläuterte. Mit großen Augen schauten Jonas und Josy in die Räume, versuchten möglichst viel von den Abkürzungen, Bildern und Spuren zu erhaschen, die auf den Tischen und auf großen Pinboards festgehalten waren. Doch sie wurden schnell weiter gezogen. Das gehe sie überhaupt nichts an. Und sie sollten froh sein, dass sie trotz dieser Überfallserie ihr Praktikum hätten beginnen können. Eigentlich habe man das wegen dieser Ereignislage vorzeitig abblasen wollen. Aber wenn sie versprächen, sich von „Gänsegeld“ fern zu halten und – von der Teilnahme an ausgewählten Besprechungen und Ermittlungen abgesehen – nur in ihrem eigenen Raum im zweiten Stock zu bleiben, dann werde man die Schüler zwei Wochen bei der Kripo dulden.
Nett klang das nicht. Die finstere Miene von Hauptkommissar Salzberg hellte sich erst wieder auf, als Jonas mit dem duftenden Kaffee in der Hand an seine Büro-Tür klopfte. Er war daraufhin sogar noch einmal mit in das Zimmer am anderen Ende des Flures gekommen, in dem er die beiden Schüler platziert hatte. Offenbar war er gar nicht mal ein so abweisender Typ. Dass er so unfreundlich gewirkt hatte, hing wohl eher mit Jonas’ Überrumpelung in Sachen Praktikum zusammen. Fred Salzberg kannte mit seinen 58 Jahren vor allem ein Motiv: Möglichst geräuschlos in seinen Ruhestand kommen und dann den Lebensabend mit seiner Frau in seinem chic umgebauten Fachwerkhaus an einer von Kempens ältesten Straßen mitten in der Innenstadt genießen. Sein ganzer Stolz war sein Garten. Das wurde Jonas und Josy schnell klar, als Salzberg sofort und ungefragt davon erzählte. Der Clou daran: Er hatte neben dem von seiner Mutter ererbten noch zwei weitere winzige Häuschen auf der rückwärtigen Seite gekauft und alles kunstvoll miteinander verbunden, so dass ein richtiges kleines Paradies mitten in dichter Altstadtbebauung entstanden war. Dieses persönliche Lebensglück sollte ihm keiner mehr nehmen. Deshalb hasste Salzberg alles Fremde. Zum Beispiel ein Schülerpraktikum. Was da alles schief gehen und alles durcheinander bringen konnte!
Der Hauptkommissar legte den beiden jungen Leuten einen Stapel von Kripo-Verbandszeitschriften und Einführungsbroschüren auf den Tisch. Josy blätterte eher lustlos darin, Jonas steckte schon deutlich mehr Interesse in die Seiten. Aber irgendwann wurde auch ihm langweilig. Salzberg hatte angekündigt, dass die drei anderen Kollegen auf der Etage zu ihnen kommen und von ihrer Arbeit erzählen würden, sobald sie Zeit dafür fänden. Aber nach drei Stunden war noch keiner erschienen. Notgedrungen kamen Jonas und Josy nach so vielen Jahren, in denen sie sich aus dem Weg gegangen waren, selbst wieder ins Gespräch, erzählten von ihrem früheren Kindergarten am Concordienplatz, der nun nicht mehr eine Steinwüste, sondern ein richtig schön begrünter Ort geworden war, und von einigen Streichen an ihrer ländlich gelegenen Grundschule. Wie sie etwa einmal mit Tommy vom Hof aus der Nachbarschaft eine ausgewachsene Sau in die Lehrer-Umkleide neben der Turnhalle getrieben hatten und keiner so Recht entscheiden mochte, wer sich beim Zusammentreffen mehr erschrocken hatte: die Sau oder Fräulein Schmidt. Sie erzählten vom Schulausflug zur Burgruine Wachtendonk, wo das schönste Burgfräulein gekürt werden sollte.
„Ich glaube, Du hast total super ausgesehen“, meinte Jonas.
Binnen Bruchteilen einer Sekunde blaffte Josy ihn an: „Und warum hast Du mich dann ausgelacht, so dass ich nur noch wegrennen konnte?“, fragte sie mit einer Stimme, die zwischen Gereiztheit und tiefem Verletztsein schwankte.
‚Autsch‘, dachte Jonas. Das hat wohl tief gesessen. Ist sie mir deshalb all die Jahre aus dem Weg gegangen?
„Ich, äh, ich dachte nicht, dass Dich das damals, äh, so, äh…“
„Vergiss es einfach“, zischte Josy. „Schließlich will ich heute kein Burgfräulein mehr werden.“
Jonas lachte.
„Ich stell mir das gerade vor: Du mit dem langen spitzen Hut, dem Schleier und dem langen Kleid – aber heute würde man Dich wohl eher als Hermine Granger ansehen.“
Josy zog einen Brieföffner aus der Schale vor sich auf dem Tisch und erhob ihn drohend: „Pass bloß auf, dass ich Dir keinen Harry-Potter-Blitz in die Stirn ritze.“
Bei Josys Griff in die Schale war zwischen den Stiften ein kleiner Zettel zum Vorschein gekommen war, den sie nun näher musterten.
„Was steht denn da drauf?“, wollte Jonas wissen.
Josy winkte ab.
„Das geht uns bestimmt nichts an, schließlich ist das doch sonst der Team-Besprechungsraum.“
Dennoch: Sie waren neugierig genug, den Zettel auseinanderzufalten. Es war eine Art Geschäftsverteilungsplan. Buchstaben standen darauf, und dahinter ein paar Sachgebiete und weitere Abkürzungen. An erster Stelle war ein „S.“ zu lesen. Klar, das musste Hauptkommissar Salzberg sein. Unten, etwas abgetrennt, ein „K.“ mit dem Zusatz „Sekr.“ Auch das war offensichtlich: Frau König, die laut Herrn Salzberg halbtags hier arbeitet, mal vormittags und mal nachmittags kommt – aber jetzt, um 15 Uhr, immer noch nicht erschienen war. „v.A.“, das musste Inspektor Frank van Alten sein, der jüngste Kripobeamte in Kempen. Der schien ganz in Ordnung zu sein, jedenfalls meinte er bei der Begrüßung, er werde sie beide sicherlich zu einem Einsatz mitnehmen, sobald er von seiner Abordnung in die SKGG wieder an seinen eigentlichen Schreibtisch zurückgekehrt sei. Das „Kl.“ auf dem Zettel machte Jonas und Josy auch keine Mühen. Das war Harald Klein. Das war tatsächlich sein Name, wie er ihnen versicherte. So wie der berühmte Assistent aus der Fernsehserie um Hauptkommissar Stefan Derrick, dem er regelmäßig sein Dienstfahrzeug vorfahren sollte. Und so hatte Klein ihnen auch sogleich gesagt, er kenne natürlich sämtliche „Harry-hol-schon-mal-den-Wagen-Witze.“ Zur Bestätigung hatte er Salzberg angeschaut und ihm ein „Nicht wahr, Stefan?“ zugerufen. Was dieser, mit seinen Gedanken offenbar gerade woanders, zunächst gar nicht zu verstehen schien. Bis Jonas ihm auf die Sprünge half: „Ach, so sehen Sie also in Wirklichkeit aus, Herr Derrick?“ Darauf lachten alle vier, und der Rundgang war beendet.
Eine Tür war verschlossen geblieben. Und zwar die zwischen dem Besprechungsraum und dem Sekretariat mit der Teeküche hinten dran.
„Hier arbeitet mein Kollege und Stellvertreter Hauptkommissar Adrian Husen“, hatte Salzberg erläutert. Und hinzugefügt. „Wenn er da ist.“
Auf die fragenden Gesichter der beiden Praktikanten reagierte Salzberg mit einer für sie unverständlichen Erläuterung: „Wenn er nicht da ist, arbeitet er auch.“
Jonas hatte prompt nachgehakt: „Und wann ist er da?“.
Die Antwort war von einem vielsagenden Seufzen begleitet: „Das weiß keiner, vermutlich nicht mal er selbst.“ Aber das, so erfuhren sie einmal mehr nachdrücklich, ging sie natürlich ebenfalls überhaupt nichts an.
Daran mussten Jonas und Josy unwillkürlich denken, als sie die zweite Zeile des hochinteressanten Zettels studierten. Ein „H.“ stand dort, freilich mit einem eingeklammerten Fragezeichen dahinter. So als sei sich da jemand nicht sicher gewesen, ob Husen wirklich Husen heißt. Und hinter diesem Fragezeichen standen eine ganze Menge weiterer Fragezeichen. Sie waren derart tief ins Papier gedrückt, dass da jemand offenbar im Besprechungsraum seine ganze Wut hatte loswerden wollen. Vermutlich war Husen bei dieser Besprechung auch nicht dabei gewesen. Was war mit „H.“? Die wildesten Gedanken kamen den beiden in den Kopf. So wurde das Praktikum bei der Kripo doch schon eine sehr spannende Angelegenheit. Wenn auch ganz anders als vermutet.
Der Zettel hatte die Stimmung zwischen Jonas und Josy merklich verändert. Am Montagmorgen waren sie erst im Büro von Salzberg aufeinander getroffen. Wie zwei Fremde, die einander erst vorgestellt werden mussten. Am Abend radelten sie erzählend zusammen nach Hause. Am Dienstagmorgen hatte Jonas bei Josy geklingelt, worauf sie zusammen in die Stadt gefahren waren. Und nach dem ähnlich ereignislosen Dienst hatten sie noch ein Eis am Viehmarkt gegessen, bevor sie wieder gemeinsam nach Hause fuhren.
Diesen Morgen nun hatte Josy Jonas an der Haustüre abgeholt. Erstaunlich eigentlich, dass dies nach all den Jahren wieder eine Premiere darstellte, obwohl sie doch nebeneinander wohnten und von der Thomas-Mann-Straße in der Neuen Stadt meistens sogar denselben Weg zu ihrem Gymnasium nahmen. Manchmal hatten sie sich natürlich auf dem Weg gesehen – aber dann so getan, als hätten sie sich übersehen. Mitten durch die Hochhaussiedlung an dem Spielplatz vorbei, auf dem sie früher mit ihren Freunden viele Stunden verbracht hatten, dann über den Concordienplatz und durch eine schmale Gasse direkt zum Schulzentrum. Jetzt fuhren sie eben nur ein Stück weiter, durchquerten das Kuhtor, eines von vier mittelalterlichen Stadttoren, bogen auf den „Wall“ ein, der den Grünstreifen von der Innenseite der alten Stadtmauer begleitete, und waren dann bald am Kripo-Gebäude.
Die Kripo war in einem alten Backsteinbau untergebracht - einem Überbleibsel der ursprünglichen inneren Ring-Bebauung. Immer noch galt jedoch das Sanierungskonzept, nach dem diese Bauten dem Grüngürtel weichen mussten. Deshalb hatte der Kreis seit Jahren nicht mehr in sein Polizeigebäude investiert: In den Büros unter dem Dach war es im Sommer unerträglich heiß, im Winter kühlten sie viel zu schnell aus, und auf dem Gang im obersten Stockwerk mussten bei Regenwetter Wannen aufgestellt werden. Die Dielen hatten die besten Zeiten hinter sich und verrieten durch lautes Knarren jede Bewegung. Das galt erst Recht für die Holzstufen im Treppenhaus. Die Arbeit lief unter dem Eindruck der Abbruchreife. Zwar dachten Kempener Kommunalpolitiker bereits über eine Verlagerung in ein modernes Gebäude mitten in der Stadt nach. Aber erst sollte die mögliche neue Dezentralisierungsstrategie eine neue Perspektive bieten. Lieber vorher nicht an den Verhältnissen rühren, lautete die Devise.
Das war bei Jonas und Josy gänzlich anders. Sie waren dabei, ihr Verhältnis grundsätzlich neu zu klären.
Josy hatte jedenfalls an diesem Morgen ausgesprochen gute Laune.
„Ich hab das Gefühl, heute passiert noch was“, sagte sie, als der Moorenring-Bau in Sicht kam. Um dessen hintere Hälfte wucherte zwischen mehreren kleinen Müllhaufen meterhoch das Unkraut.
„Was soll schon groß passieren?“, brummte Jonas. „Vielleicht, dass ich dem Hauptkommissar heißen Kaffee über die Hose schütte und er deswegen Großalarm auslöst?“
Er ahnte in diesem Augenblick nicht, wie nah er damit bereits an die folgenden Ereignisse herangekommen war.
Zunächst aber hatten sie mit der üblichen abweisenden Stimmung im Büro fertig zu werden. „Harry“, so nannten Jonas und Josy Inspektor Klein insgeheim, war besonders mürrisch. Offenbar wurmte es ihn, mit Fahrraddiebstählen, Autoaufbrüchen und Graffiti am Postgebäude befasst zu sein, also nur mit Dingen, die wenig Fahndungserfolg und viel Schreibkram erwarten ließen, während der jüngere Kollege van Alten mit den Profis aus Krefeld, Mönchengladbach und Düsseldorf in der Soko Bankräuber jagen durfte.
Hinzu kam, dass nun zum ersten Mal auch der mysteriöse Hauptkommissar Adrian Husen in seinem Büro saß. Ein kräftiger, schlanker Typ mit relativ langen dunkelblonden Haaren, der so sonnengebräunt war, als käme er gerade von einigen Tagen auf dem Surfbrett von den Malediven zurück an den Schreibtisch. Und das im April! Husen starrte sie an, als wären zwei Wildschweine aus dem Flur in sein Büro gestürmt. Und dann begann er, sie lautstark zu beschimpfen: Was sie denn hier zu suchen hätten, hier hätten Unbefugte keinen Zutritt. Ob ihnen klar sei, dass sie ausgerechnet bei der Polizei eingedrungen seien. Erst nach einer ziemlich langen Schimpftirade, konnte Jonas ein „Wir sind die Praktikanten!“ dazwischen quetschen. Worauf Husen zwar leiser, aber nicht ruhiger wurde. Das habe er ja ganz vergessen, und er wisse immer noch nicht, was sich der Chef dabei gedacht habe. Um eines gleich klar zu stellen: Sein Büro sei absolut tabu für sie. Wenn er sie einmal darin anträfe, wäre das Praktikum auf der Stelle beendet. Sie könnten sich sogar strafbar machen, wenn sie zu neugierig seien.
Derart zusammengestaucht, überlegten Jonas und Josy, ob das mit dem Praktikum wirklich eine gute Idee gewesen war, ob sie nicht lieber die Winkels anrufen und ihr das Klima hier mal schildern sollten.
„Na Ihr, immer noch da?“ Die barsche Frauenstimme schien ihre Gedanken zu bestätigen. Sie gehörte Frau König, und auch die war definitiv nicht auf ihrer Seite.
Josy fing sich schneller als Jonas und rief kratzbürstig zurück: „Wir wünschen Ihnen auch einen sehr schönen Tag, Frau König!“ Woraufhin die Tür des Sekretariates mit lautem Knall zugeschlagen wurde. Dicke Luft also, und sie hatten leider eine sehr konkrete Ahnung davon, warum alle so wütend auf sie waren. Sie störten einfach die gewohnten Abläufe, die auch ohne ihre ständige Beobachtung offenbar schon schwierig genug waren.
Dabei hatte Sibylle König zunächst eigentlich einen sehr netten Eindruck gemacht, als Jonas und Josy ihr zum ersten Mal begegneten. Das hing wohl damit zusammen, dass sie zuvor einfach nicht zum Dienst erschienen war und beim Chef erst einmal „Schönwetter“ machen musste. Sie hatte etwas von „Migräne“ gemurmelt, und dass sie absolut nicht in der Lage gewesen sei, etwas zu tun, und außerdem habe sie in der Vorwoche ja Überstunden gemacht, weil die Sekretärin der Soko verhindert gewesen sei.
„Lass mal gut sein, Sybillienchen“, hatte Salzberg gesagt, und bei Sibylle König einen Mienenwechsel von Leiden zu Verärgerung ausgelöst.
Offenbar mochte sie diese Verballhornung ihres Vornamens ganz und gar nicht.
„Nenn mich Sibylle oder von mir aus Königin, Fred“, meinte sie und zog seufzend von dannen. Sie würde ihn wohl nicht mehr ändern.
Alsdann war sie zu den beiden Praktikanten gegangen und hatte ihnen sehr geduldig und irgendwie auch nett die Abläufe in der Kempener Kripo erläutert. Jonas und Josy hatten eifrig mitgeschrieben. Schließlich mussten sie am Ende des Praktikums einen Bericht verfassen, mit dem sie nachweisen sollten, dass sie die Praxis nicht nur erlebt, sondern auch begriffen hatten.
Die „Königin“ hatte den beiden jungen Leuten noch weitere Broschüren auf den Tisch gelegt und eine angenehme Lektüre gewünscht – und dann die Türe hinter sich geschlossen. Die offene Türe war bis dahin der einzige Hoffnungsschimmer für Jonas und Josy gewesen, wenigstens irgendetwas mitzukriegen von dem, was sich bei der Kripo tat. Denn manchmal konnte man den Männern beim Telefonieren zuhören oder bei ihren kleinen Besprechungen, wenn sie etwa in der Tür von Salzberg standen und ihn fragten, ob die geplante Vorgehensweise so richtig sei. Jonas und Josy ließen eine Viertelstunde verstreichen, dann machten sie sich auf den Weg zu Frau König ins Sekretariat. Sie wollten so tun, als hätten sie etwas nicht verstanden. Als sie an Husens Büro vorbeikamen, bemerkten sie, dass die Tür nicht mehr abgeschlossen, sondern nur angelehnt war. Und sie hörten, wie jemand eine Schublade nach der anderen öffnete. Lauschen wollten Jonas und Josy nicht, aber als sie merkten, dass das Sekretariat leer war, kehrten sie um.
„Sie ist bestimmt mal eben zur Toilette, wir gehen einfach in fünf Minuten noch mal hin“, sagte Jonas laut, als sie auf der Höhe von Husens Zimmer waren.
Josy nickte und deutete Richtung offener Türspalt. Hinter der Tür war es mucksmäuschenstill geworden. Als wäre jemand ertappt worden. Von ihrem Raum aus konnten sie verfolgen, wie nun eilig auch die letzte Schublade zugeschoben wurde, Husens Bürotüre langsam aufging und Frau König den Raum auf Zehenspitzen verließ. Leise zog sie die Tür hinter sich zu. Während sie den Raum wieder abschloss, fiel ihr Blick nach links in Richtung des Besprechungsraumes, aus dem sie vier neugierige Augen aufmerksam beobachteten. Beherzt drehte sie den Schlüssel um.
„Ich muss hier auch die Post verteilen“, sagte sie laut.
Das war zwar richtig, aber es war keine Erklärung für ihr Verhalten. Denn eine Stunde zuvor hatte sie ihnen noch erläutert, dass sie die Post für die einzelnen Beamten bei sich im Sekretariat in Ablagekörbe sortiere, aus denen sich jeder dann bediene. Genau dieser Widerspruch schien ihr selbst nun auch aufzufallen.
„Ihr wisst, dass Euch die ganzen internen Vorgänge hier nichts angehen, klar?“, fügte sie mit deutlich vorwurfsvollerem Unterton hinzu.
Von da an war es mit den Nettigkeiten vorbei. Das Spiel mit der geschlossenen Praktikanten-Tür wiederholte sich noch einige Male, worauf sich bei Jonas und Josy auf unerklärliche Weise ein heftiger Harndrang entwickelte, der sie leider zwang, jeweils zwei oder drei Minuten nach einer neuerlichen Türschließungsaktion der „Königin“ plötzlich zur Toilette zu müssen.
Die dahinter stehende Absicht war so offensichtlich, dass Jonas kombinierte: „Wir sollen etwas nicht mitbekommen, das ist klar, und deshalb sollten wir ganz besonders spitze Ohren kriegen.“
Also öffneten sie daraufhin auf dem Weg zur Toilette ihre Türe besonders leise und bewegten sich sehr langsam und möglichst lautlos durch den Flur. Schnell fanden sie heraus, wohin sie treten mussten, um auch das letzte Knarren des alten Holzfußbodens zu vermeiden. Als Jonas bei einer dieser WC-Schleich-Aktionen die Sekretariats-Türe geschlossen vorfand, wurde die Neugierde endgültig übermächtig und er versuchte zu horchen. Er hörte, wie die „Königin“ mit unterdrückter Stimme mit jemandem telefonierte. Alles verstand er nicht, aber es war für ihn offensichtlich, dass sie sehr aufgeregt war.
„Kannst Du mir nicht erzählen… Südfrankreich dazugehört … könnte Dir vertrauen … lass Dich hochgehen … Versteckspielen leid … dachte, Du liebst mich auch … soll endlich einen richtigen Vater haben.“
Offensichtlich hatte sie ihr Handy benutzt, denn plötzlich wurde sie lauter, weil das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. Jonas hörte noch deutlich: „Ich muss jetzt Schluss machen, aber morgen will ich auch mal wieder einen Abend mit Dir verbringen!“
Schnell huschte Jonas zurück in den Besprechungsraum. Zu schnell. Denn ein lautes Knarren im Flur hatte ihn verraten. Wenig später stand eine aufgebrachte „Königin“ im Zimmer.
„Könnte es sein, dass hier gelauscht wird?“, sagte sie so laut wie vorwurfsvoll.
„Ich, äh, ich musste mal dringend auf die Toilette“, stammelte Josy. Doch die „Königin“ schaute dabei in Jonas Gesicht und bekam genau mit, dass er sich ertappt fühlte.
„Aus meiner Sicht ist Ihr Praktikum für heute beendet, und Herr Salzberg wird entscheiden müssen, ob es überhaupt weiter geht“, sagte sie in einem für eine Sekretärin ziemlich anmaßenden Ton.
Salzberg beendete ihr Praktikum nicht. Er beschäftigte sich stattdessen zum ersten Mal intensiv mit ihnen, ja er bot ihnen sogar an, sie noch an diesem Nachmittag zu einer Dienstbesprechung mit dem Kreisdirektor nach Viersen mitzunehmen – wenn sie damit einverstanden seien, während eines Teils dieser Zusammenkunft draußen auf dem Flur zu warten. Und so bekam dann auch die „Königin“ zumindest für den heutigen Tag eine gute Perspektive: Die Praktikanten würden schon bald mit dem Hauptkommissar nach Viersen aufbrechen.
Es war allmählich Zeit, zum Auto zu gehen, da verwandelte sich das Kripo-Gebäude plötzlich in eine Art Bienenstock, und zwar einen, der gerade mit dicken Ästen angegriffen wird. Fast alle ließen augenblicklich alles fallen, womit sie gerade beschäftigt waren, stürzten raus in die Autos und rasten mit quietschenden Reifen davon. Jonas stand mit einem frischen Kaffee, mit dem er Salzberg vor der Abfahrt zusätzlich günstig hatte stimmen wollen, mitten im Flur, immer wieder nach links und rechts ausweichend, sobald wieder jemand aus einem Büro gestürzt kam. Nur Salzberg bewahrte die Ruhe, sagte der „Königin“, sie solle den Termin mit dem Kreisdirektor absagen, sah Jonas mit dem Kaffee und meinte, das sei sehr lieb gemeint, aber er und seine Mitschülerin könnten für heute nach Hause gehen, es gebe einen neuen Banküberfall, diesmal in Kempen.
„Wo?“, fragte Josy, die aus dem Besprechungszimmer gekommen war.
„In der Sparkasse am Concordienplatz“, sagte Salzberg.
„Aber da solltet Ihr nicht hin, vielleicht sind die Täter noch in der Nähe, fahrt lieber nach Hause, vielleicht könnt Ihr dann morgen mal an einer kleinen Nachbesprechung teilnehmen“, rief Salzberg von der Tür aus, und war im nächsten Moment verschwunden.
„Klar, wir fahren auf dem schnellsten Weg nach Hause“, betonte Jonas. Und grinste.
Er blinzelte Josy zu. Schließlich mussten sie auf diese Weise auf dem schnellsten Weg zum Concordienplatz. So legten sie sich kaum zwei Minuten später mächtig in die Pedale. Nur schnell nach Hause! Über den Concordienplatz!
Doch sie kamen nicht weit. Gerade hatten sie den Ring überquert, als Josy von ihren Pedalen abrutschte, den Lenker verriss und auf die Straße stürzte.
„Mist!“, rief sie, rappelte sich auf, konnte aber nicht wieder aufs Fahrrad.
Das Bein tat einfach zu weh. Die Jeans waren gerissen, vom Knie lief Blut herunter.
„Halb so schlimm“, rief sie Jonas entgegen, der ihr vorausgefahren war, bei ihrem Sturz aber sofort kehrt gemacht hatte.
„Von wegen“, sagte er – und hatte schon das Rad auf den Bürgersteig gezogen.
Er schaute sich ihre Wunde genauer an und versuchte, mit einem Taschentuch das Blut weg zu tupfen.
„Du hast Glück gehabt, das hört gleich auf. Aber ein Pflaster sollten wir da drauf tun. Meinst Du, Dein Vater…“
„Ja klar“, fiel ihm Josy ins Wort. „Die haben doch Verbandszeug im Postamt.“
Er bot ihr seine Hilfe an: „Komm, stütz Dich auf mich.“
So bewegte sich Josy, einen Arm um Jonas Schultern gelegt, vorsichtig Richtung Postamt.
„Was ist mit den Rädern?“, fragte sie.
„Da kümmer’ ich mich gleich drum. Du bist wichtiger.“
Das Verhältnis zwischen den beiden hatte sich spürbar und auch sichtbar verändert. Jedenfalls fand es Jonas alles andere als unangenehm, Josy so nahe zu sein. Nur zu dumm, dass es ihr wehtat, während er Gefallen daran fand, dass dieses ziemlich hübsche Mädchen einen Arm um seine Schulter gelegt hatte und sie zusammen langsam den Ring entlang gingen. Natürlich „gingen“ sie nicht zusammen. Humpeln traf ihre aktuelle Fortbewegungsart schon deutlich besser.
„Was ist passiert?“, rief Bertram Thönnes, als er seine Tochter mit dem Nachbarssohn durch den Eingang des Postamtes kommen sah.
Sofort bat der Postbeamte die Kunden in der Schlange vor dem Schalter, sich einen Augenblick zu gedulden oder sich bei den Kollegen anzustellen.
„Ich brauche nur ein Pflaster, Papa, halb so schlimm – und vielleicht einen Stuhl.“
Doch Jonas hatte sie bereits zu einem der Hocker gezogen, wo sie sich nun setzen und erstmals auch selbst das schmerzende Bein betrachten konnte. Auch ihr Vater kniete vor ihr und besah sich die Verletzung.
„Warte einen Augenblick“, sagte er und war schon in der Paketausgabe verschwunden.
Sekunden später war er mit einem Verbandskasten zurück.
„Wir machen Dir nur einen Verband, dann ruf ich die Mama an, damit sie Dich abholt und die Wunde zu Hause erst einmal säubert. Wer weiß, was da reingekommen ist. Wie ist das denn passiert?“
Während Josy von dem Sturz erzählte, richtete Jonas sich auf.
„Ich kümmere mich mal um unsere Räder“, sagte er und war schon durch die Türe verschwunden.
Bei Josys Rad war nur der Lenker etwas verzogen; er nahm das Vorderrad zwischen die Beine und bog alles wieder zurecht. Dann ging er mit Josys Fahrrad und seinem eigenen zum Postamt.
„Es dauert noch etwas, bis Mama kommt, sie ist gerade in Krefeld“, erklärte Josy, als Jonas zurück war.
„Fahr Du ruhig, wir schließen mein Fahrrad über Nacht draußen an“, schlug sie vor.
„Kommt nicht in Frage – wie kommen wir dann morgen früh wieder zur Kripo, äh, falls Du dann wieder fit sein solltest?“, erwiderte Jonas.
„Ich nehm’ Dein Fahrrad mit, hab’ ich schon ein paar Mal gemacht, ist kein Problem für mich“, sagte er bestimmt und ging schnurstracks zur Türe.
„Ach, Jonas!“, rief Josy hinter ihm her. „Eines noch!“
Er blieb stehen, drehte sich um und hätte beinahe ein genervtes „Was denn nun noch?“ gebrummt, wenn er nicht in Josys strahlendes Gesicht geblickt hätte. Dann sagte sie nur ein einziges Wort.
„Danke!“
Aber das kam so warm und sanft über ihre Lippen und war begleitet von einem derart einladend-vertrauendem Lächeln, dass er in diesem Moment große Lust verspürte, sie bis nach Hause zu tragen. Zumindest bis zum Concordienplatz, wie ihm in dem Augenblick wieder einfiel. Das ungewohnte Gefühl überraschte und verwirrte ihn. Deshalb beließ er es vorerst bei einem „Gerne“ und dem Versuch, zurückzulächeln – genau wissend, dass diese Bemühung nicht sonderlich überzeugend wirken konnte, denn in Gedanken war er längst beim Banküberfall: Natürlich würde er den Bankräuber in wenigen Minuten entdecken, überwältigen und so lange festhalten, bis Salzberg ihn persönlich in Empfang nehmen konnte.
Mit dem zweiten Rad an der Hand zog es Jonas vor, so bald wie möglich den Ring zu verlassen. Die Autos fuhren hier meistens zu schnell und zu dicht an den Radfahrern vorbei. Über einen kleinen Umweg näherte er sich dem Concordienplatz. Schon waren die Wagen mit Blaulicht zu sehen, und gerade wollte Jonas die Fahrräder auf dem Parkplatz vor der angrenzenden Christ-König-Kirche abstellen, als einer der Polizisten auf ihn los sprintete.
„Stehenbleiben, Freundchen!“
Jonas vermutete nicht, dass er selbst wirklich gemeint sein könnte und radelte langsam weiter.
„Ich sagte stehen bleiben!!!“, brüllte der Polizist nun. Vor Schreck hätte sich Jonas beinahe auf die Nase gelegt. Er kam sehr unelegant zum Stehen.
Dabei hatten sich die Fahrräder derart ineinander verhakt, dass er gar nicht absteigen konnte.
„Lass das Fahrrad los!“, befahl der Polizist nun, und griff zu seinem Sprechfunkgerät.
„Hier, ich hab das Fahrrad!“, rief er triumphierend hinein. Und nach kurzer Pause: „Ihr müsstet uns sehen können, am Parkplatz vor der Kirche, ein Junge hat es gefunden und wollte sich damit aus dem Staub machen!“
Jonas protestierte.
„Ich habe nichts gefunden, und ich wollte mich auch nicht aus dem Staub machen!“
„Das kannst Du dem Kommissar erzählen“, rief der Polizist sichtlich erregt.
„Und jetzt lass endlich das Fahrrad los, das ist ein Beweismittel!“
Jonas wurde nun genau so laut.
„Das beweist nur, dass Sie keine Ahnung haben, und außerdem komm ich hier nicht raus, helfen Sie mir doch!“
Die Widerworte verärgerten den Polizisten noch mehr.
„Zum letzten Mal, lass los! Das Fahrrad fasst keiner an, das ist ein Fall für die Spurensicherung.“
Inzwischen waren einige weitere Beamte dazu gekommen. Einer griff mit einem Taschentuch vorsichtig nach Josys Fahrrad, ein anderer hielt Jonas Rad fest, so dass er binnen Sekunden frei war. Sofort bückte er sich, um das schmerzende Bein zu reiben. Doch der Polizist riss ihn sofort wieder hoch.
„Jetzt auch noch abhauen, mein Freundchen. Nicht mit mir! Du bist vorläufig festgenommen, Du hast doch irgendwas mit dem Überfall zu tun!“
Dröhnendes Lachen ertönte hinter Jonas und dem Polizisten.
„Das ist wirklich köstlich, dann wäre ich ja der Entlastungszeuge, und mir werden Sie wohl glauben, Herr Müller.“
Der Angesprochene drehte sich blitzschnell um und stammelte eine Entschuldigung.
„Oh, Verzeihung, Herr Salzberg, ich wusste ja nicht, ich dachte nur, der Bengel…“
„Der Bengel arbeitet bei der Polizei, er ist sozusagen ein Kollege von Ihnen und hat uns sicher bei unseren Ermittlungen weiter helfen wollen, nicht wahr, Herr Falensky?“
Und damit hatte Salzberg einen Arm um seine Schultern gelegt und ihn beiseite gezogen.
„Sie sollten doch nicht hierherkommen, nicht wahr?“, sagte er leise.
Und dann, in einem väterlichen Ton: „Nichts für ungut, wo haben Sie das Rad gefunden?“.
Jonas begriff nun endlich, warum alle so scharf auf Josys Rad waren. Offenbar nahmen sie an, dass es derselbe Bankräuber war, der schon in Vorst, Hinsbeck und Oedt zugeschlagen hatte und jeweils mit einem Fahrrad zu seinem Komplizen geflüchtet war und jedes Mal das zuvor gestohlene Rad in der Nähe des Fluchtautos in ein Gebüsch geworfen hatte.
„Nun sagen Sie schon, wo lag es?“, wiederholte Salzberg.
Jonas beschloss, absolut wahrheitsgemäß zu antworten.
„Also ehrlich gesagt, es lag auf dem Moorenring, kurz nachdem Josy damit gestürzt war, es ist nämlich ihres, und ich wollte es eigentlich nur mit zu ihr nach Hause nehmen.“
Die Stirn des Hauptkommissars hellte sich etwas auf.
„Und was machen Sie dann hier am Concordienplatz?“
Jonas wäre auf diese Frage überhaupt nicht gekommen; sie zeigte ihm nur, wie gründlich Kripobeamte aufklären. In diesem Fall war alles schnell vollständig geklärt.
„Wir wohnen doch in der Neuen Stadt und fahren jeden Tag über den Concordienplatz nach Hause!“
„Das stimmt“, hörte Jonas hinter sich.
Es war Josy, die mit Verband am Bein herangehumpelt war, begleitet von ihrer Mutter.
„Guten Tag, Frau äh“, sagte Salzberg sogleich und schüttelte Silvia Thönnes die Hand. Sie wirkte mit ihren 35 Jahren eher wie die Schwester, nicht wie die Mutter der Polizei-Praktikantin.
„Thönnes“, sagte sie sogleich.
Der Hauptkommissar schaute sie nachdenklich an.
„Kennen wir uns nicht?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, aber meine älteste Tochter scheint mir sehr ähnlich zu sein, vielleicht deshalb?“
Nun schüttelte der Kommissar den Kopf.
„Nein, mir war so, als hätte ich Sie schon einmal in Begleitung eines meiner Kollegen gesehen.“
Er ließ seinen Blick auf Josy gleiten und musterte ihr Bein.
„Wenn es Ihnen morgen noch nicht gut geht, müssen Sie selbstverständlich nicht kommen.“
„Doch, doch, ich will ja unbedingt bei der Nachbesprechung dabei sein. Und wenn dann sogar mein eigenes Fahrrad bei der Fahndung eine Rolle spielt, dann ist das doch bestimmt wichtig auch für meinen Praktikumsbericht.“
Dann wandte sie sich Jonas zu.
„Bei Dir alles klar, Jonas?“
Der nickte zunächst, zuckte dann aber mit den Achseln.
„Vielleicht muss ich ja die Nacht hinter Gittern verbringen, schließlich bin ich eben noch vorübergehend festgenommen worden, weil ich angeblich ein wichtiges Beweismittel unterschlagen wollte.“
Salzberg klopfte Jonas vergnügt auf die Schulter.
„Das war natürlich ein Irrtum, und so lange ich Ihnen keine Handschellen angelegt habe, sollten Sie die Chance nutzen und schleunigst das Weite suchen. Wir sehen uns dann morgen Früh in meinem Büro.“
Frau Thönnes schloss sich an.
„Ja Jonas, ohne Handschellen fährt es sich bestimmt einfacher. Und ich schlage vor, wir sehen uns gleich bei uns. Was haltet Ihr davon, wenn ich ein paar Pizzen in den Ofen schiebe und Ihr bei uns über Euer aufregendes Praktikum erzählt?“
Josy war sofort einverstanden.
„Prima, ich habe schon einen Riesenhunger.“
Die Pizza hatte gut geschmeckt, und Jonas war gerade dabei, sich von Familie Thönnes für heute zu verabschieden, als Josy, die mit Jonas in der Haustüre stand, an ihm vorbei zu winken begann.
„Hey, Juli!“
Der Gruß galt einer jungen Frau auf der anderen Straßenseite. Sie trug einen dicken Rucksack, an dem Schlafsack, Stiefel, Kochtopf, Wasserflasche und ein Pullover hingen. Und sie sah überhaupt nicht aus, als könne das Gewicht des gesamten Haushaltes auf ihrem Rücken ihr irgendetwas anhaben. Im Gegenteil: Das schien, zumindest für sie, die natürlichste Art der menschlichen Fortbewegung zu sein. Typisch Juli!
Eigentlich hieß sie Juliane Wenders, war 21 Jahre alt und immer unterwegs. So wie sich die Locken ihrer dunkelbraunen Mähne nicht zähmen ließen, so war ihr gesamter Charakter. Von frühester Kindheit an. Jonas‘ früheste Erinnerung an Familie Wenders war das Klingeln von Vater oder Mutter Wenders an den Türen der Nachbarschaft auf der Suche nach Juliane, wenn die mal wieder ausgebüchst war. Nie konnten ihre Eltern sicher sein, dass nach Klassenausflügen ihre Tochter noch mit im Bus saß, dass sie nach einem Wochenende bei Oma und Opa Juliane dort auch wieder abholen konnten. Manchmal wurde Cosima Wenders schon nervös, wenn Juli eine halbe Stunde nach der letzten Schulstunde noch nicht zu Hause war. Zu oft hatte dies bedeutet, dass sie zum Beispiel beschlossen hatte, einfach mal eben nach Köln zu trampen und dort ein wenig shoppen zu gehen oder auf eigene Faust zu erkunden, was das wohl ist, eine „Schwulen-Szene“. Ein eigenes Handy für Juliane sollte für mehr Beruhigung sorgen. Aber leider hatte Cosima jedoch schon etliche Male stundenlang vergeblich angerufen - bis sie jedes Mal gemerkt hatte, dass es im eigenen Haus, in Julianes Zimmer, klingelte.
Die ganze Nachbarschaft hatte lebhaften Anteil genommen, als es zum großen Knall gekommen war. Juliane, die spätestens an ihrem ersten Schultag damit begonnen hatte, die Schule schmeißen und durch die Welt trampen zu wollen, hatte sich überreden lassen, wenigstens die Klasse 12 und damit die Fachhochschulreife zu machen. Dann sollte sie zur Belohnung zwei Monate lang ganz alleine durch die Welt reisen dürfen, wenn sie sich mindestens einmal in der Woche meldete. Vater Thorsten, der bei der Stadtverwaltung im Ordnungsamt arbeitete, wollte dann jeweils bei Bedarf das Geld für die nächste Woche an ein Postamt in ihrer Nähe schicken. Natürlich hatte das System nur bis Rotterdam funktioniert. Danach konnte Juli nicht sagen, ob das nächstgelegene Postamt in New York, in Carracas oder Santiago de Chile sein würde. „Ich weiß noch nicht, wann ich von Bord gehe, die Typen hier sind total geil.“ Diese Formulierung war ebenfalls nicht geeignet, den Eltern Wenders die Sorgen zu nehmen. In den Wochen darauf ging es ihnen gesundheitlich von Tag zu Tag schlechter, weil sie kein Lebenszeichen mehr von ihrer Tochter bekamen. Als die verabredeten zwei Monate fast zu Ende waren, ging endlich wieder eine SMS an der Thomas-Mann-Straße in Kempen ein:
„Hey, alles klar, bin wieder in Europa, in La Gomera, brauch auch kein Geld mehr, hab selbst einen geilen Job. Bleibe noch was. Eure Juli.“
Wieder wussten die Wenders nicht, ob sie einen Luftsprung vor Freude machen oder in neue Verzweiflung fallen sollten, weil ihre Tochter sich nicht an die vereinbarten zwei Monate hielt und offenbar die Lehre aus dem Blick verloren hatte. Dabei war es für Thorsten Wenders alles andere als einfach gewesen, einen Ausbildungsplatz für seine Tochter zu ergattern – bei ihrem Notenschnitt und ihrer gebremsten Bereitschaft, die Auswahlprüfung ernst zu nehmen.
Es dauerte dann nur drei Wochen, bis die Nachbarschaft wieder Anteil an Julis Schicksal nahm, als nämlich gegen Abend ein Polizeiwagen vorfuhr und die Beamten der Familie Wenders Dramatisches eröffneten: Ihre Tochter sitze in Spanien im Gefängnis. Wegen gefährlicher Körperverletzung und Raub. Dazu Fluchtgefahr. Die deutsche Botschaft kümmere sich bereits darum. Aber sie sollten als Eltern auch so schnell wie möglich informiert werden.
Obwohl Thorsten Wenders damals schon 47 Jahre alt war, seine Frau Cosima 45, war es für beide das erste Mal, dass sie in ein Flugzeug stiegen. Es wurde zu einer Unternehmung, die ihr Leben radikal veränderte. Noch am selben Abend waren sie nicht nur auf La Gomera, sondern auch in einer anderen Welt. Selbst Anfang Oktober herrschte dort noch eine angenehme Wärme. Und die Menschen waren einfach gut drauf. Von dem Umstand mal abgesehen, dass die Tochter in einem spanischen Gefängnis saß. Sie konnten schon nach kurzer Zeit zu ihr und erfuhren so die ganze Wahrheit: Juli hatte einen Job in einer Cocktail-Bar bekommen und mit ihrer direkten Art unter den Kunden für deutliche Umsatzsteigerungen gesorgt. Nach drei Wochen hatte Miguel, ihr Chef, allerdings gemeint, dass sie ihm mehr als nur die Drinks machen sollte. Mit einem festen Tritt zwischen die Beine und einem Schlag mit einem Bierkrug auf den Kopf hatte sie den „notgeilen Bock“ nachhaltig aus dem Verkehr gezogen. Und weil er ihr nach ihrer Meinung noch nicht genug für ihre Arbeit bezahlt hatte, sie für seine handgreifliche Anmache ohnehin Anspruch auf Entschädigung zu haben meinte, hatte sie sich aus der Kasse bedient. Dieses Verhalten wiederum hatte die eifersüchtige Freundin ihres Chefs mitbekommen und sofort der Polizei gemeldet. Das war auch schon die ganze Geschichte. Thorsten Wenders machte sich sofort auf die Suche nach einem guten Anwalt – und kam so in eine interessante Gemeinschaft ausgewanderter Deutscher. Ausgestiegene Lehrer, frühpensionierte Beamte, Anwälte, gescheiterte Geschäftsleute oder einfach nur Aussteiger. Was genau damals vor sich gegangen war, hatte sich bis Kempen nicht durchgesprochen. Staunend wurde jedoch die folgende Entwicklung beobachtet: Juli kam im Handumdrehen raus, doch statt zu Dritt sofort nach Hause zu fliegen und in ihren Alltag wieder einzutauchen, nahm sich Julis Vater spontan drei Wochen frei, kam am Ende ohne seine Frau mit Juli nach Kempen zurück, regelte einige Dinge – und war vor Weihnachten endgültig weg. Er hatte seinen Job an den Nagel gehängt und wollte auf La Gomera mit anderen Deutschen irgendein großes Ding aufbauen. Das alles war nun schon drei Jahre her. Und seitdem war es Juli, die man alle paar Wochen oder Monate mal für ein, zwei Tage in Kempen sah und die ganz begeistert von ihren „coolen Eltern“ sprach. Bevor man aber Näheres erfahren hatte, war sie auch schon wieder weg. Nur ein Nachbar wusste, wohin. Er kümmerte sich um Haus und Garten – und hatte dafür „frei wohnen“ auf La Gomera. Gebraucht gemacht hatte er davon bislang jedoch nie.
Diese Juli also winkte jetzt genauso begeistert zurück.
„Hi Josy, hi Jonas, kommt doch mal rüber!“
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Jonas sprang nur noch mal eben zu seiner Mutter rüber, um zu sagen, wo er sei, dann schlossen die drei das seit Monaten unbenutzte Reihenhaus in einer der schmalen Stichstraßen auf, die von der Thomas-Mann-Straße, an der die Falenskys und die Thönnes’ wohnten, abgingen. Juli warf ihren Rucksack ins Wohnzimmer, bat Josy und Jonas, die Fenster zu öffnen und entschuldigte sich dann für fünf Minuten.
„Ich brauch dringend eine Dusche, macht es Euch schon mal gemütlich, wir müssen dringend erzählen.“
Jonas und Josy beschäftigten sich intensiv mit den Fenstern, waren erstaunt, dass der kleine Rasen hinter dem Haus frisch gemäht war und dass es auch sonst im Haus aussah, als würde hier jemand wohnen. Dabei wussten sie doch, dass das wirklich kaum als wohnen bezeichnet werden konnte.
„Nehmt Euch doch was zu trinken, die Gläser sind hier im Schrank, und in der Küche müssten im Kühlschrank noch Wasser und Bier sein“, sagte Juli, die mit nackten Füßen, nassen Haaren und nur mit einem umgebundenen Handtuch bekleidet heruntergekommen war.
„Ich hab eine tolle Idee zum Erzählen: Ich mache uns die Sauna an, okay?“
Jonas und Josy guckten sich erschrocken an. Aber ohne auf eine Antwort zu warten, war Juli schon in den Keller gelaufen.
„Die ist schnell heiß, ich schlage vor, Ihr geht schon mal duschen, Bademäntel sind oben im Bad!“, rief sie nach.
„Ich muss hier unten noch eben was checken in Papas Arbeitszimmer.“
Jonas bekam einen trockenen Hals, der nicht so recht zu seinen plötzlich feuchten Fingern zu passen schien. Das letzte Mal, dass er Josy nackt gesehen hatte, war jetzt bestimmt schon 14 Jahre her. Im Sommer, in einem kleinen Planschbecken, bei ihnen im Garten. Noch vor dem Kindergarten. Jetzt betrachtete er aus den Augenwinkeln zum ersten Mal ihre Figur. Mein Gott, wie fraulich sie geworden war. Kein kleines Mädchen mehr. Ob er ihr da einfach so…? Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da spürte er eine Bewegung in seiner Hose, die es ihm nicht ratsam erschienen ließ, jetzt Josy einfach so gegenüber zu treten. Mit zitternden Fingern goss er sich Wasser in ein Glas und leerte es hastig aus.
„Oh Entschuldigung!“, sagte er, als er bemerkte, dass Josy mit leerem Glas neben ihm stand. Beim Einschütten war seine Nervosität nicht zu übersehen. Auch Josy wirkte sehr angespannt und schaute ihn fragend an. Im „aqua sol“, Kempens tollem Spaßbad, war sie mit anderen Mädchen schon oft zu den Jungs ins Außensprudelbad gestiegen. Sie hatte dort sogar mehr als einmal lange leidenschaftliche Küsse ausgetauscht. Zuletzt mit Drago aus dem Bio-Unterricht. Immer hatte sie dabei ihren Bikini angehabt. Zu Hause, mit ihren kleinen Schwestern, war es kein Problem, auch mal nackt von der Dusche in ihr Zimmer zu gehen. Aber hier, mit Jonas?
„Ist das eigentlich eine gute Idee – in die Sauna - mit Deinem Verband?“, hörte sie Jonas sagen.
Das war die Rettung! Sofort war sie auf dem Weg in den Keller.
„Du, Juli, ich kann nicht mitkommen“, begann Josy zögernd.
„Wenn Du Deine Tage hast, das ist kein Problem“, erwiderte Juli.
„Nein, ich bin heute gestürzt und muss einen Verband tragen“, erklärte Josy weiter.
„Lass gucken!“, sagte Juli.
