Elß - Gregor Mayntz - E-Book

Elß E-Book

Gregor Mayntz

0,0

Beschreibung

Diese 20-bändige Reihe historischer Romane widmet sich dem Leben in Deutschland über tausend Jahre hinweg auf besondere Weise: Neben den Hauptereignissen im Verlauf von jeweils einem halben Jahrhundert nimmt sie immer wieder auch die Perspektive derjenigen ein, die oft zu kurz gekommen sind: die der einfachen Leute und die der Frauen. Die Uda-Saga beschreibt, wie das Handeln der Päpste und Kaiser, der Bischöfe und Fürsten auf das Leben der Bauern und Bürger, der Armen und Handwerker wirkte. In Band 1 wird dies verwoben mit spannenden Entwicklungen in einem kleinen niederrheinischen Dorf in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts. Die Geschichte spielt auch in einer Vielzahl von Städten - von Aachen und Mönchengladbach über Köln und Siegburg bis nach Rom und Konstantinopel. Die zentrale Person ist in jedem Band eine starke Frau. Die Reihe beginnt mit Elß. 1040 geboren, erkämpft sie sich Raum für sich, ihre Kinder und ihre Liebe in einer von Kirche, Adel und Gewalt beherrschten Welt. Und es geht um ein Mysterium, das von Band zu Band erkennbarer wird.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 877

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Überraschung

Geburtstag

Strafe

Familie

Wehrhaft

Geheimnis

Aosta

Latein

Wiedersehen

Intrigen

Neuanfang

Begegnung

Erwartungen

Erinnerung

Spurensuche

Gefahr

Erbin

Rache

Verbindung

Krönung

Feier

Gladbach

Vide

Köln

Schlüsselblume

Ähnlichkeiten

Päpste

Medikus

Staatsstreich

Tünn

Worms

Petruskirche

Sachsen

Aufstand

Canossa

Jakobsweg

Vita

Verfolgung

Jerusalem

Mysterium

Hinweise

ÜBERRASCHUNG

Sie war schon oft geflogen. Doch dieses Mal lief alles anders. Neben ihr im Flieger saßen wildfremde Menschen und nicht Mama oder Papa. Es ging auch nicht nach Mallorca, Antalya oder Split, wo sie die letzten Urlaube als kleine, intakte Familie verbracht hatten. Das Ziel hieß nicht Teneriffa, wie letztes Jahr mit Mama, oder Vilnius, wie vorletztes Jahr mit Papa nach der Trennung ihrer Eltern. Nina bestand zwar stets darauf, mit ihren bald zehn Jahren schon gut auf sich selbst aufpassen zu können. Doch als für sie heute Morgen, am 1. Mai 2025, im Flughafen Düsseldorf der UM-Service für unbegleitete minderjährige Passagiere gestartet worden war, da hätte sie sich doch gewünscht, Papa wäre stattdessen mit an Bord gegangen. Wenigstens hatte er noch einmal versprochen, am Wochenende nachzukommen, wenn er mit seiner Konferenz fertig sein würde. Die fand tatsächlich am morgigen Brückentag statt. Aber danach würden sie ihren ersten runden Geburtstag zusammen richtig groß feiern. In London! „Es dürfte dann auch aus Köln Besuch kommen“, hatte Papa mit einem Schmunzeln hinzugefügt.

Beim Gedanken an ihre Mama bekam Nina leuchtende Augen. Die Scheidung ihrer Eltern war jetzt durch, und gemessen an dem endlosen Streit und den vielen Tränen in den Jahren davor hatten Daniel Müller und Eva Jacobs, wie sich ihre Mutter jetzt wieder nannte, das neue Leben ganz gut organisiert. Es war immer wieder aufregend, an den Wochenenden immer mal wieder bei Mama in Köln zu sein. Nachdem er sie anfangs abgeholt hatte, war die Zugfahrt zurück zu Papa am Sonntagnachmittag für sie auch allein längst zur Routine geworden: Eine dreiviertel Stunde mit dem Zug RE 7 nach Norden bis Krefeld, dann keine zehn Minuten mit dem RE 10 bis Kempen, eine Viertelstunde mit dem Bus 066 bis Oedt und von der Haltestelle an der Kirche noch ein paar hundert Meter zu Fuß bis zu dem umgebauten Bauernhof am Niersweg. Aber meistens erwartete Papa sie schon in Kempen und nahm sie dann mit dem Auto mit, weil an den Sonntagen deutlich weniger Busse fuhren. Viel besser und schneller ging es dagegen mit der Tramlinie 16 oder dem Bus 978 vom Kölner Hauptbahnhof zur Trierer Straße im Pantaleonsviertel. Dort wohnte Mama mit ihrem neuen Partner. Dennis war nicht nur echt in Ordnung; Nina hatte ihn sogar liebgewonnen. Er konnte spannende Geschichten erzählen, und natürlich verpasste sie keinen Podcast, den er für die Zeitzeichen-Serie im WDR schrieb. Wenn sie ihn darauf ansprach, sprudelte er nur so von weiteren spannenden Details. Und er schaffte es dabei, die historischen und politischen Zusammenhänge so gut zu beschreiben, dass sie tatsächlich fast alles auf Anhieb verstand. Die Wochenenden bei Mama und Dennis waren fast so etwas wie Schule, nur viel spannender.

Sie hatte sich auch deshalb wiederholt bei dem Gedanken erwischt, nach den Sommerferien nicht auf eines der Gymnasien in Kempen zu wechseln, sondern sich eine neue Schule bei Mama und Dennis zu suchen. Auf Dauer wäre die Wohnung von Dennis für sie Drei wohl zu klein. Dennoch wollte sie das Thema möglichst bald ansprechen. Sicherlich liefen die Fristen bald aus, bis zu denen sie sich bei einem Gymnasium in Köln bewerben müsste. Sollte sie Mama und Papa gleich Samstag fragen, den Umzug gewissermaßen als zusätzlichen Geburtstagswunsch vorbringen? Oder wäre es besser, das erst einmal mit Mama unter vier Augen zu besprechen? Schließlich müsste sie das wollen und auch Dennis damit einverstanden sein. Und was würde dann aus Papa? Der war ihr zuliebe in dem Wohnkomplex direkt neben dem Appartement von Oma auf dem früheren Bauernhof in Oedt geblieben, hatte sein Büro behalten und sich mit Nina nur ein anderes Appartement gemietet. Würde sie dann an den Wochenenden immer von Köln nach Oedt und zurück fahren?

„Ladies and Gentleman…“ – die Stimme aus den Bordlautsprechern riss Nina aus ihren verwickelten Überlegungen. Waren sie tatsächlich schon im Landeanflug? Sie schaute auf ihr Smartphone. Gerade mal 20 Minuten unterwegs? Das kam ihr viel länger vor. Aber halt! Sie hatte ja kurz nach dem Abflug auf Londoner Zeit umgestellt, wie Papa es ihr erklärt hatte. Also waren jetzt schon 80 Minuten vergangen. Kaum eine Viertelstunde später setzte der Airbus A319 auf der Landebahn von London-Heathrow auf. Jetzt war sie gespannt, wer sie abholen würde.

Auch wenn Tante Paula die Tickets gemailt hatte, war sie sich nicht sicher gewesen, ob sie an diesem Donnerstagvormittag auch pünktlich aus dem Institut in London zum Flughafen kommen könne. Sicherheitshalber hatte sie ihre Schwester und ihren Schwager gebeten, nicht nur sich, sondern auch ihren Mann Paul als abholberechtigte Person beim UM-Service einzutragen. Paul und Paula! Wieder lächelte Nina innerlich bei dem Gedanken, wie sich das so ungleiche Paar erst vor ein paar Jahren per Zufall kennengelernt, sich auch wegen dieser Namen herzlich amüsiert, sofort ineinander verliebt und schnell geheiratet hatte. Ihre Tante war dabei so direkt, so vorlaut und so unter Dampf geblieben, wie in der Zeit, als sie nebenan in Oedt an ihrer Doktorarbeit als angehende Archäologin gearbeitet hatte. Dabei war ihr Mann ein echter britischer Adliger, ein leibhaftiger Baron, sogar mit Sitz im Oberhaus, dem House of Lords, wie Nina gelernt hatte. Auch mit Onkel Paul kam sie inzwischen gut klar. Trotzdem hatte sie sich angewöhnt, Fragen nach ihrer Familie mit „kompliziert“ zu beantworten. Das sollte sich in ihren nun folgenden ersten Stunden in London erneut bestätigen.

Zu ihrer Überraschung hörten die Passagiere nach der Landung die Durchsage, dass bitte alle auch nach dem Erreichen der Parkposition sitzen bleiben sollten.

„Das gilt nicht für die junge Dame auf Platz 36A“, fügte die Stimme hinzu.

Viele Augen richteten sich nach kurzem Suchen sofort auf Nina. Sie bekam einen feuerroten Kopf und schweißnasse Hände. Eilig näherte sich eine Stewardess fragte nach Handgepäck und holte es aus dem Fach.

„Bitte lassen Sie die junge Dame doch einmal durch“, sagte sie mit energischem Ton zu Ninas Sitznachbar.

Als dieser aufstand, wirkte das ansteckend auf alle anderen, und sofort war der Gang voll mit Menschen, die die Gepäckfächer öffneten; das übliche Chaos nach einer Landung. Doch die resolute Stewardess rief ein paar ziemlich barsche Sätze auf Englisch und schaffte es tatsächlich, Nina zügig nach vorne zu bugsieren. Dort war die Außentüre bereits geöffnet worden. Auf der Gangway stand ein junger Mann in Uniform mit der Aufschrift „Airport LHR“ auf dem Band seiner Schirmmütze. Er sagte auf Englisch und Deutsch, dass er nun übernehmen werde.

„Das werden Sie nicht“, herrschte ihn Ninas Begleiterin an, was Nina mit ihren eher bescheidenen Englisch-Kenntnissen gerade noch verstand. Dann kam es zu einem kleinen Streit, der beide Parteien zu der Erkenntnis brachte, dass der von einem Mitglied des Oberhauses gebuchte VIP-Service mit Abholen durch einen Chauffeur direkt am Flugzeug und der von Ninas Eltern gebuchte UM-Service ganz offenkundig nicht kompatibel waren. Ratlos blickten sich der Mann und die Frau an. Während die anderen Passagiere immer unruhiger wurden und erste empörte Rufe laut wurden, versuchten andere Crew-Mitglieder, die Zentrale der Fluggesellschaft zu erreichen.

„Da will jemand, dass es schneller geht und hält damit den ganzen Betrieb und sich selbst unnötig auf“, rief ein Geschäftsmann aus den Reihen der business class.

Er sollte Recht behalten, und zwar deutlich mehr, als Baron Twitton auch nur im Entferntesten geahnt hatte, als er für weit über hundert Pfund den Service buchte, um das Abholen seiner Nichte Paula, eine kurzfristige Änderung der Tagesordnung im britischen Oberhaus und eine spontane Idee für eine eingängige politische Aussage unter einen Hut zu bringen. Es dauerte und dauerte und dauerte. Zuerst gab es zwar die gebuchte Sonderleistung, wonach Nina noch am Flugzeug in die Limousine ihres Onkels steigen konnte, doch der Chauffeur durfte lediglich sie, die Stewardess, Onkel Pauls Sekretärin Brit sowie den Service-Mitarbeiter zum Terminal fahren, in dem die Schalter der Einwanderungsbehörde waren. Dort reihte sich die Stewardess mit ihr in die Schlange der Ankommenden ein. Erst nach einer weiteren halben Stunde konnte Brit sie erneut in Empfang nehmen. Wie gut, dass Mama in Köln erreichbar war und alle Änderungen mitsamt Ausfüllen des nötigen Formblattes bestätigen konnte.

„Sorry for the mess“, sagte Brit im Auto als erstes auf dem Weg in die Innenstadt.

Sie versuchte ihr in holprigem Deutsch zu erklären, dass sie ihren Onkel gewarnt habe. Es könne schließlich leicht schief gehen mit dem VIP-Service für unbegleitete minderjährige Passagiere aus dem EU-Ausland.

„Aber ick denken, du kennen dein Onkel, und wie sagt man, wenn sich was in Kopf gesetzt, right?“, bemerkte Brit und schaute Nina auf dem Rücksitz fragend an, während Tim, der Fahrer, ein neues waghalsiges Überholmanöver begann.

Nina nickte, auch wenn ihr klar war, dass sie die Schrullen von Paul nur aus Erzählungen kannte. Die Erlebnisse mit Tante Paula waren in dieser Hinsicht schon eindrucksvoll genug.

„Aber wie ick erfahre, haben wir Gluck und sein Rede ist later“, bemerkte Brit und fragte Tim, wie lange es wohl noch dauern würde.

„I guess 18 to 20 minutes“, sagte der nach einem Blick auf seine Navigationsanzeige. Die zeigte eindeutig 26 Minuten an. Instinktiv hielt sich Nina noch fester am Sicherheitsgurt fest.

„Wo fahren wir denn überhaupt hin?“, wollte sie wissen.

„Oh, I didn`t mension that?“, entschuldigte sich Brit. „Dein Onkel brauckt dick in das Parliament, wir fahren in die Palast von Westminster“, erklärte Brit, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt für jeden gerade in London eingetroffenen Touristen.

Ninas Herz schlug schneller. Und sie wunderte sich. „Aber wir haben den 1. Mai!“

„So what?“

„Das ist doch ein Feiertag!“

„Nickt hier, wir haben Sessions, wie sagt, Sitzungen, Sitzungen von Unterhaus und House of Lords, und dein Uncle hat ein besonder Rede vorbereitet.“

Bald schon tauchte das markante Bauwerk an der Themse auf, und Tim beschleunigte ein weiteres Mal, als die rückwärtig gelegene Einfahrt in den Blick kam. Doch die Schranke blieb unten, das Licht daneben rot. Wieder dauerte es, bis neben den Hausausweisen auch der Reisepass von Nina überprüft und mit der an der Wache vorliegenden Zugangsberechtigung für Nina abgeglichen war. Sie musste allerdings erst den „Visitor“- Ausweis gut sichtbar an ihrer Bluse befestigen, bevor sie reinkamen. Brits Handy brummte in diesem Augenblick.

„Yes, we are inside, give us five minutes“, sagte Brit am Handy.

Und dann zu Nina: „Wir mussen rennen, er gibt uns nur nock drei Minuten“.

Statt sie erst einmal ans Ende der Warteschlange für die Besuchertribüne zu schicken, rief eine Parlamentsangestellte sie zu sich und schob Nina beherzt in den Saal. Von der Tribüne aus sah sie, wie ihr Onkel gerade nach vorne trat, zuerst etwas ratlos schaute, sie entdeckte und ihr strahlend zuwinkte. Die Neunjährige war noch ganz außer Atem, als sie jetzt mit Brit in die erste Reihe bugsiert wurde, wo zwei Plätze für sie freigehalten worden waren. Nina bekam einen kleinen Kopfhörer und hörte in ihrer deutschen Übersetzung, wie ihr Onkel direkt leidenschaftlich einstieg und eine lange Litanei von Verschlechterungen durch den Brexit beklagte. Er schilderte, wie das Volk durch Manipulationen getäuscht worden sei, wie Russland die Abstimmung als Hebel benutzt habe, um sowohl die EU als auch Großbritannien zu schwächen und wiederholte mehrmals die Formel „17 sind nicht 69“. Nina schaute zu Brit herüber, die sie offenbar die ganze Zeit beobachtete:

„17 und 69 - was meint er damit?“

„Im Brexit-Votum haben 17 von 69 Millionen Briten für die Austritt aus die EU gestimmt. 16 Millionen Stimmen gab es für remain, aber sicker wollten viel, viel mehr in Europe bleiben“, sagte Brit leise - und hielt inne, während sie intensiv zuhörte.

Sie machte mit ihrem Kopf eine Bewegung Richtung Plenarsaal und flüsterte: „Acktung, jetzt kommst Du!“

„Was?“, sagte Nina überrascht und so laut, dass etliche Zuhörer „psst“ zischten und der Lord Speaker verärgert zu ihr heraufschaute.

„Bitte entschuldigen Sie meine Nichte da oben auf der Tribüne. Sie ist noch etwas durcheinander von den gerade erlebten Komplikationen bei der Grenzabfertigung. Wohlgemerkt: Es war für sie schwierig und kostete viel Zeit, als Europäerin zu ihren europäischen Verwandten von Europa nach Europa zu wechseln. Was für die meisten von uns unvorstellbar war, ist nun wieder hässlicher Alltag. Eine ganze Generation wächst mit dieser Trennung, diesen Hürden, diesem Widersinn auf“, sagte er und erntete dafür ein vielstimmiges „Hear! Hear!“.

„Das darf nicht so bleiben!“, rief Baron Twitton und löste damit lebhafte Unruhe aus.

Und dann kam er offensichtlich zum Höhepunkt seiner Rede, indem er laut verkündete: „Unsere Nichte Nina hatte große Probleme, in das Land ihrer Tante und ihres Onkels zu kommen, die an diesem Wochenende mit ihr und ihren Eltern einfach nur ihren zehnten Geburtstag feiern wollen.“

Paul machte eine lange Pause. Der Saal beruhigte sich allmählich. Es wurde still. Alle warteten gebannt, was nun folgen würde.

Jede einzelne Silbe betonend rief er nun: „Ich schwöre, wir Liberalen werden alles tun, um Großbritannien zurück nach Europa zu führen. An ihrem zwanzigsten Geburtstag soll Nina ohne Probleme zu uns Briten kommen können, wie jeder andere Europäer auch. Und auch die britische Jugend soll wieder frei sein! Frei!“

Der Saal verwandelte sich augenblicklich in ein wahres Tollhaus, obwohl im Oberhaus gewöhnlich eine eher gedämpfte Atmosphäre herrscht. Es gab lautstarke Proteste auf der Gegenseite des Hauses. Hinter ihrem Onkel sprangen jedoch zahlreiche Politiker auf und bejubelten Paul. Der Speaker hatte größte Mühe, die Ordnung im Haus wiederherzustellen und drohte mit Konsequenzen. Derweil schaute der Baron glücklich zu seiner Nichte nach oben. Die konnte das alles nicht fassen. Vor allem nicht, dass sich nun viele andere ihr ebenfalls zuwandten, auch Fotografen und Kameraleute mit ihren Objektiven auf sie zielten.

,Was für ein Durcheinander´, dachte sie. An den Problemen war Onkel Paul doch vor allem selbst schuld, und jetzt soll es der Brexit gewesen sein?

Brit nestelte an Ninas Ärmel.

„Wenn du willst, können wir jetzt was anderes macken. Soll ick dir ein wenig herumführen?“, fragte sie.

Nina nickte stumm. Viel zu viele Gedanken ratterten durch ihren Kopf. Vor allem: ,Warum macht der das?´

Brit schleuste sie in eine Besuchergruppe mit deutschsprachiger Führung. Doch es dauerte eine ganze Weile, bis Nina den Erklärungen auch wirklich aufmerksam zu folgen begann. Zu viele Eindrücke und Wortfetzen von „Schwur“, „Nina“, „Brexit“ und „20. Geburtstag“ schwirrten ihr durch den Kopf. Brit hielt sich selbst im Hintergrund und sagte, sie werde ihr ein Zeichen geben, wenn ihr Onkel sie treffen könne. Er wolle mit ihr nach einer Sondersitzung seiner Fraktion in der Cafeteria einen Snack und einen Drink nehmen. Und dabei mit ihr erzählen. Doch wieder kam es anders.

Als Onkel Paul seine Nichte endlich umarmte, wirkte er sehr bedrückt.

„Paula will, dass wir sofort nach Hause kommen“, sagte er in fast perfektem Deutsch.

„Ich glaube, ich kriege riesigen Ärger mit deiner Tante“, fügte er bekümmert hinzu.

„Was hast du gemacht?“, fragte Nina.

Paul schwieg, während er nachdachte, und sagte dann: „Am besten, das sagt sie dir selbst, nachdem sie mit mir fertig ist. Ich hoffe, ich komme ohne eine Tracht Prügel davon.“

Nina riss die Augen auf: „Tante Paula schlägt dich?“

„Bisher nicht. Aber am Telefon klang sie so, als wollte sie heute damit anfangen.“ Er forderte sie auf, mit ihm zum Auto zu gehen.

Keine halbe Stunde später setzte Tim sie vor dem Reihenhaus ab, das Nina jedes Mal in Erstaunen versetzte, wenn sie ihre Tante besuchte. Es sah so unscheinbar aus, so klein, wenn man als Heim eines Barons mit ansehnlicher adliger Familiengeschichte ein Schloss oder mindestens einen Palast mit Mauern oder Eisenzaun rund um einen weitläufigen Park erwartete.

Seine Familie sei immer gut mit der Devise „Mehr Sein als Schein“ gefahren, hatte Paul ihrem Vater erläutert. Und natürlich war an einem der ersten langen Abende zwischen den beiden Männern auch die Sprache auf die Wahl dieser Immobilie gekommen. Nicht nur für Nina gab es kaum einen krasseren Gegensatz zwischen drinnen und draußen als beim „Haus“ ihres Onkels. Obwohl sie wusste, was nach dem Aufschließen der Haustüre passieren würde, stellte sich Nina darauf ein, erst einmal wieder nur zu staunen. Die meisten Zimmer waren größer, als es von draußen zu erwarten gewesen wäre. Und es gab mehr als vermutet. Viel mehr. Denn die Reihenhäuser waren hinter der Fassade miteinander verbunden, so dass letztlich der halbe Straßenzug zusammengehörte. Paul und Paula nutzten dieses Anwesen für ihre Empfänge, Besprechungen, Büros, Bediensteten und nicht zuletzt für ein halbes Dutzend Gästezimmer. Von der obersten Etage hatte man auf den mit großen Blumentöpfen drapierten Balkonen eine fantastische Aussicht auf Primrose und Regent´s Park sowie die dahinter liegende Skyline der Londoner Innenstadt. Onkel Paul konnte seinen Arbeitsplatz im Westminster Palast von zu Hause aus sehen. Tante Paula hatte sich angewöhnt, mit dem Rad zur Arbeit im RAI, dem Königlichen Archäologischen Institut, zu fahren. Morgens brauchte sie den Berg runter nur 20 Minuten, am Nachmittag auf dem Rückweg etwas länger. Aber nicht viel, weil die durchtrainierte 30-Jährige das als tägliche sportliche Herausforderung nahm – bevor sie im Keller des „Reihenhauses“ duschte und etliche Bahnen durch den eigenen Pool schwamm.

Auch jetzt kam sie ihrer Nichte mit einem Handtuch um die Haare entgegen.

„Du Arme!“, flüsterte sie bei der stürmischen Umarmung.

„Er hat dir bestimmt nicht gesagt, was er mit dir vorhat, oder?“

Statt eine Antwort abzuwarten, schob sie Nina Richtung Seitentüre.

„Maud, could you please take my niece to her room“, rief sie der betagten Dame entgegen, die in diesem Augenblick mit Ninas Koffer aus einem kleinen verborgenen Lift gestiegen war. So als hätte sie geahnt, dass sie genau in diesem Moment gefragt sein würde.

„Du kennst ja Maud, sie bringt dich auf dein Zimmer. Gib mir bitte etwas Zeit, mit deinem Onkel etwas zu klären.“

„Und ruf die Polizei, wenn ich danach nicht mehr lebe“, meinte der belustigt.

„That´s not funny!”, fauchte Paula.

Sofort wandte sie sich wieder an Nina: „Wird hoffentlich nicht lange dauern. Ich komme danach zu dir rüber. Ich hab dir ja schon letzte Woche gesagt, dass ich eine Überraschung habe.“

Sie versuchte dabei zu lächeln, aber aus der Nähe spürte Nina sehr genau, dass ihre Tante innerlich kochte und kurz davor war zu explodieren.

Nina und die nette alte Dame, die sich seit langem beide gegenseitig ins Herz geschlossen hatten, waren noch nicht ganz zur Türe heraus, als das Donnerwetter auch schon begann. „How dare you!“, schrie Paula ihren Mann an, dann wurde hinter ihnen die Türe zugeschlagen. Aber dass nun heftigste Beschimpfungen folgten, war auch durch die Wände hindurch zu hören, wenn auch nicht genau zu verstehen.

Es dauerte lange, sehr lange, bis Paula an ihre Türe klopfte. Ihre inzwischen geföhnten Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden und sah nun fast so aus, wie vor fünf Jahren, als sie noch in Oedt gewohnt hatte und mit ihrer Doktorarbeit beschäftigt war.

„Entschuldige, dass du warten musstest“, sagte sie schon beim Reinkommen. „Aber was Paul getan hat, ist schlicht unverzeihlich“, fügte sie hinzu, während sie sich in den anderen Sessel neben dem kleinen Tisch am Fenster des perfekt eingerichteten Gästezimmers setzte.

„Ich war ja auch ziemlich baff, als ich plötzlich meinen Namen hörte“, stimmte Nina zunächst zu, und fuhr dann fort: „Was Onkel Paul dann aber erklärt hat, mit dem Schwur und dem Ende des Brexits und so, das fand ich ziemlich cool.“

„Cool?“, fragte Paula mit ungläubiger Miene. „Dann schau dir das mal an!“

Sie klappte ihr Tablet auf, hielt ihr eine Reihe von aktuellen Online-Zeitungen hin. „The Nina Oath“, war dort groß zu lesen.

„Moment“, meinte Paula und schaltete die Übersetzungsfunktion ein.

„Der Nina-Schwur“, las Nina. „Bringt SIE uns zurück nach Europa?“ lautete eine andere Schlagzeile. Darunter ein riesengroßes Bild von ihr, wie sie irritiert schaut, zugleich irgendwie traurig. Das musste ein eher zufällig festgehaltener Gesichtsausdruck gewesen sein. Eine andere Zeitung hatte auch dieses Foto gewählt und schrieb dazu: „So leidet das junge Europa unter dem Brexit“.

„Paul hatte es nur gut gemeint, das hat er mir versichert“, berichtete ihre Tante. „Er ist selbst total überwältigt von der Dynamik, die diese Geschichte jetzt bekommen hat, weil sie mit diesem Bild von dir illustriert werden kann. Du hast sozusagen die bildlichen Emotionen für dieses Thema geliefert, das in letzter Zeit bei uns nur noch spröde debattiert worden war“, erklärte Paula.

„Er wird sich gleich auch noch einmal in aller Form bei dir entschuldigen. Er hätte dich wirklich vorher um Erlaubnis fragen müssen“, unterstrich ihre Tante, und erläuterte zu seiner Verteidigung, dass es die Briten manchmal mit den Persönlichkeitsrechten nicht ganz so genau nehmen wie die Deutschen.

„Und er versucht gerade, mit deinen Eltern zu telefonieren und die Konsequenzen dieses Manövers in ihre Hände zu legen“, kündigte sie schließlich an.

„Da muss er sich keine Sorgen machen“, sagte Nina.

„Wieso?“, wollte Paula wissen.

„Weil ich eben schon mit ihnen in aller Ruhe über WhatsApp gesprochen habe. Mama sah es eher wie du, Papa fand den Effekt großartig. Und sie beide meinten, das solle ich selbst entscheiden.“

„Sie wussten schon davon?“ Paula klang überrascht.

„Ja, auch in Deutschland wird wohl darüber geschrieben. Papa ist sofort aus seiner Konferenz raus, nachdem ihm ein Kollege eine Nachrichtenseite mit meinem Foto gezeigt hatte.“

Paula suchte auf ihrem Tablet.

„Vermutlich so was wie dieses hier?“

Nina nickte, als sie las „Neunjährige Deutsche rüttelt die Lords auf“ – natürlich mit diesem leidend-traurigen Augenblicksbild versehen.

„Dann findest du das gar nicht so schlimm?“, fragte Paula weiter.

„Wäre besser gewesen, Onkel Paul hätte mir vorher was gesagt, aber dann hätte ich wohl nicht so geguckt und es gäbe jetzt keine Hoffnung, dass der beschissene Brexit endlich aufhört“, fasste Nina das Ergebnis ihres Abwägens in der letzten halben Stunde zusammen.

„Du bist ganz schön klug für dein Alter, würde ich mal sagen. Könntest glatt mit mir verwandt sein“, kommentierte Paula mit einem breiten Grinsen.

Nina zeigte auf einen Flyer, den sie bei der Führung im Palast von Westminster bekommen hatte. „Erforschen Sie tausend Jahre voller Geschichte“, stand darauf.

„Es gibt sicher Schlimmeres, als mit neun Jahren schon Teil von so was zu sein“, sagte Nina und setzte selbst ein Grinsen auf.

„Ach guck, den kannte ich ja noch gar nicht“, lautete die Reaktion von Paula, als sie sich den Flyer näher anschaute. Dann meinte sie: „Tausend Jahre - du ahnst ja gar nicht, wie nah du damit an der Überraschung bist, die ich für dich habe.“

Sie richtete sich auf, als wolle sie die Überraschung jetzt holen. Stattdessen sagte sie: „Weil es jetzt doch schon so spät geworden ist, erzähle ich dir das lieber morgen in Ruhe, okay?“

Nina nickte.

„Was hältst du davon, wenn wir uns ein bisschen chic machen? Paul will uns groß ausführen, so als eine Art Wiedergutmachung. Einverstanden?“

Natürlich war Nina einverstanden. Aber wieder kam es anders. Sie aßen dann doch lieber in Ruhe zu Hause an der Elsworth Road auf Primrose Hill, nachdem sie die zahlreichen Reporter, Fotografen und Kamerateams vor ihrer Haustüre gesehen hatten. Sogar ein Übertragungswagen des Fernsehens war vorgefahren. Die drei besprachen die neue Situation. Als Ergebnis ging Paul kurz raus, lehnte alle Interviewwünsche mit ihm und seiner Nichte ab und verkündete, dass er morgen mit ihr zusammen eine Erklärung abgeben würde. Heute gäbe es doch ohnehin schon genug zu berichten.

Nina hatte tief, fest, aber nicht sehr lang geschlafen. Sie hätte gerne noch eine Weile im Bett bleiben mögen, als Paula sie sanft, aber bestimmt wachrüttelte.

„Na, kluge Nichte, möchtest du mit deiner Tante eine Runde joggen gehen?“, fragte sie und formte ihre Lippen zu einem Kussmund.

Nina ahnte sofort, dass das keine Frage war, auf die sie wenigstens theoretisch auch mit „nein“ hätte antworten können, sondern eine andere Form von „Raus, du Faulpelz, lass uns den Tag nutzen!“

„Darf ich noch duschen?“, fragte Nina schlaftrunken.

„Hinterher“, sagte Paula, und schob ihr den Jogging-Anzug neben das Kopfkissen. „Ich erwarte dich in drei Minuten in der Diele.“

Nina brauchte zwar vier, hatte dafür aber wenigstens schon die Zähne geputzt und auf die Uhr geschaut. Es war gerade mal sieben! Dabei hatte ihre Tante am Vorabend bei der Verabschiedung angekündigt, am späten Abend noch ein Buch durcharbeiten zu müssen. Wann schlief diese Frau eigentlich?

Die Sonne schien an diesem ersten Freitag im Mai bereits vom blauen Londoner Himmel. Übermorgen würden sie ihren Geburtstag feiern und schon am Abend wieder nach Düsseldorf fliegen. Sie würde mit Papa nach Oedt fahren und Mama nach Köln. Montag würde sie in ihrer Klasse erst einmal viel zu erzählen haben. Oder auch nicht. Schließlich war die Lektüre der internationalen Presse nicht so verbreitet unter Neunjährigen. Aber auch in der örtlichen Zeitung stand schon etwas mit „dem“ Foto von ihr, wie sie vor dem Einschlafen auf Anhieb online entdeckt hatte. „Junge Oedterin rüttelt die Lords in London auf.“ Na, da dürfte in der Grundschule neben der Burgruine so einiges los sein.

Kaum hatten sie sich in Bewegung gesetzt, wurden Paula und Nina auch schon von den ersten Joggern gegrüßt, die ebenfalls so früh unterwegs waren. Wahrscheinlich kannten alle ihre Tante, vermutete Nina. Sie war bestimmt jeden Morgen hier unterwegs und würde ihre Mitsportler sicher häufig sehen. Als sie am Kinderspielplatz mitten im Park vorbeiliefen, kam ihnen ein Mann mit einem Begleiter entgegen.

Paula raunte Nina zu: „Na? Den kennste sicher auch, oder?“

Ninas Mund ging weit auf. Und sie hatte ihn noch nicht wieder schließen können, als der Jogger sie direkt ansprach.

„You are the famous Nina, aren’t you?!“, rief er und blieb kurz stehen.

Paula hatte auch angehalten, lief aber auf der Stelle weiter und rief: „Yes, she is, but don’t destroy your exercises, Daniel!“

„She`s got talent, I think next time we will meet on set”, sagte er und setzte seine Joggingrunde mit dem Begleiter umgehend fort.

„Das war doch nicht wirklich…“, presste Nina hervor.

„Doch, das war er, Daniel wohnt hier in der Nähe. Aber die meisten seiner Filme darfst du doch noch gar nicht sehen“, belehrte Paula sie.

„Ich bin trotzdem ein großer Fan. Papa meint auch, er sei unter allen Agenten der beste gewesen. Nicht nur weil sie denselben Vornamen haben.“ Und nach kurzer Pause: „Was hat er genau gesagt, irgendwas mit Set?“, wollte Nina wissen.

„Dass er dich erkannt hat und meint, du hättest schauspielerisches Talent, weswegen er damit rechnet, dich an einem Filmset wiederzusehen.“

„Irre!“, entfuhr es Nina nur.

Den Rest der morgendlichen Fitness-Tour absolvierten sie schweigend, während in Ninas Kopf Jahrmarkt herrschte.

Zu Hause hatte Maud den Tisch gedeckt. Onkel Paul nahm einen Schluck Kaffee, vor ihm ein riesiger Zeitungsstapel.

„Hi, Nina, Sie haben es alle groß gebracht, wirklich alle. Wir müssen uns gut überlegen, was wir beide nun nachlegen“, sagte er mit nachdenklicher Miene.

Die letzten Worte waren kaum noch zu hören, weil Paula ihre Nichte schon die Treppe herunterzog.

„Lass uns erst noch eine Runde schwimmen“, sagte sie dabei.

„Aber hast du denn einen Badeanzug für mich?“, fragte Nina.

„Brauchst du nicht, wir sind unter uns“, lautete die Antwort.

Wie eine gut geölte Maschine zog ihre Tante Bahn um Bahn, während Nina versuchte, halbwegs zügig von einer Seite zur anderen zu kommen, sich dabei aber eher wie ein robbender Frosch vorkam. Sie nahm sich vor, im Kempener Schwimmbad AquaSol an ihrem Stil zu arbeiten, um es Paula beim nächsten Mal gleich tun zu können. Auch die sportliche Seite ihrer Tante sollte sie sich zum Vorbild nehmen, überlegte Nina, als Paula elegant aus dem Becken glitt.

„Und jetzt noch ein wenig die Muskeln entspannen“, verkündete Paula, als sie beide sich in große weiche Badetücher hüllten. Die Sauna war schon vorgeheizt.

„So früh am Tag?“, meinte Nina irritiert.

„Das tut immer gut“, erklärte ihre Tante, und fügte hinzu: „Besonders, wenn uns gute Gedanken kommen sollen.“

„Wozu brauchen wir die?“, fragte Nina, während ihre Tante die Saunatüre hinter sich schloss und nach dem Aufgusseimer griff.

„Weil wir beide uns nun genau überlegen, was du und dein Onkel gleich erklären werdet. So erfährt der Kerl auch mal, wie das ist, überrumpelt zu werden.“ Dabei grinste Paula geradezu schelmisch. Es floss viel Schweiß, bis sie sich einig waren und Paula schon mal im Kopf zu üben begann.

„Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr“, sagte Paul, als die beiden sich in Bademänteln an den Tisch setzten.

„Wir brauchten ein wenig Zeit, um die Erklärung vorzubereiten, die du gestern Abend angekündigt hast“, erläuterte Paula.

„Aber ich hatte mir gedacht…“ - weiter kam er nicht.

„Und wir haben einfach mal gemacht, so wie du gestern“, fuhr Paula ihm über den Mund.

Blitzartig verstand Paul, dass er nun besser den Mund halten sollte.

Sieben Mal nahm Paula mit ihrem Smartphone die wenigen Sätze auf, die sie sich in der Sauna überlegt hatten. Es war sehr hilfreich, dass Nina für jeden einzelnen eine neue Position einnahm und Paula den Aufnahmewinkel änderte. Das wirkte auf diese Weise nicht nur dynamischer; so konnten sie sich auch die jeweils beste Variante aussuchen und zu einer perfekten Komposition zusammenschneiden.

Nina sprach auf Deutsch, weil Paula sie davon überzeugt hatte, dass das authentischer sein würde. Bevor die Medien die Stellungnahme bekämen, würde Pauls Büro noch rasch einen Untertitel mit der Übersetzung in Englisch drauflegen lassen. Nina sprach dieses Mal nicht über die Nachteile, die der Brexit für die Engländer gebracht hatte, sondern über die Gefühle, die Millionen junger Europäer angesichts der „unnatürlichen und total bescheuerten“ Situation hätten. Beim ersten Referendum seien die allermeisten jungen Britinnen und Briten davon ausgegangen, dass es ohnehin keine Mehrheit dafür geben würde, aus der EU auszutreten. Wer könnte sich so einen Mist schon ausdenken! Das würde sicherlich kein zweites Mal passieren. Ihr Onkel habe absolut recht mit dem Hinweis, dass der Wille von 17 Millionen nicht auf Dauer das Leben von 69 Millionen bestimmen dürfe. „Und im Übrigen auch nicht das von den 450 Millionen anderen Europäern“, fügte Nina mit großem Nachdruck in der Stimme hinzu. Sie finde deshalb den Schwur ihres Onkels „echt cool“ und freue sich deshalb kurz vor ihrem zehnten Geburtstag schon auf ihren zwanzigsten, wenn der „scheiß Brexit“ wieder Geschichte sei.

„Danke dir dafür“, war der letzte Satz des Statements von Nina, als sie ihren Blick nach links richtete.

Jetzt erst schwenkte Paula auf ihren Mann, dem sie einen einzigen Job überlassen hatten: Er durfte ein T-Shirt vor sich halten mit der Aufschrift

NEW Vote for Europe NOW

Sie hatten sich die Lettern kurz vor der Aufnahme aus einem Laden kommen lassen, selbst aufgebügelt und die Parteizentrale der Liberalen gebeten, möglichst viele davon so schnell wie möglich zu ordern. Doch als das Video zwei Stunden später viral ging, war die Resonanz so überwältigend, dass überall im Land T-Shirt-Läden die Botschaft auf eigene Faust auf alle verfügbaren Hemden brachten und sich am Freitagabend bereits Tausende, vor allem junge Menschen, damit auf den Weg in die Pubs machten. Der Nina-Schwur hatte eine Brexit-weg-Welle ausgelöst.

Eigentlich wäre das schon mehr als genug gewesen, um Ninas Geburtstagswochenende in London unvergesslich zu machen. Doch es geschah noch sehr viel mehr.

„Erkennst du ihn wieder?“, fragte Paula, als sie Nina in ihrem Arbeitszimmer einen kleinen und sehr unscheinbaren Stein zeigte.

„Nö, was soll das sein?“, gab Nina zur Antwort.

„Du erinnerst dich nicht mehr an Weihnachten bei deiner Oma, als wir beide noch mal spazieren waren und was ich da eingesteckt hatte, weil es sich im Frost aus den Mauerresten der Burgruine gelöst hatte?“, fragte Paula, während sie nun das Steinchen auf ihrer Handfläche präsentierte.

„Ach ja, und?“, meinte Nina eher gelangweilt. Ihre Miene entsprach dem belanglosen Aussehen des kleinen Steins.

„Ich habe ihn unseren Technikern gegeben, damit sie mal wieder ihre Instrumente kalibrieren können. Ich wettete mit ihnen, dass er entweder aus einem Ziegel aus den 1950er Jahren stammt, als sie die zerfallende Ruine geflickt haben, oder von Anfang des 14. Jahrhunderts, als die Burg gebaut wurde.“

„Und was war es?“, fragte Nina ohne eine Spur von Interesse.

„Keins von beiden!“

„Nichts davon?“

„Nichts!“

„Sondern?“, wollte Nina nun schon etwas neugieriger wissen.

„Wir haben drei Kontrolluntersuchungen gemacht, weil ich mehrfach versicherte, dass die Instrumente spinnen, weil das einfach nicht sein könne, aber es steht fest: In der Burg Uda wurde etwas verbaut, was schon gut 200 Jahre vor dem Bau der Burganlage verwendet worden ist.“

„Verstehe ich nicht.“

„Also, es ist nicht Teil eines gebrannten Ziegels, sondern ein massives Gestein, wie er im Mittelalter sowohl aus Steinbrüchen aus der Eifel oder vom Drachenfels Verwendung fand.“

„Drachenfels kenne ich“, sagte Nina. Sie hatten erst im Herbst am Geburtstag von Dennis dort oben gegessen.

„Da gibt es eine leckere Drachenbowl“, stellte Nina fest und glitt mit der Zungenspitze an ihrer Oberlippe entlang. „Aber einen Steinbruch habe ich da nicht gesehen.“

„Der ist ja auch schon viele Jahrhunderte stillgelegt, weil die Menschen für den Bau des Kölner Doms so viel Gestein brauchten, dass ihnen fast der ganze Berg eingestürzt wäre.“

„Verrückt. Und die Burg Uda ist auch damit gebaut worden?“

„Ich weiß es nicht. Vermutlich eher nicht, dafür haben sie wohl Gestein aus der Eifel verwendet. Das müsste ich noch klären, wenn dich das interessiert. Aber das ist auch nicht das Besondere an diesem Stein. Das sind die Mörtelanhaftungen.“

„Die was?“

„Damit die Steine eine Wand bilden konnten, hat man sie in ein Mörtelbett gepresst, so wie man heute zwischen die Bausteine Zement fügt, damit sie am Ende das Haus oder eine Mauer zusammenhalten.“

„Aha, und dieser Zement passt nicht zur Burg?“

„Genauso ist es! Ich erspare dir jetzt die genauen Zusammenhänge, wie meine Leute hier am RAI aus den feinen Spuren dieses Kalkbindemittels eine Isotopensignatur erstellt haben und dann über den regelmäßigen Zerfall eines bestimmten Kohlenstoffisotops den ungefähren Abbindezeitraum ermitteln konnten.“

Nina hatte bereits beim ersten Satz die Stirn gerunzelt. Die Falten waren von Wort zu Wort tiefer geworden.

Paula zeigte ihr einen Ausdruck und zeigte auf eine markierte Stelle.

„Hier steht es: Vor 945 Jahren plus minus 25 wurde dieser Stein mit Mörtel fixiert.“

„Äh“, Nina tippte die Zahlen in den Rechner ihres Handys. „Also 2025 minus 945 macht 1080, wenn es genau stimmt. Bei plus 25 wäre es 1105, bei minus 25 wäre es 1055. Der Mörtel stammt also aus der Zeit zwischen 1055 und 1105?“

„Ganz recht!“

„Und wann wurde die Burg Uda gebaut?“

„Sie wurde, wenn ich das richtig behalten habe, 1313 erstmals in Urkunden erwähnt, ist wohl ab dem Jahr 1307 entstanden.“

„Dann hat dein Weihnachtsstein also weder etwas mit dem Bau der Burg noch mit deinen Römertürmchen zu tun“, stellte Nina sachlich, aber mit großem Interesse in der Stimme fest.

Seinerzeit hatte Paula als Studentin mit mehreren Kommilitonen an verschiedenen winzigen Erhebungen nahe des früheren Flussbettes der auch an Oedt vorbeifließenden Niers gegraben und mit der sensationellen Vermutung ihre Doktorarbeit schmücken können, dass die Römer eine Art Limes mit aufragenden Kontroll- und Kommunikationsposten entlang des antiken Grenzflusses angelegt haben könnten.

„Da hast du verdammt noch mal sehr recht!“, sagte Paula mit Nachdruck. Sie entwickelte nun die Theorie, dass es in Oedt lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes im Jahr 1170 und erst recht deutlich vor dem Burgenbau eine interessante Besiedlung gegeben haben dürfte. Denn erfahrungsgemäß wurden für solche Bauten nicht nur neu gebrannte Ziegel, sondern auch Trümmer aus der näheren Umgebung verwendet. Ihre Kollegen im RAI hätten mit großem Interesse ihre Einordnungen gehört, wonach das die Geschichtsschreibung erneut in Frage stelle. Das erste steinerne Gebäude wurde bisher sehr viel später und in Kempen verortet. Doch irgendetwas Interessantes aus Stein musste in Oedt schon in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts existiert haben.

„Wenn du dich mal im Oedter Heimatmuseum umgeschaut hast, dann weißt du, dass es Hinweise auf Siedler in dieser Gegend schon aus der Eisenzeit gibt, also vor mehr als 2600 Jahren. Man weiß auch, dass es bereits in der Zeit der Franken zwischen dem fünften und neunten Jahrhundert mehrere Hofanlagen in Oedt gegeben hat. Die könnten also auch danach noch intakt gewesen sein“, erklärte Paula.

„Dann war da auch ein Hof aus Stein?“, wollte Nina wissen.

„Eher nicht“, lautete Paulas Einschätzung. Sie ging von „irgendetwas Anderem“ aus, weil nach ihren Recherchen um diese Zeit nicht sonderlich viel Reichtum in Oedt vorhanden gewesen sein könne. Als sie von freien Bauern sprach, die ihren Zehnten an die Abtei Gladbach leisten mussten, von Unfreien im Dienst der Mönche, von einem selbst bewirtschafteten Herrenhof, der wegen der wenig vermögenden Abtei auch nicht aus Stein gewesen sein dürfte, verzog Nina ihr Gesicht.

„Moment, Moment, ich kapier gar nichts mehr. Wer musste wem ein Zehntel zahlen und wovon und wofür eigentlich?“

„Entschuldige, das kannst du alles natürlich noch nicht wissen, wenn ihr das an der Schule noch nicht hattet. Sprechen wir später noch mal drüber. Ich wollte nur sagen, dass ich verschiedene Möglichkeiten durchdacht habe, aber keine naheliegende Erklärung gefunden habe. Es ist wie so oft: Die Geschichte ist spannender, als wir vermuten.“

„Also kommst du wieder zu uns, um zu graben?“, vermutete Nina.

„Zugegeben: die Zeit ist für Historiker wie Archäologen ziemlich spannend“, begann Paula.

„Um das Jahr 1050 fing auch die ländliche Bevölkerung in vielen Regionen des späteren Deutschlands an zu spüren, dass da etwas war, was sie als Deutsche verband. Also vor allem deutsche Wörter als Sprache eines irgendwie miteinander verbundenen Volkes. Das ist natürlich besonders reizvoll gerade in einer solchen Randlage wie Oedt, das als Teil Niederlothringens sozusagen im Übergang von den fränkischen zu den deutschen Regionen angesiedelt war und nicht wenige Bewohner sogar mehrfache Loyalitätspflichten hatten.“

Das war der Moment, an dem Nina endgültig den Faden verlor.

„Stopp, ich bin schon wieder raus“, wandte sie ein. „Nieder-was?“

„Niederlothringen. Sorry, meine Liebe, da ist was mit mir durchgegangen“, entschuldigte sich Paula. Gleichwohl fuhr sie fort: „Ich wollte nur klar machen, dass da auf dem Land noch ganz viele tolle Geschichten darauf warten, von uns Wissenschaftlern entdeckt zu werden. Offensichtlich war der Alltag der Menschen damals viel interessanter, viel unterschiedlicher, viel spannender, als es uns die Erzählungen vom angeblich dunklen Mittelalter glauben machen.“

Sie wechselten jetzt zwar das Thema, aber Nina war fasziniert: Wie mochte das gewesen sein vor fast tausend Jahren an genau der Stelle, an der sie jetzt lebte?

Sie würde später kaum noch sagen können, worüber sie sich die vielen Stunden unterhalten hatten, als ihr Vater am Samstag pünktlich mit dem Flieger aus Frankfurt und ihre Mutter stundenlang verspätet mit dem Zug aus Köln in London eingetroffen waren. Irgendwie ging es zwischen Paul und ihrem Daddy die ganze Zeit um die letzten Bundestagswahlen, ihre Sorge um die Gefährdungen der Demokratie und die Rolle der beiden als liberale Politiker. Nächtelang hatten Paul und Daniel schon bei vorangegangen Treffen diskutiert und dabei viel Gemeinsames entdeckt. Und so war es klar, dass sie sich auch jetzt noch aufeinander freuten und solche Begegnungen suchten, obwohl Daniel streng genommen nicht mehr zur engen Familie der beiden Schwestern gehörte. Immerhin war es Paul gewesen, der Daniel dazu bewogen hatte, in die FDP einzutreten und sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Im Herbst wollte er in Oedt für den Gemeinderat kandidieren. In seiner Gemeinde hatte die FDP bei den Bundestagswahlen zwar noch die Fünf-Prozent-Hürde geschafft, doch der zweite Rauswurf aus dem Bundestag setzte den Liberalen doch sehr zu. „Ich habe das nicht verstanden, warum euer Parteichef im Wahlkampf jede Koalition mit den Grünen ausgeschlossen hat“, hörte Nina Paul sagen. „So funktioniert Demokratie doch nicht, erst recht nicht, wenn die von radikalen Kräften an die Wand gefahren werden könnte, da müssen wir doch in der Mitte zusammenhalten.“ An dieser Stelle hatte sich auch ihre Mutter eingeschaltet und von einem Manuskript ihres Freundes erzählt, an dem er gerade arbeite. Darin ging es um die auffälligen Parallelen zwischen der Endphase der Weimarer Republik und der aktuellen Bundespolitik und um die Kurzsichtigkeit der handelnden Politiker damals wie heute. „Wir haben uns immer gefragt, wie das damals passieren konnte und warum die das nicht verhindert haben, und jetzt erleben wir es selbst, sogar im Zeitraffer“, stellte ihre Mutter fest. Danach herrschte minutenlanges Schweigen. Alle waren mit ihren Köpfen bei den Ereignissen und Entwicklungen in vielen Ländern Europas.

Nina dachte danach immer intensiver daran, wie ihr Geburtstag am nächsten Tag ablaufen würde. Deshalb wurde sie hellhörig, als ihre Mutter und ihre Tante wiederholt die Köpfe zusammensteckten, miteinander tuschelten und sie dabei immer wieder anschauten. Besprachen sie letzte Einzelheiten für Feier oder Geschenk? Obwohl sie versuchten, sehr leise miteinander zu sprechen, hörte sie einige Wortfetzen wie „neue Schule“, „ganz neuer Anfang“, „große Chance“ und offenbar auch um „Uri“ und „Nava“. Nina hatte die beiden schon einige Male bei großen Familienfeiern gesehen. Sie sagte Onkel und Tante zu ihnen, obwohl sie eine Generation älter waren. Uri war der Sohn ihrer Urgroßmutter Li, die nach Israel ausgewandert und dort geblieben war. Ob die beiden mit ihren Kindern und Enkeln nach Deutschland kämen? Ihre Enkelin Maya war in Ninas Alter. Sie hatten bisher nur ein einziges Mal zusammen gespielt. Aber vielleicht würde sie ja mit ihr zusammen in Kempen zum Gymnasium gehen, oder gleich zu einem in Köln? Nina fand den Gedanken für sie beide spannend, direkt eine Freundin zu haben, wenn sie in eine fremde Großstadt und in eine völlig fremde Schule wechseln würden.

Beim Einschlafen stellte sie sich vor, wie sie gleichzeitig aus Oedt und Haifa umzögen, um beide neu anzufangen. Aber dann begannen die Bilder zu kreisen. Um das Leben in Oedt vor fast tausend Jahren, um irgendein Gebäude aus Stein, um große Bauernhöfe, um spielende Kinder, um die Frage, was Mädchen damals wohl zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt bekamen. Und sie, was würde sie bekommen? Mit innerlicher Spannung und vielen Fragen schlief sie ein.

GEBURTSTAG

Verblüfft rieb sie sich die Augen.

„Wach auf, schnell!“, rief ihre Mutter, während sie weiter an ihr rüttelte.

„Was ist denn?“, fragte sie schlaftrunken. Sie wusste, dass sie heute Geburtstag hatte, freute sich darauf, wenn ihr die Familie dazu gratulierte, jetzt zehn Jahre alt zu sein und sie damit in einem neuen, bedeutenden Lebensabschnitt willkommen zu heißen.

„Aber es ist doch noch ganz dunkel“, protestierte das Geburtstagskind und wollte sich wieder auf die andere Seite drehen.

„Schnell, du musst los. Papa geht es schlecht. Er spuckt die ganze Zeit Blut. Gerda hat bestimmt was für uns.“

Schlagartig wurde das Mädchen wach.

„Ja, äh, sicher, ich…“, stammelte es, während es nach ihren Lederschuhen tastete.

„Leg die Decke um, es ist noch sehr kalt, und beeil dich“, flehte ihre Mutter. Sie lief wieder zu ihrem Mann, der röchelnd am Feuer lag. Sie musste es in der Nacht wieder angefacht haben, vielleicht um ihren Mann zu wärmen. Jedenfalls lag er nicht in seinem Bett, sondern direkt neben den Flammen und schaute mit glasigen Augen und Blut vor dem Mund zu ihr herüber.

„Hast du eine Kerze und die Lampe für mich?“, fragte sie.

„Brauchst du nicht, fängt bestimmt gleich an zu dämmern“, sagte ihre Mutter. „Außerdem haben wir Vollmond, du müsstest den Weg also gut sehen können. Jetzt beeil dich!“

Die Sorgen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Bestimmt hatte sie die ganze Nacht wieder kein Auge zugemacht.

,Schöner Geburtstag´, dachte die Zehnjährige.

Es war tatsächlich noch einmal eiskalt geworden Ende April 1050. Dabei hatte ihr Vater mit ihren Brüdern schon mit der Aussaat begonnen. Hoffentlich würde das der Ernte nicht schaden. Noch so ein verregneter und viel zu kalter Sommer wie im letzten Jahr, und selbst sie als freie Bauern mit einem großen Hof würden ans Betteln denken müssen, um über die Runden zu kommen. Überdies hatte Knodo den Bauern zuletzt sehr zugesetzt. Streng genommen hatte er mit ihnen nichts zu schaffen. Aber die Mönche vertrauten dem Miles. Schon sein Vater und sein Großvater hatten als militärische Unterstützer für den Erzbischof gekämpft und von ihm ein Lehen nördlich von Oedt bekommen. Die kleine Festung auf einer Erdaufschüttung mitten im Sumpfgebiet der Niersniederung, unter den Oedtern Hövelburg genannte, war schon von weitem zu sehen. Von dort aus belauerte und beherrschte er den Ort. Fast alle Höfe gehörten den Benediktinern in Gladbach. Wenn es um den ihnen zustehenden Zehnten und andere Abgaben ging, vertrauten sie dem Vogt in Kempen und der wiederum Knodo. Aus Sicht der Abtei waren der Vogt und der Miles ehrbare Diener des Erzbischofs. Deshalb verließen sie sich darauf, dass die beiden in den Zeiten, in denen sie sich nicht selbst darum kümmerten, in den ihnen gehörenden Dörfern, Höfen und sonstigen Besitztümern nur das eintrieben, was die freien Bauern und Leibeigenen ihnen schuldeten. Tatsächlich war Knodo von Jahr zu Jahr rabiater geworden. Ihm und seinen Kampfgefährten hatten die Oedter kaum etwas entgegenzusetzen. Wenigsten war Maria sicher, ihm an diesen frühen Morgenstunden ihres Geburtstages nicht zu begegnen. Sicherlich schlief er seien üblichen Rausch aus.

Das Mädchen lief vom elterlichen Hof den schmalen Weg zu der Straße hoch. Sie hieß treffenderweise Hohe Straße und es gab sie an dieser Stelle schon seit vielen Jahrhunderten. Schon zu den Zeiten der Römer und sogar noch davor hatte es hier eine kleine Siedlung gegeben, erzählte man sich an den langen Abenden in den Höfen nicht ohne Stolz. Seit fränkischen Zeiten war die Anordnung der Bauernhöfe zu beiden Seiten nahezu gleich: Im Westen lagen sie versetzt in zwei Reihen bis zur Niers, jenem Fluss, der südlich von Gladbach entsprang und weiter im Norden in die Maas mündete. Im Osten lagen sie in einer Reihe bis zu einem Sumpfgebiet, das von zwei Bächen, der Floeth und der Schleck, durchflossen wurde. Die Höfe glichen sich im Wesentlichen und zeigten noch die fränkische Bauweise. Jetzt, kurz vor Beginn des Monats Mai, befanden sich die meisten Tiere schon wieder auf den Weiden, doch in den Wintermonaten nahmen Pferde, Kühe, Schweine und Gänse jeweils eine Hälfte der Gebäude ein. In der Mitte war eine Feuerstelle, von der aus der Rauch durch Öffnungen vorne und hinten am Dach der langgestreckten Höfe entweichen konnte. Auf der anderen Hälfte lebten und arbeiteten die Menschen. Es gab für den Bauern und seine Frau eine Bettstatt auf dem Boden in der Mitte, alle anderen, Kinder, Großeltern, Mägde und Knechte, schliefen in Alkoven. Sie lagen an den Seiten und an der Stirnseite des bis fast zum Boden reichenden schrägen Daches. Rundherum waren zwei Ellen hohe Holzgestelle geschaffen worden, in denen allerhand persönliche Sachen Platz fanden und auf denen Bretter mit Strohmatten und Wolldecken die Betten bildeten. Das bedeutete, dass es drinnen, nahe des Bodens, wo das Dach endete, im Winter genauso kalt und im Sommer genauso warm war wie außerhalb. Maria litt besonders unter der Kälte und musste sich jeden Morgen erst eine Weile ihre eiskalten Glieder reiben, um in Schwung zu kommen. Das Laufen Richtung Straße ließ sie nun warm werden. Nach dem Überqueren der Hohen Straße setzte sie ihren Weg auf einem schmalen Pfad Richtung Osten fort. Es war außer ihr noch niemand auf den Beinen. Nur ein paar Hunde begannen zu bellen, hörten aber sofort wieder auf. Sie erkannten Maria am Gang. Hier kannte ohnehin jeder jeden – bis auf die Reisenden, die in der Herberge nahe der Fährstelle übernachteten.

Maria gehörte zu denen, die ihr Dorf neumodisch Oedt nannten. Nicht, weil es so öde war, sondern weil es einfach besser klang als das aus römischer Zeit bekannte Hude. Damit hatten die Römer sowohl das feuchte Gebiet als auch die Anlegestelle gemeint, die es seit Menschengedenken hier gab. Oedt stand dagegen für mehr als nur Sumpf und Steg. Oedt stand für Zukunft. In den letzten Jahren hatten die Mönche aus Gladbach mehrere Morgen zusätzliches Land durch Rodung der dichten Wälder und Trockenlegen des Sumpfgeländes gewonnen. Das Dorf war um mehrere Dutzend Personen gewachsen. Die Oedter waren einfach nicht klein zu kriegen, obwohl sie mehrere Male im Jahr mit Hochwasser zu kämpfen hatten und schon oft Opfer brandschatzender Horden geworden waren. Mal waren es königliche, fürstliche oder bischöfliche Heere, die sich im Dorf bedienten und oft genug alles Vieh schlachteten und sich schmecken ließen. Mal waren es die Nordmänner, mal die Ungarn, die vergewaltigend und plündernd durch das Dorf zogen und etliche Höfe in Flammen aufgehen ließen, mal wurden die Bauern Opfer von Fehden unter den Adligen der Region. Es war bei den hohen Herren seit Jahrhunderten üblich, ihren Hass an den entfernten oder nahen Verwandten dadurch auszudrücken, dass man deren Besitztümer, also ihre Dörfer und Höfe, schädigte oder vernichtete. Zu bezahlen hatten das die Angefeindeten aber nicht selbst, das ließ man regelmäßig an ihren Bauern aus. Maria hatte an langen Winterabenden oft genug gehört, dass es zwar unter Knodo kaum Sicherheit gab, dass es aber schon lange keine Überfälle mehr gegeben hatte, wie sie frühere Generationen mindestens einmal im Leben ertragen mussten. Die Nordmänner waren weg, und die Ungarn kamen auch nicht mehr. Würde sie also ein halbwegs normales Leben führen können, einen der Bauernsöhne von den Nachbarhöfen heiraten, mit ihm viele Kinder bekommen und immer genug zu essen haben? Mit zehn Jahren, also seit heute, beschäftigte sie das mehr denn je, denn nun war die Zeit endgültig vorbei, in der die Familien gegenüber Kindern größere Nachsicht in Haus und Hof, auf Wiesen und Feldern walten ließen. Jetzt hatte sie mit anzupacken wie die Großen. Vielleicht wäre sie in zwei Jahren schon zum ersten Mal schwanger. Viele Frauen wurden nicht älter als 30, nur sehr wenige lebten doppelt so lange. Also hatte sie vielleicht bereits ein Drittel ihres Lebens hinter sich.

,Jetzt ist erst einmal Vater wichtiger´, rief sich Maria selbst zur Ordnung und beschleunigte ihre Schritte. Keine fünf Minuten später war sie an der Schleck und sah in der beginnenden Dämmerung das kleine Floß auf der anderen Seite des Wassers. Auf einer kleinen Insel inmitten des großen Sumpfgebietes hatte sich Gerda eine Hütte und einen Vorratsschuppen gebaut. Die Frau imponierte ihr. Maria empfang es als großartig, wie Gerda sich in dieser Männerwelt behauptete und sich unverzichtbar für die gesamte Gemeinschaft aller Bauern und Handwerker von Oedt gemacht hatte. Es gab seit langer Zeit kein Kind, bei dessen Geburt sie nicht die entscheidende Hilfestellung gegeben hatte, kaum eine Krankheit, die nicht mit ihren Kräutern und Salben bekämpft worden war. Maria bewunderte sie sehr, war schon oft mit ihr durch die Wälder und Wiesen gestreift, um von ihr zu lernen, welche Pflanzen welche Wirkung haben konnten, wenn man sie richtig zu nutzen verstand. Ob sie ihre Freundin schon wecken könnte?

Das brauchte sie nicht. Gerdas Hund schlug schon weit vor ihrer Ankunft an. Es war ein tiefes, aggressives Bellen, so als würde er jeden sofort zerfleischen, der es wagte, sich Gerda auch nur zu nähern.

„Bero, ich bin’s“, rief Maria. Und augenblicklich verwandelte sich das Knurren in ein freundliches Fiepsen. So als freue sich der Hund darauf, von Maria gestreichelt zu werden. Sie hatte es noch nie so richtig in Worte fassen können, aber irgendwie kam sie sich in seiner Nähe besonders sicher vor.

„Was machst du denn so früh hier in der Kälte“, knurrte nun Gerda, während sie das kleine Floß losband und nach dem Stecken griff.

„Vater geht es sehr schlecht, und Mutter schickt mich dringend um Hilfe“, rief Maria ihr zu, noch bevor Gerda die zusammengebundenen Baumstämme betreten hatte.

„Hustet er?“

„Nein, habe ich nicht gehört, aber Mutter sagt, dass er die ganze Nacht schon Blut spuckt, immer schlimmer.“

„Dann braucht er eigentlich keinen Tee von mir, sondern einen Bader oder Medikus“, lautete Gerdas Antwort.

Natürlich wusste sie, dass daran in dieser Gegend selbst bei relativ wohlhabenden Bauern nicht zu denken war. Die ausgebildeten Mediziner würden sich nicht mit der Aussicht auf ein paar Denare oder Schilling bei dieser Kälte auf den stundenlangen Weg machen. Außerdem gab es in Kempen vier Meilen entfernt erst seit kurzem einen Bader, dessen Fähigkeiten von vielen in Frage gestellt wurde. Der nächste Medikus war in Gladbach, also gut eine Tagesreise entfernt. Und Vater war zu schwach, um diesen langen Weg in seinem Zustand zurückzulegen.

Maria sah in dem fahlen Morgenlicht eher schemenhaft, wie Gerda das Floß auf halbem Weg stoppte, umkehrte, noch mal in den Schuppen lief und mit einem Beutel zurückkam. Bald war sie bei Maria, hatte unterwegs Bero noch ein „pass gut auf“, zugerufen, was dieser mit einem sehr verlässlich klingenden Bellen beantwortete.

Während beide eilig Richtung Straße gingen, erkundigte sich Gerda danach, wie lange Bruno, Marias Vater, schon so krank war.

„Eigentlich noch nicht so lange“, antwortete Maria. Gestern habe er noch ganz normal auf dem Feld gearbeitet, aber am Abend keine Lust aufs Essen gehabt und sich früh auf sein Bett gelegt.

„Und er hat trotzdem nicht viel gehustet in den letzten Tagen?“, wollte Gerda noch einmal wissen, als sie die Straße überquerten und in den Weg Richtung Zweiweidenhof einbogen, dem Zuhause von Maria. Er hieß zwar offiziell anders, nämlich Maddindonk, doch die Dorfkinder hatten sich angewöhnt, alle Höfe nach den vor den Eingängen wachsenden Bäumen zu benennen. Das war viel eingängiger als die verschiedenen mit „Donk“, „Heim“ und „Sel“ verbundenen Namen ihrer Vorvorvorbesitzer, die kaum noch einer kannte. Auch in ihrer Familie konnte sich niemand mehr an einen Maddin erinnern.

Nun waren die zwei Weiden in rund fünf Gehminuten Entfernung schon gut zu erkennen, weil die Sonne aufgegangen war. Aber es blieb für Ende April viel zu kalt an diesem Morgen. Als sie näherkamen, hörten sie, wie sich Bruno übergab. Im Haus lag er weiterhin neben dem Feuer, der Boden neben ihm und ein Tuch waren über und über voll Blut. Maria machte sofort kehrt.

„Ich warte draußen“, sagte sie leise.

Ihre Mutter warf ihr einen wütenden Blick zu, schaute dann erwartungsvoll auf Gerda. Bruno erbrach sich erneut.

„So geht das schon die halbe Nacht“, berichtete Susanna. Sie kniete sich neben ihren kranken Mann, säuberte ihm mit Wasser aus einem bereitstehenden Eimer das Gesicht, während sich auch Gerda hinkniete und Brunos Hals abtastete.

„Hattest du starken Husten?“, wollte sie von ihm wissen.

„Nicht mehr als jeden Winter“, antwortete Bruno, und begann erneut zu würgen. Es war ihm sichtlich unangenehm, so vor der attraktiven Frau zu liegen.

„Jetzt lass Gerda schon machen“, ermahnte ihn seine Frau.

„Hast du Probleme mit dem Magen?“, fragte Gerda nun.

„Hat er“, antwortete Susanna an seiner Stelle. „Also haben die Tees gegen den Husten gar nicht wirken können?“, stellte Susanna verunsichert fest.

„Vermutlich ist sein Magen von innen geschädigt“, meinte Gerda mit einem Kopfnicken und ging zu ihrem Beutel. Sie holte einige Blätter heraus.

„Mach die klein und dann einen Tee daraus, nicht lange ziehen. Davon soll er dann in kurzen Abständen möglichst viel trinken. Dann sollte das Bluten aufhören“, erklärte Gerda.

„Was ist das?“, fragte Susanna.

„Eibisch, ist hier ziemlich selten, habe ich noch vom letzten Herbst. Mehr ist nicht mehr da, aber ich hoffe, das bringt Bruno erst mal Linderung.“

Susanna setzte sich mit einem Messer an den Tisch, bat Ensfrid, ihren 14-jährigen Sohn, darum, frisches Wasser aus dem Brunnen zu holen. Ihr Ältester sollte derweil das Feuer neu entfachen und den Kessel für das Teewasser darüber befestigen.

„Kann ich auch was tun?“, fragte Amery, Marias Großvater, der sich mit an den Tisch gesetzt hatte, seine jüngste Enkelin auf dem Schoß.

„Du passt einfach auf Demud auf und kannst ja gleich den Jungs mit den Zäunen helfen, wenn Bruno noch nicht wieder auf den Beinen ist“, lauteten Susannas Anweisungen.

„Wo hat sich denn Maria wieder versteckt?“, sagte sie nun und rief mehrfach nach ihr.

Sehr vorsichtig steckte diese den Kopf durch die Türe.

„Hier, wegmachen!“, befahl ihre Mutter barsch und deutete auf die mit Blut getränkten Lappen.

„Bbbitte, Mmmmammma, du weißt doch, ich k-k-kann das n-n-nicht“, stammelte sie mit Verzweiflung im Gesicht.

„Ich weiß nur, dass du das endlich mal überwinden musst“, sagte sie laut, griff sich die Lappen und schleuderte sie Maria ins Gesicht.

Die fiel rückwärts durch die Tür auf den Boden vor dem Eingang, machte zunächst Anstalten, schnell wieder aufzustehen. Doch als sie die Lappen sah, ihre blutverschmierten Hände, ihre eigene, nun blutrotgefärbte Tunika, kippte sie mit dem Kopf nach hinten und blieb regungslos liegen.

Ihre Brüder kicherten.

„Guck mal, schon wieder!“, sagte Heribold.

„Wie tot“, ergänzte Ensfrid.

„Aber ist sie nicht, kommt bald wieder zu sich, wie immer“, verkündete Heribold, machte einen großen Schritt über Marias leblosen Körper und ging mit ein paar Ästen ins Haus.

Gerda kniete nun neben Maria.

„Davon erzählen sie im Dorf schon lange, aber ich hätte nicht gedacht, dass das so drastisch ist“, sagte sie, während sie Marias Puls fühlte.

„Die spielt das doch nur, weil sie sich vor der Arbeit drücken will“, bemerkte Susanna trocken.

„Maria?“, sagte Gerda laut und fühlte dem Mädchen den Puls und zog eines ihrer Augenlider hoch.

„Nein, sie ist wirklich weg“, stellte sie fest.

Sie nahm der bewusstlosen Maria die Lappen aus der Hand, holte etwas von dem Wasser, wusch ihre Hände und wollte ihr gerade das schon aufgeknüpfte Hemd ausziehen, als das Mädchen wieder zu sich kam.

Vorsichtig blinzelte sie Gerda an und fragte: „Ist… - ist es schon wieder passiert?“

Gerda nickte.

„Ich will das nicht, ehrlich! Aber Mama glaubt mir nicht, dass mir das einfach so passiert.“

„Seit wann hast du das?“

„Seit ich denken kann, immer bei der Berührung mit Blut. Manchmal schon, wenn ich es sehe. Ich muss beim Schlachten wegrennen, und manchmal bricht mir schon der Schweiß aus, wenn ich nur ein rotes Gewand in der Sonne leuchten sehe“, berichtete Maria immer noch leise.

„Was ist mit deinen Haaren?“, wollte Gerda wissen und betrachtete die leuchtend rote Haarpracht.

„Binde ich sonst immer zu einem Zopf weit nach hinten, aber heute musste ich ja ganz schnell zu dir laufen“, antwortete Maria.

Gerda nestelte weiter an ihrer Tunika.

„Das müssen wir jedenfalls wieder sauber kriegen“, erinnerte sie und bald saß Maria mit nacktem Oberkörper auf dem eiskalten Boden vor dem Eingang.

„Kannst du dir die Decke überziehen? Du wirst sonst noch krank bei den Temperaturen“, gab Gerda zu bedenken.

Maria drehte sich um.

„Was hast du denn da auf dem Rücken?“, fragte Gerda.

„Du meinst meine Narben? Da bin ich wohl als kleines Kind mal zu nah ans Feuer gekommen“, sagte Maria.

Die auffälligen Narben waren unterhalb der rechten Schulter. Aber Gerda hatte nur Augen für den im Vergleich dazu unauffälligen, zugleich aber sehr markanten Leberfleck auf dem linken Schulterblatt. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wo sie den schon einmal gesehen hatte. Und dann schoss ihr die Erkenntnis wie ein Blitz in den Kopf. Sie riss erstaunt den Mund auf, schaute noch einmal hin. Und hatte nun keinen Zweifel mehr.

„Magst du nächsten Sonntag zu mir kommen und mir etwas helfen?“, fragte sie Maria, nachdem sie intensiv über ihre Erkenntnis nachgedacht hatte.

„Nichts wird sie“, sagte Susanna scharf, die bei den letzten Worten dazugetreten war. „Erst vor der Wäsche drücken und dann vor der ganzen Arbeit. So geht das nicht.“

„Ich wollte mich nicht drücken“, versicherte Maria.

Mit nicht minder scharfer Stimme ergriff Gerda das Wort.

„Ich habe euch meine letzten Eibisch-Blätter gegeben, die ich für besonders schwere Magenentzündungen zurückgehalten hatte, und statt mich zu fragen, was ich dafür bekomme, wollt ihr mich um meinen Lohn bringen?“, meinte sie und fixierte Susanna mit zugekniffenen Augen.

„Wollen wir doch gar nicht“, erwiderte die und tastete die Tasche ihres Gewandes ab. „Wie viel soll ich dir denn geben?“

„Nichts, wenn du einverstanden bist, dass Maria mir nächsten Sonntag zur Hand geht. Ich muss meine Vorräte auffüllen, und Maria weiß schon so viel von den Heilkräutern, dass sie mir beim Suchen, Ernten, Sortieren und Lagern sehr helfen kann.“

„Na dann…“, sagte Susanna etwas freundlicher.

„Na dann“, sagte auch Gerda. Doch es klang weiterhin eisenhart. Als sie Maria zunickte, schien sie mit ihren Gedanken weit weg zu sein.

„Ich seh dich in einer Woche, und zwar unbedingt nächsten Sonntag, nicht Samstag und nicht Montag, sondern Sonntag“, rief Gerda noch einmal, als sie schon mindestens 70 Fuß gegangen war. „Ich verlass mich darauf! Es ist wichtig!“

Maria winkte. Und sie wunderte sich ein wenig über den Verlauf dieses Morgens, der so gar nicht wie ein Geburtstag begonnen hatte. Wenigstens würde es nächsten Sonntag irgendwelche Neuigkeiten geben. Das spürte sie jetzt ganz deutlich.

Die Woche wurde hart. Maria war es gewohnt, dass auch die Kinder mit zunehmendem Alter immer fester mit anpacken mussten auf einem Bauernhof wie dem ihrigen. Auch wenn sie eigentlich freie Leute waren und nicht