Johannas fliegende Fische - Martin Jaeger - E-Book

Johannas fliegende Fische E-Book

Martin Jaeger

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Beschreibung

Der alte Werkzeugmacher van Galten muss erleben, wie der talentierteste Physiker der Grazer Universität eines gewaltsamen Todes stirbt. Er weiß, als Eingeweihter des Erfinders wird auch ihn bald sein Schicksal ereilen, denn er steht ebenfalls auf der Liste der geisterhaft auftauchenden Killer. Sie eliminieren Entwickler, bevor sie dem Fortschritt eine Brücke bauen können. Da war dieser deutsche Journalist, der seinen Chef kurz vor dem Mord besuchte. Er wird seine Tochter Johanna warnen müssen, denn sie schwebt in Lebensgefahr – und weiß von nichts. Fast könnte man vor der Allmacht der schwarz gekleideten Männer resignieren. Dieses Problem wird der Tod selbst lösen müssen. Und der Berg. Freiwillig unterzieht sich der Berliner Reporter und Amateurzauberer Ascher einer Gehirnwäsche durch die elegant gekleideten Repräsentanten einer obskuren Firma. Erst dann erlauben sie ihm, Erfinder neuartiger Generatoren für sie zu akquirieren. Von dem subtilen Einfluss seiner geheimnisvollen Arbeitgeber wird er sich nicht mehr erholen – er will es auch gar nicht. Erst als im Jahr 2011 eine Katastrophe die Welt in den Abgrund zu reißen droht, erwacht er aus seiner lang anhaltenden Trance. In einem kaleidoskopartigen Spannungsbogen begleitet der okkult-groteske Roman sieben unsichtbar miteinander verbundene Schicksale durch das deutschsprachige Europa: Pioniere, die an der Verbesserung der Welt wirken und ihre Schatten, die Männer in Schwarz.

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Seitenzahl: 592

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Autor

Martin Jaeger

ist der Autorenname von Udo Schneider;

Schneider wirkte 20 Jahre lang mit Stift, Mikrophon und Kamera als Zeitgeist-Chronist für deutsche Medien.

Er lebt in Berlin und arbeitet an biografischen Multimedia-Produktionen.

Der vorliegende Roman ist seine erste Prosaarbeit aus dem Bereich okkult-grotesker Mystik.

 

 

Widmung

 

Für Achmed, Elisa

und die Erfinder

 

Zum Geleit

Die nachfolgende Erzählung ist frei erfunden, auch dort, wo erkennbare Parallelen zu realen Vorkommnissen sichtbar werden. Dahinter liegende Fakten authentischer Begebenheiten in Wissenschaft, Energiewirtschaft und Geschichte, wird ein wissbegieriger Leser bei Bedarf leicht ermitteln können. Ähnlichkeiten mit auftauchenden Persönlichkeiten des Gesellschaftslebens und wahren Ereignissen sind sowohl zufällig als auch erwünscht.

Dessen ungeachtet lag es in der Absicht des Autors, die Integrität aller beteiligten Figuren so weit als möglich zu bewahren.

Bei aller Tragik der Ereignisse muss der Autor von den Ergebnissen seiner Recherchen und Imaginationen unberührt bleiben.

Er ist nur der Bote.

Bulgakov

Der Mann mit dem blassen Gesicht parkt die dunkle Limousine in einer Nebenstraße. Schwarzer Hut, Sonnenbrille, zwei Blöcke wird er zu Fuß gehen. Er mag das leichte Kribbeln in der Wirbelsäule, jedes Mal vor der Erledigung eines Auftrags überfällt es ihn. In der letzten Zeit rätselt er, woran das liegen könnte.

Ein letztes Mal überprüft er den Sitz des Gummigurts unter seinem Hemd. In Herzhöhe brummt der Taser. Seine geübte Hand berührt die schwarze Anzughose an der Seitennaht, nickt beruhigt, als nach dem Ertasten des Schiebereglers das Lämpchen hinter dem Satin des Oberhemds hellgrün Bereitschaft signalisiert. Gefüllte Akkus, gut. Noch nie haben ihn seine Thorium-Batterien im Stich gelassen. Sie werden auch dann noch funktionieren, wenn er einmal nicht mehr ist.

Die Waffe hat er mit Hingabe entwickelt. Schließlich spielt es keine Rolle, ob das erhebende Gefühl den Kriechströmen der Elektronik geschuldet ist, einer bewusst zarten Isolierung des Gehäuses, oder dem natürlichen Lampenfieber, kurz bevor er den Puls-Schocker benutzen wird. Gelegenheiten, eine Situation zu dominieren, mithilfe des elektronischen Begleiters eine eindringliche Atmosphäre zu verbreiten, hat der Texaner mit dem fahlen Teint nur selten ausgelassen.

Er hält inne, bleibt stehen und dreht sich um. Niemand folgt ihm, außer zwei Passanten, die eilig an ihm vorbeiziehen, eindrucksvoll zur Seite blicken, ihn auf keinen Fall wahrnehmen wollen. Gut so.

Dass er sich auf der Arbeit meistens in einer elektrischen Aura aufhält, erschwert es normalen Menschen, ihn als vollkommenes biologisches Wesen zu identifizieren. Dass er auf Zeitgenossen wirkt wie ein Bestatter – schwarzer Anzug, was sonst? – flößt der Umwelt automatisch Respekt ein, immer noch. Jeder, der seiner auch nur für einen Moment ansichtig wird, zieht es vor, ihn umgehend wieder aus den Erinnerungen zu streichen. Das lief bereits drüben in der Heimat so. Die Antwort auf dieses Kontaktproblem ist ganz einfach und eine Frage:

Wer schaut schon gern dem Tod in die Augen?

Noch ist es still an diesem strahlenden Grazer Montagmorgen. Ein dünnes Lächeln umspielt sein Gesicht beim Anblick der Technischen Universität. Einen Moment lang scannt er das dreistöckige Gebäude mit offenem Mund. Scharf streift die Morgensonne den Sandstein, verleiht der Anlage ein respektables Aussehen.

Der neue Mitarbeiter aus Berlin hatte ein passables Dossier über die TU und den Leiter des physikalischen Instituts vorgelegt. Der Bericht, eine Mischung aus Expertise und anekdotischen Details, hat ihn ausreichend vorbereitet. Es geht einfach nichts über intelligente Fährtensucher. Möglicherweise ist der Deutsche längerfristig von Nutzen. Verlässliche Zuarbeiter erleichtern das stetig anwachsende Arbeitsvolumen.

Die TU hat es in sich. Viele Talente und Genies brachte die Institution in den letzten vier Jahrhunderten hervor, inklusive Nobelpreisträgern. Immer wieder bringt sich das Land in eine Position, die es ermöglicht, den Fluss der Geschichte in eine andere als die vorgesehene Bahn zu lenken. Es gilt nun, dem einen Riegel vorzuschieben. Nach den statistischen Erhebungen der Corporation quillt der kreative Geist hier etwa alle 70 Jahre über, zeugt und gebiert - eventuell unabsichtlich, dafür um so zweckvoller – Wunderknaben.

Man kann sich hier bei Bedarf sehr klein machen, dabei gleichzeitig Erstaunliches zutage fördern, so geduldig wie akribisch Talente und unberechenbare Erfindungen hervorbringen.

Deswegen ist er hier.

Oberhalb des dritten Stockwerks, unmittelbar unter der Balustrade, die auf die Kuppel zuläuft, entdeckt er das erwartete offene Fenster neben der Feuerleiter, die Bibliothek.

Eine Straßenbahn nähert sich quietschend, lenkt seine Schritte in Richtung Eingangsportal. Direkt vor der Tür steht das Fahrrad des Professors. Zielobjekt erfasst.

Er berührt den Ledersattel, erfühlt Restwärme, schließt daraus, dass der Auftrag sich seit maximal zehn Minuten im Haus aufhält. Der Physiker gilt als Frühaufsteher, ist in der Regel zeitig auf den Beinen. Insbesondere, wenn eine Demonstration neuer physikalischer Errungenschaften ansteht, wie in der kommenden Woche, schläft er kaum, wie dem Dossier des Berliners zu entnehmen war.

Zu der nächsten Präsentation wird es aber leider nicht mehr kommen, sinniert der Mann mit der unsichtbaren Strahlenwaffe, lächelt melancholisch. Einen Moment verharrt er unschlüssig an der Pforte des Instituts, horcht noch einmal in sich hinein, vergewissert sich seiner moralischen Integrität und der Notwendigkeit dieses Auftrags. Dann klingelt er.

Durch die Glastür sieht er, wie sich schlurfend eine unscheinbare männliche Person in grauem Kittel nähert. Merkwürdiges Volk in diesem Land. Misstrauisch nimmt ihn einer jener österreichischen Individualisten fortgeschrittenen Alters ins Auge, ein Kauz, ein in die Jahre gekommener Greis mit rotem Vollbart, in Wollsocken und Holzschuhen. Einer für das Altenteil.

«Freundlichkeitsmodus», assoziiert Scheck, berührt den Schieberegler dort, wo die Texaner früher ihren Colt trugen. Während er mit dem linken Arm eine leicht ausholende Bewegung ausführt, um auf seine Armbanduhr zu schauen, zieht die rechte Hand den Regler. Ein wenig mütterliche Atmosphäre wird das Unikum ruhig- sowie kooperativ einstellen.

«Sagen Sie bitte, wo finde ich den Institutsleiter, Professor Bulgakov, ich habe einen Termin.»

Der untersetzte Hausmeister lugt flüchtig zu ihm auf, blickt weg, zupft an seinem feuerroten Bart, mustert ihn nochmals, späht über die Schulter zu dem Fahrrad, tritt einen Schritt beiseite, öffnet die Tür, lässt ihn schließlich ein. Brabbelt Unverständliches. In derben Holzpantinen stapft der bärtige Rentner voraus. Klok, klok, klok, hallen die holländischen Clogs durch das Foyer. Indiskret, viel zu laut. Stumm läuft der Mann in Schwarz hinter dem Faktotum her, bewegt sich zielstrebig auf den Lift zu, beobachtet aufmerksam die Wirkung seines liebenswürdigsten Energiefeldes. Na, nun sag schon.

«Um diese Uhrzeit ist der Professor normalerweise in der Bibliothek, der Herr», nuschelt der Alte mit einem eigenwilligen Akzent.

«Drittes Obergeschoss, bitte sehr. Die Bücherei befindet sich grad‘ am Ausgang des Fahrstuhls, gegenüber.»

Mit einer unwirschen Handbewegung deutet der Portier auf das Schild am Aufzug, tippt sich kurz an die Stirn, dreht auf den Absätzen um und entschwindet dem Blickfeld.

Einen flüchtigen Moment überlegt Scheck, ob der Rotbartgreis zu einem Problem werden könnte, verwirft den Gedanken schnell als abseitig. Auf die Frequenzen des Pulsgeräts ist Verlass. Er erkennt es am Gang der Leute. Der Pförtner schwankt leicht. So ist es richtig.

Dritter Stock. Scheck tritt aus dem Fahrstuhl. Aus der geöffneten Tür der Fachbücherei heraus hört er jemanden hantieren. Performance, jetzt. Den Taser stellt er auf halbe Leistung, betritt leise die Bücherei.

Der Institutsleiter steht vornübergebeugt am Lesetisch. Er wirkt jünger als vermutet. Eine blonde Locke fällt ihm in die Stirn. Konzentriert starrt er auf einen Text in einem kleinen Lederband, blickt irritiert auf, als er den Eindringling bemerkt.

«Ja, bitte. Was kann ich für Sie tun?»

«Herr Professor Bulgakov, einen schön guten Morgen. Mein Name ist Scheck, aber das tut nichts zur Sache. Wir – genau genommen Sie – unternehmen nun einen Gang!»

Mit gemessenen Schritten nähert sich Scheck dem erschrockenen Wissenschaftler, visiert ihn an, zieht dabei den Regler hoch, achtet darauf, ihn frontal in der Herzgegend zu treffen.

Jeden Zentimeter, den er auf ihn zugeht, verfärbt sich das Gesicht des Physikers mehr. Der Kopf wird rot, röter, Bulgakovs Gesichtszüge verzerren sich zu einer Grimasse, er schwankt bedrohlich. Schweißperlen treten auf seine Stirn, er versucht zu sprechen, bringt nur ein Röcheln hervor. Mit jedem Meter, den der Mörder näher kommt, wechselt sein Ausdruck stärker zwischen Schmerz und Erstaunen. Er will sprechen, bringt keinen Ton hervor, weicht beständig weiter zurück in Richtung Fenster.

So ist es recht, denkt Scheck. Bulgakov presst die linke Hand auf die Brust. Ungläubig befühlt er sein schmerzend brennendes Herz, das Schecks Hightech-Strahler in die finale Schockstarre zwingt. Die rechte Hand des Professors streckt sich verzweifelt nach hinten Richtung Fensterkreuz, will durch das offene Fenster das Geländer der Feuertreppe erreichen.

«Tut mir irgendwie leid um Sie …», wispert Scheck wie in einer Gebetsformel. Er sagt es eher zu sich als z seinem Opfer, berührt wie nebenbei die Hosennaht, stellt die Strahlenwaffe auf volle Leistung, «aber nur ein wenig. Es ist nichts Persönliches, verstehen Sie? Nein, wahrscheinlich nicht.»

Von der Wucht der Strahlen getroffen, prallt der Professor gegen den Fensterrahmen.

Scheck denkt noch ein leises «Und jetzt … springen, bitte.»

Im Nu hat die elektronische Welle Bulgakov erfasst. Der Physiker verliert das Gleichgewicht, fällt beim Zurückweichen in einer wie absichtsvoll wirkenden, eleganten Rolle rückwärts seitlich der Feuertreppe aus Schecks Sichtfeld heraus. Der hält nur das Ohr in Richtung Fensteröffnung, die Hand an der Ohrmuschel. Mit einem zustimmenden Nicken registriert er, ein Klatschen und ein gurgelndes Röcheln auf dem Zufahrtsweg des Instituts, gleich neben dem Fahrrad.

Vorsichtig nähert sich Scheck dem Fensterkreuz. Mit sachkundigem Blick begutachtet er das Resultat seiner Arbeit.

Auf dem Asphalt liegt der verendende Leib des Akademikers, alle Viere von sich gestreckt. Wenn Scheck die Augen halb zukneift und blinzelt, kann er sehen, wie die Herzgegend Bulgakovs leuchtet. Wie schön, dass er in die Waffe noch ein Erleuchtungselement eingebaut hat. Da ist das Erstaunen größer als der Schock. Außerdem wird es Analytiker und Kriminologen ratlos hinterlassen. So soll es sein. Er ist zufrieden.

Seufzend raunt er ein «Hmmh» in sich hinein. Dann wendet er sich vom Fenster ab, vergewissert sich auf dem Lesetisch der aktuellen Lektüre des Wissenschaftlers:

James Clerk Maxwell, Private Aufzeichnungen zur Erforschung der Schwerkraft

«Nanana, Professore, wer wird denn? Wer macht denn so etwas? Hier wird nicht geschwebt», schüttelt er den Kopf, schaut auf den Buchrücken mit der Signatur und stellt das dünne Bändchen an die korrekte Stelle in die Reihe der Regale mit den Faksimiles des Mathematikers Maxwell zurück. Für heute hat die Erdanziehung erst einmal gesiegt. Auf jeden Fall.

Durch das Treppenhaus schleicht der Texaner ins Foyer hinunter, verlässt das Institut über den Seiteneingang.

In der Befriedigung über sein Werk entgeht ihm völlig, dass der Portier aus der Hausmeisterkabine ihm mit einem stummen, beinahe trotzigen Ausdruck, hinterherblickt.

 

Cord

Es war kurz nach 7 Uhr in der Früh, als Cord van Galten mit dem Stuhl aus seiner Portiersloge hinter das Haus in den Innenhof des Physikalischen Instituts zog, seinem angestammten Platz im Sommer.

Den Kaffeepott in der Hand hatte er sich auf seinem Lieblingsplatz eingerichtet, war aus den verschlissenen Holzschuhen geschlüpft, hatte die derben Wollsocken ausgezogen, die trockenen Füße massiert, Schwielen und Hornhaut gerieben. Wie stets hatte er mit dem linken Auge der lieblichen Morgensonne zugezwinkert, einem flirtenden Galan ähnlich, der frohlockend einem amourösen Rendezvous entgegensieht.

Anschließend träumte er abwechselnd von der guten, alten Zeit mit dem Meister und von Hanneken, seiner Tochter. Merkwürdig, dass man sich die Vergangenheit im Nachhinein immer schöner phantasiert, als sie wirklich ist, dachte er bei sich.

Mit dem Ohrensausen, einem ausgemachten Tinnitus, der ihn beim Träumen begleitete, lebte er bereits eine halbe Ewigkeit, zu lange, um das akustische Hintergrundrauschen einer besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen. Ungeachtet dessen empfahl sich das gegenwärtige Quietschen, das ihm aus dem Hinterkopf entgegenschlug, nicht gerade als positives Omen für den heutigen Tag. Dafür hörte es sich heute zu gruselig an, mitnichten vertrauenswürdig. Normalerweise waren die Geräusche nicht von zirpenden Grillen zu unterscheiden, doch heute oktavierte sich das Konzert hinter den Schädelknochen nahezu orchestral, schwoll abwechselnd an und wieder ab wie ein Konzert laichender Frösche. Gefährlich, das. Einen Hörsturz konnte er gerade überhaupt nicht brauchen. So lange und ausführlich hatte er sich mit den quietschenden Frequenzen im Innenohr beschäftigt, dass er einen Katastrophentag intuitiv an den analogen Ohrgeräuschen erkennen konnte. Was war heute nur los? Das Grübeln hinderte ihn jedoch keineswegs am Träumen.

Zu diesem Zweck konzentrierte er sich einfach nur auf seine persönlichen Krafttiere.

Van Galten visualisierte auf seine entortete, entrückte Weise springende Forellen. Jeden Morgen fantasierte er sich über das Grün der Sträucher direkt in die Sonne hinein, bewegte die Erinnerung an den alten Mühlbach, erinnerte er sich, wie die Fische immer wieder ihr vertrautes Element verließen, um sich schwerelos in die Luft zu schrauben, als suchten sie einen Raum, der nicht zu ihnen gehörte und doch Ziel all ihres Strebens war.

Das Wissen um den Ursprung des Phänomens hatte ihm in jungen Jahren einen wohlverdienten Höhepunkt mit dem Meister beschert. Wenigstens war es gelungen, ein paar von den verbotenen Ideen zu rekonstruieren.

Der Forstrat, der Wasserprofessor: Wo wären die Naturforscher heute ohne ihn, ohne seine Entdeckungen? Viktor Schauberger war es, der der Welt unzweideutig klarmachte – mein Gott, das war jetzt auch bald ein Jahrhundert her – dass eine jegliche, dem Menschen dienliche Erfindung dem Naturreich abzuschauen sei! Gesundheit, Wohlstand, das Gedeihen eines Landes würde sich rechtschaffen nur dort einstellen, wo man verstand, wie Wald, Fluss und Wiese ihre Ordnungsprinzipien realisierten – und genau das dann kopierte. Schauberger selbst war zeit seines Lebens gegen den Strom geschwommen, hatte Techniken und Maschinen entwickelt, die im Einklang mit eben diesen Naturgesetzen standen. Wie transportiert die Natur? Wie reinigt sie Wasser, wie macht sie es lebendig? Und vor allem: Wie generiert sie ihre Energie? Welche Aufgabe spielen Sonne, Mond und Sterne?

Niemals ging es ihm darum, die ewigen Gesetze des Äthers, allemal schöpferisch kreativer Naturraum, zu verbiegen, schon gar nicht, wenn man sie so schlau zu handhaben vermochte, wie er es verstand.

Die Eigenarten der Natur verstehen, den Kreislauf des Wassers und des Jahres klug nutzen – es hätte so einfach, so gut sein können.

Die Regel bedeutete jedoch: immer wenn es im großen Stil schöpferisch wurde, kurz vor einem größeren Verständnis, da kamen die Kriege.

Van Galtens Gedanken flogen hoch in die Bibliothek zu Bulgakov, seinem jetzigen Vorgesetzten, der ihn so dringend benötigte. Ein weiterer Schützling, eine Generation später.

Von der Raumenergie, über die der Chef andauernd sprach, verstand er als Handwerker nicht allzu viel, mehr von den Materialien, mit deren Hilfe man sie erzeugte. Aber er schätzte den Institutsleiter für seine unkonventionellen Methoden, selbst wenn nicht immer klar war, worüber der Leiter des Instituts gerade grübelte. Der Mann besaß hohe Ideale, hatte Mut, war obendrein beliebt bei der lokalen Bevölkerung in Graz. Und vor allen Dingen glaubte er an das Gleiche wie er: dass ein Wandel in eine bessere, heilsamere Epoche der Energiewirtschaft machbar sei: ohne Atom, ohne Kohle, ohne Verbrennung von irgendwas. Ja, vielleicht.

Für die neue Unternehmung war Bulgakov an einer Art Anti-Gravitations-Maschine gelegen. Er meinte, die Schwerkraft, das sei auch nur so eine mathematische Idee, die es zu überwinden gälte. Nun gut, das Lieblingsprojekt van Galtens war das definitiv nicht, aber immerhin, der Junge war auf dem Weg.

Cord würde auch diese Eskapade geduldig an seiner Seite als stiller Assistent mit ihm aussitzen, ausharren mit der ihm eigenen Demut.

Das halbe Leben wartete er schon. Niemals war klar, ob sich die Warterei lohnte. Allezeit stand er als Universalhandwerker bereit, durfte nur auf Anfrage nach Bedarf agieren. Zwischendurch geschah mal etwas, von dem man dachte, das wäre es, doch wer wusste schon, ob das Getane die Wartezeit tatsächlich verkürzte oder nur erneute Komplikationen bescherte.

Die Entwicklungen des leitenden Physikers oben im dritten Stock ähnelten dem Wirken eines Uhrmachers, der stets noch ein neues Rädchen einzubauen hatte, um Funktionalität und Zufriedenheit über sein Uhrwerk zu bewirken. Nie war ein Projekt ganz fertig. Trotzdem war der Akademiker eine pure Wohltat für das Institut und die Öffentlichkeit, verbreitete er doch grundsätzlich Hoffnung auf eine bessere Zukunft: die Realität kostenloser Energie für alle.

So war es wohl: Cord van Galten fungierte als Türsteher und Portier eines kommenden Zeitalters, beharrlich darauf wartend, den Raum für den Rest der Welt öffnen zu können.

Für ihn ging es immer nur um die Sache. Darum hatte er sich nach dem Exil in Holland bereit erklärt, nach Graz zurückzukehren, um diskret als Pförtner und Hausmeister tätig zu werden. Dekan Meyerhof war als Leiter der Universität der Einzige, der seine wahre Geschichte kannte .

Ich bin ein Untercover-Portier, schmunzelt er in sich hinein, nimmt einen großen Schluck aus dem Kaffeebecher.

Es bereitete Befriedigung, Fakten zu schaffen, Maschinen und Prototypen nach den Skizzen der Dozenten zusammen zu bauen, selbst wenn dies nicht sein offizieller Job war. Schließlich erwies sich der Intellekt der Akademie erst durch die Mitarbeit tatkräftigen Handwerks als effizient. «Herz, Hirn, Hand», so lautete das Motto von Cord van Galten. Anders hatte der Herrgott die Welt auch nicht erschaffen, dessen war er sicher.

Genüsslich zieht er den süßlichen Duft der Jasminblüten in sich hinein, öffnet die Augen, betrachtet seine zerfurchten Handwerkerhände, knorrige, elastische Äste, die sich den wärmenden Strahlen der Sonne darbieten, als könne das Licht Falten in Jugend verwandeln.

Das beste Werkstück war die alternative Antriebstechnologie, die er mit dem Meister nachgebildet hatte, die geliebte Repulsine. Die meisten Leute unterschätzten sowohl die Bescheidenheit als auch das Gedächtnis des Forstrats. Es war die Zeit nach dem Krieg, als Schauberger mit seinem Sohn in Bad Ischl die Pythagoras-Kepler-Schule eröffnete und sich daran machte, die Wirbelphysik, die er den Bewegungen des Wassers abgeschaut hatte, auf eherne, vor allem theoretische Füße zu stellen. Bezüglich der Erklärungen waren sie im Prinzip damals mit dem Mathematiker Pythagoras und dem Astronomen Kepler gut bedient.

Heuer wäre das wahrscheinlich nicht mehr ganz so leicht zu stemmen. Van Galten gluckst still in sich hinein. Seine Landleute verdrängten lieber, dass Viktor Schauberger der Größte war, den das Land jemals hervorbrachte. Wasser ist Leben. Vielleicht hielten sie auch nur den Ball flach. Klüger war es ja.

Huuuuuiiiiii pfiff sie, danach sauste das geschweißte Stück Metall, die Repulsine, turboschnell durch das Dach der Werkstatt; wie beim ersten Mal in den 30er Jahren, als sie begannen, die neuen Antriebe zu entwickeln. Schnitzer und Fehlleistungen hatte Maestro Schauberger mit Absicht nachgebaut, um zu erforschen, was genau dabei geschah. Auf dem Weg zur Perfektion zog er aus Fehlern häufig mehr Erkenntnis als aus dem Gelingen. Kein Wunder, dass die Alliierten das Artefakt nach dem Krieg unbedingt mitnehmen mussten, obwohl es zum Fliegen nicht wirklich taugte. Da gab es wohl Effektiveres, anderswo. Und als Schauberger nach der Rückkehr aus Texas so unerwartet verstarb, war es gut, dass er in den Niederlanden für anderthalb Jahrzehnte untertauchen konnte. Das war notwendig und überhaupt nicht fair. Wie schnell hätte auch ihm etwas zustoßen können.

Holland tat ihm gut. Es war auch richtig, nach der Hochzeit mit Mareike ihren Familiennamen anzunehmen, um die Spuren der Vergangenheit zu verwischen. Weil es besser so war. Damit er in Ruhe wirken und an Stellen helfen konnte, wo die meisten Entwickler scheiterten. Helfen, darum ging es doch.

Van Galten schaut hoch in den dritten Stock. Auch Bulgakov droben in der Bibliothek steht nun kurz vor einem Durchbruch. Er wird ihn unterstützen, so lang es geht.

Hausmeister und Universalhandwerker, welch schicke Untertreibung. Ja, er kocht Kaffee, wechselt Sicherungen, kommt in der Früh, verlässt als letzter die Werkstätten. Nur wenn er mit den Doktoren, Ingenieuren und Erfindern allein ist, lassen sie kurzfristig ihre Masken fallen und die Arbeit an einer neuen Physik darf beginnen. Niemals existieren Probleme, immer nur Situationen, die es zu wandeln gilt. Die größten Schwierigkeiten erfasst er beim Betreten der Laboratorien mit einem Blick. Natur und Effizienz eines wissenschaftlichen Versuchsaufbaus kann man riechen, ja was denn sonst? Zu lange hat er sich mit der Schwerkraft und ihrer technischen Überwindung beschäftigt, als dass er auftretende Komplikationen nicht auf Anhieb durchschaut. Selbst dort, wo er eine elektrische Schaltung kaum zu lesen vermag, erkennt er Lösungen intuitiv, aus dem Bauch heraus. Häufig genug liegt er richtig.

Löten, drehen, fräsen, schleifen, polieren: meistens erledigt er handwerkliche Aufgaben nach Dienstschluss, zwischen 20 Uhr und Mitternacht. Dann legen die Studenten und Dozenten ohne Ehrgeiz die Hände in den Schoß. Trotzdem sitzt er morgens als Erster in seinem Verschlag, den privaten acht Quadratmetern, lächelt verbindlich aus dem Portierskabäuschen heraus, wenn die Studenten zu den Vorlesungen an den Universitätsplatz eilen. Nicht wenige, die ihn völlig übersehen, weil es so aussieht, als ob er die Tage bestenfalls dösend oder träumend verbrächte, auf dass es Abend wird und er endlich fortführen kann, was er einmal angefangen hat.

Ein tiefes Seufzen entweicht ihm und mit blinzelnden Augen starrt er in den Morgenhimmel. Wie ein Dieb in der Nacht läuft er durch das Leben, in dem er nicht einmal der eigenen Familie über seine heimlichen Tätigkeiten Auskunft geben darf. Auf keinen Fall schlafende Hunde wecken. Oder schlimmere. Doch was heißt hier Familie?

Cord fummelt an seinen roten Bartflusen.

Mit der Tochter hat er es verrissen. Immer wieder packt ihn die Melancholie, wenn er in seinem Hausmeisterverschlag hockt und an den Streit mit dem Hannerl denkt. Dem eigen Fleisch und Blut. Seit vier Wochen zählt er die Tage. Dergleichen hat schon härtere Kaliber als ihn in die Depression gestürzt. Genau hierin offenbart sich die melancholische Mentalität seiner Heimat? Und er dachte noch, er käme drum herum.

Irgendetwas wird geschehen. Er fühlt es im Bauch, er hört es im Kopf. Was könnte es dieses Mal sein? Kann doch nicht schon wieder ein Krieg ausbrechen, wie 1939, als der Forstrat kurz vor der technischen Revolution mit natürlichen Mitteln stand.

In zwei Wochen wird Bulgakov einen Antigravitations-Generator präsentieren – und dann soll es gut gewesen sein. Toi, toi, toi. Die Sehnsucht nach Beschaulichkeit wird jeden Tag größer. Soll ja wohl in Ordnung gehen, mit 73 Lenzen auf dem Rücken.

Über den Sonnenstrahlen, die durch das sommerliche Blattwerk fallen, bilden sich regenbogenfarbene Prismen im Morgentau auf dem Blattwerk der Bäume. In ihnen lässt er schwungvoll Johanna tanzen. Immer häufiger tanzt er mit ihr, denn nichts ist so groß wie der Wunsch, sie endlich wieder in seine Arme zu schließen. Weil er sie verloren hat, sie gehen ließ, er sein dummes Schandmaul nicht halten konnte.

Wie in Stein gemeißelt kauert die ungeklärte Situation in einer Ecke seiner Brust und er möchte, dass die morgendliche Wärme sie auflöst, geradewegs ungeschehen macht.

«Ich hab sie getragen sieben Jahr», murmelt er niedergedrückt in die Birke des Lichthofs hinein, blinzelt dabei mit halb geschlossenen Augen durch das Astwerk.

Sie verließ ihn, gleich nach der Maturafeier, am letzten Schultag, nachdem sie ihm mit einem triumphierenden Blick ihr brillantes Zeugnis überreicht hatte.

Gerade kam sie vom Laufen, zwei Stunden nach der Abschlussfeier in der Schule. Wie sie halt ist, hatte sie es sich nicht nehmen lassen, auch nach einem solch einmaligen Ereignis mit dem Rad in den Wald zu fahren, um sich 25 Kilometer lang laufend auszutoben. Soeben ein Ziel erreicht und schon das neue im Visier. Ein Marathonlauf sollte es werden, sagte sie und trainierte, wann immer sie Zeit dafür aufbringen konnte.

Zur Feier des Tages hatte er einen Obstsalat gemacht. Mit noch nassem Kopf vom Duschen setzte sie sich zu ihm an den Mittagstisch. Die roten Haare streng nach hinten gekämmt, traten ihre Sommersprossen heftig hervor, Pigmente wie bei ihm früher und der Mutter. Ihre Augenfarbe changierte immer, wenn sie sich aufregte, von Blau nach Grün. Vererbt von der Großmutter. Sie wirkte aufgeregt – grün, das hieß: voller Tatkraft, Unternehmungslust und Selbstbewusstsein. Schön eigentlich.

Nur ein wenig hatte er sie hochgenommen, gesagt, dass sie ein Typ sei, der die empfindliche Haut auch im Winter behielte. Wie meistens in Momenten der Betroffenheit zog sie die hohe Stirn in Falten, tat gereizt, schien aber ihr Schicksal zu akzeptieren. Eine Ermutigung würde ihr guttun, hatte er noch gedacht, sie gelobt für ihren Fleiß und die Ausdauer. Dann sprach sie davon, dass sie Umwelttechnik in Wien studieren wollte.

«In dem polytechnischen Kurs ging es zuletzt um die optimale Verbindung von Physik und Umweltwissenschaften. Unter anderem haben wir über die Reinigung von Trinkwasser gesprochen, wenn man keine technischen Möglichkeiten besitzt, wie zum Beispiel in Afrika. Wir sprachen darüber, wie man Wasser reinigen kann, wenn es keine finanziellen Mittel gibt. Wir haben Brackwasser aus der Pfütze in eine Plastikflasche gefüllt und in die Sonne gelegt. Der Dreck hat sich abgesetzt. Das Wasser oben war absolut trinkbar. Papa, ich werde Umwelttechnik studieren. Brunnen bauen, Ressourcen erschließen. »

Mit nur anderthalb Sätzen hatte er es verdorben:

«Da solltest du einmal bei uns im Keller des Instituts schauen. Forstrat Schauberger hat in dieser Hinsicht bereits vor über hundert Jahren Erstaunliches zuwege ge…!» Jählings schlug er sich die Hand vor den Mund.

Euphorisiert blickte sie ihn an. «Was? Bei dir in der Firma? Aber gerne! Interessiert mich. Ich bin ja so neugierig. Was ist? Was hast du da? Was gibt es da bei Euch im Keller?»

Sie war Feuer und Flamme. Und er saß da mit einem roten Kopf, traute sich nicht weiter zu sprechen, lebte das Dilemma seines Lebens vor dem eigen Fleisch und Blut.

«Passt net. Mir fällt gerade ein, dass ich dir die Kellerräume und das Lager überhaupt nicht zeigen darf. Entschuldige bittschön, leider verhält sich das so. Weißt du, der Zugang ist nur Geheimnisträgern und für Eingeweihte gestattet. Schweigepflicht halt. Tut mir wirklich leid, mein Engel.»

Sie nahm ihm das Zeugnis aus der Hand, das er gerade noch studieren wollte und schmiss es achtlos neben den Obstsalat. So wütend hatte er sie noch nicht gesehen. «Was meinst du mit Geheimnisträger? Wie soll ich das verstehen? Rede bitte vernünftig mit mir!»

«I derfs halt net, mein Engel.»

Da geschah es. Auf einmal wechselte sie ihre Augenfarbe. Blau.

«Engel. Engel. Engel hin, Engel her!»

Mit einem scharfem Knarren schob sie den Stuhl vom Küchentisch, erhob sich, stampfte mit dem Fuß auf, schmiss die Serviette auf den halbvollen Teller, verzog sich in die hinterste Ecke der Küche, stand schwer atmend dort mit verschränkten die Arme und fixierte ihn: «Was darf dein Engel nicht? Und vor allem, warum nicht? Ich bin doch deine Tochter?»

«Ich habe es unterschrieben, ich wollt, es wäre nicht so! Die Schweigepflicht gilt vor allem auch für Familienmitglieder. Es tut mir leid.»

Da ging sie auf ihn zu, ganz langsam. Sie war wieder sehr ruhig und beherrscht, so sehr, dass ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief. Dann schaute sie ihm mitten zwischen die Augen.

«Cord!»

Immer wenn sie ihn mit dem Vornamen ansprach, wusste er, dass die väterliche Autorität verspielt war.

«Ich hab immer gedacht, wir könnten über alles reden. Jetzt sehe ich, dass wir uns über nichts austauschen können, was mir wirklich etwas bedeutet. Über gar nichts. Da kann ich genauso gut gehen. Wollte dir schon längst sagen, dass ich vorhabe, zur Tante nach Wien zu ziehen, um dort zu studieren. Wo ich nun seh, dass du so viele Geheimnisse vor mir hast, mag ich am liebsten sofort gehen. Es ist an der Zeit für einen Tapetenwechsel. I mag nimmer. S‘langt mir.» Sie warf ihm den finstersten Blick seines Lebens zu, bevor sie die Tür knallend in ihrem Zimmer verschwand. Eine halbe Stunde später ein kurzes Abschiedswort – «Ade, Papa», die Haustür klappte und dann war sie fort.

Das war es dann wohl mit der Wohngemeinschaft.

Seit zwei Wochen wohnt sie bei der Tante in Wien. Wenigstens ist sie noch in der Nähe. Zum Geburtstag und zu Weihnachten würden Ansichtskarten eintrudeln – wenn er Glück hat. Sie interessiert sich für Afrika. Das ist sehr weit weg. Wie eine Drohung.

Vor seinem inneren Auge tanzt sie in der Sonne, nach Wüste und Wind duftend, bis sie einen Sonnenstrahl ergreift und auf ihm reitend zwischen dem üppigen Blattwerk des Jasmins entschwindet.

«Und wenn Zeit in Wirklichkeit nicht existiert?», brummelt er halblaut vor sich hin, schielt dabei auf seine verhornten, verbogenen Fußnägel, will sich gut zureden.

«Wenn sie morgen kommt, werde ich sie in die Arme schließen, als wäre nichts geschehen. Als wäre nichts geschehen. Oh, Hanneken, ob du mir wohl wirst verzeihen können?», seufzt er vor sich hin, zupft immer wieder an seinem roten Rauschebart, reißt sich vereinzelte graue Haare aus.

Ein Schatten legt sich auf sein Gesicht. Er wird sich zukünftig auf ein Leben ohne sie einstellen müssen. Erst nach der Präsentation von Bulgakov kann er wieder auf sie zugehen, einen neuen Annäherungsversuch versuchen. Vielleicht gibt es ja noch eine Chance. Wenigstens vertragen könnte man sich.

Es klingelt an der Eingangstür.

Wer mag das sein, in aller Herrgottsfrüh? Er ist täglich ab 6.30 Uhr anwesend, behördlicherseits öffnet das Institut erst um acht. Jetzt ist es 7.50 Uhr. Außer dem Professor und der Putzkraft in den Hörsälen hält sich niemand im Haus auf.

Van Galten steckt die nackten Füße zurück in die Wollsocken, die Holzschuhe, schlurft zur Tür.

Ein unscheinbarer, blasser Mann in einem schwarzen Anzug mit Sonnenbrille und Hut baut sich da vor ihm auf. Sieht offiziell aus. Aber so früh? Hoffentlich nicht wieder so ein Journalist oder Wirtschaftsvertreter wie vor sechs Wochen. Der elegante Herr nickt ihm zu:

«Bitte sagen Sie mir, wo finde ich den Institutsleiter, Professor Bulgakov, ich habe einen Termin.»

«Um diese Uhrzeit hält sich der Professor normalerweise in der Bibliothek auf. Derf i Sie anmelden?»

«Danke nein, ich kenne mich aus.»

«Fahrstuhl dritter Stock, bittesehr. Die Bücherei befindet sich gleich am Ausgang des Lifts.»

Van Galten zeigt mit dem Finger auf den Aufzug. Der für die Jahreszeit zu förmlich gekleidete Mann mit dem ausdruckslosen Antlitz schiebt sich an ihm vorbei. Selten hat er ein derart flaches Gesicht erblickt. Der Hut kommt ihm von irgendo bekannt vor. Liegt es daran, dass die Geschäftsleute heuer alle gleich aussehen? Hat er den Typen schon einmal gesehen?

Van Galten schlurft zurück in seine Portiersloge. Eine Anwandlung schläfriger Unruhe hat ihn erfasst. Warum hat er nicht nach dem Ausweis des Mannes gefragt, wie sonst auch bei fremden Gästen?

Einen Atemzug lang schließt er die Augen, versucht, sich zu erinnern, woher er diesen Druck auf der Brust kennt, dieses nicht ortbare Schwindelgefühl, seitdem der merkwürdige Besucher das Institut betreten hat. Außerdem ist da noch das immer intensiver werdende Sausen in seinem Kopf.

Für einen Augenblick setzt van Galtens Geist aus; er fällt in eine Morgentrance, die gar nicht unangenehm ist, der er aber dennoch misstraut, wie ein nachtwandelndes, mondsüchtiges Gefühl in der Früh, das er so von sich gar nicht kennt. Wie ein Nachtwächter kommt er sich vor, der sich ein Nickerchen gönnt, obwohl er weiß, dass er nicht einschlafen darf. Du – sollst – nicht – schlafen! Nur nicht wegdämmern! Wie eigenartig: Im Vergleich zu anderen verdösten Momenten am Morgen ist das innere Auge heuer so leer, dass keines der bekannten Traumbilder aus der Vergangenheit sich zu ihm gesellen will. Woher rührt dieses plötzliche Vakuum?

Aus seiner Geistesabwesenheit weckt ihn ein unterdrückter, gurgelnder Laut, gefolgt von einem stumpfen Klatschen vor dem Gebäude.

Was war das? Van Galten rührt sich nicht, kann sich nicht bewegen, verschmilzt mit dem Grau der Portiersloge wie ein Chamäleon. Wie zur Salzsäule erstarrt, sieht er wenig später aus den Augenwinkeln heraus den Schatten des Burschen in Schwarz an ihm vorbeihuschen, dem Seitenausgang entgegen und hinaus.

Erst als der Mann das Haus verlassen hat, erhebt er sich, jagt, so schnell wie es Holzschuhe und Wendigkeit gestatten, zum Haupteingang, schließt das Portal von innen auf. Nein, nicht so. Bitte nicht!

Da liegt Bulgakov in verzerrter Pose vor ihm auf dem Asphalt, gleich neben seinem Fahrrad. Van Galten schaut hoch, macht das offene Fenster der Bibliothek aus, die Feuertreppe, schaut wieder hinunter auf den Chef, der ihn so sprach- wie bewegungslos aus weit aufgerissenen Augen anstarrt. Er sieht eigentümlich aus, leuchtet merkwürdig aus der Mitte heraus. So etwas hat man noch nicht gesehen, nein, das kennt er nicht. Den Chef jetzt lieber nicht anfassen. Aber er lebt noch. «Halten’S aus, Herr Professor, warten’S, i hol Hilfe!»

So schnell wie es geht rennt er in die Portiersloge, ergreift den Telefonhörer, verständigt die Notfallambulanz. Dann läuft er zurück, beugt sich zu dem halb an-, halb abwesenden Mann herunter, der immer noch mit starren Augen durch ihn hindurch blickt, die Pupillen hin und her bewegt, als wolle er den Kopf schütteln, ihm etwas mitteilen.

«Nicht bewegen, Professor, nicht bewegen, denken’S an ihr Rückgrat, glei kommt die Rettung, i hab telefoniert.»

Er wagt nicht, den Kopf des Verletzten in die Hände zu nehmen, ihn überhaupt nur zu berühren. Bestimmt ist die Wirbelsäule gebrochen. Er sieht es genau, kann es nicht, will es nicht fassen: Hier stirbt gerade sein zweiter Chef eines unnatürlichen Todes, gute vierzig Jahre nach dem Ersten. Ein Weiterer, dem er helfen wollte, die Physik zu revolutionieren.

Noch während er auf den sterbenden Institutsleiter blickt, dessen hin und her zuckende Augen ihm sprachlos eine Nachricht mitteilen möchten, wird ihm von einem Moment zum anderen auch sein eigenes Scheitern bewusst. Augenblicklich ist auch ihm nach sterben zumute. Immer müssen die Falschen gehen.

Da kommt die Ambulanz. Leise und ohne Blaulicht. Warum nicht? Ist es zu früh für den Lärm? Zwei Sanitäter schieben den Professor auf einer Bahre in den Wagen, sagen, sie haben die Polizei verständigt. Und ob er etwas gesehen habe. Nein, hat er nicht, auf gar keinen Fall.

Van Galten und sein Chef schenken sich einen letzten, ernsten Blick. Stumm winkt Cord dem sich schnell entfernenden Rettungswagen ein «Adieu» hinterher. Er ist sich gewiss: Das war es.

In Holzschuhen und dem schäbigen Hausmeisterkittel schlurft er 300 Meter bis zu seiner Wohnung, schließt auf, setzt sich in der Küche an den Tisch, weint tonlos und mit offenen Augen. Tränen wandern die langen rötlich-grauen Barthaare hinunter, versickern in dem roten Bart, bis sie auf den schwarz-weiß gekachelten Küchenboden fallen.

Mit tränenverhangenem Blick schaut van Galten auf den Küchenschrank, wo ein Foto von der noch jungen Johanna am Schrank klebt. Der verblichene Fotoabzug symbolisiert alles, was geblieben ist von dem, was sich einmal eine Familie nannte. Sie ist noch so zart auf dem Bild und macht Übungen bei den Fischen. Laut spricht er zu dem verwaschenen Bild:

«Johanna, du liebe, meine Arbeit am Institut ist beendet, ich kann und ich will nicht mehr. Ich habe Angst, muss ich dir gestehen. Ich fürchte, ich werde ganz schnell die Stadt verlassen. Du sollst bei mir und auch hier im Haus immer einen Platz haben, mein Engel.» Vielleicht wird sie ihn verstehen. Aber er darf nicht mehr sagen. Niemandem. Immer noch nicht.

Mit sturem Blick starrt Cord auf die Tischdecke und die Brotkrumen, die vom Frühstück geblieben sind. «Zwei Stunden später und schon hat sich die Welt verändert», flüstert er den Krümeln zu, bevor er sie vom Tisch fegt. Von einem Haken an der Wand ergreift er Mareikes Schürze, die seit einem Vierteljahrhundert dort hängt, schnaubt mehrfach in sie hinein, putzt sich gründlich die Nase.

Dann wendet er sich ab, zuckt mit den Schultern, zieht eine abgewetzte, lederne Reisetasche aus dem Schrank, fährt sich nervös mit den Fingernägeln durch den zerzausten, tränenfeuchten Bart. Ein letztes Mal spricht er das Bild an:

«Ich muss dringend zum Friseur. Ich fahre in zwei Tagen. Wohin, wird sich weisen! Du wirst es erfahren, irgendwann.»

Nur ist sicher: Die Grazer Universität wird er nie wieder betreten.

 

 

Ramsau

Ein Überlandbus kämpft sich am Vormittag die Serpentinen bergan. Zweieinhalb Stunden dauert die Reise von Graz Richtung Nordwesten bis in das Gebiet des majestätischen Dachsteins, dem höchsten Gipfel der Steiermark. Je nach Saison ist der Omnibus mit Alteingesessenen oder Urlaubsreisenden besetzt, die einen Ausflug auf den Berg unternehmen wollen, der auf der Spitze in knapp 3000m Höhe selbst im Sommer Schnee verheißt. Feriengäste suchen gern die Nähe des imposanten Berges. Doch nicht jeder, der ihn sucht, findet ihn auch sofort, denn er hat bisweilen die Angewohnheit, sich dem Auge des Betrachters durch einen milchigen Nebelschleier zu entziehen, als ob er gerade nicht zugegen wäre.
Vorn im Bus hocken Touristengruppen; Deutsche, Amerikaner und Japaner, die sich ungewöhnlich manierlich benehmen. Sie unterhalten sich gedämpft, versuchen mit geringem Geschick, wie bei einem Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt, ihre Körper den schlingernden Bewegungen des Transporters anzugleichen. Der Fahrer befährt Steigungen und Senken, breite wie schmale Straßen, mit derselben Gelassenheit, pumpt geschickt auf der ächzenden Kupplung herum, die sich immer nur in den Abfahrten ihrer Blähungen entledigen kann. Die neue Generation von Bussen wird bald kommen, freut sich der Fahrzeugführer, um sogleich wieder schnarrend die Ratschenbremsen zu betätigen, die einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Insbesondere in scharfen Kurven purzeln die Fahrgäste durcheinander wie die Kegel.
Heute hat sich ein Einheimischer zwischen die Touristen gemischt. Ganz hinten links in der vorletzten Reihe am Fenster sitzt, mehr, liegt ein alter Mann in seinem Sitz. Den gelben Strohhut auf dem Gesicht, scheint er zu schlafen. Auf der frisch rasierten Glatze kehren gerade die ersten rot-weißen Stoppeln zurück. Früher, so viel kann man an der käsig bis babyroten Gesichtsfarbe erkennen, muss er einen Bart getragen haben. Dort, wo er jetzt hinreist, möchte er einen ordentlichen Eindruck abgeben, korrekt, zivilisiert und vor allem anonym. Verborgen unter dem Sommerhut sucht er zwischen den Lücken des Flechtwerks den Berg, den jeder Eingeborene aus der steirischen Nationalhymne kennt und liebt. … Hoch vom Dachstein, wo der Aar noch haust. Lang nicht mehr gesehen, den Aar, den Adler. Warum nur beschleicht den stummen Alten immer wieder das Gefühl, es handele sich um eine Reise ohne Wiederkehr?
Passagiere steigen in den Bus. Routiniert wendet der alternde Handwerker den Kopf aus der Sichtlinie, zieht den Strohhut tief ins Gesicht, lässt sich weiter in den Sitz sinken, wirkt selbst wie ein lebendes Stück Transportgut.
War die Nachricht, die er Dekan Meyerhof auf dem Anrufbeantworter hinterließ, vielleicht zu lakonisch? Was sollte er denn sagen zum Tod eines Vorgesetzten, der unter den Kollegen und in der Öffentlichkeit so selbstverständlich wie voreilig als Selbstmord gehandelt wurde, obwohl er es wirklich besser wusste? Nein, er hatte der Polizei nichts von dem Mann in Schwarz erzählt, weil niemand ihm geglaubt hätte, überließ das Gerede lieber anderen. Er hatte stattdessen nur monoton wiederholt, er habe hinten im Hof gesessen, bis er Bulgakov hatte fallen hören. So war es ja auch.
Doch er kannte seinen Chef. Sechzehn Lenze lang hatten sie Schulter an Schulter gearbeitet: Bulgakov war die beste Investition des Instituts in die Zukunft gewesen, die man Ende der 60er Jahre machen konnte.
Erst zehn Jahre später, da war er auch schon alt und Hanneken noch nicht auf der Welt, hatte er den begabten Physiker kennen- und schätzen gelernt. Dekan Meyerhof hatte gut daran getan, sie beide zusammen zu stecken, denn nur in erfolgreicher Kooperation bestand eine realistische Chance, die komplexen Entwürfe des aus Osteuropa eingewanderten Erfinders auf die Füße zu stellen: Bulgakov in der Theorie, van Galten in der Praxis.
Vorbei. Hör auf mit der Nostalgie, Cord, spricht es mit ihm. Und wer ist überhaupt Cord? Ab heute heißt du Max.
Krachend schaltet der Fahrer die Gänge herunter.
Der Vergaser muss neu eingestellt werden. Auch die Bremsbacken von den Ratschenbremsen knirschen verbraucht und könnten gut ein paar frische Beläge gebrauchen. Irgendwann benötigen sie neue Busse in der Ramsau, wenn das mit dem Tourismus etwas werden soll.
«Halt den Mund, Max, dich geht das nichts mehr an. Gar nichts. Kümmere dich um deine eigenen Sachen.»
Eine alte Frau mit Kopftuch humpelt durch den Bus, hangelt sich mit beiden Armen an den Sitzen vorwärts ziehend auf ihn zu, platziert sich neben ihn, stellt ihre Einkaufstasche ungefragt zwischen seine Beine, blickt ihn an wie einen Bekannten, erwartet keine Antwort oder Reaktion seinerseits.
Bulgakov war bekannt wie ein bunter Hund. Nicht, dass er sich eitel exhibitionieren wollte, - Grund hätte er gehabt - aber genau dies schien der sicherste Weg zu sein: Je mehr alle wussten von den immer vorhandenen, doch ungenutzten Energien des Äthers, desto besser. So lautete die vollmundige Devise des Querkopfes. Das war der Plan. So hatte Bulgakov in liebreizend österreichischem Dialekt mit Akzent begonnen, Interviews zu geben, sich der Presse und anderen Forschern gegenüber zu öffnen. Cord hatte es aus dem Hintergrund heraus unterstützt. Gekonnt hielt er sich selbst dabei im Hintergrund – feige, wie er war.
Er streift den Hut vom Gesicht. Ein stöhnendes Seufzen entweicht ihm und die Bauersfrau neben ihm zieht ein Augenlid hoch, schaut ihn mit einem fragenden Gesichtsausdruck an. Er linst kurz zurück, nickt, winkt dann ab. Der Omnibus nimmt eine Kurve. Es ist gleichzeitig sonnig und kalt heute Morgen. Heiß oder kalt?
Ein murmelndes Raunen der Touristen geht durch den Bus, als das Dachsteinmassiv in das Blickfeld rückt. Majestätisch und nebelverhüllt wie eine Diva schweben weißliche Schwaden vor dem Gipfel, einer verschleierten Königin gleich, die sich erst zeigen wird, wenn es an der Zeit ist. Bisweilen treibt der Wind Nebelschwaden so dicht zueinander, dass das Bergmassiv völlig verschwindet und die kleinen Häuser mit den Bataillonen an Geranien auf den Balkons nurmehr vor einer milchig weißen Wand existieren. Und jetzt werd ich zum Berg», denkt sich das Gehirn von Cord, der sich gerade in einen Max transformiert.
Als Hausmeister und heimlicher Werkstattleiter hatte er es für besser gefunden, aus der Schusslinie herauszutreten. Warum nicht die eigene Bedeutung für das Institut so weit als möglich herunterfahren? Nur noch als exzentrischer, gutartiger Zausel wollte er sein Leben fristen. Ein Unikum, das tagaus, tagein in einem grauen Kittel über die Flure schlurfte, überall auftauchte, wo es ein Problem zu bewältigen, Rätsel zu lösen gab. Vorbei. Das ging fix.
Niemand hatte dumme Fragen gestellt, als ihn der Dekan 1970 als Hausmeister engagierte, einen vermeintlichen Ausländer, einen holländischen Schlosser mit österreichischen Vorfahren und leicht Wiener Mundart. Und dann der Bart: Jeden historisch bewanderten Einheimischen gemahnte das Ungetüm sofort an den Forstrat, den «Mozart der Wasserphysik», seinen Meister.
«Das war halt Schicksal», pflegte Cord zu sagen, wenn ihn jemand darauf ansprach. Mein Gott, Schauberger besaß einen Genius nach seinem Geschmack: Klar, eindeutig, dabei vielseitig und immer auf Mutter Natur bedacht, deren Regeln er den Tieren, Bäumen und Flüssen abschaute.
Wenn die Leute nur begriffen, dass der Mensch den Gesetzen der Natur entsprechend und ganz ohne Verbrennung Maschinen bauen konnte, wenn er denn nur wollte. Dass es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen Explosion und Implosion, sie aber beide Bewegung bewirken. Dass kein Fluss verschmutzt sein muss. Dass es keinen Kunstdünger braucht, weil alles lebt. Und mit wie wenigen Mitteln die Menschheit sehr glücklich sein könnte, die Äcker das Doppelte herschenken würden und dennoch nicht auslaugten. Das war nun einmal die Erfahrung, die van Galten am eigenen Leib gemacht hatte.
Bei den jungen Studenten aus der Nachkriegsgeneration war es nie eindeutig klar, welche «Natur» sie meinten, wenn sie von Naturwissenschaft sprachen. Mit den Radiowellen und der Atomenergie trat die Welt in ein Zeitalter, in dem die Gesetze der Natur und des Äthers anscheinend nicht mehr viel Wert besaßen. Oder sie erschienen einfach nur überflüssig, weil Geld das wichtigste war. Geld, Geld, Geld. Es war klar, er wirkte nur als Wichtelmännchen, ein Helfer, der selbst immer wieder fliehen musste: erst vor der Langeweile, dann vor dem Krieg, schließlich vor seinen Siegern.
Vor allem Dekan Meyerhof wusste das zu würdigen. «Bei mir haben Sie eine technische Prokura», sagte er häufig, wenn er ihn sah. Was im Klartext bedeutete, dass Cord machen konnte, was er wollte.
Als Schauberger 1958 nur eine Woche nach der Rückreise aus den Staaten unerwartet verstarb, schien es dringend angeraten, kurzfristig nach Holland zurückzukehren. Niemand hatte den Eindruck, dass das Ableben des Forstrates ein natürlicher Prozess war. Er wirkte bei seiner Rückkehr, als habe jemand alle Lebenskraft aus ihm heraus gesaugt.
Zu lange hatte van Galten mit ihm und dessen Sohn in Bad Ischl herumgebastelt. Das Theoretisieren war ja bei weitem nicht alles, schon gar nicht van Galtens Lebenssinn. Naturgesetze entdecken, das war das eine, aber sie anzuwenden, darum ging es doch. Ab 1958 war damit fürs Erste Schluss, aus, Ende! Ab nach Holland – in den Untergrund. Zwölf Jahre schrauben, schweißen und fräsen in Rotterdam, der Meisterabschluss als Werkzeugmacher. Niemals hätte er es sich träumen lassen, dass er noch einmal in sein Heimatland zurückkehren könnte. Doch auf Meyerhof war Verlass. Zeit, man muss warten können.
Wie hatte er sich gefreut, als ihn der Dekan zwölf Jahre später aus Graz anrief und ihm das Jobangebot unterbreitete, als «Mädchen für alles» mit seinem neuen, angeheirateten Namen im Institut für Maschinenbau zu arbeiten. Pförtner, warum nicht? Die Heimat rief.
Mareike, das zarte, blonde Glühwürmchen aus Utrecht, schwanger mit Johanna, war ebenso neugierig wie reiselustig. Eine Luftveränderung würde ihnen beiden guttun, sagte sie. In die Berge wollte sie schon immer. Und vor allem sehnte sie sich danach, das Land kennenlernen, in dem ihr Mann geboren war. So kehrte er heim, dieses Mal offiziell und mit Gattin, nach Graz, um als Faktotum des Polytechnikums zu wirken. Nur eines war essentiell: In Absprache mit den engsten Vorgesetzten war es völlig unmöglich, über die wahren Ereignisse der Vergangenheit sowie seine realen, gegenwärtigen Tätigkeiten irgendjemandem Auskunft zu erteilen. Über genau den Teil seiner Existenz, alles, worauf andere stolz gewesen wären, darüber hatte er Verschwiegenheit zu bewahren. Schließlich hatte man aus dem Krieg gelernt. Das Risiko war zu groß, die Wissenschaft eventuell fröhlich, doch auf keinen Fall frei.
Es war van Galtens langer, roter Bart, tatsächlich noch prächtiger als der Altersbart des Meisters selbst, aber in derselben Art gewachsen und gepflegt, der alle von den Älteren in stillschweigendem Einverständnis an die Optionen und Vorsichtsmaßnahmen für eine sichere Zukunft gemahnte.
In die Hand musste er dem Dekan geloben, niemals über die Vergangenheit zu sprechen, schon gar nicht über die frühen 50er Jahre, in denen er mit dem Forstrat an der Pythagoras-Kepler-Schule in Bad Ischl wirkte und die Heimat bereiste, um nach dem Rechten zu sehen, an verschiedenen Orten in den Bergen zu drehen und zu schweißen. So setzte er am Tag Steine in Flüsse, ließ Kurven einziehen, wo vorher Begradigungen waren, wurstelte in der Fischzucht und an Maschinen zur Wasserlevitation – was den Zustand des Wassers zum Guten veränderte -, zumindest den Stoffwechsel der Leute beförderte, die es tranken. Die Bevölkerung mochte das. Dennoch galt es, diskret zu wirken, bereits damals. Merkwürdig: immer gab es etwas zu verbergen. Doch war es die antrainierte, in die Wiege gelegte Wortkargheit, die der gebotenen Schweigepflicht charmant die Hand reichte.
Der Bergbewohner spricht von Natur aus nicht mehr als unbedingt notwendig, lebt verwachsen mit dem Wesen, dem Berg, den er bewohnen darf wie ein Bazillus auf der Haut. Warum sich Gedanken machen? Vor allen Dingen welche? Sind sie nicht nurmehr Auswurf eines größeren Bewusstseins, dessen Werkzeug der Mensch ist? Vom Berg lernen heißt siegen lernen. Seine atmende Stille wird dich Demut lehren und dir deine ewige Gestalt als Menschenwesen zeigen.
So schaut Menschlein sich immer nur selbst an, selbst, wenn er bergauf fahrend in schlierigen Schwaden einen kahlen Ast oder die Messingglocke am Hals einer braun weiß gescheckten Kuh erkennt, sich dem Geist von Stein, Baum, Wiese und Rind überlässt – inklusive ihrer Vergänglichkeit.
Wenn der Berg es ist, der naturgemäßen Ausdruck gibt über die Beschaffenheit der Welt, muss er dann nicht dankbar sein über den undurchdringlichen Schleier aus Nebel und Dunst, den die Existenz heuer über all dies wirft?
Mein Gott, wie sehr hat er verdrängt, dass ihn der Berg haben will, schon immer haben wollte. Erst jetzt, da die Luft immer dünner wird, spürt er, dass auch er einen Atem besitzt, ein Wesen aus Fleisch und Blut ist, das sein eigenes Wetter schon immer in sich trägt, vielleicht sogar erzeugt, er sich schon immer in Einheit mit all dem befand, ganz egal wie weit Herr Einstein und das Atomzeitalter dies relativieren wollen.
Und was hat er für ein Glück gehabt mit diesem Kind! Das Hanneken hatte die Welt mit ihren blaugrünen, ernsten Augen und winzigen Sommersprossen betreten und das Leben einen neuen Sinn erfahren.
Cord blickt auf die Bäuerin, die dösend neben ihm sitzt und in eine Melange aus Nickerchen und Meditation gefallen ist. Bestimmt fährt sie häufiger auf dieser Strecke. Auf eine eigene Weise gelingt es ihr, sich dem halsbrecherischen Kurvenverhalten des Fahrzeugs anzupassen, wie ein Baby mit dem Körper sanft mitzuschwingen, wenn der Wagen eine Kurve nimmt. Was Touristen eine bewusste Anstrengung kostet, erledigt sie fast im Schlaf. Van Galten entspannt sich und versucht, es ihr gleichzutun. Hinter ihm türmt sich der Hochwald auf.
«Ohne dich ging hier gar nichts!», sagte Bulgakov eines Tages zu ihm, als er den Schweizer Ingenieur und Erfinder Raumer anschleppte, damit sein Chef sich einmal auf Augenhöhe mit einem Gleichgesinnten austauschen konnte.
An jenen Abenden servierte Cord nur Tee, spielte Mäuschen und Diplomat, denn beide Wissenschaftler ahnten, dass sie ohne van Galtens ewig stoischer Ruhe niemals aufeinandergetroffen wären, um sich auszutauschen, ohne zu streiten. Darauf lief es meistens hinaus, wenn sich zwei Wissenschaftsböcke in die Quere kamen. Van Galten konnte nicht immer beurteilen, ob es bei den Streitigkeiten um Eitelkeiten oder tatsächlich um die Naturgesetze ging.
Dabei freute sich über diese Meetings niemand mehr als ihr stummer Gastgeber. Unter Physikern und Ingenieuren ein harmonisches, solidarisches Einverständnis herzustellen, darin bestand die wirkliche Meisterleistung in einer Konkurrenzgesellschaft, wo keiner mehr dem anderen etwas gönnte und jeder nur auf sein Profil und die entsprechende gesellschaftliche Positionierung achtete.
Die Begegnungen besaßen einen konspirativen Anstrich und durchaus revolutionären Charakter: Wenn die Disputanten sich auf neuartige physikalische Regeln verständigten und dabei von so vielem verabschiedeten, was die Grundlage der zeitgenössischen Physik bildete. Etwa den Gedanken, es gäbe nichts Schnelleres als die Lichtgeschwindigkeit. Man kann nicht sagen, dass die Thesen Albert Einsteins oder der Urknall bei den Treffen allzu beliebt waren. Mit Relativität hatten sie nichts am Hut. Es ging um die physikalische Praxis, man wollte nützlich sein und nicht nur Theorien aufstellen, von denen niemand etwas hatte.
Allein die Grundprinzipien bezüglich ihrer gemeinsamen Vorstellungen vom Äther, die sich die Physiker in «Cords Caféhaus» an den Kopf warfen – einem Tisch mit drei Stühlen in der Werkstatt gleich neben der Drehbank – ließen seine innere Repulsine fliegen, diese bedeutendste Ingenieurleistung Schaubergers, an deren Rekonstruktion er mitwirken durfte. Metall will korrekt behandelt sein. Das Meisterstück Schaubergers schwebte ständig im Raum, wie das Gelöbnis, für eine bessere Welt zu arbeiten, für die ausgerechnet er zu stehen schien.
Cord, ahem, Max: ab jetzt.
In Wahrheit waren es wahrscheinlich der Respekt vor dem Alter und der Leistung des Seniorschlossers, der selbstlos für die Wissenschaftler einen toleranten Denkraum bereitstellte, was den Frieden zwischen den hochgebildeten Männern ermöglichte. Am Tage und in der Öffentlichkeit ließen die beiden eigenbrötlerischen Starrköpfe als Konkurrenten und notorische Streithähne kein gutes Haar aneinander, vor allem, wenn van Galten nicht in Reichweite war. Doch er wusste für viele Dinge, die unübersichtlich erschienen, einfache Lösungen. Als Moderator dieses Nachtcafés schien er unabdingbar.
Und, ja, er war Raumer dankbar dafür, dass er ihm gleich nach dem Mord an Bulgakov eine diskrete Zufluchtsstätte angeboten hatte, zusammen mit einem Jobangebot. Wieder so eine Fügung, dass ausgerechnet ein Schweizer Ingenieur eine Zuflucht kannte – in Österreich – wo er jetzt Unterschlupf finden würde, verbunden mit einem Hausmeisterjob.
Woher nur kommt das Gefühl, dass das Leben gerade heute mehr Sinn macht als je zuvor? Es muss mit dem Ort zusammenhängen, den er aufsucht. Schließlich geht die Reise in ein Haus, das normale Menschen in der Regel fürchten.
Die Frau neben ihm hat ihr Schläfchen beendet und starrt ihn lange und durchdringend an. Was schaut sie so? Cord lässt sich in den Sitz zurückfallen, trennt sich von seinen Gedanken, wendet das glatzköpfige Haupt ab, blickt aus dem Fenster. Besser nicht mehr so viel Gesicht zeigen, lieber verstecken, diskret auftreten, eher verschwinden, unsichtbar werden.
Er schließt die Augen, rekapituliert seine Situation, schaukelt mit dem Bus durch vergangene Räume. Wie ein Senior mit Blähungen lässt der Busfahrer bisweilen die Luft aus den Ratschenbremsen, um sie anschließend wieder hineinzublasen.
«Dann wird Johanna Österreicherin?», hatte Mareike gefragt und sah ihn nur noch von hinten nicken und ins Schlafzimmer eilen, Koffer packen.
Der süße Rotschopf war die größte Freude der späten Tage. Jeden Sonntag, wenn er das wilde, kluge Mädchen für sich hatte, fragte sie ihm Löcher in den Bauch: Warum die Banane krumm und der Himmel blau sei, weshalb die Flüsse nicht geradeaus liefen, sondern immer Kurven machten und warum die Forellen in den Bächen so hochspringen konnten. Warum, warum, warum. Und zack! Da war es gewesen, das unverdiente Glück im Alter: Die wirklichen Rätsel der Natur stellten sich von allein ein. Aus den wirklichen Fragen war die Zukunft zu bauen, denn diese enthielten bereits die Antworten und Lösungen. Es ging um dieselben Fragestellungen, die auch für ihn stets Bedeutung besaßen, Probleme, auf die er vom Meister glaubwürdige Antworten erhalten hatte. Praktisches Wissen mit der Perspektive einer schöpferischen Umsetzung zu verbreiten, war das nicht der Sinn des Lebens?
Cord runzelt unter dem tief ins Gesicht gezogenen Hut so sehr die Stirn, dass er ihm beinahe vom Kopf rutscht.
Die praktikablen Ergebnisse auf die essenziellen Fragen der Welt hatten den Forstrat den Kopf gekostet. Und Bulgakov aus dem Fenster gestoßen.
Nachdem Bulgakov sich in Graz eingelebt hatte und anfing, die Öffentlichkeit in seine Arbeit einzubeziehen, hatte sich eine Journalistengruppe nach der anderen im Institut die Klinke in die Hand gegeben.
Tatsächlich dachte er an dem tragischen Morgen vor drei Tagen, es handele sich wieder um so einen Reporter oder industriellen Interessenten. Eine ähnliche Visage, mit einer ebenso merkwürdigen Körpersprache in einem gelackten schwarzen Anzug hatte er schon einmal gesehen. Genau zwei Monate zuvor. Oder einen.
Die Bäuerin im Sitz neben ihm entnimmt ihrer Handtasche ein würfelförmiges Plexiglasdöschen mit einem Puzzle. Es gilt, eine kleine Metallkugel in die Mitte eines Kreises zu bugsieren, der von winzigen, hügeligen Schikanen durchzogen ist.
Cord peilt durch die Löcher des Strohhutes, verfolgt mit halbem Auge die Bemühungen seiner Sitznachbarin um die Kugel, ist mit den Gedanken ganz woanders.
Genau jetzt fällt ihm der Name des Kerls wieder ein: Escher hieß der Bursche, ein deutscher Schlacks, der auf seine spöttische Anmerkung hin doch noch die dunkle Sonnenbrille abnahm und sie gegen eine normale Brille tauschte. Kurzsichtigkeit ist ein Handicap, jaja. Nicht für ihn. Mit dieser Krankheit kennt er sich nicht aus. Gott sei Dank.
Drei konzentrische Ringe im Plastikgehäuse hat die kleine Stahlkugel zu überspringen, um ihr Ziel im Zentrum zu erreichen. Nicht einfach, das während der Fahrt zu bewerkstelligen. Jedes Mal, wenn der Fahrer eine Kurve nimmt, bergauf oder bergab, kabolzt die Metallkugel wie wild geworden in ihrem Gehäuse herum. Dabei kann es passieren, dass sie unwillkürlich, wie zufällig, in die Mitte fliegt, den Zweck des Geschicklichkeitsspiels wie von selbst erwirkt, an der nächsten Wegbiegung aber sofort wild heraus hüpft und alle vorherigen Anstrengungen zunichtemacht. Der Handwerker streicht mit der Hand über sein nacktweißes, frischrasiertes Kinn. Interessante Physik, das.
Das war ihm am schwersten gefallen: sich von dem Bart zu verabschieden, ihn nach fünfzig Jahren abzunehmen. Aber er darf auf keinen Fall auffallen. Wer achtet schon auf einen alleinstehenden, bartlosen, alten Mann? Er hat sich auch niemandem zu erklären, wenn er jetzt die Stadt verlässt, fort aus Graz.
So geschieht es immer wieder mit den kosmischen Energien: kurz vor dem Triumph kommt der Tod. Den Chef hatte vierzehn Tage vor dem Durchbruch das Schicksal erreicht. Warum? Unter vier Augen hatte Bulgakov schmunzelnd gestanden, dass er mit seiner Erfindung dem Gesetz der Schwerkraft ein Schnippchen schlagen wollte. Eine Übung in Schwerelosigkeit nannte er sein Projekt. Wer musste unbedingt verhindern, dass er Erfolg hatte?
Cord lacht bitter in sich hinein, als ihm einfällt, dass er an jenem Morgen vor dem Mord genau daran dachte, tief in seinem Innern Ähnliches befürchtet hatte. Wie in einem grausamen Gesetz der Serie musste er zusehen, wie erst die wichtigsten Hürden gegenüber den neuen Technologien genommen wurden – und auf einmal nichts mehr ging. Wie unter Zwang mündete so gut wie jede dieser großartigen Unternehmungen in eine Katastrophe. Damit soll jetzt Schluss sein. Ein für alle Mal.
Die Herren der Zeit, sie mochten tun, was immer sie wollten: Kontaminieren, modifizieren, variieren oder reduzieren: Der Berg würde ihnen das rechte Maß der Dinge weisen.
Kurz döst er in einer Kehre weg, die ihn tief in den Sitz drückt. Als er die Lider wieder hebt, bietet sich dem Auge blankpolierter Granit, an dem der Bus um Haaresbreite vorbeischrammt. Und wieder steht das blasse Gesicht des Mörders vor seinem inneren Auge.
Auf diesen Berg von Stein will ich mich setzen, es führt kein andrer Weg nach Küsnacht. So ähnlich spricht doch der Wilhelm Tell, bevor er seinen Quälgeist richtet.
Dabei hätte alles so schön sein können.
Die meisten Zeitgenossen zeigen sich dem Fortschritt gegenüber durchaus aufgeschlossen, – wenn es ihn denn nun gibt. Wobei man weiß, dass sich die besseren Dinge meist nur blind oder erst nach Jahrzehnten durchsetzen, wie zufällig und scheinbar nicht geplant, bestenfalls im Bereich des Erreichbaren. Aber was heißt hier «besser»? Etwa das neue Internet, das gerade vor ein paar Jahren aufgekommen ist, so viele Möglichkeiten bietet und die Leute zwingen wird, ihre innere Wahrheit vor dem Bildschirm anstatt in der Natur zu suchen?
Was bin ich froh, schon so alt zu sein, damit soll sich die Jugend herumschlagen. Cord van Galten wird den Berg wählen, die Freiheit am Berg gegen den Rest der Welt tauschen, auch wenn er nur am Fuß desselben den Lebensabend verbringen soll. Die Natur beschützt mich, ich brauche nichts zu tun, nicht einzugreifen, nichts zu verändern, hie und da a bisserl reparieren, Geräte warten und ihn erwarten.
Sie werden kommen, mich zu jagen mit Gewehren in der Nacht. Doch bis dahin wird vergehen, was sie so gerne Zeit nennen. Der Dachstein wird einige Male ein- und wieder ausgeatmet haben, Touristen werden kommen und gehen wie wir auch, Kühe werden kalben. Alles fast ganz normal.
Ein sehnsüchtig erwarteter Sonnenstrahl sticht durch die Nebelwolken, gibt einen scheuen Blick auf den Gipfel frei.
Jetzt also wirst du vom Grazer zum Bergbewohner. Irgendwann einmal musst du da hoch, Max, spricht er gut gelaunt zu sich selbst. Einmal vom Dach der Welt nach unten schauen... wenn alles getan ist, die letzte Furcht ausgestanden und alle in Sicherheit sind.
Dieser winzige Unterschied zwischen der lebendigen und der toten Materie, lebenspendender Erde oder sterilem Staub, der zu Stein gerinnen wird: Es könnt einen wahnsinnig machen. Ich mein, nichts gegen Steine. Gar nichts.
Der Bus hält in Ramsau auf dem Marktplatz. Endstation, zumindest für ihn. Die Touristen werden hoch auf den Berg fahren, bis zur Seilbahn und dann auf den Gipfel. Der Berg ruft, je nachdem, ob sie sich bei dem Nebel trauen. Der kann aber genauso gut jeden Moment verschwinden.
Die Bäuerin steckt ihr Puzzlespiel weg, schlurft grußlos nach vorn, steigt aus, verliert sich im Gewühl zwischen den Gemüseständen des Bauernmarktes.
Den Strohhut auf dem Kopf und die Reisetasche in der Hand, mischt sich Cord unter die Leute. Die frisch gewaschene Schlossermontur soll darauf schließen lassen, dass er nicht nur zum Spaß hier herumläuft. Nur nicht auffallen. Einheimische sind eh uninteressant. Touristen beachten am liebsten die Frauen im klassischen Dirndl. Gut so.
Für ein paar Schilling kauft er an einem Marktstand eine Tüte Äpfel und macht sich auf den Weg. Den letzten Teil wird er zu Fuß absolvieren, allein für den Fall, dass er beobachtet wird. Also drei Bushaltestellen auf Schusters Rappen bis zur Haltestelle mit dem sinnigen Namen «Heimat», gleich hinter Filzmoos.
Auf eine Weise fühlt er genau, warum er nur noch hierhin gehen kann, will und muss. Die letzte Station seines Lebens.
Intuitiv, was ist das eigentlich, Papa?, fragte Hanneken. Erfahrung, mein Engel. Erfahrung, und immer schön üben.
Raumer, der Retter, rief passend einen Tag nach dem Tod von Bulgakov an, als er bereits auf der gepackten Reisetasche saß und nicht wusste, wohin mit sich. Der Schweizer war nach den Besprechungen in Graz zu einer Art Freund geworden. Einmal konnte er den Chef bei einem Besuch dorthin begleiten. Raumer hatte in seiner Heimat mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie Bulgakov. Er hatte einen Stromerzeuger besonderer Art zustande gebracht, der gerade von einigen Akademikern und Publizisten heiß diskutiert wurde. Weil Raumer in einer christlichen Kommune lebte, die er selbst auf die Beine gestellt hatte, wählten die Bewohner und Bewohnerinnen in Lindenberg eine andere Methode der Publikation: sie gestatteten ausschließlich befreundeten Wissenschaftlern, auf den Generator zu blicken und ihn zu untersuchen. Im Übrigen beließen sie alles in der Schwebe, indem Raumer das Gerät kaum jemandem zeigte, er sich auch der Allgemeinheit weitgehend verweigerte, beglich dafür aber ordentlich alle Stromrechnungen der Gemeinschaft. Er hatte sich davon befreit, der Öffentlichkeit etwas beweisen zu wollen.
Natürlich versuchten Staat und Elektrokonzerne, ihn mundtot zu machen, klagten ihn an wegen sexueller Verfehlungen mit Minderjährigen. Van Galten konnte nichts dazu sagen. Ihm erschien Raumer bis auf seine obskuren religiösen Vorstellungen stets tadellos und integer.