John Sinclair 2095 - Timothy Stahl - E-Book

John Sinclair 2095 E-Book

Timothy Stahl

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Beschreibung

"Sie fragen sich, wo Sie sind?"
Der seltsame Mann im altmodischen Anzug hatte die niedrige Tür aufgehalten, jetzt ließ er sie zufallen. Ein Glöckchen bimmelte. Er trat näher, die Hände vor der Brust so aneinandergelegt, dass die Spitzen seiner dürren Finger sich berührten.
Ringsum herrschte Zwielicht. Hier und da bohrte sich ein Speer aus Helligkeit hinein. Staub schwebte darin, träge wie müde Mücken.
"Ja, wo bin ich?", fragte Roger Reid.
"Am Ziel Ihrer Träume sind Sie."
Der seltsame Mann lachte meckernd ...

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Inhalt

Cover

Impressum

Der Geist aus der Maschine

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: ledokolua;Tithi Luadthong; FOTOKITA; froe_mic/shutterstock

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6848-2

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Der Geist aus der Maschine

von Timothy Stahl

»Sie fragen sich, wo Sie sind?«

Der seltsame Mann im altmodischen Anzug hatte die niedrige Tür aufgehalten, jetzt ließ er sie zufallen. Ein Glöckchen bimmelte. Er trat näher, die Hände vor der Brust so aneinandergelegt, dass die Spitzen seiner dürren Finger sich berührten.

Ringsum herrschte Zwielicht. Hier und da bohrte sich ein Speer aus Helligkeit hinein. Staub schwebte darin, träge wie müde Mücken.

»Ja, wo bin ich?«, fragte Roger Reid.

»Am Ziel Ihrer Träume sind Sie.«

Der seltsame Mann lachte meckernd …

Er wies um sich, über die Tische und zu den Regalen, mit quirligen Gesten, als wollten seine mageren Hände wie Spinnen auf dürren Beinen davonkrabbeln über Fäden, die sich unsichtbar durch die muffige Luft spannten.

»Und das alles …« Er lachte abermals und winkte ab. Wieder bewegten sich seine Finger wie flatternde Anhängsel. »Das alles braucht Sie nicht zu interessieren. Nur das hier.«

Mit einer raschen Bewegung, wie ein Zauberkünstler, zog der seltsame Mann das Tuch von einem der vielen Dinge, die auf den Tischen standen. Staub wölkte in die Höhe. Das Tuch musste lange Zeit über dem Ding gelegen haben. So wie auch all die anderen Tücher offenbar schon lange über all den anderen Dingen lagen. Allen schien ein grauer Pelz gewachsen zu sein. Oder es hatte schon alles Schimmel angesetzt.

»Na, was sagen Sie?«, fragte der seltsame Mann. Stolz schwang in seiner Stimme mit. Als hätte er wer weiß was zum Vorschein gebracht und nicht nur … so ein altes Ding.

»Was soll ich dazu sagen?«, fragte Roger Reid. »Das ist eine …«

Der seltsame Mann schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nicht irgendeine … das ist sie.«

»Das ist sie? Ich verstehe nicht …«

»Das«, sagte der seltsame Mann mit gewichtiger Miene, »ist genau das, was Sie sich gewünscht haben.«

»Ach?«

»Ja.«

Der Mann mit dem seltsam spitz zulaufenden Gesicht lächelte.

Diabolisch.

Einige Wochen später …

Jimmy Whitewater stieg aus seinem Mietwagen. Das Licht der Innenbeleuchtung fiel aus der offenen Tür und durch die Fenster in die Nacht heraus. Jimmy stand wie auf einer kleinen Insel aus Helligkeit inmitten eines schwarzen Ozeans und ließ den Blick wandern. Viel war nicht zu sehen. Nur schwarze Berge. Riesig, bucklig und so schief, als könnten sie gleich einstürzen, um ihn unter sich zu begraben …

Jimmy Whitewater war der Krähe gefolgt, wie schon so oft. Sie war sein Totemtier, und nur er konnte sie sehen. Weil das Tier, das in Wirklichkeit viel mehr war als ein solches, sich nur ihm zeigte. Es gehörte zu ihm, war buchstäblich ein Teil von ihm. Und wenn es nichts Böses witterte, auf das es ihn aufmerksam machen wollte, dann war es nichts weiter als ein daumenlanges Mal auf seinem Arm, das seiner Form nach an einen stilisierten Vogel mit ausgebreiteten Flügeln erinnerte. Genau dort, wo seine Großmutter, die weise Greta Red Crow, die noch eine reinblütige Oglala Lakota gewesen war, ihn in der Nacht vor ihrem Tod berührt hatte.

Jimmy war noch klein gewesen, gerade mal sechs Jahre alt, als Greta Red Crow, die Mutter seines Vaters, gestorben war. Er hatte kaum etwas verstanden von dem, was sie ihm in jener Nacht mit ihrer rauen Stimme ins Ohr geraunt hatte. Und trotzdem spürte er, dass alles, was sie gesagt hatte, in ihm war. So wie er heute noch ihre Hand an seinem Arm spüren konnte. Es fiel ihm nicht schwer, sich in Erinnerung zu rufen, wie er damals, vor über zwanzig Jahren, an ihrem Sterbebett gesessen hatte, allein mit der alten Frau, die alle anderen hinausgeschickt hatte, weil sie nur mit ihm zu reden hatte.

»Du bist mein wahrer Erbe, Skayéla Mni«, hatte sie gesagt. Greta Red Crow war die Einzige gewesen, die ihn – und alle anderen Lakota in der Familie – mit ihren nativen Namen ansprach. Dann hatte sich ihre zwar dürre, aber doch samtige und warme Hand um seinen noch kindlich dünnen Unterarm gelegt, als ließe sich ein Vogel sanft darauf nieder, und sie hatte einen monotonen Singsang begonnen. Und Jimmy hatte das Gefühl gehabt, sein Innerstes fülle sich mit jedem Wort, das Greta Red Crow auf diese eigentümliche Weise sprach. Wie ein Gefäß, in das man Wasser goss. Bis er voll gewesen war mit dem, was seine Großmutter ihm zu sagen hatte. Was sie an ihn weitergeben wollte. Oder vielleicht auch musste.

Am nächsten Morgen war sie tot gewesen. Und als Jimmy wach wurde, hatte er auf seinem Unterarm das vogelähnliche Mal gesehen, das am Abend zuvor noch nicht da gewesen war.

Es hatte sein Leben verändert. Oder bestimmt. Ohne dieses rötliche Mal und ohne all das, was Greta Red Crow ihm vererbt hatte, wäre er nicht der junge Mann geworden, der er heute war. Er hätte einen anderen Beruf ergriffen. Wobei, Beruf wollte er das, was er tat, gar nicht nennen. Obgleich er dafür bezahlt wurde, sogar im Staatsdienst stand. Trotzdem war es vielmehr eine Berufung als einfach nur ein Job …

Ach, er hätte lange darüber sinnieren können. Wie er es auch schon oft getan hatte. Aber nie war er mit seinen Überlegungen an einem Ziel angekommen. Wohl weil es ein solches Ziel nicht gab. Und weil wohl alles im Grunde viel simpler war, als er es manchmal glauben wollte: Seine Großmutter hatte ihm eine Aufgabe übertragen. Ihre eigene Aufgabe nämlich, die sie bis zu ihrem Tod selbst erfüllt hatte. Wahrscheinlich. Sicher wusste Jimmy das nicht. In der Familie sprach niemand darüber. Aber die Ahnung, dass es so sein musste, war in ihm, so wie alles, was seine Großmutter gewusst und gekonnt hatte, in ihm und mit ihm war. So wie das Mal immer mit ihm war.

Die ihm anvertraute Aufgabe bestand darin, Böses aufzuspüren und zum Guten zu wenden. Sein Totemtier führte ihn auf solche Fährten. Wann immer das Mal von seinem Arm verschwand und zu einer Krähe wurde, brauchte er ihr nur zu folgen, und sie wies ihm einen Ort, wo es etwas zu tun gab für ihn.

Diesmal hatten sie einen langen Weg zurücklegen müssen. Jimmy war in San Francisco gewesen, als das Mal plötzlich von seinem Arm verschwand und der schwarze Vogel vor ihm saß – auf einer Stuhllehne in seinem Lieblingsrestaurant in Chinatown. Zum Glück konnte wirklich nur er die Krähe sehen, und selbst für ihn war sie oft eher nur ein Schatten als wirklich materiell. Dafür hörte er ihr Krächzen umso deutlicher, und es wurde – wenn auch nur in seinen Ohren – immer lauter, wenn er sich nicht beeilte, ihr zu folgen, oder wenn er zu begriffsstutzig war, um zu verstehen, was sie von ihm wollte. Gerade so, wie früher seine Großmutter manchmal mit ihm geschimpft hatte …

In diesem Fall hatte die Krähe ihn quer über den nordamerikanischen Kontinent gelotst – von der West- an die Ostküste, nach Massachusetts, und dort in die Hauptstadt des Bundesstaats, Boston.

Hier war er nun. Oder fast. Denn tatsächlich befand er sich ein Stück außerhalb der Stadt, die zu den ältesten und kulturell reichsten der USA gehörte. Die nächtliche Skyline Bostons glitzerte in einiger Entfernung, davor spannten sich wie bizarre Spinnennetze verzweigte Brückenkonstruktionen über die Flüsse der Stadt.

Jimmy Whitewater ließ die Wagentür ins Schloss klappen. Die Innenbeleuchtung erlosch nach ein paar Sekunden, doch Jimmys Augen hatten sich inzwischen an die herrschenden Lichtverhältnisse gewöhnt. Der Mond spendete etwas Helligkeit, ein Abglanz der Lichter der Stadt reichte bis hier herüber, und vereinzelt brannten auf dem weitläufigen Gelände ein paar funzelige Laternen. Er sah sich um.

Die Krähe hatte ihn auf einen Schrottplatz außerhalb Bostons geführt. Und so, wie sie dort drüben saß, war das ihr Ziel. Hier also musste … irgendetwas sein. Es sei denn, das Totemtier hatte sich geirrt. Oder eine Gefahr anders eingestuft, als er, Jimmy, es als Mensch getan hätte. Das war schon vorgekommen. Diesmal allerdings … Nein, er hatte es im Gefühl: An diesem Fall war etwas dran. Worin auch immer dieser Fall bestehen mochte.

Jimmy entfernte sich ein paar Schritte von seinem Wagen und rief seinen Chef an. Der meldete sich nicht, und so hinterließ Jimmy ihm nur eine Nachricht. Er gab Bescheid, wo er letztlich gelandet war, und schilderte kurz seine ersten Eindrücke.

»Viel ist nicht zu sehen«, sagte er, das Smartphone am Ohr. »Schrottfahrzeuge, die übereinandergestapelt wurden. Ich würde sagen, teils höher, als es eigentlich zulässig ist. Es sind abenteuerlich schiefe Türme darunter. Da traut man sich kaum, dran vorbeizugehen. Das Zufahrtstor war nicht abgeschlossen, Aufpasser gibt’s offenbar keinen. Jedenfalls kann ich keine Menschenseele sehen. Auch keinen Wachhund oder so. Vielleicht hat es in Boston niemand nötig, alte Autoteile zu klauen. Gehört ja zu den wohlhabendsten Städten unseres Landes.«

Jimmy ging weiter, sah mal nach links, mal nach rechts und immer wieder hoch zu seiner Schattenkrähe, die auf einem der Türme aus Autowracks saß, reglos wie aus Holz geschnitzt. Als wäre sie oberster Teil eines Totempfahls.

Etwas Verdächtiges bemerkte er nicht. Auch keinerlei Bewegung. Er hatte noch nicht einmal das Gefühl, beobachtet zu werden, wie es sich an solchen Orten und unter Umständen wie diesen mitunter einstellte, auch dann, wenn es unbegründet war.

»Komisch«, sprach er in sein Handy, »ich habe einfach nur das Gefühl, ganz allein hier zu sein. Vielleicht steckt ja doch nichts dahinter. Dann möchte ich mich jetzt schon dafür entschuldigen, unnötig Spesen verursacht zu haben, Boss. Aber Sie sagen ja selbst immer: Vorbeugen ist besser als auf die Schuhe kotzen. Und in den allermeisten Fällen liegen wir ja richtig mit unseren Ahnungen, mein Totemtierchen und ich …«

Noch ein Blick in die Runde, dann sagte er: »Okay, ich guck mich noch ein wenig um, wo ich schon mal hier bin, und melde mich dann wieder. Over and out.«

Er beendete die Verbindung, steckte das Telefon ein und lockerte, nur sicherheitshalber, die Pistole im Halfter.

Außer dem Knirschen seiner Schritte war fast nichts zu hören in den finsteren Schluchten aus alten Karosserien. Nur hier und da knarrte Blech, und ein Wind säuselte, mal lauter, mal leiser.

Jimmy hob den Blick und suchte die Krähe. Da war sie. Lautlos hatte sie ihre Position gewechselt, hockte jetzt auf einem anderen Turm, wenn auch genauso unbewegt wie zuvor.

Wo starrte das Tier hin?

Jimmy versuchte, mit seinen Augen der Blickrichtung des Vogels zu folgen. Kein leichtes Unterfangen, es war ja kaum etwas zu sehen. Er zückte von Neuem das Handy und bediente sich der Taschenlampen-Funktion. Das winzige Lämpchen erzeugte ein durchaus beträchtliches Maß an Helligkeit.

Jimmy dirigierte den Lichtschein zu der Stelle, die sein Totemtier zu fixieren schien, zum Fuß eines niedrigen Stapels aus alten Karossen. Nur drei Wracks hatte man hier aufeinandergetürmt. Die oberen beiden waren flachgepresst wie Flundern, das unterste Fahrzeug hingegen schien noch einigermaßen intakt zu sein.

Ein Krankenwagen, erkannte Jimmy. Und zwar ein ganz alter. Aus den Fünfziger- oder Sechzigerjahren, vermutete er. Ein richtiges Schätzchen war das! Und eine Schande, so etwas auf den Schrott zu werfen.

Er ging neugierig näher. Für wirklich alte Autos hatte er ein Faible, da kannte er sich ein bisschen aus. Wenn er sich nicht täuschte – was nicht auszuschließen war, er konnte ja nicht viel sehen –, dann stand hier ein weißer 1959er Cadillac mit Heckklappe. Die Firma Miller-Meteor hatte dieses Modell seinerzeit zu Krankentransportern und auch zu Leichenwagen umgebaut. Sogar Weißwandreifen hatte das gute Stück noch.

»Wow«, machte Jimmy. Andächtig stand er vor dem Chromgrill, der sich wie ein starres metallenes Grinsen über die ganze Breite der Fahrzeugfront zog und sogar noch ein wenig glänzte. Von den vier runden Scheinwerfern, zwei links, zwei rechts, waren allerdings drei zerbrochen.

Hätte er zu Hause bloß Platz gehabt! Aber seine Freundin hätte ihn in hohem Bogen rausgeworfen, wäre er mit so einem Teil angekommen. Wenn sie einmal heirateten, was sie unbedingt wollten, und die Kinder bekämen, die sie sich wünschten, würde ihre jetzige Wohnung nicht mehr reichen. Dann würden sie sich ein Haus suchen müssen. Und vielleicht hätte Jimmy dann eine zusätzliche Garage für so einen Schlitten, an dem er eines Tages mit seinem Sohn herumbasteln könnte. Aber bis dahin …

Jimmy seufzte, steckte das Handy weg und die Hände in die Taschen seiner Hose, die zwar von der Stange, aber elegant war. Das dazu passende Sakko hatte er im Auto gelassen. Der Indian Summer zeigte sich in Neuengland von seiner besten Seite und sorgte auch nachts noch für angenehme Temperaturen.

Jimmy beschloss, einen Blick in den alten Caddy zu werfen. Vielleicht bekam er ja eine der Türen auf oder die Heckklappe …

Er krempelte die Ärmel seines fliederfarbenen Hemds hoch.

Und der Cadillac erwachte zum Leben.

Der intakt gebliebene Scheinwerfer leuchtete auf. Jimmy schloss geblendet die Augen. Reflexhaft hob er eine Hand vors Gesicht. Erst dann setzte das Erschrecken ein. Kälte rieselte ihm wie eine Handvoll Perlen aus Eis über den Rücken.

»Hey!«, rief er. »Wer …«

Über ihm ein Krächzen. Beinahe schmerzhaft sägte sich der Laut in seine Ohren. Sein Totemtier. Es warnte ihn.

Jimmy blinzelte zwischen den Fingern hindurch über den Scheinwerfer hinweg zur Windschutzscheibe des Cadillac hin. Das Licht blendete ihn trotzdem noch. Er konnte kaum etwas sehen außer diesem Weiß, das ihm die Augen zu verbrennen schien.

War da ein Schemen hinter der Scheibe? Oder täuschten ihn das Licht und die Reflexionen auf dem Glas?

Doch, da rührte sich etwas. Jemand …

Dann brüllte der Cadillac auf und bewegte sich! Er ruckte nach vorn. Die Schnauze schoss auf Jimmy Whitewater zu, schien Zähne aus Chrom zu blecken, als wollte sie ihn fressen. Unter der Motorhaube dröhnte es.

Die beiden platt gewalzten Wracks auf dem Dach des Krankenwagens schaukelten und rutschten nach hinten. Der weiße Cadillac bäumte sich durch die Gewichtsverlagerung vorne auf – und riss sich los wie ein Tier von der Kette!

Als machte der schwere Wagen einen Sprung wie ein Panther, so setzte er mit röhrendem Motor auf Jimmy zu. Der wusste selbst nicht, warum er immer noch wie gelähmt dastand. Er hatte die Situation noch gar nicht richtig erfasst, und es ging auch alles viel schneller, als sein Hirn es verarbeiten und darauf reagieren konnte.

Der Cadillac erwischte ihn hart an der Hüfte. Rammte ihn regelrecht. Warf ihn um.

Jimmy hörte und spürte Knochen brechen, und er wusste, als würde es ihm eingeflüstert: Selbst wenn ihn dieser Zusammenprall nicht umbrachte, war es jetzt vorbei.

Und dann schienen, wie Jimmy es schon bei seiner Ankunft hier befürchtet hatte, die schwarzen Blechberge ringsum einzustürzen und ihn unter sich zu begraben.

Klack, klack, klack …

»Verdammt!«

Der sechste Mord stand bevor.

Das musste aufhören. So durfte es nicht weitergehen! Und das nicht nur, weil die Polizei schon auf ihn aufmerksam geworden und dagewesen war. Sie hatten seine Fährte aufgenommen, dann aber keine Beweise gefunden. Natürlich nicht. Es gab ja auch keine. Nun, zumindest keine, mit denen die Polizei etwas hätte anfangen können. Trotzdem …

»Das war’s«, sagte er. »Ende!«

Klack.

Er lehnte sich auf seinem zerschlissenen Schreibtischstuhl zurück und verschränkte demonstrativ die Arme.

Natürlich würde er den Pakt brechen, wenn er Schluss machte. Aber das war ihm egal. Sollten sie – wer immer sie auch sein mochten – ihn doch holen. Dann gäbe es zwar noch einen Toten, ihn nämlich. Aber mehr eben nicht. Jedenfalls nicht durch seine Schuld.

»Schuld«, flüsterte er, und das Wort schien wie ein Gespenst durchs Zimmer zu geistern. »Dass ich nicht lache.«

Aber zum Lachen war ihm weiß Gott nicht mehr zumute. Am Anfang noch, ja. Als alles wie am Schnürchen gelaufen war. Nachdem sein Traum wahr geworden, sein absurder Wunsch in Erfüllung gegangen war. Oh ja, darüber hätte er lachen können. Über seine Dummheit, die ihn glauben gemacht hatte, dieses Ding wäre ein Geschenk des Himmels!

Das genaue Gegenteil war der Fall, wie er heute wusste.

Er starrte es hasserfüllt und voller Ekel an.

Und er dachte nach. Endlich dachte er selbst wieder einmal nach. So wie früher. Wenn er dagesessen und auf die leere Seite gestarrt hatte. Bis ihm etwas eingefallen war. Und bis er gemeint hatte, es müsse doch nicht sein, so viel Zeit mit müßigem Grübeln zu verlieren – woraufhin er seinen verhängnisvollen Wunsch geäußert hatte …

Aber jetzt überlegte er wieder.

Er wusste, dass er nichts rückgängig, nichts ungeschehen machen konnte. Dieses Ding hatte keine Löschtaste.

Gestalten ließ sich nur das, was noch nicht geschehen war. Was noch kam. Die Zukunft. Das nächste Kapitel … und das Ende. Davon war noch nichts festgeschrieben.

Ihm kam eine Idee. Endlich wieder eine eigene Idee!

Er lächelte. Ließ die Finger knacken. Und machte sich ans Werk.

Klack, klack, klack …

»Zick, zack, zick, zack …«

Jimmy Whitewater versuchte, die Augen zu öffnen. Es ging nicht. Als wären seine Lider zusammengenäht.

»Zick, zack …«

Er war blind. Nur hören konnte er. Und nur diese Stimme. Immer wieder: »Zick, zack …«

Und er fühlte. Brennende Schmerzen, die seinen ganzen Körper zu überziehen schienen. Wie die Fäden eines Netzes, in dem er sich verfangen hatte.

»Zick, zack …«

Die Schmerzen nahmen zu. Gebaren immer neue. Feurige Linien, die über seine Haut verliefen und sich wie Säure ins Fleisch fraßen. Im Zickzack …

»W …w …wer … au!«

Auch Jimmys Lippen waren verklebt und nur schwer voneinander zu lösen gewesen. Er fuhr mit der Zunge darüber. Sie fühlten sich rau an und rissig. Als habe er den Mund buchstäblich aufreißen müssen, um einen Ton herauszubekommen.

Er schmeckte Blut. Schon angetrocknetes, krustiges und auch frisches, feuchtes. Noch warm.

»Was …«, setzte er an und verlegte sich dann doch auf die Frage: »Wer ist da?«

Jemand lachte leise. Dann wieder: »Zick, zack.«

Und neue Schmerzen gesellten sich zu den alten.

Jimmy wollte sich bewegen, aber sein Unterleib schien wie tot zu sein. Er spürte weder seine Beine noch seine Füße, wusste nicht, ob sie den Befehlen seines Kopfes gehorchten. Ob sie ihn überhaupt hörten.

Dann hörte er in Gedanken noch einmal das Geräusch brechender Knochen. Vielleicht auch seiner Wirbelsäule. Als … als der alte Cadillac ihn niedergewalzt und er das Bewusstsein verloren hatte.

Er versuchte, eine Hand zu heben. Sie konnte er spüren. Aber er spürte auch, dass er gefesselt war. Breite, lederne Riemen schienen um seine Handgelenke geschnallt zu sein. Er selbst lag auf einer flachen, leidlich weichen Unterlage.

Verdammt, wo war er? Und was passierte mit ihm?

»Zick, zack …«

Es tat so weh! Dieser brennende, beißende Schmerz, überall – und doch noch nicht wirklich überall, denn in einer Tour fraß er sich in weitere Stellen seines Körpers hinein.

Jimmy knurrte. Schrie. Und bekam endlich die Augen auf. Seine Lider schienen in Flammen aufzugehen, so brannte es, sie voneinander loszureißen. Er blinzelte. Blut hatte sie miteinander verklebt. Viel Blut. Sein Blut.

Seine Augen tränten. Sekundenlang nahm er nur trübe gelbliche Helligkeit wahr. Und etwas Dunkles, das sich über ihm bewegte. Wie ein schwarzer Luftballon, der da schwebte.