Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

John Sinclair - Folge 1918 E-Book

Timothy Stahl

4.38888888888889 (18)

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E-Book-Beschreibung John Sinclair - Folge 1918 - Timothy Stahl

Eigentlich wollte ich in New York nur ein paar ruhige Tage mit meinem alten Freund Abe Douglas verbringen, bevor ich wieder nach London zurückmusste. Doch dann kam alles ganz anders. Ein Wärter wurde im Bronx-Zoo angegriffen und stammelte immer nur etwas von einem Monster. Abe und ich dachten zunächst an einen Werwolf. Doch schon bald wurde uns klar, dass wir uns getäuscht hatten. Dieser Fall war anders. Uns erwartete etwas viel Schlimmeres.

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E-Book-Leseprobe John Sinclair - Folge 1918 - Timothy Stahl

Inhalt

Cover

Impressum

Die Bestie erhebt sich

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Dane Jorgensen

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-1059-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Die Bestie erhebt sich

(1. Teil)

von Timothy Stahl

Ghouls! Nicht nur gegen zwei oder drei dieser widerlichen Kreaturen musste ich mich auf der Toteninsel von New York zur Wehr setzen. Es waren Dutzende! Die Schüsse aus meiner Beretta zerrissen die Nacht. Jede meiner Silberkugeln traf ihr Ziel. Aber für jeden Ghoul, den ich so vernichtete, wühlten sich mindestens zwei neue der monströsen Kreaturen aus dem Erdboden, in dem fast eine Million Tote geruht hatten – bis ihre letzte Ruhe von den Leichenfressern gestört worden war …

Ich kam mir vor wie auf einem Schießstand, wo man zu Übungszwecken auf täuschend echte 3D-Zielfiguren ballert. Nur hatte ich hier auf Hart Island nördlich der Bronx den Vorteil, dass ich nicht binnen eines Augenblicks entscheiden musste, ob ich Freund oder Feind vor mir hatte – hier wollten mir alle ans Leder!

Dementsprechend konnte ich fast blindlings draufhalten. Und das tat ich auch. Das musste ich tun, denn andernfalls konnte es mir leicht an den Kragen gehen.

Ein Ghoul war trotz seiner gefährlichen Piranhazähne kein Supergegner, noch nicht einmal eine wirklich harte Nuss. Aber wenn mich die Erfahrung eines gelehrt hatte, dann war es die Vorsicht auch vor scheinbarem Kroppzeug der anderen Seite. Denn auch das konnte einem Geisterjäger zum Verhängnis werden – wie zum Beispiel in diesem Fall, wo diese eigentlich niedersten Dämonen ihre zahlenmäßige Überlegenheit in die Waagschale warfen und zu einer ernst zu nehmenden Gefahr wurden.

Der Nachschub der Ghouls schien endlos zu sein. Als würden sie im Erdreich dieser Insel geboren, stiegen sie daraus empor, aus den Massengräbern, in denen Mittel- und Obdachlose beigesetzt wurden, ohne jede Zeremonie, anonym und ohne Markierungen an den Grabstätten.

Ich wusste nicht, wie viele Silberkugeln ich inzwischen schon verschossen hatte, und ich wollte es auch gar nicht wissen. Sir James Powell, mein Vorgesetzter bei Scotland Yard, würde mir die Zahl noch früh genug unter die Nase reiben – und obendrein vorrechnen, was dieser Einsatz allein vom Munitionswert her gekostet hatte. Das würde ihm gehörig auf den ohnehin stets angegriffenen Magen schlagen.

Ich beschloss, ihm weiteren Kummer zu ersparen, und die Waffe zu wechseln …

Die Dämonenpeitsche wäre gegen diese Art und Zahl von Gegnern eine gute Alternative gewesen. Damit hätte man diese ekelhaften Geschöpfe regelrecht hinwegfegen können. Aber die Peitsche mit den magischen Riemen aus Dämonenhaut war die Waffe meines Partners Suko, und der war nicht hier, sondern auf Sir James’ Geheiß in London geblieben, falls es dort oder anderswo Arbeit gab für unsere kleine Spezialabteilung, die auf Übersinnliches abonniert war.

Kein Problem. Ich stand schließlich auch ohne Beretta und Peitsche nicht waffenlos da …

Drei, vier Ghouls, die mir so dicht auf die Pelle gerückt waren, dass mir ihr penetranter Verwesungsgestank den Atem verschlug, schoss ich noch ab, um mir ein wenig Luft zu verschaffen.

Schleim spritzte mir entgegen, zähe Tropfen davon blieben mir auf Stirn und Wangen kleben, ein Schwall traf meinen Jackenärmel, der schon von vorherigen Treffern durchnässt und verkleistert war.

Der Stoff des Hemdes darunter pappte auf meiner Haut wie festgefroren. Es fuhr ein fast schon eisiger Wind durch den Sund, der Long Island vom Festland trennte und in dem sich diese Insel der buchstäblich armen Seelen wie ein von der Ostküste Amerikas abgebrochener und aufs Wasser gedrifteter Splitter ausnahm.

Noch ein Schuss, noch ein Ghoul verging, dann steckte ich die Beretta blitzschnell weg, während ich mit der anderen Hand schon nach der Kette griff, an der ich mein silbernes Kreuz um den Hals trug. Ich wollte es abnehmen, hochhalten, um die grauenhafte Gegnerschaft kraft des christlichen Symbols auf Abstand zu halten, und dann die Formel rufen, die das gesamte Potenzial dieser meiner stärksten Waffe gegen das Böse freisetzte.

Wäre es klug gewesen, gleich auf das Kreuz und seine ganze Macht zurückzugreifen? Natürlich. Aber, ehrlich gesagt, hatte ich Hemmungen gehabt, diese Kräfte, die so stark waren, dass sie nur von der allerhöchsten Instanz herrühren konnten, wegen einer solchen Nichtigkeit wie einer Horde Ghouls zu bemühen. Vielleicht befürchtete ich ja insgeheim, diese Mächte könnten mir eines Tages ihre Dienste versagen, wenn ich sie ständig mit Kinkerlitzchen behelligte, statt mich anderweitig zu behelfen …

Was es auch war – in diesem Fall hätte ich besser von vornherein zum Kreuz gegriffen.

Denn jetzt kam ich nicht mehr dazu, es zur Hand zu nehmen und zum Einsatz zu bringen. Weil zwei Dinge gleichzeitig geschahen.

Zum einen traf mich Fäulnisgeruch wie eine Welle von hinten und weckte Brechreiz in mir.

Und zum anderen schlangen sich zwei schleimige Pranken mit Fingern wie kalte Würmer um meinen Hals und drückten so abrupt und kräftig zu, dass mir auf der Stelle die Luft wegblieb!

***

Sofort staute sich das Blut in meinem Kopf. Ich hatte das Gefühl, er schwelle an wie ein Ballon, der aufgeblasen wurde.

Binnen einer halben Sekunde war die Situation umgeschlagen. Eben hatte ich sie noch im Griff gehabt, jetzt war ich auf einmal der Verlierer. John Sinclair, der große Geisterjäger, von einem einfachen Ghoul getötet! Noch nach meinem Tod würde ich zum Gespött der ganzen Hölle werden.

Meine Hände hatten sich reflexhaft in die meines Gegners gekrallt, der mich von hinten erwischt hatte. Meine Finger versanken in dem klebrigen Schleim, die seine Körpersubstanz war, aber ich bekam nichts zu fassen, um den Würgegriff zu lösen.

Unbegreiflich eigentlich, wie quasi körperlos diese Pfoten waren, obwohl eine ungeheure Kraft in ihnen steckte. Dazu hatte der Schleim eine ätzende Wirkung, die meine Haut brennen ließ wie von einem Nesselausschlag.

Verdammt, hätte der Ghoul doch nur die silberne Kette um meinen Hals berührt. Auch sie war geweiht, und eine Berührung damit hätte ihn vielleicht nicht vernichtet, aber zumindest zum Loslassen gebracht, als fasste ein Mensch eine heiße Herdplatte an. Aber den Gefallen tat er mir nicht. Entweder hatte er das Glück auf seiner Seite und kam deshalb nicht mit der Silberkette in Kontakt, oder er mied sie bewusst oder auch nur instinktiv.

Ein müßiger Gedanke, in meiner Lage jedenfalls. Vielleicht ein Anzeichen dafür, dass mir die Sinne bereits schwanden und mein Denken schon auf unsinnigen Abwegen wandelte.

Ich raffte alles zusammen, was ich an Konzentration noch aufbringen konnte.

Mein Kreuz! Ich hatte es einsetzen wollen. Dafür war es noch nicht zu spät. Ich musste es dazu nicht abnehmen. Ich brauchte es nur in die Hand zu bekommen, und wenn ich es dann anhob und den Ghoul hinter mir irgendwie damit berührte …

Nur hatte ich es jetzt nicht mehr nur mit dem Ghoul hinter mir zu tun – sondern auch mit den beiden links und rechts von mir, die meine Arme packten und mit ihren mörderischen Kräften ruckartig so verdrehten, dass sie mir Ellbogen und Schulter zu brechen drohten.

Irgendwie entrang sich meiner zugeschnürten Kehle noch ein kläglich leiser Schmerzenslaut. Damit war auch das letzte bisschen Luft, das noch in meinen Lungen gewesen war, dahin.

Ich konnte mich nicht rühren.

Die Ghouls würden mich töten. Und dann meine Leiche fressen. Übrig bleiben würden meine Knochen, und die würden sie auf einem Triumphzug durch die Dämonenreiche tragen. Vielleicht würden meine Gebeine ihnen helfen, das Ansehen ihrer Rasse endlich zu steigern.

Ein Trost war mir das nicht.

Mein verschleierter Blick schweifte über das unruhige Wasser des Long Island Sounds bis hinüber nach Manhattan. Wie ein letzter Gruß aus der Welt der Lebenden kamen mir die Lichter der fernen Wolkenkratzer vor.

Dann erloschen sie.

***

Donnerschläge zerrissen die Nacht, die mich mit völliger und irgendwie sogar wohliger Dunkelheit umfing.

Ich sah wieder Licht, das der Wolkenkratzer jenseits des Wassers und das der Scheinwerfer, die Hart Island so ausleuchteten, als läge die Insel in hellem Sonnenschein.

Und ich bekam wieder Luft!

Die würgenden Pranken, die meinen Hals förmlich umschlungen hatten, glitten ab, und noch in der Bewegung spürte ich, wie sie sich dabei auflösten und zu körnigem Staub wurden, der mir über Brust und Rücken rieselte. Nur die Haut brannte noch, als hätte ich mir einen schlimmen Sonnenbrand geholt.

Meine Arme waren ebenfalls wieder frei. Die Ghouls, die sie eben noch festgehalten und verdreht hatten, existierten nicht mehr. Ihre grießigen Überreste wehte der kalte Wind davon, über das Eiland hinweg und aufs Wasser hinaus.

Ich richtete mich auf aus der verkrampften Haltung, in die sie mich mit ihren Hebelgriffen gezwungen hatten, und sog gierig die Luft ein. Es tat weh, meine Kehle schien immer noch verengt zu sein, mein Atem ging pfeifend und rasselnd.

Aber zum geruhsamen Erholen war keine Zeit, denn der Angriff der Ghouls war noch nicht ausgestanden – auch wenn mein alter Freund Abe Douglas mich gerade in letzter Sekunde aus der Klemme gezogen hatte!

Mit drei Schüssen aus seiner eigenen Dienstwaffe, die ebenfalls mit Silberkugeln geladen war, hatte der blonde FBI-Agent die Ghouls, die mir um ein Haar den Garaus gemacht hätten, vernichtet.

Ich dankte Abes Ausbildern und meinem Schöpfer dafür, dass der G-man ein ausgezeichneter Schütze war – er war nämlich ein gutes Stück von mir entfernt gewesen, und hätten entweder ich oder die Ghouls eine falsche Bewegung gemacht, hätte mindestens eine von Abes Kugeln durchaus auch mich treffen können!

Dieser irre Ami …

Nichtsdestotrotz war ich ihm natürlich aufrichtig dankbar dafür, dass er mich davor bewahrt hatte, als Ghoulfutter zu enden.

»Keine Müdigkeit vorschützen!«, rief er mir zu und schoss dabei zwei Ghouls nieder, die auf ihn zusteuerten. »Weiter geht’s!«

Ich nickte. »Zeit fürs Finale!«, wollte ich rufen, aber meiner schmerzenden Kehle entrangen sich nur heisere Laute, die Abe über die Entfernung hinweg wahrscheinlich gar nicht verstehen konnte.

Zum Zeichen für das, was ich vorhatte, hob ich deshalb mein Silberkreuz in die Höhe.

Jetzt nickte der FBI-Mann, der einer Spezialtruppe angehörte und mit dem ich schon etliche Male gegen die Kräfte der Finsternis angetreten war. »Feuerwerk?«

»Du sagst es.«

Dann, endlich, sprach ich die Formel, die die ganze Macht dieser ultimativen Waffe gegen das Böse aktivierte. Das heißt, in Wahrheit sprach ich sie nicht, ich krächzte sie nur, mehr war nicht drin – aber Lautstärke war hier zum Glück kein entscheidender Faktor.

»Terra pestem teneto – salus hic maneto …«

***

Reinstes Licht hatte sich wie eine Glocke über Hart Island gestülpt, unbeschreiblich hell, ohne zu blenden, und trotzdem ließ sich kaum sagen, was wirklich geschehen war in diesen seltsam zeitlosen Augenblicken, in denen das Kreuz seine volle Wirkung entfaltet hatte.

Nur das Ergebnis war zu sehen, als dieses pure weiße Licht wieder verging und nur noch die Scheinwerfer die kleine Insel erhellten.

Oder vielmehr war nichts zu sehen. Nichts mehr.

Die Ghouls, die das Eiland eben noch förmlich bevölkert hatten, waren verschwunden. Als hätten Abe Douglas und ich den gleichen Albtraum gehabt, aus dem wir nun erwacht waren.

»Sieht aus, als wär’s das gewesen«, meinte der blonde G-man.

Ich hatte mir das Kreuz wieder umgehängt, aber nicht unter Jacke und Hemd verschwinden lassen. Stattdessen trug ich es offen vor der Brust. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Vor allem dann, wenn man gerade mehr oder weniger leichtsinnigerweise fast einer Schar Ghouls zum Opfer gefallen wäre …

»Lass uns noch eine Runde drehen«, sagte ich. Das Sprechen fiel mir wieder etwas leichter. »Sicher ist sicher.«

»Einverstanden.«

Im Licht der Scheinwerfer, die Abe tagsüber hatte aufstellen lassen, damit wir unseren Einsatz gegen die nachtaktiven Ghouls nicht im Dunkeln absolvieren mussten, stiefelten wir los und hielten nach übrig gebliebenen Leichenfressern Ausschau.

Ein langer Marsch wurde es nicht. Die Insel, die im Sezessionskrieg ein Gefangenenlager der Union und später eine Nervenheilanstalt, ein Tuberkulose-Krankenhaus und eine Knabenschule beherbergt hatte, war nicht groß. Hart Island war anderthalb Kilometer lang und 400 Meter breit, das ergab eine Fläche von etwas mehr als einem halben Quadratkilometer. Und für das Potter’s Field, den Armenfriedhof, wurden nur 18 Hektar genutzt.

Trotzdem sahen wir uns überall auf der Insel um. Ich wollte keine einzige dieser widerwärtigen Kreaturen übersehen, die sich an den Toten vergriffen und sich von ihnen ernährten.

»Es tut mir ja fast ein bisschen leid, dich herüber bemüht zu haben, John«, meinte Abe, der die linke Seite unseres Weges mit Blicken absuchte, während ich mich rechts umsah.

»Warum das denn?«, fragte ich erstaunt.

»Na, mit so ein paar Ghouls hätten wir hier auch allein fertigwerden können.«

»Nach meiner Zählung waren das mehr als nur ein paar.« Ich rieb mir den Hals, wo ich den Griff der kalten Schleimpranken immer noch spüren konnte.

»Du weißt schon, was ich meine.«

»Vergiss es. Außerdem freue ich mich, dich endlich mal wiederzusehen«, sagte ich, und das meinte ich ehrlich.

Es war eine ganze Weile her, seit Abe Douglas und ich gemeinsam gegen die andere Seite angetreten waren. In Las Vegas war das gewesen, wo wir es mit dämonischen Wölfen zu tun gehabt hatten.

In der Zwischenzeit war Abe allerdings nicht nur seiner üblichen FBI-Arbeit nachgegangen. Er hatte durchaus auch gegen dämonische Gegner gekämpft, wie ich aus Telefonaten wusste. Mit denen war er jedoch allein fertiggeworden. Geweihte Silberkugeln gehörten mittlerweile auch zu seiner Ausstattung.

»Ich freue mich auch. Es wäre nur schön, wenn es mal ohne offiziellen Anlass klappen würde, dass wir uns sehen.«

»Da sagst du was.«

Wir wussten beide, dass das ein Wunschtraum bleiben würde. Genau wie ich war auch Abe immer im Einsatz. Ein längerer Urlaub war praktisch ein Ding der Unmöglichkeit.

»Wenn es um Ghouls geht, reagierst du ein bisschen allergisch, stimmt’s?«, fragte ich, während uns der kühle Wind den Salzgeruch des Atlantiks um die Nase blies.

Gott sei Dank nur den und nicht den Gestank von Ghouls. Unter unseren Füßen knirschten Erde, trockenes Gras und altes Laub. Bis auf diese Geräusche und das Säuseln des Windes, der um die Ecken und durch die glaslosen Fenster leerer Gebäude strich, war nichts zu hören.

»Stimmt«, antwortete Abe auf meine Frage. »Da habe ich immer die Befürchtung, es könnte mehr dahinterstecken.«

»Du denkst an Xorron?«

»Genau.«

Xorron war ein Gegner gewesen, der sich vor Jahren Herr der Zombies und der Ghouls genannt hatte. Als er damals aufgetaucht war, hatte ich Abe Douglas kennengelernt. Für ihn war es die erste Begegnung mit den Ausgeburten der Hölle gewesen, und die hatte ihn geprägt oder in gewissem Umfang sogar traumatisiert.

Dass er also Unrat witterte, sobald es um Ghouls ging, konnte man ihm nicht verübeln, was ich ohnehin nie getan hätte. Zumal ich es in jüngster Vergangenheit wieder häufiger mit Ghouls zu tun bekommen hatte. Hoffentlich war dieses relativ massive Auftauchen kein Anzeichen dafür, dass die Ghouls wieder einmal vorhatten, in Zukunft eine größere Rolle zu spielen …

Ich beorderte meine Gedanken zurück ins Hier und Jetzt.

»Zum Glück hat sich deine Befürchtung nicht bewahrheitet«, griff ich den Faden meines Gesprächs mit Abe Douglas wieder auf. »Die Ghouls von Hart Island verfolgten keinen größeren Plan, und sie wurden auch von niemandem gelenkt oder beherrscht. Sie fanden sich auf der Toteninsel ein, so wie sich in einem verfallenden Haus früher oder später Ratten einnisten. Viel mehr sind diese Aasfresser unter den Dämonen ja auch nicht. Ungeziefer, das nicht einmal die Hölle haben will.«

Abe ließ den Blick über die Insel schweifen. »Bis zu tausendfünfhundert Menschen werden hier pro Jahr beigesetzt, die Ärmsten der Armen, Stadt- und Landstreicher, Säuglinge, Totgeburten. Die genormten Särge werden in den Gräbern gestapelt. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geht das so. Da ist inzwischen ganz schön was zusammengekommen. Für Ghouls ist das ja so was wie ein All-you-can-eat-Buffet.« Der blonde FBI-Agent fröstelte sichtlich. »Ein Wunder, dass sie noch nicht früher darüber hergefallen sind.«

»Wer weiß?«, hielt ich dagegen. »Vielleicht wurden sie früher nur nicht ertappt. Oder es sind mittlerweile so viele geworden, dass sie sich praktisch nicht mehr verstecken konnten.«

»Damit könntest du natürlich recht haben.«

Abe hatte Wind vom Treiben der Ghouls auf Hart Island bekommen, weil die Sträflinge, die die Massengräber ausheben und die vielen Toten beisetzen mussten, aufgebrochene Särge und angefressene Leichen gemeldet hatten. Lebende waren glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen. Dass es dazu auch künftig nicht kommen würde, dafür hatten wir heute Nacht hoffentlich gesorgt.

»Vielleicht sollte man die Grabstätten hier doch mit Kreuzen markieren«, überlegte Abe laut. »Um Ghouls fernzuhalten.«

Ich winkte ab. »Das bringt nichts. Die wühlen sich von unten her an die Toten heran und holen sie sich. So treiben sie ihr Unwesen ja auch auf christlichen Friedhöfen. Ich sag’s doch: Ungeziefer. Auf Dauer wird man die nicht los.«

»Ein Glück, dass es Xorron damals nicht gelungen ist, die Ghouls im großen Stil zu organisieren. Wer weiß, was daraus erwachsen wäre …«

»Am besten gar nicht mehr darüber nachdenken«, riet ich meinem Freund und Kollegen, während ich meinen eigenen Rat befolgte und den Gedanken an den grässlichen Mr. Grimes verscheuchte, der lange vor Xorron versucht hatte, die Ghouls zu vereinen und anzuführen.

Wir warfen einen letzten Blick in die Runde und kamen überein, dass die Insel »sauber« war. Dann machten wir uns auf den Weg zur Pier, wo wir das schnittige Motorboot vertäut hatten, mit dem wir am Abend auf die Insel gekommen waren. Die Scheinwerfer und Generatoren würden morgen abgebaut werden. Auch herumliegende Silberkugeln, die sich einschmelzen und recyceln ließen, würde man aufsammeln. Die damit beauftragten Männer würden ihre Arbeit dank uns gefahrlos erledigen können.

Dieser Gedanke erfüllte mich mit einem guten Gefühl.

»Was hältst du davon, noch ein wenig in New York zu bleiben?«, fragte Abe, als wir über den Long Island Sound aufs Festland zu brausten. Gischt sprühte vor dem Bug auf und benetzte unsere Gesichter.

»Davon halte ich eine ganze Menge. Wenn in London nichts anliegt, womit Suko nötigenfalls nicht alleine fertigwerden könnte, sollten zumindest ein paar freie Tage eigentlich kein Problem sein.«

»Wunderbar.« Abe ließ das kleine Steuerrad kurz los und klatschte in die Hände. »Über mir sind zwei süße Zwillingsschwestern eingezogen, die mir immer wieder in den Ohren liegen, doch mal mit ihnen um die Häuser zu ziehen. Da könnte ich dich gut zur Verstärkung brauchen. Der Jüngste bin ich ja auch nicht mehr.«