Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

John Sinclair - Folge 1924 E-Book

Timothy Stahl

(0)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung John Sinclair - Folge 1924 - Timothy Stahl

Bereits seit einigen Nächten stiegen Mateo und die beiden anderen immer wieder in dieses unterirdische Reich hinab. Mühsam bahnten sie sich ihren Weg, um Nacht für Nacht ein kleines Stück weiterzukommen. So auch heute. Immer tiefer ging es nach unten, weiter auf ihr Ziel zu. Mateos Anspannung wuchs. Er spürte, dass die dicke dunkle Ratte ihn auf Schritt und Tritt verfolgte. Das Tier beobachtete ihn aufmerksam. Und das Funkeln in den schwarzen Rattenaugen schien zu sagen: "Ihr Narren! Wenn ihr wüsstet, was euch erwartet."

Meinungen über das E-Book John Sinclair - Folge 1924 - Timothy Stahl

E-Book-Leseprobe John Sinclair - Folge 1924 - Timothy Stahl

Inhalt

Cover

Impressum

Königin der Ghouls

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Timo Wuerz

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-1149-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Königin der Ghouls

von Timothy Stahl

Bereits seit einigen Nächten stiegen Mateo und die beiden anderen immer wieder in dieses unterirdische Reich hinab. Mühsam bahnten sie sich ihren Weg, um Nacht für Nacht ein kleines Stück weiterzukommen. So auch heute. Immer tiefer ging es nach unten, weiter auf ihr Ziel zu.

Mateos Anspannung wuchs. Er spürte, dass die dicke dunkle Ratte ihn auf Schritt und Tritt verfolgte. Das Tier beobachtete ihn aufmerksam. Und das Funkeln in den schwarzen Rattenaugen schien zu sagen: »Ihr Narren! Wenn ihr wüsstet, was euch erwartet …«

Die Ratte setzte ihren Weg über den steinernen Sims, der auf Kopfhöhe an der Wand des engen Tunnels verlief, leise fort.

Ungleich lauter waren das Ächzen und Schnaufen der Männer, das Poltern und Knirschen der Felsstücke und Mauerreste, die sie links und rechts des Weges aufstapelten.

Trotzdem war die Ratte zu hören.

Tico Vernandez störte sich daran kaum mehr als sein in jeder Hinsicht größerer Bruder Javier, der im Licht der mitgebrachten Camping-Laternen stoisch wie eine Maschine vor sich hin arbeitete.

Tico, längst nicht so kräftig wie Javier, aber doch viel stärker, als es sein fast magerer Körper vermuten ließ, war es keineswegs angenehm, dass die Ratte ihn belauerte. Genauso wenig wie den merkwürdigen Umstand, dass das fette Tier – nur dieses eine, kein weiteres – allabendlich, wenn sie hier herunterkamen, in den Bauch der Erde unter Mexiko-Stadt, auf sie zu warten schien. Was wollte das Tier von ihnen?

Ach, egal. Tico bückte sich und hob den nächsten Brocken auf, den Mateo Souza mit dem Spaten gelöst und aus dem Haufen, der ihnen den Weg versperrte, herausgehebelt hatte. Er legte ihn zu den anderen auf die inzwischen fast hüfthohe Mauer, die sie aus Steinschutt und Trümmern entlang der eigentlichen Gangwand aufgeschichtet hatten.

Mateo ächzte und schnaufte am lautesten unter der schweren Arbeit, die sie sich aufgehalst hatten. Trotzdem hörte er nicht auf, das elende Rattenvieh in einer Tour zu verfluchen, und das mit jedem Mal fantasievoller.

Offenbar hielt ihn das in Schwung. Denn allem Keuchen zum Trotz ließ seine Kraft nicht nach, obwohl er Tico vom Leibesumfang her um mindestens das Dreifache übertraf, dabei aber einen guten Kopf kleiner war als Javier.

Jetzt war die fast unterarmlange Ratte auf dem Sims an Tico und Javier vorbeigehuscht. Sie hockte nun direkt über Mateo und glotzte auf ihn herab. Sie schien zu grinsen.

Da grunzte Mateo, und das Grunzen schwoll an zu einem gutturalen Schrei. Mateo holte mit dem Spaten aus – und drosch zu.

Letztlich wohl doch mehr zufällig als wirklich gezielt traf die scharfe Kante des Spatenblatts das Tier genau in der Mitte seines pelzigen Leibes und hieb ihn mit einem dumpfen Laut entzwei.

Das Funkeln in den Augen der Ratte erlosch schlagartig, ihr Blick blieb auf Mateo geheftet. Der rosige Schwanz zuckte noch einmal, verkrampfte und erschlaffte. Beide Hälften des Kadavers blieben auf dem Sims liegen. Eingeweide quollen hervor. Blut floss über die Kante des Mauervorsprungs.

Stille trat ein und währte zwei, drei Sekunden lang.

Dann dröhnte Javier: »Mateo!«

Tico und Mateo fuhren zusammen, duckten sich, erwarteten ein Donnerwetter. Denn Javier hasste Gewalt, gleich, ob sie sich gegen Menschen oder Tiere richtete.

»Entschuldige. Das war nicht meine Absicht!«, beteuerte Mateo.

Javier nahm Mateos runden Wuschelkopf zwischen seine riesigen Hände.

»Ich wollte das Biest doch nur verscheuchen …«, quetschte Mateo hervor.

»Mateo Souza! Du dicker, dummer Esel … du bist ein Genie!« Javier lachte herzhaft und küsste Mateo auf die schweißnasse Stirn. »Hier sind wir richtig – wir sind am Ziel!«

***

»Da! Seht ihr das?«, fragte Javier Vernandez. Er war ein baumlanger Bursche, dessen Kopf mit dem wie lackiert wirkenden schwarzen Haar aus jeder Menschenmenge herausragte. Hier unten in diesem niedrigen Gang musste er ihn fortwährend einziehen.

Javier zeigte auf die Wand, dorthin, wo das Blut der toten Ratte in einer etwa handbreiten Bahn herablief. Oder vielmehr lief es dort eben nicht einfach so herab, wie Tico jetzt im Licht einer Lampe, die Javier hochhielt, sehen konnte. Hier und da setzte sich das Blut ab in Vertiefungen im Stein, so flach, dass sie vorher gar nicht zu erkennen gewesen waren.

Und wenn man ein wenig zurücktrat, so weit es die Enge des Tunnels eben zuließ, und wusste, wonach man zu suchen hatte, dann zeigte sich, dass sich diese Vertiefungen auch links und rechts der Spur aus Rattenblut fortsetzten.

Mateo sah es jetzt ebenfalls. Er tunkte einen Finger ins Blut und zeichnete die fast unsichtbaren Rillen in der Wand nach.

»Halt das mal.« Javier reichte Tico die Lampe.

Dann öffnete er seine Umhängetasche und entnahm ihr den Plan, den er in das Licht von Ticos Leuchte hielt. Mit dem Zeigefinger der anderen Hand fuhr er die Linien auf dem Plan nach, die nur dann einen Sinn ergaben, wenn man wusste, was man da in der Hand hielt – eine Schatzkarte.

Der Plan bestand jedoch nicht nur aus Linien, die Wege und unterirdische Gänge symbolisierten. Er enthielt darüber hinaus Zeichen, die einzelne Stellen entlang dieser Wege und Gänge markierten.

Javier suchte offenbar nach ganz bestimmten Zeichen. Als er sie fand und sein Finger darauf verharrte, wusste Tico schon, dass sie mit den Symbolen an der Wand übereinstimmen würden.

»Das ist die Wand, durch die wir müssen«, erklärte Javier.

»Aber«, sagte Mateo verdutzt, »ich dachte, die wäre noch ein ganzes Stück den Gang runter. Warum hast …«

»Ich muss irgendetwas auf dem Plan falsch verstanden haben«, antwortete Javier. »Eine Entfernungsangabe oder sonst was.«

»Vielleicht haben wir auch irgendwo einen falschen Abzweig genommen«, meinte Tico.

Sie waren schließlich nicht einem geraden Weg gefolgt. Immer wieder waren andere davon abgegangen, manche davon so eingestürzt und verschüttet, dass man sie leicht übersehen konnte. Es war nicht schwer, sich in diesem Labyrinth zu verlaufen, selbst wenn man einer Karte folgte – vor allem, wenn diese Karte ein paar hundert Jahre auf dem Buckel hatte und alle Angaben darauf in der Bilderschrift der Azteken verfasst waren.

»Auch möglich«, räumte Javier ein. »Hättest du also die Ratte nicht erschlagen«, er drehte den Kopf wieder Mateo zu, »und hätte deren Blut die Zeichen auf der Wand nicht sichtbar gemacht, dann hätten wir womöglich noch nächtelang weitergebuddelt, ohne je ans Ziel zu kommen.«

Ob es ein solches »Ziel« überhaupt gab, ob das redensartliche X auf der Karte wirklich für einen Schatz stand, blieb noch abzuwarten. Diesen Einwand und seine noch immer nicht ganz ausgeräumten Zweifel an der Echtheit der Karte behielt Tico allerdings für sich.

Javier behauptete, dass zumindest das Rindenpapier, auf das der Plan gezeichnet war, sehr alt und somit authentisch war. Es ließ sich nicht leugnen, dass Javier sich auskannte, wenn es um süd- und vor allem mittelamerikanische Archäologie ging. Damit befasste er sich seit seiner Kindheit.

Zu einem Studium hatte es finanziell nicht gereicht, aber Javier war inzwischen ein gefragter Praktiker in der Branche. Mateo, ebenso wenig studiert wie Javier, begleitete ihn bei seinen Jobs als Helfer, bezeichnete sich selbst aber lieber als »Assistent von Señor Vernandez«.

Seit einiger Zeit nahmen sie auch Tico mit. Was, wie Tico zugeben musste, sein Risiko, sich auf der Straße mit den sogenannten falschen Leuten einzulassen, deutlich verringert hatte. Nach dem Tod seiner Mutter war diese Gefahr eine Zeit lang sehr groß gewesen. Hätte Javier ihr auf dem Sterbebett nicht versprochen, sich gut um seinen kleinen Bruder zu kümmern, wäre Tico womöglich schon abgerutscht.

Inzwischen hatte Tico Spaß an der archäologischen Arbeit. Er mochte das Gefühl, wirklich selbst verdientes Geld in der Tasche zu haben. Viel war es bis jetzt nicht – aber wenn an der Karte, die sie hier herunter geführt hatte, etwas Wahres dran war, dann mochte sich das bald ändern, vielleicht schon heute Nacht!

Dem Plan zufolge wartete nämlich genau hinter dieser Mauer, die mit genau diesen aztekischen Symbolen gekennzeichnet war, ein Schatz. Gold und Silber angeblich, das die Azteken um das Jahr 1520, als sie selbst sich noch Mexica genannt hatten und die Spanier in ihr Reich eingefallen waren, hier unten versteckt hatten, damit es den Invasoren nicht in die Hände fiel.

Und sollten Tico und seine Begleiter nun diesen Aztekenschatz tatsächlich finden, dann mussten sie ihn noch nicht einmal dem Staat übergeben. Denn anders als sonst arbeiteten sie in diesem Fall auf eigene Faust. Was dabei heraussprang, wanderte in ihre eigene Tasche – abzüglich des Anteils desjenigen, von dem Javier den Plan bekommen hatte … dem Mönch.

Tico musste sich, während Javier und Mateo im Licht der Lampe die Zeichen auf der Wand mit denen auf dem Plan abglichen, ein Seufzen verkneifen, als er an den Mönch dachte. Diese dubiose Figur machte für ihn den fragwürdigsten Punkt der ganzen Geschichte aus.

Selbst hatte Tico den Mönch nicht kennengelernt, nicht einmal gesehen. Eines Abends war er an Javier herangetreten, hatte ihm die Karte gezeigt und die Geschichte dahinter erzählt. Die war als solche durchaus glaubwürdig.

Führte man sich die damaligen Ereignisse vor Augen – es kamen fremde Eroberer ins Land, die auf die Bodenschätze der Einheimischen scharf waren –, war es nachvollziehbar, dass die Bedrängten versucht hatten, in Sicherheit zu schaffen, was nur möglich war. Und auch dass sie einen Lageplan dieses Schatzes angefertigt hatten, um ihn wiederzufinden oder eine nachfolgende Generation darauf zu verweisen, war nur logisch.

Aber wie war ein heutiger Mönch in den Besitz dieser Karte gekommen? Und warum suchte er nicht selbst nach dem Schatz, sondern nahm die Hilfe von Fremden in Anspruch?

Diese und ähnliche Fragen hatten sowohl Tico als auch Mateo an Javier gestellt. Und der, so sagte er, habe genau das auch den Mönch gefragt. Der hatte ihm erklärt, dass er den Weg zu der Stelle, an der der Schatz versteckt liege, allein nicht freilegen könne.

Die Hilfe von Ordensbrüdern oder generell kirchlicher Seite wolle er nicht in Anspruch nehmen, weil dann ein großer Teil des Goldes und Silbers auf der Strecke bleiben würde, bevor es wirklich Bedürftigen zugute käme. Und genau das wolle er, der Mönch – er wolle mit dem Schatz eines geknechteten und ausgelöschten alten Volkes Menschen helfen, die heute Not litten. Und diese Hilfe solle so unmittelbar wie möglich erfolgen.

Eigentlich nachvollziehbar, das konnte Tico nicht abstreiten. Nichtsdestotrotz blieb die Sache eigenartig. Und es blieben weitere Fragen: Warum hatte sich der merkwürdige Mönch gerade an Javier Vernandez gewandt?

Der Mönch habe sich umgehört, hatte Javier erklärt, und sie hätten einen guten Ruf, gälten als zuverlässig. Der Mönch glaube an das Gute im Menschen. Vielleicht, so Javier, könne er ja sogar in einen Menschen hineinschauen und das Gute in ihm erkennen?

Abgesehen davon hatte der Weg auf der Karte bis hierher gestimmt, es gab die darauf markierte Wand mit den aztekischen Zeichen. Da konnten sie jetzt auch noch den praktisch buchstäblich letzten Schritt tun und hinter diese Mauer blicken. Schließlich hatten sie sich etliche Nächte um die Ohren geschlagen und waren immer wieder hier heruntergeschlichen, in die Überreste der einstigen Hauptstadt der Mexica, Tenochtitlan, an deren Stelle sich heute Mexiko-Stadt ausbreitete.

Stück für Stück hatten sie den auf dem Plan eingezeichneten Weg freigeräumt. Im Vergleich zu dieser Knochenarbeit würde es ein Klacks sein, jetzt nur noch diese Mauer zu durchbrechen.

Tico schrak zusammen. Ein heftiger Stoß hatte ihn getroffen!

Er drehte sich um.

Das Mondgesicht des dicken Mateo grinste ihn an und hielt ihm Hammer und Meißel hin. »Glaubst du, die Mauer fällt von alleine ein, wenn du sie nur lange genug anstarrst?«

»Nein, tut mir leid, ich war in Gedanken.«

»Du glaubst immer noch nicht, dass wir fündig werden, was?«, fragte Javier, der im Begriff war, den Putz mit einem großen Hammer von der Wand zu klopfen.

»Na, sicher bist du dir doch auch nicht, oder?« Tico nahm die Werkzeuge entgegen.

Mateo rückte die Laternen so zurecht, dass sie die Wand, um die es ging, beleuchteten.

Javier hob die breiten Schultern. »Irgendwie schon … seltsamerweise.«

»Ja«, Tico nickte. »Seltsam finde ich das Ganze allerdings auch …«

»Hör auf zu unken«, Mateo gab ihm einen nicht böse gemeinten Klapps auf den Hinterkopf, »und tu was für dein Geld.«

»Für mein Gold und Silber, meinst du wohl?«

»Oder so.«

»Wenn ich das nur schon hätte«, brummte Tico und legte los.

Kurz darauf erfüllten wieder ihr Ächzen und Schnaufen den schmalen Gang, dazu das metallische Klappern ihrer Werkzeuge und das Knacken und Prasseln, mit dem der Putz staubend absprang und ihnen vor und auf die Füße fiel.

Mit dem Putz verschwanden peu à peu auch die Zeichen von der Wand. Während Tico den Meißel immer wieder ansetzte und mit dem Hammer aufs hintere Ende schlug, hatte er im Licht der Lampen Muße, sich die Symbole etwas genauer anzusehen. Die meisten ergaben in seinen Augen keinen Sinn. Vereinzelt glaubte er, Figuren zu erkennen, von denen viele halb Tier, halb Mensch waren, dazwischen ein paar Fratzen, die ebenso gut Dämonen wie guten Göttern gehören konnten.

»Was diese Bilder wohl bedeuten?«, wunderte er sich nach einer Weile. »Die sehen ja wirklich abgedreht aus, findet ihr nicht?« Er hielt inne, legte den Kopf schief und ließ den Blick über eine noch intakte Symbolreihe wandern. »Und es sind so viele. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass die nur dazu da sind, um die richtige Stelle der Wand zu markieren. Da wäre ein einzelnes Zeichen oder irgendetwas Kleineres doch unauffälliger gewesen, oder? Man wollte ja nicht jeden auf das Versteck aufmerksam machen.«

Auch Mateo ließ Hammer und Meißel sinken. »Ich hoffe mal, wir schieben hier nicht irgendeinen Zauber der alten Azteken an, der uns diese Wand gleich um die Ohren fliegen lässt.« Er schluckte, und das sah so komisch aus, dass Tico allem Argwohn zum Trotz nun doch lachen musste.

»Quatscht nicht, arbeitet«, trieb Javier sie an, ohne selbst nachzulassen.

Unter seinem Hammerschlag zerbröselte wieder ein handgroßes Stück Putz und ein Bild, das an eine stilisierte Schlange mit mächtigen Zähnen erinnerte, löste sich in Staub und Krümel auf.

Mateos Befürchtung erfüllte sich nicht. Die Wand flog ihnen nicht um die Ohren. Im Gegenteil. Das Mauerwerk, das unter dem Putz zum Vorschein kam, trotzte ihren Werkzeugen hartnäckig. Mehr als Splitter ließen sich kaum herausschlagen. Der Mörtel zwischen den zusammengefügten Bruchsteinen erwies sich als beinahe eisenhart.

Da war es Javier, der den Hammer absetzte und keuchend meinte: »So hat das keinen Sinn.«

Regelrecht wütend setzte Mateo seine Werkzeuge an eine weitere Fuge und drosch darauf ein. »Wir können doch nicht aufgeben – so dicht vor dem Ziel!«

»Das sagt ja auch keiner«, entgegnete Javier.

»Was machen wir denn dann?«, wollte Tico wissen, während Mateo schnaubend weiterklopfte.

»Wir fahren schweres Geschütz auf.« Javier klappte seine Schultertasche auf, steckte die Karte hinein und holte ein schwarzes Ei heraus, das er spielerisch in die Luft warf und wieder auffing.

Tico staunte, baff und erschrocken zugleich. »Eine Handgranate?«

Javier grinste. »Ja.«

***

»Ich hoffe mal, uns fliegt hier nicht gleich mehr um die Ohren als nur diese Wand«, unkte Mateo Souza und zog den Lockenkopf hinter die Ecke der Gangbiegung zurück.

»Dein Wort in Gottes Ohr«, flüsterte Tico, der neben ihm an der Mauer hockte.

»Seid ihr so weit?«, rief Javier Vernandez von der anderen Seite her.

Sie hatten am Fuß der Wand mit den Symbolen eine Höhlung geschaffen, die groß genug war, um die Handgranate hineinzuschieben. Darüber, wer das tun würde, hatte es keine Diskussion gegeben.

Diesen gefährlichen Part übernahm Javier natürlich selbst. Er nahm die Verantwortung für sein kleines Team sehr ernst. Und außerdem hatte er seiner Mutter ja versprochen, auf Tico aufzupassen. Undenkbar also, dass er seinen kleinen Bruder mit einer solchen Aufgabe betrauen würde.

»Ja, wir sind so weit!«, rief Mateo neben ihm und riss ihn damit aus seinen abschweifenden Gedanken.

»Dann leg ich das Ding jetzt rein!«, gab Javier, den sie beide nicht sehen konnten, laut zurück.

Obwohl er ein gutes Stück entfernt war, konnten Tico und Mateo das leise Geräusch hören, das entstand, als er den Sicherungsstift der Handgranate abzog. Noch in derselben Sekunde hörten sie dann seine knirschenden Schritte im Bodenstaub, und Augenblicke später warf er sich auch schon um die Ecke, war bei ihnen und drückte sich wie sie an die Wand.

Tico zählte still: … 3, 2, 1 …

WUMM!

Die Wand in seinem Rücken erzitterte. Über ihnen ging ein Rumpeln wie von Gewitterdonner durch die Decke. Staub rieselte herab.

Im Lampenlicht schielte Tico nach oben. Entstanden Risse in der Decke aus Stein und Erde?

Panik wollte in ihm aufwallen. Er rang sie nieder. Sie schien zwischen seinen Fingern emporquellen zu wollen.

Dann atmete er auf.

Nein. Keine Sprünge in der Decke. Und auch die Wand hinter ihnen wackelte nicht mehr. Hinter der Ecke regneten vernehmlich noch Staub und Schutt zu Boden. Dann wurde und blieb es still.

Bis Tico erlöst und keuchend den Atem ausstieß, den er unbewusst angehalten hatte, seit sein Bruder die Handgranate entsichert hatte.

Wie Nebel wölkte Staub um die Ecke und trieb graubraun durchs Laternenlicht.

»Kommt«, sagte Javier und ging als Erster um die Ecke. »Lasst uns nachsehen, ob es funktioniert hat.«

Es hatte funktioniert.

Javier stieß einen triumphierenden Laut aus.

Alle drei beleuchteten mit ihrer Lampe die Stelle, an der die Granate explodiert war.

Die Stelle, die praktisch nicht mehr da war. Denn dort klaffte nun eine Lücke in der Mauer, direkt über dem ebenfalls aufgesprengten Boden. Die Wandöffnung war ein grobes Halbrund, wie das Schlupfloch einer riesigen Ratte – viel, viel größer als diejenige, die Mateo erschlagen hatte.

Tico maß Mateo mit einem raschen Blick, dann schaute er wieder auf das Loch unten in der Wand. Der dicke »Assistent von Señor Vernandez« würde seine liebe Not haben, da hindurchzukommen. Und Javier mit seinen breiten Schultern auch.

Als hätte sein großer Bruder denselben Gedanken gehabt, begegneten sich in diesem Moment ihre Blicke.

»Tico …?«

Er sah Javier groß an. »Soll ich wirklich …?«

»Willst du denn?« Javiers Mundwinkel zuckten unter dem Anflug eines Grinsens.

»Ja!«