John Sinclair - Folge 2050 - Timothy Stahl - E-Book

John Sinclair - Folge 2050 E-Book

Timothy Stahl

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Beschreibung

Die Ruine des ausgebrannten Hauses hatte schon immer auf dem Hügel vor der Stadt gestanden. Den Kindern jedenfalls kam das so vor. Das Feuer hatte sich den alten Kasten geholt, lange bevor sie zur Welt gekommen waren. Nicht einmal ihre Eltern schienen sich mehr richtig daran zu erinnern, sie redeten auch nur ungern davon - und es gefiel ihnen nicht, wenn die Kinder sich bei dem Haus herumtrieben ... "Was hier wohl wirklich passiert ist?", fragte Lucas Thorogood, und Eugene, sein jüngerer Bruder, ließ seine Hand nicht los. "Das weiß scheinbar niemand so ganz genau", sagte Ella McTaggart neben ihm und zog die Schultern hoch, als würde sie frieren. "Aber eines der Kinder, die damals dabei waren, soll darüber verrückt geworden sein." "Wirklich?", staunte der kleine Eugene und sah erschrocken zu ihr auf. Ella nickte, ohne das düstere alte Haus aus den Augen zu lassen. "Ja, das hat meine Mum mal erzählt. Ein Junge. Sein Name war John Sinclair."

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Seitenzahl: 145

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Inhalt

Cover

Impressum

Vergessene Schrecken

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Néstor Taylor/Bassols

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5416-4

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Vergessene Schrecken

(Teil 1)

von Timothy Stahl

Die Ruine des ausgebrannten Hauses hatte schon immer auf dem Hügel vor der Stadt gestanden. Den Kindern jedenfalls kam das so vor. Das Feuer hatte sich den alten Kasten geholt, lange bevor sie zur Welt gekommen waren. Nicht einmal mehr ihre Eltern schienen sich richtig daran zu erinnern, sie redeten auch nur ungern davon – und es gefiel ihnen nicht, wenn die Kinder sich bei dem Haus herumtrieben …

»Was hier wohl wirklich passiert ist?«, fragte Lucas Thorogood, und Eugene, sein jüngerer Bruder, ließ seine Hand nicht los.

»Das weiß scheinbar niemand so ganz genau«, entgegnete Ella McTaggart neben ihm und zog die Schultern hoch, als würde sie frieren. »Aber eines der Kinder, die damals dabei waren, soll darüber verrückt geworden sein.«

»Wirklich?«, staunte der kleine Eugene und sah erschrocken zu ihr auf.

Ella nickte, ohne das düstere alte Haus aus den Augen zu lassen. »Ja, das hat meine Mum mal erzählt. Ein Junge. Sein Name war John Sinclair.«

»Und wo ist jetzt diese Weiße Frau, die du uns zeigen wolltest?«, fragte Sanjaya Dixit, der Vierte im Bunde.

Der Blick des Jungen aus Indien wanderte über die rußgeschwärzte Fassade des Hauses, ein klotziges Monstrum mit einem Dutzend eckiger Augen, die blind auf sie herabstarrten. Weder hinter einem der Fenster, die nur noch schwarze Löcher waren, noch in den Schatten der Veranda rührte sich etwas, geschweige denn, dass sich jemand zeigte. Und schon gar nicht der Geist, den Ella McTaggart gestern hier gesehen haben wollte, als ihr Hund durchgebrannt war, weil er einer streunenden Katze nachjagte.

»Vielleicht noch nicht da«, meinte Ella. »Ist ja noch früh. Gestern war’s schon dunkler.«

Lucas fand, dass es auch jetzt am späten Nachmittag schon dunkel genug war. Genau genommen war es den ganzen Tag lang nicht richtig hell geworden. Und wenn man, wie Lucas es jetzt tat, lange genug in den grauen Oktoberhimmel hochblickte, dann fing man an, in den düsteren Wolken hässliche Fratzen zu sehen, die auf sie herunterglotzten, als warteten sie darauf, dass etwas passierte. Dass wieder etwas passierte. Wie damals, vor vielen Jahren, genau hier …

Ella hatte recht. Niemand schien mehr genau zu wissen, was seinerzeit geschehen war, oder zumindest wollte keiner so recht mit der Sprache herausrücken. Entsprechend viele Geschichten kursierten darüber. Die Wahrheit mochte sich irgendwo zwischen ihnen verbergen. Oder es steckte ein bisschen davon in jeder einzelnen. Aber es war von vermissten Kindern die Rede, und von einem Mann, der wie ein Monster in der Gegend umgegangen sein sollte – und dieses Haus hatte dabei eine Rolle gespielt.

Im Lauf der Zeit sollte es darin immer wieder gespukt haben, stets zu dieser Zeit des Jahres. Um Halloween herum. Wenn die Grenze zum Totenreich angeblich durchlässig wurde. Ob es die Geister der damals verschwundenen Kinder waren, die sich da wieder zeigten?

Lucas schluckte, aber sein Unbehagen wurde er so nicht los, und der fade Geschmack, der ihm auf einmal im Mund lag, blieb auf seiner Zunge kleben wie … irgendwas Ekliges. Er schüttelte sich, und damit wurde es besser. Und Ella hatte ja auch nicht von Kindern geredet, sondern von einer Weißen Frau. Nur, wirklich harmloser war das ja auch nicht.

Er bereute, sich auf diesen Ausflug eingelassen zu haben. Und er bereute es, seinen kleinen Bruder mitgebracht zu haben. Nicht weil er Angst um Eugene gehabt hätte. Aber der Kleine sollte nicht sehen, dass sein großer Bruder sich vor einem alten Haus fürchtete, in dem es nichts weiter geben konnte als den Mief und Staub vieler einsamer Jahre. In dem es, korrigierte er sich, ohne es wirklich zu wollen, eigentlich nichts weiter geben konnte als eben das …

Jetzt suchte sein Blick die leeren Fenster ab. Um sich zu vergewissern, dass sie wirklich leer waren. Und das waren sie. Natürlich waren sie das. Was sollte denn da sein, an den Fenstern eines Hauses, das selbst leer sein musste?

»Lasst uns mal reingehen«, schlug Ella vor.

Lucas drückte Eugenes Hand unbewusst etwas fester.

»Warst du denn gestern drin?«, fragte er.

»Nein, aber am Fenster zeigt sich diese komische Frau heute ja offenbar nicht«, antwortete Ella. »Das heißt, wir müssen sie im Haus suchen.«

Das hieß es gar nicht, fand Lucas und musste sich auf die Zunge beißen, um es nicht auch laut zu sagen.

»Die Tür ist mit Brettern vernagelt«, stellte Sanjaya fest. »Wir müssen durch eines der Fenster rein.«

»Die liegen aber alle ziemlich hoch«, gab Lucas zu bedenken.

»Dann hilf du uns beim Reinklettern«, sagte Ella zu ihm und schob sich tatendurstig die Ärmel ihres Hoodies hoch. Als sie bemerkte, wie Lucas auf die blauen Flecke guckte, die darunter auf ihren Unterarmen zum Vorschein kamen, streifte sie die Ärmel schnell wieder nach unten und schloss die Fäuste um die Bündchen. »Du bist der Größte«, sagte sie dann nur, als wäre nichts gewesen. »Mach uns ne Räuberleiter, und wenn wir drin sind …«

»Das könnt ihr vergessen.«

Sie erstarrten. Weil diese Worte keiner von ihnen gesprochen hatte. Aber auch kein Geist. Allerdings war der Mann wie ein Geist hinter ihnen aufgetaucht, nämlich völlig lautlos, obwohl seine Schritte im abgefallenen Laub der kahlen Bäume eigentlich hätten rascheln müssen.

Lucas musste sich jedoch eingestehen, dass sein Herz, seit sie vor dem alten Haus standen und seine Gedanken geradezu schwindelerregend darum kreisten, so laut schlug und das Blut so heftig in seinen Ohren rauschte, dass er kaum noch etwas anderes gehört hatte.

Jedenfalls stand dieser große Mann mit dem rötlichen Haar jetzt hinter ihnen, woher er auch gekommen sein mochte, auf diese unheimliche Art eines herankriechenden Schattens. Und im Zwielicht des späten Herbsttags war sein Gesicht kaum auszumachen. Aber sein Blick war förmlich zu spüren.

»Wer sind Sie?«, hörte Lucas sich wie mit einer fremden Stimme fragen. »Und was wollen Sie von uns?«

Nur eine schemenhafte Bewegung des Mundes war auszumachen, als der Mann zwar leise, aber doch deutlich hörbar und scharf sagte: »Mein Name ist Ainsworth, und dieses Haus gehört mir – also verschwindet.«

***

Lucas und Eugene Thorogood hatten den längsten Heimweg, und während Ella und Sanjaya schon zu Hause waren, marschierten sie noch durch ihr Viertel im Norden von London.

Lucas blickte auf sein Handy – es war ein Geschenk von Dad gewesen, und im Gegensatz zu Dad mochte er sein Handy noch – und sah, dass es später war, als er gedacht hatte. Er fluchte.

»Was ist?«, fragte Eugene, der als kleiner weißer Geist regelrecht vor ihm her zu wehen schien.

Sein Halloween-Kostüm gefiel ihm so gut, dass er es kaum noch ausziehen wollte. Ihre Mutter würde es wohl noch einige Male flicken müssen bis zum 31. Oktober. Sie hatte es auch selbst genäht, aus einem Bettlaken, das sie dann noch mit dünnen Metallketten besetzt hatte. Damit hüpfte Eugene nun klimpernd dahin und probte gespenstische Laute, mit denen er an Halloween an den Türen der Häuser vorstellig werden wollte, um Süßes zu erbitten und Saures anzudrohen.

»Wir müssen uns beeilen«, antwortete Lucas. »Sonst kriegen wir Ärger mit Mum.«

Sie war strenger geworden, seit Dad nicht mehr da war. Lucas verstand, warum. Sie hatte Angst, dass ihre beiden Söhne sich ohne Mann im Haus zu viel herausnehmen könnten. Aber dass er es verstand, musste ja nicht heißen, dass es ihm auch gefiel.

So wenig wie es ihm, ehrlich gesagt, gefiel, dass sie ihn als Babysitter für Eugene missbrauchte. Aber wiederum verstand er, warum sie es tat. Was hätte sie sonst auch machen sollen? Für Dad existierten sie doch praktisch nicht mehr. Für den gab es nur noch seine blöde Tussi, mit der er jetzt in einem schicken Loft in der City wohnte.

Dad war so ein Arsch!

Und Eugene auch …

»Hey, bleib hier!«, rief Lucas ihm nach, als der kleine Mistkerl jetzt auf einmal davonrannte.

»Ich glaub, da war ne Miezekatze!«, gab Eugene zurück, ohne stehen zu bleiben.

Lucas nahm die Verfolgung auf und hoffte, der verdammte Zwerg würde nicht auf den Friedhof laufen, den sie gerade passierten – aber natürlich tat er es doch.

Klimper, klimper, klimper … Und weg war er.

»Oh Mann!«, stöhnte Lucas. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Mit dem Friedhof hatte er nämlich ein Problem. Er hatte da vor einiger Zeit mal etwas gesehen. Ein … Ding. Keinen Zombie oder so was, nein. Ein Ding eben. Kein Monster im eigentlichen Sinn. Eher so was wie ein Tier. Aber ein Tier, das es nicht gab. Nicht in dieser Größe. Am ehesten hatte es ihn noch an eine Nacktschnecke erinnert, schleimig, mit rosiger Haut allerdings, wie ein nackter Mensch. Und mit Krampfadern. Mit vielen Krampfadern. Und mit Augen, die aus ihren Höhlen gequollen waren, als es ihn entdeckte – und mit Zähnen, die es wie vor Freude grinsend gebleckt hatte.

Weiter hatte Lucas nichts gesehen. Er hatte kehrtgemacht und war gerannt. Wie noch nie und wie danach nie mehr in seinem Leben. Nicht einmal bei Sportwettkämpfen in der Schule. Später hatte er das Ding nie wiedergesehen. Was auch daran liegen konnte, dass er den Friedhof seitdem mied, so gut es ging. Vor allem bei Nacht. Lieber nahm er einen Umweg in Kauf.

Aber jetzt war Eugene auf den Friedhof gelaufen. Und es war schon dunkel, dazu noch ein bisschen neblig …

Es war keine gute Idee gewesen, dem alten Haus einen Besuch abzustatten. Nicht so spät am Tag. Der Weg war weiter, als man dachte, der verfluchte Hügel schien ewig nicht näher zu kommen. Dann war auch noch der seltsame Typ dort aufgetaucht, dieser unheimliche Mr. Ainsworth, der jetzt wie ein Geist in Lucas’ Kopf herumspukte. Als hätten ihn das Haus und seine dunkle Vergangenheit nicht schon genug beunruhigt!

Und jetzt waren er und Eugene jedenfalls so spät dran, dass sie sowieso Ärger bekommen würden, wenn sie nach Hause kamen – auch ohne dass er den Pimpf erst noch suchen und einfangen musste. Auf dem Friedhof. Praktisch schon bei Nacht. Und Nebel.

Aber ihn nicht zu suchen und einzufangen, das ging natürlich auch nicht. Also stieg Lucas über die brusthohe Mauer. Er lief nicht erst zu der halb offen stehenden Pforte weiter vorne, durch die Eugene gerannt war. Vielleicht konnte er dem Kleinen so den Weg abschneiden …

Konnte er nicht.

Sein Bruder war nirgends zu sehen. Nur Wege und Gräber. Grabsteine und Grabhügel. Auf einigen davon Totenlichter, die verwaschene Flecken in den grauen Dunst malten, deren Schein aber nicht reichte, um wirklich Helligkeit zu erzeugen. Über die Mauer fiel Restlicht der Straßenbeleuchtung ringsum. Hier und da ragte der Aufbau einer Gruft klobig und dunkel auf. Die Engelsfiguren darauf sahen bei Nacht aus wie Eulen, die sich darauf niedergelassen hatten und herunterglotzten. Wie am Nachmittag draußen beim Haus die Wolkenfratzen, dachte Lucas, die darauf warteten, dass etwas passierte …

Jetzt war etwas passiert. Sein verfluchter kleiner Bruder jagte irgendeiner blöden Katze hinterher und war nicht mehr zu sehen. Und er selbst stand auf einem Friedhof, um den er seit einem Jahr einen großen Bogen machte, weil er … eine Riesenschnecke zwischen den Gräbern gesehen hatte.

Es wäre zum Lachen gewesen. Wenn es irgendjemand anderem passiert wäre …

»Scheiße!«, schrie er, und die Totenstille ringsum schien plötzlich so tief zu sein, als könnte man einen Stein hineinschmeißen, wie in ein Loch, ein leeres Grab.

»Eugene!« Lucas’ Stimme wehte über den Friedhof.

»Ich hab sie gleich!«

Eugenes Antwort überraschte ihn fast. Machte ihn aber auch wütend. Weil Eugene lachte, hell und fröhlich, bis es verklang wie der Ton eines Glöckchens, der sich im Nebel verlor.

»Wo bist du?« Lucas sah sich um.

»Hier! Hi-hi-hiii!«, rief Eugene – nicht mehr vom Friedhof. Lucas sah ihn als weißen Schemen in der Nacht, der jenseits der Friedhofsmauer über die Straße lief und dann auch schon wieder verschwand, diesmal um die nächste Ecke.

Klimper, klimper, klimper …

»Bleib stehen!« Lucas lief los, kletterte über die Mauer, erreichte die Ecke, guckte und horchte – aber es war nichts zu sehen und nichts zu hören.

Er rannte weiter, die Haddonfield Road hinunter, an den Häusern vorbei, viele davon schon für Halloween geschmückt. Vor den Türen standen Kürbisse. Die hineingeschnitzten Fratzen, die böse Geister vertreiben sollten, schienen Lucas höhnisch hinterher zu grinsen. Aus ihren Mäulern waberte Kerzenschein und rann wie glühender Geifer über die Stufen der Eingänge.

Die Vorgärten verwischten in Lucas’ Augenwinkel, einer schien nahtlos in den anderen überzugehen, so schnell rannte er an den Zäunen und Hecken entlang. Seine Schritte hallten durch die Nacht, sein Herz hämmerte, erst noch in der Brust, dann im Hals – als sich seine Wut in Angst verwandelte.

Er hielt Ausschau nach Eugenes verräterischem weißen Halloween-Kostüm, lauschte auf das Klimpern der Ketten. Nichts.

Lucas suchte und suchte nach seinem kleinen Bruder.

Aber er fand ihn nicht mehr.

***

Der Anruf hatte mich noch im Büro erreicht. Nur ich war noch dagewesen. Mein Freund und Kollege Suko war pünktlich gegangen. Shao, seine Freundin, hatte ihn abgeholt zur Geburtstagsfeier eines seiner vielen Vettern, die er in London hatte und die nicht alle wirklich mit ihm verwandt waren.

Unsere Sekretärin Glenda Perkins hatte schon am Nachmittag Feierabend gemacht, um Überstunden abzubummeln und sich einen Spa-Besuch mit Freundinnen zu gönnen. Sie hatte mich sogar gefragt, ob ich nicht mitkommen wolle – und schön dumm aus der Wäsche geguckt, als ich aufgestanden war und gesagt hatte: »Ja, gern, warum eigentlich nicht?«

Das war natürlich nur ein Spaß gewesen. Beziehungsweise wäre das bestimmt kein Spaß geworden. Bevor ich mich mit obskuren Cremes einsalben und in ein Moorbad stecken ließ, schlug ich mich lieber mit einem Ghoul oder Vampir herum. Wenn ich Glück hatte, war diese Tortur schneller vorbei …

Ich wollte also selbst gerade gehen und war schon im Vorzimmer, als hinter mir das Telefon klingelte. Kurz erwog ich, einfach nicht dranzugehen, dann brachte ich es doch nicht übers Herz. Es konnte ja etwas Wichtiges sein. Und außerdem hörte ich hinter der Tür zum Büro unseres Chefs, Sir James Powell, ein vernehmliches Hüsteln.

Der Alte war also noch da, und wahrscheinlich wusste er auch, dass ich noch nicht weg war. Hätte ich mich jetzt taub gestellt, dann hätte er mir das irgendwann unter die Nase gerieben. Garantiert. Und dann war da noch die neue Chefin im Yard, die alles noch ein bisschen genauer nahm.

Also schnappte ich mir den Hörer des Telefons auf Glendas aufgeräumtem Schreibtisch und meldete mich knapp: »Sinclair.«

Am anderen Ende räusperte sich jemand. »Oberinspektor John Sinclair?«

»Der einzig wahre«, bestätigte ich. »Und mit wem habe ich die Ehre?«

»Hier spricht Glynn Keane.« Eine kurze Pause. »Mein Name wird Ihnen wahrscheinlich nichts sagen …«

»Stimmt«, sagte ich, ging um den Schreibtisch herum und ließ mich auf Glendas Stuhl fallen. »Sollte ich Sie denn kennen?«

»Nein, das … war nicht zu erwarten.«

»Aha. Nun, was kann ich für Sie tun, Mister Keane?«

»Also … nicht direkt für mich«, entgegnete er.

»Sondern?«

»Das würde ich Ihnen gerne persönlich sagen, John … äh, Mister. Sinclair, meine ich.«

Ich stutzte. War es ein Ausrutscher, dass er mich beim Vornamen genannt hatte, oder … ja, was? Merkwürdig fand ich es auf jeden Fall. Und mein Bauch fand das auch. Er meldete sich mit jenem Gefühl, das mir verriet, dass irgendetwas in der Luft lag.

»Ich wüsste schon gern, worum es geht, Mister Keane. Wenigstens eine Andeutung könnten Sie machen.«

»Sie haben recht. Wer kauft schon gern die Katze im Sack, nicht wahr?«

»Genau.«

»Also«, fuhr Glynn Keane fort, »ich kannte Ihren Vater ganz gut, Herr Oberinspektor. Horace Sinclair …«

Und damit hatte er mich.

***

Eine halbe Stunde später, näherte ich mich der Adresse, wo ich ihn treffen sollte. Worum es wirklich ging, hatte Glynn Keane mir nicht gesagt. Mein Vater hätte ihm einmal einen großen Gefallen getan. Darum drehe es sich. Aber wir müssten doch von Angesicht zu Angesicht darüber sprechen, nicht am Telefon.

Ich war gespannt. Mein Vater Horace F. Sinclair war ein Mann mit vielen Geheimnissen gewesen, wie ich herausgefunden hatte, teils noch zu seinen Lebzeiten, teils erst nach dem tragischen Tod meiner Eltern. Jetzt schien ein weiteres dieser Rätsel aufzutauchen, und es führte mich dorthin, wo wir einst eine Zeit lang gewohnt hatten, in den Norden von London.

Ich kannte die Gegend noch, konnte mich aber an die damalige Zeit gar nicht mehr richtig erinnern. Ich wusste nicht einmal mehr, wie alt ich damals genau gewesen war. Ein wenig seltsam, zugegeben, gilt die Kindheit doch als schönste Zeit des Lebens. Aber wenn man bedenkt, wie viel und was ich später als Geisterjäger alles erlebt hatte, dann ist es wohl nachvollziehbar, dass darunter vieles von dem, was früher war, einfach begraben wurde.

Natürlich wusste ich aber noch, dass mein Vater zu der Zeit als Rechtsanwalt praktizierte, er wollte ja lange, dass ich in seine Fußstapfen trete. Seine Kanzlei war in der City gewesen, meine Mutter hatte sich daheim um den Haushalt und mich gekümmert.