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LIEBESGLÜCK IM LICHTERGLANZ? von BARBARA WALLACE
"Rosie?" Unternehmer Thomas Collier glaubt an ein Weihnachtswunder, als seine vermisste Frau jäh vor ihm steht. Allerdings leidet Rosie an Amnesie - und erinnert sich auch nicht daran, dass sie ihn verlassen wollte. Die Chance für ihn, unterm Christbaum ihr Herz zurückzugewinnen?
SCHNEEBALLSCHLACHT UND HEISSE KÜSSE von NINA SINGH
Wenn Tannenduft die Luft erfüllt und überall Weihnachtsmusik erklingt, beginnt für Carli normalerweise die besinnlichste Zeit des Jahres. Doch diesmal gerät sie in einen Schneesturm - mit ihrem Boss Justin Hammond! Er hasst nicht nur Weihnachten, sondern ist auch gefährlich sexy …
HAPPY END IN DEN ROCKY MOUNTAINS von DONNA ALWARD
Der freiheitsliebende Millionär Drew Brimicombe begehrt die betörende Harper auf den ersten Blick, als er ihr in den Rocky Mountains begegnet. Aber sie stellt schnell klar: Sie ist keine Frau für eine Affäre! Da erfasst ihn zum ersten Mal im Leben eine rätselhafte Sehnsucht …
UNSERE MÄRCHENHAFTE BALLNACHT von KATE HARDY
Für Victoria gibt es nichts Schöneres als den Weihnachtsball auf Chiverton Hall - und nichts Schlimmeres als die Kuppelei ihrer Eltern. Deshalb gibt sie ihren Kollegen Sam Weatherby als ihren Verlobten aus. Ein gewagtes Spiel, denn auf dem Ball lassen seine Küsse ihr Herz höherschlagen …
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Seitenzahl: 703
Veröffentlichungsjahr: 2019
Barbara Wallace, Nina Singh, Donna Alward, Kate Hardy
JULIA EXTRA BAND 476
IMPRESSUM
JULIA EXTRA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH
© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRABand 476 - 2019 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
© 2018 by Barbara Wallace Originaltitel: „Their Christmas Miracle“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Alexa Christ
© 2017 by Nilay Nina Singh Originaltitel: „Snowed in with the Reluctant Tyoon“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Dorothea Ghasemi
© 2018 by Donna Alward Originaltitel: „Secret Millionaire for the Surrogate“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Valeska Schorling
© 2018 by Pamela Brooks Originaltitel: „A Diamond in the Snow“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Bettina Röhricht
Abbildungen: Harlequin Books S.A., fotoVoyager / Getty Images, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 12/2019 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783733713041
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY
Kann Rosie dem Fremden trauen, der nach ihrem Unfall behauptet, ihr Ehemann zu sein? Zwar fühlt sie sich magisch von Thomas angezogen. Doch als er sie zu Weihnachten einlädt, spürt sie: Er verbirgt etwas …
Anders als seine Angestellte Carli hasst Justin Hammond den romantischen Zauber der Weihnachtszeit. Trotzdem lässt er sich von Carli zu heißen Küssen im Schnee verführen. Mit ungeahnten Folgen …
Drew Brimicombe ist sexy, charmant – und liebt seine Freiheit über alles. Genau die Sorte Mann, die Harper besser meidet, wenn sie nicht verletzt werden will! Dumm nur, dass Drew sie magisch anzieht …
Um seiner reizenden Kollegin Victoria zu helfen, spielt Sam Weatherby auf dem Weihnachtsball ihren Verlobten. Aber warum verzehrt er sich dabei plötzlich so nach ihren süßen Küssen unterm Mistelzweig?
„Gib’s schon zu – wir haben uns verfahren.“
Thomas Collier starrte seinen jüngeren Bruder, der seit mindestens zwanzig Minuten wild auf dem Navi herumtippte, finster an. „Du hast mich in die Arktis gelockt, und jetzt haben wir uns im Sturm verirrt!“
„Zunächst mal befinden wir uns in den schottischen Highlands und nicht am Nordpol“, versetzte Linus Collier mit ähnlich finsterem Blick, „und wir wären gar nicht so weit im Norden, wenn du nicht so pingelig in Bezug auf deine Subunternehmer wärst. Außerdem haben wir uns nicht verirrt. Das Navi hat sich aufgehängt. Daher weiß ich einfach nur gerade nicht, ob wir noch auf der richtigen Straße sind.“
Welch Überraschung! Schon den ganzen Tag hatten sie kein vernünftiges Signal bekommen. „Mit anderen Worten: Wir haben uns verfahren.“ Er hätte eben doch einen ortskundigen Fahrer engagieren sollen. Wenn sie in diesem Tempo weiterfuhren, wären sie im neuen Jahr noch nicht wieder zu Hause.
„Ich komme zu spät, um Maddie eine Gutenachtgeschichte vorzulesen“, klagte Thomas.
„Maddie wird das verstehen.“
Selbst wenn sie es tat, machte es die Sache nicht besser. Thomas wollte auf keinen Fall, dass seine kleine Tochter den Eindruck gewann, die Arbeit sei ihm wichtiger als sie. Es war schon schlimm genug, dass dies einer der letzten Gedanken ihrer Mutter gewesen war. „Sie muss darauf vertrauen können, dass sie sich immer auf mich verlassen kann.“
Beruhigend legte Linus ihm die Hand auf den Arm. „Das weiß sie, Thomas.“
„Ach, wirklich? Sie ist gerade mal fünf. Noch vor sechs Monaten hat sie geglaubt, dass ihre Mutter immer für sie da sein würde.“
Thomas beobachtete, wie die Scheibenwischer gegen den heftigen Regen ankämpften. Vor ihnen verschwand die schmale Straße irgendwo im Dunkel. „Sie wacht immer noch mitten in der Nacht auf und ruft nach Rosalind, weißt du.“ Zwar kam das nicht mehr so häufig wie in den Wochen nach dem Unfall vor, aber immer noch oft genug.
Die Tränen seiner Tochter trafen ihn jedes Mal tief ins Herz. „Erst gestern hat sie mich gefragt, ob ich ihr dabei helfen würde, einen Brief an den Weihnachtsmann zu schreiben. Sie will ihn darum bitten, dass er Rosalind an Weihnachten zu Besuch kommen lässt. Wusstest du das?“
„Himmel!“, murmelte Linus und sog dabei scharf die Luft ein. „Was hast du geantwortet?“
„Ich habe irgendwas gefaselt wie, dass der Weihnachtsmann ihren Wunsch schon kennt und dass Rosalind bei uns sein würde, auch wenn sie unsichtbar ist. Nicht gerade eine meiner Glanzleistungen.“
„Ich bin sicher, du hast die Situation gut gemeistert.“
„Es wäre besser, wenn es gar nicht erst zu solchen Situationen kommen würde“, erklärte Thomas seufzend. Hätte er Rosalind doch an jenem Wochenende davon abgehalten, in den Norden zu fahren! Wäre er bloß ein besserer Ehemann gewesen. Die vergangenen zwei Jahre konnte er mit jeder Menge „Was wäre wenn“-Sätzen füllen.
Man sollte meinen, dass er von den vorigen Collier-Generationen gelernt hätte, dass er entweder das Familienunternehmen oder eine erfolgreiche Ehe führen konnte, aber nicht beides. Wenn Rosalind noch am Leben wäre, dann würde sie ihm sicherlich zustimmen.
Doch sie war tot, und er würde nie mehr die Chance bekommen, ihr zu beweisen, dass er seine Lektion gelernt hatte.
„Ich glaube, da vorn sehe ich was“, unterbrach Linus seine Gedanken.
Tatsächlich tauchte aus dem Nebel ein Schild auf. „Lochmara, fünf Meilen“, las Thomas. „Ein so abgelegener Ort muss doch eine Tankstelle haben. Dort könnten wir nach dem Weg fragen.“
„Sieht so aus, als müssten wir gar nicht mehr so weit fahren. Schau mal.“ Die Straße machte eine scharfe Kurve, hinter der ein Gebäude und ein mit Flutlicht ausgeleuchteter Parkplatz auftauchten. Als sie näher kamen, erkannten sie ein im Wind schaukelndes Schild, auf dem „McKringles Pub“ stand.
„Wer in aller Welt baut so weit draußen einen Pub? Hier ist doch keine Menschenseele“, bemerkte Thomas. Bis auf einen roten Truck war der Parkplatz völlig verwaist.
„Spielt das eine Rolle? Sie haben geöffnet. Wir können nach dem Weg fragen und was essen. Ich bin schon halb verhungert.“
„Du bist immer halb verhungert.“
„Weil mein Bruder darauf besteht, den ganzen Tag zu arbeiten und nie auch nur eine klitzekleine Pause zu machen.“
Thomas seufzte. Also schön, sollte Linus sein Dinner bekommen. Obwohl das Gebäude mit seiner trostlos grauen Fassade und seinen verschlossenen Fensterläden geradezu abschreckend wirkte.
„Sieht ja einladend aus“, bemerkte er sarkastisch.
„Jetzt hör schon auf“, versetzte Linus. „Es ist ein Pub, was bedeutet, dass es Essen gibt, und im Moment bin ich so hungrig, dass ich eine riesige Portion Haggis verdrücken könnte.“
„Das will ich sehen!“
Zumindest schien die Eingangstür frisch gestrichen zu sein. Sie glänzte leuchtend rot. Als Thomas sie öffnete, wurden sie von einem warmen Lichtschein empfangen.
„Ha!“, triumphierte Linus.
Doch Thomas’ Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Das Restaurant verströmte eine heimelige Atmosphäre. Überall standen Teelichter, sanfte Musik spielte im Hintergrund. Links vom Eingang, dort, wo der große Speiseraum lag, brannte ein knisterndes Feuer. Der Kaminsims war mit grünen Stechpalmenzweigen geschmückt. Sofort erinnerte sich Thomas an einen anderen mit Zweigen geschmückten Sims und an eine Brünette, die sich in einen mit Decken ausgelegten Sessel kuschelte.
Die Szenerie war ihm nur allzu vertraut. Er konnte auf keinen Fall hierbleiben, wenn er nicht den Verstand verlieren wollte. Gerade wollte er Linus Bescheid sagen, als ein Mann aus den Schatten hinter der Bar auftauchte.
„Herzlich willkommen im McKringles“, begrüßte der Mann sie mit starkem schottischen Akzent. „Ich bin Christopher McKringle.“
Ein Mann mit breitem Brustkorb, großer Nase und gepflegt gestutztem Bart schlug ihnen herzhaft auf den Rücken und begrüßte sie wie alte Freunde.
„Collier?“, murmelte er nach der Begrüßung. „Wie die Seife?“
„Äh, ja, genau“, antwortete Thomas.
Es war eine Frage, die ihm häufig begegnete. Immerhin war die Collier-Seife sehr bekannt – einst waren sie sogar Hoflieferanten gewesen.
„Meine Frau Jessica mag die Zitronenseife ganz besonders gern. Sie behauptet, dass es nichts Besseres gibt, um den Fischgeruch loszuwerden“, sagte McKringle. „Wie Sie sehen, haben wir gerade geöffnet. Gehen Sie also ruhig vor und suchen Sie sich einen schönen Platz. Unsere Kellnerin Maddie wird gleich kommen und Ihre Bestellung aufnehmen.“
„Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte Linus, als er Thomas den Mantel abnahm. „Normalerweise führst du zwei, drei Minuten lang die Firmengeschichte aus.“
„Es … Mir geht’s gut. Der Pub erinnert mich an … Ach, egal.“ Er benahm sich lächerlich. Je mehr er sich umsah, desto weniger erinnerte ihn die Umgebung an das Cottage in Cumbria. Seine Trauer gaukelte ihm Dinge vor, die nicht existierten. „Ich rufe schnell mal bei Maddie an.“ Doch als er auf das Display seines Handys blickte, sah er, dass er null Empfang hatte. „Verdammt! Wieso gibt es in dieser ganzen gottverlassenen Gegend kein vernünftiges Handynetz?“
„Kannst du mal entspannen? Maddie ist in guten Händen. Es ist alles in Ordnung.“
„Wenn ich ihr schon keine Geschichte vorlesen kann, dann will ich ihr wenigstens Gute Nacht sagen. Außerdem wollte ich Mohammed anrufen und fragen, ob er mittlerweile die korrigierten Produktionszahlen hat. Wenn wir deine Seifenfabrik benutzen wollen, müssen wir genau wissen, welche Kapazitäten dort umsetzbar sind.“
Dass Thomas so unleidlich war, hing damit zusammen, dass alles an der von ihm geplanten neuen Naturkosmetik-Linie hing. Wenn die scheiterte, würde es die Firma Collier, so wie die meisten Briten sie kannten, nicht mehr geben.
Thomas blickte sich um. Irgendwo musste es doch eine Verbindung geben. „Ich schau mal, ob das Signal an den Fenstern stärker ist. Wenn die Kellnerin kommt, bestellst du mir bitte einen …“
„Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“
Thomas stockte der Atem, was ihm immer mal wieder passierte. Er erhaschte irgendeinen Sinneseindruck, der ihm vertraut vorkam, und schon spielte sein Verstand verrückt. Diesmal war es der ausgeprägte nördliche Akzent der Kellnerin. Als er aufschaute, erwartete er, dass die Realität ihn wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückholte, so wie es ihm auch mit den Erinnerungen an das Cottage in Cumbria ergangen war. Stattdessen …
Ließ er sein Handy fallen.
Was in aller Welt …?
Er sah zu Linus hinüber. Das bleiche Gesicht seines Bruders spiegelte seine eigenen Gefühle wider. Wenn Thomas verrückt geworden war, so erging es seinem Bruder nicht anders. Und verrückt musste er sein. Zumindest war er davon überzeugt, als er wieder zu der Kellnerin schaute.
Denn wie sonst sollte er erklären, dass er in das Gesicht seiner toten Frau starrte?
„Rosie?“, wisperte er heiser. Sechs Monate. Die er gebetet und gesucht hatte. Getrauert.
Sie konnte es nicht sein.
Aber wer sonst hatte so unfassbar schöne braune Augen? Solch verführerisch geschwungene Lippen? Und dann noch die kleine Narbe auf dem Nasenrücken. Die sie hasste und er liebte, weil sie eine solch perfekte Einheit mit ihren Sommersprossen bildete.
Wie …? Wann? Er hatte eine Million Fragen, doch keine davon spielte eine Rolle. Nicht solange ein wahres Wunder vor ihm stand.
„Rosie.“ Er schloss sie in die Arme, vergrub das Gesicht an ihrem Hals. Sie duftete nach Zitrone und Sonnenschein. „Rosie, Rosie, Rosie.“ Immer wieder murmelte er ihren Namen gegen ihre zarte Haut.
Doch sie presste die Hände gegen seinen Oberkörper und stieß ihn von sich. Thomas starrte in dunkle Augen voller Zorn, Verwirrung und Panik. Letzteres stach ihm mitten ins Herz.
„Kenne ich Sie?“, fragte sie.
Sollte das ein Scherz sein? Nun war er verwirrt. „Man hat uns gesagt, du seist tot. Dass … dass du aufs Meer rausgetrieben bist.“ Erneut wollte er sie an sich ziehen, doch sie wich einen Schritt zurück.
„Es tut mir leid. Ich …“ Sie schüttelte den Kopf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich weiß nicht …“ Dann presste sie sich die Hand auf den Mund, wirbelte herum und floh.
„Rosalind!“ Thomas wollte ihr hinterherjagen, doch Linus hielt ihn am Arm fest. Was zur Hölle dachte sein Bruder sich dabei? Er versuchte, sich loszureißen, aber Linus’ Griff war eisern. „Lass mich los!“, rief er. „Das ist Rosalind.“ Wenn er sie wieder verlieren sollte …
Doch Linus war unerbittlich. „Beruhige dich, Thomas. Sie sieht nur aus wie Rosalind.“
„Nein.“ Linus täuschte sich. Es war Rosalind. Er kannte seine Frau. Warum lief sie davon? Hasste sie ihn wirklich so sehr? „Ich muss mit ihr reden.“
Ehe er sich jedoch losmachen konnte, kam McKringle zu ihnen herüber. „Was ist hier los?“, fragte er und klang dabei gar nicht mehr so freundlich wie zu Beginn. „Ich weiß ja nicht, wo Sie beide herkommen, aber hier bei uns ist es nicht üblich, Kellnerinnen zum Weinen zu bringen.“
Thomas wirbelte herum. „Und wie verhält es sich damit, die Ehefrau eines Mannes vor ihm zu verstecken? Ist das hier üblich?“
Er sah, wie sich McKringles buschige Augenbrauen zusammenzogen. „Sagten Sie ‚Ehefrau‘?“
„Rosalind Collier.“ Wo war sein Handy? Er blickte sich um und entdeckte es auf dem Fußboden neben dem Sessel. Rasch griff er danach und scrollte durch die darin gespeicherte Fotogalerie. „Hier“, sagte er, als er das Foto gefunden hatte, das sie für das Vermisstenplakat verwendet hatten. Er hielt das Handy so, dass McKringle einen guten Blick aufs Display werfen konnte. Seine Hand zitterte. „Wir vermissen sie seit letztem Sommer, als sie mit dem Auto von einer Brücke in Fort William abgekommen ist.“
Sprachlos griff McKringle nach dem Telefon und hielt es näher an die Augen. Thomas verkrampfte sich mit jeder Sekunde, die verging. Der Mann musste doch wissen, wovon er sprach! Schließlich war Rosalinds Verschwinden Thema in allen landesweiten Medien gewesen.
„Sie hatte einen Autounfall?“, fragte der Mann schließlich.
„Ja. Ihr Wagen ist in den Fluss gestürzt.“ Thomas hatte keine Zeit für lange Erklärungen. Seine Frau befand sich im Nebenraum, und er musste zu ihr. Musste herausfinden, was geschehen war. Wie sie hierhergekommen war und warum sie so tat, als wäre er ein Fremder. „Bitte“, flehte er. Die Verzweiflung war deutlich herauszuhören. „Man sagte uns, sie sei tot. Ich muss mit ihr reden. Muss wissen, was passiert ist. Sie … Wir haben eine Tochter, die sie braucht.“ Langsam verlor er die Fassung. Sechs Monate voller Schmerz drängten mit aller Macht an die Oberfläche.
„Bitte beruhigen Sie sich, Mr. Collier. Ich glaube, es ist das Beste, wenn Sie sich hinsetzen.“
McKringle versuchte, ihn zum Tisch zurückzuführen, doch Thomas wich zurück. „Verdammt, warum versucht hier jeder, mich von meiner Frau fernzuhalten?“
„Wir wissen nicht, ob es wirklich Rosalind ist“, schaltete sich Linus nun ein. „Thomas, ich denke, wir sollten uns anhören, was Mr. McKringle zu sagen hat.“
„Ich verspreche Ihnen, dass sie nicht verschwindet“, sagte McKringle. „Aber da gibt es ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Bitte, Mr. Collier. Nehmen Sie Platz. Ich besorge Ihnen einen Drink.“
Thomas wollte keinen Drink. Er wollte zu seiner Frau. Dennoch ließ er sich zu seinem ursprünglichen Platz zurückführen. Etwas in McKringles Blick sagte ihm, dass er besser tat, was der Mann wollte.
„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“, begann der Ältere, nachdem sie alle Platz genommen hatten. „Haben Sie jemals von dem Terminus dissoziative Fugue gehört?“
Sie konnte einfach nicht aufhören zu zittern. Über das Waschbecken gebeugt stand sie da, umklammerte den Rand und hoffte, dass ihre Beine nicht unter ihr nachgaben.
Rosie. Er hatte sie Rosie genannt.
Sie hatte immer geglaubt, dass sie es wissen würde, wenn sie jemandem aus ihrer Vergangenheit begegnete. Dass ein Instinkt all die Erinnerungen aktivieren würde, die – aus welchem Grund auch immer – in ihrem Gehirn in abgrundtiefer Dunkelheit versunken waren. Doch als dieser Mann – dieser Fremde – sie Rosie genannt hatte, da hatte sie gar nichts gefühlt.
Vielleicht verwechselte er sie ja mit jemandem? Ja, das musste es sein. Welche Frau würde schon einen Mann vergessen, der so verdammt attraktiv war? Der Augen von einem Blaugrau hatte, das dem nördlichen Atlantik glich? Wenn sie die Augen schloss, sah sie sie ganz deutlich vor sich. Einen derartig unauslöschlichen Eindruck konnte man doch nicht vergessen!
Sie blickte in den Spiegel und betrachtete das herzförmige Gesicht, das ihr einerseits vertraut und doch fremd war. Dissoziative Fugue – das hatte der Arzt im Krankenhaus diagnostiziert. Eine Art Amnesie, die durch ein Trauma hervorgerufen worden war. Alles, was sie wusste, war … nichts.
Zunächst hatte die Leere sie entsetzt, doch in letzter Zeit fühlte sie sich ganz wohl damit, dass sie ihre Vergangenheit nicht kannte. Bis der Fremde mit den blaugrauen Augen gekommen war.
Jemand klopfte an die Tür der Damentoilette. „Lammie?“, hörte sie Chris’ sanfte Stimme von draußen. „Alles in Ordnung?“
Der Kosename wärmte ihr das Herz. Chris nannte sie so, weil sie in seinen Augen wie ein verlorenes kleines Lamm wirkte. „Ja, alles okay“, rief sie. „Ich zittere ein wenig, das ist alles.“
Seine Stimme zu hören tat gut. Chris würde sie beschützen. Das machte er bereits seit dem Tag, als sie ihm vors Auto gelaufen war.
„Meinst du, du kannst rauskommen? Wir würden uns gern mit dir unterhalten.“
Sie hoffte, dass er mit „wir“ sich selbst und seine Frau Jessica meinte und nicht den Fremden mit der beunruhigend warmen Umarmung.
„Ich komme gleich“, entgegnete sie.
Rasch richtete sie ihren Pferdeschwanz und wischte sich die Tränenspuren aus dem Gesicht. Wenn sie dem Fremden schon erneut gegenübertreten musste, wollte sie wenigstens gefasst wirken, verdammt noch mal.
Als sie schließlich die Tür öffnete, stellte sie fest, dass Chris an der Bar lehnte. „Geht’s dir besser, Lammie?“, fragte er leise. Als sie nickte, lächelte er ihr aufmunternd zu.
Sie musste nicht aufblicken, um zu erkennen, wer die andere Hälfte von „wir“ war. Die Präsenz des Mannes war deutlich zu spüren.
„Das sind Thomas Collier“, erklärte Chris, „und sein Bruder Linus.“
„Wie die Seife“, murmelte sie automatisch. Eine Flasche von Colliers Zitronenseife stand immer am Spülbecken der Restaurantküche. Jessica schwor darauf, und sie selbst hatte die Seife auch auf Anhieb gemocht.
„Das stimmt. Sie kommen aus London.“
Sie blickte nach links, wo die beiden Männer an einem Tisch saßen. Diesmal wirkten die zwei wesentlich zurückhaltender. Der Fremde kauerte auf dem Rand des Stuhls. Die Haltung seines hoch aufgeschossenen Körpers erinnerte sie an einen jungen Hengst, der kurz davor war durchzugehen. „Mr. Colliers Frau, Rosalind, wird vermisst“, fuhr Chris fort. „Sie verschwand nach einem Autounfall. Er ist ziemlich sicher, dass du diejenige bist.“
Er hatte sie Rosie genannt.
Weil sie hoffte, dass sie eine Erinnerung heraufbeschwören könnte, wenn sie sich nur genug konzentrierte, fasste sie ihren sogenannten Ehemann genauer ins Auge. Als sie sich ihrem Tisch genähert hatte, hatte sie beide Männer für attraktiv gehalten, doch auf den zweiten Blick erkannte sie, dass nur einer wirklich gut aussehend war. Thomas Collier war sogar teuflisch attraktiv. Wenn sie wirklich verheiratet waren, dann verfügte sie über einen fantastischen Geschmack. Er war größer als sein Begleiter und hatte ein ungemein schönes Gesicht mit markanten Zügen – und unglaubliche Augen.
Doch wenn sie die Anziehung, die sie zweifellos verspürte, mal beiseiteschob, dann bewunderte sie einen Fremden. „Ich habe ihn über deinen Zustand aufgeklärt“, sagte Chris.
„Und du glaubst ihm?“ Eine überflüssige Frage. Chris hätte sie nicht hergebeten, wenn er es nicht täte.
„Ich finde, du solltest dir anhören, was er zu sagen hat“, erwiderte er. „Danach kannst du selbst entscheiden.“
Sie biss sich auf die Lippe – unsicher, was sie tun sollte. Wenn sich die Geschichte des Mannes als wahr erwies, dann bekäme sie endlich die Antworten, nach denen sie suchte. Andererseits würde alles, was sie erfuhr, ihre Welt auf den Kopf stellen. Während sie ihre Vergangenheit nicht kannte, konnte sie über die Gegenwart immerhin sagen, dass sie ihr gefiel.
„Ich verspreche, dass ich mich benehmen werde“, schaltete Collier sich nun ein. „Du hast mein Wort, dass ich nichts tun werde, was dich verängstigen könnte. Bitte“, fügte er hinzu und deutete auf den Platz neben sich.
Diese verdammten Augen. Wie konnte sie Nein sagen, wenn sie derart flehentlich dreinblickten?
Chris’ Schnurrbart streifte ihr Ohr, als er sich vorbeugte. „Keine Angst, Lammie. Ich bin gleich hier an der Bar, wenn du mich brauchst“, murmelte er und fügte dann etwas lauter hinzu: „Mr. Collier, kann ich Ihnen vielleicht etwas zu essen anbieten?“
„Da müssen Sie mich nicht zweimal fragen. Außerdem nehme ich einen großen Scotch.“ Der andere Mann, die jüngere, weniger attraktive Version ihres „Ehemanns“, erhob sich. Als er an ihr vorbeikam, blieb er kurz stehen und lächelte sie warm an. „Ich kann kaum glauben, dass du es bist, Rosalind. Thomas hat recht – es ist ein Wunder.“
„Kommen Sie, Mr. Collier. Ich schenke Ihnen den besten Single Malt Whiskey aus, den Sie in den Highlands bekommen können.“ Chris nahm den Mann beim Ellbogen und führte ihn an das andere Ende der Bar.
Damit waren sie beide allein.
Vorsichtig schlüpfte sie auf den Stuhl rechts von ihm. Mit beiden Händen umklammerte sie die Lehnen.
„Es tut mir leid, dass ich dich vorhin so erschreckt habe“, begann Collier. „Das wollte ich nicht. Als ich dich sah, konnte ich nicht …“ Er brach ab, holte tief Luft. „Man sagte uns, du seist tot. Dass du wahrscheinlich im Fluss ertrunken bist.“
Fluss. Sofort kamen ihr ihre Albträume in den Sinn, und sie umklammerte die Lehnen noch krampfhafter. Vor ihrem geistigen Auge sah sie pechschwarze Wassermassen. Sie konnte nicht atmen.
Kein Wunder, dass ihre Stimme ganz rau klang. „Chris hat Ihnen von meinen Erinnerungslücken erzählt?“
„Er sagte, dass du dich an nichts erinnern kannst, was länger als vier Monate her ist.“
„Das stimmt. Die Ärzte im Krankenhaus glauben, dass ich ein Trauma durchlebt habe, das zu der Amnesie führte.“ Zu diesem Ergebnis waren sie gekommen, nachdem all ihre Tests gescheitert waren. „Sie sagten, Ihre Frau hätte einen Autounfall gehabt?“
„Eine Brücke ist eingebrochen, und dein Wagen …“ Sie registrierte, dass er sie ständig duzte. „… stürzte während eines heftigen Sturms in den River Lochy.“
In eisiges Wasser zu fallen dürfte allerdings als Trauma durchgehen und erklärte auch ihre Albträume. „Ich hatte mir das Schlüsselbein gebrochen“, sagte sie.
„Es überrascht mich, dass du nicht noch viel schwerer verletzt worden bist.“
Schon wieder duzte er sie. „Sie scheinen sich verdammt sicher zu sein, dass ich Ihre Frau bin.“
„Weil ich dich überall erkennen würde.“
Die Art, wie Collier sie anschaute, brachte sie beinahe aus der Fassung. Sie tappte nach wie vor im Dunkeln, und er wirkte so überzeugt.
„Trotzdem wäre ich eine Närrin, wenn ich Ihnen einfach so glauben würde.“ Oder mich von einem Paar sturmblauer Augen verführen ließe.
„Glaub mir, Rosie, ich würde dich niemals eine Närrin nennen. Ich habe Fotos.“ Er zog sein Handy hervor und zeigte ihr eines.
Von ihr.
Oder wenn sie es nicht war, dann handelte es sich um einen absolut identischen Zwilling.
„Da sind noch mehr.“ Er scrollte zu einem weiteren Bild, diesmal eine elegantere Version derselben Frau. Sie hatte das Haar zu einem Knoten geschlungen und trug ein atemberaubendes schwarzes Abendkleid.
„Die Wohltätigkeitsveranstaltung im Museum vergangenen Mai“, erklärte er. „Du hast umwerfend ausgesehen in diesem Kleid.“
Vor allem sah sie unglücklich aus. Ihr Lächeln erreichte ihre Augen nicht.
Das nächste Foto musste am selben Abend aufgenommen worden sein, nur dass diesmal ihre Doppelgängerin von einer Frau mit flammend rotem Haar und einem attraktiven älteren Mann mit ergrauenden Locken und Brille flankiert wurde.
„Das sind deine Kollegen von der Uni. Eve Cunningham und Professor Richard Sinclair.“
Sie bemerkte, wie fest der Professor den Arm um ihre Taille gelegt hatte.
„Warum sind Sie nicht auf diesen Fotos zu sehen?“, entgegnete sie und rieb sich die Stirn. Ein pochender Schmerz begann, sich dahinter auszubreiten.
„Das liegt daran, dass ich die Fotos gemacht habe.“
Und sie befanden sich auf seinem Handy. „Gibt es eins, auf dem wir beide zusammen zu sehen sind?“ Jeder konnte sich aus x-beliebigen Quellen Fotos besorgen und abspeichern. Ein gemeinsames Bild war allerdings schon schwieriger zu fälschen.
„Ein paar.“ Nur Sekunden später starrte sie auf ein Selfie – ein ziemlich übles, um genau zu sein. Es war viel zu nah aufgenommen, der obere Teil ihrer Köpfe abgeschnitten. Allerdings gab es keinen Zweifel, dass es sich um ihr Gesicht handelte. Sogar die leidige Narbe auf dem Nasenrücken war deutlich zu sehen.
Anders als bei den anderen Fotos spiegelte sich ihr Lächeln auch in den Augen wider.
„Das haben wir im Frühjahr vor zwei Jahren aufgenommen, als wir im Lake District unterwegs waren“, erzählte Thomas.
„Vor zwei Jahren? Gibt es keine aktuelleren Fotos?“
„Ich mache nicht besonders gern Selfies.“
Das war offensichtlich. Sie betrachtete das Bild genauer. „Wir sehen glücklich aus.“
Wir. Allmählich begann sie, ihm zu glauben. Rosalind Collier. Der Name klang fremd, aber gut. So wie sich ein neues Outfit anfühlte, das optimal passte.
Thomas nahm ihr das Handy wieder ab und betrachtete das Foto. „Ja, das waren wir“, murmelte er. „Glücklich. Du hast dieses Cottage in Cumbria geliebt – weit weg von der City.“
Warum klang er dann plötzlich so traurig?
„Du solltest eigentlich in Cumbria sein, als du den Unfall hattest“, fügte er hinzu.
Oh. Deshalb also. Da war ein Gedanke, der an ihr nagte und doch nicht richtig klar wurde. Es hatte irgendetwas mit Eis oder Felsen zu tun, doch er entschwand wieder in die Dunkelheit, ehe sie sicher war.
Eines war jedoch merkwürdig. „Wenn ich eigentlich im Lake District sein sollte, wie bin ich dann hier gelandet, meilenweit davon entfernt? Selbst Fort Williams ist meilenweit weg von Cumbria. Was habe ich hier gemacht? Das ergibt keinen Sinn.“
„Niemand weiß es.“ Er warf das Handy auf den Tisch, das dort dumpf aufprallte. „Am wahrscheinlichsten erscheint uns, dass du auf dem Weg zum Loch Morar warst. Du hast dort einiges an Feldforschung betrieben. Du bist Geologin“, erklärte er, als sie die Stirn runzelte.
„Geomorphologische Eigenschaften.“ Die Worte kamen aus ihrem Mund, ohne dass sie darüber nachdenken musste. Thomas’ Augen weiteten sich.
„Genau“, erwiderte er. „Du hast einen Aufsatz über die dortigen Gletscherspuren geschrieben.“
Sie schien noch ein wenig geneigter, seine Geschichte zu glauben. Tatsächlich setzte sich der Name Rosalind in ihrem Gehirn bereits fest.
„Was wir nicht verstehen“, fuhr er fort, „ist, wie du hierhergekommen bist. Wochenlang haben wir dich gesucht. Alle waren überzeugt, dass du in den Atlantik gespült worden seist. Wie bist du ganz hier oben im äußersten Nordosten gelandet?“
Es wäre schön, wenn sie ihm eine Antwort geben könnte. Ach, wen wollte sie hier hinters Licht führen? Sie würde sich selbst gern eine Antwort geben. „Ich habe keine Ahnung. Das Erste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich eine Autobahn entlanggelaufen bin und unglaublich müde war. Ich wusste weder, wer ich bin, noch, was ich da tat.“
„Du kannst dich nicht daran erinnern, ein ganzes Land durchquert zu haben?“
Heftig schüttelte sie den Kopf. „Ich kann mich nicht mal daran erinnern, an jenem Morgen wach geworden zu sein. Plötzlich hat ein Lkw direkt vor mir laut gehupt, und ich stand wie angewurzelt da.“ Und habe wie benommen auf die Bäume am Wegesrand gestarrt. „Ich war völlig verdreckt, meine Kleider zerrissen, und ich hatte keinerlei Ausweispapiere dabei.“
„Großer Gott“, flüsterte Thomas. Sein Stuhl schrammte über den Boden, als er näher rückte. Sie spürte seinen Blick auf sich und dass er darauf wartete, was sie als Nächstes sagen würde.
„Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Gott sei Dank fuhr Chris gerade vorbei und erkannte, dass ich Hilfe brauchte. Er hat mich ins Krankenhaus gebracht. Von da bin ich in eine Spezialklinik in Wick verlegt worden, und dort hat man die traumatische Amnesie diagnostiziert.“
Es hatte schon etwas Absurdes, dass sie sich an alles, was seit dem Moment auf der Autobahn geschehen war, ganz genau erinnern konnte.
„Das verstehe ich nicht.“ Thomas wirkte noch verwirrter als zuvor. „Wenn du doch im Krankenhaus warst, warum ist man dort nicht …“
„… die polizeilich bekannten Vermisstenfälle durchgegangen?“
„Dir war doch sicher klar, dass es Menschen geben würde, die nach dir suchen? Deinem Freund Chris muss das doch auch klar gewesen sein?“
„Ja.“
„Dann … warum?“
Sie zögerte. Die Antwort würde ihm nicht gefallen.
„Ich habe sie gebeten, es nicht zu tun.“
Völlig ungläubig starrte er sie an. „Was?“
„Ich wollte nicht gefunden werden. Zumindest nicht sofort.“
„Warum in aller Welt …“ Er schlug so laut mit der Faust auf den Tisch, dass es bis ans andere Ende des Raumes zu hören war. Augenblicklich tauchte Chris auf.
„Alles in Ordnung?“, fragte er.
„Ja, alles okay“, entgegnete sie schnell. Colliers Reaktion hätte schlimmer sein können. Er fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Seine Augen hatten sich verdunkelt. In ihnen lag zornige Verwirrung.
„Warum nicht, zur Hölle?“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Offensichtlich musste er sich sehr beherrschen.
„Ich habe einfach Zeit gebraucht. Um herauszufinden, was geschehen war. Um zu sehen, ob meine Erinnerung von allein zurückkommen würde.“
„Ich verstehe“, entgegnete er nur mühsam gefasst. „Und dir ist nie in den Sinn gekommen, dass es Menschen geben könnte, deren Leben ebenfalls betroffen ist? Die um dich trauern?“
„Natürlich ist mir das in den Sinn gekommen“, fauchte sie. Es hat dich allerdings nicht allzu sehr interessiert, dachte sie schuldbewusst. „Aber versetzen Sie sich doch mal in meine Lage. Ich konnte mich an nichts erinnern – weder an meinen Namen noch daran, wie ich verletzt wurde. Gleichzeitig erzählten mir die Ärzte, dass ich irgendein schreckliches Trauma durchlebt haben müsste. Es konnte also sehr gut sein, dass die Menschen, die ich hinter mir gelassen hatte, Teil dieses Traumas waren.“
Thomas stieß einen gequälten Laut aus, so als hätte sie ihn geschlagen. „Ich würde niemals …“
„Ich …“ Weiß, hätte sie beinahe gesagt. „Ich habe mich nicht an Sie erinnert.“
„Du hättest nachforschen können. In allen Nachrichten und auch im Internet war dein Verschwinden Thema.“
„Haben Sie bemerkt, wo wir hier sind? Mitten im Nirgendwo. Ich habe die Vermisstendatei in Schottland durchsucht, aber da war nichts zu finden. Was mich noch mehr davon überzeugt hat, dass ich vor irgendetwas weggelaufen bin. Jedenfalls habe ich Chris und Jessica gefragt, ob ich eine Weile bei ihnen bleiben könne, und sie waren so nett, mich aufzunehmen. In den vergangenen vier Monaten habe ich über dem Restaurant geschlafen.“
„Vier Monate? Mein Gott.“ Verzweifelt fuhr er sich mit der Hand durchs Haar.
Vor lauter Schuldgefühlen drehte sich ihr der Magen um. Vielleicht hätte sie doch größere Anstrengungen unternehmen sollen, doch wenn sie ehrlich war, hatte sie zu heftige Angst gehabt, was sie über ihre Vergangenheit und sich selbst herausfinden könnte.
„Seit Oktober managt Linus die Fabrik“, murmelte er. „Oktober! Wir hätten dich schon vor Wochen nach Hause bringen können. Maddie wäre …“
„Maddie?“
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Maddie war der Name gewesen, den sie gewählt hatte, als Chris sie gefragt hatte, wie er sie nennen solle. Der Name hatte ihr sofort auf der Zunge gelegen, ohne dass sie groß darüber nachgedacht hätte. Es konnte doch kein Zufall sein, dass Collier denselben Namen erwähnte. „Wer ist Maddie?“
Da drehte er den Kopf und blickte ihr direkt in die Augen. „Maddie ist unsere Tochter.“
Rosalind schrie auf. Sie hatte eine Tochter? Ein kleines Mädchen?
Benommen erhob sie sich und ging zum letzten Fenster an der hinteren Wand hinüber, dort, wo die Hirschgeweihe hingen. Nie war ihr in den Sinn gekommen, dass sie Kinder haben könnte.
„Möchtest du ein Foto sehen?“
„Ja, bitte.“ Sie wirbelte herum, lehnte sich an die Fensterbank und wartete darauf, dass er zu ihr herüberkam. Für den Fall, dass das ein Trick war, wollte sie nicht zu begierig klingen.
Mit zitternden Fingern griff Rosalind nach dem Handy, das er ihr reichte. Ihr Mädchen war wunderschön. Ein kleiner Engel mit braunen Locken und Collier-Augen. Auf dem Foto stand sie auf einem Felsen in einem blühenden Garten. Sie trug ein Sommerkleid mit Blumendruck. Die Ärmchen hatte sie in den Himmel gereckt.
„Maddie.“ Versonnen streichelte sie das Display.
„Ich habe das Foto an ihrem Geburtstag im vergangenen August gemacht.“
Rosalind keuchte. Sie hatte den Geburtstag ihrer Tochter verpasst? „Wie … wie alt ist sie?“
„Fünf.“
Eine fünf Jahre alte Tochter. „Das wusste ich nicht“, wisperte sie, so als könne das ihr Versäumnis wiedergutmachen.
Welche Mutter vergaß ihr eigenes Kind? Sie scrollte durch die Bildergalerie und fand Unmengen an Fotos des kleinen Mädchens. Und dann …
Entdeckte sie ein Bild von sich und dem Mädchen zusammen.
Sie waren sich der Kamera nicht bewusst, denn sie hockten beide vor einem Weihnachtsbaum. Die Kleine hielt ein Geschenk im Schoß, während sie, Rosalind, um sie herumgriff, um ihr beim Auspacken zu helfen. Sehnsucht breitete sich in ihr aus.
„Glaub mir, ich habe mein Bestes versucht“, hörte sie Collier sagen, „aber sie vermisst ihre Mutter. Wenn ich mir ihr Gesicht vorstelle, wenn sie dich morgen wiedersieht …“
„Entschuldigung, wann?“ Rosalind ließ die Hand mit dem Handy sinken und schaute ihn scharf an. „Wollen Sie damit sagen, Sie erwarten, dass ich heute mit Ihnen zurück nach London reise?“
Seine Augen weiteten sich. „Willst du etwa sagen, dass du nicht mit nach Hause kommen willst?“
„Wir sind uns gerade erst begegnet“, erwiderte sie. Es ging alles viel zu schnell. Also gut, seine Geschichte wirkte überzeugend, aber es war immer noch nur eine Geschichte. „Ich soll alles, was Sie mir hier erzählen, glauben, nur weil Sie ein Handy voller Fotos haben?“ Fotos von mir, wie sie innerlich hinzusetzte. Sie jagten ihr eine Heidenangst ein, weil sie ein Leben enthüllten, über das sie nichts wusste.
Rosalind schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht bereit.“
Das trug ihr einen Blick blanken Entsetzens ein.
„Glaubst du wirklich, ich würde mir die Mühe machen, all diese Fotos zu manipulieren, und dann hierhergeflogen kommen, nur um dich übers Ohr zu hauen?“, entgegnete er. „Ich habe geglaubt, du seist tot, verdammt noch mal!“
Das wiederholte er immer wieder, und wenn Rosalind nur nach seinen Reaktionen urteilen würde, gäbe es keine Diskussion.
„Betrachten Sie es aus meinem Blickwinkel. Für mich sind Sie ein Fremder.“ Sie zuckte zusammen, als sie den Schmerz in seinem Gesicht sah, dennoch durfte sie dem nicht nachgeben. „Sie tauchen hier völlig aus dem Nichts heraus auf mit Umarmungen und Fotos und erwarten von mir, dass ich Ihnen alles glaube, wo ich mich nicht mal an meinen eigenen Geburtstag erinnern kann.“
„Vierundzwanzigster Februar.“
„Danke, aber darum geht es nicht. Würden Sie Ihren sicheren Hafen verlassen – nur wegen ein paar Fotos und der Worte eines Menschen, dem Sie gerade erst begegnet sind?“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wartete darauf, dass ihre Worte Wirkung zeigten. Als sie es taten, trat er einen Schritt zurück.
„Was brauchst du?“, fragte er.
Gute Frage. Antworten darauf, was mit ihr passiert war. „Zeit“, sagte sie. „Sie preschen zu schnell vor. Und ich brauche Beweise. Mehr Beweise als die Fotos auf Ihrem Handy, meine ich.“
„Also gut. Ich sorge dafür, dass gleich morgen früh ein Paket zugestellt wird. E-Mail habt ihr hier oben doch, oder?“
Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ja, der Pub hat einen E-Mail-Account.“
„Gut. Du willst Beweise, also wirst du sie bekommen. Alles, was es braucht, damit du nach Hause kommst.“
Sie erwartete, dass er nun gehen würde, doch stattdessen kam er näher. So nah, dass Rosalind sein Aftershave riechen konnte.
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du es bist“, flüsterte er. „Ich habe dich so vermisst, Rosie.“
Als er die Hand hob, verspannte sie sich, weil sie glaubte, er wolle sie wieder berühren. Die Vorstellung war gar nicht so schrecklich. Rosalind gab seinen Augen die Schuld. Eine Frau konnte sich in diesen Augen verlieren, wenn sie nicht aufpasste.
„Abstand“, krächzte sie, kurz bevor er ihr eine Haarsträhne hinters Ohr streichen konnte. „Ich brauche auch Abstand, damit ich klar denken kann.“
Enttäuschung flackerte in seinen Augen auf, aber er wich wie ein Gentleman zurück. „Natürlich. Nimm dir all den Abstand und die Zeit, die du brauchst.“
„Danke.“ Langsam atmete sie aus. „Ich weiß Ihre Geduld zu schätzen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden – ich gehe nach oben und lege mich hin. In meinem Kopf dreht sich alles.“
Erneut musste Thomas den Drang bekämpfen, ihr hinterherzulaufen. Geduld, ermahnte er sich. Immer wieder musste er sich vergegenwärtigen, wie überwältigend seine Neuigkeiten für sie sein mussten. Zur Hölle, für ihn selbst war es ja genauso überwältigend!
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Linus auf ihn zukam, ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit in der Hand.
„Hier. Ich dachte, du könntest einen Drink gebrauchen“, sagte er.
Thomas nahm das Glas entgegen und trank einen langen Schluck, wobei er das brennende Gefühl, das der Whiskey in Kehle und Rachen hinterließ, willkommen hieß.
„McKringle ist nach oben gegangen, um nach Rosalind zu sehen. Ich dachte, ich schaue mal, wie du dich hältst. War das Gespräch okay?“
„Sie braucht mehr Beweise, ehe sie mir Glauben schenken will“, versetzte Thomas.
„Kluge Entscheidung.“
Ja, das war es. Doch Thomas hegte keinen Zweifel, dass Rosalind restlos überzeugt sein würde, sobald er ihr ihre ganze Geschichte geliefert hatte.
Er trank einen weiteren Schluck. „Ich kann’s nicht glauben, Linus.“ Noch immer war es so, als würde er träumen. „Wie oft hast du mit McDermott über diese Fabrik gesprochen? Und die ganze Zeit befand Rosie sich am Ende der Straße.“
„Wie ist sie hierhergekommen? Ihr Auto wurde an der Westküste gefunden“, bemerkte Linus. „Hat sie was gesagt? McKringle wollte meine Fragen nicht beantworten.“
„Sie weiß es nicht“, erwiderte Thomas. „Sie erinnert sich an nichts mehr vor dem Zeitpunkt, als sie McKringle vors Auto gelaufen ist.“
Und das schloss ihn mit ein. Thomas war nicht sicher, ob das ein Fluch oder ein Segen war. Ein bisschen von beidem, entschied er.
Zahllose Nächte hatte er wach gelegen und sich die Schuld an dem Unfall gegeben. Sie wäre nicht im Cottage gewesen, wenn ich nicht so ein sturer Esel gewesen wäre.
„Und jetzt wird sie Weihnachten mit uns feiern.“ Er sprach die Worte laut aus, auch um sich selbst Mut zu machen. „Maddie wird völlig aus dem Häuschen sein.“
„Was ist mit dir?“, erkundigte sich Linus.
Was für eine alberne Frage. „Natürlich bin ich überglücklich – bist du verrückt?“ Er kippte den letzten Rest Whiskey hinunter. McKringle hatte nicht zu viel versprochen – der Scotch war wirklich ausgezeichnet.
„Ich weiß, dass du glücklich bist, Thommy. Jeder, der dein Gesicht gesehen hätte, als sie hereinkam, hätte das sofort erkannt.“
„Was meinst du dann?“
Sein Bruder lehnte sich an die Tischkante und schaute ihn aufmerksam an. Es war ungewöhnlich, dass der jüngere Collier so ernst war. Thomas’ Puls beschleunigte sich. „Wirst du ihr die kompletten Umstände erklären?“, fragte Linus.
„Was soll ich ihr denn sagen? Ach übrigens, ich war ein lausiger Ehemann, und das ist der Hauptgrund, weshalb du in den Norden gefahren bist?“
„Du warst kein lausiger …“
Thomas stoppte den Protest, indem er die Hand hob. Er wusste ganz genau, bei wem die Schuld lag.
„Wir haben sie gerade erst zurückbekommen, Linus. Ich bin nicht bereit, sie schon wieder zu verlieren.“
„Nein.“ Sein Bruder schüttelte den Kopf. „Nein, das verstehe ich.“
Irgendwann würde sich Rosalind sowieso an alles erinnern. Darauf würde es hinauslaufen, oder? McKringle hatte gesagt, dass die Ärzte sehr optimistisch waren.
Wenn die Erinnerungen zurückkamen, würde Thomas die Lücken füllen – inklusive der Tatsache, dass sie ins Cottage gefahren war, um über ihre Ehe nachzudenken.
Bis dahin würden sie die nächsten Wochen nutzen, um neue Erinnerungen zu schaffen. Mit ein bisschen Glück konnte er Rosalind vielleicht beweisen, dass er willens war, sich zu ändern. Dass er alles tun würde, um sie und Maddie wieder glücklich zu machen.
Wenn Rosalinds Erinnerung dann wieder da wäre, würden die Probleme, die sie gehabt hatten, vielleicht keine Rolle mehr spielen.
Immerhin hatte der heutige Tag gezeigt, dass schon größere Wunder geschehen waren.
Als Thomas Rosalind gesagt hatte, er würde Beweise bringen, hatte er nicht gelogen. Am folgenden Morgen gingen mehrere größere Dateien via E-Mail ein. Da waren Artikel. Fotos. Eine Kopie ihrer Heirats- und Geburtsurkunde. Genau genommen kamen so viele Informationen in so kurzer Zeit, dass Rosalind sich fragte, ob Thomas einen ganzen Mitarbeiterstab beschäftigte, der für ihn ackerte. Natürlich stellte sie selbst ihre eigenen Recherchen an, da sie nun über Namen verfügte, die sie googeln konnte.
So erfuhr sie, dass Thomas Collier nach dem Tod seines Vaters zum CEO der Collier-Seifenfirma geworden war. Preston Collier war ein geschäftiger Mann gewesen, dreimal verheiratet. Aus den Ehen waren Thomas, Linus und deren Halbschwester Susan hervorgegangen.
Während sie alles las, was das Internet zu Thomas hergab, überraschte es sie nicht, zu erfahren, dass er ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann war. Allerdings stellte sie sich die Frage, wie in aller Welt es ihr gelungen war, ihn zu heiraten. Soweit sie es beurteilen konnte, kam sie aus einer Familie weltbekannter Geologen. Als sie danach fragte, antwortete Thomas, sie seien sich an der Universität über den Weg gelaufen. Schwer zu glauben, dass ein Mann wie er ihr einen zweiten Blick gönnte. Doch das hatte er. Sie sah die Hochzeitsfotos, die es bewiesen.
Am Ende der Woche kannte sie genug von ihrer Lebensgeschichte, um Thomas zu glauben – selbst wenn sie sich immer noch an nichts erinnern konnte. Das Problem war nur: Zahlen und Fakten beantworteten ihre Fragen, gaben ihr aber nicht die Sicherheit, die sie brauchte, um sich völlig auf ihn einzulassen.
Nur dass es Maddie gab. Jedes Mal, wenn sie ein Foto des kleinen Mädchens sah, brannte ihr Herz vor Sehnsucht. Vielleicht wollte sie auch einfach nicht, dass so ein wunderbares kleines Ding keine Mutter hatte. Genau genommen spielte der Grund jedoch keine Rolle. Wenn sie mit Thomas nach London zurückkehrte, dann nur, um Maddie die Mutter zurückzugeben.
„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, gestand sie Chris und Jessica eines Tages nach Feierabend. „Wie kehre ich zurück zu einem ‚Ehemann‘, an den ich mich gar nicht erinnern kann?“
Sie hatten seit jenem Abend nicht mehr persönlich miteinander gesprochen. Nachdem Thomas sich bereiterklärt hatte, ihr Raum und Zeit zu geben, beschränkte er sich auf die E-Mails, die seine täglichen Dokumente begleiteten. Er schrieb freundlich und fröhlich. Oft schilderte er Anekdoten zu den betreffenden Dokumenten, doch zwischen den Zeilen hörte sie seine Ungeduld heraus, dass sie endlich nach Hause kam. Besonders wenn er die Mail mit den Worten „Wir vermissen dich“ beendete.
„Wer sagt, dass du das tun musst?“, antwortete Jessica. „Nur weil du deinen Namen und deine Identität kennst, musst du nicht gleich zurückeilen und dein altes Leben wieder aufnehmen. Du würdest doch auch ein Baby nicht gewaltsam dazu zwingen, das Laufen zu lernen, oder?“
„Nein.“ Seufzend legte sie sich die Hand auf die Stirn. „Wenn ich mich nur an ihn erinnern würde. All diese Dokumente zu studieren ist wie ein Buch über eine andere Person zu lesen. Ich kenne Zahlen und Fakten, aber das fühlt sich nicht real an. Ergibt das irgendeinen Sinn?“
„Du musst dir Zeit geben, Liebes.“ Jessica griff über den Tisch hinweg nach Rosalinds Hand. „Irgendwann wird dein Herz sich erinnern.“
„Und wenn nicht?“ Was, wenn sie sich niemals an Thomas Collier erinnern würde?
„Wer sagt, dass du bei ihm bleiben musst? Du kannst mit deiner kleinen Tochter ein neues Leben anfangen“, entgegnete Jessica. „Ich weiß, dass du dir wegen deiner Gefühle für sie keine Sorgen machen musst.“
Rosalind errötete. Schon beim Betrachten der Fotos hatte sie sich in das kleine süße Mädchen verliebt. Unterm Strich war sie der beste Grund, nach London zurückzukehren.
Aber Jessicas Worte klangen noch lange in ihr nach. Die ältere Frau hatte recht. Es gab keinen Grund, dass sie, Rosalind, bei Thomas bleiben musste, wenn sie sich nicht an ihn erinnerte.
Das brachte sie auf eine Idee.
„Was meinst du mit einem ‚Testbesuch‘?“
Es war ein paar Abende später, und sie spazierten ins Dorfzentrum, nachdem Thomas unangekündigt aufgetaucht war. Da im Pub nicht sonderlich viel los gewesen war, hatte Chris ihr den Abend freigegeben, damit sie reden konnten. Rosalind entschied, dass diese Gelegenheit genauso gut war wie jede andere, um ihm ihren Plan zu enthüllen.
Natürlich reagierte Thomas alles andere als begeistert.
„Ich meine es genauso, wie es klingt“, erklärte sie. „Ich werde mit nach London kommen.“
„Du meinst nach Hause. Du kommst nach Hause.“
Rosalind seufzte. „Nein, ich meine London. Dieses Dorf ist das einzige Zuhause, das ich kenne. Du erwartest doch wohl nicht, dass ich sofort in mein altes Leben zurückkehre, nur weil du mir ein paar E-Mails voller Zahlen und Fakten geschickt hast?“
Die Art, wie er sich abwandte, sagte ihr, dass er genau das erwartet hatte. Was zu der Frage führte, was er sich sonst noch so vorstellte.
Passend zur Jahreszeit waren die Bäume der Hauptstraße mit blauen und weißen Lichterketten geschmückt. Es war romantisch, magisch und zweifellos auch der Grund, warum Rosalind sich Thomas’ Nähe so überdeutlich bewusst war.
„Was ist mit Maddie?“, fragte er nach einem Moment.
„Maddie ist der Grund, warum ich überhaupt bereit bin, zurückzukommen.“ Rosalind konnte nicht verantworten, dass das Kind auch nur einen weiteren Tag lang glaubte, seine Mutter sei tot. „Sie braucht ihre Mutter.“
„Und du meinst, ich brauche dich nicht?“
„Du bist kein kleines Mädchen.“ Genau genommen war gar nichts klein an ihm. „Und es gibt keine Garantie, dass du und ich … dass wir in der Lage sein werden, unsere Verbindung wiederzufinden. Ich will keine Versprechungen machen, die ich nicht halten kann. Ich würde mich besser dabei fühlen, nach London zu kommen, wenn ich wüsste, dass ich die Freiheit hätte zu …“
„… gehen.“
„Ja. Ich meine, nein. Ich würde Maddie nicht verlassen.“
„Nur mich.“
Musste er so deprimiert klingen? Sofort stellten sich wieder Schuldgefühle ein. „In meinem Kopf klang der Plan viel besser.“ Auf jeden Fall weniger herzlos. Sie durfte nicht vergessen, dass sie für ihn die Frau war, die er liebte. „Ich will damit nicht sagen, dass ich es nicht versuchen werde. Ich habe einfach …“
„… Angst.“ Die Sanftheit seiner Stimme umschmeichelte sie.
„Und wie“, entgegnete sie. Das Bekannte für das Unbekannte aufgeben? War es da nicht verständlich, dass sie geradezu Panik verspürte? „Ich habe keine Ahnung, worauf ich mich einlasse.“
„Deshalb willst du ein Enddatum für den Fall, dass die Dinge nicht so laufen, wie du es dir vorstellst.“
„Eher ein potenzielles Enddatum. Einen Punkt, an dem wir beide zurücktreten und alles neu überdenken können. Du musst zugeben, dass das hier nicht gerade eine Standardsituation ist.“
„Nein, die ist es definitiv nicht.“
Erleichtert atmete Rosalind aus. Er schien zu verstehen. Nur auf diese Weise konnte sie eine gewisse Kontrolle über die Situation behalten.
„Und wie lange soll dieser Testbesuch von dir dauern?“
„Zumindest über Weihnachten und Neujahr“, sagte sie. „Ich will nichts vor dem Jahreswechsel entscheiden. Maddie ein schönes Weihnachtsfest zu bescheren hat für mich oberste Priorität.“
„Für mich auch.“
„Dann sind wir uns einig. Wir verbringen die nächsten Wochen damit, uns auf unsere Tochter und Weihnachten zu konzentrieren, und dann schauen wir, wo wir im Januar stehen.“
„Das gibt uns drei Wochen.“ Es war offensichtlich, dass ihm die Idee nicht gefiel. Allerdings musste sie es ihm hoch anrechnen, dass er nicht protestierte.
„Einundzwanzig Tage“, pflichtete sie ihm bei. „Und wer weiß? Vielleicht fällt mir alles wieder ein, sobald ich durch die Haustür spaziere, und diese ganze Diskussion ist hinfällig.“ Schließlich waren schon merkwürdigere Dinge passiert, oder?
„Hast du dich in der Zwischenzeit an irgendwas erinnert?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht wirklich. Ein paar der Fotos fühlten sich vertraut an, aber ich weiß nicht, ob das nur Wunschdenken ist. Es tut mir leid.“
„Du musst dich nicht entschuldigen, Rosalind.“
Trotzdem hatte sie das Gefühl. Es war ganz schrecklich, dass sie sich nicht an ihre eigene Familie erinnern konnte und nicht überglücklich war, ihren Weg nach Hause gefunden zu haben.
Unter einem besonders hell erleuchteten Zweig blieben sie stehen. Rosalind klopfte das Herz bis zum Hals, als sie sah, wie eindringlich er sie anblickte.
„Ich werde dich nicht drängen, was deine Erinnerungen angeht, Rosie“, begann er. „Aber das heißt nicht, dass ich nicht alles versuchen werde, um dich für mich zu gewinnen. Dir sollte klar sein, dass ich von jetzt bis Weihnachten alles dafür tun werde, um dich mit meinem Charme zu becircen. Du wirst so bezaubert sein, dass du gar nicht auf die Idee kommst zu gehen.“
„Ach ja?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich unbeeindruckt. Was ziemlich schwierig war, weil seine ach so selbstsichere Haltung verdammt beeindruckend war. Und charmant.
„Oh ja, auf jeden Fall, Mrs. Collier.“
Sein Blick bohrte sich in ihren. Aus dem Augenwinkel sah Rosalind, wie er die Hand hob. Schon glaubte sie, dass er sie berühren würde, und hielt den Atem an.
Doch er wahrte den Abstand, hielt sie allerdings weiterhin mit seinem Blick gefangen. „Genau genommen“, fügte er hinzu, „fange ich heute Abend damit an.“
Niemand hätte Thomas je den Vorwurf gemacht, weniger als hundert Prozent zu geben, und nun war er fest entschlossen, alles zu tun, um Rosalind bis zum Jahreswechsel für sich zu gewinnen. Ehe sie begann, sich an die Risse in ihrer Beziehung zu erinnern. Es mochte zwar sein, dass der Romantiker in ihm ein wenig eingerostet war, aber es gab ihn noch. Irgendwo.
Also ergriff er Rosalinds Hand und führte sie zurück zum Pub, der so leer wie immer war. Wie das McKringles wirtschaftlich überleben konnte, war ihm ein Rätsel. Der Pub-Besitzer schien sich an der mangelnden Auslastung jedoch nicht zu stören und war so hilfsbereit wie eh und je. Rasch packte er auf Thomas’ Bitte hin eine kleine Tasche zusammen, während Rosalind ihn noch davon zu überzeugen versuchte, dass sie unbedingt zum Arbeiten dableiben müsse. Zu ihrem Pech saßen aber nur zwei ältere Gentlemen an der Bar und tranken Whiskey. Rosalind wirkte beinahe panisch.
„Entspann dich“, sagte Thomas, als sie zu seinem Mietwagen gingen. „Ich verspreche dir, dass ich dich nicht in die Wildnis entführen werde, um dich dort in Stücke zu hacken.“
„Das weiß ich“, entgegnete sie.
Ach, wirklich? Sie wirkte so begeistert wie das nächste Opfer eines Serienkillers. Seit wann fürchtete sich seine eigene Frau vor ihm?
Seit sie vergessen hat, dass sie deine Frau ist.
„Weißt du, diese ganze Sache würde viel besser laufen, wenn du anfingst, mir zu vertrauen“, bemerkte er, sobald sie unterwegs waren. Er drehte die Heizung hoch, weil er vermutete, dass ein bisschen Wärme für Entspannung sorgen könnte.
„Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, wo wir hinfahren.“
Ach, das hatte er vergessen. Rosalind mochte keine Überraschungen. Also gut, er würde es ihr verraten. „Hast du je die Aurora Borealis gesehen?“
Trotz der Dunkelheit im Wagen spürte er ihren Blick. Um diese Jahreszeit waren die Nordlichter in den meisten klaren Nächten zu sehen.
„Nein“, entgegnete sie gedehnt. „Noch nie.“
„Gut. Ich auch nicht. Wir können sie zusammen anschauen.“
„Dir ist schon klar, dass das gerade sarkastisch gemeint war?“
„Wirklich? Wäre ich nicht drauf gekommen.“
Sie stieß einen verächtlichen Laut aus. „Gut gespielt.“
„Danke, ich gebe mein Bestes.“ Die Heizung schien ihren Job zu machen. „Ich sollte dich vermutlich dran erinnern, dass die Colliers für ihren beißenden Witz berühmt sind.“
„Tatsächlich? Deine Familie ist ohnehin sehr interessant. Im Internet findet man eine Menge Informationen. Viel mehr, als deine Dateien hergegeben haben.“
„Ich dachte mir schon, dass du deine eigenen Recherchen anstellst.“
„Waren dein Vater und Großvater wirklich beide dreimal verheiratet?“
„Ja, allerdings. Den Vorwurf, sie hätten Angst vor dem Hafen der Ehe gehabt, kann man ihnen wirklich nicht machen. Das Problem lag eher darin, verheiratet zu bleiben. Immerhin haben sie auf diese Weise einige Familien gegründet.“
„Und deine Mutter? In dem Bericht, den du geschickt hast, wurde sie nicht erwähnt“, fügte sie hinzu, als er kurz zu ihr schaute.
„Meine Mutter starb, als Linus und ich noch ganz klein waren.“
„Das tut mir leid.“
„Es ist lange her“, erwiderte er. Wenn sie länger gelebt hätte, wäre sie vermutlich genauso gegangen wie die anderen. Auf diese Weise hatte er zumindest eine intakte Familie gehabt.
„Du hast mir gesagt, dass meine Eltern ebenfalls gestorben sind“, bemerkte sie und starrte dabei auf ihre Hände. „In gewisser Weise bin ich froh.“
„Was?“ Wovon redete sie da? Sie hatte ihre Eltern angebetet.
„Nicht darüber, dass sie tot sind, aber dass sie nicht ein halbes Jahr lang denken mussten, sie hätten ihr Kind verloren. Es ist schon schlimm genug, dass ich dich und unsere Tochter diesem Albtraum ausgesetzt habe.“
„Einem Albtraum, der jetzt vorbei ist“, erinnerte er sie. „Ich nehme mal an, du hast auch deine eigene Familie gegoogelt.“
„Ein bisschen.“
„Nur ein bisschen?“
Erneut herrschte Schweigen. Als Thomas zu ihr hinüberblickte, sah er, dass sie mit dem Reißverschluss ihrer Jacke spielte. „Im Internet findet man hauptsächlich trockene Fakten. Die reichen nicht aus, um dir ein vollständiges Bild von einem Menschen zu machen.“
„Aber zumindest geben sie dir einige Anhaltspunkte“, versetzte er. „Etwas, an das sich deine Erinnerungen, wenn sie zurückkommen, klammern können.“
„Das stimmt.“
Sie klang nicht so zuversichtlich, wie sie sollte. „Glaubst du nicht daran, dass deine Erinnerungen zurückkommen?“, fragte er.
„Wer weiß? Was mir größere Sorgen macht, ist …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ach, egal.“
„Wenn dir etwas Sorgen bereitet, dann sag es mir. Vielleicht kann ich helfen.“ Wieder sah er sie an. „Vertrauen, schon vergessen?“
Etwas, das er in den vergangenen Minuten getan hatte, musste ihren Schutzschild durchdrungen haben, denn sie lächelte leicht. „Was, wenn mir das, was ich finde oder woran ich mich erinnere, nicht gefällt?“
Ihm wurde ganz eng in der Brust.
Du hast die Tür geöffnet, Thomas.
„Meinst du Dinge, die mit unserer Familie zu tun haben?“
„Eher Dinge, die mit mir zu tun haben.“
„Oh.“ Erleichtert winkte er ab. „Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich garantiere dir, dass dir gefallen wird, was du entdeckst.“
„Behauptest du.“
„Genau“, entgegnete er. „Ich bin dein Ehemann, und auch wenn dir das nichts bedeutet, so habe ich doch einen absolut phänomenalen Geschmack in Sachen Ehefrau.“
„Phänomenal?“, wiederholte sie lachend. Leicht und zauberhaft – der Klang wärmte ihn von innen.
Thomas gestattete sich, den Augenblick kurz auszukosten. „Ein größeres Lob kannst du nicht bekommen.“
„Vermutlich nicht. Vielen Dank für das Kompliment.“
„Versuch es mit Fakten. Ich heirate nicht irgendwen“, sagte er und lächelte sie an.
Sie erwiderte das Lächeln. Es hatte mal eine Zeit gegeben, als es seine oberste Priorität gewesen war, sie glücklich zu machen. Dass er sie nach all diesen Monaten zum Lächeln bringen konnte, war wie ein kleines Geschenk.
Als sie an ihrem Ziel ankamen, parkte dort nur eine Handvoll Autos.
Wunderbar, das passte zu seinem Plan.
„Warte hier“, sagte er. „Ich komme sofort zurück, wenn ich alles vorbereitet habe.“
Rosalind sah ihm hinterher, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Wahrscheinlich wollte er einen Platz in der Nähe des Strands vorbereiten.
Sobald er angekündigt hatte, dass er sie mit seinem Charme dazu bringen wollte, bei ihm zu bleiben, war sie wieder nervös geworden.
Vielleicht sollte sie ihm sagen, dass er London vergessen konnte. Sie mussten nicht wegen ihrer Tochter im selben Haus wohnen. Er konnte Maddie genauso gut nach Schottland bringen …
„Bist du bereit?“ Die Autotür hatte sich geöffnet, und Thomas steckte den Kopf herein. Er hielt eine Decke in den Armen. „Die ist für dich“, sagte er, während sie ausstieg. Fürsorglich wickelte er sie darin ein. „Hier an der Bucht bläst ganz schön der Wind.“
„Was ist mit dir?“, fragte sie.
„Die Kälte macht mir nichts. Außerdem gibt es dafür Chardonnay.“
Er benutzte die Taschenlampenfunktion seines Handys und leuchtete ihnen den Weg, der zu einem einsamen Platz nicht weit von den Klippen entfernt führte. Auf einer kleinen Grasnarbe lag eine weitere Wolldecke mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern. „Ich dachte mir, dass die Nordlichter bestimmt strahlender wirken, wenn wir weiter vom Leuchtturm entfernt sind“, erklärte Thomas.
Nachdem er sich gesetzt hatte, klopfte er auf die Decke neben sich. „McKringle hat den Wein ausgesucht, insofern weiß ich nicht, ob er gut oder schlecht ist. Er scheint mir eher ein Whiskey-Typ zu sein.“
„Chris kennt sich mit vielen Dingen aus“, entgegnete Rosalind. „Zumindest soweit ich das beurteilen kann.“ In der Ferne waren die dunklen Umrisse der Orkney-Inseln zu erkennen. Schwarz und hügelig. Das Wasser funkelte im Mondlicht.
„Sieht beeindruckend aus, oder?“, bemerkte sie.
„Sieht vor allem kalt aus.“ Thomas reichte ihr ein Glas. „Das ist der nördlichste Teil Großbritanniens. Als wir letzte Woche hier waren, habe ich Linus gesagt, er solle Ausschau nach Elfen halten.“
Rosalind lachte. „Warum? Glaubst du, Santa Claus und seine Helferlein könnten auf ein Bier vorbeikommen?“
„Warum nicht? Ist dem alten Mann nicht hin und wieder ein Schluck gestattet?“
„Natürlich. Für den Fall, dass er eine reale Person ist.“ Und das Leben so funktioniert, dass man sich nur auf seinen Schoß setzen muss, um einen Wunsch frei zu haben.
„Wenn es Santa Claus wirklich gäbe, was würdest du dir wünschen?“, fragte sie.
„Nichts.“
„Nichts?“ Die Antwort fand sie schwer nachvollziehbar. „Jeder hat Wünsche, selbst wenn er reich wie Krösus ist.“
„Aber mein Weihnachtswunsch wurde bereits erfüllt. Genau hier an diesem Strand.“
Da – schon wieder behandelte er sie wie ein besonderes Geschenk. Rosalind wurde rot, senkte den Kopf und tat so, als wäre sie ganz mit ihrem Weinglas beschäftigt. Wie sehr sie sich wünschte, ihm die Gefühle, die er sich von ihr erhoffte, entgegenbringen zu können, aber ihre Erinnerungen waren nach wie vor verschüttet.
Thomas schien ihr Unbehagen zu spüren. „Weißt du was“, sagte er, „heute Abend denken wir nicht mehr über unser vorheriges Leben nach. Wir sind einfach nur Thomas und Rosalind. Zwei Menschen, die die Wunder der Natur und den Chardonnay genießen.“
„Klingt wunderbar“, murmelte sie und entspannte sich ein wenig.
In der nächsten Stunde plauderten sie über alles und nichts. Wie bei einem ersten Date. Als Rosalind auf die Uhr schaute und sah, dass bereits neunzig Minuten vergangen waren, konnte sie es kaum glauben.
„Mein Gott, wir sitzen tatsächlich schon anderthalb Stunden hier draußen!“, bemerkte sie. Abgesehen von Chris hatte sie mit keinem anderen Menschen so ungezwungen reden können, seit sie in Lochmara angekommen war.
„Ist dir … Schau mal!“, sagte Thomas.
Als sie über die Schulter blickte, entdeckte sie wirbelnde weiße Lichtstreifen am Horizont. Bald darauf folgten grüne und pinkfarbene. Zusammen vollführte das Trio einen rhythmischen Tanz. Pulsierend und zu einem Takt aus elektrischen Explosionen.
Zwar hatte Rosalind die Nordlichter bereits mehrfach gesehen, doch an diesem Abend waren die Farben besonders intensiv. Thomas setzte sich aufrechter hin, sodass er beinahe ihren Rücken berührte. Seine Nähe war ebenso pulsierend wie das Schauspiel am Himmel.
„Fantastisch, oder?“, hauchte er ihr ins Ohr. „Und das ist erst der Anfang.“
Am nächsten Morgen verabschiedete sich Rosalind von Chris und Jessica mit einer Umarmung und überquerte dann die Startbahn, auf der der Collier-Privatjet bereitstand, in dem Thomas auf sie wartete.
„Willkommen an Bord“, sagte er.
Ihr „Ehemann“ war leger gekleidet. Den dunklen Anzug hatte er durch Jeans und ein graues Sweatshirt ersetzt, das seinen athletischen Körperbau betonte. Muskulös und geschmeidig, dachte Rosalind. Wie eine elegante Raubkatze. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus.
„Als du sagtest, dass wir fliegen würden, habe ich nicht mit einem Privatjet gerechnet.“
„Collier ist eine internationale Firma. Der Jet spart uns viel Zeit.“ Er trat einen Schritt zurück, damit sie reinkommen konnte. Dabei streifte seine Hand ihren Rücken. Es war der erste physische Kontakt seit der peinlichen Umarmung, und sofort beschleunigte sich Rosalinds Puls.
Verlegen fuhr sie mit der Hand über die Kopfstütze eines der eleganten Ledersitze des Jets. „Ich nehme an, ich bin daran gewöhnt, auf diese Weise zu reisen?“
„Genau genommen, nein. Du fährst lieber Auto. Zumindest war das so, bevor …“ Er unterbrach sich. „Es ist wesentlich effizienter, zwei Stunden zu fliegen, als den ganzen Tag auf der Autobahn zu verbringen. Auf diese Weise werden wir rechtzeitig zu Hause sein, um mit Maddie zu Abend zu essen.“
Als der Name des Mädchens fiel, blickte sie sich besorgt um. „Wo ist Maddie? Wer kümmert sich um sie?“
„Sie verbringt den Tag mit Linus und meiner Schwester Susan. Ich dachte, dass wir den Flug nutzen könnten, um zu reden.“ Er bedeutete ihr, Platz zu nehmen. „Kann ich dir was bringen? Wasser? Tee?“
Einen steifen Drink?
