Beschreibung

MEIN TRAUMMANN von VAN DER ZEE, KAREN Die leidenschaftlichen Nächte mit Scheich Sam Rasheed rauben Kim fast den Verstand. So sehr wünscht sie sich, für immer in den Armen des schönen Prinzen zu liegen. Doch dann sieht sie ihn sehr vertraut mit einer anderen Frau. Wenn sie nur in sein Herz schauen könnte … AM ZIEL ALLER WÜNSCHE? von MONROE, LUCY Für Catherine gibt es nur eine Antwort, als Scheich Hakim sie zu seiner Frau machen möchte: Ja! Der atemberaubende Wüstenprinz hat ihr Herz im Sturm erobert. Dabei scheinen sie so verschieden zu sein. Kann ihre Liebe diese Distanz überwinden? EIN ORIENTALISCHER MÄRCHENTRAUM von MARTON, SANDRA Noch nie hat eine Frau Scheich Qasim so fasziniert wie die schöne und hochintelligente Megan O’Connell. Er entführt die erfolgreiche Finanzberaterin in sein orientalisches Königreich. Doch für seine Traumfrau sind die strengen Traditionen eine Gefahr. Nur eine Hochzeit kann Megan retten…

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Karen Van Der Zee, Lucy Monroe, Sandra Marton

JULIA GOLD BAND 73

IMPRESSUM

JULIA GOLD erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

Zweite Neuauflage in der Reihe JULIA GOLDBand 73 - 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 1999 by Karen Van Der Zee Originaltitel: „Hired Wife“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Susanne Hartmann Deutsche Erstausgabe 2000 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe ROMANA, Band 1306

© 2004 by Lucy Monroe Originaltitel: „The Sheikh’s Bartered Bride“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Sabine Buchheim Deutsche Erstausgabe 2005 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe JULIA, Band 1665

© 2004 by Sandra Marton Originaltitel: „The Sheikh’s Convenient Bride“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Emma Luxx Deutsche Erstausgabe 2006 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe ROMANA, Band 1655

Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 03/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733709167

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

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Mein Traummann

1. KAPITEL

Die Schlafzimmertür knarrte leise, und Kim Davies wachte auf. Sie sah den Mann hereinkommen, eine geheimnisvolle, undeutliche dunkle Gestalt im Schatten werfenden Mondlicht. Durch das offene Fenster hörte sie Palmwedel rascheln und Wellen an den Strand rauschen.

Der Mann schloss die Tür hinter sich und kam lautlos zum Bett. Kim erkannte allmählich mehr. Er war groß und breitschultrig und trug ein weißes Hemd. Sie nahm die Bewegungen seiner Arme und Hände wahr, als er es aufknöpfte und auszog. Das Mondlicht färbte seine nackte Brust silberhell.

Sie konnte sein Gesicht nicht sehen.

Es war nicht wichtig. Sie schloss die Augen und wartete lächelnd. Wo war sie? Auf einer Insel?

Der Wind wehte übers Bett und streichelte ihr das Gesicht und die Schultern. Er brachte den Duft des Meeres und irgendeiner exotischen nachtblütigen Blume mit. Kim seufzte sehnsüchtig. Sie fühlte sich angenehm schläfrig. Eine herrliche Wärme breitete sich langsam in ihr aus.

Sie wartete, begehrte und ließ sich einfach treiben.

Dann spürte sie seinen harten, starken Körper an ihrem. Der Mann umarmte sie, und sie schmiegte sich an ihn. Er war so groß und sie so klein. Es war, als würde sie von ihm verschlungen.

Glück durchflutete sie. In seinen Armen fühlte sie sich beschützt und geborgen. Sie gehörte zu ihm. Ihr Verlangen erwachte, und ihr Blut begann zu prickeln, als wäre es Champagner.

„Hallo, Kim“, sagte er leise.

„Hallo“, erwiderte sie, wie berauscht von seiner Nähe.

Er küsste sie zärtlich auf die Schläfe, die Wange und schließlich auf den Mund. Dann fing er an, sie gleichzeitig zu streicheln, und Kim sehnte sich danach, diesen Mann zu lieben, ihn festzuhalten und niemals wieder loszulassen.

Er flüsterte ein magisches, geheimnisvolles Wort, das sie nicht verstand. Noch immer lag sein Gesicht im Dunkeln. Sie hob die Hand und erforschte sein Kinn, die Wangen, die Nase und die Stirn. Er hatte ein markantes Gesicht. Sie legte ihm die Fingerspitzen auf den Mund. „Wer bist du?“, fragte sie leise.

Kim wollte nicht aufwachen. Der New Yorker Verkehrslärm drängte sich in ihr Bewusstsein, und sie barg aufstöhnend das Gesicht im Kopfkissen. Sie wollte die Brandung und die geflüsterten Zärtlichkeiten hören und spüren, wie der Mann sie überall streichelte. Aber sie wusste, dass sie den Zauber der Nacht hinter sich lassen musste.

Die Sirene eines Streifenwagens vertrieb ihre Schläfrigkeit ganz. Kim seufzte. Es ließ sich nicht bestreiten: Sie war wach. Hellwach. Und sich traurig bewusst, dass in der Nacht kein Liebhaber in ihrem Bett gewesen war.

Sie hatte diesen Traum jetzt zum dritten Mal in zwei Wochen gehabt. Zweifellos war es ein wundervoller Traum, doch was bedeutete er? Wer war der Mann? Es war wirklich ein bisschen beunruhigend, mit einem Mann zu schlafen, den sie nicht kannte. Sie sollte sich schämen! Dennoch hatte sie das Gefühl, ihn zu kennen.

Kim setzte sich auf und schob sich das Haar aus dem Gesicht. Es war völlig zerzaust. Warum hatte sie gerade jetzt so einen Traum? Das ergab keinen Sinn. Zumindest im Moment hatte sie genug von Männern. Eine Zeit lang wollte sie keine Liebesbeziehung mehr, die ihr Leben kompliziert machte. Männer forderten Aufmerksamkeit und Verhätscheln und so viele Streicheleinheiten fürs Ego. Sie hatte es wirklich satt und brauchte eine wohlverdiente Männerpause. Wenn nur Tony aufhören würde, sie zu belästigen, könnte sie vielleicht einmal ein bisschen Frieden finden.

Sie hatte ihn vor drei Wochen auf einer Party kennen gelernt und schnell festgestellt, dass „Tony“ das einzige Gesprächsthema war, das Tony reizte. Zu ihrer Verzweiflung hatte er sich sofort in sie verliebt und ging ihr jetzt auf die Nerven, indem er verrückte Sachen ausheckte, um ihr Interesse zu gewinnen. Sie war nicht interessiert. Belustigt, vielleicht, aber nicht interessiert. Er hatte Sinn für Humor, das musste sie ihm lassen.

Kim schwang die Beine über die Bettkante und lächelte, als sie an das scheußliche Bild einer dürren Trauerweide dachte, das er ihr vor zwei Tagen zusammen mit einem Gedicht geschickt hatte … irgendetwas Rührseliges darüber, dass er wie die Trauerweide trauere, weil er ihre Liebe nicht gewinnen könne. In der vergangenen Woche hatte sie ein Ticket für eine Kreuzfahrt durch die Karibik bekommen. Sie hatte es natürlich zurückgegeben. Nicht, dass sie keine Kreuzfahrt machen wollte, aber sie war nicht käuflich.

Kreuzfahrt. Inseln. Palmen. Kim dachte wieder an den unbekannten Liebhaber in ihrem Bett, daran, wie sich sein nackter Körper anfühlte. Hör auf damit! befahl sie sich und stand auf. Im Badezimmer stellte sie das Wasser in der Duschkabine an und prüfte vorsichtig die Temperatur. Ihr Mitbewohner Jason duschte gern eiskalt. Die Folter hielt ihn wach, sodass er bis tief in die Nacht an seiner Dissertation arbeiten konnte. Er schrieb über irgendetwas unerträglich Schwieriges, das mit Statistik zu tun hatte.

Kim regulierte die Temperatur und trat unter den warmen Wasserstrahl. Keine Männer mehr. Sie würde sich völlig auf ihre Karriere konzentrieren. Sie war sechsundzwanzig und hatte später noch viel Zeit für Männer. Nein, für einen Mann, verbesserte sie sich. Sie wollte nur einen: den richtigen. Und Kinder auch, natürlich. Sie würde ihnen beibringen, wie man Plätzchen backte und sang und Walzer tanzte. Eine glückliche, kreative, lebhafte Familie würden sie sein …

Später.

Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, ging Kim wieder ins Schlafzimmer und zog einen langen, engen Rock mit einem exotischen Muster und ein weißes Seiden-T-Shirt an, dann bürstete sie sich das Haar und band es mit einem sandelholzfarbenen Schal zurück. Bei der Arbeit trug sie es immer zurückgebunden, weil sie sonst noch jünger aussah, als sie war. Blonde Locken und große blaue Augen waren etwas für Puppen. Sie schminkte sich und steckte sich lange, gewollt künstlerische Ohrringe an.

Im Küchenbereich kochte sie Kaffee und blickte aus dem Fenster auf die mit Antennen, Wassertanks und Schornsteinen geschmückten Dächer. Hier und da hatten Optimisten kleine Gärten aus Topfpflanzen geschaffen.

Vielleicht brauchte sie einen „Tapetenwechsel“, um sich von den Männern in ihrem Leben loszumachen.

Wie war sie denn nun darauf gekommen? Warum sollte sie auch nur über eine Veränderung nachdenken? Sie war glücklich. Sie liebte ihre Arbeit und ihr großes Loft, sie liebte New York und ihre Freunde. Was konnte sich eine Frau sonst noch wünschen?

Einen sexy Liebhaber.

„Nein“, sagte sie laut und sah auf, als sie eine Tür aufgehen hörte. Jason kam aus seinem Zimmer. Er trug eine graue Trainingshose und ein weißes Unterhemd. Obwohl er groß, blond und schön wie ein Wikinger war, hatte er kein erwähnenswertes gesellschaftliches Leben. Warum sich so ein Prachtkerl vor der Welt versteckte, war allen ein Rätsel. „Guten Morgen!“, rief sie fröhlich und schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. Er sah aus, als würde er dringend eine Stärkung brauchen.

„Danke.“ Jason nahm die Tasse und lehnte sich an die Küchentheke.

„Setz dich doch.“

„Ich habe die ganze Nacht gesessen.“

Sie hatte im Traum mit ihrem heimlichen Liebhaber geschlafen, und Jason hatte währenddessen die Welt der Zahlen erobert. Oder mit welcher genialen Sache auch immer er sich beschäftigte. „Hast du das Gefühl, dass dir deine Träume irgendetwas mitteilen?“, fragte sie spontan.

„Ich träume nicht“, erwiderte Jason.

„Jeder träumt“, sagte Kim. „Man erinnert sich nur nicht unbedingt an seine Träume.“

Seine Augen funkelten belustigt. „Das erspart mir die Mühe, sie zu deuten.“

Kim seufzte. „Ich träume immer wieder dasselbe. Allmählich ist es ein bisschen … beunruhigend.“

„Was träumst du? Verfolgt dich jemand? Fällst du in ein bodenloses Loch?“

„Nein. Es ist mehr … etwas Romantisches. Ein fremder Mann kommt in mein Schlafzimmer. Er zieht sich aus …“

„Du brauchst nicht ins Einzelne zu gehen.“

Kim lachte. Sie hatte wissen wollen, an welcher Stelle er sie stoppen würde. „Hast du noch nie einen wirklich wundervollen erotischen Traum gehabt, der …“

„Ich habe dir doch gesagt, ich träume nicht.“ Jasons Miene war ausdruckslos. „Ich muss weiterarbeiten.“ Er ging zurück in sein Zimmer.

Kim blickte ihm amüsiert nach.

Der Traum ließ ihr keine Ruhe.

Erotische Bilder gingen Kim durch den Kopf, während sie mit dem Chef der kleinen, exklusiven Innenausstattungsfirma die Entwürfe für die Lampen besprach, die er in Honduras fabrizieren lassen würde.

Wie viele große, breitschultrige Männer gab es in Manhattan? Kim hatte niemals darauf geachtet, doch jetzt sah sie diese Typen überall … auf den Straßen, in Restaurants und Fahrstühlen, auf Werbeflächen. Sie stellte sich vor, wie sie nachts in ihr Zimmer kamen, sich zu ihr ins Bett legten und sie streichelten. Es war peinlich. Entsetzlich.

Der Traum begleitete sie, als sie mit dem Taxi nach Hause fuhr, und er blieb bei ihr, während sie den ganzen Nachmittag an ihrem Computer arbeitete. Sie glaubte die zärtlichen Berührungen und Küsse des großen Mannes zu spüren und das magische Wort zu hören, das er geflüstert hatte.

Sie wurde noch verrückt. Als eine Freundin anrief und vorschlug, am Abend zusammen essen zu gehen, war Kim so erleichtert, abgelenkt zu werden, dass sie sich nach Atem ringend zurücklehnte.

„Mädchen, bekomm dich in den Griff!“, sagte sie leise.

Als Kim spätabends nach Hause zurückkehrte, war eine Nachricht ihres Bruders Marcus auf dem Anrufbeantworter. Er habe interessante Neuigkeiten, über die er mit ihr sprechen wolle. Sie solle ihn doch am Morgen im Büro anrufen.

Neugierig streckte Kim die Hand nach dem Telefon aus, dann zögerte sie und sah auf die Uhr. Nein, so spät konnte sie ihn zu Hause nicht anrufen. Seine Frau Amy war hochschwanger und würde schon schlafen.

Kim seufzte. Die Spannung brachte sie fast um. Interessante Neuigkeiten. Was konnte Marcus nur meinen?

Zumindest führte sie kein langweiliges Leben. Sie hatte einen rührseligen Verfolger, der ihr Gedichte schickte, einen heimlichen Liebhaber, der sie nachts besuchte, und einen Bruder mit einer Überraschung. Kim ging lächelnd ins Bett. Das Leben war schön.

In dieser Nacht kam der Mann wieder in ihr Zimmer, zog sich aus und legte sich neben sie. Wieder konnte Kim sein Gesicht nicht sehen.

„Hallo“, sagte sie leise.

Er küsste sie leidenschaftlich.

Draußen bewegten sich die Palmwedel im Seewind.

„Bahibik“, flüsterte er.

Sie konnte sein Gesicht nicht sehen. „Wer bist du?“, fragte sie leise und spürte, dass er lächelte.

„Du weißt, wer ich bin, Kimmy.“

Kim erwischte ihren Bruder um zehn Minuten vor acht am nächsten Morgen. Wie immer war er früh im Büro.

„Hast du nicht gesagt, du würdest irgendwann gern zurück in den Fernen Osten gehen und dich dort künstlerisch inspirieren lassen?“

Kim seufzte sehnsüchtig. Wenn sie nur wüsste, wie sie es machen sollte … Sie musste dort einen Job finden, Geld erben oder im Lotto gewinnen. Die Familie hatte vier Jahre lang auf der indonesischen Insel Java gelebt und war nach New York zurückgekehrt, als Kim fünfzehn gewesen war. Sie hatte den Fernen Osten geliebt, die internationale Schule und die üppige tropische Schönheit der Insel. Damals hatte sie sich geschworen zurückzugehen, wenn sie erwachsen war.

„Ja. Ich warte darauf, im Lotto zu gewinnen“, erwiderte sie.

„Vielleicht brauchst du das nicht. Sam ist in New York und organisiert gerade alles für …“

Kim bekam nicht mehr mit, was ihr Bruder sagte. „Sam? Du meinst Samiir?“

2. KAPITEL

Selbst nach so vielen Jahren noch schlug Kims Herz schneller, sobald sie den Namen hörte. Wie albern konnte ein Mensch eigentlich sein? Sam, kurz für Samiir, der arabische Scheich ihrer bizarren Mädchenträume. Sie hatte ihn fast elf Jahre lang nicht gesehen, nicht mehr, seit sie mit fünfzehn hoffnungslos und peinlich in ihn verliebt gewesen war. Er war dreiundzwanzig gewesen. Oh Himmel, hatte sie sich damals lächerlich gemacht!

Sam war Marcus’ Studienfreund, und Marcus hatte ihn an den Wochenenden und in den Ferien mit nach Hause gebracht, als sie im höheren Fachsemester gewesen waren. Sams gutes Aussehen und seine Gelassenheit und Selbstbeherrschung hatten Kim tief beeindruckt, und sie war fasziniert gewesen von seinen dunklen Augen. Sam war so … mysteriös.

In Wirklichkeit war er kein Scheich, sondern ein richtiger amerikanischer Bürger, dessen jordanischer Vater und griechische Mutter in die Vereinigten Staaten eingewandert waren, als Sam zehn gewesen war.

„Du erinnerst dich doch an Samiir, stimmt’s?“, fragte Marcus.

Kim atmete tief ein. „Ja, vage“, erwiderte sie lässig.

Ihr Bruder lachte. Natürlich konnte sie ihn nicht täuschen. Leider hatte er damals sehr wohl gewusst, dass sie in seinen Freund verliebt war.

Sie war ein hoffnungslos romantisches Mädchen mit einer blühenden Fantasie gewesen und hatte sich Sam oft in langen, wallenden weißen Gewändern und mit einem Tuch auf dem Kopf vorgestellt. In ihren Träumen verirrte sie sich in der Wüste und wurde von Sam gerettet, der auf einem Kamel angeritten kam und sie in sein Zelt brachte, in dem schöne Teppiche lagen und überall große Platten mit Süßigkeiten und frischen Feigen standen. Natürlich verliebte er sich leidenschaftlich in sie.

Einmal fragte sie ihn, und er versicherte ihr, er habe niemals ein weißes Gewand besessen. „Ich war zehn, als wir Jordanien verlassen haben, Kim“, sagte er. „Ich habe Jeans und T-Shirts getragen.“ Dann lachte er. „Mach nicht so ein enttäuschtes Gesicht, Kleine.“

Kleine. Er nannte sie Kleine. Sie war am Boden zerstört. Aber was konnte sie erwarten? Sie war fünfzehn und sah wie zwölf aus. Und sie war die kleine Schwester seines Freundes.

Dünn war sie damals gewesen. Und sie hatte eine Zahnspange getragen …

Kim versuchte sich auf das Gespräch mit Marcus zu konzentrieren. Was hatte er gerade gesagt? Sie wünschte, ihr albernes Herz würde sich beruhigen. „Was macht Sam in New York?“ In den vergangenen elf Jahren hatte sie nur wenig über ihn gehört. Einmal hatte Marcus ihr erzählt, Sam arbeite für das internationale Elektronikunternehmen seiner Familie und ziehe in der ganzen Welt herum.

„Er ist nur einen Monat oder so hier, dann geht er nach Java, wo er für ‚Rasheed’s Electronics‘ eine Fabrik gründen will. Er wird wohl einige Jahre dort leben und braucht jemand, der ihm ein Haus besorgt, es einrichtet und Dienstboten einstellt.“

„Hat er keine Ehefrau, die das machen kann?“

„Nein. Zu viele Probleme, denke ich. Eine Ehefrau würde seine Zeit in Anspruch nehmen. Und stell dir vor, sie würde Kinder wollen!“, erwiderte Marcus humorvoll.

Er war sehr glücklich verheiratet und hatte vierjährige Zwillinge. Das neue Baby würde bald kommen.

„Jedenfalls hat Sam Java erwähnt, und ich habe sofort an dich gedacht. Der Job wäre doch etwas für dich. Ich weiß nicht, wie viel Zeit dir für deine künstlerischen und beruflichen Interessen bleiben würde, aber du kannst bestimmt etwas aushandeln.“

Der Ferne Osten. Java.

Sam.

Ein Haus für Sam einrichten.

War das eine günstige Gelegenheit oder eine Versuchung, der sie widerstehen sollte?

Eine günstige Gelegenheit, natürlich. Kim betrachtete das Leben lieber von seiner heiteren Seite und dachte positiv. Und hatte sie sich nicht gerade am Vortag gefragt, ob sie einen „Tapetenwechsel“ brauche? Eine Vorahnung, zweifellos. Sie hielt viel von Omen, Träumen und Intuition.

„Sam und ich müssen heute Nachmittag über geschäftliche Dinge reden. Warum kommst du nicht hier vorbei … sagen wir … um sechs? Ich wollte ihn zum Essen einladen, aber daraus wird nichts. Er hat am Abend schon irgendeinen anderen Termin.“

„Um sechs“, wiederholte Kim. „Okay, ich komme.“

„Sie ist perfekt.“ Marcus blickte Kim und dann wieder Sam an.

Sam stand am Fenster des vornehmen Büros. Das Jackett offen, Hände in den Hosentaschen, strahlte er Männlichkeit und Anziehungskraft aus. Er betrachtete Kim eingehend.

Sie war sicher, dass er ihre Perfektion ernstlich anzweifelte. Er sah noch besser aus, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Reifer, die Gesichtszüge noch markanter und die Figur schlank und muskulös. Als sie hereingekommen war, hatte er ihr höflich lächelnd die Hand geschüttelt und gesagt: „Hallo, Kim. Was für eine nette Überraschung, dich wiederzusehen!“

„Gleichfalls“, hatte sie nervös erwidert.

„Sie ist wirklich perfekt“, versicherte Marcus seinem Freund.

Kim kam sich vor wie eine angepriesene Ware und unterdrückte ein Lachen. Sie versuchte, ernst und würdevoll auszusehen, was nicht einfach war. Ernst und würdevoll zu sein fiel ihr nicht leicht. Sie wünschte, sie hätte nicht das purpurrote Kleid angezogen. Es war zu frivol und zu kurz. Jetzt, da sie in Marcus’ luxuriösem Büro saß und den vornehmen Sam anblickte, fragte sie sich, was in sie gefahren war. „Bin ich“, sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. „Wirklich perfekt.“ Vor Aufregung klopfte ihr Herz wie verrückt. Sie wollte den Job. Sie wollte zurück in den Fernen Osten.

„Sie spricht Indonesisch“, erklärte Marcus. „Noch perfekter kann man ja wohl nicht sein.“

„Das ist zweifellos ein Pluspunkt“, räumte Sam ein.

Er sah so kühl und gelassen aus. Kim schob sich eine Locke aus dem Gesicht und wünschte, sie hätte sich das Haar hochgesteckt, anstatt es offen zu tragen.

„Und sie kann sehr gut mit Menschen umgehen“, sagte Marcus. „Und sie kann sogar kochen! Stell dir vor, eine Frau in der heutigen Zeit, die richtiges Essen kochen kann!“

„Imponierend.“ Sam erwiderte Kims Blick belustigt. „Verstehst du auch etwas von Fenstern?“

„Nein, aber ich kann Maschine schreiben“, erwiderte sie gespielt ernst.

„Sie ist zu bescheiden“, warf Marcus ein. „Sie kennt sich mit allem aus: Computer, Textverarbeitung, Cyberspace und das ganze Zeug. Im Notfall sehr nützlich.“

Sam zog die Augenbrauen hoch. „Wirklich?“

„Wirklich.“ Kim nickte. Wahrscheinlich konnte er kaum glauben, dass das verrückte blonde Ding, das er vor elf Jahren gekannt hatte, fähig war, einen Computer zu bedienen.

Marcus lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Er amüsierte sich. „Und sie ist eine gute Gastgeberin. Sie gibt großartige Partys.“

„Und ich repariere undichte Wasserhähne, Steckdosen und solche Dinge. Ich bin handwerklich geschickt“, ergänzte Kim.

„Außerdem hat sie keine Angst vor Schlangen und Schaben“, sagte ihr Bruder.

„Ich bin echt vielseitig.“ Sie lächelte Sam strahlend an.

Jetzt lächelte auch er, und sie erschauerte. Warum reagierte sie so? Er war nicht ihr Typ. Sie mochte lässige Männer, die Jeans und Pullover trugen. Aber hier stand er in seinem tadellosen Anzug, und sie fühlte sich wieder wie fünfzehn. Sie war eine Idiotin.

„Ich bin beeindruckt“, sagte er.

Er hatte eine tiefe volltönende Stimme, die so wundervoll war, dass Kim ganz warm wurde. Vielleicht wurde ihr sogar mehr als nur warm. Oh, hör auf! schimpfte sie mit sich. Sam war nicht ihr Typ. Er war zu kühl, zu beherrscht.

„Und sie ist billig zu haben“, erklärte ihr Bruder gerade.

Als wäre er ein Sklavenhändler, der sie zum ermäßigten Preis verkaufen wollte. Er, ein Absolvent der „Harvard Business School“!

Kim blickte ihn wütend an. „Ich bin nicht billig“, widersprach sie. „Ich bestehe darauf, angemessen für meine Dienste bezahlt zu werden.“ Du liebe Güte, sie hörte sich an wie ein Callgirl! Dieses ganze Gespräch wurde langsam zur Farce, was kein gutes Omen war. Sie musste sich seriös, tüchtig und kompetent präsentieren, wenn sie bei dem imposanten, erfolgreichen internationalen Geschäftsmann Sam eine Chance haben wollte.

Das Problem war, dass sie zwar tüchtig und kompetent war, aber einfach nicht so aussah. Lockiges blondes Haar, blaue Augen und Grübchen ergaben eben keine seriöse Erscheinung. Außerdem fiel es ihr schwer stillzusitzen, und sie lachte zu viel. Und sie hatte volle Brüste, die sich kaum verbergen ließen. Tüchtigkeit und Kompetenz waren nicht die Eigenschaften, die Männern in den Sinn kamen, wenn sie ihre Bekanntschaft machten. Manchmal war es wirklich ein Kreuz.

Sam blickte auf seine Armbanduhr. „Ich muss mir das überlegen“, sagte er unverbindlich.

Er hatte vor elf Jahren schon nicht viele Worte gemacht. Was auch immer er in diesem Moment wirklich dachte, er verriet es nicht. Kim ärgerte sich. Sie mochte Menschen, die leicht zu durchschauen waren und sich nicht scheuten auszusprechen, was sie dachten oder fühlten. Sam gehörte nicht zu diesen Menschen. Was hatte sie erwartet? Dass er sagte, sie sei für den Job genau richtig und er lasse morgen ihre Flugtickets besorgen und sie könnten am nächsten Abend beim Essen reden?

Nein, Sam war noch immer derselbe in sich gekehrte, schweigsame Mann und sein Blick noch immer unergründlich, auch wenn seine dunklen Augen manchmal belustigt funkelten. Sam hatte Sinn für Humor, er behielt es nur für sich. Oft war seine Miene völlig ausdruckslos. Dann musste man raten, was in ihm vorging. Stille Wasser waren tief, und genau das mochte Kim nicht.

Aber wenn er sie anlächelte, schlug ihr Herz sofort schneller.

„Ich muss los“, sagte er. „Es war schön, dich nach all den Jahren wiederzusehen, Kim.“

Es klang durchaus aufrichtig.

Zwei Tage später hatte Kim noch immer nichts von Sam gehört. Sie war plötzlich abenteuerhungrig und hatte in den vergangenen achtundvierzig Stunden nur an den Job und Indonesien gedacht. Ach, wieder Nasi Goreng zu essen, Gamelanmusik zu hören und die smaragdgrünen Reisfelder zu sehen!

Und sie hatte an Sam gedacht.

Ein Irrtum, natürlich. Sie war als Teenager in ihn verliebt gewesen, er war erfolgreich und sah fantastisch aus, aber er war nicht ihr Typ. Zu seriös. Zu förmlich. Und er brauchte viel zu lange, um eine Entscheidung zu treffen. Allmählich wurde sie nervös.

Sie beschloss, ihn anzurufen, was leichter gesagt als getan war, denn sie musste sich an Empfangsdamen, Sekretärinnen und Assistentinnen „vorbeikämpfen“, bevor sie den viel beschäftigten Mann schließlich am Telefon hatte.

„Guten Morgen, Sam. Entschuldige, wenn ich störe, aber ich würde gern wissen, ob du dir schon überlegt hast, ob du mir den Job geben willst oder nicht. Du reist bald ab, und es wäre für mich gut, so früh wie möglich mit den Vorarbeiten anzufangen.“

Ein kurzes Schweigen folgte. „Lieber Himmel, hast du das etwa ernst gemeint?“

„Ja, es ist mir völlig ernst“, sagte Kim so würdevoll, wie sie konnte. Sam glaubte, sie hätten nur Spaß gemacht. Na gut, wenn man bedachte, wie sich das Gespräch entwickelt hatte, durfte sie ihm das wohl nicht verübeln. Außerdem hatte er sie wahrscheinlich noch nie ernst genommen. Für ihn war sie nur Marcus’ alberne kleine Schwester, die in ihn verliebt gewesen war. Hoffentlich erinnerte sich Sam nicht mehr daran, wie dumm und naiv sie vor all den Jahren versucht hatte, seine Aufmerksamkeit zu erringen.

„Du willst nach Java kommen und mir ein Haus einrichten? Töpfe und Pfannen kaufen? Möbel aufstellen?“, fragte Sam, als würde er über das Ausmisten von Schweineställen sprechen.

„Ja, das würde ich gern tun.“

Ein weiteres kurzes Schweigen folgte. „Nicht gerade das, was man einen ‚Karrieresprung‘ nennt.“

„Ich bin für meine falschen Karrieresprünge bekannt“, erwiderte Kim spontan. „Frag meinen armen Vater.“

„Ach“, sagte Sam bedeutungsvoll.

„Aber irgendwie gehen sie immer sehr gut aus. Ich treffe Entscheidungen lieber intuitiv als rational.“

„Und das soll mich beruhigen?“, fragte er trocken.

Kim ohrfeigte sich in Gedanken. „Tut es wohl nicht. Ich nehme an, du lässt dich von Logik, Vernunft und Intellekt leiten.“

„Die zu gebrauchen zahlt sich für mich aus, ja.“

Kim verzog das Gesicht. Er musste der langweiligste Mensch auf der Welt sein, ganz gleich, wie gut er aussah. „Keine Sorge, Sam“, sagte sie beruhigend, „ich weiß genau, was ich will, und …“

„Das ist ja Wahnsinn“, unterbrach er sie. „Ich werde nicht einen von deinen verrückten Plänen fördern. Ich stelle am Ort jemand ein.“

Sie wurde wütend. Er redete mit ihr, als wäre sie ein Kind und nicht eine erwachsene Frau, die selbst entscheiden konnte, was gut für sie war. „Sam, ich bin nicht mehr fünfzehn“, sagte sie scharf. „Das ist kein verrückter Plan. Ich will nach Java und …“

„Ich habe keine Zeit für diesen Unsinn. Ich habe gleich eine Besprechung.“

„Sam! Ich …“

„Entschuldige bitte, ich muss los.“

Der viel beschäftigte Mann legte auf.

Kim hätte schreien können vor Wut. Was bildete er sich ein? Einfach aufzulegen! Sie nicht ernst zu nehmen!

Wen will er denn am Ort einstellen? überlegte sie später. Die frustrierte Ehefrau eines amerikanischen Unternehmers oder Beraters vielleicht? Irgendeine Frau, die viel Zeit hatte, weil sie keine Arbeitserlaubnis bekam und ihren Beruf nicht ausüben konnte. Eine ohne Geschmack und Sinn für Design, die überall Vasen mit künstlichen Blumen aufstellen und mit Rüschen besetzte rosafarbene Lampenschirme und Kopfkissenbezüge aussuchen würde.

Kim stellte sich Sams Kopf auf einem mit Rüschen besetzten rosafarbenen Kopfkissen vor und lachte.

Irgendwie musste sie erreichen, dass Sam sie beachtete.

Kim lag hellwach im Bett, blickte hoch zu den Dachsparren und überlegte. Am Telefon würde sie ihn nicht überreden können. Er würde einfach einen Vorwand finden, das Gespräch zu beenden. Wenn sie mit ihm sprach, durften keine Sekretärinnen oder Assistentinnen in der Nähe sein, die ihn ablenken oder die er vorschieben konnte, um ihr zu entwischen.

Sie würde ihn zum Abendessen einladen.

Brillant!

Wirklich nicht zu dreist. Schließlich kannte er ihre Familie gut und war oft im Haus ihrer Eltern gewesen. Und ein Gentleman wie er würde doch die Einladung gewiss nicht ablehnen? Sobald sie in einem Restaurant beim Essen saßen, würde er keine andere Wahl haben, als ihr zuzuhören. Sie würde sehr professionell und geschäftsmäßig sein und ihm bewusst machen, dass er ihr den Job geben wollte.

Am nächsten Morgen erzählte Kim den Sekretärinnen und Assistentinnen, sie sei Sams Schwester Yasmina und riefe in einer dringenden Familienangelegenheit aus Jordanien an, und so wurde sie noch einmal zu ihm durchgestellt. „Sam, es dauert nur einen Moment“, sagte sie hastig, als er sich meldete.

„Kim. Ich dachte, es sei meine Schwester Yasmina.“

„Du hast keine Schwester.“

„Ja, ich weiß.“

„Aber deine Mitarbeiterinnen wissen es nicht.“

„Ich muss mal mit ihnen reden.“

Es klang belustigt, was beruhigend war. Kim wollte nicht, dass irgendjemand gefeuert wurde. Sie atmete tief ein. „Sam, ich möchte dich zum Abendessen einladen.“ Na also, sie hatte es getan. „Wann immer es dir in dieser Woche passt.“

Er zögerte nur einen Moment lang. „Ich würde sehr gern mit dir zu Abend essen“, sagte er dann, „aber unter einer Bedingung.“

Kim verlor den Mut. Er würde verlangen, dass sie nicht über den Job sprachen. „Welche?“

„Du erlaubst mir, dich einzuladen.“

Sie lachte erleichtert. „Sam …“

„Ich weiß, was du sagen willst, aber lass uns deswegen nicht streiten, ja?“

„Okay.“ Ihr war es gleich, wer wen einlud. Wichtig war nur, dass sie an einem Tisch saßen und er ihr zuhörte.

„Ausgezeichnet. Wie wäre es heute Abend?“

Er verschwendete keine Zeit. „Ja, gut“, erwiderte Kim.

Seine Schwester Yasmina! Sam legte lächelnd den Hörer auf. Natürlich hatte er sofort gewusst, dass es Marcus’ gesellige Schwester war. Die vielseitige Frau mit den wilden blonden Locken, die sich im Cyberspace wohl fühlte, keine Angst vor Schlangen hatte und „richtiges“ Essen kochen konnte. Und sie wollte ihm auf Java ein Haus einrichten.

Dazu würde es nicht kommen.

Er betrachtete die Akte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag, und konnte sich nicht erinnern, was er gemacht hatte, bevor Kims Anruf durchgestellt worden war.

Seit er sie vor drei Tagen in Marcus’ Büro gesehen hatte, dachte er ständig an sie, was er sehr beunruhigend fand. Er konnte sich nur noch schlecht konzentrieren und hatte viel zu tun. Als sie das erste Mal angerufen hatte, war er kurz angebunden gewesen. Er war verärgert gewesen, weil er nicht aufhören konnte, an sie zu denken.

Und jetzt hatte sie wieder angerufen. Er wusste, dass sie ihm nicht aus dem Kopf gehen würde.

Marcus’ reizende, lebhafte kleine Schwester, ganz erwachsen geworden.

Sie hatte sich nicht sehr verändert. Spontan, munter und so bezaubernd wie immer. Das Abendessen mit ihr würde zweifellos recht interessant werden.

Kim stand vor ihrem Schlafzimmerschrank und musterte verzweifelt den kaleidoskopischen Inhalt. Alle ihre Sachen waren völlig ungeeignet, doch sie hatte keine Zeit, sich etwas Neues zu kaufen. Sie liebte lustige, lässige Mode, leuchtende Farben und spielerische Muster. Zum Glück musste sie als freiberufliche Designerin keine konventionellen Sachen tragen. Aber zum Essen an diesem Abend brauchte sie etwas Konservatives. In der Hoffnung, irgendetwas halbwegs Annehmbares zu finden, durchsuchte sie hektisch den Schrank.

Und da war es, ganz hinten: ein adrettes schwarzes Kostüm. Sie hatte es sich im vergangenen Jahr für die Beerdigung von Großonkel Amos gekauft. Erleichtert nahm sie es heraus und legte es aufs Bett. Schwarze Pumps fand sie auch, und in ihrem Schmuckkoffer waren eine schlichte goldene Halskette und die dazu passenden Ohrringe, ein Geschenk ihres konservativen Vaters. Das wäre erledigt. Jetzt die Frisur. Sie würde sich das Haar hochstecken. Kim lächelte sich im Spiegel an. Mann, würde sie Mr. Samiir Rasheed mit ihrem geschäftsmäßigen Image beeindrucken!

Kim wartete vor dem Haus. Der altertümliche Fahrstuhl war kaputt, und sie wollte es Sam ersparen, die Treppen hochzusteigen.

Der livrierte Fahrer der langen, eleganten Limousine stieg aus und hielt ihr die Tür auf. Kim setzte sich neben Sam und nahm die Ausstattung in sich auf: Fernsehapparat, Computer, Telefon, Faxgerät, Kühlschrank und Bar. Ein Firmenwagen für viel beschäftigte leitende Angestellte, die sogar Geschäfte machten, während sie vom Flughafen zum Büro oder Hotel gefahren wurden. Oder vom Büro zum Apartment ihrer Freundin.

„Hallo“, sagte Kim.

Sam brachte es fertig, in einer konservativen beigefarbenen Hose und einem dunkelblauen Blazer fantastisch auszusehen. Wahrscheinlich sieht er immer großartig aus, ganz gleich, was er trägt, dachte Kim.

„Ich habe dich fast nicht erkannt“, sagte er belustigt. „Du in Schwarz!“

„Tatsächlich habe ich mich selbst kaum wieder erkannt. Dieses Kostüm habe ich bisher erst ein einziges Mal getragen, zu einer Beerdigung, und …“ Kim sprach nicht weiter, als sie Sam lachen hörte.

„Ich hoffe doch, es ist kein Hinweis darauf, was du von einem Abendessen mit mir hältst.“

„Keine Sorge. Ich bin fast nie in Begräbnisstimmung. Das ist zu deprimierend.“

„Und deprimiert zu sein passt nicht zu dir. Zumindest warst du früher eher der fröhliche Typ.“

Das war gefährliches Gebiet. Kim wollte nicht, dass Sam an das naive Mädchen dachte, das wahnsinnig in ihn verliebt gewesen war und zweifellos ein leidenschaftliches Dunkelrot getragen hätte, wenn Sam es zum Essen eingeladen hätte. Damals waren sie natürlich niemals allein zusammen ausgegangen. Sie war überhaupt nur ein einziges Mal mit ihm allein gewesen … eines Abends, im Garten …

Kein guter Gedankengang. Kim blickte aus dem Fenster auf die Neonlichter, Werbeflächen, Busse, Taxen und Menschen. Vom Verkehrslärm war in der klimatisierten Limousine nichts zu hören. Eine Oase der Ruhe im Großstadtgetümmel, dachte Kim. Nur dass sie nicht ruhig war. Es machte sie wütend, dass sie die Erinnerungen nicht verdrängen konnte. Um Himmels willen, sie war ein dummer Teenager gewesen! Was sie damals empfunden hatte, spielte doch jetzt überhaupt keine Rolle mehr. Sie war eine erwachsene Frau und nicht interessiert an dem kühlen, rätselhaften Mann in den teuren Sachen, ganz gleich, wie umwerfend attraktiv und sexy er war. Damals war ihr Sam exotisch vorgekommen … wie ein Vulkan unterdrückter Leidenschaften, der jederzeit ausbrechen konnte …

Sie war sich des schwachen Dufts seines Rasierwassers bewusst. Es wäre so einfach, die Hand auszustrecken und Sam zu berühren … seinen Arm … seinen Oberschenkel … Du liebe Güte, was dachte sie denn da? Sam war doch nur noch so ein reicher Workaholic, ein Geschäftsmann, der es verstand, Geld zu machen, aber kein Talent für Freundschaften und intime Beziehungen hatte. Höchstwahrscheinlich war er ein langweiliger Mensch ohne gesellschaftliches Leben, der abends Solitär spielte, während er sich die Börsennachrichten auf CNN ansah.

Aber sicher! spottete eine kleine Stimme.

Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Kim hatte von dem Luxusrestaurant schon gehört, war aber noch nie dort gewesen. Die moderne Einrichtung war wunderschön. An den Wänden hingen interessante Bilder. Allein die Speisekarte war ein Kunstwerk. Der Ober trug einen schwarzen Anzug und sprach mit französischem Akzent, sogar einem echten.

Kim bat um ein Glas Weißwein.

„Ach ja“, sagte Sam, „jetzt darfst du ja.“

Sie wusste sofort, worauf er anspielte. In den USA war Alkohol für Minderjährige verboten, doch sie hatte auf der Geburtstagsparty ihres Vaters heimlich zwei Gläser Champagner getrunken. Sam war eingeladen gewesen. Der Champagner hatte sie mutig gemacht, und sie hatte Sam in den Garten hinter die große Hemlocktanne gelockt und sich ihm an den Hals geworfen – oder es jedenfalls versucht. Sie war damals nicht sehr geübt in diesen Dingen gewesen. Allein schon die Erinnerung daran war demütigend.

Aber sie war kein alberner Teenager mehr. Sie war sechsundzwanzig. Eine reife, erwachsene Frau. Und sie musste Sam davon überzeugen, damit er ihr den Job gab.

„Das war vor elf Jahren“, sagte sie gespielt lässig.

„Allerdings.“ Als echter Gentleman verfolgte Sam das Thema nicht weiter. „Und? Was ist in den vergangenen elf Jahren aus dir geworden?“

„In aller Kürze? Mein Vater war dagegen, aber ich bin trotzdem auf die Kunsthochschule gegangen. Danach haben wir uns noch mehr gestritten, und ich habe weiterstudiert und meinen Magister gemacht. Nach dem Studium habe ich einen großartigen Job bei einer Werbeagentur bekommen. An Werbespots für Seifen zu arbeiten hat mich bald gelangweilt, und ich wollte mehr künstlerische Freiheit haben, deshalb bin ich jetzt freiberuflich tätig. Mein Vater denkt noch immer, dass aus mir niemals etwas wird, doch ich verdiene sehr gut. Ich bekomme interessante Aufträge und arbeite mit Architekten und Innenausstattern zusammen und …“ Kim war in Fahrt und erzählte immer weiter.

„Und jetzt willst du all das für einen befristeten Job aufgeben und auf Java ein Haus suchen, Badematten kaufen und Dienstboten einstellen?“, fragte Sam schließlich.

„Oh, es ist so viel mehr als das.“ Könnte es sein, jedenfalls. „Du lässt es so … nüchtern klingen. Marcus hat gesagt, du möchtest ein Heim. Du hättest sterile Hotelzimmer und unpersönliche möblierte Apartments satt.“

Sam blickte finster sein Glas an. „Ja. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren wie ein Nomade gelebt.“

Aber nicht in Schuppen und Zelten. Zweifellos hatte er immer sehr luxuriös gewohnt. Anscheinend hatte er jedoch kein Haus und Apartment als sein Zuhause angesehen. „Wie lange wirst du in Indonesien bleiben?“

„Fünf Jahre. Vielleicht länger. Und diesmal will ich nicht irgendetwas mieten und die Möbel von jemand anders um mich haben.“

Nur hatte er nicht die Zeit, nach einem passenden Haus zu suchen und es einzurichten. Marcus hatte ihr erzählt, die neue Fabrik zu gründen und zu leiten würde Sam völlig in Anspruch nehmen.

In Wirklichkeit brauchte er eine Ehefrau, aber Kim beschloss, ihn nicht darauf aufmerksam zu machen. Vielleicht wusste er es schon. Da die Ehefrau wegfiel, war sie die Beste für den Job. Davon musste sie ihn überzeugen.

Der Ober brachte die Vorspeise. Es war irgendetwas mit Entenleber, kunstvoll auf großen weißen Tellern angeordnet und wunderschön garniert.

„Ein kulinarisches Kunstwerk!“, sagte Kim. „Fast zu schön, um es zu essen, aber ich tue es trotzdem!“ Sie aß einen kleinen Bissen. Es schmeckte köstlich. „Okay“, sprach sie weiter, „gib mir den Job, und ich besorge dir ein schönes Haus mit einer herrlichen Veranda und richte es nach deinem Geschmack ein. Ich stelle die perfekten Dienstboten ein, und wenn du es wünschst, organisiere ich nach dem Einzug eine große Dinnerparty, damit du mit deinem neuen Heim angeben kannst. Ich werde fantastische Arbeit leisten. Ich bin gut in solchen Dingen.“

Sam betrachtete sie neugierig. „Und deine Intuition sagt dir, dass es dich beruflich weiterbringen wird, wenn du alles hinter dir lässt, was du dir hier in New York aufgebaut hast?“

„Ja, in gewisser Hinsicht wird es das.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „In gewisser Hinsicht?“

„Ich habe Hintergedanken“, sagte Kim ein bisschen dramatisch.

„Aha, jetzt machen wir Fortschritte.“

Und Kim erzählte ihm, wie gern sie zurück in den Fernen Osten wolle, wie sehr sie Java liebe, dass nichts auf der Welt so grün sei wie Reisfelder, nichts schöner als … Sie sprach viel zu lange, doch Sam hörte ihr aufmerksam zu, während sie ihm die wundervolle Kunst schilderte, die Batik von Solo, die Holzschnitzereien von Jepara, die packenden Wayang-Theaterstücke und das köstliche Essen. Sie erklärte ihm, wie sehr es ihre Kreativität fördern würde, dort zu leben. Und als sie schließlich verstummte, spürte sie, dass ihr Gesicht gerötet war, und sie wusste, dass sie wie ein begeistertes Kind aussehen musste. Sie blickte auf ihr fast unberührtes Essen.

„Faszinierend“, sagte Sam.

Kim sah auf.

Er lächelte. „In Ordnung, du hast den Job.“

Kim schloss die Tür hinter sich ab und tanzte triumphierend ins Schlafzimmer. Sie hatte es geschafft! Und am nächsten Tag würde sie Sam wiedersehen. Sie würde ihn vom Büro abholen, da sie gerade in der Gegend sein würde, und dann würden sie zusammen zu ihr fahren, damit er sich ansehen konnte, wie sie ihr Loft dekoriert hatte. Und natürlich mussten sie noch viel besprechen. Sie hatte vorgeschlagen, dass sie ihnen irgendetwas zu essen kochen würde.

Zu aufgeregt, um zu schlafen, zog Kim ihren blauen Kimono an, kehrte ins dunkle Wohnzimmer zurück und ging noch einmal den Abend mit Sam in Gedanken durch.

„Warum bist du niemals irgendwo sesshaft geworden?“, hatte sie ihn gefragt. Nicht einmal in New York besaß er ein Apartment. Wenn er in der Stadt war, wohnte er im Penthouse des Unternehmens.

Er hatte die Schultern gezuckt. „Das ist sinnlos, wenn man immer wieder woanders hinzieht. Ich bin ungebunden und kann die Arbeit in Übersee machen. Die meiste Zeit tue ich es gern. Ich habe keinen Grund aufzuhören.“

Er hatte keine Geschwister und mit zwanzig die Eltern und sein Zuhause verloren. Marcus hatte ihn an den Wochenenden und in den Ferien mitgebracht, und Kim erinnerte sich noch daran, wie beeindruckt ihre Mutter gewesen war, weil sich Sam jedes Mal mit einem kleinen Geschenk für die Gastfreundschaft bedankt hatte. Damals hatte Kim nicht darüber nachgedacht, doch in dieser Nacht, als sie ruhelos im Wohnzimmer auf und ab ging, fragte sie sich, ob Sam einsam gewesen war und sich nach einer Familie gesehnt hatte.

War er jetzt einsam?

Ein verwitweter Onkel leitete das Unternehmen in New York. Alle anderen Mitglieder der Großfamilie lebten in Jordanien und Griechenland.

„Ich habe nicht das Gefühl, irgendwo wirklich hinzugehören“, hatte Sam beim Abendessen gesagt.

Kim schauderte. Wie entsetzlich musste es sein, sich so entwurzelt zu fühlen!

Und jetzt wollte er ein eigenes Haus. Ein Heim.

Sie würde ihm helfen, es zu bekommen.

Kim und Sam trafen sich am nächsten Abend in seinem Büro und fuhren dann zu ihr, damit er sich ansehen konnte, wie sie ihr Loft eingerichtet hatte.

Auf der Türstufe saß ein Clown. Große, dicke Tränen waren auf seine Wangen gemalt. Er hielt einen Strauß bunter Luftballons in der Hand. Mehrere Kinder hatten sich auf dem Bürgersteig versammelt und hänselten den Clown.

Ich liebe dich! stand auf einem Luftballon und auf einem anderen: Bitte sei mein!

„Kim!“, rief der Clown, als sie aus der Limousine stieg. „Hör mich an, Kim! Mir bricht das Herz!“

Ihr blieb es fast stehen. Sam sah sich das Schauspiel schweigend an. So etwas konnte sie nicht gebrauchen. Ein Clown war nicht eingeplant. „Das reicht, Tony“, sagte sie kühl. „Lass den Unsinn jetzt!“

Er begann zu schluchzen. Die Kinder lachten.

„Sie liebt mich nicht! Ich werde an gebrochenem Herzen sterben!“, jammerte er und krümmte sich vor Kummer. Die Kinder lachten lauter.

Kim ging an ihm vorbei und schloss die Haustür auf. „Beachte ihn nicht, Sam“, sagte sie gespielt lässig. „Er ist mein Verfolger.“

„Dein Verfolger?“

Sie stiegen in den inzwischen reparierten Fahrstuhl. „Hast du noch nichts davon gehört? Das ist der letzte Schrei.“

Sam runzelte die Stirn. „Wer ist der Mann? Was will er?“

„Ich habe ihn vor drei Wochen auf einer Party kennen gelernt. Er hat mich mit seinen egozentrischen Geschichten über sein Schicksal als verkannter Künstler und Schauspieler gelangweilt, aber ich habe mich bemüht, nett zu sein, und ich glaube, er fand mich … na ja …“

„Bezaubernd?“

Kim verzog das Gesicht. „So ähnlich. Ich hatte keineswegs vor, ihn zu bezaubern. Ich wollte ihn nur loswerden.“

„Das ist dir nicht gelungen“, sagte Sam trocken. „Was tut er sonst noch?“

„Ach, harmlose Sachen. Er schickt mir Blumen, Bilder und Gedichte und schenkt mir eine Kreuzfahrt. Er hinterlässt dämliche Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter. Gefährlich ist er nicht. Im Grunde ist er ein frustrierter, ehrgeiziger, arbeitsloser Schauspieler, der dringend ein Engagement braucht.“

„Und er schenkt dir eine Kreuzfahrt?“

„Er hat einen reichen Vater.“ Kim fragte sich, was Sam wohl von dem altertümlichen Fahrstuhl hielt und wie er über ihre ziemlich ungewöhnliche Wohnung denken würde. Sie hatte am Morgen gründlich sauber gemacht, eingekauft und das Essen vorbereitet. Die Soße aus Olivenöl, Gorgonzola, italienischem Schinken, Tomaten und Knoblauch stand fertig im Kühlschrank. Die gespülten Salatblätter lagen im Gemüsefach. Das Dressing war angerührt. Sie musste nur noch die Fettuccini kochen.

Kim freute sich auf einen netten Abend. Sie stieg im obersten Stock aus dem Fahrstuhl, öffnete die Tür zum Loft … und blieb wie angewurzelt stehen. Ein Mann lag auf ihrem Sofa. Ob schlafend, tot oder im Koma war schwer zu sagen.

3. KAPITEL

Der Mann sah aus wie irgendetwas, was aus einem Sumpf gekrochen war. Er hatte langes, ungepflegtes schwarzes Haar und einen wirren Bart und trug zerlumpte Jeans. Die verdreckten Wanderstiefel hatte er ausgezogen. Sie waren so groß wie Ozeandampfer. Ein abgenutzter Rucksack lag auf dem Boden. Die Hälfte des schmutzigen Inhalts war auf Kims schönem Navajoteppich verstreut. Sie kannte den Mann nicht.

Sam stand neben ihr an der Tür. „Und wer ist das?“, fragte er gelassen, als hätte er sich bereits damit abgefunden, dass er bei ihr überall auf sonderbare Typen stoßen würde.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Kim ausdruckslos.

Ein kurzes Schweigen folgte. „Du weißt es nicht?“

„Nein.“ Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Die Brust des großen Mannes auf ihrem Sofa bewegte sich auf und ab. Tot war er also nicht. Und was sollte sie jetzt machen? Was tat man normalerweise, wenn man nach Hause kam und einen bewusstlosen Penner auf seinem Sofa fand? Die Polizei rufen?

„Wie ist er hereingekommen?“, fragte Sam.

Kim riskierte einen Blick. Sam sah sehr sauber aus, sehr solide … sehr attraktiv. Das genaue Gegenteil des komatösen Fremden. „Ich weiß es nicht“, sagte sie wieder.

„Ich glaube, hier ist noch jemand.“ Sam zeigte auf die Badezimmertür.

Erst jetzt nahm Kim das Geräusch von laufendem Wasser wahr. Einen Moment später hörte es auf. Und dann kam Jason heraus. Bis auf ein blaues Handtuch um die Hüften war er nackt. Anscheinend hatte er gerade wieder eiskalt geduscht, um sich für die nächtliche Geistesarbeit in Form zu bringen. Ihm konnte sie es nicht verübeln, dass er auf der Bildfläche erschien, während Sam zu Besuch war. Schließlich wohnte Jason hier. Aber musste er in seiner ganzen halb nackten Pracht aufkreuzen?

Sie hatte doch einen würdevollen Eindruck auf Sam machen wollen. Jetzt waren alle ihre Hoffnungen zerstört. Warum hatte sie überhaupt geglaubt, das zu Wege zu bringen? Sie, die so würdelose Freunde hatte und ein so würdeloses Leben führte. Dass er sie jetzt noch ernst nahm, konnte sie wohl nicht erwarten. Nicht nach einem idiotischen Clown vor der Haustür, einem bewusstlosen Sumpfwesen auf dem Sofa und einem nackten Adonis in ihrem Badezimmer. Sie wollte nur eine Zeit lang wieder im Fernen Osten leben. War das zu viel verlangt? Warum spielten die Götter Spiele mit ihr, ließen erst die günstige Gelegenheit vor ihrer Nase baumeln und rissen sie dann außer Reichweite? Es war einfach unfair.

Kim hätte sich am liebsten einfach auf den Boden gelegt und sich wie ein kleines Mädchen die Augen ausgeweint. Aber das würde nicht helfen. Es würde sowieso nicht besser werden.

Damit behielt sie Recht. Die Situation wurde sogar noch ein wenig schlimmer.

„Hoffentlich ist es okay, dass ich ihn hereingelassen habe.“ Jason zeigte auf den Fremden. „Er hat gesagt, er sei dein Cousin.“

„Mein Cousin?“ Sie hatte nur zwei Cousins. Einer war ein fast schon kahlköpfiger Steuerberater, der andere ein rothaariger Student der Zahnmedizin. „Das ist nicht mein Cousin. Ich kenne ihn nicht.“ Ihre Stimme klang vor Verzweiflung ein bisschen schrill, was sie verlegen machte.

Der Mann auf dem Sofa öffnete die Augen und blickte sich verwirrt im Zimmer um.

Plötzlich wütend, ging Kim zu ihm. „Wer sind Sie?“, fragte sie scharf. „Was tun Sie in meiner Wohnung?“

Er sah sie an und lächelte. „Du weißt, wer ich bin, Kimmy.“

Sie erstarrte. Die Worte kamen ihr beklemmend bekannt vor …

Der Traum.

Ihr heimlicher Liebhaber.

Der Fremde streckte die Hand nach ihr aus. Kim wich zurück und stolperte fast über seine Stiefel. Stiefel wie Ozeandampfer.

Und da wusste sie Bescheid. Oh nein, es ist Jack! dachte sie. Jack mit den großen Füßen. Hatte sie etwa von ihm geträumt? Von diesem abstoßenden Mann auf ihrem Sofa? Ein entsetzlicher Gedanke. Natürlich war Jack nicht immer so widerwärtig gewesen. Vor acht Jahren hatte er sauber und rasiert ausgesehen. Damals war sie gerade mit der High School fertig und naiv gewesen. Sie hatte sich in ihn verliebt, weil er so charmant und großzügig gewesen war, und gehofft, er würde nach der Heirat verantwortungsbewusster sein und zu trinken aufhören.

Ich kann das nicht ertragen! dachte Kim. Sie wollte ihn aus ihrer Wohnung haben. Sofort.

Er lächelte noch immer blöde. Jason stand in seinem Handtuch vor der Badezimmertür. Sam lehnte am Bücherregal und sah sich das traurige Schauspiel schweigend an. Und dann ging die Tür auf, und der Clown kam herein.

„Kim! Ich …“ Er blickte die anderen Männer und dann wieder sie an, anscheinend um Worte verlegen.

Jack versuchte sich aufzusetzen. Es gelang ihm nicht, und er sackte wieder in sich zusammen. „Erinnerst du dich, Kim?“

„Nein!“ Wenn er noch mehr sagte, würde sie ihn umbringen!

„Wir sind durchgebrannt.“

„Du bist betrunken. Ich will, dass du verschwindest. Sofort!“

„Erinnerst du dich nicht, Kim?“, fragte er. „Wir sind durchgebrannt. Weißt du noch? Die Insel? Das Meer war so blau, und die Palmen …“

Sie wollte nicht noch mehr hören. Nicht über irgendetwas, was mit ihrem wunderschönen Traum zu tun hatte. „Geh nach Hause.“

„Nach Hause?“, wiederholte er völlig verwirrt. „Ich will dich zurückhaben, Kim. Ich will bei dir sein.“

„Du kannst zu deiner Mutter fahren. Ich rufe dir ein Taxi.“ Kim hatte sie vor zwei Wochen zufällig bei „Macy’s“ getroffen. Sie hatte ihr erzählt, Jack sei auf einer Weltreise und werde bald heimkehren. Kim hatte nie wieder daran gedacht. Jetzt dankte sie den Göttern dafür, dass seine Mutter noch am Leben war.

Sam war bereits zum Telefon gegangen und bestellte ein Taxi. Seine Miene war ausdruckslos. Kim konnte nur raten, was in ihm vorging. Nichts Gutes, davon war sie überzeugt.

Einer erledigt, jetzt noch einer. Sie sah Tony an, der seine orangefarbene Perücke abgenommen hatte. „Ich habe genug von dir!“, schrie sie ihn an. „Wenn du nicht aufhörst, mich zu belästigen, zeige ich dich an! Und ich rufe meinen Onkel an. Der ist Anwalt und so gefährlich wie ein Pitbull. Du wirst dir wünschen, mir niemals begegnet zu sein! Besorg dir einen Job! Besorg dir ein Leben! Raus!“ Sie ging auf Tony zu, als wollte sie ihn einfach hinausstoßen.

Er blickte sie traurig an. „Aber du bist mein Leben“, sagte er flehend.

„Besorg dir einen Psychiater!“

Er seufzte. „Ich glaube, ich werde nach Hollywood gehen.“

„Das ist ein guter Einfall!“ Kim zeigte an ihm vorbei zur Tür. „Dort entlang.“

Tony drehte sich um, schlurfte nach draußen und knallte die Tür hinter sich zu.

Kim atmete tief ein. Sie fühlte sich besser. Ach, ein bisschen Wut tat gut!

Inzwischen hatte sich Jack aufgesetzt.

„Zieh deine Stiefel an“, befahl ihm Kim und schob die ekelhaften Dinger mit dem Fuß näher zum Sofa.

Jason kam in Jeans und einem weißen T-Shirt aus seinem Zimmer. Sie hatte nicht mitbekommen, dass er den Schauplatz verlassen hatte. Er bückte sich, stopfte Jacks schmutzige Sachen zurück in den Rucksack und schleppte ihn aus der Wohnung.

Kim sah sich nach Sam um. Er öffnete gerade den Mikrowellenherd und nahm einen Becher heraus, den er Jack brachte. Übrig gebliebener Kaffee, wieder aufgewärmt, vermutete Kim.

„Trinken Sie das!“, sagte Sam gebieterisch.

Jack trank gehorsam, während Sam drohend über ihm aufragte.

Zehn Minuten später herrschte so etwas wie Frieden im Loft. Sam und Jason hatten den stolpernden Jack und seine Habseligkeiten in den Fahrstuhl und in ein Taxi gezerrt. Wieder oben, hatte sich Jason in sein Zimmer zurückgezogen. Sam saß in einem Sessel und blickte Kim gelassen an. Sie versuchte sich ihre Verlegenheit und Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.

„Wie wäre es mit einem Drink?“, fragte sie höflich, obwohl sie wünschte, Sam würde einfach wie durch Zauberei verschwinden.

„Danke, ja.“

Funkelten seine Augen belustigt? Bestimmt irrte sie sich. „Ich habe Weißwein.“ Sie hatte ihn fürs Abendessen gekauft. Etwas anderes hatte sie nicht da. Sie trank niemals starke Sachen.

„Ist mir recht.“

Kim eilte in die Küche, nahm die Flasche aus dem Kühlschrank und schaffte es, sie zu öffnen, ohne den Korken abzubrechen oder das ganze Ding fallen zu lassen. Da sie in ihrer Verfassung zu hastig trinken würde, schenkte sie Sam Wein und sich selbst Mineralwasser ein. Dann atmete sie tief ein, straffte die Schultern und ging zurück ins Wohnzimmer. „Tut mir leid, dass wir abgelenkt worden sind“, sagte sie, als hätte es sich um eine unbedeutende kleine Störung gehandelt.

Sam lächelte. „Du hast früher schon immer für viel Ablenkung gesorgt. Und du hattest schon oft sonderbare Freunde um dich.“

„Diese Männer sind nicht meine Freunde!“

„Was ist mit dem Wikinger? Er scheint doch nett zu sein.“ Sam zeigte auf Jasons Zimmertür.

„Oh, ich habe dich noch nicht mit ihm bekannt gemacht, stimmt’s?“

„Es war ja auch ein bisschen verwirrend. Schließlich trug er nur ein Handtuch, und dein Ehemann lag betrunken auf dem Sofa“, sagte Sam versöhnlich.

Kim blickte ihn wütend an. Sie wollte die peinliche Situation retten, aber er ließ sie nicht. „Jack ist nicht mein Ehemann und war es niemals“, erklärte sie. Und sie waren auch niemals auf einer tropischen Insel gewesen. Sie hatten sich Reiseprospekte angesehen und viel geträumt.

Sam streckte die langen Beine aus. „Er glaubt anscheinend, ihr wärt durchgebrannt.“

„Sind wir.“ Kim trank hastig einen großen Schluck Wasser. Sie mochte nicht einmal daran denken, wie dumm sie gewesen war.

„Wirklich?“

„Wir sind durchgebrannt, haben es aber nicht zu Ende gebracht.“

„Was ist passiert?“

Kim hatte im letzten Moment ihren Irrtum erkannt. Jacks altes Auto hatte mitten in einer Kleinstadt in New Jersey sein Leben ausgehaucht. Gestrandet auf der Straße, ohne Geld, war Kim endlich vernünftig geworden, als Jack vorgeschlagen hatte, den in der Nähe geparkten Wagen zu stehlen.

Sie erzählte Sam die Kurzfassung. „Jacks Auto ist liegen geblieben, und ich habe Kopfschmerzen bekommen.“

Sam nickte verständnisvoll. „Das ist zu viel.“

Er machte sich über sie lustig. Sie hatte genug. Von ihm, von den Männern im Allgemeinen. Sie stand auf. „Vielleicht solltest du auch gehen, Sam. Es ist doch sinnlos, hier deine Zeit zu verschwenden.“

„Du hast mir ein Abendessen versprochen.“

„Ich gebe dir Geld für einen Hamburger.“ Sie wollte allein sein und sich in einer dunklen Ecke die Wunden lecken.

Sam zog die Augenbrauen hoch. „Warum bist du auf mich wütend?“

„Du machst dich über mich lustig! Ich hasse Männer!“ Kim war selbst überrascht. Das hatte sie noch nie gesagt. „Ich werde mich in einen Aschram zurückziehen, meditieren lernen und die Männer vergessen. Keine Männer mehr.“

„Ich dachte, du kommst mit mir nach Java.“ Sam trank einen Schluck Wein.

Sam wirkte so ruhig und entspannt. Sie konnte es nicht ertragen. „Wahrscheinlich bereust du deine Entscheidung. Ich helfe dir aus der Patsche.“ Wenn er doch nur gehen würde! Sie fürchtete, jeden Moment zusammenzubrechen. Kein gutes Gefühl.

Sam stand auf und stellte sich vor sie hin. „Du wolltest doch so gern nach Java. Was ist los, Kim?“

Tränen traten ihr in die Augen. Sie konnte es kaum glauben, denn sie weinte fast nie. Und sie würde es nicht einmal jetzt tun, da ihre Hoffnungen zerstört waren. Sie blinzelte die Tränen weg und beruhigte sich. Na ja, sie versuchte es. „Du willst keine wie mich. Eine flatterhafte und unfähige Frau, die mit Clowns und Pennern verkehrt“, sagte sie zittrig.

Sam lachte. „Ach so, das Drama. Ich habe dich keineswegs für flatterhaft und unfähig gehalten, als du die beiden Kerle hinausgeworfen hast. Das war eine ziemlich eindrucksvolle Leistung.“

Eigentlich hatte er recht. Kims Stimmung besserte sich ein bisschen.

Er nahm lächelnd ihre Hand. „Mach mir das Abendessen, das du mir versprochen hast. Und hinterher sprechen wir über mein Haus.“

Einen Moment lang konnte Kim nicht atmen. Sie war sich nur bewusst, dass er ihr in die Augen blickte und ihre Hand hielt.

Ich bin eine Närrin, dachte sie.

„Und? Was wollen wir sagen? Wer soll ich sein? Deine persönliche Assistentin? Deine Innenausstatterin? Haushälterin?“

Sie saßen auf dem Sofa und tranken Kaffee. Kim fühlte sich viel besser. Sie hatte Sam ihr leckeres kleines Abendessen gekocht, und alles war perfekt gewesen. Er hatte sich ihre Mappe angesehen und die Ausstattung des Lofts bewundert, und danach hatten sie darüber gesprochen, wie er sein Haus eingerichtet haben wollte, was er mochte und was nicht.

Sam warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Ich denke, das wird uns niemand glauben.“

„Deine Schwester Yasmina kann ich wohl auch nicht sein.“

Er berührte lachend Kims Haar. „Bei einer Blondine mit blauen Augen und heller Haut funktioniert das nicht.“

Kim spürte seine Hand kaum, und dennoch schlug ihr Herz schneller, und sie hielt den Atem an. Sie konnte kaum fassen, was mit ihr passierte. Schließlich hatte sie den Männern doch abgeschworen.

„Wir könnten sagen, du seist meine Geliebte. Das ist nicht die Wahrheit, aber man würde es glauben.“

Seine Augen funkelten boshaft, und sie wusste, dass er ein Spiel mit ihr spielte. „Deine Geliebte? Ich? Kommt nicht infrage! Ich will keine Mätresse sein, nicht einmal eine angebliche.“

„Warum nicht?“

„Ich finde es widerwärtig“, erklärte Kim hochmütig.

„Weil es mit einbeziehen würde, dass wir eine sexuelle Beziehung haben?“ Sam war anscheinend eher neugierig als beleidigt.

Das nicht zu verstehen sah einem Mann ähnlich. Kim seufzte. „Nein.“

„Oh, gut. Ich habe schon geglaubt, du findest mich unattraktiv.“

Klar doch! dachte sie, während sie sein gut aussehendes Gesicht betrachtete.

„Warum dann nicht?“

„Weil es bedeuten könnte, dass ich mich für Sex bezahlen oder versorgen lasse“, erklärte sie geduldig.

„Ah, ich verstehe. Du hast hohe moralische Grundsätze.“

Wenn er das glauben wollte, okay, warum nicht? „Wir könnten sagen, ich sei deine Frau“, schlug sie unschuldig lächelnd vor. Sie beherrschte das Spiel auch. „Das wird die Sache einfacher machen.“

Sam zog die Augenbrauen hoch.

„Keine Angst. Ich habe keinen Anschlag auf dich vor. Das war vor elf Jahren. Mann, damals habe ich wirklich etwas von dir gewollt!“

Er nickte. „Du schuldest mir mächtig viel“, sagte er trocken.

Die Antwort hatte Kim nicht erwartet. „Ja?“

„Du hast mich erbarmungslos in Versuchung geführt, und ich musste brav sein.“

„Warum musstest du brav sein?“

„Du warst die kleine Schwester meines Freundes, und mir wurde Gastfreundschaft in eurem Haus gewährt. Unter diesen Umständen war es nicht ratsam, mit dir zu spielen. Abgesehen davon, dass du noch ein Kind warst.“

„Und flatterhaft und albern. Erinnere mich bitte nicht daran.“

„Okay“, sagte Sam edelmütig.

„Außerdem ist das alles Schnee von gestern. Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Gut. Es wäre sehr enttäuschend, festzustellen, dass du deine Verführungsmethoden in den vergangenen elf Jahren nicht verfeinert hast.“

Es musste eine schlagfertige Antwort darauf geben, aber Kim war so verwirrt, dass ihr keine einfiel. Sie zuckte gespielt gelassen die Schultern. „Mach dir überhaupt keine Sorgen. Du und ich … Wir sind eine schlechte Kombination, weißt du. Wir würden uns gegenseitig in den Wahnsinn treiben.“

„Ja, höchstwahrscheinlich“, sagte Sam, und dann küsste er sie.

Sanft und verführerisch. Kim war unfähig zu protestieren. Die Sinnlichkeit des Kusses überwältigte sie.

Als sich Sam wieder zurückzog, lächelte er boshaft.

„Warum hast du das getan?“, fragte Kim atemlos.

„Das war die Rache für die vielen Male, die du es wolltest und ich es nicht durfte.“

Was konnte sie sagen? Nichts. Sie war ja völlig außer Atem. Nichts, weil ihr keine Zeit blieb, denn nur einen Moment später tat Sam es schon wieder. Als hätte er jedes Recht, als hätte … Oh … Sie musste sich einfach an ihn schmiegen. Das ist verrückt! dachte sie, kurz davor, es überhaupt nicht verrückt zu finden. Sie durfte das nicht zulassen. Er konnte sie doch nicht so küssen … Aber er konnte, und sie ließ ihn. Gefährliche, herrliche Hitze durchflutete sie.

„Wir könnten es ausprobieren und herausfinden“, flüsterte Sam.

„Was ausprobieren?“, fragte Kim benommen. Sie konnte kaum denken. Oh Himmel, was passierte mit ihr?

Seine Augen funkelten spöttisch. „Verheiratet zu sein. Dann sehen wir ja, wie wahnsinnig wir uns machen.“

Sie blickte ihn starr an. „Verheiratet?“

„Es war dein Vorschlag“, erwiderte er gelassen. „Wir gehen nach Java und geben vor, verheiratet zu sein, um die Sache zu vereinfachen.“

„Oh.“ Kim war sich bewusst, dass sie sich nicht allzu intelligent anhörte. Sie rückte langsam von Sam ab und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Nach Java. Vorgeben, verheiratet zu sein … Warum eigentlich nicht? Es könnte Spaß machen. „Vielleicht kannst du dich dabei nicht so recht entfalten“, sagte sie. „Als Ehefrau werde ich nicht dulden, dass du dich mit anderen Frauen herumtreibst. Die Nachbarn würden reden.“

„Ich treibe mich nicht herum. Und was ist mit dir? Hast du Angst, dich dabei nicht recht entfalten zu können?“

Kim winkte ab. „Ich habe mir eine Männerpause versprochen.“ Eine Scheinehe würde die Männer vielleicht von ihr fern halten … verrückte Verfolger, alte Freunde und neue Verehrer. Der Frieden würde herrlich sein.

Möglicherweise war es ihre Abenteuerlust. Oder vorübergehende Geisteskrankheit. Jedenfalls kam es ihr plötzlich wie ein brillanter Plan vor. „Okay“, sagte sie. „Ich werde deine Frau sein.“

4. KAPITEL

Kim genoss die erste Tasse Kaffee des Tages und betrachtete die nassen Dächer New Yorks. Kein erhebender Anblick. Über eine Woche lang war sie jetzt schon sozusagen verheiratet, und es hatte jeden Tag geregnet. Aber nichts konnte Kim die gute Laune verderben. Sie würde in den Fernen Osten gehen!

Allerdings wäre es nett gewesen, wenn sie in der vergangenen Woche etwas von Sam gehört hätte. Natürlich war er mit der Organisation des neuen Projekts sehr beschäftigt. Sie hatte auch viel zu tun. Die bereits angenommenen Aufträge mussten zu Ende gebracht werden. Sie musste entscheiden, was sie einpacken und was sie als Fracht aufgeben sollte. Jemanden für das Loft zu finden war kein Problem gewesen. Zufällig hatte vor zwei Tagen eine ihrer Freundinnen mitten in der Nacht vor der Tür gestanden und geschluchzt, sie würde ihren Mann diesmal bestimmt für immer verlassen. Ob sie erst einmal auf Kims Sofa schlafen könne? Sie würde sich so schnell wie möglich eine Wohnung suchen.

Kim sagte ihr, sie habe schon eine.

Das Telefon klingelte. Kim stellte die leere Kaffeetasse auf die Küchentheke und nahm ab. „Hallo?“

„Kim? Guten Morgen. Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.“

Ihr Herz schlug schneller. „Aber nein, Sam. Selamat pagi.“

„Ah, ich nehme an, das ist Indonesisch.“

„Ich grabe es gerade aus und sehe, was übrig geblieben ist.“

„Hast du nicht erwähnt, du würdest es fließend sprechen?“

„Fast.“

„Ich verlasse mich darauf“, sagte Sam trocken. „Dein Flug ist gebucht. Du bekommst das Ticket in den nächsten Tagen, zusammen mit einer Kreditkarte auf deinen Namen für alle Ausgaben, die mit dem Job zusammenhängen.“