Julie Gallagher - Luca Wagner - E-Book

Julie Gallagher E-Book

Luca Wagner

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Beschreibung

Julie führt das behütete Leben eines englischen Schulmädchens - bis ihr bester Freund Will ihr das Tor zu einer völlig neuen Welt eröffnet: Hidden Island, ein Ort voller märchenhafter Magie, fern von ihrem Zuhause in Cheltenham. Doch von Anfang an scheint sich die Insel gegen Julie verschworen zu haben. Ehe sie allem Übersinnlichen den Rücken kehren kann, bittet der gleichermaßen attraktive und distanzierte Prinz Roderich, künftiger Herrscher von Hidden Island, die Siebzehnjährige um einen unglaublichen Gefallen, der sie vor eine schwerwiegende Entscheidung stellt. Und vor einen Berg an Fragen. Wird Julie dem magischen Königreich helfen, obwohl sie dadurch womöglich ihr eigenes Leben in Gefahr bringt? Könnte Will für sie mehr als ein Freund sein? Und warum fühlt sie sich gerade bei Roderich geborgen und verstanden, wenn er doch vielleicht nicht jener ist, der er vorgibt zu sein?

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Band 1

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Book Ausgabe

Deutsche Erstausgabe

Copyright © Luca Wagner, c/o autorenglück.de, Franz-Mehring-Str. 15, 01237 Dresden

Herstellung und Verlag: BoD - Books on demand, Norderstedt

Korrektorat: Federstaub Lektorat, Julia WeimerUmschlaggestaltung: Désirée Riechert, www.kiwibytesdesign.com

Illustratorin: Romy M. Archer

Satz: Ryvie Fux, www.ryviefux.comBildlizenzen: © Adobe Stock,korkeng, 265917564Toni, 127271927Lukas Gojda, 314141146daliu, 169740943

ISBN: 9783755710707

Für die in mir, die nicht an die Erfüllung ihres Traums glaubte.

Und für die in mir, die ihn trotzdem verfolgt hat.

Prolog

Julie Dorothee Gallaghers Augen waren von einem dermaßen bezaubernden nebelartigen Azurblau, dass Wills sonst so zuverlässig ruhig schlagendes Herz für den Bruchteil einer Sekunde auszusetzen drohte und gar nicht erst daran dachte, ihn regelmäßig weiteratmen zu lassen. Aber das war er ja gewohnt. Er kannte dieses prickelnde Sekundenglück, das er nur in Julies Nähe verspürte.

„Was hast du?“, fragte sie sanft und blickte kaum merklich zwischen Will und dem cremefarbenen Barhocker, den er ihr hatte zurechtrücken wollen, hin und her.

„Gar nichts“, sagte er schnell und ließ sie Platz nehmen. „Chai Latte?“

Er brauchte die Antwort gar nicht abzuwarten, da Julie immer dasselbe trank, wenn sie sich, wie sie es beinahe jeden Samstag zu tun pflegten, im Curious Cafe & Bistro zum Frühstück trafen. Er kannte die filigran gemusterte Theke aus blau lackierten Holzdielen, die schmalen Regale dahinter, in denen akkurat Weingläser und Spirituosen Reih an Reih standen, und die kugelrunden Lampen, die alles in ein freundliches oranges Licht tauchten, mittlerweile auswendig. Dieses Frühstück war bloß eines der vielen Rituale, die er und Julie miteinander teilten. Jeden Donnerstagnachmittag rief er sie an, um ihr zu berichten, ob seine überaus kritische Lieblingsdozentin der University of Gloucestershire, an der er Geschichte und Politik studierte, ihn zur Schnecke gemacht oder ihn bis zum Himmel hoch gelobt hatte. Und dienstags holte er Julie abends vom Krankenhaus ab, wo sie ehrenamtlich bei der Betreuung und Seelsorge der Patienten half. Als Will selbst siebzehn Jahre alt gewesen war, hatte er bloß sein Footballtraining und Partys im Kopf gehabt, aber Julie war anders.

„Was sonst?“ Lächelnd strich sie sich eine honigblonde Strähne hinter ihr Ohr.

„Und das Steak-Frühstück?“ Neckend hob er eine Augenbraue, denn er wusste genau, dass sie sich seit drei Jahren vegetarisch ernährte.

Sie verdrehte bloß ihre wunderschönen Augen, die von langen, hellen Wimpern eingerahmt wurden, und bestellte Joghurt mit Früchten.

Einen Moment lang wurde Will wütend. Er wollte sie so unbedingt haben, dass es ihn rasend machte. Sie waren Freunde, jahrelang waren sie das gewesen, und es würde schwer sein, sie davon zu überzeugen, dass er mehr sein konnte als bloß ein Freund. Lange hatte er nicht gewusst, wie er ihr die Augen öffnen könnte. Doch nun hatte er einen Plan. Er würde sie mit nach Hidden Island nehmen – eine Welt, die viel unglaublicher und magischer war, als sie es sich je würde erträumen können. Seit einer quälenden Ewigkeit sehnte er sich danach, ihr von Hexen zu erzählen und ihr den Palast zu zeigen. Bald wäre der Moment gekommen. Er würde Julie in ein Abenteuer verwickeln, das sie zusammenschweißen und auf ewig miteinander verbinden würde. Nichts konnte ihn davon abbringen, nicht einmal die zermürbende Tatsache, dass sie für kurze Zeit einem anderen gehören würde.

„Woran denkst du?“, fragte Julie, die es immer sofort bemerkte, wenn Will nachdenklich wurde. Ihr herzförmiges Gesicht wurde dann ganz weich vor Empathie und aufrichtigem Interesse. Aber dieses Mal konnte er ihr nicht verraten, woran er tatsächlich dachte. Er hatte genau zwei Geheimnisse vor ihr – seine Gefühle und Hidden Island. Und er wusste nicht, welches zu lüften schwieriger für ihn werden würde.

„Ich habe mich nur gefragt, wie dein Referat gelaufen ist“, sagte er so gelassen wie möglich.

Julies zarte Wangen erröteten und sie kratzte sich verlegen an ihrer schmalen Nase. „Ich habe in die Präsentation aus Versehen ein Bild von mir eingefügt, umringt von einem halben Dutzend Hunden, die mich mit ihren Schleppleinen zu Fall bringen.“

„Du wolltest ja unbedingt den Job als Hundesitter haben.“ Will grinste schief.

„Ja, und das weiß jetzt auch der ganze Chemie-Kurs. Und das ist allein deine Schuld! Du musstest mich ja unbedingt beim Gassigehen fotografieren.“

„Oh, ist es dieses Foto, wo du aussiehst, als würdest du gleichzeitig niesen und kreischen?“

Julie nestelte unwohl an dem Rollkragen ihres weißen, enganliegenden Oberteils herum. „Genau das. Kannst du dir etwas Peinlicheres vorstellen?“

„Mein Name ist Wilbert Gilbert, schon vergessen?“

Julies Kichern klang wie Musik in seinen Ohren. Musik, ohne die er nie wieder leben könnte.

Er musste sie in das magische Reich bringen. Bald.

Kapitel 1

Es dämmerte bereits, als ich vor Mr. Davies‘ Haustür zum Stehen kam, dessen unbändiger Labrador mir jedes Mal aufs Neue die Arme ausleierte. Aber Will hatte recht: Ich hatte mir den Job ja immerhin ausgesucht. Und es machte wirklich mehr Spaß als das öde Praktikum, das ich vor zweieinhalb Jahren im Hotel meines Vaters absolviert hatte, was bedauerlicherweise nichts weiter als Kaffeekochen und die Teilnahme an langweiligen Meetings beinhaltete. Etwas Gutes konnte ich der Sache im Nachhinein aber doch abgewinnen, denn so hatte ich Will kennengelernt. Er hatte sich – im Gegensatz zu mir – aus freien Stücken als Praktikant beworben. Jedoch wurde auch ihm schnell bewusst, dass er besser keinen Fuß in das Hotel gesetzt hätte, so langwierig zogen sich die Tage hin. Darum warfen wir beide unsere Arbeitsmoral schnell über Bord und versteckten uns lieber draußen, was ohnehin niemandem auffiel. So lernten wir uns kennen, und seitdem waren wir unzertrennlich.

„War er denn auch artig?“, gluckste der hagere Mr. Davies und fuhr sich über die drei Haare, die er noch auf dem Kopf hatte. Sein faltiges Gesicht wirkte freundlich wie eh und je, dennoch wollte ich lieber schnell weg, bevor er mir wieder seine hausgemachten Erdnussbutterkekse anbieten würde. Ein Bissen genügte, um fünf Minuten lang die Zähne nicht auseinander zu bekommen. Eine Schande, denn ich liebte Erdnussbutter.

„Ja, sehr artig“, beeilte ich mich zu sagen und ließ es lieber unerwähnt, dass sein Labrador mich unkontrolliert durch den Park gezogen hatte, um ein Eichhörnchen zu erwischen, das ohnehin viel zu schnell für ihn gewesen war.

„Vielen Dank, Julie, du kannst ihn dann am Donnerstag wieder abholen.“

Erleichtert nickte ich und verabschiedete mich, bevor Mr. Davies mich doch noch hineinbitten würde.

Ich überlegte kurz, ob ich den Bus nehmen sollte, aber wir hatten bereits Ende Juni, und die Abende waren warm, also konnte ich ebenso gut laufen. Eine Entscheidung, die ich im Nachhinein noch bereuen würde ...

Zunächst zog ich unbeschwert durch die Straßen Cheltenhams und grübelte darüber nach, wie ich Mum und Dad dazu überreden könnte, einen Sommerurlaub mit mir zu unternehmen. Dann gelangte ich jedoch in eine verlassene Gasse, die ich eigentlich schon hunderte von Malen vollkommen sorgenfrei durchquert hatte, und wurde von einem unwohlen Gefühl übermannt. Ein Gefühl von Unsicherheit. Ich fühlte mich gar eingeschüchtert, als eine warme Brise den Rock meines blauen Sommerkleids zum Wehen brachte und die Straßenlaterne zu flackern begann. Wie festgewurzelt blieb ich stehen und schaute an der hohen Hauswand empor, dessen Risse und bröselige Stellen in ein ungewöhnlich grelles und stechendes Licht getaucht wurden.

Ich drehte mich einmal um die eigene Achse, als erwartete ich, dass jemand von hinten mit einer Axt auf mich losgehen würde, aber es war weit und breit niemand zu sehen. In diesem Moment kam ich mir albern vor. Ich wollte weitergehen, doch etwas hielt mich zurück. Ein Schatten. Ein Schatten, der sich langsam an der Hauswand aufbaute und für mich bestimmt zu sein schien, und schon bald starrte ich zu einer dunklen, Kälte verströmenden Kralle hinauf. Lange, gekrümmte Fingernägel schlängelten sich durch das Licht der Straßenlaterne.

„Julie Gallagher“, hauchte eine junge weibliche Stimme aus dem Nichts. „Du darfst diese Welt nicht verlassen. Du bringst uns allen den Tod.“

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Ich fürchtete mich bis ins Mark. Trotzdem konnte ich bloß dastehen und wie benommen auf die Klaue aus Schatten starren, die sich von der Wand löste und durch die stickige Luft nach mir zu greifen drohte.

„Julie Gallagher“, raunte nun eine ältere Frauenstimme, die nicht weniger einnehmend war.

„Ja?“, hörte ich mich wispern und streckte wie unter einem inneren Bann stehend meine zitternde Hand nach dem näherkommenden Schatten aus.

„Traue ihm nicht. Bleib fern von ihm.“ Die Stimme klang kratzig und gebrechlich. Dennoch fühlte ich mich bereit, ihr zu folgen.

Schlagartig wurde mir heiß. Kalter Schweiß rann mir den Rücken hinunter, die dunkle Klaue wuchs unaufhaltsam, die Stimmen wiederholten sich immer schneller, redeten immer intensiver auf mich ein. Ich verstand nicht, was sie von mir wollten, so sehr ich mich auch bemühte. Bald schon war ich so angestrengt, dass mein Kopf zu explodieren drohte und schwindelerregende Lichter vor meinen Augen tanzten. Ich hörte mich unnatürlich laut atmen, spürte das Blut in meinen Ohren rauschen, dann packte mich ein Paar großer Hände von hinten und ...

Ich kreischte so laut auf, dass eine Straßenkatze fauchend zur Seite sprang.

Ich fühlte mich orientierungslos. Die Stimmen waren verebbt, der Schatten verschwunden, und zurück blieb eine bleierne Erschöpfung. Verstört sah ich mich um.

„Was ist los, Jools?“ Will legte fragend den Kopf schief.

Noch nie war ich so glücklich darüber gewesen, seine goldblonde Haarpracht zu erblicken und in seine lavendelblauen Augen zu schauen.

„Was machst du hier?“ Überrascht stellte ich fest, dass ich flüsterte.

„Ist etwas passiert?“, fragte er, anstatt zu antworten. Besorgt zog er die Augenbrauen zusammen und wandte skeptisch den Kopf umher, ohne dabei seine durchtrainierten Arme von mir zu nehmen. Noch immer war mir so heiß, dass ich sie am liebsten weggeschlagen hätte.

„Ich bin mir nicht sicher“, murmelte ich und kehrte dabei langsam in die Realität zurück, auch wenn es sich anfühlte, als würde die Kralle aus Schatten noch immer an einem Teil von mir zerren.

Ich ließ meinen Blick über Wills volle Lippen, die perfekt symmetrische Nase und eine helle Locke, die ihm in die Stirn fiel, schweifen und schaffte beinahe ein Lächeln. Wie so oft sah er aus, als sei er einer Calvin-Klein-Werbung entsprungen. Es gab mir ein Gefühl von Normalität.

„Du zitterst.“ Will zog seine dünne Lederjacke aus und hängte sie mir um die Schultern, obwohl sie mir in etwa dreißig Nummern zu groß war. Augenblicklich wurde mir noch wärmer. Ich behielt sie dennoch an, da Wills beruhigender aquatischer Duft an ihr haftete. „Komm, du gehörst nach Hause“, fügte er entschlossen hinzu und schob mich sachte vorwärts.

„Ein Glück, dass du da warst“, sagte ich leise, als ich mich nach ein paar Schritten mit ihm an meiner Seite nicht mehr ganz so wacklig fühlte. „Ich glaube, ich habe halluziniert ... oder so ... als hätte ich sonst was intus.“ Ich lachte auf, aber Will blieb überraschenderweise ernst.

„Was hast du denn gesehen?“, fragte er angespannt.

„Einen Schatten“, sagte ich erstickt. Sein Unbehagen ging nahtlos auf mich über. „Eine überdimensionale Hand, die nach mir fassen wollte.“ Ich überlegte, ob ich ihm von den Stimmen erzählen sollte. Immerhin hatte ich noch nie ein Geheimnis vor ihm gehabt. Er wusste von jedem Schnupfen, den ich bekam, jeder Sorge, die mich plagte, und jedem Jungen, mit dem ich geschlafen hatte – Alejandro Lopez, der vor anderthalb Jahren spanischer Austauschschüler bei uns am Cheltenham College gewesen war und dem ich bei seiner Rückkehr nach Madrid bitterlich hinterher geweint hatte, und Ray Hudson, der Schönling aus meinem Psychologie-Kurs, mit dem ich Anfang dieses Jahres für knapp drei Monate zusammen gewesen war. Bis er sagte, er würde sich eine Neue suchen, wenn ich mich nicht auf einen Dreier mit ihm und dem Mädchen aus seiner Band einließe. Das Verwirrende an der Sache war nicht unbedingt die Trennung selbst gewesen, sondern Wills Reaktion. Er hatte auffällig oft beteuert, wie viel besser ich ohne Ray dran sei und dass der Richtige bestimmt näher sei, als ich vermuten würde. Ich hoffte zwar inständig, dass Will damit nicht sich selbst meinte, konnte seither aber nicht umhin, mich hin und wieder zu fragen, ob er vielleicht Gefühle für mich entwickelt hatte. Und ob ich in der Lage wäre, diese zu erwidern, auch wenn mir unsere Freundschaft alles bedeutete.

„Einen Schatten“, echote Will nachdenklich, bevor die tiefe Falte zwischen seinen Augen endlich verschwand. „Du schläfst zu wenig. Du übernimmst dich mit der Arbeit im Krankenhaus, dem Hundesitten, der Schule und dem Ballett.“

„Vielleicht solltest du mich einfach nicht mehr mitten in der Nacht anrufen, damit ich mir noch schnell deine Hausarbeit durchlese, die am nächsten Tag fällig ist“, zog ich ihn auf und ging ein wenig auf Abstand, jetzt da ich mich auch ohne seine Nähe wieder sicher genug fühlte.

Will schmunzelte. „Das war ein Notfall. Aber im Ernst, warum machst du das alles? Du kannst Hunde nicht mal sonderlich leiden.“

„Soll ich etwa mit einer Schildkröte um den Block gehen?“, entgegnete ich kichernd.

„Ich würde dich auf jeden Fall dafür bezahlen, wenn ich dich wieder dabei fotografieren dürfte.“ Will grinste breit, bevor die Sorge zurück in seine großen Augen kehrte. „Du siehst dünn in letzter Zeit aus. Isst du genug?“

Ich winkte bloß ab, obwohl er vermutlich recht damit hatte, dass ich mehr auf mich achten sollte. Nun hingen wir beide schweigend unseren Gedanken nach, bis wir in den Montpellier Drive einbogen, wo ich die weiße Stadtvilla mit den langen Fenstern und der charmanten Stuckfassade erblickte. Mein Bett schien förmlich nach mir zu rufen.

„Danke fürs Bringen“, sagte ich und legte meine Hand an das hohe Tor zu unserem Vorgarten.

„Immer gern.“ Will neigte sich vor, um mir einen Kuss auf die Wange zu geben. Ich musste das Tor fester umklammern, um mich selbst davon abzuhalten, ihn rüde abzuwehren. Aber im Ernst – was war das? Ein freundschaftlicher Kuss? Ein besorgter Kuss? Oder steckte mehr dahinter? Immerhin blitzten seine Augen sehnsüchtig auf, während er von mir ließ, oder bildete ich mir das nur ein? Wie ich es auch drehte, ich konnte bloß denken: Bitte steh nicht auf mich.

Ich kehrte ihm den Rücken zu und schloss, ohne mich noch einmal nach hinten umzusehen, die anthrazitgraue Haustür mit dem transparenten Seitenteil auf. Bevor ich sie hinter mir zuzog, winkte ich Will doch noch einmal zu, da ich mich schlecht fühlte und es falsch gewesen wäre, ihm nicht noch ein Zeichen der Zuneigung zu schenken. Ein Zeichen freundschaftlicher Zuneigung, wohlbemerkt. Immerhin war er sicherlich auf dem Weg zu mir gewesen, als er mir zufällig begegnet war. Normalerweise hätte ich ihn noch hineingebeten, aber abgesehen davon, dass ich mich ein bisschen wie eine Irre fühlte, war ich einfach nur müde und fröstelte trotz des sommerlichen Wetters am ganzen Leib.

Gähnend schleppte ich mich die glänzende Podesttreppe hinauf. Unsere hohen, weißen Wände, die modernen Deckenlampen und Dads Schwarzweißfotografien zogen bloß verschwommen an mir vorbei, da mir vor lauter Gähnen bereits Tränen in die Augen stiegen. Ich machte mir auch gar nicht erst die Mühe, nachzusehen, ob Dad bereits zu Hause war. Sicherlich war er noch im Hotel. Er kam momentan sehr spät heim, noch später als gewöhnlich, und Mum wohnte unter der Woche ohnehin in London. Dort arbeitete sie als Wirtschaftsingenieurin für ein großes Unternehmen mit ellenlangem Namen, den ich mir bis heute nicht ganz merken konnte. Sie kam nur an Wochenenden nach Hause.

In meinem Zimmer zog ich die pfirsichfarbenen Gardinen vor meinem Fenster zu, da ich fürchtete, eine dunkle Klaue könnte sich einfach hineinstehlen, auch wenn mir der Gedanke peinlich war. Ich konnte diese Furcht nicht abstellen und zuckte jedes Mal zusammen, wenn ich meinen eigenen Schatten über den Parkettboden, den weiß lackierten Schrank oder den aufgeräumten Schreibtisch aus Wildeiche gleiten sah.

Ich war heilfroh, als ich endlich in meinem Bett lag, mein Pinguin-Kuscheltier an mich drückte und es so dunkel in meinem Zimmer wurde, dass es keine Schatten – welcher Art auch immer – mehr geben konnte.

Obwohl es noch früh am Abend war, wollte ich bloß schlafen. Wollte die Stimmen, die ich gehört hatte, vergessen.

Das Porridge drohte vor meinen immer wieder zufallenden Augen zu verschwinden. Eine erholsame Nacht war das nun wirklich nicht gewesen.

Ich schreckte erst aus meinem Halbschlaf hervor, als Miriam unsanft an meiner Schulkrawatte zog, um sie vor einer Bekanntschaft mit meinem Orangensaft zu retten. Schlaftrunken blinzelte ich in die Runde und registrierte die verdatterten Gesichter der Mädchen, mit denen ich in der Kantine immer zusammensaß. Hauptsächlich, da ich mich gleich an meinem ersten Schultag mit der rothaarigen und energischen Miriam angefreundet hatte, die mich in unserem zweiten Jahr am Cheltenham College in die Gruppe ihrer Freundinnen aus dem Theaterclub integriert hatte. Auch wenn ich keiner von ihnen wirklich nahestand, fühlte ich mich wohl bei ihnen, denn einige von uns waren beliebt, andere eher introvertiert und unscheinbar (mich selbst würde ich in der goldenen Mitte einordnen), dennoch bildeten wir eine Einheit und schlossen niemanden aus.

„So, du interessierst dich also nicht für unser neues Theaterstück über die Konsolidierung der Tudor-Herrschaft?“, schnappte Claire, die so etwas wie die Anführerin unserer Gruppe war. Pikiert strich sie sich eine glänzende, schwarze Strähne hinters Ohr und fixierte mich abwartend.

„Sie ist nun mal die Einzige von uns, die nicht Theater spielt“, sagte Hannah leise, diplomatisch wie eh und je.

„Entschuldigt, ich bin nur müde“, beeilte ich mich zu sagen, bevor Claire einen Vortrag über die Wichtigkeit des Interesses am Interesse anderer halten konnte. Dabei hatte ich mir schon jahrelang artig jedes Gespräch über Kostüme, Schauspielübungen und Requisiten angehört. Nur heute gelang es mir nicht, genügend Konzentration dafür aufzubringen.

„Offensichtlich.“ Miriams tannengrüne Augen funkelten misstrauisch, während sie den Kragen meines weißen Polohemds ordentlich zupfte. „Was hat dich nur wachgehalten?“

Stimmen. Stimmen hatten mich wachgehalten. In meinem Traum waren sie mir wieder erschienen. Wieder hatten sie mich gewarnt. Doch anstelle eines lebendigen Schattens hatten sie mir ... jemanden gezeigt. Bloß von hinten hatte ich den jungen Mann mit den dunklen Haaren, der stolzen Haltung und dem breiten Kreuz sehen können. Aber jedes Mal, wenn ich auf ihn zugehen wollte, um ihm ins Gesicht blicken zu können, riss mich eine unsichtbare Kraft nach hinten und die Stimmen warnten mich vor ihm. Es kam mir immer noch wie der reinste Irrsinn vor. Ich hatte zwar nie sonderlich lebhaft geträumt, doch es war mir selbstverständlich bewusst, dass Träume gut und gern verrückt ausfallen konnten. Nur war das Verrückte, dass es sich nicht angefühlt hatte wie ein Traum. Auch nicht wie Realität. Vielmehr kam es mir wie eine mir bisher unbekannte Dimension vor, die mich, um ehrlich zu sein, einfach nur ängstigte. Außerdem zauberte sie mir fiese Augenringe und eine kränkliche Blässe ins Gesicht. Dabei brauchte ich in der Regel nicht viel Schlaf, um durch den Tag zu kommen, aber diese Nacht hatte es definitiv in sich gehabt.

„Vielleicht ja dieser Will.“ Hannah wickelte sich verträumt eine dunkelblonde Locke um ihren langen Finger.

„Also bist du über Ray hinweg, Julie?“, fragte Claire mit einer Mischung aus Desinteresse und Skepsis.

„Ich stehe auf keinen von beiden“, murmelte ich gequält und widerstand dem Drang, meine Haare, die mir bis zu den Schulterblättern reichten, wie einen Vorhang vor dem Gesicht zusammenzuziehen.

„Das werden wir noch sehen“, fügte Miriam feixend hinzu.

Danach diskutierten die anderen glücklicherweise wieder über ihr Theaterstück und ich tat, als würde ich zuhören.

In Wahrheit aber war ich mit meinen Gedanken ganz woanders. Ich schaffte es erst, den Jungen aus meinem Traum – oder besser gesagt aus meinem Nicht-Traum – aus meinen Gedanken zu verbannen, als die Schule vorbei war und ich am Schultor zu einer Salzsäule erstarrte. Das Mädchen aus Rays Band holte ihn ab und gab ihm zur Begrüßung einen leidenschaftlichen Kuss. Sehr leidenschaftlich. Es war mir peinlich zu beobachten, wie sie ihre Finger durch sein wildes, braunes Haar, das ihm schon über die Ohren wuchs, fahren ließ, also wandte ich mich ab, zuckte jedoch heftig zusammen, da Will plötzlich vor mir stand.

„Ich wollte dich abholen.“ Er lächelte und reichte mir einen wiederverwendbaren Kaffeebecher, den wir zusammen gekauft hatten. „Du siehst aus, als könntest du etwas Koffein vertragen.“

„Nein, ich brauche eher Schlaf“, sagte ich ungewohnt entschieden. „Sei mir nicht böse, Wilbert, aber ich möchte bloß ins Bett.“

„Wenn du mich Wilbert nennst, scheint es wirklich ernst zu sein.“ Sein Lächeln wurde noch breiter, was einerseits sicherlich an mir lag, andererseits aber auch an dem Schwarm Mädchen, die ihn ungeniert musterten, als sie uns passierten. Zugegeben, das weiße T-Shirt betonte seine Muskeln hervorragend.

„Es ist mir auch ernst“, beteuerte ich ihm und seufzte tief.

„Dann tut es mir leid, dass ich dein Anliegen ausschlagen muss.“ Wills Lächeln wich einem ernsten Gesichtsausdruck und er drückte mir nun energisch den Kaffee in die Hand. „Du musst mit mir kommen.“

Ehe ich wusste, wie mir geschah, schob er mich durch die Schülerscharen, wobei ich aus dem Augenwinkel wahrnahm, dass Ray uns überraschenderweise ziemlich lang anstarrte. Ich verlor ihn allerdings aus den Augen, sobald Will mich auf dem Beifahrersitz seines Jeeps positionierte und sich selbst hinters Steuer setzte. Seine Hände zitterten leicht am Lenkrad, was mich nicht gerade ruhig stimmte.

„Was soll das, bitte?“, fragte ich müde und schlürfte notgedrungen meinen Kaffee. Schwarz, wie ich ihn mochte.

„Ich muss dir etwas zeigen.“ Will presste verunsichert die Lippen aufeinander, bevor er weitersprach. „Wegen dem, was gestern passiert ist. Ich hatte es eh vor, also passt es nun ganz gut.“

„Was hattest du vor und wieso passt es ausgerechnet heute?“ Ich band mir die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, da mein Nacken heiß und schwitzig wurde. Vielleicht vor Wut. Aber es war sicherlich nicht richtig, wütend auf Will zu sein, bei all dem Halt, den er mir schon in meinem Leben gegeben hatte.

„Wegen dem, was gestern passiert ist“, sagte er wieder. „Wegen dem, was du gesehen hast. Wegen der Wesen, die du gehört hast.“

„Wesen?“, wiederholte ich laut. „Und woher weißt du von den Stimmen?“

„Ich habe sie auch gehört. Aus der Ferne.“

„Und was hat das zu bedeuten?“ Ich legte mir eine Hand auf meine pochende Stirn. „Sind wir beide verrückt? Bitte sag mir, dass da eine versteckte Kamera war.“

„Du bist nicht verrückt, Jools. Du bist bloß unwissend.“

Allerdings. Ich hätte mich in den nächsten fünfundzwanzig Minuten nicht unwissender fühlen können. Immerhin hatte ich keine Ahnung, wo Will mich hinbrachte, warum er so verflucht nervös wirkte und was das alles mit meiner Halluzination zu tun haben sollte. Oder hatte ich mir die Stimmen überhaupt nicht eingebildet? Immerhin hatte Will dasselbe gesehen und gehört wie ich, was bedeutete, dass ich mir nicht länger einreden konnte, meine Sinne hätten mir vor lauter Müdigkeit einen Streich gespielt. Etwas Echtes, etwas durch und durch Reales war geschehen. Und es ängstigte mich.

„Hier ist doch überhaupt nichts“, stöhnte ich, während Will in eine kleine Seitenstraße der Pike Road einbog. Grüne Felder, soweit das Auge reichte. Ansonsten gab es nur ein paar Bäume am Straßenrand und eine heruntergekommene Holzhütte, deren Planken so verwittert und morsch aussahen, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn sie beim nächsten Windstoß in sich zusammengefallen wäre. Befremdlicherweise wurde die Hütte von einem hohen Stacheldrahtzaun eingerahmt, in den eine simple Gittertür eingearbeitet war. Darüber prangte ein gelbes Schild mit der Aufschrift Privatgrundstück.

Will wurde langsamer und parkte seinen Wagen davor. Schweigend stieg er aus, lief zackig um seinen Jeep herum und öffnete die Beifahrertür, woraufhin ich von meinem Sitz kletterte.

„Du machst mir Angst“, sagte ich heftig, da Will sich ohne weitere Erklärungen abwenden wollte.

Er sah aus, als hätte ihn soeben jemand geohrfeigt. Ungewohnt demütig drehte er sich zu mir herum, nahm meine eiskalten Hände in die seinen und sah mir so intensiv in die Augen, dass ich ein unbehagliches Schlucken unterdrücken musste.

„Du brauchst keine Angst zu haben, ehrlich.“ Langsam bahnte sich ein abenteuerlustiges Lächeln auf seinen schön geschwungenen Lippen an. „Ich möchte dir nur etwas zeigen. Gestern Abend wollte ich dir schon davon erzählen, bloß warst du da so ... fertig. Aber jetzt musst du es unbedingt sehen.“

Seufzend entzog ich ihm meine Hände und hob sie ergeben in die Höhe, woraufhin er sich zufrieden abwandte. Ich folgte ihm zu der Gittertür, wo er wie selbstverständlich die dunkle Klingel betätigte. Nur wenige Sekunden später drang eine monotone Stimme aus der altmodischen Gegensprechanlage.

„Parole?“

Will neigte sich vertraulich vor. „Wunderschön liegt sie verborgen, dass ein jeder ihr verfällt, frei von Furcht und Sorgen: die magische Welt.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen lauschte ich dem Irrsinn, den er von sich gab, und zuckte erschrocken zusammen, als die Gittertür aufsprang. Skeptisch betrat ich hinter Will die umzäunte Fläche. Ich blieb dicht hinter ihm, während er die Tür zu der Holzhütte öffnete, die wir nach nur wenigen Schritten erreichten. Das unangenehme Knarzen ließ mich schaudern, und erst recht das, was ich in der karg eingerichteten Hütte vorfand. Es war nichts Außergewöhnliches, doch es wirkte so absurd und völlig fehl am Platz, dass ich bloß die Stirn runzeln konnte.

Eine kleine Frau mit glattem Haar, das irgendwie beige aussah, wandte ihr faltiges Gesicht von dem großen Schreibtisch ab, der vor ihr stand, setzte sich eine schwarz umrahmte Brille auf und schaute uns abwartend an.

„Wilbert Gilbert“, sagte Will und verzog bei dem Klang seines Namens mürrisch das Gesicht, was mich unter normalen Umständen zum Kichern gebracht hätte, aber so konnte ich bloß die Frau anstarren, die mit ihren Wurstfingern einen Stapel von Listen vor sich durchblätterte, bis sie den richtigen Namen gefunden zu haben schien.

„Und Ihre Begleitung?“, fragte sie mit quäkender Stimme und hob gelangweilt eine Augenbraue.

„Julie Dorothee Gallagher.“ Will versenkte angespannt die Hände in den Hosentaschen seiner kurzen Jeans. „Prinz Roderich weiß Bescheid.“

„Bitte wer?“, flüsterte ich wie aus der Pistole geschossen, erhielt jedoch keine Antwort.

Nun widmete sich die Frau einem anderen Stapel, bis sie begleitet von einem leisen „Aha“ ein Post-it hervorzog. Sie nickte, sah mich dann aber skeptisch an. „Vielleicht sollte sie sich umziehen“, schlug sie vor. „Die Schuluniform würde sicherlich auffallen.“

„Gute Idee. Hast du noch andere Klamotten dabei, Jools?“, fragte Will.

„I-ich glaube, ich habe noch Sportsachen in meiner Tasche, aber ...“

„Gut, kannst du sie anziehen gehen?“ Er reichte mir seinen Autoschlüssel. Da ich ohnehin nur Bahnhof verstand, ging ich widerstandslos zu seinem Auto, um Polohemd und Rock gegen eine blaue Leggins und das passende Oberteil einzutauschen.

„Bitte!“, sagte ich entnervt, als ich zurück in die Hütte kehrte. „Aber ich kann mir kaum einen Ort vorstellen, an dem ein Sport-BH weniger auffallend sein soll als eine gewöhnliche Schuluniform.“

„Weil du diesen Ort noch nicht kennst.“ Will schenkte mir einen freudigen Blick, der trotz allem ansteckend wirkte.

„Können wir?“ Die Dame stand auf und kniete sich auf den Boden.

Als Will und ich ein paar Schritte nach vorn taten, erkannte ich, dass sie eine Falltür öffnete. Nicht gerade einladend, doch Will hockte sich bereits hin und schlüpfte hindurch. Was hätte ich also tun sollen? Bei der gelangweilten Lady warten? Oder hinausstürmen, um nach Hause zu marschieren? Jetzt war ich hier und ich würde Will folgen.

Mit pochendem Herzen stieg ich durch die Öffnung im Boden. Unsanft kam ich auf beiden Füßen auf und geriet kurz ins Straucheln, bis Will mich stützte. Da ich aber angesäuert wegen seiner ganzen Geheimniskrämerei war, löste ich mich rasch von ihm und sah mich um. Ein Gang mit niedriger Decke, aha. Der Boden war mit dunklen Steinen gepflastert, und in die glatten, grauen Wände waren kleine Lampen eingearbeitet. Das hatte er mir zeigen wollen?

„Ist ja der Wahnsinn“, sagte ich voller Sarkasmus und verschränkte beide Arme vor der Brust.

„Du schaust in die falsche Richtung.“ Will packte mich vorsichtig am Ellenbogen und drehte mich herum.

Vor meinen Füßen lag der Schweif eines Drachen.

Kapitel 2

Ich realisierte kaum, was ich hier vor mir sah, da nahm Will schon behutsam mein Handgelenk und führte mich zu dem fantastischen Geschöpf.

Aber wollte ich das? Wollte ich meine Hand auf die schuppige, karamellfarbene Haut des Mini-Van großen Drachen legen? Er hielt seine dünnen Flügel, durch die feine Äderchen liefen, dicht am Rumpf und wandte seinen krokodilartigen Kopf leise schnaubend zu uns, als wir näherkamen. Will mit sicheren und ruhigen Schritten, ich unfassbar verkrampft und widerstrebend. Schluckend schaute ich dem Drachen in seine großen, schwarzen Knopfaugen, die merkwürdig freundlich wirkten. Einladend zuckte er mit seinem kleinen, spitzen Ohr. Ohne zu wissen, woher ich den Mut und die Bereitschaft nahm, in eine fremde Welt einzutauchen, legte ich meine Hand auf seinen rauen, starken Körper und streichelte mit bebenden Fingern über seinen Rücken.

Himmel Herrgott, was passierte hier gerade? Ich fühlte mich wie hypnotisiert von dem überirdischen Geschöpf, ansonsten hätte ich womöglich den Grips besessen, wegzulaufen.

„Bereit?“, fragte Will in der Nähe meines Ohrs, wartete jedoch keine Antwort ab, sondern hievte mich einfach auf den Rücken des Drachen – ungeachtet der Tatsache, dass ich unwillig mit den Beinen strampelte. Als ich schließlich sicher saß, kletterte Will selbst hinauf. Wir mussten uns ducken, um nicht mit unseren Köpfen gegen die Decke zu stoßen.

„Ich hoffe, du zeigst mir einen neuartigen, hoch technologisierten Freizeitpark, und das hier ist gar kein Drache, sondern eine ausgetüftelte Maschine“, sagte ich matt, während Will von hinten seine Arme um mich legte.

Innerlich tanzte Hysterie um mein ängstlich klopfendes Herz. Allein die Konsternation, die meinen Körper beherrschte, verhinderte, dass sie nach außen hin ausbrach.

„Du weißt es doch besser, Jools“, antwortete Will weich.

Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen, sobald der Drache sich unter uns in Bewegung setzte und den Gang entlang trottete. Mit jedem Schritt wurde es mir klarer – hier passierte etwas Übernatürliches. Aber war das etwas Gutes? Mein Kopf schrie ganz laut Nein, doch Will war bei mir. Er gab mir ein Gefühl von Sicherheit und bändigte die Panik in mir.

„Ganz schön wackelig hier oben“, murmelte ich, da mir nichts Besseres einfiel.

„Keine Angst, in der Luft ist es angenehmer.“

„Hm?“, machte ich überrumpelt, da blieb der Drache schon stehen. Über uns klaffte ein breites Loch in der Decke. Eine böse Vorahnung beschlich mich.

Bevor ich jedoch panisch von dem Drachen herunterrutschen konnte, schlug er kräftig mit seinen Flügeln, zunächst unbeholfen, aber dann hob er zielstrebig vom Boden ab.

Wir stießen ins Freie und es fühlte sich an, als durchbrachen wir eine Mauer aus purer Energie, die sich wie warmes, flüssiges Gummi über uns ergoss und sich bei unserem Aufstieg über unseren Köpfen ausdehnte, bis der Drache noch einmal stark mit den Flügeln schlug. Die Materie schien zu reißen, purpurne Lichter blitzten vor meinen Augen auf. Als sie verblassten, waren wir bereits ein gutes Stück in der Luft, doch anstelle der Felder und der Pike Road lag ein dunkelblauer Ozean unter uns, dessen Wogen in der hochstehenden Sonne glitzerten.

„Atmest du noch?“, rief Will mir vergnügt ins Ohr.

Die Wahrheit war: Ich wusste es nicht. Alles in mir schien stillzustehen, während dieses Wunder an mir vorbeirauschte. Der Wind pfiff mir um die Ohren, die Sonne schien mir warm ins Gesicht und vor uns lag eine grün bewachsene Insel, deren Küste ich schon sehen konnte.

„Soll ich dir die Insel zeigen?“, fragte Will hoffnungsvoll.

Ich musste nicht antworten. In dieser Sekunde strömte perlendes Lachen aus mir heraus. Das war das Atemberaubendste, das ich je erlebt hatte. Wie hätte es das nicht sein können? Will musste meine wachsende Ausgelassenheit fühlen, denn ich spürte die Anspannung von ihm abfallen. Er stimmte in mein Lachen mit ein.

„Zeig mir alles“, rief ich unerklärlich euphorisch.

„Alles, versprochen“, antwortete er nicht weniger hochgestimmt. „Und am Ende besuchen wir Roderich. Er ist ...“

Will hielt inne, als meiner Kehle ein leiser Aufschrei entfuhr. Etwas Hartes hatte mich am Hinterkopf getroffen und ließ dort einen pochenden Schmerz zurück.

„Was war das?“ Ich drehte mich, so gut es ging, zu Will herum und registrierte verschreckt den alarmierten Ausdruck in seinem Gesicht. Auch er hielt sich den Kopf und sah sich hektisch um.

Ich stöhnte auf, da ich wieder getroffen wurde, diesmal direkt in die Magengegend.

„Sind das ... Lehmklumpen?“, fragte ich verwirrt, und strich über die Erde, die an dem Bund meiner Hose hängen geblieben war.

„Flieg schneller!“, schrie Will bloß, denn mittlerweile regnete es in regelmäßigen Abständen Lehmklumpen auf uns herab. Meine Schultern schmerzten bereits höllisch, allerdings spürte ich sie gar nicht mehr, als ich plötzlich sah, wer uns da angriff. Frauen in langen Gewändern, mit wehendem Haar und dunklen Masken ritten auf Besen über uns.

„Hexen!“, brüllte Will.

„Du willst mich doch verarschen!“, kreischte ich.

Was hatte mich bloß geritten, mich hierauf einzulassen? Meine Euphorie wurde von der plötzlichen Gefahr im Keim erstickt und wich einer unkontrollierbaren Nervenkrise. Ich wollte bloß noch weg. Seine dubiose Insel konnte Will sich sonst wo hinstecken!

Harte Erde flog mir ins Gesicht. Panisch duckte ich mich über den Hals des Drachen, der zwar schon an Tempo angezogen hatte, aber lange nicht schnell genug war, um die aggressiven Frauen abzuwimmeln. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie ein glänzender Gegenstand an mir vorbeizischte. Dann hörte ich Will aufschreien. Bevor ich mich nach ihm umsehen konnte, geriet der Drache ins Straucheln, denn nun stand auch er unter Beschuss. Rasch verloren wir an Höhe und schossen, alle drei halb benebelt, auf die Insel zu.

Die nächsten Sekunden zogen an mir vorbei, ohne dass ich etwas spürte. Jeglicher Schmerz schien vergessen, die Angst betäubt, die Panik verloren. Ich nahm kaum wahr, wie mir Blätter und Äste ins Gesicht schlugen und wie es sich um uns herum verdunkelte, je näher wir dem Grund kamen. Erst als der Drache hart auf dem Boden aufschlug und ich schreiend von seinem Rücken ruderte, kehrten alle Empfindungen zurück. Ein brennender Schmerz durchzuckte meine Schulter, auf die ich gefallen war, und für einen Moment fühlte ich mich bewegungsunfähig. Ich atmete gegen Dreck und Blätter, ohne zu wissen, wo ich war oder wie mir geschah.

„Will?“, brachte ich mit hauchdünner Stimme hervor, sobald mein Atem etwas weniger zittrig ging.

Er antwortete nicht.

„Will?“, sagte ich wieder und stützte mich mühevoll auf. Ich blinzelte die tanzenden Lichter vor meinen Augen fort und schaute nach oben. Hohe Bäume mit dunklen Stämmen und vollen Kronen verliefen in Richtung Himmel und ließen kaum einen Lichtstrahl zur staubigen und trockenen Erde hindurch, so dicht standen sie beieinander. „Lass mich raten, das ist ein magischer Wald“, hustete ich ungewohnt zynisch, während ich mich umständlich aufrappelte. Kurz glaubte ich, ich würde sogleich wieder umkippen, doch der Schwindel ließ zum Glück nach, als ich mich gegen einen Baum stützte, dessen Rinde sich unheimlich kühl anfühlte.

„Ach herrje! Hey, alles ... in Ordnung bei dir ... Drache?“ Ich kam mir merkwürdig vor, sowie die Worte meine Lippen verließen, aber ich verspürte das Bedürfnis, mit irgendjemandem zu reden. Außerdem blutete mir das Herz, da ich den Drachen klägliche Laute von sich gebend auf der Seite liegen sah. Ich eilte zu ihm hinüber und streichelte über seine schuppige Haut. Mein Herz machte einen erleichterten Hüpfer, als er ungeschickt zurück auf seine stämmigen Beine fand und mich mit seiner nassen Schnauze anstupste. Er schüttelte den Dreck von sich ab und marschierte los. Unbeholfen und mit wackeligen Knien folgte ich ihm.

Nach nur wenigen Schritten erspähte ich einen goldblonden Tupfer hinter einem kargen Strauch. Unverkennbar Wills Haarschopf! So schnell es meine bebenden Beine zuließen, kraxelte ich über moosbewachsene Steine und sprang über niedrige Büsche, um zu Will zu gelangen. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich erleichtert darüber, wieder bei ihm zu sein, doch sein Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Verschreckt einatmend kniete ich mich neben ihn und nahm sein kühles Gesicht in meine zittrigen Hände, bevor ich meine Finger unruhig zu der Stelle wandern ließ, wo ein verdammtes Schwert in seinem Körper steckte, knapp unter seiner Brust, die sich unregelmäßig hob und senkte. Sein weißes T-Shirt war um die Klinge herum blutgetränkt.

„Himmel, Will“, hauchte ich bloß, während der Drache nervös um uns streifte. „Will, kannst du mich hören? Sag doch was, bitte.“ Panisch fuhr ich mir durch die Haare. „Verdammt, Wilbert!“

„Nenn mich nicht Wilbert“, brachte Will schwächlich hervor, und ich legte meine Hände sogleich wieder an seine bleichen Wangen. Mehr bekam ich jedoch nicht aus ihm heraus. Ihm fielen immer wieder die Augen zu. Mein Versuch, ihn auf den Drachen zu hieven, scheiterte kläglich und brachte ihn bloß zum Aufstöhnen.

Ein Knacken ganz in unserer Nähe ließ mich aufhorchen. Mein Herz pochte wild, denn ich war mir mehr als nur bewusst darüber, dass ich hier in einem fremden und unbegreiflich andersartigen Land gestrandet war. Ich wollte gar nicht erst wissen, wer oder was sich in unserer Nähe aufhielt. Hölzern richtete ich mich auf, schlich mit angespanntem Hals um einen hohen Busch herum und spähte durch das Dickicht.

Eine menschenähnliche Silhouette rückte sich in mein Blickfeld. Sie sah aus wie die eines großen Mannes und ließ mich an Hoffnung gewinnen. Womöglich nahte Hilfe.

„Hallo?“, drang eine verblüffend tiefe und intensive Stimme zu mir hervor, gefolgt von einem leisen Grunzen. Der Mann musste mich entdeckt haben.

„Können Sie mir helf...“, begann ich zaghaft und so leise, dass er mich vermutlich gar nicht hörte. Die Worte blieben mir allerdings im Halse stecken, als ... etwas aus dem Schatten der Bäume hervortrat. Etwas von mindestens zwei Metern Höhe, doch die Größe war nicht das Beängstigende an dem Wesen. Nein, wohl eher waren es die Ohren, die aussahen wie Fledermausflügel, die Wildschweinschnauze und die borstige, olivbraune Haut, die mich rückwärts weichen ließen, bis ich gegen einen Baumstamm stieß.

„Noch nie einen Oger gesehen?“, brummte das Geschöpf nahezu amüsiert und kratzte sich am Bauch, über dem es eine dunkelgrüne Latzhose trug.

Waren Oger nicht aggressive Kreaturen mit einer Vorliebe für Menschenfleisch?

Wie in Zeitlupe schüttelte ich den Kopf, überlegte schon, in welche Richtung ich fliehen sollte, dann aber wanderten meine mit ängstlichen Tränen gefüllten Augen zu Will hinüber. Und zu seiner Wunde. Er brauchte mich. Niemals hätte ich ihn einfach zurückgelassen. Ich musste alles in meiner Macht Stehende versuchen, um ihm zu helfen.

„I-ich brauche Hilfe“, fasste ich all meinen Mut zusammen, drückte mich dabei vor lauter Furcht jedoch noch dichter an den Baumstamm. „Mein Freund ist verletzt.“

Wieder grunzte der ... Oger. Ich atmete erleichtert aus, als er mit seinen riesenhaften Füßen losstapfte, Will wie einen Apfel vom Boden aufklaubte und ihn auf dem Rücken des Drachen absetzte, der sich wartend zu mir herumdrehte.

„Ich danke Ihnen“, sagte ich – nicht ohne Sicherheitsabstand – zu dem Oger. „Ich bin übrigens Julie“, fügte ich noch scheu hinzu, während ich auf den Drachen kletterte.

„Oswin“, knurrte der Oger, in dessen dunklen Augen hingegen seines groben Auftretens eine gewisse Sänfte abzulesen war. „Ihr müsst ins nächste Krankenhaus fliegen. Es ist nicht weit von hier. Der Drache kennt den Weg.“

„Danke! Ich bin zum ersten Mal hier“, rief ich, während wir bereits vom Boden abhoben. Die Anspannung wich langsam aus meinen Muskeln.

„Was du nicht sagst.“

„Vielleicht sieht man sich ja mal wieder, Oswin“, sagte ich steif, wollte in Wahrheit aber nur zurück in die Normalität, ohne Oger und ohne Hexen. Mein Kopf würde explodieren, bei all dem Übersinnlichen, was mir hier widerfuhr.

„Pass auf dich auf, Julie aus der anderen Welt“, drangen Oswins Worte zu mir vor, ehe wir in die Lüfte verschwanden und ich mit meinen Gedanken wieder ganz und gar bei Will war.

„Wehe, du lässt mich in diesem Paradies für Irre allein“, flüsterte ich in sein Ohr. „Ich brauche dich.“

Ich hätte mich nicht unwohler fühlen können, wie ich im Wartebereich saß, die klinisch weißen Wände anstarrte und jedes Mal hochfuhr, wenn ein Pfleger den Raum betrat. Bisher war keiner von ihnen zu mir gekommen, dabei wollte ich nur wissen, wie es um Will stand.

Wenigstens ähnelte dieses Krankenhaus den Gloucestershire Hospitals, wo ich ehrenamtlich arbeitete, und erweckte somit trotz des sterilen Erscheinungsbildes eine heimelige Vertrautheit. Außerdem war ich heilfroh, dass keine Oger oder sonstige Geschöpfe mit mir warteten, sondern nur Menschen aus Fleisch und Blut. Keine Drachen. Keine ... Hexen? Vielleicht waren die Frauen Hexen und ich konnte es ihnen nicht ansehen. Ich musste mich selbst dazu zwingen, nicht weiter darüber nachzudenken, was mir gar nicht mal so schwerfiel, da die weiße Doppeltür aufflog und ein junger Mann eintrat, der wie ein dunkler Fels inmitten des erdrückenden Weiß wirkte.

Er trug einen schwarzen Anzug und blickte sich mit angespanntem Kiefer um. Seine zurückgekämmten Haare hatten die Farbe von Toffee, und jede seidige Strähne sah aus, als säße sie genau an ihrem Platz. In seinen zimtbraunen Augen lag kein einziger Funken von Unsicherheit oder gar Emotion, nur seine schmalen Lippen und sein hervorgeschobenes Kinn zeugten von Anspannung. Der Mann wirkte eindrucksvoll, was nicht zuletzt an seiner Größe lag. Er war etwa genauso groß wie Will ... Gott, Will! Ich schämte mich, dass ich ihn beim Anblick des Fremden für einige Sekunden ganz und gar vergessen hatte, doch ich schien nicht die Einzige zu sein, die ihn in vollen Zügen registrierte. Alle sahen zu ihm hinüber, manche nickten gar ehrfurchtsvoll.

„Julie Gallagher?“

Ich zuckte zusammen.

Der Dunkelhaarige stand nun kerzengerade vor mir. Fragend hob er seine Augenbrauen, die so buschig waren, dass sie mich an das Fell eines Mittelamerikanischen Berghörnchens erinnerten.

„Ja?“ Ich stand auf, um mich etwas weniger klein zu fühlen.

„Du bist mit Will hier, richtig?“ Er musterte mich unangenehm intensiv, als suchte er nach etwas.

Ich nickte bloß.

„Komm mit.“ Der Junge drehte sich um, doch bevor ich mich dazu durchringen konnte, ihm zu folgen, zog sich alles in mir zusammen.

Ich erkannte ihn wieder. Aus meinem rätselhaften Nicht-Traum, der mich letzte Nacht heimgesucht hatte. Die Stimmen wurden mir von Sekunde zu Sekunde präsenter – und ich fragte mich nur eins: Konnte ich dem Fremden trauen?

Regungslos beobachtete ich, wie er mit dem Mann an der Rezeption sprach, nur kurze Zeit später kam eine Pflegerin herein.

„Willst du nicht wissen, wie es Will geht?“, rief der junge Mann mir stirnrunzelnd zu und machte eine Handgeste, die mir bedeutete, dass ich mich zu ihm stellen sollte.

Ich schluckte die ansteigende Nervosität in mir herunter und eilte zu ihm hinüber.

„Der Patient ist stabil. Die Klinge steckte zum Glück nicht sehr tief in ihm“, sagte die Pflegerin freundlich. „Er ist im Aufwachraum. Ich schätze, er kann in zwei bis drei Stunden schon wieder entlassen werden.“

„Kann ich zu ihm?“, fragte ich, während mir Schweiß der Erleichterung den Nacken hinunterrann.

„Nein“, sagte der Dunkelhaarige bestimmt. „Wir machen es anders.“ Nun wandte er sich an die Pflegerin. „Bitte schicken Sie ihn zum ...“, ein kurzer Seitenblick auf mich, „zu mir, wenn er wach ist, ja?“

Die Pflegerin nickte gefügig und entfernte sich mit lautlosen Schritten.

„Wer bist du?“, fragte ich verärgert und eingeschüchtert zugleich. Woher kannte er mich? Wieso mischte er sich ein? War er ein Freund von Will?

„Roderich.“ Seine erdige Stimme hallte leicht in meinen Ohren nach.

Mein Gehirn ratterte langsam und schwerfällig. Will hatte diesen Namen erwähnt. Bedeutete das, dass ich dem Fremden trauen konnte?

„Roderich Cunningham“, ergänzte er beiläufig, packte mich am Handgelenk und zog mich vorwärts in Richtung Ausgang.

„Was wird das, bitte?“ Eine Mischung aus Panik und Neugier loderte in mir auf.

„Ich nehme dich mit zu mir. Dort können wir auf Will warten“, erklärte Roderich, ohne sich nach mir umzusehen. Zielsicher zog er mich ins Freie.

„Und wenn ich das nicht möchte?“

Nun drehte er sich doch um und hob wiederum eine Augenbraue in die Höhe. „Im Moment kannst du nicht zu Will und sobald er aufwacht, wird er zu mir gebracht. Außerdem würde er sicherlich wollen, dass du mit jemandem gehst, der sich um dich kümmert.“

„Wieso kann ich nicht zu Will?“

„Weil ich das veranlasst habe.“

„Woher kennst du ihn überhaupt?“, fragte ich so fordernd wie möglich und versuchte, mich nicht von dem Dutzend Drachen ablenken zu lassen, die vor dem Krankenhaus warteten.

„Er ist mein Cousin.“

„Ich wusste nicht, dass er einen Cousin hat.“

„Nun, er hätte uns nicht mal eben einander vorstellen können, oder?“ Ich hasste es, wie überlegen Roderichs Stimme klang.

„Und warum jetzt? Warum bin ich jetzt hier?“, fragte ich nahezu verzweifelt, als er sich schon abwenden wollte, so aber drehte er sich wieder zu mir herum. Kurz war ich abgelenkt, da ein Sonnenstrahl seine dunklen Bartstoppeln in goldenes Licht tunkte.

„Du stellst die richtigen Fragen, Julie.“ Und es war ihm anzusehen, dass er nicht vorhatte, sie zu beantworten.

„Ich habe auch eine Frage. Wie ist euer Unfall geschehen?“

„Hexen“, würgte ich hervor, da es so unfassbar befremdlich klang, „haben uns in der Luft angegriffen. Mit Lehmklumpen oder so. Und sie haben ein Schwert nach Will geworfen. Dann sind wir gestürzt. Ich weiß nicht, sie haben die Verfolgung wohl abgebrochen.“

„Vermutlich fürchteten sie, man würde sie erwischen, kämen sie der Insel zu nahe“, sagte Roderich sachlich. „Würdest du sie wiedererkennen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Sie trugen Masken.“

„Und du sagst, sie haben ein Schwert nach Will geworfen?“ Eine nachdenkliche Falte grub sich in Roderichs Stirn hinein.

Ich überlegte kurz, dann wurde mir schlagartig übel. „Ich saß vor ihm und habe mich geduckt. Vielleicht wollten sie mich treffen? Aber das ergibt keinen Sinn! Ich war noch nie hier, woher sollten sie mich kennen? Was könnte ich ihnen getan haben? Und was ist das überhaupt für eine Insel? Ich meine, ich drehe langsam durch, so toll und fantastisch es hier auch sein mag. Es ist verdammt nochmal gruselig!“ Ich kam kaum zum Luftholen. Erst als ich einen warmen Schimmer von Mitleid in Roderichs Augen registrierte, nahm ich einen tiefen Atemzug.

„Komm mit mir. Dann erkläre ich dir alles, was du möchtest.“ Er hielt mir seine große Hand entgegen. Seine Finger streckte er stark durch, als würde ihm die Geste ungemein schwerfallen.

Ich hätte zögern sollen, da ich nicht wusste, ob ich ihm trauen konnte, was für ein Mensch er überhaupt war, aber Will hatte ohnehin vorgehabt, ihn mit mir zu besuchen. Meinem besten Freund konnte ich wohl eher trauen als irren Stimmen aus einem seltsamen Traum.

Oder?

Mühevoll schob ich meine Zweifel beiseite und griff nach Roderichs rauer Hand.

Er stieg auf den Rücken eines Drachen und zog mich hinauf. Es fühlte sich merkwürdig vertraut an, mit meiner Hand über die schuppige Haut zu streifen. Sobald wir jedoch in die Lüfte stiegen, drohte ich das Gleichgewicht zu verlieren und schlang meine Arme instinktiv um Roderichs Oberkörper, der sich merklich unter der Berührung versteifte. Ich fühlte mich aber nicht in der Lage, loszulassen, so hoch wie wir flogen.

„Ist dir nicht warm?“, fragte ich, um das Schweigen zu brechen. „In einem Anzug im Sommer?“

„Du kannst mir ja deinen Sport-BH leihen.“

Ich lächelte in sein Jackett hinein, bemüht, meine Sorgen nicht ausarten zu lassen.

Alles wird gut, Julie, alles wird gut.

Kapitel 3

Ich zuckte zusammen, als die schwere Tür aus Eiche ins Schloss fiel, und wandte mich von dem atemberaubenden Ausblick ab.

„Danke“, murmelte ich an Roderich gewandt, der mir eine Tasse Tee reichte. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, wie wertvoll das Porzellan, das ich nun in meinen Händen hielt, wohl sein mochte. Denn als Roderich gesagt hatte, wir würden zu ihm gehen, hatte er wohl mit Absicht falsche Erwartungen geweckt. Sein Zuhause war ein verdammter Palast! Hatte er es mir aus Bescheidenheit verschwiegen oder steckte berechnende Absicht dahinter? Oder hatte er mich bloß nicht mit dem Wissen über sein königliches Blut überrumpeln wollen? Vielleicht war es albern, aber ich wünschte mir inständig, dass er mir aus Bodenständigkeit nicht von seiner Stellung als Prinz erzählt hatte. Wer weiß, womöglich versuchte ich mich so, mit ihm zu identifizieren, immerhin käme ich selbst nie auf die Idee, mir etwas auf das viele Geld meiner Eltern einzubilden. In Wahrheit wäre es mir lieber, sie würden weniger arbeiten, damit ich sie öfter zu Gesicht bekommen könnte.

„Hier.“ Roderich riss mich aus meinem Gedankenstrom, indem er mir eine weiche Decke um die Schultern legte, auf die ich sehnlichst gewartet hatte, da es während unseres Flugs leider wie aus Eimern zu schütten begonnen hatte.

Der Drache hatte uns direkt vor einem beängstigend großen Labyrinth abgesetzt, dessen Hecken so hoch und dicht waren, dass sie kaum Licht und Regen durchließen. Nachdem uns die mit Schwert und Schild bewaffneten Wachen hatten passieren lassen, waren wir zehn lange Minuten schweigend durch das Labyrinth gestreift. Jeder von Roderichs Schritten war selbstbestimmt gewesen, während ich bereits nach dem zweiten Abbiegen nie wieder von selbst hinausgefunden hätte. Am Ende des Weges jedoch hatte mich der Anblick des Palasts dermaßen überwältigt, dass ich das Labyrinth, welches mich Sekunden zuvor noch bitter gegruselt hatte, sofort aus meinen Gedanken verbannt hatte und in Staunen verfallen war.

„Gefällt es dir?“, fragte Roderich hölzern, als ich mich wieder von ihm abwandte.

„D-der Palast?“, entgegnete ich unsicher.

„Ich meine – alles. Aber du hast ja noch nicht viel von der Insel gesehen.“