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Eine mitreißende Geschichte, die sich völlig unbeschwert zwischen Verbiegen vor Lachen, Glucksen vor Vergnügen, Fiebern vor Spannung und Schluchzen vor Rührung hin- und herbewegt. Ein lustiges und zugleich spannendes Kinderbuch, das nicht nur jungen Menschen große Freude bereiten soll. Ein auf einer Wolke fliegendes, feenhaftes Mädchen hält Julikus Feuerschopf, ein Buckmännchen aus dem Schwarzbucker Wald, in Atem. Denn als dieses Wolkenmädchen, das in Wirklichkeit eine Elfe ist, ihn um Hilfe bittet und daraufhin auf Nimmerwiedersehen verschwindet, bangt dieser um deren Leben. Überzeugt davon, dass das Wolkenmädchen in großer Gefahr schwebt, muss Julikus nun seine Freunde überreden, ihn auf der Suche nach der Verschwundenen zu begleiten. Obwohl sich alle der Gefahr bewusst sind, macht sich Julikus trotzdem mit seiner Schnecke Rosamund und seinen Freunden in den dunklen Sauenwald auf, um mit deren Hilfe nach dem Mädchen zu suchen. Doch nicht nur dieser Wald, sondern auch ein übler Wildschweineber, der das außergewöhnliche Wolkenmädchen gefangen hält, lassen die Suche nach ihr zu einem gefährlichen Abenteuer werden.
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mein großer Dank gehört meiner Lebensgefährtin Heike Lavan, ohne deren unermüdliches Engagement dieses Buch nicht hätte erscheinen können.
Und natürlich habe ich auch Björn van Marwick für die hervorragende zeichnerische Darstellung meiner Figuren zu danken.
Mando W. Boch
Vorwort
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Vor vielen Jahren gab es einen großen Wald, den man den Schwarzbucker Wald nannte. Seinen Namen verdankte dieser Wald der Düsternis seiner vielen großen Tannen, die dort in riesigen Mengen wuchsen, und einem dort lebenden Volk, welches man die Buckmännchen nannte. Die Buckmännchen aus dem Norden des Schwarzbucker Waldes und die aus dem Süden waren aber nicht ein und dasselbe, auch wenn beide der Gattung der Waldzwerge angehörten, in etwa die gleiche Größe hatten, durch und durch gutmütig waren und gerne im Wald lebten. Da sich diese beiden Zwergenvölker den Schwarzbucker Wald schon immer als Lebensraum teilten, gab es deshalb auch sehr viele Gelegenheiten, aus denen im Laufe der Zeit eine wunderbare Freundschaft erwachsen war, ja schon eine tiefe Brüderschaft, die auf viele, viele schöne Jahre zurückblicken konnte.
So waren die Buckmännchen kleine, lustige Zwerge, die aber keinesfalls mit den verschrobenen, langbärtigen Zwergen aus den Bergen etwas gemeinsam hatten. Denn zum einen hatten Buckmännchen keinen Bartwuchs und zum anderen blickten sie auch nicht so grimmig drein wie die nach Gold und Edelsteinen schürfenden Zwerge aus den kalten, windigen Bergregionen. Buckmännchen lebten auch nicht in dunklen Höhlen, sondern lieber in kleinen, freundlichen, sonnenbeschienenen Dorfgemeinschaften, die aber in dem schwer zugänglichen Baumgewirr des Schwarzbucker Waldes nur schlecht zu finden waren. Ihre beschaulichen Dörfer bestanden aus einer Vielzahl von kleinen, hübschen Holzhütten, wie sie gemütlicher nicht hätten sein können. Da Buckmännchen die Blicke der Menschen seit jeher schon fürchteten, ebenso deren laute Stimmen, ließen sich diese scheuen Gesellen nur dann blicken, wenn weit und breit kein menschliches Wesen zu sehen oder zu hören war. Deshalb auch traf man sie nur sehr selten an, obwohl der Schwarzbucker Wald von ihnen und ihren Späßen nur so wimmelte. Zu ihren Freunden gehörten neben ihren Artgenossen fast alle Tiere des Waldes, nicht aber die Wildschweine aus dem benachbarten Sauenwald, die dort überall in großer Anzahl zu finden waren und vor deren üblen Launen und schlimmen Raubzügen sie eine furchtbare Angst hatten.
Die Buckmännchen aus dem Süden des Schwarzbucker Waldes, auch Südbucker gerufen, waren ein großes, lustiges und vor allen Dingen ein äußerst friedliebendes Völkchen, das ihre kleinen Dörfer inmitten freundlicher Waldlichtungen errichtet hatte, da sie die Sonne und deren warme Strahlen sehr mochten. Die Südbucker liebten Zuckerrüben über alles, deshalb bauten sie diese dicken, zuckersüßen Rüben auch gerne an. Denn Zuckerrüben gehörten zu ihrer absoluten Lieblingsspeise. Auch reisten die Südbucker sehr gerne, vor allen Dingen dorthin, wo neben Zuckerrüben auch Wasser zu finden war. Denn die Südbucker liebten das Wasser. So war es auch nicht verwunderlich, dass sie sich stundenlang am und im Wasser der vielen Bäche des Schwarzbucker Waldes aufhielten und auch manchmal hier und da eine Angel in das plätschernde Wasser hielten, immer in der Hoffnung, einen großen, zappelnden Fisch zu ergattern, der ihnen dann am Abend den Gaumen verzücken sollte.
Die Buckmännchen aus dem Norden des Schwarzbucker Waldes dagegen, auch Nordbucker genannt, waren nicht so zahlreich vertreten. Sie waren eher eine kleine, nach Pilzen forschende Gemeinschaft, die gerne zurückgezogen lebte und sich überwiegend um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerte. So verwunderte es auch nicht, dass man ihre kleinen Dörfer meistens nur in den entlegenen Gebieten des Waldes finden konnte, natürlich dort, wo sich Unmengen von Pilzen zwischen grünen Farnen und saftigen Moosen tummelten. Die Nordbucker waren humorvoll und blitzgescheit, außerdem liebten sie die Natur. So galten sie überall als die Hüter der Pilze, eine Berufung, der sie nicht nur mit großer Freude, sondern auch mit großem Eifer nachgingen. Daher gab es auch keinen einzigen Pilz, den sie nicht kannten oder der ihnen nicht die Augen verzückte, war dieser auch noch so giftig oder schlecht riechend. Wegen ihrer großen Liebe zu den Pilzen glich das Äußere der Nordbucker auch oftmals dem vieler dieser ungewöhnlichen Waldgewächse, wobei sie aber auf zwei Beinen standen und nicht, wie die Pilze, nur auf einem. Ebenso wie die Südbucker hatten auch die Nordbucker entsetzliche Angst vor den Wildschweinen aus dem Sauenwald, die in ihrer Fresswut weder vor Pilzen noch vor den kleinen Buckmännchen Halt machten, ganz egal, ob diese nun aus dem Norden des Schwarzbucker Waldes stammten oder aus dem Süden.
Nun, lieber Leser, hast Du einen kleinen Einblick von den Buckmännchen und ihrer Welt bekommen. Wir hoffen, dass Dir die Geschichten über diese kleinen, lustigen Waldzwerge, die wir für Dich erdacht haben, große Freude bereiten werden. Hier also nun die erste Geschichte für Dich, die den Namen „Julikus Feuerschopf und das Wolkenmädchen“ trägt und die vor Spaß und Spannung nur so strotzt.
Der Brombeerbach war ein kleines, munter plätscherndes Flüsschen, das sich schon immer zwischen dem herrlich duftenden Schwarzbucker Wald und dem gefahrvollen Sauenwald wie ein Grenzwall hindurchschlängelte. Zu keiner Jahreszeit wollte die Lebhaftigkeit dieses kleinen, stürmischen Baches nachlassen, auch nicht in den heißen Sommermonaten, in denen viele andere Bäche kaum noch Wasser führten oder sogar ausgetrocknet waren. Der Grund dafür war, dass das Wasser des Brombeerbachs noch von einem anderen Bach gespeist wurde, der der Zeckenbach gerufen wurde, aufgrund der vielen Zecken, die an seinen Ufern hausten. Aus dem Sauenwald strömend ergoss sich dieser kleine, ungestüme Bach nahe der alten Hasenklopferbrücke tosend in den Brombeerbach hinein, um mit diesem zusammen dann in weite Ferne davon zu fließen.
Die mit hohen Bäumen bewachsenen Ufer des Brombeerbachs waren viele Jahre schon begehrte Tummelplätze für allerlei Waldbewohner, angefangen von den kleinsten Käfern über Rehe und Füchse bis hin zu den dort lebenden Buckmännchen, die das klare Wasser dieses Baches schon immer zu schätzen wussten. Doch traf man dort auch manchmal die furchteinflößenden Wildschweine aus dem Sauenwald an, die an diesem Bach nicht nur gerne ihren Durst stillten, sondern die in den heißen Sommermonaten auch Abkühlung in dessen Wassern suchten.
Und genau an diesem Brombeerbach beginnt sich die nun folgende Geschichte zu erzählen, deren Hauptfigur ein freundliches Buckmännchen aus dem Süden des Schwarzbucker Waldes war, welches auf den Namen Julikus Feuerschopf hörte und das in der ganzen Gegend bekannt war.
„Deiwelsmehlsack, was machst du denn dort oben?“ fragte Behäbikus, der dickleibige Nordbucker mit dem viel zu großen Bauch, mit lauter Stimme nach oben. ‚Deiwelsmehlsack‘ war sein absolutes Lieblingswort. Kein anderes mochte er mehr, deshalb auch gab es nur wenige Sätze, die er nicht mit diesem Wort begann.
Oberhalb der Stelle, an der Behäbikus stand, weit oben auf einem knorrigen, gefährlich durchhängenden Eichenast, hockte nämlich Julikus Feuerschopf auf seinem Hinterteil und schaute versonnen zum dunklen Sauenwald hinüber.
Wie bei fast allen Südbuckern so üblich, trug auch Julikus einen kleinen Helm auf seinem, nach allen Seiten hin wild wuchernden, Kopfhaar, der aber mehr eine schützende als eine kriegerische Aufgabe hatte; denn welches Buckmännchen mochte sich schon eine Beule von herunterfallenden Ästen zuziehen wollen. Sein Gesicht zierten zwei heiter blickende Augen, eine große, knollige Nase und ein breiter, freundlicher Mund. Doch was Julikus ganz besonders von seinen Artgenossen unterschied, war die eigentümliche Farbe seines Haares. Es war nicht braun und es war nicht schwarz, auch war es nicht blond oder gar grau, nein, es war rot, ein überaus kräftiges Rot, ein solch feuriges Rot, dass es ihm bald den Beinamen ‚Feuerschopf‘ einbrachte.
Schon eine ganze Weile ließ Julikus seine Blicke über den Brombeerbach hinweg schweifen, so sehr, dass diese sich schon längst im Baumgetümmel des auf der anderen Seite liegenden Sauenwaldes verloren hatten.
„Hmmm? Was ist?“ erwiderte Julikus schließlich seinem Freund Behäbikus völlig geistesabwesend.
Behäbikus schüttelte unwirsch mit dem Kopf. Sein Freund Julikus war ein Träumer, ein unverbesserlicher Träumer. Stundenlang konnte dieser in der Gegend herumgucken, ohne dass er dabei irgendetwas Sinnvolles tat. Aber am schlimmsten war wohl dessen große Liebe zu Schnecken, egal, ob es sich bei diesen um welche mit Haus oder um welche ohne Haus handelte. Hauptsache, es waren Schnecken, dicke, schleimige Schnecken – grässlich, wie Behäbikus oftmals zu bemerken pflegte.
Nach einem kurzen Warten rückte Behäbikus seinen großen, dunkelvioletten, glockenförmigen Hut zurecht, um seinen Freund Julikus ein weiteres Mal anzurufen. „Deiwelsmehlsack, nun sag mir endlich, was du dort oben auf der Eiche machst?“
Mit einem lauten Seufzer wandte sich Julikus schließlich von den Säumen des dunklen Sauenwaldes ab, um sein Augenmerk ganz auf seinen Freund Behäbikus zu richten, der weit unten, am Fuße der uralten Eiche stand und erwartungsvoll zu ihm hinaufschaute.
„Ach, ich habe nur etwas Ausschau gehalten“, sagte Julikus dann mit kummerschwerer Stimme nach unten.
„Ausschau gehalten? Drüben im Sauenwald? Deiwelsmehlsack, nach wem oder was denn?“ fragte Behäbikus verblüfft, dem schon der Hals vom vielen nach oben Gucken schmerzte.
Julikus, noch immer in schwindelnder Höhe sitzend, senkte die Augen. Er zögerte für einen kurzen Moment. Schließlich aber antwortete er, doch mit sehr bedrückter Stimme: „Du weißt schon, nach was.“
„Deiwelsmehlsack, du unbelehrbarer Dummkopf“, erwiderte Behäbikus mürrisch, „wann gibst du endlich Ruhe mit dieser albernen Geschichte?“ Dann aber doch ganz sanft: „Sei doch vernünftig, mein lieber Julikus. Auch wenn du dort oben noch Jahre in den Sauenwald hinüber starrst, diese merkwürdige Wolke, die du da angeblich gesehen hast, wird nicht wiederkommen, niemals mehr.“
„Die ich angeblich gesehen habe? Aber ich hab‘ sie gesehen. Mit meinen eigenen Augen hab‘ ich sie gesehen“, gab Julikus ein wenig ärgerlich zurück. Doch noch bevor er fortfahren konnte, wurde er auch schon von einer lauten Stimme unterbrochen, die aber nicht zu seinem Freund Behäbikus gehörte.
„Hä, wer wird nischt wiederkommen?“ platzte Schelmikus, ein schmächtiger, etwas zu klein geratener Südbucker aus der Nachbarschaft, lauthals in das Gespräch der beiden Freunde hinein, während er sich mit schnellen Schritten der uralten Eiche näherte.
Seiner feuchten Aussprache wegen trug dieser kleine Südbucker, der einen hohen, kochtopfähnlichen Helm auf seinem Kopf trug (weil der ihn angeblich größer und bedeutender machte), auch den Beinamen ‚Spuckespeier‘, und natürlich war auch er Julikus‘ Freund, auch wenn er diesem oftmals fürchterlich auf die Nerven ging.
„Deiwelsmehlsack! Schelmikus, was willst du denn hier?“ rief Behäbikus aus, der alles andere als erfreut darüber war, den kleinen, nervigen Südbucker hier anzutreffen. Schließlich hatte dieser kleine Kerl ihn nicht nur einmal mit seiner Geschwätzigkeit fast zur Weißglut gebracht.
Außerdem war Behäbikus dessen schlecht verständliche Aussprache leid. Denn Schelmikus konnte weder ein S noch ein Z aussprechen, und mit einem CH stand er teilweise auch auf Kriegsfuß. Stattdessen hörte sich das alles wie ein „SCH“ an – ohrenschmerzig, wie Behäbikus diesen lustigen Sprachfehler so gerne bezeichnete.
„Wasch isch hier will?“ Nischtsch, isch schwörsch. War gerade in der Gegend“, spuckte Schelmikus mit einem Schulterzucken zu Behäbikus hinüber. Dann kam er näher heran und erblickte sogleich seinen Freund Julikus hoch oben in der alten Eiche. „He, Julikusch, wasch machscht du denn da oben?“
Julikus, der bereits am Hinunterklettern war, antwortete unschuldig: „Nichts weiter. War nur ein bisschen am Klettern.“
„Am wasch? Am Klettern? Wirklisch?“ ulkte Schelmikus. „He, Feuerschopf, isch glaube eher, du hascht wieder mal nach diescher blöden Wolke geguckt. Schtimmtsch?“
„Deiwelsmehlsack, lass Julikus doch in Ruhe damit“, stellte sich Behäbikus sogleich vor seinen Freund und warf Schelmikus einen tadelnden Blick zu.
Doch Julikus benötigte keine Hilfe. „Das war keine blöde Wolke“, widersprach er seinem Freund Schelmikus mit Heftigkeit, kaum dass er am Boden angekommen war.
„Ein Hirngeschpinscht ischt dasch mit der Wolke. Nischtsch weiter alsch ein Hirngeschpinscht, isch schwörsch“, behauptete der kleine Schelmikus stock und steif.
„Das war kein Hirngespinst“, schimpfte Julikus zurück. „Ich habe die Wolke doch gesehen. Und das Mädchen darauf auch“.
„Ein Mädschen. Auf einer Wolke. Schum Brüllen komisch, isch schwörsch!“ Schelmikus bog sich vor Lachen.
Julikus stieß einen leisen Verzweiflungslaut aus: „Ja, ja, lach du nur. Trotzdem habe ich das Mädchen gesehen. Ganz deutlich. Und es saß auf einer Wolke,“ beharrte Julikus.
„Scho wasch gibt esch doch gar nischt“, widersprach der kleine Schelmikus, der sich vor Lachen den Bauch hielt. „Isch habe noch nie jemanden auf einer Wolke schitschen geschehen, isch schwörsch“.
„Du vielleicht nicht, aber ich“, hielt Julikus eisern dagegen.
„Deiwelsmehlsack! Ruhe jetzt! Alle beide!“ mischte sich Behäbikus mit aufgebrachter Stimme in das hitzige Gezanke der beiden Südbucker ein. „Es spielt jetzt keine Rolle mehr, wen oder was Julikus gesehen hat. Die Wolke ist schon lange fort, ob auf ihr nun ein Mädchen gesessen hat oder nicht. Sie ist fort!“
Tatsächlich herrschte für einen kurzen Moment Stille. Natürlich war es Schelmikus, der diese dann wieder mit seinem Geplapper zu unterbrechen wusste. „Dasch mit der Wolke . . . gansch schön abgedreht, wasch?“ wandte er sich an Behäbikus.
Doch mehr als einen missbilligenden Blick konnte der kleine Schelmikus von dem stämmigen Nordbucker mit dem großen, glockenförmigen Hut nicht ernten.
„Ich habe alles ganz genau gesehen. Die Wolke und das Mädchen auch“, versicherte Julikus seinen beiden Freunden, wobei er mit dem Finger auf sein linkes Auge tippte. „Und das Wolkenmädchen hat mich um Hilfe gebeten.“
„Deiwelsmehlsack, kannst du dir erklären, weshalb dieses Mädchen auf der Wolke das getan hat? Ich meine, dich um Hilfe zu bitten? Ich glaube, du hättest gesagt, dass niemand das Wolkenmädchen bedrohte, weit und breit nicht, ihr also gar keine Gefahr zu drohen schien, richtig?“ nahm Behäbikus das Gespräch mit Julikus wieder auf. Spürte er doch, wie sehr sein Freund Julikus die Sache mit dieser mysteriösen Wolke und dem Mädchen obendrauf beschäftigte, mehr noch, diese Geschichte schien ihn fürchterlich zu plagen, und dies nicht erst seit dem heutigen Tag. Und schließlich war Julikus sein Freund, sein bester Freund, also musste er ihm beistehen, egal, wie unglaublich und verrückt dessen Geschichte auch klang.
Julikus nickte stumm.
Da bekam der kleine Schelmikus erneut einen Lachanfall. „Huh, Huh! Vielleischt war da ja noch ‘ne Wolke im Schpiel. ‘Ne wild gewordene Wolke, die dasch Mädschen verschlingen wollte“.
„He, Spuckespeier! Deiwelsmehlsack, hör jetzt endlich auf, dich über Julikus lustig zu machen“, schimpfte Behäbikus. „Damals, als du behauptet hast, auf der Hasenklopferbrücke eine tanzende, achtbeinige Wildsau gesehen zu haben, obwohl sich später herausstellte, dass du zu viel von Lustikus‘ Pilzschnaps getrunken hattest und die achtbeinige Wildsau nichts weiter war als zwei miteinander tollende Hunde, hat dich auch niemand noch Tage später mit dieser Geschichte gehänselt“.
Natürlich blieben Behäbikus‘ Worte nicht ohne Wirkung. Der kleine Schelmikus hielt auf der Stelle den Mund. Denn wie nicht anders zu erwarten, war ihm die Sache mit der achtbeinigen Wildsau noch immer höchst unangenehm, auch wenn er weiterhin Stein und Bein schwor, tatsächlich eine tanzende, achtbeinige Wildsau auf der Hasenklopferbrücke gesehen zu haben.
Zufrieden mit der Wirkung seiner Worte, wandte sich Behäbikus schließlich wieder seinem Freund Julikus zu. „Also, mein lieber Julikus, bist du dir auch ganz sicher, ein Mädchen auf einer Wolke gesehen zu haben? Deiwelsmehlsack, vielleicht war das, was du da gesehen hast, nur eine Sinnestäuschung. Soweit ich mich zurückerinnere, war es an diesem Tag sehr neblig. Kann also das, was du da gesehen hast, vielleicht auch eine Nebelschwade gewesen sein? Eine Nebelschwade, die eine wolkenähnliche Form hatte? Und die Stimme, die du hörtest, nur der Wind?“
„Nein!“ antwortete Julikus mit Nachdruck und schüttelte dabei heftig mit dem Kopf. „Das, was ich gesehen habe, war eine Wolke. Ganz bestimmt. Es war keine Sinnestäuschung und auch keine Nebelschwade, sondern eine Wolke. Eine richtige Wolke. Sie war weiß und schwebte über die Hasenklopferbrücke schnurstracks in den Sauenwald hinein.“
„Und das Mädchen? Deiwelsmehlsack, wie sah das denn aus?“ fragte Behäbikus weiter, der sich nun doch dazu durchgerungen hatte, die mysteriöse Angelegenheit um das Wolkenmädchen ein weiteres Mal, diesmal aber mit gebotener Ernsthaftigkeit, zu beleuchten. Schließlich war er dies seinem Freund Julikus schuldig. Vielleicht ergab sich ja doch noch etwas, was zur Aufklärung dieser ganz und gar rätselhaften Geschichte beitragen würde.
Julikus brauchte nicht lange zu überlegen. „Das Mädchen auf der Wolke war klein und zierlich, doch von unglaublicher Schönheit“, begann er zu schwärmen. „Alles an ihr war weiß. Ihr weites, samtartiges Gewand, ihre blumenähnlichen Haarspangen, selbst ihre zarte Haut war weiß, so weiß wie Schnee. Aber das Schönste an diesem wundervollen Wesen waren wohl ihre langen, in sanften Wellen fallenden Haare. Sie waren ganz und gar silbern, glitzerten und schimmerten wie prachtvolle Edelsteine. Nie zuvor habe ich so etwas Schönes gesehen.“
„Silbern? Deiwelsmehlsack, ihre Haare waren silbern?“ Behäbikus schien verblüfft. Schließlich begann er sich die Stirn zu reiben. Angestrengt versuchte er sich nach Julikus‘ Beschreibung ein Bild von dem wunderlichen Wolkenmädchen zu machen. Nach einer Weile fragte er dann: „Und was hat das Mädchen zu dir gesagt?“
„Hilf mir bitte!“, erwiderte Julikus prompt.
„Deiwelsmehlsack, war das alles? Mehr hat sie nicht zu dir gesagt?“ wollte Behäbikus sogleich wissen.
Julikus schüttelte traurig mit dem Kopf. „Mehr nicht“, kam es dann aus ihm sehr leise heraus.
„Krrr-Krah, der Feuerschopf sagt die Wahrheit. Wir haben das Wolkenmädchen mit den silbernen Haaren nämlich auch gesehen“, erhob sich da plötzlich eine laute, krächzende Stimme über den Köpfen der drei Buckmännchen.
Als Julikus und die anderen erschrocken ihre Köpfe hoben, erkannten sie in nicht allzu weiter Höhe die scharfen Umrisse zweier tiefschwarzer Krähen, die im Geäst einer hohen Birke hockten. Der einen Krähe standen die Kopffedern wie ein Büschel zu Berge, die andere Krähe trug einen kleinen, verbeulten Helm, scheinbar eine Art Schutzhelm, auf ihrem gefiederten Kopf. Warum diese Krähe einen alten, verbeulten Helm auf dem Kopf trug, war leicht zu erklären: Sie mochte einfach keinen Regen, schon gar nicht auf dem Kopf.
„Prosper? Tamo? seid Deiwelsmehlsack, ihr das?“ fragte Behäbikus nach oben. erkannte Schließlich er in den beiden pechschwarzen Krähen seine alten Freunde aus dem Norden des Schwarzbucker Waldes.
„Krrr-Krah, natürlich sind wir das! Wir freuen uns, euch zu sehen, dich und Julikus, und den kleinen Spuckespeier natürlich auch“, krächzte Prosper, die Krähe mit dem lustigen Federbüschel auf dem Kopf, freudig nach unten. Seine außergewöhnliche Federtracht schien ihm ausgesprochen gut zu gefallen, was zur Folge hatte, dass er seinen Kopf immer ein wenig zu hochhielt, fast schon ein bisschen hochnäsig.
„Krrr-Krah, ich freu‘ mich auch ganz schrecklich, euch zu sehen, Hicks“, schaltete sich dann auch die andere Krähe, die auf den Namen Tamo hörte, mit in das Gespräch ein. Noch immer hatte der arme, schwarze Vogel diesen scheußlichen Schluckauf, der ihn schon seit einer Ewigkeit nicht mehr loslassen wollte.
„Deiwelsmehlsack, ihr habt das Wolkenmädchen also auch gesehen?“ fragte Behäbikus mit wachsendem Interesse nach oben.
„Krrr-Krah, haben wir“, erwiderte Prosper.
„Krrr-Krah, so ist es, Hicks“, bestätigte auch Tamo.
Es dauerte eine kleine Weile, bis sich Behäbikus von der Tatsache erholt hatte, dass sein Freund Julikus doch keiner Sinnestäuschung aufgesessen war, also tatsächlich ein Mädchen auf einer Wolke gesehen hatte, so unglaublich das auch klang.
„Danke, ihr beiden, für diese hilfreiche Auskunft“, sagte Behäbikus dann zu den beiden Krähen hinauf. Und anschließend zu seinem Freund Julikus gewandt: „Deiwelsmehlsack, mein lieber Julikus, da hätte ich dir ja beinahe Unrecht getan. Es tut mir sehr, sehr leid.“
„Ist schon gut“, winkte Julikus großmütig ab. „Hauptsache, du glaubst mir jetzt.“
