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Tonis absolut verrückter Jungsverleih
Mädchen sind einfach nicht so Toni Valentines Ding. In ihrer alten Jungs-Clique fühlt sich die Siebzehnjährige viel wohler als in der Gesellschaft ihrer sorgfältig gestylten neuen Klassenkameradinnen der exklusiven Mädchenschule. Außerdem versteht sie Jungs viel besser. Als eine ihrer Mitschülerinnen Liebeskummer hat, weiß sie sofort: Man muss den Treulosen eifersüchtig machen! Und Kerle dafür hat Toni ja praktischerweise an der Hand. Kurz entschlossen vermietet sie einen ihrer Jungsfreunde zum einmaligen Date. Der Plan wird ein voller Erfolg – und Toni kurz darauf Inhaberin einer gefragten Schein-Date-Agentur. Bis sie sich selbst verliebt und damit nicht nur ihre Geschäftsidee, sondern auch ihren Seelenfrieden ernsthaft gefährdet …
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das Buch
Mädchen sind einfach nicht so Toni Valentines Ding. In ihrer alten Jungs-Clique fühlt sich die 17-jährige viel wohler als in der Gesellschaft ihrer sorgfältig gestylten neuen Klassenkameradinnen der exklusiven Mädchenschule. Außerdem versteht sie Jungs viel besser. Als eine ihrer Mitschülerinnen Liebeskummer hat, weiß sie sofort: Man muss den Treulosen eifersüchtig machen! Und Kerle dafür hat Toni ja praktischerweise an der Hand. Kurzentschlossen vermietet sie einen ihrer Jungsfreunde zum einmaligen Date. Der Plan wird ein voller Erfolg – und Toni kurz darauf Inhaberin einer gefragten Schein-Date-Agentur. Bis sie sich selbst verliebt und damit nicht nur ihre Geschäftsidee, sondern auch ihren Seelenfrieden ernsthaft gefährdet …
Die Autorin
Lisa Aldin machte ihren Universitätsabschluss in englischer Literatur, ehe sie sich hauptberuflich dem Schreiben widmete. Mit ihrem Mann, ihrer Tochter und diversen Haustieren lebt sie in Indianapolis. Jungs to go ist ihr Debütroman.
Lisa Aldin
Jungs to go
Roman
Aus dem Amerikanischenvon Bettina Spangler
Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel One of the Guysbei Spencer Hill Press, Marlborough, Connecticut
Copyright © 2014 by Lisa Aldin Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbHRedaktion: Diana Mantel Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München,unter Verwendung eines Motivs von © Bigstock / Gino Santa Mariau. taulijumalaSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-11111-3
www.heyne-fliegt.de
Für Chris und Charlotte
Eins
Der Beginn einer Jagd ist für mich das Größte. Noch ist keiner müde oder hat Hunger oder jammert rum. Außerdem ist so ein Anfang immer voller Vielleichts. Also von wegen, vielleicht fangen wir heute Nacht das legendäre Seeungeheuer unserer kleinen Stadt ein – mit der Kamera. Vielleicht gelingt es uns, endlich die letzten Zweifel an seiner Existenz zu begraben. Vielleicht werden wir zur Legende.
Während sich auf dem Lake Champlain winzige Wellen kräuseln, stelle ich mir vor, wie Champ dort unten schwimmt und grinsend zu uns hochschaut. Meine Knie sind ganz weich vor Aufregung, wie bei einem kleinen Kind, das auf den Weihnachtsmann wartet. Ich kann nicht still sitzen. Dafür sind die anderen total ruhig und entspannt und stieren abwartend in die Nacht. Sanft plätschert das Wasser seitlich gegen Ollies Pontonboot und wiegt es sacht auf und ab. Ein Geruch nach Algen liegt in der Luft.
Komm schon, Champ. Zeig dich. Trau dich endlich!
Ich sehe hoch zum wolkenverhangenen Himmel und hoffe auf Regen. Nach der Jagd komme ich gern stinkend und triefnass heim. Irgendwie kommt mir so eine Nacht immer wie die reinste Zeitverschwendung vor, wenn ich nicht wenigstens ein bisschen Dreck im Wohnzimmer verteilen kann.
Ich wünschte, ich wüsste, was das alte Ungeheuer aus seinem Versteck locken würde. Brotkrumen vielleicht? Oder wenn ich ihm ein Ständchen singe, eine Art Zaubermelodie? Oder muss ich irgendein komisches Tänzchen aufführen? Wir haben schon alles versucht, aber es gab keine Spur von Champ mehr seit jenem Sommer vor der fünften Klasse. Der Sommer, in dem wir Freundschaft schlossen. Der Sommer, in dem wir alle vier den riesigen schwarzen Schwanz über die Oberfläche des Sees streifen sahen.
Mir entkommt ein fetter Rülpser. Loch dreht sich auf dem Fahrersitz um und wirft mir über die Schulter einen strengen Blick zu. Sein schlichtes weißes T-Shirt flattert im Wind. Ich grinse verlegen. Nicht der beste Zeitpunkt für eine Kostprobe meines Talents.
Erster Patzer. Nach drei lautstarken Störungen brechen wir die Jagd in der Regel ab. Champ mag es gern hübsch ruhig. Warum sollte er sich sonst schon seit Jahrhunderten am Grunde eines Sees versteckt halten?
»Tut mir leid«, flüstere ich. Den nächsten Rülpser kann ich mir gerade noch verkneifen. Vielleicht sollte ich nicht so viel Limo trinken.
Nach einem kurzen Augenblick lächelt Loch und formt mit den Lippen ein lautloses »der war gut«.
Ich unterdrücke ein Lachen. Klar. Die Besten kommen oft aus dem Nichts, wie mein Dad so gern sagt.
Ollie lässt die Hand auf seinen Arm niedersausen. »Scheiß Insekten«, grummelt er.
Ich seufze. Jetzt geht also das Genörgle los. Ich könnte die ganze Nacht hier sitzen, ohne ein einziges Wort, umringt von Mückenschwärmen, während die Hitze mir den Nacken hochkriecht. Aber Ollie hält es nicht mal eine halbe Stunde aus, ohne wegen irgendwas zu jammern. Ich wühle in meiner Reisetasche, voll mit Utensilien zur Monsterjagd, und ziehe schließlich das Insektenspray raus. Dann werfe ich Ollie die Dose quer übers Boot zu.
»Danke, McRib«, flüstert er. Er sprüht seinen Arm ein, bis dieser feucht glänzt.
Cowboy hustet und sagt dann leise: »Sei nicht so verschwenderisch mit diesem Gift.« Er rutscht ein paar Zentimeter weg von Ollie und hält sich Nase und Mund zu.
»Insekten übertragen Krankheiten.« Ollie beugt sich runter, um seine kräftigen, behaarten Beine einzusprühen. Er sollte sich echt mal überlegen, ob er sich die nicht lieber rasiert. Die sehen ja aus wie haarige Raupen. »Ich geh da bestimmt kein Risiko ein.«
»Und das sagt ausgerechnet der Typ, der zum Spaß auf einem Brett Berge runterschießt.« Cowboy stemmt die Ellbogen auf die Knie. Ein riesiger Käfer krabbelt ihm zwischen den blonden Haaren herum. Er schüttelt beiläufig den Kopf, und der Käfer verschwindet in der Nacht.
»Snowboarden ist halb so wild, wenn man’s kann«, meint Ollie, dessen Flüstern jetzt lauter wird. Ich zucke zusammen. Der soll mal hübsch leise sein. Ist noch viel zu früh, um das Ungeheuer zu verschrecken.
Cowboy legt den Kopf in den Nacken und schließt die Augen. Langweilt er sich? Wie kann man so was denn langweilig finden? Wir sind auf Monsterjagd! Ein ungutes Gefühl macht sich bei mir in der Magengegend breit, genauso wie wenn ich mir meinen Lieblingsfilm ansehe und es auf das Ende zugeht. Und ich kann nicht zurückspulen.
»Pass auf«, sage ich. Ich halte die Stimme gesenkt. Eine Mücke landet auf meinem Ellbogen und fängt an zu futtern. »Mit deiner Paranoia vertreibst du Champ noch, Ollie.«
»Der Winter ist mir lieber.« Ollie wischt sich die Hände an seiner kurzen Cargohose ab. »Insekten hassen den Winter.«
»Und Champ hasst es, wenn so viel gelabert wird«, flüstert Loch, der gerade mit der Action-Kamera kämpft, die er um den Hals hängen hat.
»Hast recht«, meint Cowboy leise, die Augen immer noch geschlossen.
Jetzt sind alle wieder still. Ich kratze an meinem Mückenstich herum und atme wieder entspannter. Freue mich über die Ruhe, so flüchtig sie auch sein mag. Doch Cowboy nervt. Ich meine, ist doch echt lachhaft. Er hat die Augen zu. Auf einer Monsterjagd. Wie will er denn da irgendwas sehen?
Ich hole tief Luft. Versuche mich locker zu machen. Keine Lust, Champ mit irgendwelchen miesen Vibes zu verprellen. Während die leichte Brise das Wasser kräuselt, wandert mein Blick zu den Bergen, die den See umringen. Ich wette, diese Felsmassive haben Champ im Laufe von Hunderten von Jahren schon eine Million Mal gesehen. Sie waren Zeugen jeder einzelnen Sichtung. Jeder Geschichte. Die Berge kennen auch unsere Geschichte. Wenn sie nur reden könnten. Weil uns nämlich keiner abnimmt, was wir gesehen haben.
Schließlich richte ich den Blick wieder auf Loch. Seine Finger ruhen auf dem Lenkrad, mit Leichtigkeit steuert er das Boot. Es wird mir nie langweilig, ihn in seinem natürlichen Umfeld zu sehen, auf der Jagd nach dem legendären Monster, immer unterwegs, um Skeptikern das Gegenteil zu beweisen. Nach ein paar Minuten würgt er den Motor ab, stellt sich hin und schiebt die Hände in die hinteren Hosentaschen seiner Jeans.
Wenn ich es mir recht überlege, ist mir das der liebste Teil der Jagd. Zuzusehen, wie Loch den Atem anhält. Seine Lippen zu beobachten, wenn sie sich bewegen, als würde er beten. Klar weiß ich, dass er nicht wirklich betet. Er spricht mit Champ, trifft Abmachungen und macht Versprechungen, wenn das Ungeheuer sich im Gegenzug dafür zeigt.
»Hey, McRib. Kannst du mir eine Tüte Chips rüberwerfen, Sour Cream and Onion?«, fragt Ollie.
Diese Bitte verblüfft mich. Ollie macht sich jetzt noch nicht mal mehr die Mühe zu flüstern. Ich löse den Blick von Loch und wühle in der Tasche. Keine Chips. Ach so, klar. Die hab ich ja auf dem Weg hierher weggefuttert. Stattdessen werfe ich ihm eine Dose leckere Limonade zu. Damit wieder Ruhe herrscht. Hoffe ich zumindest.
»Hey«, sagt Cowboy. Seine Stimme klingt ruhig und leise, aber ein Flüstern ist es auch nicht eben. »Wirfst du mir auch eine rüber?«
Vielleicht doch nicht. Ich sollte Cowboy sein Getränk am besten rüberreichen, doch ich bin zu faul zum Aufstehen. Sitze grad so bequem. Also werfe ich die Dose. Blöderweise gleitet sie Cowboy aus den tollpatschigen Händen und trifft mit einem lauten Knall auf dem Boden des Bootes auf, ehe sie auf mich zukullert. Rasch stelle ich den Fuß drauf. Lochs Schultern versteifen sich. Seine dunklen Augen richten sich auf das schwarze Wasser.
Zweiter Patzer.
Plötzlich ist hinter mir ein Platschen zu hören. Ollie und Cowboy springen auf und linsen über den Rand des Bootes. Das geht alles so schnell, dass ich schon Angst kriege, einer von ihnen könnte über Bord gehen. Fluchend krame ich in der Tasche, während Loch seine Taschenlampe und die Kamera auf das Wasser richtet. Nachdem ich meine Taschenlampe ebenfalls gefunden habe, wandern die beiden blassen Lichtstrahlen gemeinsam über die Oberfläche.
Mein Herz schlägt wie verrückt.
Ich halte den Atem an.
Das einzige Geräusch, das zu hören ist, ist das leise, rhythmische Plätschern der Wellen.
Eingekeilt zwischen Ollie und Cowboy rieche ich den Gestank des Insektensprays auf Ollies Armen, vermischt mit Cowboys Parfüm, das in den Augen brennt. Ich hab ja so den Verdacht, dass Cowboy das Parfüm auf der Jagd nur trägt, weil er insgeheim hofft, wir könnten Katie Morris über den Weg laufen. In sie ist er schon eine ganze Ewigkeit verschossen. So als könnte sie eines Nachts zufällig auch auf Monsterjagd gehen.
Es verstreichen ein paar Minuten, in denen wir das Wasser nach der Ursache des Geräusches absuchen. Vielleicht zeigt Champ uns ja heute sein Gesicht? Oder eine Schulter? Eine Klaue? Das wäre nett.
Ollie tritt seufzend von der Reling zurück. Enttäuschung überkommt mich. Nein. Bitte gib noch nicht auf. Er ist dort unten. Warte noch ein bisschen. Sekunden später hockt Cowboy sich auf den Hintern und öffnet seine eingedellte Dose Limo. Das Ploppen und Zischen echot über den See. Ich zucke zusammen. Dritter Patzer? Ich sehe zu Loch. Noch nicht. Seine hochgewachsene Gestalt steht regungslos wie eine Statue da.
Loch und ich konzentrieren uns weiter auf den See. Ich verstehe nicht, wie Ollie und Cowboy jetzt schon aufgeben können. Es ist noch so verdammt früh. Wir haben im Laufe der Jahre bereits unzählige falsche Alarme überlebt. Riesending, echt. Wegen eines falschen Alarms geben wir doch nicht gleich auf.
Ein dicker Ast treibt mit den Wellen vorbei am Pontonboot. Loch knipst die Taschenlampe aus und kratzt sich die Stoppeln am Kinn. Ich seufze und schalte meine Taschenlampe ebenfalls aus. Wenn Loch jetzt auch noch das Handtuch wirft, gibt es kaum mehr Hoffnung. Mit hängenden Schultern kehrt er zurück zum Fahrersitz. Ich würde gerne etwas Aufmunterndes sagen, aber ich habe Angst, dass die Jagd offiziell vorüber ist, wenn ich das tue.
Ehe ich mich setze, suche ich das Wasser noch einmal ganz genau ab. Nichts.
Ollie kichert. »Hey, Loch. Da hast du ja wieder ein paar Stunden Material von vorbeitreibenden Zweigen.«
Genervt sinke ich tiefer in meinen Sitz. Und da ist er. Patzer Nummer drei.
Loch startet den Motor. »Das dürfte eigentlich nicht zählen«, protestiere ich schwach und seufze.
»Champ könnte um uns herum im Kreis schwimmen, wir würden es nicht mitkriegen«, sagt Loch, der das Boot jetzt zurück in Richtung Hafen steuert. »Was bringt es, uns weiter hier draußen aufzuhalten, wenn wir ihn eh alle zwei Sekunden verprellen?«
Ich senke den Blick, presse die Lippen aufeinander und fummle an den kurzen Beinen meiner schwarzen Basketballshorts herum. Ich hasse es, wenn eine Jagd zu Ende geht. Dann sind alle immer so negativ und mies drauf.
Cowboy gähnt. »Vielleicht haben wir damals nur einen Aal oder so was gesehen, was meint ihr? Vielleicht verschwenden wir hier ja bloß unsere Zeit.«
Ollie nickt. »Ja, genau. Vielleicht hat mir meine Fantasie mit elf ja einen Streich gespielt, und ich hab einen Riesenschwanz gesehen, aber in Wirklichkeit war es vielleicht bloß ein Ast.«
Nein. Nein. Nein. Solche Vielleichts finde ich gar nicht gut. Ich schnaube bloß und versuche, die Stimmung mit einem blöden Witz ein bisschen aufzuheitern. »Guter Punkt, Ollie. Du tust ja gern so, als wären gewisse schlangenähnliche Dinge größer, als sie in Wirklichkeit sind.«
Cowboy lacht so sehr, dass ihm die Limonade aus der Nase schießt. Ollies Gesicht verzieht sich zu einem Grinsen, und er schüttelt den Kopf, während er gleichzeitig nach einem Insekt schlägt. Ich schaue zu Loch, weil ich seine Reaktion sehen will. Wieder und wieder umklammert er das Lenkrad mit seinen Fingern, völlig in Gedanken versunken. Er sagt keinen Ton. Irgendwie verletzt mich das. Normalerweise nämlich lacht Loch über meine lahmen Witze.
Dann sagt eine ganze Weile keiner ein Wort. Natürlich nicht. Jetzt können auf einmal alle still sein. Einzig das Summen des Bootsmotors ist zu hören. Den Bruchteil einer Sekunde denke ich, es könnte doch noch eine Chance geben für die Jagd, aber Loch kehrt nicht wieder um. Wir nähern uns immer weiter dem Hafen.
»Jetzt haben wir schon fast den ganzen Sommer damit vergeudet«, meint Ollie. »Mit der Jagd nach Ungeheuern. Bigfoot. Champ. Batboy. Riesenkatzen. Und wofür das alles? Wir sind jetzt im Abschlussjahr, Leute. Da können wir nicht länger etwas hinterherjagen, das wir mit elf Jahren zu sehen geglaubt haben. Wir können nicht einer Sache hinterherjagen, die nie real war.«
»Wir kriegen schon noch unseren Beweis auf Film«, sagt Loch. »Aber wir dürfen nicht den richtigen Moment verpassen.«
»Wir waren doch alle dabei.« Cowboy fährt sich mit den schlanken Fingern über den Kragen seines kurzärmeligen Flanellhemdes. »Wir alle erinnern uns. Kann doch nicht so schwer sein, es allen anderen zu beweisen?«
Loch hält inne. Dann senkt er die Stimme. Schatten legen sich über sein Gesicht. »Nein, weil einige von uns dabei sind, es zu vergessen.«
Zurück im Hafen springen Ollie und Cowboys als Erste raus und vertäuen das Boot. Am liebsten würde ich was zu Loch sagen, von wegen es gibt Hoffnung und so, aber er weicht all unseren Blicken aus, als er vom Boot runterklettert. Daher lasse ich es lieber bleiben.
Ich bin die Letzte, die das Pontonboot verlässt. Die Jungs kabbeln sich immer noch wegen Champ, daher lasse ich mich ein Stück zurückfallen. Ich bin genervt. Zu meinen Füßen bemerke ich unsere vier Namen – unsere echten Namen, aus der Zeit, bevor wir nacheinander unsere Spitznamen abbekamen. Sie sind in den hölzernen Anlegesteg geritzt, was so ein bisschen aussieht wie eine Türmatte, die einen hier willkommen heißt. Jeder einzelne Buchstabe sieht eckig und schlampig ausgeführt aus.
Toni. Micah. Luke. Justin.
Als ich aufsehe, sind die Jungs schon auf halbem Weg den Pier runter in Richtung Parkplatz gelaufen. Sie streiten sich immer noch, ob Champ nun existiert oder nicht. Vergangenes Jahr glaubten wir noch alle ohne den geringsten Zweifel an das Ungeheuer im See. Was hat sich seither verändert?
»Hey! Ist ja noch früh«, rufe ich, während ich von einem Bein aufs andere trete.
»Ich hab genug von der Monsterjagd«, ruft Ollie mir über die Schulter zu. »Ich würde gern heimgehen, sofern du keinen besseren Vorschlag hast.«
Cowboy bleibt stehen, dreht sich um, sieht mich an. Er lächelt und stopft sich die Hände in die Hosentaschen seiner kurzen Jeans. »Ich muss Moby Dick zu Ende lesen.«
Er geht wieder weiter. Die Jungs werden kleiner, entfernen sich immer weiter, und plötzlich hab ich das Gefühl, das war’s jetzt. Die letzte Jagd geht zu Ende. Das mit uns ist Geschichte. Und es ist nicht das Ende, das ich mir ausgemalt hatte.
»Ich habe eine Idee!«, rufe ich da. »Die ist echt genial! Mega! Total aufregend! Völlig anders!«
Die Jungs bleiben stehen, drehen sich um. Sämtliche Augen sind auf mich gerichtet. Schweiß bildet sich in meinen Achselhöhlen, während ich krampfhaft nach etwas suche, das ich ihnen hinwerfen kann. Irgendwas, nur damit sie nicht gehen. Ich hole tief Luft und marschiere vorwärts.
»Steigt ins Auto.« Ich grinse. »Die heutige Nacht werdet ihr verdammt noch mal nie vergessen.«
Zwei
Der Beifahrersitz von Lochs altem Honda Civic kennt mich inzwischen gut. Während Loch fährt, lasse ich mich in den ausgefransten Stoff sinken und zupfe an einem losen Faden neben meinem Knie herum. Ich achte aber darauf, ihn nicht rauszuziehen. In Wirklichkeit habe ich gar keinen Plan, was wir tun sollen. Ich hab total geblufft, und ich frage mich, wie lange ich das wohl durchziehen kann, ehe die Jungs merken, dass ich sie bloß an der Nase herumführe, nur weil ich das Ganze jetzt noch nicht abblasen will.
Wir haben nun mal den Sommer vor unserem Abschlussjahr. Eine Zeit, an Dingen festzuhalten, nicht um Abschied zu nehmen. Im kommenden Herbst erwarten uns erhebliche Veränderungen. Daher sollten wir das, was wir jetzt haben, noch auskosten. Und zwar solange es geht.
»Wo lang?«, will Loch wissen. Er trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, während wir auf ein Stoppschild zurollen.
»Links.« Ich hebe das Kinn und schlage einen möglichst selbstsicheren Ton an, doch meine Stimme zittert. Das Klappern des Armaturenbretts übertönt das Radio. Ich haue ein paarmal auf den Lautstärkeregler, doch er scheint ein für alle Mal bei »leise« festzustecken.
Mein Sitz wackelt, als Ollie sich zu uns vorbeugt und fragt: »Wo fahren wir denn jetzt hin, McRib?«
»Ich will euch die Überraschung nicht verderben.« Schnell tue ich so, als würde ich mich auf die dunkle, von Bäumen gesäumte Straße vor uns konzentrieren. Die heiße Luft sorgt dafür, dass mir der Schweiß im Nacken steht. Gelegentlich ist die Klimaanlage des Honda Civic sogar so gnädig zu funktionieren, aber nicht so heute Nacht.
Cowboy sitzt hinten neben Ollie auf der Rückbank, die Stirn gegen die Scheibe gepresst, die Nase in einem Buch. Er liest in meiner zerfledderten Ausgabe von Moby Dick. Das sollten wir über den Sommer für den Englischunterricht im Herbst lesen.
»Ich würde dich gerne was fragen, Cowboy«, sagt Ollie, der sich jetzt zurücklehnt. »Bist du ein Masochist?«
Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel. Cowboy blickt nicht mal von seiner Lektüre hoch, als er antwortet. »Ich weiß, was wir heute Nacht tun. Wir spielen das Schweigespiel.«
»Dieses Buch ist doch voll die Qual«, fährt Ollie fort. »Die reinste Folter. Als würde irgendwer Hunderte von Seiten über einen Pottwal lesen wollen.«
»In Moby Dick begegnen wir einem der größten Ungeheuer der Literaturgeschichte«, erklärt Loch kopfschüttelnd. »Hör bloß nicht auf ihn.«
Vor uns taucht jetzt das Kino auf, im Eingangsbereich kündigt die Leuchtreklame die filmischen Angebote der Woche an. Sofort muss ich an all die Male denken, als mein Dad mich unter der Woche in Vorstellungen geschleift hat. Ich ignoriere den Knoten in meiner Magengegend, auch wenn er nichts gänzlich Schlechtes bedeutet. Es sind auch gute Erinnerungen damit verbunden, selbst wenn ich meinen Dad vermisse. Es ist jetzt drei Jahre her, dass er gestorben ist, und doch ist er noch sehr präsent, vor allem an vertrauten Orten wie diesem.
»Ähm, bieg hier ab«, gebe ich Anweisung.
Loch lenkt den Wagen auf den Parkplatz. Das Pflaster glänzt feucht vom Regen heute Nachmittag. Er stellt das Auto in der Nähe des Eingangs ab. Ich stütze den Ellbogen an der Tür ab und spiele mit einer Haarsträhne, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hat. Denke an die unzähligen Male, als Dad und ich an den Donnerstagen alte Filmplakate mitnahmen, die man sonst weggeschmissen hätte. Viele von ihnen zieren immer noch die Wände in meinem Zimmer. Ich hasse das Konzept Zeit. Es kann einem echt so manches vermiesen.
»Ich muss euch jetzt eine ernsthafte Frage stellen, Leute«, sagt Ollie.
Ich drehe mich zu ihm um und frage mich, ob er wohl das Gleiche empfindet wie ich. Dass das aktuelle Jahr nicht automatisch das Ende bedeuten muss. Sondern ein Versprechen sein könnte. Das Versprechen, immer füreinander da zu sein. Das Versprechen, sich nicht zu verändern, auch wenn alles andere im Wandel begriffen ist.
Ollie hält inne, holt tief Luft und fragt dann: »Wer von euch hat gefurzt?«
Er kurbelt das Fenster runter und versucht, die miefige Luft nach draußen zu fächeln. Ich kichere und werfe Loch einen Blick zu, der aber lächelt nur und trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad.
»Das ist doch ein klassischer Autogeruch«, sagt er. »Oder es ist der Milchshake, den ich letzte Woche verschüttet habe.«
»Ist das der große Plan?« Cowboy blickt von seinem Buch auf. »Ein Film? Wir könnten uns doch auch einen bei Loch im Keller ansehen. Ich bin dran mit Aussuchen. Meine Wahl fällt auf Selbst ist die Braut.«
Ollie klatscht ihn ab. »Einverstanden! Klasse Streifen!«
Loch stöhnt. »Oh Mann. Ich lass mich gleich erschießen.«
»Besser als diese Horrorfilme, von denen du und McRib so besessen seid«, kontert Cowboy.
»Bitte, Toni. Erspar mir diese schrecklichen romantischen Komödien«, sagt Loch mit einem Seitenblick zu mir. »Bitte sag, dass du was anderes auf Lager hast.«
Ich seufze, bereit, mich geschlagen zu geben. Mir fällt leider nichts ein, bis jemand aus dem Kino kommt, den ich kenne. Direktor Rogers steht am Bordstein, beschienen von dem strahlenden Gebäude in seinem Rücken. Er wischt sich die Brille an seinem blauen Poloshirt sauber und betrachtet dann den klaren Nachthimmel. Dann setzt er die Brille wieder auf die Nase und fährt sich mit der Hand durch das dichte, graue Haar.
»Direktor Rogers.« Ollie scheint überrascht, ihn hier zu sehen. »Wow. Der hat auch ein Leben außerhalb der Burlington High?« Spaßeshalber tritt er gegen meinen Sitz. »Also, was ist der Plan, McRib?«
»Es gibt keinen Plan«, stellt Cowboy fest. »Das ist euch doch hoffentlich allen klar.«
»Stimmt nicht ganz«, werfe ich ein. Ich betrachte Direktor Rogers, und da kommt mir eine Idee. Eine bescheuerte Idee. Kindisch, echt. Aber immerhin, eine Idee. »Ich hab einen Plan. Einen grandiosen Plan.«
»Dann mal raus mit der Sprache, McRib«, sagt Cowboy. Er schlägt sein Buch zu und lächelt. »Jetzt oder nie. Was wollen wir tun?«
Ich kratze an dem Mückenstich an meinem Handgelenk, ehe ich rausplatze: »Gentlemen, wir werden Direktor Rogers den nackten Hintern zeigen.«
Schweigen. Fassungslose Stille. Mein Herz pocht. Ich hab noch nie jemandem den nackten Hintern gezeigt. Aber es ist wenigstens harmlos. Schaff ich das überhaupt? Meinen Körper vor jemandem zu entblößen? Ja. Ja, das krieg ich hin. Wenn ich die Jungs an meiner Seite habe, gelingt mir so ziemlich alles.
»Das wird unvergesslich«, fahre ich fort. »Kommt schon, Leute. Wir sind Seniors! Das könnte so was wie unser Abschlussstreich sein.« Oder ein Moment, der uns aufs Neue zusammenschweißt. Vielleicht brauchen wir Champ nach dem heutigen Abend gar nicht mehr, damit er uns zusammenhält.
Aufgeregt trommelt Ollie gegen die Rückenlehne meines Sitzes. »Genial! Find ich super! Los, machen wir’s!«
Cowboy seufzt. »Ich hab es lieber, wenn mein Hintern Privatsache bleibt.«
»Hebst du ihn dir immer noch für Katie Morris auf?«, will Ollie wissen und strubbelt Cowboy durchs Haar. »Eines Tages wird sie sogar mitkriegen, dass du existierst, Mann. Auch wenn du nie mit ihr redest. Oder ihr SMS schreibst. Oder ihre Anwesenheit in irgendeiner Form zur Kenntnis nimmst.«
Cowboys Wangen werden knallrot. Er lässt sich tiefer in den Sitz sinken und vergräbt die Nase wieder in den Seiten von Melvilles Roman. Bei der bloßen Erwähnung von Katie Morris ist er jedes Mal die nächsten fünf Minuten nicht ansprechbar. Vermutlich, weil er von ihr träumt.
Loch beugt sich zu mir rüber. Ich schnappe einen Hauch von Vanille auf. Während er den Direktor eindringlich ansieht, zieht er die Augenbrauen hoch. »Das war also dein Plan, wie? Woher wusstest du, dass er hier sein würde?«
Ich zucke die Schultern und weiche seinem Blick aus. Loch weiß genau, dass ich mir das alles ganz spontan ausgedacht habe. Er durchschaut es immer, wenn ich lüge. Doch er lässt es mir durchgehen. »Nun ja, er ist nicht allein«, erklärt Loch und deutet in seine Richtung.
Eine schlanke Frau mit braunem Haar und blassem Teint tritt neben Direktor Rogers und hakt sich bei ihm unter. Sie trägt ein wunderschönes rotes Sommerkleid und lehnt den Kopf an seine Schulter. Sie wirkt verträumt, glücklich. Direktor Rogers grinst breit, ein ebenso seltener wie seltsamer Anblick, und streichelt sanft ihre Wange.
»Oh mein Gott. Er hat ein Date«, flüstere ich.
»Komisch.« Loch schüttelt den Kopf. »Als würde man Zeuge eines bizarren Paarungsrituals auf dem Discovery Channel. Man will es nicht sehen, kann aber trotzdem nicht wegschauen …«
»Er wird mich erkennen.« Ollie versucht sich die wilden Locken mit der Hand glatt zu streichen. »Wir brauchen was, womit wir unsere Gesichter verbergen können.«
»Ich hab ein paar Ersatz-Sweatshirts im Kofferraum.« Loch versinkt tiefer in seinem Sitz. Nicht einfach, bei seiner Größe. »Ich dachte, die würden wir für die Jagd heute Abend brauchen.«
Ich tätschle seine Schulter, um ihm mitzuteilen, dass wir immer noch draußen auf dem See wären, wenn es nach mir ginge. Er lächelt sanft, doch ich spüre seine Enttäuschung. Der Plan sollte dann wohl besser mal aufgehen.
»Lass den Wagen an«, sagt Ollie. »Hier sieht er uns.«
Loch fährt rüber auf die andere Seite des Parkplatzes, in sicherer Distanz zum Direktor und seinem Date.
»Wenn wir das durchziehen wollen, dann müssen wir schnell sein«, sage ich. Mein Puls beschleunigt sich. »Im Augenblick scheinen Direktor Rogers und seine weibliche Begleitung es nicht eilig zu haben. Aber sie könnten sich jeden Moment auf den Heimweg machen.«
Ollie holt die Sweatshirts aus dem Kofferraum und springt schnell zurück in den Wagen. Er ist völlig außer Puste. Dann wirft er mir einen grauen Hoodie zu, mit der Aufschrift AUFDERJAGD, darunter die Silhouette von Bigfoot. Cowboy kriegt ein schlichtes blaues Sweatshirt. Doch der starrt es bloß an, als wäre es voll widerlichem Schleim oder so was.
»Cowboy?« Ich ziehe das Sweatshirt über, in dem ich fast verschwinde. Es riecht nach Dreck und Kuchen. Genau wie Loch. »Bist du dabei?«
»Ich glaub, ich schaff das nicht.« Cowboy kratzt sich die schmale Nase. »Schon bei dem Gedanken könnte ich kotzen. Seid ihr sicher, dass sich keiner Selbst ist die Braut ansehen will? Ich bin auch flexibel. Hauptsache Happy End.«
Ollie zieht sich das Sweatshirt über und sagt: »Ein anderes Mal, mein Freund. Ein anderes Mal.«
Ich klemme mir eine Haarsträhne hinters Ohr, ziehe die Kapuze hoch und streiche mit den Fingern über den weichen Stoff. Mann, ist dieses Sweatshirt kuschelig. »Loch?«, frage ich.
Loch reibt sich die dunklen Stoppeln. »Einer sollte das Fluchtauto fahren«, sagt er. »Nur für den Fall. Bin aber zur moralischen Unterstützung hier.«
»Schätze mal, dann sind Ollie und ich die Spaßvögel, die das übernehmen.« Ich ringe mir ein Lächeln ab, während mein Magen Purzelbäume schlägt. So nach dem Motto »Heilige Scheiße, tun wir das jetzt allen Ernstes«. Es gibt einen guten Grund, wieso wir so was normalerweise nicht machen. Warum wir uns an Traditionen halten. Bei der Monsterjagd genauso wie bei den Filmabenden bei einem von uns daheim. Es fühlt sich dermaßen unnatürlich an, vom Üblichen abzuweichen, doch wenn Ollie sich eine andere Art von Abenteuer wünscht, dann soll er es haben. Also Hintern hoch. Ha!
Ollie stopft sich die Haare unter die Kapuze seines schwarzen Hoodies, der ihm ungefähr zwei Nummern zu groß ist. »Bei drei, McRib«, meint er. Seine stechend grünen Augen funkeln wie Juwelen in der Dunkelheit, und ein Schatten legt sich über die hellen Sommersprossen auf seiner Nase.
Ich strecke die Hand nach dem Türgriff aus und sage: »Eins.«
»Zwei«, sagt Ollie als Nächstes.
Dann hört man, wie die hintere Tür aufgeht. Ich lausche Lochs leisem Atmen, und Cowboy blättert eine Seite um. Wir hätten das ein bisschen besser planen sollen. Zu spät. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
»Drei!«, rufe ich.
Ich öffne die Tür und springe raus auf den Asphalt. Dann renne ich mit vor Aufregung geröteten Wangen und schweißnassen Achseln auf Direktor Rogers zu. Ollie läuft neben mir her, sein Atem geht laut und unregelmäßig. Der Direktor beachtet uns gar nicht – zumindest nicht, bis ich vor ihn und sein Date springe, ihnen den Rücken zukehre, mir die Basketballshorts runterzerre und dem hinreißenden Paar meinen blanken Hintern hinhalte.
Ollie zu meiner Rechten beugt sich mit runtergezogener Hose vor, das Gesicht unter der Kapuze verborgen. Ich kann nicht glauben, dass ich hier mit heruntergelassener Hose stehe und dem Direktor meiner Schule und irgendeiner Frau, die ich nicht mal kenne, meinen Popo präsentiere.
Ich stehe da wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Obwohl, ein Reh würde in der Situation wohl mehr Würde beweisen. Ich bin ein Witz. Ein schrecklich lahmer Witz. Ich meine, ein Keuchen hinter mir zu hören. Das Date, nehme ich an.
Ollie raunt mir zu: »Alsooooo … wie lange wollen wir das hier durchziehen?«
Jemand packt ihn hinten am Hoodie und zerrt daran. Ollie versucht noch, sich die Shorts hochzuziehen, ehe er mit rudernden Armen rückwärts stolpert.
»Guten Abend, Luke Brown«, sagt Direktor Rogers mit wütender Stimme.
Tja. War wohl nicht so die gute Idee.
Ich reiße die Hose hoch, doch es ist zu spät, die Biege zu machen.
Direktor Rogers packt mich am Ellbogen, seine ohnehin schon riesigen Nasenlöcher sind geweitet. Ollie und ich wechseln einen Blick, meiner voller Furcht, seiner leicht amüsiert. Rogers verschränkt die Arme vor der Brust, schnaubt und sagt: »Und Toni Valentine. Tja, ich hoffe, ihr beide genießt den restlichen Abend.« Er seufzt und ergreift die Hand seines Dates. »Weil ich nämlich eure Eltern über diesen Vorfall informieren werde.«
Ich hab das Gefühl, ich muss kotzen. Ein paarmal würge ich, ohne dass was kommt. Das Date im roten Kleid sieht mich angewidert an.
»Bitte tun Sie das nicht …«, sage ich, doch Direktor Rogers hört mich gar nicht mehr. Er und sein Date sind bereits abgezogen.
»Toni. Entspann dich«, raunt Ollie mir zu. Er scheint zufrieden mit sich selbst. Wenigstens einer hatte Spaß heute Abend. »Was ist denn das Schlimmste, das passieren könnte?«
Ja, schon klar. Berühmte letzte Worte.
Drei
Einen Monat später sitze ich in einem lichtdurchfluteten Klassenzimmer der Winston Academy für Mädchen. Mein Dad hat immer Witze darüber gemacht, dass der Tag, an dem ich einen Rock tragen würde, derselbe Tag wäre, an dem uns die Zombie-Apokalypse heimsuchen würde. Jetzt sind schon zwei Stunden vergangen, und weit und breit ist kein Zombie in Sicht, aber fühlen tue ich mich wie eine von den lebenden Toten. Jemand hat heute Morgen in Himbeerparfüm gebadet, und jetzt herrscht Krieg in meinen Nasenlöchern. Vielleicht kippe ich ja um und liege dann zuckend am Boden. Der Gestank ist echt nicht auszuhalten. Vielleicht bin ich aber auch allergisch auf das ganze Östrogen hier.
»Alles okay?«, flüstert das Mädchen neben mir.
Statt einer Antwort halte ich mir die Hand vor den Mund und niese derart heftig, dass eine Ladung Rotz in meiner Hand landet. Unauffällig verberge ich sie unter dem Tisch und grinse.
»Alles bestens«, erwidere ich. »Bin nur müde.«
Das Mädchen kaut auf einer Strähne von ihrem honigblonden Haar herum, während sie sich bemüht, jedes einzelne Wort mitzuschreiben. Ein ledergebundener Terminplaner liegt an der Ecke ihres Tisches, und unten ist in schnörkeligen rosa Buchstaben ein Name zu lesen: Emma Elizabeth Swanson.
Ich bin hier zweifelsohne an keiner staatlichen Schule mehr.
Unser Lehrer für Rechnungswesen lächelt mir hinter seiner Brille mitleidig zu und stürzt sich dann in eine Diskussion über Angebot und Nachfrage. Ich hingegen überlege weiter, wie ich den Rotz an meiner Hand wieder loswerde. Wenn ich neben einem der Jungs an der Burlington High sitzen würde, wie ich es eigentlich dieses Schuljahr noch tun sollte, dann wäre das kein Problem. Ich würde die Sauerei an Cowboy abwischen, weil der sich am wenigsten wahrscheinlich rächen würde, und lachen.
Aber was tut eine »Dame« in so einem Fall?
Hier an der Winston werden Jungs als etwas so Mythisches und Mysteriöses wie Einhörner angesehen. Keine Spur von ihnen. Kein ekliges Gerülpse. Kein dämliches Abklatschen. Kein Gerede von Monsterjagden. Es ist schon seltsam, als würde ich mich inmitten einer Armee aus höflichen Aliens in Strickpullovern und mit Lipgloss auf den Lippen bewegen.
Wie soll ich bloß das kommende Jahr auf diesem fremden Planeten überleben?
Plötzlich dreht sich das Mädchen vor mir zum Gang, beugt den Kopf runter und sprüht ihre braunen Locken mit Haarspray ein – mit Himbeerduft. Aha! Da kommt also dieser bestialische Gestank her. Sie richtet sich wieder auf und lächelt den Lehrer an, der ihr einen strengen Blick zuwirft, ehe er mit seinem Vortrag fortfährt.
Jetzt stellt sich mir eine noch viel beängstigendere Frage: Was, wenn ich zu einer von ihnen werde?
Ich halte die Handfläche nach oben und rutsche unruhig hin und her, weil ich unschlüssig bin, was ich tun soll. In der Orientierungsstunde heute Morgen kam das Thema Rotz leider nicht vor. Ich will schon Emma Elizabeth Swanson nach einem Taschentuch fragen, als es plötzlich klingelt. Rasch wische ich mir die Hand an meinem karierten Rock ab und bete insgeheim, dass das keiner mitkriegt.
»Das hab ich gesehen!«
Ich wirble herum, doch das rothaarige Mädchen, das durch den Gang eilt, meint nicht mich. Sie unterhält sich mit ein paar Freundinnen über einen Film, den sie am Wochenende gesehen hat, über afrikanische Wildkatzen. Sie geht an mir vorbei, als wäre ich nicht viel mehr als ein Schatten. Vielleicht sollte ich mich ein bisschen anstrengen und Freunde finden, doch Emma Elizabeth Swanson, die bislang beste Gelegenheit, da sie die Einzige war, die mit mir gesprochen hat, hat das Klassenzimmer bereits verlassen.
Ich klaube meine Bücher auf und lasse mich von der Menge raus auf den Flur treiben, wo der Himbeerduft endlich verflogen ist. Die Anzahl an Körpern in karierten Klamotten wird geringer, weil alle zu ihren Schließfächern sausen und dann in die nächste Stunde hetzen. In meinem Magen macht sich ein Gefühl von Einsamkeit breit, als ich meinen Spind öffne und das Rechnungswesen-Lehrbuch gegen Carl Sagans Blauer Punkt im All. Unsere Heimat Universum austausche. Das soll ich für mein Englisch-Wahlfach zum Thema Zeit und Raum oder so lesen.
Das ist noch so eine Sache. Die Unterrichtsstunden hier klingen alle total nach Collegekursen.
Ich seufze und ziehe meinen Pferdeschwanz fest. Eigentlich sollte ich nicht hier an der Winston sein. Klar, Direktor Rogers hat natürlich mit meiner Mutter über den Popo-Vorfall gesprochen, sie über die Späßchen in Kenntnis gesetzt, die ich und die Jungs uns so erlaubt haben. Aber so weit hätte man nun auch nicht gehen müssen.
So gern meine Mutter mich in Röcken und mit lackierten Nägeln sehen würde, und so gern sie hätte, dass ich über meine Gefühle spreche, von meinen Freunden aus der Kindheit hätte sie mich niemals wegen eines lächerlichen Vorfalls wie diesem getrennt und im Abschlussjahr auf eine neue Schule geschickt. So gemein ist Mom nicht. Brian, ihr neuer Ehemann, dafür schon. Der brachte sofort Broschüren voller lächelnder Mädchen in Schuluniformen mit nach Hause und erzählte Mom, eine reine Mädchenschule würde mich von solchen Dummheiten heilen, mich fernhalten von schlechten Einflüssen und mich zu einer echten Dame machen.
Was Brian nicht weiß, ist, dass das mit dem nackten Popo mein Einfall war. Ich bin der schlechte Einfluss. Aber ich kapier’s nicht – den blanken Hintern herzuzeigen ist doch harmlos im Vergleich zu den meisten Sachen, die sich in verborgenen Ecken an der Highschool sonst so abspielen. Und trotzdem werde ich dafür bestraft.
Den Rest des Tages konzentriere ich mich darauf, die Basketballshorts unter dem knielangen Rock vom Hochrutschen abzuhalten. Eine ziemliche Herausforderung, wie sich herausstellt. Und außerdem spitzen die Beine der Shorts immer wieder unten raus, weshalb ich sie ein Stück hochkremple. Was das Ganze wiederum nicht unbedingt bequemer macht. Aber ohne die Hose würde ich mich einfach viel zu nackt fühlen. Als es nach der letzten Stunde klingelt, pocht mir der Schädel, und ich habe das dringende Bedürfnis, Brian das Leben möglichst schwer zu machen. Schon am ersten Tag kriege ich mehr Hausaufgaben auf als in einem ganzen Monat an der Burlington High.
Ehe ich wieder in die Wildnis entlassen werde, um mich dem Berg an Hausaufgaben zu widmen, schaue ich kurz im Büro der Vertrauenslehrerin vorbei und stelle mich vor.
»Und, hast du heute schon ein paar süße Jungs getroffen?«, meint Mrs. Kemper lachend, wobei sie mit der Hand belustigt vor dem Gesicht rumwedelt, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. »Ein alter Witz, sei mir nicht böse.«
»Ulkig«, murmle ich und verlagere mein Gewicht, um meine Hose wieder zurechtzuziehen.
»Erzähl mir von deinem ersten Tag. Hast du dich schon eingelebt?«
Mir entfährt ein schwaches Schnauben, doch Mrs. Kemper scheint das nicht mitzubekommen. Ihr Haar ergießt sich in Kaskaden von dicken Locken um ihr koboldhaftes Gesicht. Ein paar lose braune Härchen kleben an ihrem dunkelblauen Blazer. Sie zupft eines ab und lässt es zu Boden fallen wie eine zarte Feder, während sie auf das wartet, was sie hören will: Nämlich ein Ja, ich würde mich ja so wahnsinnig gut verstehen mit den privilegiertesten und kultiviertesten jungen Damen im ganzen Staate Vermont.
Ich. Das Mädchen mit den stets aufgeschrammten Knien und dem Dreck unter den Fingernägeln.
»Ich komm schon klar«, sage ich und ringe mir ein höfliches Lächeln ab. Ich wünschte, hier an der Winston würde man das Wahlfach Wie man das perfekte falsche Lächeln hinkriegt anbieten. Nach all der Übung, die ich heute schon hatte, wäre ich da sicher gut drin. »Alles in bester Ordnung.«
Mrs. Kemper nickt, doch offensichtlich nimmt sie mir diese Lüge nicht ab. »Der erste Tag ist immer am schlimmsten. Lass dich nicht unterkriegen, Tonya.«
»Toni.«
»Wer ist Toni?«
»Ich ziehe es vor, Toni genannt zu werden.«
Mrs. Kemper hebt das Kinn an. »Aber Tonya ist doch so ein hübscher Name.«
Ich zucke die Schulter, weil ich genau weiß, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen kann. Hier bin ich Tonya. Überall sonst bin ich Toni. Dieser Laden hier akzeptiert noch nicht mal die Namen von Jungs.
»Schätze, wir sind dann fertig«, sagt sie und räuspert sich. »Ach ja, und vergiss nicht, du hast deine erste Gruppensitzung am Freitag.«
Ich blinzle ein paarmal. »Gruppensitzung?«
Wieder kichert sie. »Ist schwer, sich das alles zu merken, nicht wahr? Einmal die Woche triffst du dich in der Bibliothek mit einer Gruppe Gleichaltriger, um über all das zu sprechen, was dich bekümmert. Das ist eine gute Möglichkeit, dich in gepflegter Konversation zu üben.«
Mir klappt die Kinnlade runter. »Sie meinen, wir reden da über unsere Gefühle?«
Mrs. Kemper steht auf und lächelt. »Ja. Das ist ja nichts Schlimmes. Schönen Nachmittag noch, Tonya.«
Oh mein Gott. Die meint das ernst. Mit zittrigen Knien erhebe ich mich. Meiner Mutter zufolge geht es in diesem Jahr ums Erwachsenwerden und um die Zukunft. Mit anderen Worten, um alles, bloß nicht um Spaß. Das sollte das letzte Jahr werden, in dem ich mit den gleichen Leuten abhänge, die ich schon seit der zweiten Klasse kenne, und dabei dem Thema Verantwortung so weit wie möglich aus dem Weg gehe.
So viel also dazu.
Auf der Fahrt nach Hause (eine Stunde Pendeln, noch so ein Nachteil an der Winston), drehe ich das Radio laut, in der Hoffnung, eine Portion guter Countrymusik würde meine Kopfschmerzen beseitigen. Ich singe bei einer traurigen Ballade mit und brülle dabei so laut, dass meine Halsvene fast platzt. Hilft auch nichts.
Der Geruch von Himbeerhaarspray kitzelt mir immer noch in der Nase, während die Hügel, die den Campus der Winston umringen, im Rückspiegel immer kleiner werden. Ich versinke tiefer im Sitz meines Nissan Maxima, die einzige Annehmlichkeit, die ich aus meinem alten Leben mitnehmen konnte. Er hat früher meinem Dad gehört. Fast-Food-Verpackungen bedecken den Boden, und auf dem Rücksitz liegen diverse Klamotten und Bücher und Limodosen herum. Hier drinnen kann mich keiner zwingen, mich wie eine Dame zu benehmen.
Ich werfe einen kurzen Blick auf den Stapel Schulbücher auf dem Beifahrersitz neben mir und kurble das Fenster herunter, um die sich anbahnende Panikattacke abzuwehren. An der Burlington hatte ich bereits ausreichend Pluspunkte angesammelt, um mir auch mal einen Nachmittag frei zu nehmen oder um Prüfungen ein wenig früher abzulegen. Doch hier an der Winston existieren so was wie freie Nachmittage nicht.
Stattdessen gehe ich in Kurse wie »Synökologie in bewaldeten Gebieten«. Da schlendert man im Grunde genommen nur durch den Wald auf dem Campus und beschäftigt sich ein Semester lang mit der Pflanzenwelt Vermonts. Was ja im Grunde genommen gar nicht so schlimm wäre, wenn ich nur Loch bei mir hätte. Er würde bestimmt mögliche Spuren von Bigfoot finden oder irgend so was Cooles. Mit ihm wäre es ein Spaß.
Ich gebe meinem Notendurchschnitt – und Brian – die Schuld daran, dass ich auf diesem seltsamen Planeten gelandet bin.
Allein.
Daheim angekommen, parke ich in der Einfahrt und jogge gleich rüber zu Loch, der direkt nebenan wohnt. Auf halbem Weg durch den Garten lasse ich den karierten Rock fallen, trample ein paarmal darauf herum und kann dann endlich wieder normal atmen. Ich bin schon gespannt auf den bevorstehenden Abend. Zum ersten Mal seit mehr als einem Monat wollen wir runter an den See.
Die letzten Wochen hatte ich das Gefühl, mich immer weiter von den Jungs zu entfernen. Wir waren ein paarmal zusammen im Kino, haben ein paar Videospiele gespielt, aber irgendwie fühlt es sich nicht mehr an wie früher. Irgendwas hat sich verändert, seit ich meinen Wechsel auf die Winston angekündigt habe.
Wenn wir es schaffen, uns zu treffen, trudelt Loch immer echt spät ein, will uns aber nicht verraten, wo er war. Ich hoffe bloß, er trifft sich nicht wieder mit seiner Exfreundin. Und Ollie redet pausenlos davon, wie aufregend es doch ist, im Abschlussjahr zu sein. Dabei bin ich nicht mehr Teil davon, zumindest nicht so richtig, ganz gleich, wie sehr ich mich auch bemühe. Selbst Cowboy wirkt stiller als sonst. Irgendwie mies drauf.
Ich mache mir Sorgen, die Jungs könnten sich von mir zurückziehen, weil ich jetzt keine von ihnen mehr bin. Schließlich bin ich inzwischen ein Winston-Mädchen. Keine Ahnung. Ich kann bloß hoffen, dass ich mir das alles nur einbilde.
Jetzt begebe ich mich zur Rückseite des Hauses der Garrys und freue mich total darauf, meine Jungs wiederzusehen. Nachdem wir uns vergangene Woche zig SMS geschickt hatten, einigten wir uns auf eine Monsterjagd heute Abend. Die Vorbereitungen auf die Jagd will ich um keinen Preis verpassen, unter anderem ist das ein heroisches Mario-Kart-Rennen. Wenn die damit ohne mich anfangen, dann ist Yoshi bestimmt vergeben, und das bedeutet, dass ich mich wieder mal mit Peach zufriedengeben muss.
Während ich mich durchs Kellerfenster runterlasse, atme ich den vertrauten Duft von Trockenmauer und alten Chips ein. Mit einem lauten Rumms lande ich auf dem zotteligen Teppich und stoße dabei einen solchen Riesenrülpser aus, dass jeder Biertrinker einpacken könnte.
»Ui, schon besser! Das verkneife ich mir schon den ganzen Tag!«, rufe ich und streichle mir über den Bauch.
Als ich mich umdrehe, starre ich in das entsetzte Gesicht von Amy Garry, Lochs kleiner Schwester. Sie sitzt am Tisch und lackiert sich die Nägel, eine Horde Freshmen-Mädels um sich versammelt, die alle das Gleiche tun. Die vier Mädchen starren mich schockiert an, und ihre glänzenden Nägel reflektieren das spärliche Kellerlicht. Früher nannte ich Amy Garry immer zum Spaß »mein bezaubernder Schatten«, weil sie uns ständig überallhin gefolgt ist. Jetzt aber hat sie diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht, der besagt, dass sie sich ein Schlupfloch wünscht, in dem ich mich verkriechen möge.
»Oh«, ist alles, was ich zunächst rausbringe. »Wo steckt Loch?«
Amys Wangen sind knallrot und glühen. »Du meinst Micah? Er ist bei der Arbeit.«
Ich schüttle den Kopf, überzeugt, dass ich mich verhört habe. Loch hat doch keinen Job. Ein Job würde ihn ja nur von seinen Nachforschungen abhalten. Außerdem haben wir doch was vor.
Amys Hand hält mitten in der Luft inne, während der Nagellack auf den Tisch tropft. Ihr herzförmiges Gesicht sieht jetzt aus wie Rote Bete. Oh Mann. Ich hab dem armen Kind einen Riesenschrecken eingejagt. Leise und ohne weitere Fragen zu stellen krieche ich zum Fenster hinaus. Dabei hätte ich sie so viel fragen wollen. Ehe ich das Fenster hinter mir schließe, kriege ich zufällig mit, wie eine von Amys Freundinnen sagt: »Ich wette, die hatte noch nie ’nen Freund!«
Autsch. Ich ignoriere das bohrende Gefühl in der Magengegend – das sind Freshmen, Herrgott noch mal – und schnappe mir meinen Rock, der noch auf dem Rasen liegt. Dann klettere ich wieder ins Auto und mache es mir hinter dem Steuer bequem. Amy muss sich getäuscht haben. Die ist durcheinander. Loch würde sich so eine Suche nach Champ nicht entgehen lassen. Ganz bestimmt nicht, ohne mir was zu sagen. Vielleicht dachte er ja, wir würden uns unten am See treffen. Vielleicht wartet er ja längst dort auf mich. Ich checke mein Handy. Keine SMS. Keine Anrufe. Kein großes Ding. Loch liegt nicht sonderlich viel an seinem Handy.
Ich hasse dieses Gefühl – keine Kontrolle zu haben. Also stoße ich zurück aus der Einfahrt und fahre runter zum See, die Fenster runtergelassen. Ich versuche Ruhe zu bewahren. Stelle mir vor, wie die Jungs unten am Kai auf mich warten, lachen, bereit für eine neue Jagd. Tüten voller Junkfood im Gepäck. Ich wette, sie fragen sich schon, wo zum Teufel ich bleibe.
Doch als ich dort ankomme, liegt Ollies Pontonboot verlassen da, es wiegt nur sanft im Wasser auf und ab. Ich kratze mich im Genick, während ich die Hafenanlage entlangschlendere und die angrenzenden Berge beobachte. Nachdem ich mich gesetzt und mein Handy rausgezogen habe, verschicke ich eine Sammel-SMS: Leute, wo steckt ihr? Champ wartet …
Ich lege das Telefon neben mir hin, wippe mit den Knien auf und ab, unfähig, es abzuschütteln, dieses schreckliche Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Es bläht sich in meiner Brust auf wie ein Ballon. Sekunden später vibriert mein Handy. Eins. Zwei. Drei Mal.
Als Erstes trifft die SMS von Cowboy ein: KATIEMORRISHATHEUTEMITMIRGEREDET!
Die zweite stammt von Ollie: Eine Jagd? Heute? Schaff ich nicht!
Und als Drittes kommt die SMS von Loch: Tut mir leid. Hab vergessen, dir zu sagen, dass ich heut Abend arbeite. Erkläre ich dir später. Ein andermal? Wie war dein erster Tag, Winston-Mädchen?
Sie kommen nicht.
Sie haben es vergessen.
ALLEDREIHABENESVERGESSEN.
Ich scrolle mich durch meine abgespeicherten Textnachrichten. Jep. Da ist es. Ich bin nicht verrückt. Wir haben es so vereinbart.
Wie konnten sie es einfach so vergessen?
Ich werfe mich mit dem Gesicht voraus aufs Bett. Ein missmutiges Miauen ertönt vom Kissen her. Als ich aufblicke, sitzt da Tom Brady, unser Kater. Offenbar habe ich ihn in seinem Schönheitsschlaf gestört. Er funkelt mich beleidigt an und fängt dann an, sich das schwarze Fell zu lecken.
»Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe«, sage ich.
Wie ein unliebsames Sofa tauchte Tom Brady vor etwa einem Jahr zusammen mit meinem Stiefvater hier auf. Brian ist ein großer Fan der New England Patriots, daher der schauderhafte Name des Katers. Wie sich rausgestellt hat, erfüllt Tom Brady wunderbar die Funktion eines Weckers. Jeden Morgen um Punkt sieben Uhr kaut er so lange auf meiner Hand herum, bis ich aufstehe und ihm sein Fressen gebe.
Ich dusche und hänge dann etwa eine Stunde vor dem Laptop. Den stressigen ersten Tag an der Winston versuche ich zu verdrängen. Ich verdränge auch, dass meine Freunde mich im Stich gelassen haben, ebenso wie das Gefühl, sie würden mir immer mehr entgleiten. Aber genau das ist das Problem. Im Gegensatz zu ihnen vergesse ich nichts.
Ich knipse das Licht aus, krieche unter die Decke, und dann halte ich sie nicht länger zurück, die panischen Schluchzer, und flenne hemmungslos in mein mit Katzenhaaren bedecktes Kissen.
Vier
Im Laufe der folgenden vier Tage schicke ich ungefähr hundert SMS, in dem Versuch, eine neue Jagd zu organisieren. An den Tagen, an denen Loch Zeit hätte, muss Ollie seinem älteren Bruder Jason helfen, den Keller aufzuräumen. An den Tagen, an denen Cowboy sich gerade mal nicht auf eine Prüfung vorbereiten muss, arbeitet Loch. Es scheint unmöglich, dass wir alle vier Zeit haben, uns zu treffen. Gehen die mir etwa absichtlich aus dem Weg?
Wenigstens ist heute Freitag. Oh, Moment. Das heißt ja, dass ich heute mit ein paar Wildfremden über meine Gefühle
