K-POP Confidential - Stephan Lee - E-Book
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K-POP Confidential E-Book

Stephan Lee

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Beschreibung

Große Träume, erbitterte Konkurrenzkämpfe und herzerobernde Romantik treffen auf die pulsierende Welt von Seoul. Ein Must-Read für alle K-Pop-Fans! Candace kann singen – und zwar richtig gut. Nur weiß kaum jemand davon. Genauso wenig wie von ihrer Begeisterung für K-Pop. Heimlich nimmt die 15-Jährige an einem Casting teil – und ergattert prompt einen Trainee-Platz bei der weltgrößten K-Pop-Schmiede in Seoul. Eine Riesenchance! Doch die Ausbildung ist hart, mit strengen Regeln und unerbittlichen Trainern, die Candace an ihre Grenzen bringen. Und als sie YoungBae kennenlernt, den sie wegen des strikten Dating-Verbots eigentlich nicht treffen darf, beginnt sie zu zweifeln: Kann sie sich selbst treu bleiben und gleichzeitig ein K-Pop-Star werden? »Mir ist immer noch ganz schwindelig von diesem elektrisierenden Hammer-Debüt. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen.« Becky Albertalli, Autorin von »Nur drei Worte« (verfilmt als »Love, Simon«)

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Stephan Lee

K-Pop Confidential

Die einzigarte Welt des Korean Pop in einem modernen Jugendbuch!

Candace wird überraschend auf einem Casting unter Tausenden Mädchen ausgewählt, im koreanischen Seoul als Trainee in Gesang und Tanz ausgebildet zu werden. Sie kann ihr Glück zunächst kaum fassen, doch kaum ist sie im Trainingszentrum angekommen, muss sie feststellen, dass die Anforderungen des Plattenlabels sie an ihre Grenzen bringen. Jeder Tag wird dominiert von endlosen Trainingseinheiten, weniger als vier Stunden Schlaf und dem enormen Druck eines perfekten Schönheitsideals. Doch Candace kann – und will – niemanden enttäuschen, erst recht nicht ihre Familie. Gerade jetzt wird ihr klar, wie wichtig Freundschaft und Zusammenhalt sind. Aber das ist gar nicht so leicht, wenn der Kontakt zu Jungs nicht erlaubt ist und die Familie endlos weit weg scheint …

Eine Slice-of-Life-Roman über enormen Konkurrenzdruck, wahre Freundschaft und den Mut, zu sich selbst zu stehen. Ein Must-Read für alle K-Pop-Fans!

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Imanis K-Pop-K-Wörterbuch für Fortgeschrittene

Kleines Koreanisch-Wörterbuch

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Leseprobe

Für Umma und Halmuhnee

Prolog

Mädchen im Spiegel

In einem Probenraumspiegel wie diesem hier habe ich mich bestimmt schon Hunderte von Stunden betrachtet.

Meistens bin ich schweißgebadet und wünsche mir wegen der ganzen Blasen und eingerissenen Nägel, mir würden die Zehen abfallen. Oder ich versuche, genau im richtigen Moment zu zwinkern, das Haar zurückzuwerfen und zu lächeln, während mich unsere Tanztrainerin – »Die Generalin« – anschreit, weil ich immer einen halben Beat zu spät bin.

Jetzt, in diesem Raum, mit vierundzwanzig anderen weiblichen Trainees – die alle schon sehr viel länger trainieren als ich –, erkenne ich mich zwar im Spiegel wieder, aber nur wie durch einen Snapchat-Filter. Das Mädchen, das mir entgegenblickt, sieht aus, als wäre seine lange silbrig lilafarbene Mähne völlig natürlich. Als wäre sie mit durchdringenden überirdisch blauen Augen auf die Welt gekommen. Als hätte sie auf ihrer makellosen, taufrischen Haut noch nie einen Pickel gehabt.

Niemals würde sie sich anmerken lassen, dass ihr vom vielen Bleichen die Kopfhaut brennt, ihr von den Kontaktlinsen die Augen jucken und sie unter den vielen Schichten »Natural Look«-K-Beauty-Make-up aussieht, als hätte sie seit Wochen nicht geschlafen – denn das hat sie nicht.

Dieses Mädchen bin ich, wenn auch nicht ganz. Ich bin immer noch Candace aus New Jersey. Doch die Candace im Spiegel hat gelernt, Schmerz, Prellungen, blutende Füße, Heimweh und unmenschliche Diäten auszuhalten. Sie hat gelernt, über Kritik und Beleidigungen zu stehen und das ultimative Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hat Freunde zurückgelassen, hat sich von ihrer Familie verabschiedet und ist bis nach Seoul geflogen. Sie ist von Räumen voller Führungskräfte, älter als ihr Dad, auseinandergenommen worden.

Und als wäre das nicht schon genug, darf ich seit drei Monaten mein Smartphone nicht benutzen. Die absolute Hölle.

Hinter verschlossenen Türen entscheidet der CEO von S.A.Y. Entertainment zusammen mit Top-Produzenten und Investoren, wer es in die neue supergehypte Girlgroup schafft, die weibliche Version der berühmtesten K-Pop-Boygroup der Welt, SLK. Die Mädchen beten, gehen auf und ab. Andere schaukeln vor und zurück und reden mit sich selbst. Die meisten weinen schon.

Seltsamerweise bin ich völlig ruhig. Ich trete näher an den Spiegel heran, um mein vertrautes unvertrautes Gesicht zu betrachten. Mir wird klar, wie viel mir das bedeutet. Ich habe hart dafür gearbeitet. Ich habe alles dafür aufgegeben.

Ich habe es verdient.

Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass ich ein K-Pop-Idol sein werde. Und ganz gleich, welche Mädchen am Ende ausgewählt werden, wir werden voll einschlagen. Nicht nur in Korea oder in Asien, sondern auf der ganzen Welt. Das ist meine Zukunft. Ich spüre es bis in die Spitzen meines lilafarbenen Einhorn-Haars.

TEIL I: CANDACE PARK AUS FORT LEE, NEW JERSEY

1

Bist du dieses Einhorn?

Vier Monate zuvor …

Eins meiner größten Talente ist »Luftbratsche spielen«. Es ist so etwas wie Playback singen bei einem Orchester, also instrumentales Lip-Syncen, nur ist es nicht cool und wird es auch nie sein. Eine Fernsehsendung mit dem Titel Luftbratschen-Battle wird es nie geben.

Das Fort-Lee-Magnet-Highschool-Sinfonieorchester beginnt das Frühlingskonzert der Darstellenden Künste mit einer schwungvollen Darbietung von Vivaldis »Frühling« (total originell, ich weiß). Ich halte meinen Bogen einen Zentimeter über den Saiten, wiege mich vor und zurück und kräusele die Oberlippe, als würde ich etwas Ekliges riechen, nur um den Eindruck zu vermitteln, ich wäre ganz von den sich steigernden Emotionen der Musik ergriffen – obwohl ich keinen einzigen Ton hervorbringe. Es ist für alle besser, wenn ich Luftbratsche spiele und man mich nicht hört.

Hätte ich die Wahl, würde ich meine Bratsche ins All schießen. Als ich fünf Jahre alt war, hatte Umma die Idee, dass ich damit anfange. Da nicht viele Kinder Bratsche lernen, dachte sie, ich würde damit herausstechen und in renommierte Jugendorchester aufgenommen werden, was sich wiederum gut auf Collegebewerbungen macht.

Na ja, das hat sie jetzt davon. Zehn Jahre später sitze ich ganz hinten bei den Bratschen neben dem ebenso unbegabten Chris DeBenedetti, meinem Pultpartner. Und machen wir uns nichts vor: Bratschen sind im Orchester sowieso die Backgroundtänzer. Wir sind ein wichtiger Bestandteil, aber niemand interessiert sich für uns. Die Geigen sind die glamourösen Leadsänger, die die besten Soloparts und die beeindruckendsten Einlagen abbekommen. Die Celli sind die attraktiven, geheimnisvollen Denkertypen mit den meisten Instagram-Followern.

Bratschen sind die Michelle Williams von Destiny’s Child der Streichinstrumente … nur dass sie weder kultig noch Beyoncés beste Freundin sind.

Erst als wir alle aufstehen und uns verbeugen, sehe ich Umma und Abba im Publikum. Abba klatscht wild im Stehen, während Umma endlos Schnappschüsse von mir in meiner grässlichen Orchesteruniform macht (eine weiße Rüschenbluse und ein knöchellanger grüner Rock). Ich lächele gequält, vom grellen Licht geblendet, bis wir uns wieder hinsetzen dürfen, weil gleich der Chor auftritt – für den das Publikum eigentlich hier ist.

Anders als beim Highschoolfilm-Klischee sind an der Fort Lee Magnet die coolsten Kids im Chor. Da es als das »einfachste« der erforderlichen Kunst-und-Musik-Wahlfächer gilt, ist es überlaufen von angesagten Mädels und Sportskanonen, meinen großen Bruder Tommy eingeschlossen.

Der Chor ist so groß, dass er für das Konzert in mehrere Performancegruppen aufgeteilt wurde. Für die Eröffnungsnummer stolzieren Tommy und zwanzig seiner Bros in neonfarbenen Tanktops, Schweißbändern und Kniestrümpfe auf die Bühne; alle Schüler, vor allem die Mädchen, drehen völlig durch. Die Jungs parodieren den Boyband-Klassiker »What Makes You Beautiful« von One Direction.

Sie sind keine guten Sänger und machen sich einen Scherz daraus, besonders schief zu singen und alle üblichen Boyband-Moves abzuziehen, wie Herzen in die Luft zeichnen, auf Mädchen im Publikum zeigen, sich die Hände an die Brust halten und zwinkern. Aber zugegeben, weil sie sich ohne Hemmung vor allen lächerlich machen, kommt es echt cool rüber. Tommy steht vorne, von seinen Freunden aus dem Baseballteam umgeben. In der ersten Zuschauerreihe entdecke ich meine beste Freundin Imani, die verliebt dahinschmilzt – mein Bruder ist schon immer ihr erklärtes »Lustobjekt Nummer eins« gewesen, was ich total ätzend und megapeinlich finde.

Ich weiß nicht, warum es mir so gegen den Strich geht, Tommy und seine Kumpel oben auf der Bühne zu sehen. Doch plötzlich balle ich die Hände zu Fäusten und stelle mir vor, wie ich meine Bratsche auf dem Boden zerschlage.

Es ist so ungerecht: Ich kann nämlich singen – zumindest glaube ich das, denn ich singe immer nur allein in meinem Zimmer. Wieso darf Tommy in albernen Klamotten abrocken und von der ganzen Schule bejubelt werden, während ich mich hinten im Orchester verstecke?

Egal, wie oft ich Umma bitte, mich mit Bratsche aufhören und aufs Singen konzentrieren zu lassen, die Antwort ist immer Nein. Beim letzten Mal schrie sie »Bae-jjae-ra!«. Das bedeutet wörtlich: Schlitz mir den Bauch auf und lass mich verbluten! Supermelodramatisch, aber im Prinzip die koreanische Variante von »Nur über meine Leiche!«.

Noch ungerechter ist, dass ich mit Sicherheit nur deshalb nicht im Chor singen darf, eben weil sie weiß, wie ernst ich es im Gegensatz zu Tommy nehmen würde. »Du kannst in deiner Freizeit singen«, hat sie mir einmal erklärt. »Gesang ist keine würdige Kunstform. Es kostet so viel Mühe, den Klang aus sich herauszuholen – jeder kann einem ansehen, wie sehr man sich anstrengt.«

Ummas Voreingenommenheit gegenüber Gesang ist mir ein Rätsel – sie ist nämlich selbst eine richtig gute Sängerin. Umma und Abba lernten sich in Korea als Studenten einer renommierten Musikhochschule kennen. Abba wollte Dirigent werden und Umma Sängerin. Doch ich weiß auch, dass sie ihr Studium nie abschlossen und kurz nach ihrem Abbruch nach Amerika auswanderten. Jetzt arbeitet keiner von ihnen in der Musikindustrie – sie führen einen kleinen Lebensmittelladen in Fort Lee. Ich weiß also, dass Ummas Musikträume irgendwann geplatzt sind, nur spricht sie nie darüber. Vermutlich wird es für immer ein Familiengeheimnis bleiben.

Ich lege meine Bratsche auf den Boden – laut Mrs Kuznetsova ein absolutes Tabu – und lümmele auf meinem Stuhl. Ob ich wohl irgendwann singen und auf der Bühne herumspringen darf, ohne mir darüber Gedanken zu machen, was Leute von mir halten? Wahrscheinlich erst nach Ende der Highschool, wenn ich von meiner Familie weit weg bin. Bis dahin muss ich einfach noch ein paar Jahre lang den richtigen Augenblick abwarten und die Rolle des stillen koreanischen Mädchens spielen, das Kurse auf Collegeniveau belegt, gute Noten schreibt, ein klassisches Instrument spielt und sich nie beschwert.

Nach dem Konzert kommen Imani und Ethan bei mir vorbei. Es ist Freitagabend und wir gehen unseren Lieblingsbeschäftigungen nach: in meinem Zimmer abhängen, mampfen und YouTube-Videos schauen.

Auch wenn wir drei in allen Streber-Kursen sitzen, sind wir eigentlich keine totalen Außenseiter. Nur statt auf Partys und zu Footballspielen zu gehen, ziehen wir es einfach vor, miteinander abzuhängen und völlig extra auf alle Sachen zu reagieren, von denen wir besessen sind: Clips von RuPaul’s Drag Race, die wir uns immer und immer wieder anschauen, Mukbang-Videos, Beauty-Vlogger, über die wir uns zwar lustig machen, aber insgeheim toll finden. (»Weniger ist mehr«, sagt Ethan gern, während er so tut, als würde er sich Highlighter auf die Wangenknochen tupfen. »Und vergiss den Cupidobogen nicht!«)

Nachdem wir einem winzigen Mukbanger dabei zugesehen haben, wie er acht Packungen superscharfe Instantnudeln in weniger als vier Minuten verdrückt, nimmt Imani meinen Computer in Beschlag. Ich weiß, was sie gleich aufrufen wird: SLKs Performance von »Unicorn« bei Saturday Night Live von letzter Woche.

»Ich liebe, liebe, liebe SLK!«, schwärmt Ethan, als die Gastgeberin Jennifer Lawrence sie vorstellt.

»Was denn sonst? Welcher armselige Loser würde das nicht?«, erwidert Imani.

Ich zucke mit den Schultern. »Die sind okay.«

»Na schön, dieser armselige Loser.« Imani wirft mir einen skeptischen Blick von der Seite zu. »Mann, manchmal komme ich mir koreanischer vor als du.«

Und genau in diesem Moment schlürft Imani Kimchi direkt aus dem Glas. Nicht mal ich kann mir Kimchi so pur reinziehen – ich mag es als Beilage, besonders mit Curryreis oder Nudeln mit schwarzer Bohnensoße, aber für mich hat es einen zu starken Eigengeschmack, um es pur zu essen.

»Ich meine, ich freue mich total, dass eine asiatische Gruppe so beliebt ist und es auf Zeitschriftencover geschafft hat«, sage ich, »aber ihre Musik wirkt ein bisschen … wie von der Stange?«

»Süße, und tschüss«, gibt Imani zurück, schließt das Glas Kimchi und setzt sich wieder auf mein Bett, um mein Riesenwalkissen Mulgogi zu drücken (mulgogi bedeutet Wasser-Fleisch oder Fisch auf Koreanisch). »Und amerikanische Popmusik ist etwa nicht von der Stange? Jedenfalls, die Jungs von SLK können alle richtig gut singen und rappen – One.J hat eine Menge ihrer größten Hits selbst geschrieben. Und die Choreo ist abgefahren!«

»Ja, schau dir das an, Candanista«, wirft Ethan völlig fasziniert ein. »One Direction hat immer nur auf der Bühne rumgestanden und, na ja, ist vielleicht noch ein bisschen rumgehüpft – diese Typen liefern richtig ab.«

Ich weiß nicht so recht, warum ich meine besten Freunde gerade anlüge – ich sollte wohl einen Therapeuten aufsuchen und der Sache auf den Grund gehen –, denn eigentlich bin ich heimlich ein riesigerSLK-Stan. Auf YouTube habe ich mir stundenlang ihre Auftritte in koreanischen Musikshows* und ihre Reality-TV-Show SLK Adventures angesehen. Und seit SLK groß in den USA rausgekommen ist, folge ich noch anderen K-Pop-Bands, vor allem der Girlgroup QueenGirl, die momentan mit Ariane Grande tourt. Nichts würde Imani, den größten K-Pop-Stan, den ich kenne, glücklicher machen, als diese Leidenschaft mit mir gemeinsam auszuleben. Aber aus irgendeinem Grund ist mir die ganze Sache irgendwie peinlich. Erwarten nicht alle, dass ein koreanisches Mädchen voll auf K-Pop abfährt?

Auf dem Bildschirm bewegen sich die fünf Jungs von SLK perfekt synchron, sogar wenn sie richtige Rückwärtssaltos machen. Jeder von ihnen hat eine andere knallige Haarfarbe – offensichtlich verbringen sie wie jede Girlgroup unheimlich viel Zeit mit Make-up und Outfits. Auf ihre eigene Art sind sie alle echt scharf, vor allem One.J, das Bandmitglied, das immer im Mittelpunkt steht. Alles an seinem Gesicht scheint in einem Labor erschaffen worden zu sein, um es so telegen wie möglich zu machen: seine nachdenklichen, mandelförmigen Augen; seine pinken Lippen; sein markanter, v-förmiger Kiefer. Keine seiner Bewegungen wirkt einstudiert. Wenn sich alle Jungs mit der Hand durchs Haar fahren, sieht es bei One.J total spontan aus und als hätten die anderen vier bemerkt, wie cool es rüberkommt, und beschlossen, es ihm nachzumachen.

Das SNL-Publikum rastet völlig aus, als die Jungs mit der Unicorn-Choreografie loslegen. »Unicorn« ist eine fantastische Tanznummer, auch wenn der Refrain, der einzige englische Teil des Songs, überhaupt keinen Sinn ergibt: »Baby, jetzt glaube ich an Einhorn / Du bist das Mädchen, nach dem ich gesucht habe / unter allen Regenbo-ogen / Baby, ich weiß nur eins / Du bist mein einzig Einhorn.«

Am Ende des Songs tanzen wir drei durch mein Zimmer und singen lauthals mit. Imani wirbelt ihr Haar vor und zurück, Ethan macht den Duckwalk und ich bewege meinen Körper ohne Rücksicht auf den Rhythmus oder meine Würde.

»Na schön, okay«, keuche ich, als der Song vorbei ist. »Dieser Song ist ein Hammer-Ohrwurm.«

Gleich nach dem SNL-Auftritt lädt »Unicorn« erneut. Wir machen uns bereit, den ganzen Song noch einmal zu grölen, doch nicht das Musikvideo, sondern eine Anzeige (so viele Anzeigen, YouTube) wird abgespielt. Die Worte »BIST DU EINZIG?« leuchten auf dem Bildschirm auf. Dann:

S.A.Y. ENTERTAINMENT

DAS STUDIO HINTER DER INTERNATIONALEN TOP-SENSATION SLK SUCHT NACH SEINER ALLERERSTEN GIRLGROUP

Schnitt auf ein kurzes Video der SLK-Jungs, die in die Kamera schmachten und Grimassen schneiden, während sich auf ihren Wangenknochen das Licht widerspiegelt.

WIR SUCHEN NACH MÄDCHEN, DIE WIE SLK SINGEN, TANZEN UND RAPPEN KÖNNEN. BIST DU DIESES EINHORN?

Einer nach dem anderen säuseln sie verführerisch »Bist du mein Einhorn?« in die Kamera. Mir wird ganz heiß und ich habe Schmetterlinge im Bauch, als One.J an der Reihe ist.

LASS DICH BEIM INTERNATIONALEN S.A.Y.-CASTING ENTDECKEN

ROYAL OAK THEATER IN PALISADES PARK, NEW JERSEY

19. APRIL

Ich pruste los. »Suchen die nach Sängerinnen oder nach Dates für die Jungs?«

Imani lacht nicht; sie starrt mich an. »Du solltest zu dem Casting gehen, Candace.«

Diesen Vorschlag würdige ich keiner Antwort. »Und Palisades Park? Ist das ein Fehler? Warum würde ein K-Pop-Studio ausgerechnet in Jersey nach neuen Talenten suchen?«

Ethan lacht auch nicht. »Na ja, in Jersey leben nun mal die koreanischen Teens.« Er zeigt auf mich, als wollte er sagen »Beweisstück A«.

»Du solltest zu dem Casting gehen«, wiederholt Imani todernst.

»Haha.« Ich verdrehe die Augen. »Glaubst du wirklich, meine Eltern würden mir erlauben, die Schule abzubrechen, um Mitglied in einer K-Pop-Band zu werden? Und sehe ich für dich etwa wie ein Idol aus?«

Imani lässt den Blick über meine mitgenommenen nackten Füße, meine löchrige Jeans und meinen zu großen schwarzen Hoodie schweifen. »Nein, kein bisschen. Aber darunter … steckt was, aus dem man etwas machen kann. Ist dir überhaupt klar, wie unglaublich das ist? S.A.Y. ist wegen SLK im Moment das einflussreichste Entertainmentunternehmen der K-Pop-Industrie. Eine Girlgroup-Version von SLK wäre der Hammer!«

»Und du kannst singen«, wirft Ethan ein. »Sogar bei ›Unicorn‹ hat deine Stimme es gerade schon voll gebracht.«

»Mann, ich habs dir schon immer gesagt«, beharrt Imani, »du hast eine Engelsstimme. Die musst du mit der Welt teilen.«

Imani meinte so etwas schon mal zu mir. Klar, es ist ein nettes Kompliment, aber aus irgendeinem Grund werden meine Augen ein wenig feucht. Vermutlich aus demselben Grund, warum es mir zu peinlich ist zuzugeben, dass ich eigentlich total auf K-Pop stehe.

Bei meinen amerikanischen Lieblingskünstlerinnen wie Ariana und Rihanna habe ich kein Problem, offen zu fangirlen, doch jetzt, da SLK auf dem Cover von Vanity Fair war und QueenGirl bei den VMA einen Auftritt mit CardiB hatte, ist mir das alles ein bisschen zu real. Vielleicht können Mädchen wie ich tatsächlich Stars werden, wenn sie Talent haben und sich hinaus in die Welt trauen. Tief in meinem Innern glaube ich daran, dass ich talentiert genug sein könnte. Aber auch mutig genug, um es einfach drauf ankommen zu lassen? Auf keinen Fall.

Ich werfe einen Blick auf die pinkfarbene Gitarre in der Ecke meines Zimmers. Die hat mir mein Dad zu meinem zwölften Geburtstag gekauft, weil er auf typische Dad-Art dachte, alle Mädchen würden auf Knallpink stehen (was bei mir auch irgendwie stimmt). Abba hat mir ein paar einfache Akkorde beigebracht und im Gegensatz zu Bratsche habe ich Gitarre im Handumdrehen gelernt, so als wäre sie ein lang verschollener Körperteil – vielleicht liegt es daran, dass ich die Gitarre immer als Begleitinstrument zum Singen betrachtet habe. Ich habe mir YouTube-Zupf-Tutorials angeschaut und frühe Taylor-Swift-Songs spielen gelernt. Jetzt ist diese Gitarre mein wertvollster Besitz, der erste Gegenstand, den ich mir bei einem Feuer schnappen würde.

Aber ich spiele immer nur in meinen eigenen vier Wänden. Ich singe eine Menge Coverversionen sowie ein paar eigene Songs. Manchmal filme ich mich dabei und habe sogar überlegt, ein paar Videos auf YouTube hochzuladen – eine akustische Version von »Here With Me« von Chvrches und Marshmello und einen gefühlvollen Song, den ich selbst geschrieben habe: »Expectations vs. Reality« –, aber diese Videos sind lediglich Dateien auf meinem Computer, die sich auf dem vollgemüllten Desktop zwischen Englischaufsätzen und Chemielaborberichten herumdrücken.

»Hmm«, sage ich. »Ich denk vielleicht drüber nach.«

»Mann«, gibt Imani zurück, die auf meinem Computer ein paar neue Tabs öffnet, »ich glaube, du unterschätzt total, wie fantastisch K-Pop ist. Es ist nicht einfach nur eine Stilrichtung. Komm, ich führe dich durch die verschiedenen Girlgroups.«

Imani zeigt uns Musikvideos – oder MVs, wie sie bei K-Pop heißen – von allen möglichen Girlgroups wie QueenGirl, Blackpink, Twice, Red Velvet, Everglow und Itzy. Ich habe schon Unmengen von SLK-MVs gesehen, aber keine von Mädchenbands. Nicht solche. Die Ästhetik und die Choreografie hauen einen echt um, die Mädchen sind alle unglaublich hübsch und es gibt alle möglichen Stilrichtungen und Einflüsse, einschließlich Hip-Hop, Reggae und EDM.

Während sie uns die Videos zeigt, erklärt uns Imani den Unterschied zwischen den Girl-Crush*- und Cute-Konzepten* bei K-Pop-Girlgroups.

Sie erläutert die K-Pop-Regeln, als würde sie über die Königreiche in Game of Thrones sprechen. Es gibt nur vier große K-Pop-Entertainmentstudios: YG, JYP, SMTown und S.A.Y., und sie rekrutieren überall auf der Welt – hauptsächlich in Korea, aber auch in Japan, China, Thailand und den Vereinigten Staaten, für gewöhnlich in Los Angeles. Klar, sie suchen nach talentierten Teenagern, aber nach talentierten Teenagern, die eine bestimme Rolle erfüllen, die jede K-Pop-Band braucht.

»Dann ist das alles nach Schema F?«, frage ich.

»Ich meine, nicht alles«, wendet Imani ein, »aber ja, K-Pop ist so was wie eine Idol-Fabrik. Die Studios schauen sich bei Castings, in Schulen und Einkaufszentren und seit Kurzem auch auf YouTube und in den Social Media um. Wenn die Kids nicht schon zum Zeitpunkt ihrer Rekrutierung enorm talentiert sind, sorgen die Studios dafür, dass sie es werden. Es gibt da dieses knallharte Traineesystem, das sie vor ihrem Debüt durchlaufen müssen, und das meistens über Jahre hinweg. Nachdem sie ihr ganzes Leben lang trainiert haben, schaffen es die allermeisten Trainees nie bis zum Debüt. Es ist wie bei Hunger Games.«

Umma steckt den Kopf herein. Wenn Ethan im Zimmer ist, darf ich die Tür nicht zumachen, obwohl Umma weiß, dass sie sich wegen ihm keine Sorgen machen muss. »Amüsiert ihr euch gut?«

»Ja, Mrs Park!«, flöten Imani und Ethan.

»Imani gibt uns gerade K-Pop-Nachhilfe für Fortgeschrittene«, witzelt Ethan.

»Gleich frage ich euch beide ab«, scherzt Imani.

»Das klingt ja lustig«, meint Umma. In ihrer Miene kann ich leichtes Missfallen ausmachen. »Imani, deine Schwester ist hier, um dich und Ethan nach Hause zu bringen. Ich packe etwas Kimchi für dich ein.«

»Danke, Mrs Park!«

Nachdem Imani und Ethan weg sind, sehe ich mir wie besessen noch mehr Musikvideos von Girlgroups an. Es war mir gar nicht klar, wie viele verschiedene Mädchentypen man als K-Pop-Idol sein kann – ein superniedliches Mädchen, eine knallharte Braut, eine Modequeen oder alle drei zugleich. Warum habe ich das nie für mich in Betracht gezogen?

Mann, das ist so eine dämliche Frage. Es gibt so viele offensichtliche Gründe, warum ich nicht einmal im Traum ein K-Pop-Idol sein könnte. Zum einen ist mein Koreanisch schrecklich; ich musste nie wie andere koreanische Jugendliche aus meiner Kirchengemeinde samstags auf die koreanische Sprachschule gehen. Außerdem kann ich definitiv nicht tanzen. Ich meine, ich kann nicht einmal zu einem einfachen Rhythmus im Jersey Shore-Stil die Faust in die Luft schlagen – so hoffnungslos ist die Lage.

Und natürlich würden meine Eltern jedes Gespräch über eine mögliche Gesangskarriere im Keim ersticken. Umma hat Tommy und mir eingebläut, dass es nur drei, vielleicht vier achtbare Berufslaufbahnen gibt, die wir als Erwachsene einschlagen können: Medizin, Jura, Betriebswirtschaft oder eine akademische Karriere – in dieser Reihenfolge. Sängerin ist ganz weit unten auf der Liste, vermutlich irgendwo zwischen Auftragskiller und Drogendealer.

Schließlich klicke ich YouTube weg, schnappe mir meine Gitarre und vergewissere mich, dass die Tür zu ist. Dann drücke ich an meiner Laptop-Kamera auf »Aufnehmen«.

Ich weiß, dass dieses Video wie alle anderen auch lediglich meinen Desktop zumüllen und nie hochgeladen werden wird. Aber ich nehme mich trotzdem gerne auf, denn sollte ich – das ist schräg und wirklich düster – jemals von einem Schulbus überfahren werden oder so, möchte ich der Nachwelt gerne diese Videos hinterlassen, damit die Leute erfahren: Candace konnte richtig singen. Candace hatte die ganze Zeit etwas zu sagen.

Ich spiele die ersten Akkorde von »Expectations vs. Reality«. Leise singe ich:

Erwartung:

Ich mag keinen Streit.

Niemand hat für mich Zeit.

Nur in meinen Träumen bin ich für alles bereit.

Wirklichkeit:

Du glaubst, du kennst mich,

Siehst aber vieles nicht.

Warte, bis mein wahres Ich hervorbricht.

Ja, gut, der Text ist verdammt kitschig und meine Reime sind nicht so knackig wie in Hamilton, aber ich schütte hier mein Herz aus.

Zwar mache ich den Mund nie auf,

Doch du wirst sehen, ich habs echt drauf.

Und hörst du dann mal meinen Song,

Wird dir klar, du lagst falsch … so was von.

Deine Erwartungen sind nicht meine Wirklichkeit.

»Wow, so schön!«

Ich kreische auf und lasse beinahe die Gitarre fallen. Tommy steckt den Kopf durch meine Zimmertür und wischt sich falsche Tränen weg.

»Verschwinde!«, schreie ich und werfe Mulgogi auf ihn zu.

Tommy fängt ihn mühelos. »Niemand versteht Candace! Candace ist so tiefgründig!«

Ich schiebe Tommys Gesicht aus meinem Zimmer und rufe in den Gang. »Umma! Abba! Tommy spioniert mir schon wieder hinterher!«

»Sorry, sorry«, sagt Tommy mit koreanischem Akzent und verbeugt sich vor mir, während er sich kaputtlacht. »Ich werde so richtig sorry sein, wenn du groß rauskommst und dein Song ein Nummer-eins-Hit wird!«

Ich schlage die Tür zu und entschuldige mich telepathisch bei Mulgogi, dass ich ihn als Wurfgeschoss missbraucht habe. Mulgogi antwortet telepathisch: »Na ja, Tommy hat es verdient. Er darf im Chor singen und du nicht?«

Wutschäumend schicke ich Imani eine Nachricht.

OK. Ich will vorsingen.

Ich setze mich an meinen Computer, bearbeite für YouTube das Video, in dem ich singe, und kürze ganz am Schluss den Teil raus, wo Tommy mich so unhöflich unterbricht. Wütend klicke ich die Maus, als wäre sie Tommys Gesicht, und öffne mein YouTube-Konto. Nach den Tausenden von Videos, die ich mir in meinem Leben angesehen habe, lade ich zum allerersten Mal eines auf meinem Kanal hoch. Da bin ich, CandeeGrrrl0303 (spart euch die Kommentare, das Konto habe ich in der neunten Klasse angelegt), mit einem einzigen Video, in dem ich singe und Gitarre spiele.

Nur weil sich Umma aufgrund irgendeines Fehlschlags, den sie noch vor meiner Geburt in Korea erlebt hat, vor ihrer eigenen Stimme fürchtet, heißt das nicht, dass sie meine zum Schweigen bringen kann.

Ich klicke auf »Veröffentlichen«.

Als ich noch einmal einen Blick auf mein Handy werfe, hat Imani bereits auf meine Nachricht geantwortet.

»JAAAAAA!!!!!!!!!!«

2

Einzig

Imani und Ethan haben sich bei mir eingehakt, um mich zu unterstützen – und um mich davon abzuhalten wegzulaufen. Ich bin ihre Gefangene. Ohne sie hätte ich mich beim Anblick der Menge sofort aus dem Staub gemacht. Hunderte, vielleicht Tausende von Teenagern und sogar Erwachsene sind für das Casting aufgetaucht.

Zuerst dachte ich, dieses Casting wäre nur für S.A.Y. Entertainments allererste Girlgroup, aber laut den Schildern überall suchen sie auch nach Sängern für ihre nächste Boyband, die sie »SLK 2.0« nennen. Die Schlange erstreckt sich vom Eingang des Kinos bis nach draußen auf den Parkplatz und um das Gebäude herum.

Ich fasse es nicht. Ich hatte keine Ahnung, dass es an der ganzen Ostküste, geschweige denn in New Jersey, so viele K-Pop-Fans gibt. Auch wenn die meisten Asiaten sind, bin ich angenehm überrascht, alle möglichen Menschen in der Menge zu sehen. Ein lokales Nachrichtenteam filmt ein paar Leute dabei, wie sie die »Unicorn«-Choreografie tanzen – eigentlich hält man sich nur einen Finger wie ein Horn an die Stirn und imitiert dabei einen komplizierten Galopp. Es ist ein bisschen wie PSYs »Gangnam Style«, nur dass es bei den SLK-Jungs cool und irgendwie sexy aussieht.

Ich betrachte die riesigen SLK-Poster, die im ganzen Multiplex-Kino hängen. Die Band besteht aus fünf Mitgliedern: ChangWoo, Leader und »Dad« der Gruppe; YooChin, krasser Main Rapper; Joodah, der einen abenteuerlichen Sinn für Mode hat; Wookie, der Witzbold, der schon fast wie ein ganz gewöhnlicher Typ aussieht; und natürlich One.J, der gleichzeitig Center*, Visual*, Gesicht* und maknae* der Gruppe ist.

Auf manchen Postern wirken die fünf kühl und ein wenig unheimlich, wie Vampire aus Twilight – Biss zum Morgengrauen, mit glänzender weißer Haut, blutrot schimmernden Lippen und ungestüm goldglänzenden Augen. Auf anderen sehen sie unbeschwert und verträumt aus – wie der perfekte, Muschelkette tragende Freund, den man in seinen Träumen im Sommerferienlager trifft, was im wirklichen Leben aber nie passiert.

Einen kurzen Moment lang verliere ich mich in One.Js Blick auf einem der unheimlich sexy Poster. Sein schmachtender, eindringlicher Ausdruck. Seine vollkommenen, leicht geöffneten Lippen.

Ich reiße mich aus meiner Trance – Imani und Ethan ebenfalls –, als wir nach mehr als zwei Stunden Wartezeit endlich die Anmeldung erreichen. Das Mädchen am Empfang, das ein SLK-T-Shirt trägt, fragt schnippisch: »Seid ihr alle drei für das Casting hier?«

»Nein, nur das K-Pop-Idol hier«, antwortet Imani.

Das Mädchen wirft einen skeptischen Blick auf mich und reicht mir ein Anmeldeformular. »Nächste«, leiert sie.

Wir gehen zum Wartebereich gleich vor dem Zuschauersaal, in dem das Casting stattfindet. Ich setze mich auf den Boden und fange an, das Anmeldeformular auszufüllen, das sowohl auf Englisch als auch auf Koreanisch ist.

Name: Candace Park

Name auf Koreanisch (ggf.): Park MinKyung

Alter: 15

Größe (in cm): 5’ 1’’

Gewicht (in kg): Keine Ahnung. Außerdem, UNVERSCHÄMT!

Fähigkeiten (Schauspiel, Tanz, Gesang): Gesang

Andere Fähigkeiten: Gitarre, Songwriting, habe einmal drei Chipotle Burritos hintereinander gegessen

Westliche Lieblingsmusiker*innen: Ariana Grande, Rihanna, Justin Bieber

Lieblings-K-Pop-Musiker*innen:SLK, QueenGirl, Blackpink

Imani schaut mir über die Schulter. Ich erwarte einen Kommentar, dass ich die Fragen ernster nehmen soll, aber sie meint nur: »Süß. Du zeigst Persönlichkeit. Oh, und deine Auswahl an Lieblings-K-Pop-Gruppen ist echt stark. Du lernst schnell, mein junger Padawan.«

Ich gebe mein Formular bei dem gelangweilten Mädchen an der Anmeldung ab und sie reicht mir eine Nummer, die ich an meine Kleidung pinnen soll: 824. Ich betrachte das als ein gutes Omen – mein Geburtstag ist der 24. August.

Ethan holt sein Handy hervor, um mich zu filmen. »Was ist das für ein Gefühl, zu wissen, dass du gleich für die weibliche Version von SLK ausgesucht wirst?«

Ich mache ein Peace-Zeichen und lächele das niedlichste, zerknautschteste Lächeln, das ich hinbekomme – meine Imitation eines perfekten K-Pop-Idols.

»Das wird alles nicht passieren«, erwidere ich durch mein übertriebenes Grinsen. »Ich werde meinen Song singen, abgelehnt werden und so tun, als wäre ich nie hier gewesen.«

»Buh, Spielverderberin«, sagt Ethan und nimmt sein Handy herunter.

Ich sehe mich um. Das für die Öffentlichkeit geschlossene Kino ist voller Teenager, die so aussehen, als gehörten sie auf eine Anime-Cosplay-Convention: Unmengen dicker Eyeliner, neonfarbener Haare, Halsbänder, blasses Gothic-Make-up. Andere schreien mit Baggy-Jeans und Ketten eher nach Hip-Hop. Alle üben ihre Breakdance-Moves oder machen Stimmübungen und singen mit vollem Körpereinsatz A-cappella-Versionen von K-Pop-Hits wie »Loser« von Big Bang oder »Love Whisper« von GFriend. Noch nie habe ich mich so fehl am Platz gefühlt. Ich schwänze meine Collegevorbereitung, um hier zu sein.

Imani spürt meine Nervosität und sagt: »Los, Leute, machen wir die Diversity-Hände, um dir Glück zu bringen.«

Diversity-Hände ist einer unserer Insiderwitze und parodiert ein Foto aus einer Broschüre, die unser Schulberater, Mr Torrence, in seinem Büro ausliegen hat und die kulturelle Vielfalt feiert. Wir legen unsere Hände zusammen und bewundern, wie unterschiedlich sie sind: Imanis dunkelbraune Hand, Ethans blasse, leicht haarige Hand und meine. Ich weiß nicht, warum asiatische Haut manchmal als gelb bezeichnet wird, denn das ist sie nicht, aber sie ist auf jeden Fall anders als die anderen beiden.

»Na, schaut euch das mal an«, sagt Ethan mit seiner Peinlicher-Dad-Stimme.

Als mein Name endlich aufgerufen wird, hilft mir Ethan, meine pinkfarbene Gitarre umzuschnallen. Ich und zwei weitere Kandidaten betreten nacheinander den Zuschauersaal, in dem wir vor der IMAX-Kinoleinwand auf einer Minibühne stehen. Nachdem sich meine Augen an das Scheinwerferlicht gewöhnt haben, das auf mich gerichtet ist, mache ich einen Kameramann aus, der aus dem Publikum filmt, sowie einen Typen mit hipper Brille und Pullunder und eine grimmig dreinblickende Frau in Geschäftsanzug mit einem eingefrorenen Lächeln im Gesicht. Es ist die Frau, die ich beeindrucken muss, das sehe ich sofort.

»Im Namen von S.A.Y. Entertainment bedankt sich Managerin Kong dafür, dass ihr an dem Casting teilnehmt«, sagt Brille McPullunder. Managerin Kong muss die Frau mit dem grimmigen Blick sein. »Ich bin Brandon Choi und euer heutiger Dolmetscher. Ihr habt bis zu einer Minute, um etwas vorzusingen, vorzutanzen oder einen Monolog vorzusprechen, je nach eurer ausgewählten Fähigkeit. Wenn wir euch unterbrechen, haben wir genug gesehen – macht danach bitte nicht weiter. Als Erstes haben wir die Nummer 822, Ricky Townshend, der … ›Jebal‹ singen wird. Ist das richtig?«

Ein afroamerikanischer Junge mit pinkem Haar tritt nach vorne. Nach einem kurzen lautlosen Gebet legt Ricky mit einer wahnsinnig traurigen Ballade in perfektem Koreanisch los. Sogar ich mit meinen sehr geringen Koreanischkenntnissen weiß, dass jebal so viel wie bitte bedeutet – oder noch stärker als bitte; es bedeutet eher so was wie Um Himmels willen, bitte!!! (Umma schreit mich oft an: »Jebal, üb deine Bratsche!«) Von der ersten Note an haut Ricky uns alle um.

Ich hoffe, dass er in die nächste Runde kommt, obwohl Imani mir vorhin erklärt hat, dass Nicht-Asiaten zwar gerne bei K-Pop-Castings teilnehmen dürfen, man sie aber nur der Form halber vorsingen lässt – denn eigentlich haben sie keine Chance. Die meisten K-Pop-Studios wollen Gruppen, die zu hundert Prozent asiatisch sind. Imani und ich sind uns einig: Das muss sich ändern und Imani glaubt, dass es irgendwann passieren wird, nur nicht in absehbarer Zeit.

Als Nächstes ist ein koreanischer Amerikaner mit Cornrows an der Reihe, der einen selbst geschriebenen Rap zum Besten gibt. Er nennt sich ANTIKDOTE und seine Skills* sind ungefähr so gut wie sein Name. Miss Kong und Brandon, der Dolmetscher, unterbrechen ihn nach zehn Sekunden.

Ich bin als Dritte und Letzte der Gruppe dran. Ich trete nach vorne.

»Ich singe eine Akustik-Version von ›Bad Guy‹ von Billie Eilish«, sage ich und neige den Kopf. Wegen der Gitarre kann ich keine richtige, tiefe koreanische Verbeugung machen.

Miss Kong oder den Dolmetscher kann ich kaum sehen, nur ihre Umrisse. Ich halte die Luft an und spiele den ersten Akkord.

Als ich zu singen beginne, merke ich, dass ich ein bisschen zu schnell bin, kann aber nichts dagegen tun – auf einmal macht mich die Auswahl meines Songs verlegen. Meine Stimme kommt mir dünn vor, vermutlich, weil ich seit Jahren nicht lauter als ein Flüstern gesungen habe. Mit der pinken Gitarre sehe ich wahrscheinlich wie eine Zwölfjährige aus. Niemand würde mir abkaufen, wenn ich behauptete, ich wäre der »make your mama sad type«, wie es in Billie Eilishs Song heißt. Ich hätte einen Song von Carly Rae Jepsen oder so jemandem nehmen sollen.

Obwohl ich davon ausgegangen bin, dass ich nicht weiter als bis zur ersten Strophe und zum Refrain kommen würde, unterbricht mich niemand. Vielleicht schreien sie mich ja gerade an, ich solle abbrechen, was ich aber nicht tue, weil ich offenbar meinen Körper verlassen habe – mein Gehirn ist abgeschaltet und meine Finger bewegen sich automatisch. Den Break pfeife ich nur, während ich auf der Gitarre den Takt schlage.

Am Ende des Songs breche ich abrupt ab und mein Hirn nimmt wieder wahr, dass ich in einem leeren Kinosaal stehe und für eine K-Pop-Gruppe vorsinge. Ich verbeuge mich noch einmal. Es ist völlig still und ich trete zurück an meinen Platz neben Ricky und ANTIKDOTE.

»Gut gemacht«, flüstert Ricky mir zu.

»Du auch«, flüstere ich zurück.

Miss Kong und Brandon tuscheln. Mir fällt auf, dass ich am ganzen Körper zittere. Ein Schweißbach läuft mir die Schläfe herunter.

Schließlich räuspert sich Brandon der Dolmetscher. »Danke für euer Kommen heute. Wir schätzen eure Zeit und harte Arbeit, allerdings suchen wir heute nach ganz bestimmten Eigenschaften. Ihr könnt alle gehen …«

Autsch.

Auch wenn ich mir eigentlich nichts von diesem Casting versprochen hatte, schmilzt mein Herz dennoch wie eine Salvador-Dalí-Uhr und sickert in meinen Bauch.

Gerade als ich den anderen beiden die Bühne hinunter folge, sagt Brandon auf einmal: »Außer 824. Ihr könnt alle gehen außer 824. 824, bitte bleib auf der Bühne.«

Mir rutscht ein ungewolltes Kreischen heraus. Ich wette, der Dolmetscher wollte es mit Absicht spannend machen und einen dieser angetäuschten Reality-Show-Rausschmisse abziehen.

Ich bleibe stehen und winke Ricky traurig zu – er muss unbedingt eine Karriere als Sänger machen, ob in K-Pop oder einer anderen Musikrichtung –, bevor ich mich auf meine nächste Aufgabe konzentriere. Wenn sie einen anderen Song wollen, habe ich noch »Since U Been Gone« von Kelly Clarkson auswendig gelernt.

»Bitte leg deine Gitarre weg«, fordert mich der Dolmetscher auf.

Verdammt. Na schön, ich kann auch a cappella singen, kein Problem.

Ich lege die Gitarre ganz ungeschützt und verletzlich auf den Boden, was ich meinem Baby überhaupt nicht gerne antue – ist ja nicht meine Bratsche.

»Miss Kong dankt dir für deine kreative Darbietung von ›Bad Guy‹«, erklärt Brandon. »Zu welchem Song möchtest du tanzen?«

Oh-oh.

»Tanzen?«,wiederhole ich. »Tut mir leid, aber ich glaube, da liegt ein Irrtum vor. Ich habe mich nur für das Vorsingen angemeldet.«

Schweigen. »Nun ja, jedes K-Pop-Idol muss auch irgendwann tanzen.«

Ich muss um jeden Preis verhindern, vor diesen Leuten zu tanzen. »Entschuldigung … sagt das Managerin Kong oder nur Sie?«

»Wie bitte?«, erwidert Brandon.

Ich wollte nicht wie eine verzogene Göre klingen, aber ich habe mich gehört.

»Es tut mir leid, ich verstehe nur nicht, warum ich bei einem Vorsingen tanzen muss.«

Brandon und Managerin Kong besprechen sich auf Koreanisch. Er dreht sich wieder zu mir um und sagt: »Du musst nichts sonderlich Abgedrehtes machen. Wir wollen einfach nur sehen, wie du … zur Musik groovst.«

»Grooven?«, frage ich ratlos. »Tut mir leid, ich verstehe die Aufgabe nicht …«

Plötzlich dröhnt »Havana« von Camila Cabello aus der Lautsprecheranlage des Kinosaals. Ich spüre den Bass bis in meine Leber.

Ich erstarre.

Ich vergesse buchstäblich, was es bedeutet, ein Mensch mit einem Körper zu sein, der mit meinem Gehirn verbunden ist. Eine ganze Strophe ist vorbei und ich habe mich immer noch nicht bewegt.

Tu was, Candace!,schreie ich mich in Gedanken an.

Ich sehe die Umrisse von Brandon und Miss Kong, die auf ihren Plätzen rumrutschen. Ich sehe das rote Licht der Kamera, die diesen peinlichen Moment aufnimmt. Plötzlich kommt es mir so vor, als würde ich mich selbst von außen betrachten – ich sehe, wie ich Pistolengesten mache.

Was schieße ich ab, wenn nicht meine Chancen auf eine K-Pop-Karriere? Zu meinem Entsetzen mache ich jetzt den Cabbage-Patch-Move. Dann den Sprinkler. Dann den Ententanz. Alle bescheuerten Tänze, die ich Tommy letztes Jahr auf Tante SoonMis Hochzeit in Franklin Lakes habe machen sehen.

Da mir sonst nichts einfällt, stelle ich mir vor, was eine Kandidatin bei RuPaul’s Drag Race tun würde, wenn sie gleich einen Lip-Sync-Battle verlieren würde und unbedingt eine spektakuläre Nummer abziehen wollte, und zwar schnell. Ich kann weder einen fliegenden Spagat noch einen Death Drop hinlegen noch mir die Perücke vom Kopf reißen. Aber ich kann etwas, das fast als Voguing durchgeht.

Ich mache energische Armbewegungen, als wäre ich eine schlecht gelaunte Fluglotsin – mein Waacking-Versuch. Dann gehe ich in die Hocke und versuche einen Duckwalk, was ich Ethan schon eine Million Mal mühelos habe machen sehen, doch mir wird schnell klar, dass meine Oberschenkel dafür nicht kräftig genug sind. Die Musik bricht abrupt ab, gerade als ich rückwärts auf den Hintern plumpse.

»Aufhören!«, schreit der Dolmetscher. »Miss Kong und S.A.Y. Entertainment danken dir für deine Zeit.«

Ich rappele mich völlig erniedrigt hoch, verbeuge mich in Miss Kongs ungefähre Richtung und murmele »Danke« in förmlichem Koreanisch: »Gamsahamnida.« Dann schnappe ich mir meine Gitarre und verlasse schnell den Zuschauersaal, wobei ich mir die Haare vors Gesicht ziehe, um zu verbergen, dass ich wahrscheinlich so rot bin wie ein Topf kochendes kimchi jjigae.

3

Anruf Unbekannt

Am Montag habe ich den ganzen Tag lang das Gefühl innerlich zu sterben. Ich kann mich weder auf Bio noch auf Englisch konzentrieren und das liegt nicht nur daran, dass auf meinem Handy ununterbrochen Spamanrufe von einer unbekannten Nummer eingehen, was mir Ärger mit meinem Biolehrer Mr Delacorte einbringt. In der Mittagspause kriege ich kaum zwei Bissen meines Hühnchen-Tetrazzini-Auflaufs herunter.

Warum habe ich das Casting nicht ernster genommen?

Alle zwei Sekunden wird mir von Neuem bewusst, dass diese ganze K-Pop-Geschichte mein Leben hätte verändern können. Ich hätte mich mehr anstrengen müssen. Warum habe ich versucht, einen Witz daraus zu machen?

Ich hätte wissen müssen, dass sie mich bitten würden zu tanzen. War doch klar. Ich habe mich benommen, als wäre ich zu cool für K-Pop, wenn ich eigentlich für absolut gar nichts zu cool bin. Mann, ich spiele Bratsche.

Nach der Schule gehen Imani, Ethan und ich zum Lebensmittelladen meiner Eltern – mit dem originellen Namen Park Family Store –, um für unseren Test in Weltgeschichte morgen zu büffeln. Abba bringt uns einen Teller von Ummas hausgemachten yakgwas. Wir verkaufen diese koreanischen Honigplätzchen, einer meiner Lieblingssnacks, im Laden und die Kunden sind ganz verrückt danach. Sie ziehen Fäden wie Toffee, sind klebrig wie weich gebackene Kekse und fettig wie Donuts. Imani und Ethan lieben sie auch.

»Oh ja, yakgwas sind jjang!«, ruft Imani und greift nach einem.

Abba lacht. Imanis Wertschätzung von allem Koreanischen bereitet meinen Eltern immer Freude. »Imani«, sagt Abba. »Hast du deine Bubble-Tea-Treuekarte?«

»Und ob ich die habe, Mr Park«, erwidert Imani und zieht eine unbenutzte Karte aus ihrer Tasche.

Seit wir im Laden Bubble Tea verkaufen – vermutlich die beste Geschäftsentscheidung, die meine Eltern je getroffen haben –, verteilen wir Stanzkarten: für zehn gekaufte Bubble Teas gibt es einen umsonst.

Abba nimmt Imanis Karte, stanzt gleich zehn Löcher auf einmal hinein und wirft die kleinen Papierfetzen wie Konfetti in die Luft. »Gratis-Bubble-Tea für Imani!«, jubelt er. Imani springt auf und ab und kreischt vor übertriebener Freude, während die Papierschnipsel auf den Tisch herunterregnen. Das ist ihr und Abbas Ding. Es ist so süß, dass mir davon schlecht wird.

Umma bringt Imani ihren kostenlosen Oolong-Milch-Bubble-Tea, ihr Lieblingsgeschmack, und einen Pfirsichtee für Ethan, der laktoseintolerant ist. Oben an den Strohhalmen lässt sie ein Stückchen Papier, sodass es wie eine Kappe aussieht – eine Umma-Eigenart. »Was schaut ihr drei euch da an?«, fragt sie.

»Nur ein paar K-Pop-Videos«, antwortet Ethan, bevor er einen Schluck von seinem Tee nimmt.

Als Teil ihrer »Rebel«-Welttournee hat SLK gerade ein Konzert in Singapur gegeben und überall auf YouTube tauchen Fancam*-Videos auf.

»Schon wieder? Candace, magst du so was auch?«, fragt Umma mit gekräuselten Lippen.

»Manche Sachen sind ziemlich cool«, murmele ich mit einem Schulterzucken.

Als sie sich wieder umdreht, funkele ich Ummas Hinterkopf böse an. Wenn sie mein Talent wirklich gefördert hätte, statt es wie ein beschämendes Geheimnis zu behandeln, wenn ich Gesangs- und Tanzunterricht gehabt hätte statt jahrelang unnütze Bratschestunden, hätte ich das nötige Selbstvertrauen gehabt, um bei dem Casting erfolgreich zu sein. Dann würde ich mich jetzt vermutlich darauf vorbereiten, einen Sommer in Seoul zu verbringen.

Abba lacht zustimmend. »Ich bin sehr überrascht, dass Candace koreanische Musik mag«, sagt er auf Englisch. »Ich denke immer, dass Candace ein durch und durch amerikanisches Mädchen ist.«

»Candace wird ein genauso großer K-Pop-Stan wie ich«, erwidert Imani glückselig.

Umma wirbelt mit beunruhigter Miene herum. Ich sehe schnell weg.

Imani zeigt uns ein paar Videos der SLK-Mitglieder Joodah und ChangWoo, die sich spielerisch auf der Bühne knuddeln. »Ahh, JooChangs Skinship* wird auf dieser Tournee voll der Trend«, sagt Imani, die die Namen der beiden Sänger zu einem zusammenfügt.

»›Skinship‹?«, wiederholt Ethan.

»Das kommt ins K-Wörterbuch!«, meint Imani und blättert zu den Seiten ihres Weltgeschichtehefts, auf denen sie »Imanis K-Pop-K-Wörterbuch für Fortgeschrittene« zusammenstellt mit dem ganzen Jargon und den Begriffen, die ich, jetzt, da ich beschlossen habe, eine begeisterte K-Pop-Anhängerin zu werden, kennen sollte.

Bei der Erinnerung an das Casting und daran, wie schnell ich von der Bühne gescheucht wurde, seufze ich laut. Ich möchte das Ganze aus meinem Gedächtnis streichen und mich auf meine jüngste Entdeckung konzentrieren: das MV für »Kill This Love« von Blackpink. Jedes Mal, wenn ich mir die vier Mädels in ihren unfassbar sexy Glitzeroutfits ansehe, wie sie so richtig alles geben, tanke ich neue Energie. Ich hole mein Handy aus der Tasche und schalte es ein.

»Ich habe siebenundvierzig Anrufe von Unbekannt«, sage ich.

»Wahrscheinlich ein Stalker«, meint Ethan. »Oder ein geheimer Bewunderer!«

»Geh nicht ran«, ruft Umma hinter der Theke. Auf Koreanisch fügt sie hinzu: »Heutzutage kann man fremden Leuten nicht trauen.«

Zwei Abende später bin ich über die Enttäuschung, dass ich das Casting in den Sand gesetzt habe, immer noch nicht hinweg. Da jetzt Prüfungen in meinen Kursen auf Collegeniveau anstehen, versuche ich, das Ganze aus meinem Kopf zu verbannen, aber bei dem Gedanken daran, dass ich ohne eine vorbereitete Tanznummer bei einem K-Pop-Casting aufgetaucht bin, möchte ich mir in den Hintern treten.

Beim Abendessen, bulgogi und ssam, dreht sich die Unterhaltung natürlich um Tommys und meine anstehenden Prüfungen. Ich seufze laut über die Vorhersehbarkeit des Gesprächs, während ich einen lockeren, unordentlichen ssam zusammenrolle.

»Warum seufzt du so frustriert?«, fragt Umma auf Koreanisch.

»Wegen nichts«, erwidere ich und seufze noch einmal.

Nach dem Abendessen schart Umma Tommy und mich um das Telefon für unseren wöchentlichen Mittwochabendanruf. Sie ruft Harabuji, unseren Großvater in Korea, über KakaoTalk-Video, Koreas beliebteste Nachrichtenapp, an. Ich stelle mich auf Zehenspitzen und Tommy geht in die Hocke, damit wir alle ins Bild passen. Tommy hat nach dem Baseballtraining noch nicht geduscht und stinkt nach Schweiß. Harabujis Gesicht wackelt auf dem Bildschirm.

»Annyeonghaseyo«,sagen wir im Chor.

»Uh«, sagt Harabuji mit seiner rauen Stimme. »Seid ihr das, Kinder?«

»Ja«, antworten wir in förmlichem Koreanisch.

Ich bin mir nicht sicher, ob das nur unser Harabuji macht oder alle alten Koreaner, aber ich habe es schon immer merkwürdig gefunden, dass Harabuji jedes Mal fragt »Seid ihr das?«, während er uns direkt ansieht. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir immer nur telefonieren und er uns nicht gut sehen kann. Das Handy zittert in seiner Hand. Er sieht anders aus als sonst – das Weiße seiner Augäpfel ist gelblich und seine Haut von einer gräulichen Blässe.

Harabuji zeigt auf seine Brust. »Na-neun nu-gu-jee?«,fragt er. Wer bin ich wohl?

»Harabuji«, antworten Tommy und ich im Chor.

Ein überraschter und erfreuter Blick tritt in Harabujis Gesicht. »Geureochi!«, brüllt er.

Geureochi bedeutet auf Koreanisch Genau! oder Guter Junge / Gutes Mädchen! Das sagt man zu kleinen Kindern, wenn sie etwas frühzeitig erlernen, wie allein einen schweren Wäschebeutel die Treppe heruntertragen.

Viel tiefgründiger sind unsere Unterhaltungen mit Harabuji nie, vermutlich wegen der Sprachbarriere. Es ist süß, wie Harabuji sich offenbar aufrichtig darüber freut, wenn wir ihn richtig als Harabuji identifizieren, auch wenn wir viel zu alt sind, damit das noch irgendjemand beeindruckend findet. Ich glaube, er wird nie aufhören, Tommy als Sechsjährigen und mich als Fünfjährige zu betrachten – so alt waren wir, als wir ihn das erste und letzte Mal bei unserem einzigen Besuch in Seoul persönlich getroffen haben.

Nachdem wir uns mehrmals voneinander verabschiedet haben, legen wir auf. Ich gebe Umma das Telefon zurück, die mit Abba in der Küche abwäscht. »Geht es Harabuji gut?«, frage ich. »Er wirkt ein bisschen … anders.«

Umma seufzt. »Harabuji ist sehr krank«, antwortet sie besorgt.

Ich warte darauf, dass sie mehr sagt. Wie krank ist sehr krank? Wird niemand ihn besuchen gehen?

Doch das ist scheinbar das Ende des Gesprächs. »Geh lernen«, sagt Umma. »Wenn du in Chemie nicht die Bestnote schaffst, kun-il natta.« Dann hast du ein Riesenproblem.

Nachdem ich ein paar Minuten lang lustlos in meinem Chemieübungsbuch geblättert habe, öffne ich YouTube für eine weitere Dosis K-Pop. Neben dem kleinen Glockenicon in der rechten oberen Ecke des Fensters ist ein roter Punkt. Ich habe eine neue Benachrichtigung. Jemand Neues hat zu meinem Video einen Kommentar hinterlassen.

Ich rufe es auf, mittlerweile hat es zwölf Aufrufe – das waren bestimmt alles Imani und Ethan und Leute, die mit ihnen verwandt sind. Die ersten beiden Kommentare habe ich schon gesehen:

ImaniCharles2003: YAS KWEEEEEEEN

EthanEmery627: Du bist meine koreanische Taylor Swift!!!!

Da ist jetzt auch ein dritter Kommentar, den ich noch nicht gesehen habe. Er ist von einem User namens S.A.Y. Entertainment. Und er ist auf Koreanisch.

Ich schlucke einen Liter Luft. Mein Herz rast, während ich die koreanischen Buchstaben langsam vor mich hin spreche (ich kann Koreanisch nur lesen, wenn ich die Lippen bewege). Nach einer Minute habe ich ausgetüftelt, was es bedeutet: Wir haben versucht, dich anzurufen, aber du gehst nicht ans Telefon. Hast du KakaoTalk?

Ich klicke auf den S.A.Y.-Entertainment-Usernamen, um sicherzugehen, dass es sich wirklich um S.A.Y. Entertainment handelt. Tatsächlich führt er mich auf den offiziellen S.A.Y.-Kanal – der Kanal, in dem sie die SLK-Musikvideos posten, alle mit über einer Milliarde Aufrufen.

Ich gehe zurück auf meine Videoseite, wo ich den Kommentar auf Englisch beantworte: »Sorry, dass ich eure Anrufe verpasst habe! Ich habe KakaoTalk nicht, lade es aber sofort herunter.«

Ich kann nicht fassen, was für eine Idiotin ich gewesen bin – die Anrufe von Unbekannt waren von S.A.Y.! Meine Finger zittern, als ich mir mein Handy schnappe und KakaoTalk herunterlade. Umma und Abba nutzen die App, um mit Harabuji in Kontakt zu bleiben, doch ich hatte nie einen Grund, sie zu installieren.

Im selben Moment, als ich KakaoTalk aktiviere, bekomme ich eine Benachrichtigung, die wie ein Baby klingt, das »Kuckuck!« ruft.

Mit freundlichen Grüßen.

Sie ist auf Englisch, aber von einem koreanischen Usernamen, den ich als »Kong YeNa« entziffere.

Es ist Managerin Kong von S.A.Y. Entertainment.

Hammer. Das kann nicht sein. Die Dame vom Casting. Die supergeschäftsmäßige Frau im Anzug, die kein Wort gesagt hat.

Annyeonghaseyo! tippe ich ungeschickt auf dem englischen Alphabet.

Ich gebe einen lautlosen Schrei ab und hüpfe in meinem Zimmer herum, während Managerin Kong wirklich lange tippt.

Schließlich:

Ich bin wieder in Seoul. Ich habe dein Casting-Video einigen Leuten im Unternehmen gezeigt.

Oh mein Gott. Ich wünschte mir wirklich, sie hätte das nicht getan.

Der Unternehmensvorstand war sehr interessiert. Hast du jetzt Zeit für ein Gespräch?

Habe ich das? Ich liege rücklings auf dem Boden und drücke die Füße gegen die Tür. Da es an meiner Tür kein Schloss gibt, ist das meine illegale Privatsphärensicherung.

Ich tippe: »Ja.«

Sofort klingelt mein Handy mit einer Singsangmelodie – ein KakaoTalk-Videoanruf. Ich halte das Handy übers Gesicht und nehme den Anruf an, in der Hoffnung, dass Managerin Kong es nicht merkwürdig findet, mich ausgestreckt auf dem Boden liegen zu sehen. Die Managerin erscheint auf dem Bildschirm – wie es aussieht, sitzt sie in einem hell erleuchteten Konferenzraum. Anders als bei unserer letzten, persönlichen Begegnung ist sie ungeschminkt und trägt ein lässiges schwarzes T-Shirt und eine Mütze.

»Annyeonghaseyo«, sage ich und strenge mich an, den Kopf zu einer Verbeugung anzuheben.

»Hallo, Candace«, antwortet sie auf Koreanisch. »Schön, dass wir endlich sprechen können.«

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Ich habe keine Probleme, Koreanisch zu verstehen, weil Umma und Abba immer in ihrer Muttersprache mit mir gesprochen haben, aber wenn ich selbst Sätze bilden muss, kann ich mir nur etwas zusammenstammeln – ich habe meinen Eltern mein ganzes Leben lang auf Englisch geantwortet.

Deshalb sage ich einfach »Neh«, das ist ein förmliches Ja und ein Allzweck-Gesprächspausenfüller.

»Ich war von deinem Vorsingen sehr beeindruckt«, sagt Managerin Kong. »Du hast eine sehr einzigartige und reine Stimme.«

»Gamsahamnida«, bedanke ich mich.

»Was dein Tanzen betrifft …«

Ich kichere entschuldigend. »Oh, das … tut mir leid«, schaffe ich in gebrochenem Koreanisch zu erwidern.

Managerin Kong grinst ein bisschen. »Dir fehlt es völlig an Skills, aber es hat mir gefallen, dass du dich zumindest bemüht hast. Das hatte Charme.«

Ich hebe den Kopf zu einer weiteren Verbeugung vom Boden.

»Wenn du dir Hoffnungen auf ein Debüt machst, wirst du natürlich sehr hart trainieren müssen. Bei S.A.Y. suchen wir niemanden, der bereits alle Starqualitäten besitzt. Wir suchen Kinder und Jugendliche mit Potenzial und lassen sie üben, üben, üben. Schon bald werden wir unsere allererste Girlgroup debütieren lassen. Ich möchte dir einen Platz in unserem Trainingsprogramm anbieten. Wir haben schon viele talentierte weibliche Trainees, doch unser CEO meinte, wir bräuchten noch eine koreanische Amerikanerin. Von mehr als dreitausend Leuten, die in New Jersey am Casting teilgenommen haben, hast du als Einzige unsere Kriterien erfüllt. Also, was sagst du?«

Managerin Kong spricht unglaublich schnell, knapp und prägnant. Auch wenn ich nicht jedes Wort verstehe, fülle ich in Gedanken die Lücken mit dem, was sie meiner Meinung nach sagt. Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr, während sie auf meine Antwort wartet, ohne sich bewusst zu sein, dass sie meine ganze Welt auf den Kopf gestellt hat.

Ich räuspere mich und sage: »Ähm … ich gehe noch zur Schule.«

Die kalte, harte Realität fällt mir wie ein Zeichentrickfilm-Amboss auf den Kopf: Nie im Leben würden mir Umma und Abba – aus welchem Grund auch immer – erlauben, Schulstunden ausfallen zu lassen oder zu verschieben, geschweige denn einen verrückten Ausflug nach Korea zu machen, um ein K-Pop-Idol zu werden. Abgesehen von Tommys Sportausrüstung, meinem bescheuerten Bratschenunterricht, Nachhilfestunden und Computer für die Hausaufgaben hat unsere Familie nie Geld für irgendwelche zusätzlichen Ausgaben, weil Umma und Abba jeden Dollar sparen, um mich und Tommy auf das beste College zu schicken, das uns aufnimmt.

»In welche Klasse gehst du, zehnte?«, fragt Managerin Kong ungeduldig.

»Ja.«

»Haben amerikanische Schüler nicht Sommerferien? Muss nett sein. Unser CEO will sich am Ende des Sommers für die endgültige Besetzung der neuen Boy- und Girlband entscheiden. Natürlich halte ich vier Monate Training bis zum Debüt für viel zu kurz, aber andere Idole haben das auch schon geschafft. Wenn es für ein Debüt nicht reicht, und das wird es wahrscheinlich nicht – nichts gegen dich persönlich –, kannst du zurück nach Amerika und mit der Schule weitermachen. Solltest du doch debütieren, können wir über deine Schulausbildung reden. In Seoul gibt es hervorragende internationale Schulen. Also?«

»Ähm.« Ich räuspere mich. »Kann ich erst einmal mit meinen Eltern sprechen und mich dann wieder bei Ihnen melden?«

»Na schön«, seufzt sie und wirkt genervt, dass ich nicht sofort zugestimmt habe, auf die andere Seite der Welt zu fliegen und mein Leben einem koreanischen Musikunternehmen zu überschreiben. »Wir können dir und einem Elternteil Flugtickets nach Seoul und eine Unterkunft anbieten – ein Trainee-Mehrbettzimmer für dich, eine Betriebswohnung für deinen Elternteil. Das Training wird dich nichts kosten. Deine Eltern können mich direkt anrufen, wenn du willst.«

Ich befeuchte meine trockenen Lippen. »Soll ich zu einer bestimmten Zeit zurückrufen?«

»Ruf an, wann du willst. Bei S.A.Y. schläft nie jemand.«

Ich versuche ihren Gesichtsausdruck zu deuten, um zu sehen, ob das ein Witz ist, aber sie hat schon aufgelegt.

Mir dreht sich der Kopf, ich rappele mich wieder hoch. Die ganze Woche habe ich gedacht, mein Leben wäre perfekt, wenn ich doch nur das Casting bestanden hätte. Jetzt, da ich es geschafft habe, wird mir klar, dass mir eine noch unmöglichere Mission bevorsteht: Umma davon zu überzeugen, mich gehen zu lassen.

4

Bae-Jjae-Ra

Als ich tags darauf Imani und Ethan nach der Schule die Neuigkeit erzähle, reagieren sie genau, wie ich erwartet habe. Sie schreien beide lauthals. Ethan macht einfach so einen Kopfstand. Imani schüttelt mich wie wild, während sie kreischt: »Ich habs gewusst, ich habs gewusst, ich habs gewusst, ich habs gewusst!«

Wir sitzen an unserem üblichen Lieblingsplatz auf dem Grashügel vor der Kantine. Es ist ein schöner, heißer Tag und es wimmelt nur so von allen möglichen saisonalen Allergien. Wenige Meter entfernt lassen ein paar Leute aus der Robotertechnik-AG ihre Roboter gegeneinander kämpfen.

»Freut euch nicht zu sehr«, sage ich. »Wie ich euch schon beim Casting erklärt habe, werden mich meine Eltern nie gehen lassen.«

»Süße, lass das«, erwidert Imani. »Das machst du immer, Candace.«

»Was?«

»Selbstsabotage«, antwortet Ethan.

»Selbst-was?«

»Selbstsabotage«, wiederholt Ethan. Er rappelt sich mit gerötetem Gesicht auf und nimmt seine Theatermonologstimme an. »Der Große RuPaul beschreibt Selbstsabotage als die Stimme in deinem Kopf, die deine Ängste schürt und dich davon abhält, die Dinge auszuprobieren, die du wirklich tun willst.«

»Hör auf Mutter RuPaul«, sagt Imani. »Und auf Ethan. Deine Selbstsabotage läuft wie von selbst.«

»Du hältst sie mit einer Kombi aus Ausreden und geringem Selbstwertgefühl am Leben«, witzelt Ethan.

Meine Freunde sind brutal.

»Oh, bitte.« Ich lache spöttisch, spüre aber Nadelstiche hinter den Augen. »So bin ich überhaupt nicht.«

»Ach, wirklich?«, fragt Imani mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Warum hast du dann das S.A.Y.-Casting nicht ernst genommen?«

»Und warum spielst du immer noch diese behämmerte Bratsche?«, schiebt Ethan hinterher.

»Ihr zwei kapierts einfach nicht«, protestiere ich. »Ihr kennt meine Mutter nicht.«

»Oh, doch, und sie ist buchstäblich eine Heilige«, gibt Imani zurück.

»Sie hat in ihrer Ausgabe von diesem echt heftigen Ratgeber über strenge chinesische Erziehungsmethoden alle Seiten markiert!«, wende ich mit wild wedelnden Armen ein.