14,99 €
Strafversetzt ins hessische Offenbach wird Kriminalhauptkommissarin Monika B. Schattenberg gleich am ersten Tag mit einem brutalen Mord konfrontiert: Unter den Betonstelzen einer Hochhausruine liegt die Leiche eines jungen Bulgaren. Bei den Ermittlungen trifft sie auf Elias Bartok, einer Gestalt aus ihrer Vergangenheit. Während sie versucht, den Fall aufzuklären, verfolgt er seine ganz eigenen Ziele in den dunklen Straßen der Stadt. EIN PACKENDER KRIMI VOLLER LOKALKOLORIT ÜBER MACHT, GELD UND DEN WIEDERERWACHENDEN FASCHISMUS.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ebook Edition
Klaus-Dieter Stork und Jonas Wollenhaupt
Kaiserlei, mon amour
Ein Offenbach-Krimi
Impressum
Mehr über unsere Autor:innen und Bücher:
www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-94677-861-5
1. Auflage 2025
© Fiftyfifty Verlag Imprint der Buchkomplizen GmbH, Siemensstr. 49, 50825 Köln
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt
Für Gabriele Maria
Für Renate
Titelbild
Jüdischer Friedhof Heusenstamm
Auf die richtige Seite des Mains
Kaiserlei Kreisel – die letzte Nacht
Spessartring 61, Offenbach Polizeipräsidium Südost
Handkäs und Faust am Main
Die drei Stelen am Nordring
Fitnessstudio Lauterborn
Der Bettlerkönig
Die Spinne im Omega Haus
Büro Schattenberg
Ein unerwartetes Wiedersehen
Angst im Heimathafen
Der nächste Tag
Nebel im Robert Johnson
Der USB-Stick und die Pizzeria
Der Verdacht
Blut am Nadelstreifen
Kampf am Monte Cassino
Ein starkes Team
Der wankende Polizeipräsident
Der Mercedes im Waldhof
Bossis letzte Fahrt
Waldzoo Offenbach
Jesus bei den Ariern
Das Geständnis
Dunkle Schatten im Bambuswald
Last Exit – Robotron-Achim
Der Tennis-Club des Polizeipräsidenten
Walküre in der Richard-Wagner-Straße
L’Abbate: mehr als Käse
Die Bombe im Aufsichtsrat
Jugoslawien, 1991
Hakenkreuz am Jüdischen Friedhof
Sommernachtstraum
Gift im Sana Klinikum
Die tiefen Spuren der Geschichte
Ladehemmung im Hauptbahnhof
Das Geheimnis des Maabärs
Der Empfang im Büsing Palais
Pourquoi Pas – Offenbach ist anders
Nachwort
Titelbild
Inhaltsverzeichnis
Eine schwülwarme Nacht, die den Schlaf raubt. Entfernte Blitze zucken am Himmel über dem Wald. Aber es regnet nicht. Als wollte der Himmel seine Tränen verweigern. Harald Hickl ist verschwitzt, sein Gesicht von Ästen zerkratzt. Aber er ist zufrieden.
Auf dieses Versteck im Wald, neben dem jüdischen Friedhof in Heusenstamm, der südlich von Offenbach gelegenen Schlafstadt nahe der A3, würde so schnell niemand kommen. Ein guter symbolischer Ort. Er lacht.
Das Grundstück wurde der jüdischen Gemeinde 1669 von Graf Melchior Friedrich von Schönborn geschenkt, dann 1938 von den Volksgenossen der SA zerstört und 1954 von der Stadt samt der historischen Mauer wieder errichtet. Harald hat sich informiert.
Drei Wochen ist er jede Samstagnacht in den Wald am Friedhof gefahren. Nahm immer nur so viele Teile mit, wie er tragen konnte und womit er, selbst wenn ihm jemand begegnet wäre, nicht aufgefallen wäre.
Nun liegen alle Waffen säuberlich getrennt in den drei Gruben. Links die Pistolen, in der Mitte die Gewehre, rechts die leicht zu montierenden Bombensätze. Ein Lager, das genügt, um ganz Offenbach ins Chaos zu stürzen. Haralds Augen funkeln voller Hass, aber auch Vorfreude. Die Sprengsätze, die flüchtenden Menschen, die türkischen Weiber mit ihren Kopftüchern, die Asylanten und Juden, die er kaltblütig abknallen würde!
Plötzlich raschelt es im Gestrüpp, ein Ast knackt. Harald erschrickt und dreht sich um. Ist da jemand? Hat ihn einer verfolgt? Hat er nicht aufgepasst? Er schaltet die Taschenlampe seines iPhones ein und sucht die Gegend ab. Nichts.
Harald wird nervös. War da wieder eine Bewegung? Vielleicht nur der Wind oder ein Tier? Er füllt die letzte Schaufel mit Erde und kippt sie schnell über das Versteck, verstreicht mit den Händen das Moos des feuchten Waldbodens, überprüft, ob seine Markierung steht und macht noch ein Foto. Jetzt aber schnell weg!
Er meint, leisen Atem hinter sich zu hören und beginnt zu laufen. Mit stechenden Rippen erreicht er seinen Ford Fiesta, den er in der nahen Jahnstraße geparkt hat. Er steigt ein, dreht den Zündschlüssel um und startet das Auto. Im Rückspiegel ist nichts zu sehen.
Inzwischen ist es fast drei Uhr morgens. Er gibt Gas. Er will jetzt schnell nach Hause; morgen muss er um sieben in der Werkstatt sein. Mit quietschenden Reifen fährt er auf die Frankfurter Straße, die Hauptstraße von Heusenstamm.
Ich muss ruhiger fahren, nicht dass mich noch irgendeine Streife anhält, denkt er. Hinter ihm ein Licht, anscheinend ein größeres Fahrzeug. Harald wird wieder nervös. Verfolgt ihn jemand? Er biegt nicht wie geplant nach Offenbach ab, sondern fährt geradeaus auf der Frankfurter Straße weiter. Erst an der Kreuzung am Gasthof Wildhof zieht er scharf an der gelben Ampel nach rechts Richtung Offenbach. Sollte ihm jemand gefolgt sein, hat er ihn abgehängt. Zumindest jetzt.
Am Wildhof reduziert er seine Geschwindigkeit. Hier hat er manchmal mit Opa und Oma gegessen, als er noch klein war. Das waren die wenigen schönen Momente in seiner Kindheit.
Der Opa erzählte ihm Geschichten vom Krieg, von der heldenhaften Wehrmacht und bestellte ihm ein kleines Jägerschnitzel mit Pommes und einen Saft. Danach fütterten sie draußen im Waldzoo die Tiere. Der Opa war gut zu ihm. Seine Eltern waren es nicht, seine drei Geschwister ebenso wenig. In der Schule war er mittelmäßig. Er lief so mit und schaffte gerade mal den Realschulabschluss. Freunde hatte er keine, bis auf Ralf, der aber meist mit Gras oder Hasch zugedröhnt war.
Mit sechzehn wollte er Automechaniker werden. Aber vor allem wollte er von zu Hause weg. Dort hatte niemand etwas dagegen. Ein Kostgänger weniger.
In Dresden, weit weg von Offenbach, fand er eine Lehrstelle. Die Mieten konnte er mit seinem Ausbildungslohn nicht bezahlen, also zog er aufs Dorf. Er kaufte sich ein gebrauchtes Moped. Auf dem Dorf gab es nichts, keine Kneipen, keine Discos, schon gar keine Jugendzentren. Bis die Kameraden kamen.
Die hatten ein altes Haus, in dem sie sich treffen konnten, Musik hören und Bier trinken. Leider ohne Mädchen. Die waren entweder in den Westen gegangen oder wollten nicht mitkommen. Die neuen Freunde vom Freien-Sachsen-Bund gaben ihm erst Comics und Musik, dann Bücher. Die Kameraden nahmen ihn ernst. Sie trainierten mit ihm im selbst gebauten Fitnessstudio und, als er besser integriert war, in den Wäldern, wo er schießen lernte.
»Unser Tag der Befreiung wird kommen. Wir werden unser Land zurückholen. Raus mit den Kanaken, den Asylanten, den Systemparteien und Opportunisten. Deutschland wird wieder deutsch.« Diese Sprüche hat er inhaliert.
Er fühlte sich angenommen, aufgehoben in der Kameradschaft, er lernte basteln, schießen und kämpfen für den Tag X. Der schlaksige, verpickelte junge Mann, der aus Offenbach nach Sachsen geflüchtet war, hatte eine Heimat und eine Berufung gefunden und er baute im Krafttraining Muskeln auf.
Nach der Lehre kehrt er dennoch nach Offenbach zurück. Sachsen war ihm zu langweilig. Und er hatte ein Ziel. Er sollte eine neue Gruppe aufbauen, am besten im Umfeld des Fußballs. Das entwickelte sich schwieriger als erwartet. Zwar gab es in der Szene der Kickers einen latenten, manchmal auch offenen Antisemitismus, vor allem in Derbys gegen Eintracht Frankfurt.
Doch es gab auch die Idioten des Fanmagazins Erwin, die einem »N**er« wie dem schwarzen Mittelstürmer Erwin Kostedde huldigten und links orientiert waren. Das passte Harald gar nicht.
Er hielt sich in der Szene erst einmal zurück. Er wollte nicht bei einer Fan-Schlägerei mit den Bullen aneinandergeraten. Viele von denen waren zwar offen für das Nationale. Aber beim Fußball machten sie kaum Unterschiede. Wichtiger ist das Waffendepot, denkt Harald. Wichtiger ist der Tag, an dem es losgeht. Die Fußball-Idioten sind zu unzuverlässig. Bei Dynamo Dresden gab es Strukturen, hier noch nicht. Das muss jetzt warten. Er setzt seine Prioritäten selbst.
Als sein Ford Fiesta an der Richard-Wagner-Straße in Lauterborn ankommt, dem nächsten Stadtteil, sieht er im Rückspiegel wieder das Licht. Ist es das gleiche Auto wie vorhin? Er parkt auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus, in dem er wohnt. Hier ist man anonym und bleibt es. Höchstens mal ein »Guten Morgen« spuckt der eine oder andere Mieter am Eingang oder auf der Treppe aus.
Morgens um neun öffnet die Kneipe Pilsstop. Da sieht er die zerfurchten Gesichter der besiegten alten deutschen Männer. Die beim ersten Gedeck Asbach-Cola von früher erzählen. Als sie beim Druckmaschinenhersteller Manroland noch richtig Asche verdienten. Heute beziehen sie Arbeitslosengeld und haben hart gearbeitet für nichts. Während Syrer, Iraker und Afghanen, Flüchtlinge, alles hinterhergeworfen bekommen, denkt Harald, und nur rumlungern und die deutschen Mädels belästigen. Der Zorn steigt ihm in den Hals. Das wird ein Ende haben. Sehr bald.
Erste fette Wassertropfen klopfen an die Scheibe. Ein Gewitter. Harald springt aus dem Wagen, rennt zur Haustür, dreht den Schlüssel im Schloss und steigt in den zweiten Stock, wo seine kleine Wohnung liegt. In der Küche trinkt er ein Glas Wasser. Im Unterschied zu seinen Kameraden lebt er inzwischen aus Disziplin in Abstinenz. Im Befreiungskampf hilft der klare Kopf. Das hat ihm sein Kontaktoffizier eingetrichtert.
Das Licht von vorhin, da war niemand. Ich bin zu nervös, beruhigt er sich selbst. »Wird Zeit, dass es losgeht. Länger lass ich mich nicht vertrösten. Der 20. Juli steht. Ob mit oder ohne die anderen.« Harald hat keine Angst vor dem Kampf, keine Angst vor dem Tod. Er ist bereit, ein nationaler Held zu werden.
Der letzte Tag. Adickesallee 70, Polizeipräsidium Frankfurt am Main, Kriminalhauptkommissarin Monika B. Schattenberg fährt mit ihrem alten Peugeot 307cc vor. Sie parkt nicht wie gewöhnlich beim Personal, sondern auf dem Besucherparkplatz.
Sie öffnet die Fahrertür, wirft die Kippe auf den Boden, steigt aus und friert. Obwohl es im Juli um kurz vor acht Uhr bereits sonnig und warm ist. Weder ihr T-Shirt noch die dünne schwarze Lederjacke wärmen. Wie auch, wenn sie ahnt, dass dies der letzte Tag ist und ihre Degradierung bevorsteht?
Mo – so nennen sie ihre Freunde und Kollegen –, seit drei Jahren Hauptkommissarin, will es schnell hinter sich bringen. Sie springt die Treppen hoch, als wäre sie auf der Flucht. Ihr Kopf schmerzt, sie hat das Frühstück ausfallen lassen, nur zwei Espresso rasch heruntergekippt, aber das ist jetzt egal.
Aufzug, dritter Stock, ihr Weg führt zum Abteilungsleiter, der ihr wahrscheinlich offiziell die Versetzung mitteilen wird.
Der Gang ist leer, die Zimmertüren verschlossen. Niemand da von den Kollegen der Kriminalinspektion 60, der sie angehört und die hauptsächlich für organisierte Kriminalität zuständig ist.
Zimmer 310. Holger Krone, der Abteilungsleiter Organisierte Kriminalität und Wirtschaftsverbrechen, öffnet die Tür. »Guten Morgen Frau Schattenberg, schön, dass Sie da sind«, wird sie von ihm gegrüßt. »Herr Müller vom Personalrat wird an unserem Gespräch teilnehmen. Sie kennen sich ja.«
Klar kennt sie Martin Müller, ehemaliger Streifenpolizist im Frankfurter Taunus-Vorort Kronberg, der sich hochgearbeitet hat, oder wie Mo es ausdrücken würde, nach oben gebuckelt. Jetzt, mit fünfundfünfzig Jahren, ist er als freigestellter Personalrat angekommen, ein Traumjob, nach dem er sich immer gesehnt hat. Umso umgänglicher ist er für die Führung der Polizei. Ihm hat Mo zuerst die WhatsApp-Nachrichten gezeigt. »Schlimm, da müssen wir was tun«, meinte er kurz.
Er wolle sich darum kümmern. Was natürlich nie geschah.
Nun sitzt er in entspannter Haltung mit seiner ganzen Korpulenz im zweiten Sessel. Von ihm bekommt sie gewiss keine Unterstützung, geschweige denn Solidarität.
»Ja, Kollegin Schattenberg, wir sind kurzfristig zusammengekommen, um über Ihre Perspektiven zu sprechen.« Krone ist keiner, der lang um den heißen Brei herumredet. Er ist eine klassische Führungskraft der hessischen Polizei, vierzig Jahre alt, ehrgeizig, mit den Richtlinien vertraut, vorsichtig und bedacht darauf, keine Steine in den Weg gelegt zu bekommen. Schon deshalb ist Krone nicht besonders gut auf Mo zu sprechen. Denn sie hat ihm ganze Berge vor die Tür gestellt.
»Sie wissen ja selbst, dass das Klima in Ihrer Abteilung angespannt ist«, sagt Krone. »Die Kollegen vermuten, dass Sie die Nachrichten an die Medien durchgestochen haben. Natürlich gehen wir beide davon aus, dass dem nicht so ist.« Er macht eine kurze Pause. »Aber Sie wissen selbst, wie hartnäckig Gerüchte sind. Und wir spüren beide, wie die Chemie gestört ist.«
Müller nickt. »Dass rechtsextreme Chats die Kollegen und die gesamte hessische Polizei unter Generalverdacht bringen, ist doch leider wahr. Natürlich darf das nicht sein«, ergänzt er.
Was eigentlich?, denkt Mo. Die Rechtsextremen in der Polizei oder das beschädigte Ansehen?
»Wir werden das zügig und nachhaltig aufklären«, unterstreicht Krone. »Die hessische Polizei hat für so etwas kein Verständnis. Auf der anderen Seite, es sind junge Burschen. Wir müssen da auch abwägen.«
Mo drückt ihren Rücken durch: »Kopf hoch, nicht die Hände.« Das hat ihre Mutter immer zu ihr gesagt, als sie in der Schule als »Balkan-Schlampe« gehänselt wurde. Es ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb ist ihre Disziplin legendär, in der Schule, im Studium und auf der Polizeihochschule, die sie mit Bravour bestanden hat.
Auch Krone ist jetzt beeindruckt. Ihre Augen wechseln situativ die Farbe von hellbraun auf dunkelbraun, mal offen und neugierig, mal fokussiert und durchdringend wie bei einer Vernehmung.
»Wie sieht denn meine Perspektive aus?«, fragt Mo, wohlwissend, dass sie keine wirkliche hat.
»In Offenbach ist die Stelle des Hauptkommissars zu besetzen«, erläutert Krone. »Wir denken, nach all der Aufregung ist das eine gute Perspektive, wo Sie und wir alle zur Ruhe kommen.« Er lehnt sich zurück. »Die Kollegen sind nett. Die freuen sich auf qualifizierte Unterstützung und sind bereits informiert. Sie haben zwei Assistenten und eine Sekretärin, die Ihnen den Rücken freihält.«
In Mos Kopf rattert es. Sie erinnert sich an ihre letzte Reise zu einer Fortbildung nach Berlin, die über Offenbach führte. Die obligatorische Durchsage des Zugführers am Bahnhof in Offenbach. »Leider müssen wir aufgrund einer technischen Störung circa dreißig Minuten warten. Das betrifft auch die Heißgetränke im Bordbistro. Wir bedauern diese Unterbrechung. Ich informiere Sie, sobald es weitergeht.« Mo schnaufte tief durch. »Dann gehe ich mir hier am Bahnhof einen Kaffee holen«, murmelte sie vor sich hin. Ihr Sitznachbar lächelte sie freundlich an. »Das können Sie vergessen. In diesem Bahnhof gibt es nichts. Kein Café, kein Brötchen, zero, null, nicht mal einen funktionierenden Automaten. Außerdem kommen Sie gar nicht aus dem Zug. Früher war der Bahnhof mal das stolze Eingangstor der Stadt. In der industriellen Blütezeit erbaut im Art déco. Aber heute lässt man ihn verfallen. Die Bahn und Offenbach, beide tun nichts. Bei der Bahn zählt seit diesem Mehdorn-Wahn nur noch Rendite. Und Offenbach ist so gut wie pleite«, beendete er sein Kurzreferat, fügte aber doch noch hinzu: »Ich habe Architektur studiert. Mit tut es in der Seele weh, wenn ich dieses an sich großartige Gebäude bei meinen Reisen sehe.« »Das ist nicht wirklich ermutigend, aber trotzdem danke für die ausführliche Schilderung«, erwiderte Mo.
Sie hört auf, an die Reise zu denken und blickt wieder in die Gesichter von Krone und Müller. Ausgerechnet Offenbach! Mo hat mit Wiesbaden, Kassel oder Marburg gerechnet, vielleicht noch ein verschlafenes Kaff wie Rüsselsheim. Aber Offenbach?!
»Das wird dir guttun«, sekundiert Müller, dem sie das Du nie angeboten hatte. »Da hast du keine großen Verbrechen. Vielleicht klaut irgendwer dem Dönerläden mal ein paar Fleischspieße oder Fladenbrote. Die sind ja jetzt richtig teuer und begehrt; die Linken fordern schon Preisbremsen und Gutscheine.« Er lacht, bis ihm die Tränen in den Augen stehen. »Ab und zu hast du vielleicht ein bisschen Ärger mit Bulgaren, Rumänen oder Zigeunern, wenn die mal wieder einen Luxusschlitten geklaut haben, aber das kriegt ihr schon hin.« Müller grinst selbstgefällig. »Da bin ich fest von überzeugt! Du kommst ja aus Bosnien, oder? Du kennst die also.«
Einen kurzen Moment überlegt Mo, ob sie nicht ihre Dienstmarke auf den Tisch knallen und hinzufügen sollte, »Das wars.«
Aber dann setzt sich ihre Disziplin durch. »Okay, wann soll ich anfangen?«, fragt sie.
»Am besten heute Mittag so gegen zwölf. Da sind die Kollegen im Revier und Sie können sich in der Kantine kennenlernen«, erwidert Krone, der »Kolleginnen und Mitarbeiterinnen« in seinem Sprachgebrauch nicht vorsieht.
»Okay, dann fahre ich gleich los«, sagt Mo und steht auf.
»Ich will Ihnen noch einmal versichern, dass ich Ihre Arbeit sehr wertgeschätzt habe«, versucht Krone sich versöhnlich zu verabschieden. Wertschätzung, ein Begriff, den er beim letzten Führungsseminar gelernt hat und meint, nun optimal eingesetzt zu haben.
Mo nickt und hört noch im Rausgehen den Personalrat Müller rufen: »Alles Gute und viel Erfolg in Offenbach.« Das klingt so, als ob jemand einem nach der Entlassung auf die Schultern klopft und meint, wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue.
Langsam geht Mo über den Gang. Die Türen der Kollegen sind immer noch verschlossen. Die wollen ihr nicht einmal ein Auf Wiedersehen mit auf den Weg geben.
Nicht mal der feiste Holger, der sich als Feierbiest bezeichnet und gerne ungefragt Reden über Gott, die Welt und den Korpsgeist der Kripo zum Besten gibt. Dem sie auch die WhatsApp-Nachrichten, die sie mehr oder weniger zufällig bei einer Recherche zu rechtsextremen Zellen in Hessen entdeckte, gezeigt hat.
»Ach, das sind doch nur Kinderstreiche«, hat Holger damals gemeint. »Das darfst du nicht so ernst nehmen. Bei dem Frust, den wir jeden Tag erleben, haut man halt mal ein ›Sieg Heil‹ unbedacht raus, wenn man gerade so einen schmierigen kleinen Marokkaner mit ein paar Kilo Kokain dingfest gemacht hat. Und so ein kleiner Judenwitz darf doch auch mal verbreitet werden. Die machen ja auch selbst Witze über sich.«
Mo kommt zum Ende des Gangs, vorbei an Zimmer 312, in dem ihre liebste Kollegin sitzt. Kerstin Herzog, IT-Expertin, früher bei amerikanischen und europäischen Großbanken beschäftigt und vor drei Jahren zum gleichen Zeitpunkt wie Mo bei der Kripo gelandet. Die Tür steht offen. Mo will kurz zum Abschied winken, aber da ist Kerstin schon an der Tür.
»Komm rein, Schätzchen. Du kannst doch nicht einfach so verduften.« Sie umarmt Mo, die mindestens einen Kopf größer ist als sie, drückt sie fest an sich und streicht über ihr Haar.
»Du hast alles richtig gemacht und die aufgeblasenen Gockel hier auf dem Gang alles falsch. Aber manchmal ist das halt so. Jetzt sind unangenehme Wahrheiten endlich ans Licht gekommen. Und da brauchen die eine Schuldige. Da bist du genau die Richtige: erstens Frau, zweitens klüger als die meisten dieser Bonsai-Machos und drittens auch noch konsequent in deiner Haltung. Das passt nicht zu einem hierarchischen Laden wie dem BKA.«
Mo nickt.
»Und ich habe noch ein Geschenk für dich«, lacht Kerstin. »Offenbach ist nämlich gar nicht so schlecht, wie die Frankfurter tun.« Damit überreicht sie ihr einen Autoschlüsselanhänger mit dem Wappen von Offenbach, das mit dem Eichbaum. »Damit du mit deiner Schrottkarre den Weg findest.« Danach holt sie ein kleines Etui aus ihrer Jackentasche. »Das ist auch für dich.«
Mo öffnet es und sieht die Freundin an. »Ohrringe? Aber ich trage doch gar keinen Schmuck. Und auf Männersuche bin ich ohnehin nicht.«
Kerstin grinst. Sie ist in der Arbeitsgruppe TIJ – Technische Innovation Jetzt, wo die neuesten Geräte ausprobiert werden. Viel Kitsch, aber manches ist tatsächlich innovativ und sogar praktisch. »Das ist nicht nur ein Schmuckstück. Mach sie mal auf«, sagt Kerstin.
Mo öffnet an der Seite der zwei kleinen Perlen einen der beiden Klipse. Sie sieht einen kleinen Punkt. »Ist der aus Stahl?«, fragt Mo.
»Das ist ein neues heißes Ding aus unserer Techno-Disco. Ist in meine Handtasche gefallen«, lächelt Kerstin, die es mit den Vorschriften im Dienst der Gerechtigkeit nicht immer ganz genau nimmt. Zumal dort Dutzende von den Dingern unbeachtet herumliegen.
»Wenn du Bluetooth einschaltest und sie anlegst, überträgt die Perle alle Gespräche und Geräusche aufs Handy. Mein Gefühl sagt mir, irgendwann wirst du das brauchen. Und mich brauchst du bestimmt auch irgendwann mal, mit Finanzen und Banken hast du es ja nicht so.«
Das stimmt. Mo nimmt die Ohrringe und gibt Kerstin einen Kuss auf die Stirn. »Danke, ich werde mich sicher bei dir melden. Schön, dass wenigstens eine mich vermissen wird.«
Sie winkt Kerstin im Weggehen noch zu, dann laufen ihr doch noch eine paar Tränen über die Wange. Am Parkplatz steckt sie sich eine Marlboro an. Sie zieht zweimal tief den Rauch ein und wirft die Zigarette weg. Rauchen ist ihr Laster, aber sie liebt es.
Der Offenbacher Kaiserlei, über den sie nun fahren wird, dieser riesige, unfassbar breite Verkehrskreisel unter der Autobahn zwischen Frankfurt und Offenbach, der beide Städte verbindet, ist ihr Tor zur Neuen Welt. Sie ahnt nicht, dass am Kaiserlei drei niemals fertiggestellte Hochhäuser, von den Offenbachern die drei Stelen genannt, mit einem Rätsel auf sie warten.
Victor Borisow hebt mit letzter Kraft seinen Kopf. Sein Gesicht ist blutverschmiert. Aus der Nase läuft das Blut in Strömen, die Augen schmerzen, er winselt um Gnade. »Nein, nein, bitte nicht!«
Doch der Schlag trifft direkt seine Schläfe. Er kippt nach links, röchelt und wird still. Ihm wird schwarz vor den Augen. Es ist seine letzte Nacht. Er wusste viel und das wollte er sich gut bezahlen lassen. Er hat Besprechungen heimlich mitgehört. Hier lief ein großes Ding. Und er wollte zwar nicht die ganze Bäckerei, aber wenigstens ein schönes Stück vom Kuchen. Um endlich ein besseres Leben zu führen.
Aber mit dreiunzwanzig Jahren erleidet Victor, der sich für den ewigen Sieger hält, seine endgültige Niederlage. Nie mehr Bulgarien, nie mehr Baustellen und Hungerlöhne, dafür Spielcasino, Anzüge und Champagner, das war der Plan.
Er fühlte sich sicher. Er wollte hunderttausend Euro, sein kleines Stück vom Glück. Damit hätte er seine Schulden bezahlen und neu beginnen können.
Jetzt liegt er reglos auf dem Boden. Der Sand färbt sich rot unter den drei Stelen, die seit Jahren unfertig in den Offenbacher Himmel am Kaiserlei ragen.
Ein letztes Stöhnen, bevor Victors ewige Nacht beginnt. Aus seiner Narbe, geformt wie ein verbogener Blitz, tropft noch das Blut, läuft wie ein kleines Rinnsal die Stirn hinunter. Der Tote spürt es nicht mehr.
Tempo dreißig wegen der Bodenwellen vor dem Polizeipräsidium – das fängt ja gut an, denkt Mo. Immerhin, das neue Präsidium, vor ein paar Jahren erst fertiggestellt, erscheint ihr nutzerfreundlich. Es hat sogar Innenräume zum Verweilen sowie eine Kindertagesstätte. Sie stellt ihr Auto ab. Und genug Parkplätze sind hier ebenfalls vorhanden.
Sie meldet sich an der Rezeption an. Freundlich weist ein Beamter ihr den Weg in den ersten Stock, Zimmer 112. Ihr neuer Arbeitsplatz. Dahin kann sie zu Fuß und muss nicht jedem Kollegen im Aufzug einen »Guten Morgen«, oder schlimmer noch, »Mahlzeit« beim Gang in die Kantine wünschen. Sie hasst dieses Mittagsritual. Als ob es danach nie wieder etwas zu essen gäbe.
Sie nimmt die paar Stufen locker bis zur Abteilung Kapitalverbrechen und Mord. Die Kollegen warten bereits. An ihrem zukünftigen Zimmer hängt ein kleines Banner.
»Mit Leidenschaft und Herz statt Geld und Kommerz.«
Mo hat keine Vorstellung, auf was sich dieser Spruch bezieht. Die Tür ist nur angelehnt. Offensichtlich sind die Kollegen schon versammelt. Mo klopft leise und stößt die Tür ganz auf.
»Willkommen in Offenbach, Kriminalhauptkommissarin Schattenberg«, begrüßt sie ein schlanker Mann, mindestens um die 45 Jahre alt, groß gewachsen mit einer etwas altmodischen Brille. Er trägt Anzug, was ungewöhnlich für die Kripo Offenbach ist. »Mein Name ist Eberhard Dorn und neben mir steht unsere gemeinsame Assistentin Heidi Helm. Der Kollege Serkan Inouglo ist noch unterwegs, dürfte aber gleich kommen.«
Heidi Helm ist der Prototyp einer Assistentin, aber auch einer fleißigen Kantinenbesucherin, Mitte fünfzig, locker zwanzig Kilo Übergewicht, aber durchaus gelenkig. Um den Hals trägt sie eine klare Botschaft; trotz fünfundzwanzig Grad Außentemperatur einen rot-weißen Seidenschal, die Vereinsfarben der Offenbacher Kickers.
»Danke für die freundliche und herzliche Begrüßung mit dem engagierten Text auf dem Banner! Darf ich fragen, ob er eine besondere Bedeutung hat?«, fragt Mo.
»Das ist das Motto von Offenbach«, erklärt Heidi. »Wir hatten das Banner beim Derby im DFB-Pokal gegen die Eintracht Frankfurt auf der Waldemar-Klein-Tribüne dabei. Wir ticken hier klar und ohne Schickimicki-Getue«, fährt sie fort, während sie ihren OFC-Schal ablegt, weil es ihr nun doch heiß wird. Damit sind die Positionen geklärt.
Bevor Eberhardt etwas Beschwichtigendes hinzufügen kann, klingelt das Telefon im Büro von Heidi und Serkan nebenan.
»Ich gehe mal kurz dran«, sagt Heidi und verschwindet auch schon. Die Tür lässt sie offen. »Ja, Serkan, sie ist schon da. Ich sag es ihr gleich. Soll Ebi auch dabei sein?«
Kurz darauf läuft Heidi aufgeregt zurück.
»Kaum kommt Frankfurter Besuch« – Mo ist leicht irritiert über diese eigenwillige Interpretation ihres Erscheinens – »schon gibt es einen Mord«, schnaubt Heidi schwer atmend und fügt hinzu: »Am Siemens-Haus, an den drei Stelen, liegt ein Toter. Serkan ist schon dort. Mit dem Mittagstisch wird das wohl nichts. Dabei gibt es endlich mal wieder Schnitzel mit Pommes.«
Mo hat zwar den ganzen Tag noch nichts gegessen, aber bei fünfundzwanzig Grad nicht unbedingt Appetit auf ein Schnitzel.
»Dann werden wir uns das mal mit der gebotenen Leidenschaft ansehen«, stellt sie mit einem Lächeln klar. »Kommen Sie mit, Herr Dorn? Oder wollen Sie erst lecker essen gehen?«
»Ich fahre mit.« Dorn steht bereit, wenn er gebraucht wird.
Der 36-Jährige Elias Bartok steht am Offenbacher Mainufer und schaut auf das Wasser und die invasiven Nilgänse, die aggressiv ihr Revier gegen heimische Enten verteidigen. In Offenbach wurde er geboren, hier kennt er jede Ecke. Überall ist er schon mit seiner Großmutter spazieren gewesen, die nach dem Krieg mit ihrem Mann aus dem italienischen Kampanien hierherkam. Sie erzählte dem kleinen Elias, wie sie als 14-Jährige mit ihrer Mutter im Widerstand gegen die Faschisten gekämpft hatte. Elias erinnert sich noch gut an ihre Lieblingsgeschichte, die sie oft zum Besten gab, wenn sie nach dem Essen ein Glas Averna getrunken hatte; wie sie während der berühmten Vier Tage von Neapel als Siebenjährige nachts mit ihrer Mutter durch die dunklen Gassen gestrichen ist, als sie Glassplitter auf die Straßen streute und Telegrafenmasten zerstörte, um die deutschen Besatzer zu sabotieren.
Offenbach war für die Familie die richtige Stadt: Arbeit, Freiheit, Wohlstand. Auch wenn die Großmutter eigentlich einst wegen der Verheißung des damaligen Roten Offenbach gekommen war.
Häufig musste sich die Großmutter um Elias kümmern. Als sie vor ein paar Jahren starb, gab sie ihm ein Medaillon am Sterbebett. Es ist das Einzige, was er noch von ihr hat. Seine Mutter arbeitete als Putzfrau in den Offenbacher Fabriken, nachts, am Tag musste sie schlafen. Elias’ Vater schuftete als Arbeiter bei der Schuhfabrik Eduard Rheinberger an der Berliner Straße, später wurde er Betriebsrat. Bis die Werksschließung kam. Das hat er nicht ertragen. Die Polizei ging von Suizid aus, Elias allerdings glaubt immer noch, dass es Mord war, auch wenn er dafür keine Beweise hat.
Von seinen Eltern hat er gelernt, nicht zu jammern, sondern etwas zu tun. Nach dem Studium an der Goethe-Universität in Frankfurt, wo er sich zumeist in linken Zirkeln aufhielt, kam er nach Offenbach zurück. Er wollte etwas verändern. Heute trainiert er Jugendliche in Kampfsportarten, arbeitet auf Honorarbasis für NGOs und hält Vorträge über die Geschichte der Arbeiterbewegung an der Volkshochschule. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit Gelegenheitsjobs, immer bei ihm ist sein Hund Gustav, ein schwarzer Labrador, den er als Welpe im Griechenland-Urlaub gerettet hat.
An diesem Nachmittag liegt der Geruch von Grillfleisch und verschüttetem Bier in der Luft. Neben dem alten Spielplatz, wo die Eichen kaum Schatten spenden, geraten zwei Gruppen aneinander: junge Männer aus dem Kosovo, Bulgarien und Rumänien, die seit Wochen auf der Baustelle am Aliceplatz malochen und voll aufgedrehte Musik hören, und ein Verein aus Lauterborn, denen das Gedröhne beim Grillen zu laut ist.
»Ey, mach mal leiser, Alter!«, ruft einer aus der Lauterborn-Gruppe, die Kickers-Trikots tragen.
Der Kosovare, stämmig wie ein Kühlschrank, grinst.
»Komm doch her, wenn’s dir nicht passt.«
Elias beobachtet die Szene aus ein paar Metern Entfernung; Gustav liegt zu seinen Füßen und schnauft. Elias kennt diese Stimmung: zu viel Sonne, zu viel Bier, zu wenig Geduld. In Offenbach reicht oft ein falsches Wort, und schon fliegen die Fäuste. Er erinnert sich an seine eigene Jugend: die Nächte am Main, als er mit Freunden auf den Bänken saß, die ersten Kippen, die ersten Kämpfe – und das Gefühl, irgendetwas verteidigen zu müssen. Damals war er wütend auf alles: die Stadt, die Schule, die Polizei. Heute beobachtet er lieber die Wut der anderen.
Auch wenn Elias gegen Gewalt ist, er kann den Blick nicht abwenden. Die rohe Energie, das Adrenalin, das Aufbäumen gegen die eigene Bedeutungslosigkeit – es fasziniert ihn immer noch. Die ersten Schubser sind noch harmlos, dann ein dumpfer Schlag, ein Bulgare fliegt über den halben Grillplatz. Die beiden Gruppen werden lauter, eine Bierdose fliegt. Elias’ Herz schlägt schneller. In der Ferne, in Frankfurt, sieht er die Europäische Zentralbank, die majestätisch über allem thront, als wollte sie demonstrieren, dass so eine Trutzburg des Kapitals auch auf der anderen Seite des Mains herrscht – und noch weiter.
Elias denkt an sein Selbstverteidigungstraining und den ersten Grundsatz, den er selber immer predigt: Wegrennen! Dennoch verspürt er in dem Moment Lust, mitzumischen. Erst einmal aber bleibt er stehen und ermahnt sich: nie mit dem Rücken zum Fluss stehen. Immer die Ausgänge im Blick behalten. Gustav hebt kurz den Kopf, als wollte er fragen, warum sein Herrchen so gebannt zusieht. Elias lächelt. »Komm, wir gehen. Das hier endet eh wie immer.« Er dreht sich um, während hinter ihm die Schreie lauter werden. Offenbach eben – rau, ehrlich, ungeschminkt. Elias hadert ein paar Sekunden mit sich selbst. Dann wendet er sich der Schlägerei wieder zu. Er kann nicht anders.
In diesem Moment torkelt ein mit chinesischen Schriftzeichen tätowierter Mann auf ihn zu, der getroffen wurde. Zum Glück wird sein Fall durch mehrere Schichten ungesunden Bauchfetts abgebremst. Sein Angreifer wischt sich die blutige Faust ab. Auf sein Opfer am Boden tritt er nicht mehr ein – Schläger-Ehre, wie es sie kaum noch gibt.
Elias zieht nur die linke Augenbraue hoch, er wirkt, als hätte er es nicht nötig, den Geschehnissen seine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Gleichzeitig jedoch analysiert er die Situation, wie immer: ruhig, klar, kalkulierend. Gustav, Elias’ Labrador, schnüffelt kurz an der Glatze des Mannes am Boden, schnaubt abfällig und setzt sich gelangweilt wieder hin. Er hat solche Szenen schon oft erlebt.
Nun drückt Elias seine Kopfhörer etwas tiefer in den Gehörgang, die tiefen Bässe lassen seinen Kopf mitnicken. Er singt leise zur Musik: »06 – 069 – cho«, ein Song eines Offenbacher Rappers, der bekannteste Sohn der Stadt. Trotz der Hitze trägt er seine offene Adidas-Trainingsjacke über dem T-Shirt. Die Haare sind kurz, vor allem an den Seiten. Auf seinen verschränkten Armen sind Tätowierungen zu erkennen.
Für sein Leben gern beobachtet Elias dusselige Amateure bei ihren Raufereien. Die Nachmittage über dreißig Grad, wenn sich die Offenbacher Stadtluft aus Asphalt und Gummiabrieb am Main mit dem Geruch von verbrannten Würstchen und billigem Alkohol vermischt, treiben ihn oft ans Mainufer. Hier vermischt sich die Stadt, je näher Frankfurt ist, desto mehr zeigen sich schicke Hochhäuser und hippe Cafés. Am Main lässt sich noch Männlichkeit beobachten.
Nie sind die Männer so frei wie bei einer Schlägerei. Keine Moral, kein Gesetz und keine Sorgen, von denen es genug gibt in Offenbach. Sich einfach im Hier und Jetzt prügeln. Elias gefällt der Gedanke. Auch heute ist wieder so ein Tag, an dem sich die Luft des Offenbacher Mainufers mit dem beißenden Geruch von Schweiß und Aggression mischt, begleitet vom dumpfen Dröhnen der Faustschläge.
Nun sieht er einen Mann mit einem Energy-Drink in der rechten Hand; er haut mit links rhythmisch auf seinen roten Bauch und brüllt. »Ich hau dir auf die Fresse, du Arschloch!«
Der Mann holt mit seinem Arm weit aus, um mit seiner Dose in der Hand das Gesicht seines männlichen Gegenübers umzugestalten, dabei bringt er seine gesamte, nicht unerhebliche Körpermasse in Bewegung. Der Haken mit der Dose verfehlt sein Ziel, doch der Schwung treibt ihn unaufhaltsam voran. Mit einem lauten Klatschen prallen die beiden Männer aufeinander.
Elias zieht sein Handy hervor und tippt schnell hinein: »Massige Gegner können ihre Angriffe nicht stoppen. Seitlich nach hinten ausweichen und das Kreuzband anvisieren. Angreifer schnell dysfunktional machen.« Während er tippt, fragt er sich kurz, ob seine kalte Analyse dieser Gewalt gegenüber diesen weniger Privilegierten nicht Klassismus ist. Dann schiebt er den Gedanken beiseite, ein kleines Unbehagen bleibt aber. Die akademische Distanz zum Leid der Menschen hat er aus Frankfurt. Er beendet die Notiz mit einem zufriedenen Lächeln.
Gustav schließt die Augen, es langweilt ihn alles, bemerkt Elias. Unterdessen verkeilen sich beide Widersacher und brüllen sich an; sie wirken wie Zweijährige mit dem zehnfachen Körpergewicht.
Die Frauen der Schläger haben sich an den Rand zurückgezogen, auf eine Zigarette. Sie gestikulieren, als könnten sie die Gewalt mit Vernunft und Gesprächen noch stoppen. Die Normalität der Schlägerei verwundert selbst Elias. Nun läuft eine Gruppe von Exil-Frankfurtern vorbei, die wegen der günstigen Mieten in Offenbach wohnen. Sie sind daran zu erkennen, dass sie in ihren sauberen Sachen leicht overdressed sind.
Die Frauen ignorieren die Frankfurter. Lieber kommentieren sie die Schlägerei, als wäre das ein sportlicher Wettkampf, als würde das jede Woche passieren und als hätte es der eigene Mann eigentlich auch mal verdient, eine ordentliche Schelle zu bekommen.
Während sich die Lage zu einer Massenschlägerei entwickelt, läuft ein bärtiger, hagerer Mann mit langen Haaren in die Mitte und fixiert die Kämpfenden. Er scheint gegen die ansteckende Aggression immun zu sein. Elias fällt er sofort auf, irgendwoher kennt er ihn. In dem Getümmel wirkt er wie ein Fremdkörper.
Für den Mann ist das alles offensichtlich ein Training, das er gezielt ansteuert. Die Opfer sind zufällig ausgesucht. Keiner fragt nach Stichwunden bei den beiden Banden, die später von der Polizei als »ausländische verfeindete Gruppen« vermerkt werden.
Der hagere Mann geht in die Knie und greift an seinen schwarzen Stiefel. Eine Klinge blitzt auf. Dann schraubt er sich nach oben und macht einen eleganten Schritt zur Seite, fast schon als würde er Ballett tanzen. Dabei zieht er das Messer quer über die Brust eines Mannes, der sich gerade zur Teilnahme an der Massenschlägerei entschlossen hatte. Elias ist sofort im Hyperfokus, seine Augen sind auf den Täter gerichtet. Der Schnitt an der Brust ist nicht tief, aber wirkungsvoll.
Sofort tropft Blut auf eine leere Packung ja!-Würstchen, die auf einer ausgeblichenen Picknickdecke liegt. Der blutende Mann erstarrt und kann sich nicht mehr bewegen. Seine Augen blicken fassungslos nach unten, der Mund geöffnet. Das Blut tropft immer weiter. Er blickt zum hageren Mann, der schon zwei Schritte weiter das Messer in den muskulösen Oberschenkel eines anderen Mannes rammt, der in Reichweite ist.
Das Gesicht des neuen Opfers bleibt so starr wie zuvor. Er spannt alle seine Muskeln an. Dabei wirkt er so, als würde er gerne seinen anabolikageformten Oberkörper in Szene setzen. Das Adrenalin in seinem Körper lässt ihn die tiefe Wunde nicht spüren, deshalb schlägt er eine Gerade in Richtung des bärtigen Mannes. Der hat die Reaktion vorhergesehen und tänzelt mit seinen klobigen Stiefeln nach hinten. Aus dem Nichts kommt ein low-kick gegen das Knie des anderen, das anfängt zu bluten.
Der Getroffene sinkt sofort zu Boden. Alles, was den Oberschenkel und Unterschenkel zusammenhält, ist erst mal hinüber. Mit der messerfreien Hand formt der Angreifer eine Faust und schlägt damit auf den Hinterkopf des Blutenden ein. Seine langen Haare schwingen dazu wie ein Headbanger. Einmal. Zweimal. Dreimal. Knock-out. Den blutverschmierten Stiefel wischt er am T-Shirt des Opfers ab.
Elias und Gustav, der inzwischen aufgestanden ist, schauen sich an. Elias fragt: »Meinst du wirklich?«, und fügt an: »Kann das sein, haben wir ihn gefunden?«
Gustav bellt. Gustav bellt zwar immer, aber Elias meint ihn zu verstehen: Sie haben ihn gefunden.
Elias murmelt: »Stefan F.« und weiter: »Du hast recht, der Bart und die langen Haare sind neu, aber er ist es. Ich erkenne ihn.« Und Gustav bellt zustimmend.
Elias kennt Stefan von seinen Recherchen zu Offenbacher Nazis. Stefan ist ihm schon vor einem halben Jahr im Reichsbürger-Forum »Deutschland statt BRD« aufgefallen. In dem Forum recherchiert Elias oft über die rechte Szene in Offenbach. Stefan war immer nur Leser, bis er anfing, über den amerikanischen Kolonialismus zu schreiben, darüber, dass Deutschland bis heute von den Siegermächten besetzt sei. Wegen seiner aggressiven und aktivistischen Sprache ist er Elias sofort aufgefallen.
Elias hat Stefans Profilbild und seine Nachricht vor Augen: »Die Amerikaner kontrollieren den Bundestag und die Medien, sie brauchen Deutschland als Kolonie und Lieferant für Maschinen und Ideen. Die Briten wollen die EU schwächen und Deutschland sabotieren. Die Franzosen und die Polen schleusen Migranten nach Deutschland. Aber. wir. werden. sie. besiegen. Tod den Kolonialherren. Es lebe die Spinne.«
Stefan richtet sich auf und schaut Elias in die Augen, während er sein blutverschmiertes Messer am Hosenbein abwischt und sofort wieder im Stiefel verschwinden lässt. Es ist kein Zufall, dass sie sich bei einer Massenschlägerei treffen; die Gewalt zieht beide an. Stefan merkt das sofort. Es wirkt fast so, als würde Stefan auch Elias kennen, als hätte er auch recherchiert, wer in der Stadt antifaschistische Arbeit macht. Denn auch Elias ist den Rechten in der Gegend gut bekannt.
Er grinst Elias an, nur um im nächsten Moment über die verletzten Schläger zu springen und loszulaufen. Sofort rennen Elias und Gustav hinter ihm her. Stefan springt über eine Hecke auf den angrenzenden Spielplatz, auf dem die Kinder der prügelnden Väter friedlich zusammen spielen.
Sie rasen über den Sandkasten und an den Klettergerüsten vorbei. Die schwarzen Stiefel und die schwere olivfarbene Tarnkleidung machen Stefan langsamer, und Elias kommt mit seinen neuen weißen Nike-Sneakern immer näher.
Gustav rennt in drei Labradorlängen Abstand neben Stefan und freut sich über die Bewegung. Im Hintergrund sind die ersten Polizeisirenen vom Grillplatz her zu hören. Später wird die Polizei den Ermittlungsfall »Sommerabend« mit dem Hinweis »Straftaten ausländischer verfeindeter Gruppen« ergebnislos schließen.
Auf der Höhe des Bembelboots, dem Offenbacher Kultimbiss auf dem Main, holt Elias Stefan ein. Er packt ihn an der Schulter.
Stefan bleibt stehen und dreht sich um. Er hebt sein Kinn nach oben. »Zivilbulle?«
Elias geht auf Abstand. »Kein Bulle!«
»Also einfach nur lebensmüde! Du weißt nicht, wer ich bin!«
»Ich weiß, wer du bist, Stefan!«
Stefans kleine braunen Augen weiten sich, nun groß wie Euromünzen. Der Bembelboot-Betreiber ruft im Hintergrund: »Handkäs-Bratworscht is fertisch.«
Elias und Stefan schauen sich beide langsam um. Die durstigen Gäste in der Warteschlange vor dem Boot haben sie längst erblickt und schauen fragend hinüber. Gustav setzt sich. In dem Moment schließt sich die Wolkendecke über Offenbach. Der Schatten erobert die Stadt.
Elias und Stefan starren sich immer noch an. Aus dem Nichts tritt Stefan einen Push-Kick in Richtung Elias. Der führt ihn mit der Hand zur Seite und weicht aus. Stefan kommt einen Schritt näher und schlägt eine Gerade, Elias weicht wieder aus und schlägt einen Leberhaken. Er trifft. Nichts passiert, im Sparring wäre jeder Gegner sofort in sich zusammengesackt. Stefan trägt eine kugelsichere Weste, er hat noch was vor.
Die folgende Sekunde von Elias’ Verwunderung nutzt Stefan aus und trifft ihm mit der Hammerfaust ins Gesicht. Elias fällt zu Boden. Gustav schweigt, obwohl er bellen sollte. Stefan beugt sich zu Elias und flüstert ihm zu »Du wirst das Feuerwerk der Spinne nicht verhindern«, dann verschwindet er.
Der Bembelboot-Betreiber, ein älterer Mann mit sonnengebräuntem Gesicht und kräftigen Armen, reagiert sofort. Er lässt die Bratwurst fallen, die er gerade aushändigen wollte. »So eine Scheiße!«, murmelt er und schaut sich hastig um.
Sein Blick fällt auf den Teller voller Handkäs mit Musik, dem südhessischen Nationalgericht aus Sauermilchkäse mit Zwiebeln und Kümmel, der auf dem Boot steht. Er greift entschlossen zu und nimmt zwei Stück mit. Damit eilt er zu Elias und hält ihm den Handkäs vor das Gesicht. Der durchdringende säuerliche Geruch steigt sofort in Elias’ Nase.
Der Wirt sagt mit rauer Stimme: »Komm schon, Junge«, während er den Handkäs mit den Zwiebeln darauf hin und her schwenkt.
Der Geruch kommt langsam in Elias’ Gehirn an. Seine Nasenflügel zucken leicht. Er öffnet seine Augen und blinzelt verwirrt. »Wo ist er … wo ist Stefan?«, fragt er, während er sich den Hinterkopf hält.
»Junge, du musst aufpassen«, raunzt der Bembelboot-Betreiber ihn an. »Es sind nur Irre hier, da hinten haben sie sich auch schon geprügelt. Und dein Hund guckt nur zu, mit dem solltest du mal ernsthaft reden«, spricht er weiter, während er Elias hilft, sich aufzurichten.
»Mein Hund ist Misanthrop! Habt ihr Wasser?«, fragt Elias.
»Trink mal lieber nen Äppler!«
»Auch gut, danke!«, antwortet Elias. Damit reißt die Wolkendecke auf und die Sonne zeigt sich wieder. Elias setzt sich und trinkt seinen Apfelwein mit reichlich Mineralwasser verdünnt, während er seine Wunden versorgt. Am Bembelboot kehrt wieder Ruhe ein und die Gäste freuen sich über das schöne Wetter.
Am Abend geht Elias ins Le Belge, eine belgische Kneipe am Wilhelmsplatz, wie immer, wenn er zu rechtsextremen Strukturen in Rhein-Main recherchiert. Eine Kellnerin mit pinken Haaren und schwarzen Tattoos, Ende vierzig, läuft zielstrebig auf ihn zu.
»Hey, Elias, hast du beim Training wieder verloren? Solltest lieber in deiner Gewichtsklasse boxen! Was darf’s sein?«
»So ungefähr. Pommes spezial und ein Kwak.« Nach dem Äppler am Bembelboot ist es Elias egal, auch noch ein belgisches Starkbier zu trinken, auch wenn’s im Trainingsplan nicht vorgesehen ist. Die Kellnerin notiert die Bestellung und merkt, dass Elias bereits in dem Zustand ist, in dem sie ihn meist antrifft – tief in Gedanken versunken.
Gustav hat sich in seine Lieblingsecke zurückgezogen. Hier kann er den Rentner-Stammtisch beobachten und hoffen, dass er etwas von den Schnitzeln abbekommt. Solange bleibt er auf dem Boden liegen, ein Hund mit schwarzem Fell auf hellem Holz, eingerahmt in den rauchschwarzen Wänden. Ein altes Plakat mit Les Aventures de Tintin hängt über dem Stammtisch. Elias liebt die Starkbiere, die eng mit der belgischen Kultur verwoben sind.
Weil die belgische Regierung 1919 den Schnaps regulieren wollte, aber im Gesetz das Bier nicht erwähnte, fingen die Belgier an, hochprozentiges Bier zu brauen. Diese Geschichte erzählt ihm Mert Yasar immer gerne, der Inhaber von Le Belge, ein 70-jähriger Türke mit einem Hang zur Braukunst. Auch heute steht Mert hinter dem Tresen. »Elias, Raki?«, ruft er herüber.
Aber er winkt ab. »Danke, danke«, bringt er gerade noch heraus, während er seinen Laptop mit den aufgeklebten Antifa-Stickern aufklappt. Er öffnet die Notiz-App und nimmt einen kräftigen Schluck vom Kwak, das in einem typischen birnenförmigen Glas kommt.
Normalerweise genießt Elias den Karamell- und Malzgeschmack. Dieses Mal braucht er eher die 8,4 Prozent Alkohol. Nun galoppieren seine Finger über die Tastatur und seine Augen rasen von links nach rechts über den Bildschirm.
Elias sucht die bekannten Internet-Foren ab, checkt Social Media nach Hinweisen, taucht ins Darknet ab und versucht auf diese Art, Hinweise zu Stefan F. zu finden. Ab und zu murmelt er Gustav etwas zu, obwohl der Elias’ Verbissenheit am Laptop schon seit Jahren nur noch ignoriert.
»Der konnte mit dem Messer umgehen und war voll ausgebildet. Wahrscheinlich Ex-Militär, was meinst du?«
Aber Gustav hat nur Augen für den Rentner-Tisch. Die essen nie alles auf, weiß er.
Elias sucht weiter. Er hat Stefan noch nie in Offenbach gesehen, obwohl er die kleine Szene der Stadt in- und auswendig kennt. Nur im Forum ist er bisher aufgetaucht. Aber anscheinend kennt Stefan ihn, und anscheinend hat er Spaß an der Keilerei.
Und was meint er mit dem »Feuerwerk« und der »Spinne«? Elias hasst Rätsel und Metaphern. Menschen sollen zur Sache kommen, das Leben ist zu kurz und er ist genug damit beschäftigt, die Unwägbarkeiten zu ertragen, um noch Rätsel zu lösen. Wieder murmelt er zu Gustav: »Der will ein Spiel spielen, der will Anerkennung, aber wofür?«
Aber Gustav schläft inzwischen. Wahrscheinlich haben die Rentner den mitleidigen Augen nicht widerstehen können und ihre Reste heimlich zu ihm hinuntergereicht. Elias hätte es ohnehin nicht mitbekommen. Er blickt zu dem Wirt hinter dem Tresen: »Mert, woran denkst du bei ›Feuerwerk und Spinne?‹«
»Feuerwerk kann sich Offenbach nicht leisten. Spinnen gibts hier auch nicht, dafür hat Offenbach zu viel Beton«, fällt Mert ein. »Die brauchen die Natur, vor allem die giftigen Nosferatu-Biester. Die kommen aus Italien überall hierher, nur nicht nach Offenbach.«
»Da bin ich mir nicht so sicher.« Elias seufzt leise und lehnt sich zurück. Das Adrenalin lässt langsam nach. Das Auge schmerzt. Er klappt den Laptop zu, genießt den letzten Schluck Kwak und spricht dabei zu sich selbst: »Wäre doch schön, wenn der Offenbacher Beton flüstern könnte, wer dieser Stefan ist!«
Am Abend geht Elias mit Gustav im Grenzgebiet Offenbach–Frankfurt spazieren. In dieser Terra incognita kommen ihm immer die besten Ideen. An diesem Abend aber fällt ihm nichts ein, kein neuer Gedanke, keine neue Idee, gar nichts.
Bis tief in die Nacht grübelt Elias und schweigt mit Gustav. Am nächsten Tag wacht er früh mit einem Kater auf.
Zur gleichen Zeit ist die Meteorologin Inge Meier bereits auf ihrem Balkon und überprüft die Werte auf ihrer Hightech-Wetterstation. Die Temperatur ist in der Nacht nicht unter zwanzig Grad Celsius gefallen. Für die Wetterforscher eine Tropennacht. Sie schreibt in ihr kleines persönliches Wetterbeobachtungsbuch:
Ruhige Nacht bei min. 22 Grad Celsius.
Anfangs klarer Mond.
Graue Wolken ziehen am Morgen auf.
Nächtlicher Niederschlag blieb aus.
Optimale Bedingungen für eine Tropennacht.
Im Haus gegenüber geht in diesem Moment Licht an, zum ersten Mal seit Monaten. Inge erschreckt sich kurz, dann schaut sie auf die Uhr und beschließt, die Wetternotizen später fertig zu schreiben. Sie beruhigt sich und denkt, bestimmt nur neue Mieter. Es ist schon 7:00 Uhr. Akribisch wiegt sie das Katzenfutter für ihren alten Kater und stellt es in die Küche, dann geht sie um 7:30 Uhr Joggen, anschließend duschen und um 9:00 Uhr erscheint sie auf die Minute pünktlich beim Deutschen Wetterdienst in der Frankfurter Straße zum Dienst.
Sie freut sich jeden Tag über ihr Einzelbüro, Menschen stressen sie nur – auch die freundlichen. An den Wänden hängen Unwetterbilder vom Mittleren Westen bis Monsun-Asien. Alles eigene Fotografien aus der Zeit, als sie als Storm-Chaserin mit ihren männlichen Kollegen um die Welt geflogen ist, um Gewitter zu jagen. Mit ihren achtundfünzig Jahren hat sie doch schon alles gesehen, denkt sie jedes Mal, wenn sie die Fotografien betrachtet.
Nachdem der Rechner hochgefahren ist, entdeckt sie im Kalender für den Nachmittag einen neuen Termin: Luftdruck-Messung Sachsenhausen-Süd. B. – doch dort gibt es keine Wetterstation. Irgendwer hat Informationen für Inge.
Kurz nach dem Anruf von Serkan sind Mo und Kommissar Eberhard Dorn am Tatort angekommen. Die ersten Gaffer stehen schon am Zaun des Best Western Hotels und versuchen, einen Blick auf die Leiche zu erhaschen.
»Guten Tag, Frau Schattenberg, ich bin Serkan Inouglo«, grüßt sie ihr neuer Kollege. »Ich hätte Sie gerne unter anderen Umständen kennengelernt, aber unser Job nimmt darauf ja keine Rücksicht.«
Serkan hat seine Probezeit fast geschafft. In einem Monat wird er Beamter. Er ist der Prototyp des integrierten Migranten der dritten Generation. Mit seinen dreiunddreißig Jahren, seinem erkennbar im Fitnessstudio trainierten Körper und seiner Größe von einem Meter neunzig ist er eine imposante Erscheinung. Er ist der Erste in seiner Familie, der studiert hat, Geschichte als Hauptfach mit Masterabschluss. Die Geschichte Offenbachs ist sein Steckenpferd. Seine neue Chefin ahnt noch nicht, dass sie ihren zukünftigen Stadtführer und Erklärer vor sich hat.
Mo schaut sich um. Sie sieht vier riesige Kräne, die hinter den Hochhaus-Stelen aufragen. Dann wendet sie sich Serkan zu.
»Ja, ich wollte eigentlich mit Ihnen allen meinen Einstand in der Kantine geben«, meint sie. »Das werden wir wohl nachholen müssen. Gibt es denn erste Erkenntnisse?«
»Die Spurensicherung ist noch bei der Arbeit«, erzählt Serkan. »So viel ist klar; es gab wohl einen Kampf. Hier, direkt am ersten halbfertigen Hochhaus. Da haben sie sich wahrscheinlich getroffen. Wie das Opfer hereingekommen ist, ist noch unklar. Die Schlösser an den Zäunen sind nicht beschädigt. Wir wissen nicht, wie viele Täter es gab. Der Tote ist übersät mit Hämatomen, er hatte keine Chance. Da hat wohl jemand eine ziemliche Wut gehabt. Mehrere Schläge in den Magen und ins Gesicht, am Ende wohl ein sehr harter Schlag auf die Schläfe, vielleicht mit einem Gegenstand. Das war wahrscheinlich die Todesursache.«
Mo schaut zum Gerichtsmediziner, der sich gerade von der Leiche wegdreht. Erwin Langner, seit dreißig Jahren im Dienst, schaut sie prüfend an. »Sie sind die Neue aus Frankfurt? Dann mal herzlich willkommen«, sagt er und fügt hinzu: »Solche Fälle haben wir in Offenbach normalerweise nicht. Der Totschlag oder Mord, egal, ist wohl zwischen ein und drei Uhr heute Nacht passiert. Die Spurensicherung hat bisher nur Blut vom Opfer, sonst nichts. Ob Stangen oder andere Gegenstände im Spiel waren, wissen wir noch nicht. Das Handy des Opfers haben wir gefunden. Das werten wir nun aus. Hier liegt ja einiges herum, aber konkrete Spuren konnten wir bisher nicht finden. Morgen früh kann ich Ihnen nach der Obduktion vielleicht mehr sagen.«
»Okay, und was ist mit den Zeugen?«, fragt Mo in die Runde. »Gibt es welche? Hat vielleicht jemand im Hotel etwas gehört? Oder hat jemand von den Schaulustigen da vorne was zu erzählen? Gibt es Videoüberwachung an der Baustelle?«
»Ja, aber die Videoanlage war ausgeschaltet«, erklärt Serkan. »Der Bauarbeiter, der den Toten gefunden hat, sagte, das sei oft der Fall, seit die Baustelle stillgelegt ist. Im Hotel hat niemand etwas mitgekriegt. Eine Kollegin hat schon die Rezeption und Gäste befragt. Hier draußen habe ich mich umgehört, auch keiner, der etwas mitbekommen hat. Das Einzige, was wir haben, ist das Portemonnaie des Opfers, mit dem Personalausweis. Er heißt Victor Borisow und ist, nein war, dreiundzwanzig Jahre alt«
»Super, aber fast erwartbar«, erwidert Mo. »Keine Geräusche, keine Zeugen, niemand hat etwas gehört. Kameras ausgeschaltet. Und wer ist denn der Typ da drüben mit dem Einkaufswagen und den komischen Kleidern, der ständig auf und ab geht und ein Lied pfeift? Das kenne ich irgendwoher.«
»Das ist der neue Maabär. Und das Lied ist aus der Dreigroschenoper ›Und der Haifisch, der hat Zähne
