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Profiteure internationaler Sportveranstaltungen behaupten stets, man habe Politik und Sport voneinander zu trennen. Angesichts der Fußball-WM in Katar räumen Klaus-Dieter Stork und Jonas Wollenhaupt mit dem Mythos vom „unpolitischen“ Fußball auf. Sie erinnern an den wilden Fußball in England und Italien, ans Kicken im kaiserlichen Deutschland, an den Kampf von Frauen für ihren Sport, an brasilianische Legenden wie Arthur Friedenreich, an den Fußballfan Dmitri Schostakowitsch und „die linke Hand Gottes“. Es ist „die Kurve“, die den Liebhabern des Fußballs „die ersehnte Geborgenheit“ in der kalten globalisierten Welt gibt. Mit elf konkreten Vorschlägen für die Bewegung „Wir wollen den Fußball zurück“. Denn nicht nur in Liverpool gilt: „You’ll never walk alone.“
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ebook Edition
Klaus-Dieter Stork Jonas Wollenhaupt
Links kickt besser
Der Mythos vom unpolitischen Fußball
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ISBN: 978-3-86489-880-8
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2022
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz: Publikations Atelier, Dreieich
Titel
Aufstellung
Matchplan
Auf dem Weg ins Stadion
Schienbeinschoner richten
Der erste Ballkontakt
Die Geburtsstunden
Der Fußball unterm Kaiser
Der Fußball wird erwachsen
Arbeiterklasse am Ball
Führerbefehl(e) im Fußball
Jüdische Kicker im deutschen Fußball
Der friedliche Kicker: Walther Bensemann
Vom Wasserträger zum Fußball-Millionär
Der Boss, der Schuss, der Mythos
Der lange Pass nach Europa
Aus der Tiefe des Raums9
Kontrollierte Offensive
Eine neue Liga ist wie ein neues Leben
Ultras: rechte und linke Flügelstürmer
»You’ll never walk alone«
Gekaufte Spiele
Die Investoren kommen
Die Despoten kommen
Die Bundesliga im Rückstand
Die Bullen kommen:
Foul oder Schwalbe?
Big Data – drückend überlegen
Ein Pubbesuch hat 90 Minuten
Warmgelaufene Konsolen
Der wilde Fußball
Bolzen, Büchsen, Bälle
Das letzte Tor entscheidet
Ersatzbank: Spontis, Hippies, Punks
Entscheidend is’ auf’m Platz
Bomben und Bomberinnen
Diagonale Kontinentalpässe
11 Freunde – 11 Genossen
Auf dem rechten Auge blind
Der Fußball-Kaiser ohne Kleider
Enteignet den Club
Die linke Hand Gottes14
Golden Goal für den emanzipativen Fußball
Ballarbeiter:innen und Ballkünstler:innen
11 Schüsse, die den Fußball retten
Nachspielzeit
Kindheit verwandelt wieder einholen (Jonas Wollenhaupt)
95:28 Nachspielzeit im Nahtod (Kall Stork):
Danksagung: Unsere Heimat ist die Kurve. Unsere La Ola für die Unterstützer:innen
Anmerkungen
Aufstellung
Der erste Ballkontakt
Vom Wasserträger zum Fußball-Millionär
Gekaufte Spiele
Der wilde Fußball
Bomben und Bomberinnen
Diagonale Kontinentalpässe
Golden Goal für den emanzipativen Fußball
Nachspielzeit
Titel
Inhaltsverzeichnis
»The socialism I believe in is everyone working for each other, everyone having a share of the rewards. It’s the way I see football, the way I see life.«
Bill Shankly
»Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.«
Albert Camus
Der wahre, schöne und gute Fußball ist links. Auf und neben dem Platz. Und wir haben einen Matchplan, mit dem wir diese These belegen, und schießen am Ende das »Golden Goal« gegen den rechten und kommerzialisierten Fußball. Um es gleich vorwegzunehmen: Wer in diesem Buch neue Taktiken, Abwehrketten und Strategien für seine Mannschaft in welcher Liga auch immer finden möchte, liegt hier falsch. Ebenso wie jene Leser:innen, die nach Helden, Stars, Glamour und Triumphen suchen. Uns geht es vielmehr um das Verdrängte, Verborgene und Vergessene des politischen Fußballs. Wir wollen Archäologen des linken und rechten Fußballs sein, Artefakte finden und zusammensetzen. Dabei versuchen wir gar nicht erst neutral zu sein. Wir operieren mit steilen Thesen bzw. theoretischen Steilpässen: Wir machen deutlich, dass es eine linke Geschichte und eine linke Ästhetik des Fußballs gibt, die der gegenwärtigen Fußballwelt widersteht. Wir wollen keine wissenschaftliche Abhandlung liefern, das überlassen wir gerne anderen. Wir versuchen zu zeigen, dass es einen anderen Fußballsport gibt als den heutigen, den Ernst Bloch vor über 60 Jahren beschrieb: »In Kauf wird genommen, daß Sport in gebliebenen bürgerlichen Zuständen oft verdummt, also schon deshalb von oben gefördert wird. Nicht bloß der freie Wettbewerb, zu dem kein Platz mehr ist, wird im Verbessern der Rekorde ersetzt, auch der wirkliche Kampf um Besserung.«1
Gegen diese Dummheit treten wir an. Mit diagonal-globalen (Quer)Pässen, Steilvorlagen und Schüssen aus allen Lagen; frei nach dem alten Herberger-Motto: »Wenn du nicht weißt, wohin mit dem Ball, schieß auf das Tor.«
Der Fußball war ursprünglich ein »people’s game«, ein Sport, der suspekt, subversiv und wild war, dann aber wurde er von den Eliten für religiöse, aristokratische, militärische oder biopolitische Zwecke instrumentalisiert. Diese Dialektik rechter und linker Entwicklungen aus der Anfangszeit skizzieren wir im ersten Kapitel.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hat sich mehr und mehr der standardisierte fordistische Fußball durchgesetzt. Vom Kapital in Manndeckung genommen, wurde das populäre Ballspiel immer mehr zur Ware. In den 70ern hält dann der Neoliberalismus Einzug in die Bundesliga und die europäischen Ligen. Er veränderte den Fußball. Aber auch hier gab und gibt es Widerstand und gegenläufige Ideen und Praktiken. Die gesellschaftlichen Kräfte wirken auf das Spiel ein und die Sehnsucht nach dem ganz anderen Fußball wächst. Davon schreiben wir im zweiten Kapitel.
Die Halbzeitpause im dritten Kapitel gehört den Fans. Für sie ist das Stadion eine »materielle Verdichtung der Kräfteverhältnisse«, um eine Formulierung des marxistischen Theoretikers Nicos Poulantzas zu bemühen. Aber auch das Stadion presst links und rechts, oben und unten an einem Ort zusammen. So nah wie hier kommen sich VIP-Lounge-Besucher:innen und Ultras, linke und rechte Fans sonst nie. Den Fans wird der Fußball enteignet und entfremdet, aber es gibt auch Gegenwehr und Aneignung, die häufig sogar weit über den Fußball hinausgeht und das Spiel und schlussendlich die Gesellschaft verändern kann. Diese Hoffnung hat den Fußball immer begleitet und wird ihn auch in Zukunft begleiten. Denn es braucht nur einen Ball und ein paar Rucksäcke, um Fußball zu spielen. Solange sich das nicht verändert, wird der Fußball die Kraft haben, emanzipatorische, sinnliche und ästhetische Funken zu schlagen.
In der Halbzeit wechseln wir unseren spannendsten Joker ein, den Frauenfußball. Selten war der Sport politischer, selten wurde so sehr darum gekämpft. Eine von Männern verdrängte und bekämpfte Geschichte des Fußballs wartet darauf, erzählt zu werden.
Nach dem Seitenwechsel kommt das Gegenpressing des linken internationalen Fußballs. Von den wissenschaftlichen Fußballexperimenten der Sowjetunion bis hin zu vergesellschafteten Vereinen in Brasilien finden wir historische und globale Beispiele, die zeigen, wie sich der emanzipative Fußball immer wieder neu erfunden hat.
In der Schlussphase schauen wir wieder auf den Platz und am Ende stehen wir vorm Tor, bereit, das »Golden Goal« zu erzielen. Ob die 11 Schüsse, die wir dafür brauchen, ausreichen, mögen die Leser:innen entscheiden. Wir schlagen Wege für einen Fußball vor, der gerechter und emanzipatorischer sein könnte. Nicht ohne zu vergessen, dass auch der linke Fußball nie davor gefeit ist, in sein Gegenteil umzuschlagen.
Danach bleibt uns nur noch eine persönliche Nachspielzeit, in der wir unsere emotionale Verstrickung und ihre Auswirkung offen bekennen. Wenn wir dazu beitragen können, den kritischen Blick zu erweitern und die Liebhaber des runden Leders zu animieren, für ihren Sport zu kämpfen, sind wir dankbar.
»Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.« Dieses legendäre Zitat des an der Anfield Road in Bronze gegossenen Trainers Bill Shankly, der den Liverpooler FC zur internationalen Spitze führte, weist die richtige Spur. Es geht eben nicht nur darum, dass das Runde ins Eckige muss. Es geht um mehr. Unter dem grünen Rasen ist eine spannende Geschichte vergraben. Sie beinhaltet unzählige politische Kämpfe und andere gesellschaftliche Auseinandersetzungen, mehr als das, was der »moderne«, der voll kommerzialisierte Fußball durch die unzähligen Pay-TV-Sender, Streamings, privaten und öffentlich-rechtlichen Kanäle vermitteln und erzählen will. Der Fußball ist weder so glatt, steril und clean, wie er in den neuerdings Arenen genannten Stadien präsentiert wird. Er ist nicht so unpolitisch, wie ihn seine Funktionäre (die nicht selten aus der Politik kommen) gerne darstellen. Er ist weder ein Sport ohne gesellschaftliche Einflüsse noch ein Abziehbild der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Die Anhänger und Freizeitkicker, Fans, Ultras, bisweilen sogar die Hooligans wissen oder fühlen: Eigentlich weist der Fußball über das Bestehende hinaus und erfüllt damit ein nicht unerhebliches Kriterium von Kunst.2 Und wie jede künstlerische Stilrichtung, jedes Genre, zeigt er uns das Unmögliche genauso wie das Berechenbare. Auch die Fußballkunst zeigt zugleich das Andere, Bessere, Freundliche und natürlich auch das Ungerechte, Böse und Gemeine. Dargestellt von Protagonist:innen des wunderbaren Spiels. Und wie in jedem Theater gibt es Rollen, gute und schlechte Schauspieler:innen. Ein Vor und ein Nach der Aufführung. Wer denkt, nur die 90 Minuten seien das Ereignis, irrt. Jeder, der einmal in einem Stadion war, weiß mehr. Die vielzitierten Bratwurst- und Bierstände, Kurven, Gegengeraden usw. sind nicht nur Stationen der Nahrungsaufnahme oder des Zuschauens. Sie sind Orte emotionaler, intellektueller und kultureller Begegnungen. Wer als Fan der Auswärtsmannschaft mitreist auf den Betzenberg, auf Schalke, in die Oper von Dortmund, ins Grünwalder Stadion, egal in welcher Liga, der spürt am Stadion die Geschichte, die Erzählungen, jene Aura, die man atmet, ob man will oder nicht. Eine Aura, die nicht reproduzierbar ist, egal wie man die Stadien nennt. Selbst wenn man sie nicht mag. Der »Ernst«, von dem Shankly sprach, projiziert sich hier in die Mannschaft, den Verein, die Tradition. Was im eigenen Leben misslingt (oder auch im schönen Moment gelingt), wird im Fußballstadion oder beim eigenen Kicken noch einmal psychisch verstärkt. Du suchst dir nicht den Verein, der Verein sucht dich. So fühlt es sich an. Aber ganz so ist es nicht. »Nach dem Spiel gegen Swindon war mir klar geworden, dass Loyalität – jedenfalls beim Fußball – keine moralische Entscheidung ist wie Tapferkeit oder Barmherzigkeit, sondern eher so etwas, was man nicht wieder loswird, wie eine Warze oder einen Buckel.«3 Am Ende bleibt man an der eigenen Geschichte hängen, an den eigenen Erfahrungen, Enttäuschungen und Hoffnungen. Sonst wäre niemand mehr Fan von Schalke, Kaiserslautern, 1860 München, Dynamo Dresden oder Rot-Weiß Essen. Denn es geht in jedem Spiel auch um einen selbst, um den Blick in die eigene Seele. Der Fußball schenkt uns einen warmen Zufluchtsort inmitten gesellschaftlicher Kälte. Dieses Refugium ist möglich, weil wir das Spiel verstehen, es Teil unseres Lebens ist.
Der kommunistische Filmregisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini bringt es auf den Punkt: »Der Geburtsort hat keine Bedeutung, er ist nicht maßgeblich dafür, ob man ein Fußballbegeisterter, ein Fan wird. Ausschlaggebend ist, wann und wo man selbst die ersten Bolzversuche unternommen hat. Die Fußballbegeisterung ist ein Jugendleiden, das einen ein Leben lang begleitet.«4 Der Fußball gibt uns viel von dem zurück, was man uns genommen hat. Er gibt uns ein Stück Heimat, oder wie Ernst Bloch es formuliert hat »so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«5. Fußball ersetzt nicht die Voraussetzung einer »realen Demokratie«. Aber er gibt uns eine Ahnung davon, wie sie aussehen könnte: solidarisch, fair, ehrlich und emotional. Das macht den Fußball so befreiend, wobei er gleichzeitig auch anfällig für Nationalismus, Antisemitismus, Militarismus oder Rassismus ist. Diesen Widerspruch gilt es zu verstehen und, manchmal auch, ihn auszuhalten. In diesem Buch wollen wir hinter die Kulissen schauen. Die Geschichte bewusst als eine gesellschaftspolitische begreifen, die den Fußball prägt und umgekehrt, wie der Fußball die Gesellschaft geprägt und beeinflusst hat. Wer einmal weinende oder enthusiastisch jubelnde Männer, Frauen und Kinder nach einer Niederlage oder Sieg »hautnah« erlebt hat, weiß, da spiegelt sich mehr als Niederlage oder Sieg des Vereins. In diesen Momenten ist die kollektive Emotion immer auch Ausdruck der besonderen individuellen Geschichte der Anhänger. Es sind die Momente, in denen Freundschaften entstehen oder sich entscheiden. Die »Helden« auf dem Platz markieren die Treffer, die einem (gefühlt oder tatsächlich) im wirklichen Leben versagt geblieben sind. Der kämpferische Verteidiger, der flinke Stürmer, der filigrane Mittelfeldspieler; sie sind die »guten« Brüder, Schwestern und Väter oder, je nach Ausgang des Spiels, Verräter, Söldner oder Versager. Im Stadion hofft man, etwas vom richtigen Leben zu erheischen, was einem das falsche verwehrt.
Die Vereine und das Spiel spiegeln gesellschaftliche Widersprüche, Einstellungen oder Überzeugungen. Sehr wohl kann man genau zwischen »rechten und linken« Mentalitäten und Spielweisen auf dem Feld unterscheiden. Diese Widersprüche findet man auch im intellektuellen Milieu, im französischen Existenzialismus. Hier stritten die Kontrahenten Jean-Paul Sartre und Albert Camus miteinander. Während Sartre heimlich(!) die Spiele von Paris St. Germain schaute (und die intellektuelle Welt dachte, dass er ein neues Buch schreiben würde), erklärte Camus, dass er alles, was er weiß, vom Fußball gelernt habe. Die linksintellektuelle Welt hat sich häufig verschämt weggedreht, wenn es um Fußball ging, ein Grund mehr, sich die linke Geschichte eines faszinierenden Sports genauer anzuschauen, sowohl in den Vereinen als auch auf dem Platz. Dahinter standen und stehen Überzeugungen, Ideen, gelungene und gescheiterte Konzepte. Die Linke und der Fußball kann nicht anders als widersprüchlich sein, aber nur wer das Spiel selber erlebt, ob auf dem Platz oder der Tribüne, kann diese Widersprüchlichkeit aushalten, das Schlechte kritisieren und das Gute als Ausgangspunkt für etwas Neues verstehen. Geben wir dazu Bill Shankly das letzte Wort: »Im Sozialismus, an den ich glaube, arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns. So sehe ich Fußball, so sehe ich das Leben.« Dann wollen wir mal schauen, wo wir in der Geschichte und Gegenwart diese Sicht wiederfinden.
Dem linken Fußball hat man immer gerne ein Bein gestellt. Wir richten unsere Schienbeinschoner daher mit einem kurzen soziologischen Blick auf den Fußball. Ob Fan, Spieler:in oder Funktionär:in, der Fußball ist ein eigenes soziales Feld, auf dem sich die Akteure treffen. Auf diesem Feld gibt es feste Regeln, Strukturen und Werte, die sich von anderen sozialen Feldern wie der Schule oder dem Arbeitsplatz mal mehr und mal weniger unterscheiden. Auch die »soziale Währung« ist hier eine andere. Da zählen nicht die Schulbildung, der Universitätsabschluss oder das Wissen um Kunst und intellektuelle Ausdrucksweisen. Viel eher zählen die spielerische Eleganz, Schnelligkeit, Kondition oder Intuition genauso wie der geschickte Umgang mit den Medien.
Das soziale Fußballfeld mit seinen eigentümlichen Regeln und Ritualen ermöglicht, und das ist das Besondere, dem Einzelnen eine ganz bestimmte Identität. Der Fan kann sich zum Beispiel mit seiner Stadt und ihrer Tradition identifizieren, wie er es vielleicht ohne Fußball nicht getan hätte. Indem ich mich als Fan mit meinem Verein identifiziere, verknüpfe ich mein inneres Seelenleben mit der Geschichte der Stadt, den Werten des Vereins und der eigenen Gruppe. Kein Schalke-Fan, kein Eintracht-Ultra und kein Clubberer würden je bezweifeln, dass der Verein (und damit die Stadt) ein Teil der eigenen Identität ist.
Ein gutes Leben setzt voraus, dass unsere Identifikation mit der Welt da draußen mit unseren inneren Bedürfnissen und Fähigkeiten sinnvoll in Einklang kommt, sodass wir sie erkennen und entfalten können. Und vor allem: dass wir sie in den demokratischen Prozess einbringen können. Und da spielt der Fußball eine herausragende gesellschaftliche Rolle. Denn es gibt wenige Orte, an denen Wut, Trauer, Glück, Furcht und Angst und vieles mehr so zuhause sind wie auf dem Platz, im Stadion (oder auch vor dem Fernseher). In vielen anderen sozialen Feldern unseres Lebens sind sie verpönt oder diese Gefühle werden verdrängt. Beim Fußball können wir sie erfahren und erleben. Gelingt uns in keinem sozialen Feld eine Berührung mit unseren Gefühlen und Emotionen, verkümmern wir und mit uns unsere Fähigkeit, uns auszudrücken, wir entfremden uns – von uns, unseren Mitmenschen und der Welt, wir werden zu kalten Funktionsträgern einer verwalteten Welt.6
Der Fußball bzw. das soziale Fußballfeld nimmt durch seine Größe, es ist mit das größte Freizeitfeld in Deutschland, eine ganz besondere Stellung ein. Auf und neben dem Platz, ob als Fan oder Spieler:in, gibt es immer wieder Bruchstellen, in denen sich das gute Leben, das selbstbestimmte, glückliche und freie Leben, eben das nicht-entfremdete, andeutet. Diese Bruchstellen gilt es aufzuspüren.
»Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht heute das einzig wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen.«
Walther Bensemann
Das Spiel mit dem Ball ist uralt. Berichte von ballspielenden Azteken, kickenden Griechen und Römern, balljonglierenden Chinesen oder von ganzen um den Ball raufenden schottischen Dörfern sind überliefert.
Als die frühen Menschen das erste Feuer entfachten, Werkzeuge entwickelten oder Höhlen bemalten, haben sie vielleicht direkt danach, nur zum Spaß und voller Freude, gegen einen runden Gegenstand getreten. Ob es wirklich so war, werden wir nie wissen. Aber belegt ist, dass sich an verschiedenen Orten der Welt Ballspiele entwickelt haben, die nach und nach in den religiösen und politischen Kontext gerückt sind.
Die ältesten Zeugnisse menschlicher Fußballaktivität findet man in China, 2000 v. Chr. Fußball wurde überwiegend in der Kaiserlichen Armee gespielt und war damals schon Teil der militärischen Ausbildung. Vom Militär ausgehend, wurde er ca. 250 v. Chr. zum Sport der Massen. Die populären Fußballspiele waren vor allem zu den Frühlingsfeiern sehr beliebt. Es gab feste Regeln, Handbücher, Spielfelder, Bälle und den üblichen Spott der Intellektuellen. Gekickt wurde aber nicht nur von Männern, angeblich waren auch Frauen rege beteiligt. Diese Verknüpfungen von Fußball, Militär, Religion und Festlichkeiten tauchten dann, über den Globus verteilt, in ähnlicher Weise immer wieder auf.
So ist auf der anderen Seite der Welt die politisch-religiöse Verflechtung der Azteken mit den Ballspielen belegt. Sie spielten zu Ehren des Kriegs- und Sonnengottes Huitzilopochtli ein Fußballspiel auf Körbe. Diese Spiele (datiert zwischen 1600 und 1200 v. Chr.) waren stets in den religiösen Herrschaftskontext eingebunden und meist mit Menschenopfern verbunden (wobei nicht überliefert ist, ob Sieger, Verlierer oder Außenstehende geopfert wurden). Vermutlich mischte sich das Spektakel mit religiösen Zeremonien und Opferkulten. Im Mittelpunkt stand bei den Azteken und anderen Indigenen der Kautschukball.
Den Kolonialherren war das Spiel suspekt, so schrieb der spanische Missionar Toribio de Benavente 1540: »Sie riefen nach jemandem, der eine besondere Kunst des Teufels beherrschte, damit er den Ball durch eine der Öffnungen der Steine stoße, und zwar mit dem Hüftknochen und einer Gesäßhälfte. Und indem er den Teufel anrief, schoss er den Ball durch die Öffnung, wodurch alle vor Schreck erstarrten.«1 Die Kolonisatoren haben das Spiel dann auch umgehend verboten.
Schwenken wir nach Europa. Auch im antiken Griechenland wurde eifrig Fußball gespielt. Platon hat den Fußball der Spartaner gar als »sphairomachia« (»Ballschlacht«) bezeichnet. Die Spartaner waren ein auf Krieg und Militär ausgerichteter Stadtstaat und die großen Konkurrenten der Athener. Die Ballschlachtdiente der militärischen Ausbildung. Vor jedem Spiel wurde dementsprechend dem Halbgott Herakles, dem Schutzheiligen des Spiels, ein Opfer gebracht. Jeder männliche Spartaner musste dieses raue Spiel vor seinem dreißigjährigen Geburtstag einmal gewinnen, um sich als Mann zu beweisen und ein »sphaireis« zu werden, ein echter männlicher Spartaner. Das Spiel war ein Initiationsritus, es markierte den Übergang vom Kind zum Mann. Dabei traten, wie später beim »calcio storico«2 in Italien, die Stadtteile gegeneinander an. Wer die strengen Regeln verletzte, wurde ausgepeitscht: was mehr eine moralische als eine körperliche Strafe war. Gespielt wurde in der Kriegsausrüstung, mit Helm und Schild. Der antike Fußball bereitete den Krieg vor, schaffte Prüfungen der Männlichkeit, verwebte Sport mit Religion und bestimmte nicht unwesentlich den sozialen Status.
Im römischen Reich wurde das Spiel vermutlich 100 v. Chr. aus Griechenland übernommen. Auch hier stand der militärische Nutzen im Vordergrund. Das sogenannte Harpastum war wohl eher dem Rugby oder American Football ähnlich. Der römische Arzt Galen hob dabei den Nutzen des Spiels für Körper und Geist hervor und auch den Vorteil, dass es die Ärmsten spielen könnten. Schnell wurde es zu einem Spiel für die Massen. Wie es damals ausgesehen haben könnte, lässt sich erahnen, wenn man sich den Florentiner »calcio storico« anschaut. Dort ist er heute eine gepflegte Tradition, die eher an Kampfsport erinnert als an Fußball. Äußerst brutal geht es zu, wenn die vier Stadtviertel in Florenz einmal im Jahr den Meister des Calcio ermitteln. Mitspielen darf nur, wer in den entsprechenden Stadtvierteln geboren ist. 1574 besuchte Heinrich III., König von Frankreich, die Städte Venedig und Florenz. Dabei bemerkte er zum Calcio, dass er zu klein für einen echten Krieg sei, aber zu grausam für ein Spiel. Dabei hat auch der Calcio als populärer Sport begonnen, ein Sport für die einfachen Leute. Allerdings verwandelte er sich, was vielen Fußballvarianten in ähnlicher Weise so ging, von einem people’s game, dem Sport aller, in eine herrschaftliche Institution. Eindrücklich beschreibt das der Kunsthistoriker Horst Bredekamp: Der Calcio »wurde von einem populären Spiel in einen Träger symbolischer Herrschaft verwandelt, blieb aber konfliktreich genug, um nicht in bloßer Repräsentation aufzugehen.«3 Der Fußball konnte nie ganz beherrscht werden, nie ganz in Repräsentation aufgehen. Genauso wie er auch heute nie vollständig in glatter, kalter und durchchoreographierter Verwertung aufgeht. Mit dem Übergang der Republik zum Prinzipat Anfang des 16. Jahrhunderts eignete sich der Adel den Florentiner Calcio an, fortan spielten in den ausgeschmückten Stadien nur noch »edle« Soldaten und Edelmänner, angeblich sogar Päpste. Das Spiel war fortan ein Spiel der Herrschenden, die während prächtiger barocker Feste ihre großen Schlachten symbolisch nachspielten.
Begründet wurde die Aneignung mit der antiken Aura der Kämpfer, mit der Ertüchtigung und Körperschulung junger Männer und der Ausbildung des Charakters. Der Fußball sollte der Ausbildung von Körper und Geist dienen. Der Calcio war ein passendes »scheinmilitärisches Spektakel«4 in Konkurrenz zum Theater und den Künsten. Davon zeugte auch der sogenannte Calcio-Krieg 1689, bei dem, kurz nach der Niederlage der Türken in Wien, ein Calcio-Spiel veranstaltet wurde, bei dem symbolisch der »Kampf zwischen Asien und Europa« dargestellt wurde.
Aber das Spiel wurde den Massen nicht gänzlich vorenthalten, ihr Platz war auf der Zuschauertribüne. Das Spektakel mit seinen schönen Kleidern, dem ausschweifenden Essen und Trinken, dem zeremoniellen Ablauf, in dessen Zentrum der Herrscher saß, war so angelegt, dass die Ordnung stets aufrechterhalten werden konnte und der anarchische Trieb des Calcio dennoch zu beobachten war – kontrollierte Offensive würde man das im modernen Fußball nennen.
Das Spiel war allerdings nie gänzlich von der Jugend fernzuhalten; so bemerkte der Chronist Tommaso Rinuccini im 17. Jahrhundert: »Man bemühe sich, das Calciospiel von alters her zur Karnevalszeit abzuhalten; aber früher spielten es Personen mit gewissem Alter und mit Bart, während sich heute nichts als Jugendliche betätigen.«5
Der Calcio hatte seine Entlastungsfunktion, und nicht umsonst war er gerade zur Karnevalszeit so beliebt oder direkt im Anschluss an Stier- und andere Tierkämpfe. Nichts gab es, was die Herrschenden mehr fürchteten als den Aufstand des Pöbels oder gar dessen Machtübernahme. Beim Calcio, zum Karneval, war das alles möglich: zeitlich begrenzt und nur auf einer symbolischen Ebene und im ordnungspolitischen Rahmen. Zeitlich und räumlich waren klare Grenzen gesetzt. Wer heute 90 Minuten im Stadion verbringt, kennt diese Entlastungsfunktion, die ganz viel gesellschaftlichen Dampf aus dem Kochtopf lässt.
Geradezu prototypisch war die Sublimierung der Gewalt in neue kulturelle Formen, die noch ihre wilde Vergangenheit mitschleppten, die aber schon Formen fanden, die bis in die heutige Zeit akzeptiert werden. Der Calcio (wie andere Vorformen des Fußballs) trug erheblich bei zur Zivilisierung der Gewalt, die sich aber als Folklore bis heute erhalten hat. Auch wenn betont werden muss, dass jene Zivilisierung durch den Fußballsport, wie sie Norbert Elias beschrieb,6 brüchig ist, und nicht selten entlädt sich gerade beim Fußball die größte Gewalt. Sie ist verbal und im kontrollierbaren Rahmen zugelassen, aber ab und an kocht sie über. Die Herrschenden hatten noch andere Pläne mit der Aggression – statt sie zu verbieten, lässt sie sich immer auch nutzen und in geordnete kontrollierbare Bahnen lenken. Gesunde Körper sollten fit für den Einsatz werden, ob in Fabriken oder auf dem Schlachtfeld.
Vermutlich ging der britische Fußball aus den Spielen hervor, welche die Römer im 9. Jahrhundert in ganz Europa verbreiteten. Aus der Zeit finden sich die ersten Berichte von spielenden Jugendlichen in Südengland. Bekannt sind die Spiele vor allem aus Schriftquellen, die das brutale Treiben auf den Dörfern moralisch verurteilten. Der archaische Fußball glich mehr einer Schlägerei um einen Stoff- oder Lederball, es gab zwei Tore oder Körbe und unzählige Mitspieler:innen. Häufig waren es Stadtteile, Ober- und Unterstadt oder andere lokale Unterschiede, nach denen die Mannschaften gebildet wurden. Einzige Regel war das Tötungsverbot, aber auch die wurde nicht immer eingehalten. Nicht selten führten die Raufereien zu anhaltenden Blutfehden.
Im 12. Jahrhundert verbreitete sich der »folk football« dann im heutigen Großbritannien in zahlreichen Ausprägungen weiter. In England, während der Fastenzeit, spielten Halbstarke ein Ballspiel mit dem Namen »lusum pilae celebrem«. Bis zum 14. Jahrhundert wuchsen mit seiner Popularität auch die Verbotsbemühungen. Man sorgte sich nicht nur um Kirchenfenster, sondern auch um den öffentlichen Frieden. Der »folk football« war jedoch nicht mehr aufzuhalten, trotz seiner Brutalität verbreitete er sich über die ganze Insel.
Der Fußball blieb auch in den nachfolgenden Jahrhunderten politisch umkämpft. Während des englischen Bürgerkriegs beispielsweise versuchten die neuen puritanischen Machthaber im Jahr 1647 Weihnachten in Canterbury zu verbieten. Schließlich, so die Argumentation, kommt das Fest in der Bibel nicht vor und hatte demnach in den Augen der strengen religiösen Herrscher auch keine Berechtigung. Die katholischen Engländer antworteten auf ihre Art und Weise: ein Fußballspiel mit anschließendem »riot«. Fensterscheiben gingen zu Bruch, die Menschen tranken Ale und aßen die verbotene Weihnachtsspeise, den Plum Pudding. Die Aufstände weiteten sich zu Revolten aus und läuteten eine weitere Eskalationsstufe im Bürgerkrieg ein. Die Aufstände gingen als »Plum Pudding Riots« in die Geschichte ein.
Der Fußball wurde zum Mittel der Rebellion. An den verbotenen Weihnachtstagen (bis heute wird ja am »Boxing Day« Fußball gespielt) versammelten sich Menschen, brachten einen Ball mit und spielten ihren wilden harten Fußball. Der Fußball war zunächst eng verknüpft mit festlichen Anlässen. Aber der arbeitsfreie Sonntag lockte immer mehr Spieler an, was die Puritaner mehr und mehr erzürnte. Mitte des 17. Jahrhunderts kam es dann immer häufiger zu Fußballspielen, die sich zu Ausschreitungen gegen die Obrigkeiten entwickelten, ein Phänomen, das uns auch heute wieder begegnet.
Im Winter 1659/60 kam es dann zu einem besonders heftigen Ereignis. In der englischen Stadt York zerstörte ein Fußball das Kirchenfenster. 30 Kicker wurden vor Gericht gebracht und teilweise bestraft. Hunderte, heute würde man sie »Ultras«nennen, gingen auf die Straße, bewaffnet mit Schwertern und Pistolen. Sie kamen bis zum Bürgermeister. Nach vier Stunden waren die Ausschreitungen unter Kontrolle und die Aufrührer wurden bestraft. Der Fußball war in der frühen Neuzeit endgültig politisch geworden und die Autoritäten fürchteten die kickenden Massen – sie wurden sie auch nie wieder ganz los. Trotz aller Verbote und moralischer Herabwürdigung des wilden Spiels war der Fußball als Spiel der einfachen Leute nicht aufzuhalten.
Die Geschichte des Fußballs auf der Insel ist eine Geschichte der Verbote. Viele Quellen belegen Verbotsversuche und Repressalien gegen den Fußball. Daran lässt sich ablesen, wie gefährlich er den Königen schien. Edward II. von England verbot den Fußball mit der Begründung, er würde die Jugend vom Bogenschießen abhalten. Sein Nachfolger Edward III. von England verbot Fußball 1331, weil er nicht wollte, dass die Armee geschwächt würde, bevor sie in Schottland einfiele. 1410 gab es Geldstrafen und sechs Tage Gefängnis für jeden, der Fußball spielte. Henry V. erneuerte die Forderung, lieber den Bogen zu spannen, statt Fußball zu spielen. Und tatsächlich brachten ihm die Bogenschützen dann den entscheidenden Vorteil im Krieg gegen Frankreich. Die Liste der Verbote ließe sich noch ausweiten. Die Repressionen wurden mit dem sozialen Frieden, der Schwächung des Militärs und dem Verderben der Moral begründet.
Im 18. Jahrhundert wurde es etwas ruhiger um den wilden Fußball. Er galt mehr und mehr als niedere Betätigung und geriet weiter in Misskredit, gespielt wurde nur vereinzelt. Ab den 1820er-Jahren findet er aber wieder Erwähnung. Auf Volksfesten wurde weiterhin um die aufgepumpte Schweinsblase gerungen, teilweise stundenlang prügelten sich im Dorf die einen gegen die anderen. Regelwerke des Spiels gab es nach wie vor nicht. Aber die Zeit des »folk football« lief langsam ab. Doch etwas anderes ereignete sich, etwas Ungeheuerliches: Schüler der sieben großen exklusiven »public schools« in England7 begannen zu rebellieren, indem sie Fußball spielten, das Spiel der Leibeigenen und niederen Schichten. Wild, hart, romantisch, gegen die Lehrer und Eltern, gegen die Industrialisierung und gegen das System ging man kicken. Wer erwischt wurde, wurde bestraft. Dessen ungeachtet organisierten sich die Schüler, spielten auch noch mit den Händen oder nach ganz eigenen Regeln. Fußball war nur etwas für das »niedere Volk«, die Elite sollte Cricket spielen, mit dem Bogen schießen oder rudern. Aber die Schüler hatten andere Pläne. Ihre Rebellion weitete sich aus und die Lehrer hatten nur noch eine letzte Möglichkeit: Sie integrierten das Spiel. So wurde Fußball 1840 an der »public school« in Rugby Teil des Schulunterrichts, 1845 schrieb man dort die ersten Regeln. Fußball wurde plötzlich gezielt im Schulunterricht eingesetzt, um soziale Normen zu etablieren: Fair Play, Gentleman-Tugenden und Sportmannsgeist, aber auch Disziplin, Härte für die verweichlichte Jugend und militärische Früherziehung. Das passte ins Konzept. Die Rebellion wurde ins System zurückgeholt, bevor es kritisch würde. Gleichzeitig konnten bestimmte, von den Herrschenden gewünschte soziale Funktionen eingeübt werden. Aber das Pendel schlug zurück, denn die ersten Vereinsgründungen ab den 1850er-Jahren erreichten auch die Arbeitervereine, der Sport wurde wieder offen – offen für alle Schichten und Klassen.
1863 war es dann so weit: In der »Freemason’s Tavern« in der Londoner Great Queen Street traf sich alles, was Rang und Namen hatte im neuen Sport, um einen Fußballverband (FA – Football Association) zu gründen. Eine Viertelstunde zu Fuß weiter wohnte zu dieser Zeit ein gewisser Karl Marx, der das eine oder andere politische Treffen dort gehabt haben dürfte. Ob er von diesem neuen Sport gehört hat, ist nicht überliefert. Aber der Fußball, wie wir ihn heute kennen, nahm Fahrt auf. Es dominierten die bürgerlichen Vereine. Jedoch zwanzig Jahre nach Gründung der FA passierte das Unglaubliche, die Diktatur des Proletariats obsiegte – zumindest im Fußball. Die Arbeitermannschaft Blackburn Olympic gewann 1883 den FA Cup. Vor 8 000 Zuschauern besiegten sie nach Verlängerung die Vorjahressieger, die Old Etonians, mit 2:1. Die Arbeiterkicker schlugen die Alumni der »Eton public school« – was für eine süße Genugtuung für die Arbeiterklasse und eine herbe Niederlage für die Bourgeoisie. Einer jedoch erlebte den triumphalen Sieg der Arbeiterklasse nicht mehr: Karl Marx. Er starb zwei Wochen vorher.
Aber nicht nur der Sieg war spektakulär, sondern auch die Art und Weise, wie er zustande kam. Die Mannschaften aus der Arbeiterklasse waren körperlich unterlegen. Mangelernährung und Krankheiten waren ihr stetiger Begleiter im Alltag, und sie waren in der Regel sogar körperlich kleiner. Um ihre physische Verfassung auszugleichen, begannen viele Arbeitervereine, statt Dribbling und »kick and rush«, wie es die Etonians spielten, mit dem Passspiel. Die Arbeiter machten so das Kombinationsspiel zum Standard. Bis dahin setzten die Public-School-Mannschaften noch weitgehend auf das klassische Spielmuster, das man heute noch vom American Football kennt: den Ball kicken und hinterherrennen. Aber der Kombinationsfußball der Arbeiter war der Gamechanger. Und es gab noch eine Besonderheit. Während die Gentlemen des bürgerlichen Fußballs ganz dem Amateurethos verbunden waren, wurden die Arbeiter bald fürs Fußballspielen bezahlt, denn neben der harten körperlichen Arbeit in den Fabriken hätten sie nie konkurrenzfähig am Spielbetrieb teilnehmen können. Blackburn Olympic, der Verein aus dem Arbeitermilieu im Norden Englands, war damit der erste Profiverein im Fußball. Im Jahr 1885 wurde der Amateurethos von der FA gänzlich aufgegeben. Blackburn Olympic ging 1889 schließlich pleite.
Die Geschichte des Fußballsports verläuft parallel zur Geschichte der Klassenkämpfe in den unterschiedlichen Gesellschaften. Es waren, soweit es sich nachvollziehen lässt, Menschen von unten, die kickten. Die oberen Klassen haben das Spiel entweder verboten oder enteignet und in den Herrschaftsdiskurs integriert.
Als die Herrschenden im 19. Jahrhundert in England und Schottland erkannten, dass der Fußball als protomilitärisches Züchtigungs- und Ausbildungsinstrument geeignet war, wurde er plötzlich in den Schulen wiederentdeckt, um die moralisch zweifelhafte Jugend zu disziplinieren. So war er mehr als willkommen. Wirkte er hingegen emanzipatorisch, stärkte er das Individuum oder das solidarische Moment, galt er als subversiv und wurde verboten – gerade bei nicht-bürgerlichen Schichten. Bis heute ist diese Doppelköpfigkeit des Fußballs allgegenwärtig.
Die historische Entwicklung des Fußballs spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung. Gegen die subversive Macht des »people’s game« gab es zwei Gegenstrategien: Repression oder Integration. Wenn sich tatsächlich das Besondere des Fußballs im Allgemeinen der Gesellschaft spiegelt, dann ist der Fußball die beste Werbung für die Marxsche Dialektik. So stehen Spielfreude, Zivilisierungsprozesse und Emanzipation der Instrumentalisierung für Herrschaft, Kapital und Diskriminierung gegenüber. Beide Bewegungen bedingen sich, widersprechen sich und entwickeln sich gegenseitig.
Der Fußball in Deutschland war zunächst eine Freizeitbeschäftigung von Briten aus der Mittel- und Oberschicht, die es nach Deutschland verschlagen hatte. Häufig spielten Botschaftsangehörige, Akademiker oder Lehrer. Ab und an zog das Spiel auch Einheimische an.
In bestimmten Kreisen, besonders bei Schülern und Studenten, gewann der Fußball der englischen Gentlemen schnell an Popularität, was den Traditionalisten überhaupt nicht gefiel. Besonders die Turner, die sich 1848 in großen Teilen noch republikanisch-demokratisch zeigten, gerieten nach der gescheiterten Revolution immer mehr in patriotische und kaisertreue Fahrwasser, ihnen war der neue Sport von der Insel verdächtig. Der Fußball sei nichts anders als »Fußlümmelei«, er mache die Menschen »zu Affen«, so die Deutsche Turnzeitung 1898.
Wieder einmal brauchte es fußballbegeisterte Pioniere. Darunter taten sich besonders die hervor, die Kontakt nach England hatten. Wie der Braunschweiger Gymnasiallehrer Konrad Koch. Unter seiner Aufsicht kickten die Schüler im Herbst 1874 erst einmal, dann zweimal die Woche und schließlich in jeder freien Minute auf dem »Kleinen Exerzierplatz« in Braunschweig. Voller Enthusiasmus kickten sie das Leder über das Feld, wobei es noch mehr Rugby als Fußball war. Aber der neue Sport brachte einen Wert mit. In der Kaiserzeit betonten die Militärs, die Adeligen und Herrschenden daher den Nutzen, kriegstüchtige, fitte und disziplinierte Soldaten zu rekrutieren. Koch gab auch der »englischen Krankheit«, wie das Spiel von den Turnern auch verspottet wurde, einen nationalistischen Anstrich. Von der Antike bis zum Mittelalter suchte er Beispiele, um zu belegen, dass das Spiel seine Wurzeln nicht in England hätte. Die Engländer durften es nicht erfunden haben, man gestand ihnen lediglich die Modernisierung des Spiels zu. Der nationale Chauvinismus war von Anfang an Teil der deutschen Fußball-DNA.
Die ersten größeren Keimzellen des neuen Sports fanden sich in den Industriestädten und besonders dort, wo viel Briten lebten, wie in Berlin. Hier schipperten 1892 zwei minderjährige Schüler mit dem Dampfschiff Hertha über die Spree und kamen auf die Idee, einen Fußballverein zu gründen. Wohl keiner von ihnen ahnte, dass aus der »Alten Dame« mal der »Big City«-Club des windigen Investors Windhorst werden würde. Im Süden dauerte es etwas länger. Im Mai 1900 gründeten Schüler in Nürnberg einen Rugbyverein. Aber nach einem Jahr hatten sie noch immer nicht die erforderlichen 30 Spieler zusammen. So wurde daraus der 1. FC Nürnberg, ein Fußballverein, der in den 20er- und 30er-Jahren der Weimarer Republik so große Erfolge feierte, dass man ihn hochachtungsvoll nur noch den »Club« nannte. Im eher protestantisch geprägten Dortmund tummelten sich seit 1901 im Verein Solidarität katholische Stahl- und Bergarbeiter am Borsigplatz. Ihr Vorsitzender, der Kaplan Hubert Dewald, wollte das wilde Treiben durch sonntägliche Andachten unterbinden. Das gelang ihm nicht ganz. Denn die jungen Männer gründeten 1909 quasi als Abspaltung und gegen seinen Willen den Fußballverein Borussia. Der Name der Legende hatte nichts mit einer Reminiszenz an irgendeinen Nationalstolz zu tun. Er war dem chaotischen Verlauf der Gründungsversammlung geschuldet und wurde genommen, weil im Gästezimmer ein Schild der Borussia Brauerei hing.
Die frühen Anfänge waren in Kontinentaleuropa aber nicht von der Arbeiterschaft getragen. Es waren vor allem die Angestellten, die Akademiker und die, die nicht den ganzen Tag an Maschinen arbeiten mussten. Erst später kamen die Sportler aus der Arbeiterklasse. Für den Fußball brauchte man Zeit, man brauchte Muße und den Luxus, sich für etwas verausgaben zu können, was nichts mit der mühseligen Plackerei auf dem Feld oder an den Maschinen zu tun hatte. Es gab aber auch Widerstand. Besonders in der Oberschicht machte sich schnell eine breite Ablehnung gegen den Sport von der Insel bemerkbar. Zu laut, zu dreckig, zu ungesund und dann noch diese bunten Trikots. Das war dem Adel, den Industriebaronen und den Konservativen unheimlich.
Erst als die Obrigkeit im Deutschen Kaiserreich entdeckt hatte, dass das Spiel sich in biopolitische und militaristische Zwecke einspannen ließ, wurde es auch von oben akzeptiert. Der Fußball nahm eine ähnliche Wendung wie in England einige Jahrzehnte zuvor. In dem Moment, in dem man den Nutzen erkannte, die Aggression junger Männer in einer Ballschlacht zu kanalisieren, folgte die Anerkennung. Nur Bayern erließ ein Fußballverbot für die höheren Schulen, das bis 1927 anhalten sollte. Preußen ließ sich schneller überzeugen.
Wenn in den spätkapitalistischen Gesellschaften heute die Boulevard-Blätter vom »Kampf der Giganten«, von »Fußballschlachten«, »Schicksalsspielen« etc. in ihren Überschriften Emotionen schüren, so stehen sie durchaus in dieser konservativ-militaristischen Tradition.
