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Die 13-jährige Kaja lebt im Jahr 2112, ihre Welt wird von Computersystemen beherrscht. Die Menschen wohnen in abgeschotteten Städten, außerhalb leben nur gefährliche Mutanten. Auf einem Schulausflug gerät Kaja plötzlich in diese gefürchtete Außenwelt. Es gelingt ihr, dort drei gefährliche Tage zu überleben, und nach ihrer Rückkehr in die Stadt ist nichts mehr, wie es war. Kaja beginnt am System zu zweifeln und stellt Nachforschungen an. Sind die Mutanten vielleicht gar nicht gefährlich? Und sind ihre Eltern wirklich ihre Eltern? Sie muss es herausfinden!
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Kaja in der Außenwelt
von
Sylvia Stuckmann (2012)
Jugendroman / Version 1.2
©Sylvia Stuckmann, Lauterbach (2012) / Alle Rechte vorbehalten
www.buchschmiede.de
Auflage der Originalausgabe 2007 by Fischer-Schatzinsel/Frankfurt
Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck oder andere Verwertung ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Autorin möglich
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
„Hört das denn nie auf?“
Kaja starrte auf die meterdicken Bäume vor sich und versuchte, den Überblick zu behalten. „Diese Welt da draußen ist wirklich unangenehm. Wie gut, dass das hier nur eine Übung ist. Man kann kaum glauben, dass wir uns im zweiundzwanzigsten Jahrhundert befinden.“
Prompt meldete sich ihr Kommunikator: „Welche Zeit genau?“, fragte das handgroße Gerät an ihrem Gürtel.
Kaja verdrehte die Augen. Stresstraining! Sie wusste zwar, dass diese ewige Fragerei nur dem Zweck diente, ihr Denkvermögen auch unter verschärften Bedingungen zu schulen, aber es nervte trotzdem. „2112“, gab sie leise zurück.
Das Gerät klickte und zeigte damit an, dass die Antwort richtig gewesen war.
Ein Schatten näherte sich. „Auf 1 Uhr!“, rief Kaja und duckte sich. Der Schatten schwankte und verzog sich ins Gebüsch. Der Luftzug des sich entfernenden Wesens ließ die Blätter über ihr zittern. Kaja konnte nicht vermeiden, dass ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief. Ihre Uniform bestand zwar aus allerneuestem und angeblich unzerstörbarem High-Tech-Material, aber wer wusste schon ...
„Was war das?“ Ihr Gefährte Gol kämpfte noch immer mit der üppigen Vegetation und hatte deshalb nichts mitbekommen. „Outlaws?“
„Nein, bestimmt nicht.“ Sicher war Kaja nicht, doch das musste dieser Angeber ja nicht gleich wissen. Selten genug, dass sie ihm mal eine Nasenlänge voraus war. Sie genoss diesen Vorsprung.
Weiter ging es, die Hand am Laser. Aufmerksam beobachteten Kaja und Gol ihre Umgebung. Was würde als Nächstes geschehen? Wem würden sie begegnen?
„Worauf sollen wir denn diesmal achten?“ Gol hatte wohl bei der Aufgabenbesprechung wieder einmal geschlafen. Kaja zog die Luft durch die Nase. „Auf Jungs mit großer Klappe“, antwortete sie spöttisch. „Schon gewonnen!“
Es dauerte etwas, bis Gol sich von dieser Bemerkung erholt hatte. Er wollte nicht in Wut geraten, das hätte Zeit und Punkte gekostet. Schließlich waren sie als Team in den Simulator geschickt worden, und nur gemeinsam hatten sie die Chance, ihre Aufgabe zu lösen. Er wollte Kaja nicht mit einer bissigen Antwort reizen, zu oft schon hatten sie sich mit Wortgefechten gegenseitig zur Weißglut gebracht und damit wertvolle Punkte verspielt.
„Nun sag schon“, knurrte er.
„Hinweise auf bewohnbare Orte in diesem Dschungel“, erklärte Kaja und blickte betont gleichgültig auf den Boden. „Oder würdest du eine neue Stadt an einer Stelle errichten, auf der es nur verseuchtes Wasser gibt?“
Wieder ein Knacken im Gebüsch, wieder schnellte Gols Hand an den Laser. Seine Stimme wurde heiser vor Aufregung. „Irgendwann werde ich einen sehen. Einen richtigen, meine ich.“
Kaja sagte nichts dazu. Niemand von ihnen hatte die Outlaws, die Gesetzlosen, die außerhalb der geschützten Städte lebten, bisher wirklich gesehen. Sie wussten nur, dass sie da draußen irgendwo existierten und gefährlich sein sollten. Oft genug hatte man es ihnen erzählt, vor jedem Ausflug in die Außenwelt wurden sie gewarnt. „Seid ja vorsichtig“, hieß es immer, „die Outlaws können überall sein. Und wenn sie euch erst einmal erwischt haben, werden sie nicht zimperlich mit euch umgehen!“ Hinter vorgehaltener Hand ging sogar das Gerücht um, dass sich im Laufe der Jahre Veränderungen im Körperbau entwickelt hätten, weshalb man ihnen den Spitznamen Mutanten gegeben hatte.
Wieder wanderten Kajas Augen über das Unterholz. Würden sie vielleicht heute einen Outlaw zu Gesicht bekommen? Sie war seit einer Woche dreizehn und fühlte sich alt genug für dieses Erlebnis, zumal auch Gol gespannt darauf wartete. Nicht eine Minute lang hatte er den Finger vom Abzug genommen. Die Welt da draußen nach bewohnbaren Stellen zu durchsuchen und vielleicht hin und wieder Spuren der Existenz von Outlaws zu finden, das reichte ihm nicht. Er wollte sie selbst. Und er wollte sie nicht nur sehen, dazu war er ein viel zu guter Jäger.
„Ob sie uns wohl angreifen würden, wenn sie uns fänden?“ Kajas Interesse an den Wesen der Außenwelt war anderer Natur. „Wie das wohl ist, da draußen überleben zu müssen, wenn man weder Arme noch Beine hat oder sich nicht richtig bewegen kann …“
Wieder einmal wanderten ihre Gedanken ab. Vor Kajas geistigen Augen tauchte das Bild einer Frau aus der Steinzeit auf, das man ihnen im Unterricht gezeigt hatte. Das zottige, ungekämmte Haar hing der Frau wirr ins Gesicht, und ein Fell wärmte die Schultern. Vor ihr flackerte ein Lagerfeuer.
Nun trat auch der Gefährte in Kajas Bild, Brust und Hände voller Blut. Auf seiner Stirn prangte ein einzelnes Auge, und sein Rücken war von Buckeln entstellt. Weitere kamen aus dem Unterholz, alle auf die eine oder andere Weise verkrüppelt: Der eine hatte einen Kopf mit zwei Gesichtern, der andere nur Hände ohne Arme, ein Dritter wendete ihr sein vernarbtes Gesicht zu. „Ich rieche etwas“, raunte er und hob die Nase. „Ich rieche einen aus der Stadt ...“
„Aufpassen“, zischte Gol und zerbrach ihren Traum. „Auf drei Uhr bewegt sich was!“
Kaja verschob ihre Fantasie auf später und beobachtete die Umgebung. Doch außer Farnen, die sich noch immer leise bewegten, war nichts zu erkennen. Ihr Herz schlug schneller. Ob das wohl einer von denen gewesen war? „Da, Gol, die Farne. Wenn wir eine Spur der Outlaws finden, bekommen wir jede Menge Sonderpunkte.“
Das Mädchen kniete sich hin und untersuchte den Boden. Da war ein Abdruck, eindeutig von einem menschlichen Fuß. Doch statt Zehen sah man die Eindrücke von Klauen, mächtigen Klauen ...
Vorsichtig stellte Kaja den Kommunikator auf scannen, behielt aber die Farne im Auge. Noch bevor das Gerät in ihrer Hand das erlösende „Piep“ geben und damit anzeigen konnte, dass die Aufgabe bestanden war, schoss ein weißer Blitz an ihr vorbei genau auf die Spur. Äste lösten sich vom Busch und zerstörten die Fährte.
„Was soll das, Gol?“ Wütend sprang Kaja auf. „Fast hätte ich sie gehabt.“
Gol schnaubte. „Da hat sich was bewegt!“
„Aber musst du deswegen immer gleich schießen? Du und dein Laser. Und wenn das jetzt eine scharfe Waffe gewesen wäre? Irgendwann bringst du uns mit deiner Schießerei noch mal um.“
„Und wenn es einer von denen war?“
„Wofür haben wir denn bitteschön unsere Kommunikatoren? Wenn du wirklich mal da draußen bist, müssen sich die anderen auf dich verlassen können.“ Kaja blitzte ihren Begleiter wütend an, am liebsten hätte sie ihm eine gescheuert. Doch die Regeln erlaubten leider keine körperlichen Auseinandersetzungen. Keine Berührungen, keine Kontakte, nicht untereinander und nicht mit dieser virtuellen Welt.
Schade, schoss es ihr wieder einmal durch den Kopf. Doch sie behielt diese Gedanken lieber für sich, Gol hätte kein Verständnis dafür. Er kannte sie nicht, diese ständige Sehnsucht nach anderen Welten. Egal, ob es sich dabei um die gefürchtete Außenwelt handelte, die sich hinter dem Magnetgürtel der Stadt ausbreitete, oder um eine Reise in vergangene Jahrhunderte, von denen ihr Freund Megin ihr so oft erzählte. Zu gern hätte Kaja das alles kennen gelernt.
Sie fanden den Hinweis auf bewohnbaren Boden wenig später im Unterholz. Zwischen den Wurzeln eines alten Baumes sprudelte eine Quelle. Es war eindeutig Trinkwasser ohne giftige Rückstände - der Scanner piepte und wertete die Aufgabe als bestanden. Der Simulator schaltete sich ab, und das dreidimensionale Bild erblasste unter dem aufflackernden Licht. Auf dem Monitor erschien ein Überblick über ihre Leistungen. Pulsschlag, Trefferquoten, Reaktionszeiten, alles war notiert.
„Eigentlich ganz passabel“, fand Kaja. Nur, dass sie für den Fußabdruck sicherlich eine bessere Wertung bekommen hätten als für die Quelle am Baum. Ein menschlicher Fuß mit Krallen ...
„Wie dieses Wesen wohl aussieht?“, fragte sie nachdenklich. „Wenn du nicht so wild herumgeballert hättest, könnten wir endlich eine richtige Fährte vorweisen.“
„Und wenn du nicht so viel träumen würdest, hätten wir weniger Zeit gebraucht und den Tagesrekord brechen können“, schimpfte Gol zurück.
Kaja zuckte die Achseln. Was interessierte sie der Tagesrekord, wenn da draußen eine neue Welt lockte? Mit Lebewesen, von denen sie bisher nur träumen konnte. Nicht einmal Megin, der Wächter der Schulmedien und ihr heimlicher Freund, hatte ihr bisher Zugriff zu den entsprechenden Daten gewährt. Wovor hatten sie nur alle Angst, dass sie ein solches Geheimnis daraus machten?
Kaja wollte es genau wissen, darum ging sie nach dem Mittagessen in die Mediathek. Nur wenige Schüler hatten dasselbe Ziel, und so hatte Megin Zeit für sie.
„Nun, wie war dein Überlebenstraining?“, fragte der alte Mann freundlich.
„Es könnte besser sein, wenn man Gol nicht erlauben würde, seinen Laser mitzunehmen.“
Megin lächelte. Gols Schwäche für das Schießen war bekannt, genauso wie Kajas Hang zum Träumen. Sicher hatten die Systeme sich etwas dabei gedacht, gerade diese beiden zu einem Team zu machen. Sollten sie ruhig voneinander lernen, dachte er.
Aufgeregt erzählte Kaja von dem Erlebnis im Simulator. „Ich habe ihre Spuren gesehen. Warum darf ich nicht wissen, wie die Mutanten aussehen?“, begehrte sie auf. „Man warnt uns dauernd vor ihnen, aber sehen lassen sie uns nichts.“
„Geduld, Kaja, auch das wirst du eines Tages verstehen“, brummte Megin. Um sie abzulenken, gab er einen Code in den Computer ein und wies mit der Hand auf den Bildschirm. „Schau dir diese Welt an“, sagte er freundlich, „die ist real. Zumindest war sie das einmal.“
„Was ist das?“ Kajas graue Augen weiteten sich und bekamen diesen seltsamen Glanz, den Megin so gern darin sah. „Welche Zeit ist das?“
„Das ist das siebzehnte Jahrhundert. Damals lebten die Menschen noch vorwiegend von Ackerbau, Viehzucht und Handel.“
„Und das da? Was ist das?“ Kaja zeigte mit dem Finger auf eine Zeichnung, die auf dem Monitor erschienen war.
„Das ist ein Ochsenkarren.“
„Nein, das da vorne. Sind das Tiere?“
Megin lachte wieder. „Oh ja, sie hatten viele Tiere damals. Lebendige, nicht nur solche aus Plastik und Mikroprozessoren, wie sie heutzutage in den Kinderzimmern stehen.“
„Was für Tiere, Megin?“ Kaja war jetzt ganz aufmerksam. „Und wo lebten sie?“
„Die Menschen unterschieden mehrere Arten von Tieren, z.B. Nutztiere, Haustiere und Wildtiere. Nutztiere waren solche, die ihnen in irgendeiner Weise nützlich waren, z.B. Pferde, auf denen sie ritten oder die ihre Karren zogen - damals gab es noch keine Gleiter, die ihre Lasten bewegten. Sie hatten Kühe und Ochsen, von denen sie Milch, Leder und Fleisch bekamen; die lebten bei ihnen am Haus und wurden daher Haustiere genannt.“
„Das Fleisch lebte mitten unter ihnen?“ Kaja dachte an die riesigen lebenden Fleischberge mit Stummelfüßen und kleinen Köpfen, die sie bei der Besichtigung der Mastanstalten gesehen hatte. Sie wusste nicht, ob sie diese Vorstellung eklig oder lustig finden sollte. „Hatten die Menschen denn dann überhaupt noch Platz?“
Megin strich mit der Hand über seinen noch immer dichten Bart. „Sieh her, hier kannst du die Tiere von damals erkennen. Sie waren ganz anders als heute.“
Der Leiter der Mediathek berührte einige Zeichen, und schon erschienen Fotos längst ausgestorbener Tierarten auf dem Monitor.
„Das hier ist eine Kuh“, erklärte er und zeigte auf ein etwa manngroßes Tier mit seltsamen Teilen auf dem Kopf.
Kaja staunte. „Und so was haben die gegessen? Das reicht ja kaum für eine Familie!“
„Damals war das Fleisch noch nicht so groß wie heute.“ Megin überlegte angestrengt, wie er es dem Mädchen erklären konnte. „Das Fleisch lebte auch noch nicht in Zuchtanstalten und wurde nicht geklont. Früher pflanzten sich Tiere genauso fort wie Menschen, auf natürliche Weise eben.“
Ungläubig starrte Kaja ihn an. „Gab es noch mehr Fleisch?“
„Natürlich. Sieh her, das da ist ein Schwein, ebenfalls ein wichtiger Fleischlieferant in der damaligen Zeit. Erst im zwanzigsten Jahrhundert begannen die Menschen mit der Massentierhaltung, im einundzwanzigsten Jahrhundert dann mit dem Klonen.“ Sein Finger beschrieben große Bögen in der Luft. „Aber damals hielt man die Tiere nicht nur als Nahrungsquelle. Es gab auch andere, kleine Wesen, die ihnen nützlich waren. Katzen zum Beispiel; sie fingen Mäuse und Ratten, weil diese die Vorräte stahlen und Krankheiten übertrugen. Hunde halfen beim Bewachen ihrer Häuser und bei der Jagd nach Fleisch, das aus den Wäldern kam.“
„Aus den Wäldern?“ Kaja schüttelte ungläubig den Kopf. „Fleisch wächst doch nicht auf Bäumen!“
Wieder musste Megin lachen. „Nein, Kaja, Fleisch wuchs auch damals nicht auf Bäumen sondern an Tieren, genau wie heute. Aber diese Tiere waren kleiner, als wir sie kennen, und sie lebten selbständig. Sie konnten ohne die Fürsorge des Menschen existieren, fressen und sich vermehren.“
Mit Bildern über Haus- und Nutztiere, Wild- und Raubtiere, Nager, Fische, Insekten und Reptilien versuchte Megin, dem Mädchen etwas von dem besonderen Lebensgefühl der damaligen Zeit mitzuteilen, in der Tiere eine nicht unerhebliche Rolle spielten.
Nachdenklich strich Kaja sich mit dem Finger um den Mund. „Wer hat denn all diese Wesen versorgt?“
„Die wilden Tiere versorgten sich selbst, die anderen bekamen Schutz und Futter vom Menschen.“
„Keine Roboter?“
„Keine Roboter.“
„War das nicht gefährlich?“ Kaja dachte an ihr Erlebnis im Simulator, noch immer sah sie die Blätter im Luftzug des geheimnisvollen Tieres zittern. Es musste sehr groß gewesen sein.
„Manchmal schon. In früheren Zeiten sind oft genug Menschen verletzt oder getötet worden. Je größer ein Tier ist, um so mehr Kraft hat es. Das erforderte Geschick. Hin und wieder sind die Leute auch wilden Tieren zum Opfer gefallen.“
„Und ihr Schutzschild? Hatten sie das denn nicht eingeschaltet?“
„Die Menschen hatten damals keine Schutzschilde.“ Megin beobachtete Kajas Gesicht, in dem Zweifel und Staunen deutlich zu lesen waren.
„Jetzt ziehst du mich aber auf, Megin.“ Endlich lächelte das Mädchen wieder. „Fast hätte ich es dir geglaubt. Aber eine Stadt ohne Schutzschilde ...“
Der Leiter der Schulmediathek rief immer neue Figuren auf den Monitor und setzte die begonnene Geschichtsstunde fort. „Nein, Kaja, sie kannten tatsächlich keine Kraftfelder, weder um die Fuhrwerke noch um ihre Städte. Sieh hier ...“ Damit zeigte er auf das Bild, das sich vor ihren Augen aufbaute. „Damals führten sie Kriege, Mensch gegen Mensch. Später nutzten sie mechanische Waffen, dann biologische, chemische und atomare. Der Kampf der Systeme ist erst in den letzten - sagen wir sechzig, siebzig Jahren möglich geworden.“
„Keine Schutzschilde ...“ Noch immer schüttelte Kaja ungläubig den Kopf. „Wie konnten sie da überleben?“
„Sie hatten viele Kinder.“
„Mehr als zwei?“
„Viel mehr als zwei.“
Wieder einmal schweiften Kajas Gedanken vom Thema ab, wie so oft. Mehr als zwei? Bis heute hatte sie noch keine Antwort auf die Frage bekommen, warum man ausgerechnet ihrer Familie drei Kinder zugestanden hatte: den fünfzehnjährigen Talf, sie selbst und nun das neue Baby.
Der Kommunikator an der Gürtelschnalle piepte leise und erinnerte Kaja daran, dass die Mittagspause beendet war.
„Unterricht!“ Sie stöhnte.
„Was habt ihr jetzt?“
„Sport.“ Nein, das war nicht wirklich Kajas Lieblingsstunde!
„Was hast du gegen Sport?“, fragte Megin. „Ich habe ihn immer geliebt. Bewegung hilft uns, wach und stark zu bleiben, was magst du daran nicht?“
Als der alte Mann sich mühsam vom Stuhl erhob, biss Kaja sich auf die Lippe. Megin hatte keine Beine mehr und trauerte sicherlich der Zeit nach, als er sich noch selbständig und ohne bionisch unterstützte Mikroprozessoren im Körper fortbewegen konnte.
„Ich mag nicht, wie sie das machen“, erklärte sie vorsichtig. „Der Plan, den sie aufstellen, um den Körper optimal in Form zu bringen. Montags ist es besonders schlimm, denn am Wochenende hat sich kaum einer an die Ernährungsregeln gehalten, das müssen wir dann mit Hilfe des Trainigsplanes wieder ausgleichen.“ Sie blickte sehnsüchtig zu dem Bild eines Bauern hinüber, der gerade sein Feld bestellte. „Warum bin ich nicht in seiner Zeit geboren?“
„Auch unsere Welt hat ihre Aufgaben“, versuchte Megin zu trösten. „Eines Tages wirst du zufrieden mit ihr sein und dir keine andere Welt mehr wünschen. Vertrau mir.“
„Das glaub ich nie und nimmer!“, rief Kaja und sprang davon.
Auf dem Heimweg war Kaja sehr nachdenklich. Tira, ihre beste Freundin und Nachbarin, redete hingegen wie ein Wasserfall und merkte nichts von Kajas ungewöhnlicher Schweigsamkeit.
Der Gleiter, der die Schüler nach dem Unterricht nach Hause brachte, scannte ihre Kommunikatoren. Prompt schloss sich die magnetische Schranke und versperrte Tira den Weg.
„Was ist denn los?“ Verwirrt und verärgert versuchte das Mädchen erneut, in den Transporter zu gelangen.
„Deine Eltern sind noch im Institut“, erklärte die metallische Stimme aus dem Scanner. „Du musst bis zum nächsten Bus auf dem Schulgelände bleiben.“
Tira lächelte gequält. „Wieder einmal!“, schimpfte sie leise und winkte der Freundin kurz zu. „Na dann - bis später.“
„Bis später“, antwortete Kaja und wartete auf den eigenen Scan.
Auch bei ihr meldete sich der Bordcomputer zu Wort. „Deine Fahrtberechtigung läuft morgen ab“, stellte er fest. „Wenn du einen Ferienkurs auf dem Schulgelände besuchen willst, musst du sie neu freischalten lassen.“
Kaja dachte an Megin und erschrak. Beinahe hätte sie die Frist verpasst, um ihre Karte verlängern zu lassen. Dann wäre ihr die Mediathek der Schule für die ganzen vier Wochen unterrichtsfreier Zeit versperrt. „Ja, ja, ich kümmere mich darum“, antwortete sie schnell und setzte sich. Das konnte ihre Mutter später erledigen, sie wollte jetzt nicht gestört werden, zu vieles ging ihr im Kopf herum.
Tiere, die mit den Menschen zusammenlebten? Die ihre Lasten trugen und ihre Häuser bewachten? Eine Welt ohne Kommunikator, der den Willen der Oberen mitteilte und die Schritte lenkte? Ohne Schutzschilde und elektronische Mauern? Ohne Kraftfeld über der Stadt, das alle schädlichen und unerwünschten Einflüsse von ihnen fern hielt? Eine Welt ohne Schutz? Wie konnten sie da leben?
Die wenigen Schritte vom Gleiter zum Haus waren schnell zurückgelegt. Jetzt, im Spätsommer, färbten sich die ersten Blätter bunt. Ein kleiner Ast löste sich und fiel herunter, genau in die dafür vorgesehene Rinne.
Achtlos ging das Mädchen daran vorbei zur Eingangstür. Die Bewässerungsanlagen hatten die Beete rings um das Gebäude befeuchtet; mit geübten Sprüngen wich sie den Rinnsalen aus und sprang in die Eingangshalle ihres Hauses. Ein Motor schaltete sich ein und saugte einige Blätter an, die auf den Gehsteig gefallen waren.
Wieder piepte der Kommunikator - der kleine Monitor ihres Mini-Computers verriet ihr, dass sich kein Fremder im Haus befand, sie konnte beruhigt nach unten fahren.
Für die Fahrt hinunter in die siebenundzwanzigste Etage reichte der Kommunikator, doch um die Wohnungstür zu öffnen brauchte es mehr. Kaja legte ihre rechte Hand auf eine dafür vorgesehene Scheibe und blickte in ein kleines Fenster. Ein Licht tastete Augenhintergrund Fingerabdrücke ab, dann war der Weg frei.
„Willkommen daheim, Kaja.“ Der Hauscomputer begrüßte sie freundlich. „Möchtest du noch etwas essen?“
„Nein danke, ich bin satt.“ Das Mittagessen in der Schule war reichlich gewesen, dann noch das Ausdauertraining im Schulsport - Hunger hatte sie jetzt wirklich nicht. Sie musste unbedingt mit ihrer Mutter sprechen, zu viel hatte sie heute gehört.
„Sabia?“
Kaja ging zur Küche. Im Vorbeigehen schleuderte sie die Schulsachen in die Ecke und die Jacke auf einen Ständer. Kaja wusste, dass sie sie eigentlich ordentlich aufhängen sollte, doch dafür war jetzt keine Zeit.
„Sabia?“ Ihre Stimme klang ungeduldig, als sie in die leere Küche blickte.
„Ich bin im Spielzimmer.“ Die vertraute Stimme, freundlich und sanft wie immer, kam vom anderen Ende des Flures.
Kaja drehte um und schaute kurz zu ihr hinein.
„Na, wie war dein Tag, Große?“
„Danke, wie immer.“ Liebevoll betrachtete Kaja ihre Mutter. Deren langes schwarzes Haar war hochgesteckt, und ihre Finger hielten die Hand eines Babys. Kajas sechs Monate alte Schwester Linja sah interessiert zu einem Bildschirm an der Wand, an dem sich bunte Formen im Zeitlupentempo hin und her bewegten. Warme Töne begleiteten die Bewegung.
Kajas Erscheinen hatte das Baby kurz abgelenkt und ihm ein Lächeln entlockt, doch Sabia brachte den Säugling schnell wieder an seine Aufgabe zurück.
„Braucht ihr noch lange?“ Kaja wollte endlich ihre Fragen los werden und zappelte unruhig hin und her.
Doch Sabia führte erst das tägliche Förderprogramm von Linja zu Ende. Ungeduldig griff Kaja schließlich nach einem wuscheligen Schmuserobotter im Regal. Das kleine Ding begann sofort zu quietschen.
„Nein, ich hab nichts zu essen“, lachte Kaja. Daraufhin spitzte das Spielzeug sein Mäulchen wie zu einem Kuss und fiepte erneut. Aus jahrelanger Gewohnheit nahm Kaja das Wesen in den Arm und küsste es auf den Mund. Zum Dank erhielt sie ein Lied, reich an glockenhellen Tönen. „Ich mag dich auch“, antwortete sie und streichelte dem Kuscheltier über das flauschig weiche Fell. Daraufhin änderte es seine Farbe von orangerot in angenehmes Tiefblau.
Kaja streichelte das Spielzeug noch ein letztes Mal und stellte es dann wieder zurück ins Regal. „Stör mich nicht, ich muss etwas herausfinden“, flüsterte sie und schloss mit der Hand die Augen des Tierchens. Sie konnte fühlen, wie seine langen Wimpern an der Handinnenfläche entlang streichelten, dann war es still. Kaja wusste aus Erfahrung, dass das Tierchen nun so lange schweigen würde, bis sie es erneut berührte.
Endlich war Linjas Trainingsprogramm beendet. Sabia legte sie in ihr Bett und setzte sich zu ihrer Tochter an den Tisch. „So, jetzt können wir reden. Was ist los?“
Kaja sah sie gespannt an. „Hast du nicht manchmal Lust, etwas ganz Verrücktes zu tun? Die Schutzschilde abzuschalten zum Beispiel? Oder in die Außenwelt zu gehen und Mutanten zu suchen?“
„Nein.“ Sabias Antwort kam schnell und bestimmt. „Warum sollte ich so etwas tun? Es geht uns gut hier, so wie es ist. Wir haben alles, was wir brauchen. Ich kann mich um euch drei kümmern und trotzdem meiner Arbeit nachgehen, weil ich weiß, dass ihr versorgt und beschützt seid. Warum sollte ich also etwas tun, das uns alle in große Schwierigkeiten bringen würde?“
Kaja seufzte. Dieselbe Antwort hatte sie heute schon einmal bekommen, von ihrem Lehrer für Programmiertechnik. Wenn Megin nicht wäre, hätte sie bestimmt längst aufgehört zu fragen. Irgendwie waren die Erwachsenen alle gleich, auch wenn Sabia die jüngste Mutter war, die sie kannte. Kaja rechnete nach: Sechzehn musste sie gewesen sein, als ihr Bruder Talf auf die Welt kam, unangemessen früh.
„Hast du denn nie in deinem Leben etwas Verrücktes getan, etwas ganz und gar Unvernünftiges?“ Mit weit geöffneten Augen hing Kaja an den Lippen ihrer Mutter.
Sabias Blick verschleierte sich; für einen Moment sah es aus, als seien ihre Gedanken weit fort in einer anderen Welt. Doch ihre Antwort war eher nüchtern.
„Nein, warum auch? Und nun nimm deine Vitamine, es ist Zeit.“
Kam es Kaja nur so vor, oder verheimlichte Sabia ihr etwas? Gab es da vielleicht doch einen wunden Punkt, an den sie mit ihrer Frage gerührt hatte? Ein Geheimnis aus ihrer Jugend vielleicht, das sie so hatte werden lassen, wie sie jetzt war? Die Antwort zum Beispiel auf die Frage, warum sie so früh ihr erstes Kind bekommen hatte und warum die Oberen ihr jetzt, mit einunddreißig, noch ein drittes Kind bewilligten?
Doch Sabias unbewegtes Gesicht erlaubte keine weiteren Fragen. Kaja schwieg und ging in die Küche. Es war besser so. Sie öffnete die Kühlschranktür und blickte hinein. „Gegrilltes Fleisch, das wär's jetzt.“
Prompt meldete sich der Hauscomputer. „Hallo Kaja“, kam es aus dem Lautsprecher. „Die wöchentliche Bestellung ist fällig.“
„Ja, gleich. Muss erst noch meine Vitamine nehmen.“
Der Hauscomputer verständigte sich kurz mit ihrem Kommunikator darüber, was sie heute schon gegessen hatte, und wertete die Daten in Sekundenschnelle aus. „Willst du deine Mineralstoffe als Drink oder als Dragee?“
„Als Getränk bitte.“
„Welche Geschmacksrichtung?“
Kaja grinste. „Schwein!“, antwortete sie laut und deutlich.
„Bitte wiederholen“, forderte der Computer nach einer kurzen Pause.
„Das ist Fleisch“, erklärte Kaja ungeduldig und versuchte es noch einmal. „Dann eben Kuh. Kennst du das wenigstens?“
„Fleisch - bitte spezifizieren“, schnarrte es erneut.
„Kühe - das sind Fleisch-Tiere mit Hörnern auf dem Kopf.“
„Begriff Kühe nicht gespeichert“, hieß es. „Bitte wiederholen.“
„Na gut.“ Kaja beendete dieses amüsante Spiel und schluckte ein Kichern hinunter. „Dann eben Schokolade.“
„Kommt sofort.“ Das Surren eines elektronischen Mixers mischte sich in ihre Unterhaltung, dann war es wieder still in der Küche.
Kaja wartete, bis ihre Ausgleichsmahlzeit fertig war, und trank den Inhalt in einem Zug.
Wieder erschien dieses Glitzern in ihren Augen. „Sabia, was passiert eigentlich, wenn ich meine Vitamine mal nicht nehme?“, rief sie zum Aufenthaltsraum hinüber.
„Dann würdest du Mangelerscheinungen bekommen und nach wenigen Tagen zum Test müssen. Das Ende vom Lied wäre ein Aufenthalt in der Krankenstation mit Blutentnahmen, Spezialtraining und Aufbaukost.“
Kaja schüttelte sich. Das hörte sich ganz nach Sabia an, die eigentlich einmal Kinderärztin werden wollte. Doch die frühe Mutterschaft hatte diese Pläne geändert. Dennoch ließ sie nie eine Gelegenheit aus, Kaja und ihren Bruder über das Gesundheitssystem und seine Möglichkeiten aufzuklären.
Nein, Krankenstation und Arzt passte nicht in Kajas Traum von einem anderen Leben. Eher schon das, was Megin über die Welt von früher gesagt hatte. Wenn sie ...
„Deine wöchentliche Bestellung“, mahnte der Computer.
„Sabia, was müssen wir noch einkaufen?“
Gern hätte Kaja diese Frage von ihrer Mutter beantworten lassen, die noch immer im Aufenthaltsraum über ihren Berichten saß, doch die sah das anders. „Du bist alt genug, um das selbst zu erledigen“, kam es zurück.
Mist! Kaja hatte so gar keine Lust auf Einkaufslisten, doch der Computer blinkte unerbittlich.
Na gut. Sie sah die einzelnen Fächer des Kühlschrankes durch. „Vier Pack helles Fleisch, drei Pack dunkles und sieben Einheiten Gemüse.“
„Welches Gemüse? Bitte spezifizieren!“
„Von allem etwas.“
„Was genau?“
Hilflos verdrehte Kaja die Augen. „Wie letzte Woche“, stammelte sie.
Das schien eine gute Antwort zu sein, denn der Kühlschrank piepte und nahm sieben Einheiten Gemüse in seine Bestellliste auf.
„Was fehlt denn noch?“ Kaja senkte ihre Stimme in der Hoffnung, den Computer zu einer leisen Antwort zu bewegen. Sabia würde sie sicher noch öfter zu den Aufgaben im Haushalt heranziehen, wenn sie bemerkte, dass Kaja noch immer mit den Bestelllisten auf Kriegsfuß stand.
Doch ihr Wunsch blieb unerfüllt. „Die weitere Bestellung bitte“, kam es aus dem Lautsprecher.
Die Mutter war unbemerkt herangetreten und legte ihr aufmunternd die Hand auf die Schulter. „Mach weiter so, Kaja, mit der Zeit wird es selbstverständlich werden.“ Sie setzte sich auf den freien Stuhl. „Was ist los mit dir?“
Kaja stöhnte. „Einkaufen! Listen erstellen! Wie langweilig! Bei Megin brauche ich solch ein Zeug nicht zu lernen.“ Ihre Augen blitzten in Erinnerung an das, was Megin ihr heute gezeigt hatte. „Stell dir vor, Sabia: Früher haben die Menschen mit ihrem Fleisch zusammengelebt! Es kam nicht aus der Mastanstalt, und sie konnten sich sogar darauf fortbewegen. Ist das nicht aufregend?“ Ihre Wangen glühten vor Erregung.
Doch Sabia nahm diese Neuigkeiten mit weniger Begeisterung auf als Kaja.
„Das ist es also“, sagte sie kurz angebunden. „Megin! Hätte ich mir denken können.“ Sie verließ ihren Platz und begann, in der Küche auf und ab zu wandern.
„Akin und ich denken, dass Megin kein guter Umgang für dich ist.“ Kajas Widerworte erstickte sie mit einer Handbewegung. Jetzt war nichts Sanftes, Mütterliches mehr an ihr, jetzt erinnerte sie Kaja eher an einen Lehrer. „Deshalb habe ich deine Transportmarke sperren lassen, sie läuft morgen ab. Im nächsten Schuljahr kannst du noch oft genug in die Mediathek gehen, in diesen Ferien haben wir etwas anderes für dich geplant.“
