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Ophelia - Kalles Tagelfe - hilft Kalle in seiner Schule. Dieses Kinderbuch musste geschrieben werden. In Diskussionen bei denen wir unser Schulsystem in Frage gestellt haben, gab Herwig Friedemann G. mir stets Anregungen für dieses Buch, die ich gerne darin verarbeitet habe. Unser Schulsystem dient nicht dazu Sinnzusammenhänge zu erkennen, sondern sich vermeintlich höhergestellten Menschen unterzuordnen und nichts in Frage zu stellen. Es ist ein Märchen, aber in jedem Märchen steckt eine gehörige Portion Wahrheit.
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Seitenzahl: 54
Veröffentlichungsjahr: 2024
VonBrigitte Schmid
IllustrationenSonja Seiler
Mit sehr viel LiebefürKalle und Lotta
Erste Auflage
Vertrieb derzeit über E-mail: [email protected]
Dieses Buch ist durch Einschreiben an Autor urheberrechtlich geschützt
Ophelia
Kennst du das Dorf Kallendorf?
Nein?
Ich auch nicht.
Vielleicht gibt es dieses ja irgendwo in Deutschland.
In meiner Geschichte gibt es dies auf jeden Fall.
Wenn du die Kallendorfstrasse bis zu deren Ende entlang gehst, findest du auf der rechten Seite ein weizengelbes
Einfamilienhaus, umgeben von einer großen Wiese.
Der Kirschbaum vor dem Haus trägt zartrosa Blüten.
Der Apfelbaum hinter dem Haus trägt weiße Blüten.
Das gesamte Anwesen wird von einem ein Meter hohen
Holzzaun umrahmt.
Tau liegt noch auf der Wiese.
Es ist noch kühl so früh am Morgen.
Vorsichtig wird die Haustüre geöffnet. Gerade einen Spalt breit, damit ein Kind von ungefähr sieben Jahren heraustreten kann. Blaue Augen blicken neugierig in die Welt, die gerade jetzt entdeckt sein möchte.
Ein schelmisches Lächeln ziert ein zartes Gesichtchen.
Vorsorglich hat sich das Kind über seinen blauweißgestreiften Pyjama einen roten Anorak angezogen.
In blauen Gummistiefeln stapft es die Treppen hinunter.
Mama und Papa schlafen noch in ihren Betten.
Die Kirchturmuhr hat gerade sieben Uhr geschlagen.
Inmitten der Wiese setzt sich das Kind aufs taufrische Gras.
Laut spricht es vor sich hin:
„Ich werde für Mama und Papa ein paar Blumen pflücken. Da freuen sie sich ganz gewiss.“
Die kleinen Hände greifen nach einer Primel direkt vor sich im Grase.
„Autsch!“
ruft ein feines Stimmchen.
Verwundert sieht das Kind um sich.
„Wer hat da gesprochen? Ich sehe ja niemanden.“
„Ich bin das.“
„Wer ist das, ich?“
„Ich heiße Ophelia. Wenn du dich herab beugst zu der Primel, die du gerade pflücken wolltest, und deren Duft einatmest, ganz tief, so werde ich für dich sichtbar sein.“
Kalle, so heißt der kleine Junge, beugt sich tief zum Grase, und atmet in kräftigen Zügen den Duft der Blume ein.
Staunend sieht er vor sich ein winzig kleines Mädchen.
Ein buntes Glockenkleidchen hat es an.
Blonde Löckchen umrahmen ein zartes Gesichtchen.
Blaue Augen blicken ihn traurig an.
„Einer meiner Fügel hat sich festgesteckt.
Kannst du mir bitte helfen, dass ich wieder frei komme?“
„Was muss ich dabei tun?“
„Na ja, nur mit deinen Händen die Blütenblätter zur Seite biegen.“
Behutsam biegt er die Blätter der Primel zur Seite.
„Bleibst du dann etwas bei mir?,“
fragt Kalle schüchtern.
„Weißt du, Mama und Papa schlafen doch noch, und ich fühle mich sehr alleine, weil ich niemanden zum Spielen habe.“
„Ich kann dich ja immer wieder mal besuchen,“
verspricht die Kleine.
Nachdenklich sieht Kalle sie an:
„Du bist ja so viel kleiner als ich. Warum ist dies so?“
„Ich bin ein Tagelfenmädchen, die sind oft so winzig.“
„Kannst du gar nicht größer werden?“
„Doch, aber nur für sehr kurze Zeit, weil ich mich da sehr konzentrieren muss.“
„Dann werde doch einmal für kurze Zeit so groß wie ich bin. Ich pass auch auf, dass du dich trieren kannst.“
„KONZENTRIEREN, heißt das,“
korrigiert ihn die kleine Elfe.
„Was ist das?“
„Ich denke nur an die Sache, mit der ich gerade beschäftigt bin.“
„Also, dann leg mal los.“
Erwartungsvoll sieht er sie an.
Die kleine Elfe neigt ihren Kopf leicht nach unten und murmelt dabei etwas vor sich hin, was Kalle nicht verstehen kann.
Sie wird größer und größer und größer, bis sie Kalles
Körpergröße erreicht hat. Begeistert ruft Kalle:
„Jetzt bist du ja so groß wie ich!“
Vorwurfsvoll sieht Ophelia Kalle an.
„Du solltest doch nicht sprechen, da verliere ich meine
Konzentration,“ dabei wird sie wieder kleiner und kleiner, bis sie ihre ursprüngliche Gestalt erreicht hat.
Großzügig sagt Kalle:
„Das macht nichts, wenn du so klein bist.
Du kannst trotzdem mit mir spielen.“
„Möchtest du gerne mehr über uns Tagelfen wissen?“
Fragend sieht Ophelia ihn an.
„Oh ja, sehr gerne. Erzähl´doch mal.“
Ophelia beginnt zu erzählen:
„Die Aufgabe der Tagelfen ist es, den Menschen zu helfen. Da sie übernatürliche Kräfte in sich tragen, das heißt Zauberkräfte, haben sie viele Möglichkeiten.“
„Wo lebst du, wenn du nicht bei den Menschen bist?“,
fragt Kalle scheu.
„Im Lande der Elfen.“
„Wo aber ist dieses Land?“
„Weit weg von hier. Aber wenn wir gemeinsam hin fliegen, sind wir sehr schnell dort.“
„Ich, ich, ich kann doch gar nicht fliegen“,
stottert Kalle.
„Du kannst es von mir lernen.
Deine Großmama hat dies auch von mir gelernt.“
„Du kennst meine Großmama?,
ruft Kalle.
„Ja, auch für sie war ich sichtbar.“
„Wieso bist du denn nicht für jeden Menschen sichtbar?“
„Na, weil nicht jedes Kind die Fähigkeit in sich trägt,
uns zu sehen. Das können nur Kinder oder Erwachsene, die sehr viel Fantasie haben.“
„Und, meine Großmama, hatte sie diese Fantasie?“
„Ja“, antwortet die kleine Elfe.
„Kann sie dich auch heute als meine Großmama noch sehen?“
„Nein, heute nicht mehr.“
„Weißt du Ophelia, ich muss jetzt ganz schnell zur Großmama. Sie muss doch wissen, dass ich dich jetzt auch kenne.
Wie aber machen wir es, wenn wir zusammen spielen wollen?
Wie erreiche ich dich?“
„Merke dir nur das Wort Kalledan, das du zweimal rufen musst, wenn du mich sehen möchtest, oder Hilfe von mir benötigst.
Ich bin dann sehr schnell bei dir.“
„Aber, du kommst dann auch ganz bestimmt?“
„In nicht einmal vier Minuten bin ich dann bei dir.“
Kurzer Besuch bei Großmama (am selben Tag)
Eine halbe Stunde Wegfahrt im Auto bringt Kalle an diesem
Sonntag Morgen zu seiner Großmama.
„Sofort“, sagte er zu seinen Eltern,
„wir müssen sofort zu Großmama.“
„Warum denn so eilig? Wir können doch zuvor noch in Ruhe frühstücken“, entgegnet ihm sein Papa.
„Na ja, schließlich muss ich ihr Grüße von Ophelia bestellen.“
„Wer, um Himmels Willen, ist Ophelia?“ fragt seine Mama. Vorwurfsvoll sieht er seine Eltern an.
„Ophelia ist eine Tagelfe, die ich heute Morgen auf unserer Wiese kennengelernt habe“, meint Kalle.
Vielsagend wechseln seine Eltern Blicke.
Nun aber begleiten wir Kalle zu seiner Großmama.
Sie wohnt in einem großen Mietshaus in der nächsten
Kreisstadt, im ersten Stock.
Kalle klingelt Sturm.
Der Summer ertönt. Hastig stürmt er die Treppen hoch.
„Großmama, Großmama, ich soll dir viele liebe Grüße von Ophelia bestellen.“
„Was, die gibt es auch noch?“
Gütig lächelnd umarmt ihn die weißhaarige alte Dame.
„Wie hast du sie denn kennengelernt?“
„Auf der Wiese vor unserem Haus. Sie hatte sich einen Flügel eingeklemmt. Und du Großmama, wie hast du sie kennengelernt?“
„Auch auf einer Wiese.“ Lächelnd sieht sie ihn an.
