Kallirhoe - Karl Plepelits - E-Book

Kallirhoe E-Book

Karl Plepelits

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Beschreibung

Charitons Kallirhoë ist der älteste Liebesroman, ja sogar der älteste vollständig erhaltene Roman der Weltliteratur. Hier liegt er in eigener Übersetzung vor. Er stammt aus der Zeit um oder bald nach Christi Geburt. Indizien sprechen für die Mitte des 1. Jh. n. Chr. Damit ist er der erste Vertreter der antiken griechischen Romanliteratur, die ihrerseits im 15. und 16. Jh. als unübertroffenes Vorbild den neuzeitlichen Roman quasi zur Welt gebracht hat. Auch für heutige Leser (und vor allem Leserinnen) stellt dieser antike Roman ein großes Lesevergnügen dar. Die beiden Liebenden sind die ungewöhnlich schöne Kallirhoe und der fesche Chaireas, beide aus Syrakus. Bevor sie aber ihre Liebe so richtig genießen können, erleben beide aufregende und gefährliche Abenteuer, die sie von Sizilien nach Ionien (der heutigen Westtürkei) und sogar nach Babylon zum persischen Großkönig Artaxerxes treiben. In einem ausführlichen Nachwort werden nicht nur erklärungsbedürftige Stellen erläutert, sondern auch ein Interview mit dem ukrainischen, russischen und amerikanischen Tänzer und Starchoreographen Alexei Ratmansky, der im Jahre 2020 Charitons Kallirhoe als Handlungsballett mit dem American Ballet Theatre uraufgeführt hat. Die europäische Premiere mit dem Wiener Staatsballett zur prächtigen und gleichsam poetischen Musik von Aram Chatschaturjan fand im Oktober 2025 in der Wiener Staatsoper statt. Mit einer Abbildung.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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CHARITON VON APHRODISIAS

KALLIRHOE

Der älteste Liebesroman der Welt

Neu übersetzt von Karl Plepelits

2026

Kallirhoë

ERSTES BUCH

1

Ich, Chariton aus Aphrodisias, Sekretär des Rechtsanwalts Athenagoras, will von einer leidenschaftlichen Liebe berichten, die sich in Syrakus zugetragen hat.

Hermokrates, der Stratege von Syrakus – eben der, der die Athener besiegt hat – hatte eine Tochter, Kallirhoë mit Namen, die war ein ganz wunderbares Geschöpf und das Entzücken ganz Siziliens. Ihre Schönheit war nicht menschlicher, sie war göttlicher Natur und war auch nicht die einer Meeres- oder Bergnymphe, sondern die der Jungfrau Aphrodite selbst. Die Kunde von dem atemberaubenden Erlebnis ihres Anblicks drang in alle Länder, und Scharen von Freiern strömten nach Syrakus, Fürsten und Söhne von „Tyrannen“, nicht nur aus Sizilien, sondern sogar aus Italien und den griechischen und nichtgriechischen Ländern auf dem italischen Festland.

Doch Eros – in seinem jugendlichen Übermut zwingt er bekanntlich auch seiner Mutter Aphrodite und sogar dem Göttervater Zeus immer wieder seinen Willen auf – Eros also hatte seine eigenen Vorstellungen von dem Paar, das er zusammenbringen wollte

In Syrakus lebte nämlich ein schöner und wohlgestalteter junger Mann. Er hieß Chaireas und ragte aus der Schar aller seiner Geschlechtsgenossen heraus. Sein Aussehen entsprach der Art, wie die Bildhauer und Maler Achilleus, Nireus, Hippolytos und Alkibiades darzustellen pflegen. Sein Vater Ariston spielte gesellschaftlich und politisch die zweite Rolle in Syrakus. Doch herrschte zwischen den zweien schon seit langer Zeit politische Zwietracht, sodass sie ihre Kinder mit jedem anderen verheiratet hätten, nur nicht innerhalb ihrer beiden Familien.

Doch Eros ist ein Dickkopf und freut sich an unerwarteten Erfolgen. Und er suchte sich folgende Gelegenheit aus.

2

Es war das öffentliche Fest der Göttin Aphrodite, und zu ihrem Tempel strömten die Frauen der Stadt in großer Zahl. Kallirhoe, die bis dahin noch nie ihr Elternhaus verlassen hatte, durfte diesmal ihre Mutter begleiten, nachdem ihr Vater den Wunsch geäußert hatte, sie solle doch der Göttin ihre Aufwartung machen.

Zum selben Zeitpunkt wanderte gerade Chaireas vom Gymnasion heimwärts, strahlend wie ein Stern. Auf seinem hellen Gesicht war nämlich die Röte der Rennbahn aufgeblüht, wie wenn auf Silber Gold aufgelegt wird. Der Zufall wollte es nun, dass sich in einer besonders engen Straßenbiegung die beiden begegneten und sich gegenseitig buchstäblich in die Arme fielen – oder vielmehr war es Eros, der bei diesem Zusammentreffen die Hand im Spiel hatte, damit jeder der beiden den anderen sehen sollte. Und mit Erfolg. Wenige Augenblicke des verblüfften gegenseitigen Anstarrens, des geistigen Einswerdens genügten, und die zwei jungen Leute waren von heißer Liebe zueinander entflammt. Denn die Anmut war dem Liebreiz, die Schönheit dem Adel begegnet.

Kaum, dass sich Chaireas in sein Elternhaus schleppen konnte. Innerlich verwundet, wankte er wie ein Kämpfer in der Schlacht, der tödlich getroffen ist und sich zu fallen schämt, sich aber nicht mehr aufrecht halten kann.

Das Mädchen aber fiel Aphrodite zu Füßen, und während sie diese mit Küssen bedeckte, flehte sie: „Herrin Aphrodite! Der, den du mir gezeigt hast – ihn gib mir zum Mann!“

Nacht senkte sich über die beiden, schreckliche Nacht. Denn das von Eros entfachte Feuer in ihrem Herzen loderte lichterloh. Noch schlimmer litt Kallirhoe, weil sie aus Scham, ihr Geheimnis zu verraten, schwieg. Chaireas hingegen war ein Mann und besaß daher mehr Selbstbewusstsein. Und als er fühlte, dass sein Körper schwächer und schwächer wurde, gab er sich einen Ruck und gestand seinen Eltern seine Liebe und seinen Entschluss, nicht leben zu wollen, sollte ihm Kallirhoes Hand verwehrt bleiben.

Als sein Vater das hörte, seufzte er schwer und sagte: „Dann habe ich dich schon verloren, Kind! Es ist doch klar, dass Hermokrates dir seine Tochter nie und nimmer geben wird, wo er doch so viele reiche und fürstliche Freier hat. Du darfst es also nicht einmal versuchen. Sonst haben wir zu gewärtigen, dass man sich unverhohlen seinen Mutwillen an uns auslässt.“

Die Mutter brachte überhaupt kein Wort heraus, sondern schluchzte nur hilflos und hing am Hals ihres Sohnes, als müsste sie bereits seinen Tod beweinen. Dann tröstete der Vater seinen Sohn und suchte ihm gut zuzureden – aber ganz und gar ohne Erfolg.

Denn sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich immer mehr, sodass Chaireas nun auch seine gewohnten Aufenthaltsorte nicht mehr aufsuchen konnte. Das ganze Gymnasion vermisste ihn jedoch und kam sich regelrecht verwaist vor. Er war ja unter den jungen Leuten sehr beliebt. Sie gingen der Sache nach und erfuhren von seiner Krankheit und deren Ursache. Und alle überkam Mitleid mit dem schönen Jüngling, der in Gefahr schwebte, am Leiden einer edlen Seele zu sterben.

Da wurde eine gesetzliche Volksversammlung einberufen. Der erste und einzige Antrag, den das Volk diesmal stellte, bestand darin, dass man, sobald man sich gesetzt hatte, nicht müde wurde zu rufen: „Edler Hermokrates, großer Stratege, rette Chaireas! Das soll dein größtes Siegesmal sein. Das Staatsvolk ist es heute, das darum bittet, zwei junge Leute zu vereinen, die würdig sind, einander zu gehören.“

Wer könnte jene Volksversammlung schildern, deren Versammlungsleiter Eros war? Ein Patriot wie Hermokrates konnte sich der Bitte des gesamten Volkes nicht widersetzen. Kaum hatte er seine Zustimmung gegeben, da stürmten auch schon alle geschlossen aus dem Theater. Und während die Jüngeren schnurstracks zu Chaireas rannten, begleiteten die Ratsherren, die Archonten und die übrigen Würdenträger des Staates Hermokrates. Aber auch die Frauen von Syrakus fanden sich vor dessen Haus ein, um der Braut das Geleit zu geben. Der Hochzeitsgesang ertönte in der ganzen Stadt. Mit festlich bekränzten Menschen, die Hochzeitsfackeln in den Händen, füllten sich die Straßen. Die Hauseingänge wurden mit Wein und mit Duftölen besprengt. Freudiger begingen die Syrakusaner diesen Tag als den des Siegesfestes über die athenischen Belagerer.

Kallirhoe, die von all dem nichts ahnte, hatte sich auf ihr Bett geworfen, das Gesicht verhüllt, weinend und schweigend. Da kam plötzlich ihre Amme herein, trat ans Bett heran und sagte: „Kind, steh auf! Der Tag, auf den wir uns alle am meisten gefreut haben, ist da: Das ganze Volk gibt dir das Brautgeleit.“

Da erbebte das Herz ihr, erbebten die Kniee,

wie Homer zu sagen pflegt. Sie hatte ja überhaupt keine Ahnung, wem sie angetraut werden sollte. Kein Wort brachte sie hervor, schwarz wurde ihr vor den Augen, und sie spürte, wie ihr fast die Sinne schwanden. Die Umstehenden meinten, es wäre Schamhaftigkeit.

In Windeseile wurde sie nun von den Sklavinnen bräutlich gekleidet und geschmückt, und während die Menge vor der Eingangstür wartete, führten die Eltern den Bräutigam zu ihr herein. Da rannte Chaireas auf sie zu und bedeckte sie mit aphrodisischen Küssen. In Kallirhoe aber ging, sobald sie den Geliebten erkannte, eine wunderbare Verwandlung vor. Wie die Flamme eines Lämpchens, die schon zu verlöschen droht, wieder aufleuchtet, wenn man Öl nachgießt, so leuchte Kallirhoe wieder auf und gewann – um auch dies mit den Worten Homers zu sagen – an Größe und Schönheit.

Als sie dann ins Freie trat, erfasste Staunen die ganze Menge, gleich wie wenn in der Einsamkeit der Wälder und Berge die göttliche Jägerin Artemis sterblichen Jägern erscheint. Viele machten sogar einen Fußfall, weil sie die Braut für eine leibhaftige Göttin hielten. Alle bewunderten Kallirhoe, Chaireas aber priesen sie glücklich.

Und die nun unmittelbar darauf anschließende improvisierte Hochzeitsfeier – wer könnte das Glück des Brautpaares, den Jubel der Angehörigen und Gäste, den Wohlklang der Stimmen der Sänger, die Herrlichkeit des Tones der Flöten, die Gaumenfreuden des rasch zubereiteten Hochzeitsmahles, das festliche Leuchten der Hochzeitsfackeln mit angemessenen Worten beschreiben? So, wie es hier war, schildern die Dichter die Hochzeitsfeier von Thetis und Peleus auf dem Berg Pelion.

Aber – aber auch dieses Mal fand sich missgünstiger Dämon, ebenso wie damals der Sage nach Eris.

Denn da waren ja noch die Freier. Die empfanden über den Misserfolg ihrer Bemühungen Ärger und Zorn. Bisher hatten sie gegeneinander gekämpft. Jetzt aber wurden sie plötzlich einig, und in ihrer neuen Eintracht und im Gefühl, provoziert worden zu sein, versammelten sie sich zu einer gemeinschaftlichen Beratung. Die treibende Kraft, die aus ihnen eine Streitmacht in dem Krieg gegen Chaireas machte, hieß Neid. Und der Erste, der sich zu Wort meldete, war ein jüngerer Mann aus Italien, der Sohn des Königs von Rhegion. Er erhob sich und hielt folgende Rede:

„Hätte heute einer von uns Hochzeit gefeiert, so wäre ich nicht zornig geworden. Auch in den sportlichen Wettkämpfen kann schließlich nur einer gewinnen. Nun aber hat ein Außenseiter das Rennen gemacht, der keinerlei Mühe für die Heirat aufgewendet hat. Und diese Provokation ertrage ich nicht. Wir hingegen – was haben wir nicht alles auf uns genommen! Schlaflose Nächte haben wir vor dem Eingang zum Haus der Angebeteten verbracht, eingeschmeichelt haben wir uns bei den Ammen und Dienerinnen, Geschenke haben wir den Gouvernanten geschickt. Wer zählt die Stunden, die wir uns für Sklavendienste hergegeben haben? Und was das Allerpeinlichste ist: Als Nebenbuhler haben wir uns alle gegenseitig gehasst. Aber dieser Hurenbube, dieser Bettler, dieser Prolet, maßt sich an, gegen Könige anzutreten, und gewinnt den Lorbeer, ohne selbst auch nur einen Finger zu rühren. Aber er soll nicht in den Genuss seines Siegespreises kommen, und die Hochzeit wollen wir für den Bräutigam tödlich werden lassen!“

Dem stimmten alle zu. Nur der Tyrann von Akragas in Sizilien widersprach.

„Nicht aus Wohlwollen gegenüber Chaireas“, sagte er, „bin ich gegen den geplanten Mordanschlag, sondern zufolge einer Überlegung, die größeren Erfolg verspricht. Denkt daran: Hermokrates lässt nicht mit sich spaßen! Ein offener Kampf gegen ihn ist deshalb unmöglich. Besser ist einer, der mit List geführt wird. Durch List und Intrigen, nicht durch Gewalt, erwerben wir ja auch unsere Stellung als Tyrannen. Wählt mich zum Strategen des Krieges gegen Chaireas! Ich verspreche euch: Ich werde diese Ehe auflösen. Ich will gegen ihn die Eifersucht mobilisieren, und wenn sich diese den Eros zum Verbündeten nimmt, wird sie großes Unheil stiften. Zwar, Kallirhoe ist viel zu ausgeglichen und viel zu unerfahren in böswilligem Argwohn. Aber Chaireas ist in Gymnasien groß geworden und nicht unerfahren in jugendlichen Fehltritten. Ihn wird man leicht argwöhnisch machen und in einen Grad von Eifersucht stürzen können, wie er seiner Jugend entspricht. Außerdem ist es leichter, an ihn heranzutreten und mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen.“

Er hatte noch nicht geendet, da war sein Antrag bereits beschlossene Sache und das Unternehmen in seine Hände gelegt, da man ihm allgemein die Bewältigung jeglichen Problems zutraute. Folgenden Plan setzte er also ins Werk.

3

Abend war’s, da kam einer der Familiensklaven mit der Nachricht, Ariston, Chaireas‘ Vater, sei auf seinem Landgut von einer Leiter gestürzt und habe nur ganz geringe Hoffnung zu überleben. Chaireas liebte seinen Vater. Trotzdem bedeutete es für ihn zu diesem Zeitpunkt den größeren Schmerz, dass er allein fortgehen sollte. Er konnte seine Braut doch nicht jetzt schon mitnehmen.

Nun gibt es unter den jungen Leuten den Brauch, zum Spaß des Nachts das Haus von Freunden oder von Freundinnen in einer fröhlichen, angeheiterten Schar von Zechern zu überfallen. In dieser Nacht also wagte zwar niemand, offen das Haus des Brautpaares in dieser Form zu beglücken. Doch heimlich, still und leise kamen welche und hinterließen, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, Spuren einer ausgelassenen Feier. Sie behängten den Hauseingang mit Blumengewinden, besprengten ihn mit wohlriechenden Duftölen, tränkten die Erde mit Wein und warfen Fackeln halbverbrannt weg.

Es wurde wieder Tag, und alle, die vorbeikamen, blieben in einem gemeinsamen Gefühl der Neugierde stehen. Zur gleichen Zeit befand sich Chaireas auf dem Heimweg, da es seinem Vater doch schon wieder besser ging, und beeilte sich sehr, um bald wieder bei seiner Frau zu sein.

Als er die Menschenmenge vor seiner Haustür sah, wunderte er sich zuerst. Als er dann den Grund erfasste, stürzte er, völlig außer sich, ins Haus, fand das Schlafzimmer noch versperrt, klopfte heftig an die Tür, bis das Zimmermädchen aufmachte, und fiel buchstäblich über Kallirhoe her – doch verwandelte sich seine Wut sogleich in Schmerz. Er brach in Tränen aus und zerriss sich vor Verzweiflung das Gewand.

Auf Kallirhoes Frage, was denn geschehen sei, blieb er stumm. Einerseits musste er es glauben, andererseits konnte er es nicht glauben, was er gesehen hatte. So wusste er weder ein noch aus und zitterte am ganzen Körper. Kallirhoe, die keine Ahnung hatte von dem, was vorgefallen war, drang unablässig in ihn, ihr doch den Grund seines Zorns zu sagen. Schließlich sagte er mit geröteten Augen und belegter Stimme: „Ich weine über mein Schicksal, dass du mich so schnell vergessen hast“, und schalt sie wegen der nächtlichen Feier. Sie aber, die Tochter eines Strategen und mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, reagierte auf die ungerechte Beschuldigung beleidigt und erwiderte: „Niemand hat unser Haus mit einer nächtlichen Feier überfallen. Dein Hauseingang ist vielleicht an derlei Dinge gewöhnt, und dass du geheiratet hast, bricht deinen Liebhabern wahrscheinlich das Herz.“

Damit wandte sie sich ab, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und ließ den Quellen ihrer Tränen freien Lauf.

Nun, Liebenden fällt Sich Versöhnen nicht schwer, und jede Entschuldigung nehmen sie voneinander gerne an. So vergaß Chaireas rasch seinen Groll und begann zu schmeicheln und lieb zu tun, und es dauerte nicht lang, bis Kallirhoe seinen Gesinnungswandel begrüßte. Der Vorfall entzündete nur noch stärker ihre Liebe, und beider Eltern schätzten sich glücklich, wie sie die Eintracht ihrer Kinder sahen.

Dem Mann aus Akragas war somit seine erste Intrige gescheitert. Nunmehr gedachte er die Sache wirkungsvoller anzupacken und setzte Folgendes ins Werk.

Er hatte einen Bekannten, der ließ sich gern von ihm zu Tisch einladen und bot ihm dafür den Genuss einer witzigen und geistreichen Unterhaltung. Er war nämlich ein gewandter Plauderer und besaß jeglichen Charme im Umgang mit Menschen. Dem trug er auf, den Liebhaber zu mimen. Und zwar sollte er zunächst Kallirhoes Lieblingssklavin zur Freundin gewinnen.

Dieser führte den Auftrag mit Vergnügen aus, wenn er ihn auch einige Mühe kostete. Aber er erreichte, dass ihm das Mädchen praktisch hörig wurde. Der Weg zu ihr führte über große Geschenke und die stereotype Versicherung, er werde sich aufhängen, sollte seine Leidenschaft unerwidert bleiben. Eine Frau ist ja ein leicht zu eroberndes Objekt, wenn sie geliebt zu werden glaubt.

Nach diesen vorbereitenden Maßnahmen trieb der Regisseur des Dramas einen zweiten Schauspieler auf, keineswegs ebenso charmant wie der erste, jedoch mit allen Wassern gewaschen und von vertrauenerweckender Seriosität im Gespräch. Den unterrichtete er, was er tun und sagen sollte. Danach sandte er ihn aus, um Chaireas – dem er nicht bekannt war – aufzulauern.

Chaireas schlenderte gerade mit Muße in den Anlagen des Gymnasions umher, da trat dieser auf ihn zu und sprach ihn an: „Mein lieber Chaireas, ich hatte auch einen Sohn in deinem Alter, der hat dich total bewundert und verehrt, solange er lebte. Jetzt ist er tot, und ich betrachte nun dich als meinen Sohn. Du bist ja ein gemeinschaftlicher Schatz für ganz Sizilien, sofern du glücklich bist. Schenke mir also ein wenig deine Zeit, und du wirst interessante Dinge hören, die für dein ganzes Leben von Bedeutung sind.“

Mit solchen Worten schreckte dieser abscheuliche Mensch die Seele des jungen Mannes auf und erfüllte sie mit Hoffnung und Angst und Neugier. Doch als ihn Chaireas dann ersuchte zu reden, da wollte er auf einmal nicht mit der Sprache heraus und suchte sich mit Ausflüchten zu entschuldigen wie, es sei jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt, man müsse noch ein wenig zuwarten, er habe im Augenblick nicht genügend Zeit. Aber Chaireas drang nur umso hartnäckiger in ihn. Er erwartete nämlich bereits etwas Schlimmeres.

Da legte der andere die Hand um seine Schulter und führte ihn an ein ruhiges Plätzchen. Mit gerunzelter Stirn und einer Miene, die Kummer vorspiegeln sollte – es rollten sogar einige wenige Tränen – sagte er schließlich: „Es ist mir außerordentlich unangenehm, mein lieber Chaireas, dir eine traurige Sache mitteilen zu müssen. Ich habe es ja schon längst sagen wollen, mich aber nie recht getraut. Nachdem man aber inzwischen deine Ehre schon ganz offen mit Füßen tritt und die empörende Geschichte langsam zum Stadtgespräch wird, kann ich einfach nicht länger schweigen. Ich bin nämlich ein Mensch, dem Unrechtes von Natur aus zuwider ist. Und dazu kommt, dass ich dir in ganz besonderem Maße zugetan bin. Also wisse: Deine Frau betrügt dich. Und damit du es auch glaubst, bin ich gern bereit, dir den Liebhaber in flagranti zu zeigen.“

Sprach’s, und jenen umhüllte die schwarze Wolke des Schmerzes.

Siehe, mit beiden Händen des schwärzlichen Staubes ergreifend,

streut‘ er ihn über sein Haupt und entstellte sein liebliches Antlitz.

Lange Zeit lag er wie betäubt auf dem Boden, unfähig, die Lippen zu bewegen oder die Augen zu heben. Als er seiner Stimme wieder mächtig war – sie klang nun dünn, fremdartig –, sagte er: „Ich bitte dich um den Gefallen, Augenzeuge meines Unglücks zu werden. Ein unseliger Gefallen zwar, aber zeig es mir trotzdem, damit ich einen umso vernünftigeren Grund habe, wenn ich mich umbringe. Aber meiner Kallirhoe werde ich nichts tun, auch wenn sie mir Unrecht zufügt.“

4

Dies vereinbarten sie, und Chaireas meldete nach Hause – er brachte es nämlich nicht einmal mehr über sich, das Haus selbst zu betreten –, dass er aufs Landgut gehen wolle. Der heimtückische Verleumder aber arrangierte die Szene.

Sobald also der Abend anbrach, legte sich Chaireas auf die Lauer und wartete. Als es spät genug geworden war, kam der Verführer von Kallirhoes Lieblingssklavin in die schmale Gasse geeilt und mimte einen Menschen, der auf ein geheimes Abenteuer aus ist, tat aber alles, um nur ja aufzufallen: Er hatte salbenglänzende Haare und parfumduftende Locken, geschminkte Augen, ein feines, weiches Obergewand und elegante, zierliche Schuhe. Schwere Ringe funkelten an seinen Fingern. Unter vielem Herumblicken schritt er auf die Türe zu, klopfte leicht an und gab damit das gewohnte Zeichen. Das Mädchen, ebenfalls in großer Angst, öffnete die Türe leise einen Spalt breit, nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinein.

Nachdem Chaireas dies alles mitangesehen hatte, konnte er nicht mehr an sich halten, sondern rannte in das Haus, wild entschlossen, den Ehebrecher in flagranti umzubringen. Aber der entkam unverzüglich durch die Hoftür und brachte sich in Sicherheit.

Währenddessen saß Kallirhoe auf dem Bett und sehnte sich nach Chaireas. Vor Schmerz und Sehnsucht hatte sie nicht einmal eine Lampe angezündet. Als Schritte im Haus hörbar wurden, erkannte sie als Erste nicht nur die Schritte, sondern auch die Atemzüge ihres Mannes und rannte ihm voll Freude entgegen.

Da versagte ihm die Stimme, um ihr Vorwürfe zu machen. Und von ohnmächtiger Wut überwältigt, trat er mit dem Fuß nach ihr. Der Fußtritt traf genau das Zwerchfell und brachte die Atemtätigkeit zu einem jähen Stillstand. Kallirhoe brach zusammen. Die Mägde hoben sie auf, trugen sie in ihr Zimmer und legten sie aufs Bett.

Ohne Stimme, ohne Atem, ohne Puls, ohne Farbe: So lag Kallirhoe auf dem Bett und bot allen das Bild eines Leichnams. Doch die Fama eilte als Botin des tragischen Geschehens durch die ganze Stadt und trug Entsetzen in alle Gassen bis zum Meer, und überall wurden Klagen und Jammerschreie laut, und das Ganze hörte sich an wie die Erstürmung einer Stadt durch feindliche Truppen.

Chaireas, immer noch vor Wut kochend, schloss sich die ganze Nacht ein und unterzog die Sklavinnen einem strengen Verhör, als erste und letzte die Lieblingssklavin. Und durch sie erfuhr er die Wahrheit. Da überkam ihn grenzenloses Mitleid mit seiner toten Frau, und er beschloss, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Doch Polycharmos bemühte sich redlich, ihn davon abzubringen. Polycharmos war sein engster Freund. Ihr beiderseitiges Verhältnis muss man sich ungefähr so vorstellen, wie Homer die Freundschaft des Patroklos mit Achilleus gestaltet hat.

Als es Tag geworden war, bestellten die Archonten ein Richterkollegium für einen Prozess gegen den Mörder. Wegen des Ansehens, das Hermokrates allgemein genoss, war man nämlich bestrebt, die Urteilsfindung möglichst zu beschleunigen. Aber auch das gesamte Volk strömte, bunt durcheinander schreiend, auf der Agorá vor dem Gerichtsgebäude zusammen, und um seine Gunst buhlten die bitter enttäuschten Freier und vor allem der Mann aus Akragas, der sich unendlich wichtig machte im Bewusstsein, eine Entwicklung ausgelöst zu haben, die niemand erwartet hatte.

Bei diesem Prozess ereignete sich unerhörter, noch nie dagewesener Vorfall. Nachdem nämlich die Anklagerede gehalten war, wurde dem Angeklagten auf der Wasseruhr eine bestimmte Zeit für seine Verteidigungsrede zugemessen. Doch anstatt sich zu verteidigen, klagte er sich selber umso bitterer an und gab als Erster eine Schuldig-Stimme ab. Er sagte nichts von all dem, was zu seiner Verteidigung recht und billig gewesen wäre. Er erwähnte nicht die Verleumdung, nicht die Eifersucht, nicht das Ungewollte seiner Tat, sondern richtete an alle die Bitte: „Steinigt mich öffentlich! Ich habe das Volk seiner Krone beraubt. Es ist viel zu human, wenn ihr mich dem Henker übergebt. Diese Strafe müsste ich schon auf mich nehmen, wenn ich eine Sklavin des Hermokrates getötet hätte. Sucht nach einer ganz unaussprechlichen Strafe! Ein schlimmeres Verbrechen habe ich begangen als Tempelschänder und Vatermörder. Bestattet mich nicht, befleckt nicht die Erde mit mir, sondern versenkt meinen fluchbeladenen Körper im Meer!“

Während er so redete, brach ein allgemeines Schluchzen aus. Man vergaß die Tote und trauerte um den Lebenden. Hermokrates war der Erste, der für Chaireas sprach.

„Ich für meine Person“, sagte er, „weiß, dass die Tat ohne Absicht geschehen ist. Ich sehe hier die Männer, die gegen uns intrigiert haben. Sie sollen nicht über zwei Tote frohlocken. Und meine tote Tochter wird bestimmt nicht böse sein. Ich habe sie oftmals sagen gehört, sie würde lieber Chaireas am Leben wissen als sie sich selbst. Machen wir also Schluss mit dem sinnlosen Prozess, und wenden wir uns lieber dem Notwendigen zu, nämlich dem Begräbnis! Ich schlage vor, unsere Tote nicht der Zeit zu überlassen und durch allzu langes Zuwarten ihren Leichnam unansehnlich werden zu lassen. Bestatten war doch Kallirhoe, solange sie noch schön ist!“

Und so lautete also das Urteil, das die Richter fällten, auf Unschuldig. Chaireas selbst sprach sich jedoch mitnichten frei, sondern verlangte nach dem Tod und dachte sich alle möglichen Mittel aus, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Als Polycharmos sah, dass er ihn auf andere Weise nicht mehr retten konnte, sagte er schließlich zu ihm: „Du Verräter deiner toten Frau, willst du nicht wenigstens abwarten, bis du Kallirhoe begraben hast? Willst du ihren Körper fremden Händen anvertrauen? Jetzt ist für dich der Zeitpunkt, um für eine kostbare Ausstattung des Leichnams und ein königliches Gepränge beim Leichenbegängnis zu sorgen.“

Diese Worte wirkten, denn sie weckten sein Ehrgefühl und sein Verantwortungsbewusstsein.

Jenes Leichenbegängnis! Wer könnte in angemessener Weise davon berichten?

Eingekleidet in ihr Brautgewand, lag Kallirhoe aufgebahrt auf einer Bahre aus getriebenem Gold und wirkte so größer und stattlicher, sodass sie alle mit der von Theseus verlassenen schlafenden Ariadne auf Naxos verglichen. Den Leichenzug eröffnete die syrakusanische Kavallerie, mitsamt den Pferden reich geschmückt, danach die Infanterie im Schmuck der Fahnen von Hermokrates‘ Siegesmälern. Dahinter kam der Staatsrat und in der Mitte des Zuges das männliche Staatsvolk, das sich in seiner Gesamtheit als Leibwache für Hermokrates fühlte. Auch Ariston, obwohl noch krank, ließ sich in einer Sänfte mittragen. Er rief wiederholt Kallirhoe mit Namen und nannte sie Tochter und Gebieterin. Es folgten die Bürgersfrauen in schwarzen Gewändern, und dahinter die Grabbeigaben von königlichem Reichtum: zuerst das Gold und Silber von der Mitgift, dann prächtige Gewänder – viel hatte Hermokrates aus der Kriegsbeute beigesteuert – und Geschenke von Verwandten und Freunden. Zuletzt folgte Chaireas‘ Reichtum. Er war nämlich entschlossen, sein gesamtes Hab und Gut hinzugeben. Danach kam die Bahre, getragen von den Epheben von Syrakus. Und der Rest der Bevölkerung folgte darauf.

Hermokrates besaß ein prächtiges Grabmonument nahe dem Meeresufer, sodass man es schon von weit draußen sehen konnte. Dieses füllte sich nun wie ein Schatzhaus der unermessliche Reichtum der Grabbeigaben.

Was aber zur Ehre der Verstorbenen gedacht war, das legte den Keim für größere Ereignisse.

5

Da lebte nämlich ein Mann namens Theron, ein ausgekochter Gauner. Er befuhr mit finsteren Absichten die Meere und hatte Räuber in seinen Diensten, die in den diversen Hafenplätzen vor Anker lagen. Unter dem Namen eines Frachtunternehmens betrieb er organisierte Piraterie.

Dieser Theron war zufällig bei jenem Leichenzug dabei gewesen und hatte begehrliche Blicke auf das viele Gold geworfen. Nun war es Nacht. Theron war zu Bett gegangen, fand aber keinen Schlaf. Mit den Gedanken war er in einem fort beim Leichenzug und sagte sich in einem fort: „Aber soll ich mich denn wegen der üblichen kümmerlichen Ausbeute mit dem Meer herumschlagen, die Lebenden umbringen und bei all dem noch Kopf und Kragen riskieren, wo sich mir doch die Gelegenheit bietet, durch einen einzigen Leichnam ein reicher Mann zu werden? Nein! Die Würfel sind gefallen. Diesen Gewinn lasse ich mir nicht entgehen. Nun aber eine andere Frage: Wen soll ich alles in das Unternehmen einweihen und als Komplizen mobilisieren? Überleg einmal, Theron: Wer von all denen, die du kennst, ist für so etwas geeignet? Zenophanes aus Thurioi? Ein kluger Kopf. Aber feig. Menon aus Messene? Der wagt schon einiges. Aber den Mund kann er nicht halten.“

Und so ging er in Gedanken seine Spießgesellen alle einzeln durch wie ein Silberprüfer die Münzen. Viele wurden als untauglich ausgeschieden, aber einige schließlich doch als geeignet eingeschätzt.

So eilte er frühmorgens schon zum Hafen und machte sich auf die Suche nach jedem einzelnen von ihnen. Er fand sie teils in Bordellen, teils in Tavernen – in der Tat, eine passende Streitmacht für einen solchen Feldherrn. Mit der Bemerkung, er habe mit ihnen etwas Dringendes zu besprechen, hieß er sie auf der Stelle mitkommen, führte sie an eine abgelegene Stelle hinter dem Hafengelände und begann: „Ich habe einen Schatz gefunden, und euch habe ich aus der gesamten Mannschaft als Partner ausgewählt. Denn das ist keine Einmannbeute, die uns da winkt, ebenso wenig eine, die etwa viel Mühe erfordern würde. Sondern eine einzige Nacht kann uns alle reich machen. Im Übrigen sind wir ja keineswegs ohne jede Erfahrung in solchen Dingen, die von beschränkten Gehirnen verurteilt werden mögen, dem Intelligenten aber Gewinn und Nutzen bringen.“

Sie verstanden sofort, dass er damit die Plünderung eines Grabes, eines Tempels oder dergleichen ankündigte, und schnitten ihm das Wort ab: „Hör auf! Du brauchst uns nicht mehr zuzureden. Sag nur, um was es sich handelt, und schauen wir, dass wir den passenden Zeitpunkt nicht verpassen!“

Theron,

darauf anhebend zu sprechen,

antwortete: „Ihr habt das Gold und das Silber der Toten gesehen. Richtiger und gerechter wäre es, wir, die Lebenden, würden uns in dessen Besitz setzen. Mein Plan ist es nun, das Grabmonument in der Nacht zu öffnen, mit dessen Schätzen unser Schiff zu beladen und fortzusegeln, wohin der Wind uns treibt. In der Fremde wollen wir sodann die Fracht an den Mann bringen.“

Einhellige Zustimmung.

„Nun könnt ihr wieder“, fuhr er fort, „eurem gewohnten Zeitvertreib nachgehen. Aber am späten Abend kommt mir ein jeder aufs Schiff und bringt Maurerwerkzeug mit!“

6

Während diese damit beschäftigt waren, erlebte Kallirhoe nach und nach eine zweite Wiedergeburt. Der Mangel an Nahrung hatte eine gewisse Entspannung der Atembeklemmung zur Folge, und so setzte zögernd und ganz allmählich die Atemtätigkeit wieder ein. Hierauf begann sich, Glied um Glied, ihr Körper zu regen. Und schließlich öffnete Kallirhoe die Augen. Sie hatte ein Gefühl, wie wenn man aus dem Schlaf erwacht, und rief Chaireas‘ Namen in der selbstverständlichen Annahme, er liege neben ihr. Als aber weder ihr Ehemann noch ihre Dienerinnen sie hörten und alles still und finster blieb, da ergriff mit der Zeit Angst und Zittern das Mädchen. Doch die Wahrheit ahnte sie noch nicht einmal. Langsam wurde sie nun völlig wach, tastete in der absoluten Finsternis umher und fühlte Kränze und Schleifen. Ihre Bewegungen lösten ein metallisches Klirren von Gold und Silber aus. Da war ein intensiver Duft von kostbaren Gewürzen. Schlagartig kam ihr die Erinnerung an den Fußtritt und an den Zusammenbruch, den dieser verursacht hatte. Und endlich erkannte sie zu ihrem namenlosen Entsetzen, dass sie infolge ihrer Ohnmacht lebendig begraben worden war.

Da brach sie los, so laut sie nur konnte, und schrie: „Ich lebe! Zu Hilfe! Ich lebe! Zu Hilfe!“

So schrie sie wieder und wieder. Aber nichts geschah. Nach einiger Zeit gab sie auf und ließ alle Hoffnung auf Rettung fahren. Schluchzend stützte sie den Kopf auf die Knie und klagte so vor sich hin:

„Oh, was für ein Schicksal! Lebendig bin ich begraben und sterbe einen langen Tod! Wofür? Ich habe doch nichts Unrechtes getan. Sie beweinen mich wahrscheinlich als tot, und dabei bin ich doch gesund und wohlauf. Wen soll man ihnen schicken, um ihnen die Wahrheit mitzuteilen? Böser Chaireas! Ich muss mit dir hadern, nicht, weil du mich getötet hast, sondern weil du dich so sehr beeilt hast, mich aus dem Haus zu schaffen. Du hättest deine Kallirhoe nicht gar so schnell begraben dürfen, nicht einmal dann, wenn ich wirklich tot gewesen wäre. Aber vielleicht denkst du schon wieder an eine neue Heirat?“

Während sich Kallirhoe in mannigfachen Klagen erging, war Theron bereits unterwegs zu ihrem Grab. Geduldig hatte er bis Mitternacht gewartet. Er achtete auch streng darauf, dass die Ruder mit größter Behutsamkeit ins Wasser getaucht wurden, sodass das Schiff total geräuschlos dahinglitt. Schon beim Boarding hatte er als Allererstes die Aufgaben der Besatzung folgendermaßen verteilt: Vier schickte er aus, um aufzupassen und, sollten Leute daherkommen, diese wenn möglich zu töten oder, falls dies nicht möglich sein sollte, durch ein verabredetes Zeichen deren Auftauchen zu melden. Er selbst wollte mit vier anderen zum Grabbau gehen. Die Übrigen – insgesamt waren sie sechzehn – sollten auf dem Schiff bleiben und die Ruder fahrbereit in den Händen halten, um, sollte etwas Unvorhergesehenes eintreten, ihre Kameraden rasch an Bord nehmen und losfahren zu können.

Angst und Freude, Schmerz und Verwunderung, Hoffnung und Zweifel: All dies zugleich ergriff Kallirhoe, als die Stemmeisen angesetzt wurden und immer heftigere Schläge das Gemäuer erschütterten, je näher man dem Ziel kam, das Grabmonument aufzubrechen.

„Wo kommt das Geräusch her? Erscheint mir in meinem Unglück vielleicht irgendein göttliches Wesen, wie es ja allen Sterbenden geschieht? Oder ist das gar kein Geräusch, sondern die Stimme der Unterirdischen, die mich zu sich rufen? Aber wahrscheinlich sind das einfach Grabräuber. Das ist ja zu meinem übrigen Verhängnis noch hinzugekommen – die ganzen Schätze hier, die einem Toten ja sowieso nichts nützen.“

Während sie sich noch diesen Gedanken hingab, streckte der Räuber bereits seinen Kopf durch das Loch in der Mauer und kroch ein Stückchen in das Grabgewölbe hinein. Kallirhoe fiel ihm zu Füßen und wollte um Gnade flehen. Er aber sprang in panischem Schrecken hinaus und rief, vor Angst bebend, seinen Kameraden zu: „Fort von hier! Fliehen wir! Da drinnen ist ein Geist, der bewacht den Schatz und lässt uns nicht hinein.“

Doch Theron lachte ihn aus und schimpfte ihn einen Feigling und Schlappschwanz. Dann sagte er, ein anderer solle hineingehen. Doch keiner traute sich. Und so ging er schließlich selbst, nicht ohne zuvor sein Schwert gezückt zu haben.

Das Blinken des Stahls versetzte Kallirhoe in höchste Todesangst. Sie drückte sich in den hintersten Winkel des Gewölbes und flehte von dort aus mit schwacher Stimme: „Erbarmen! Wer immer du bist, hab Erbarmen mit mir! Ehemann und Eltern haben keines mit mir gehabt. Töte mich nicht, nachdem du mich vor dem Tod gerettet hast!“

Da wurde Theron zuversichtlicher, und klug, wie er war, erkannte er die Wahrheit. Er blieb stehen und überlegte. Zunächst dachte er daran, die Frau zu töten, weil sie dem ganzen Unternehmen ja doch nur hinderlich sein würde. Aber dann besann er sich wegen des Gewinns, der sich mit ihr erzielen ließe, alsbald eines Besseren und sagte zu sich: „Soll sie doch ebenfalls Teil des Grabschatzes sein. Da ist viel Silber und viel Gold, aber noch viel wertvoller als all dies ist die Schönheit der Frau.“

Also nahm er sie bei der Hand und führte sie hinaus. Hierauf rief er seinen Gehilfen und sagte zu ihm: „Schau, hier ist der Geist, vor dem du solche Angst gehabt hast. Wirklich, ein schöner Pirat bist du mir. Sogar vor einer Frau hast du Angst. Na, pass du jetzt auf sie auf! Ich will sie nämlich ihren Eltern zurückgeben. Alle anderen helfen mir jetzt das Zeug da drinnen herauszuschaffen! Jetzt wacht ja nicht einmal mehr die Tote darüber.“

Sobald das Schiff mit Beute vollbeladen war, hieß Theron den Mann, der Kallirhoe bewachte, mit ihr ein Stückchen zur Seite treten. Dann stellte er die Frage zur Diskussion, was man mit ihr tun solle. Wie es sich herausstellte, waren die Ansichten darüber durchaus geteilt. Jedenfalls meinte der erste Sprecher:

„Wir sind zwar zu etwas ganz anderem hergekommen, Kameraden. Aber ein glücklicher Zufall hat uns etwas viel Besseres daraus gemacht. Das wollen wir doch ausnützen! Es geht ohne jedes Risiko. Also, ich bin dafür, wir lassen die Grabbeigaben an Ort und Stelle und geben Kallirhoe ihrem Mann und ihrem Vater zurück. Was sagen wir? Wir sagen, wir hätten, wie beim Fischen gewohnt, in unmittelbarer Nähe der betreffenden Stelle geankert, hätten aus dem Grabbau eine Stimme gehört und diesen aus Menschenliebe geöffnet, um die Eingeschlossene aus ihrem Gefängnis zu retten. Lassen wir die Frau schwören, dass sie uns alles bezeugen wird. Das wird sie aus Dankbarkeit gegenüber den Wohltätern, die sie gerettet haben, gerne tun. Was glaubt ihr, mit welcher Freude wir ganz Sizilien erfüllen werden, was für Geschenke wir erhalten werden! Was wir tun werden, wird zur gleichen Zeit gerecht gegenüber den Menschen und fromm gegenüber den Göttern sein.“

Er hatte noch nicht geendet, da widersprach schon ein anderer:

„Du verrückter Narr, willst du uns einreden, dass jetzt der geeignete Zeitpunkt zum Philosophieren ist? Hat vielleicht das Berauben eines Grabes gute Menschen aus uns gemacht? Sollen wir Mitleid mit ihr haben, wo doch ihr eigener Ehemann kein Mitleid mit ihr hatte und sie umbrachte? Sie hat uns keinen Ärger bereitet. So weit hast du recht. Aber sie wird uns noch den allergrößten Ärger bereiten. Erstens einmal: Wenn wir sie ihren Angehörigen zurückgeben, ist es durchaus fraglich, was die von der ganzen Sache halten werden. Und wenn ich es mir recht überlege, ist es gar nicht anders möglich, als dass sie Verdacht schöpfen und den wahren Grund, weshalb wir zu dem Grabgewölbe gekommen sind, erraten werden. Und vielleicht werden die Verwandten der Frau uns zuliebe sogar auf Bestrafung verzichten. Aber die Archonten und das Volk selbst werden Grabräuber, die dämlich genug sind, ihnen die Beute abzuliefern, garantiert nicht laufen lassen. Vielleicht wird einer sagen, es sei vorteilhafter, die Frau auf dem Sklavenmarkt zu verkaufen, da sie durch ihre Schönheit einen guten Preis erzielen werde. Aber auch das birgt ein Risiko. Denn das Gold hat keine Stimme, und das Silber wird nicht verraten, wo wir es herhaben. Dafür kann man irgendeine Geschichte erfinden, wie man sie eben braucht. Aber ein Frachtgut, das Augen hat und Ohren und eine Zunge – wer könnte ein solches versteckt halten? Und ihre Schönheit ist auch keineswegs gewöhnlicher Natur, was unser Risiko beträchtlich erhöht. Werden wir sagen: Eine Sklavin? Wer soll uns das abnehmen, der sie jemals gesehen hat? Wir sollten sie also hier auf der Stelle umbringen und nicht unseren eigenen Ankläger mit uns herumführen.“

Obwohl diese Meinung zahlreiche Befürworter fand, ließ Theron über beide Anträge nicht abstimmen, sondern sagte lediglich, zu Ersterem gewandt: „Dein Vorschlag birgt zu viel Risiko", zum anderen: „Deiner würde uns um den Gewinn bringen. Ich will die Frau verkaufen und nicht umbringen. Solange sie zum Verkauf angeboten wird, wird sie aus Angst den Mund halten. Und wenn sie einmal verkauft ist, dann soll sie ruhig plaudern. Wir werden dann schon längst über alle Berge sein. Und schließlich ist das Leben, das wir führen, eben nicht frei von jedem Risiko. Aber geht jetzt an Bord! Fahren wir! Es fängt ja schon an zu dämmern.“

7

Die Anker wurden gelichtet, und das Schiff machte prächtige Fahrt. Man brauchte ja nicht gegen Wind und Wellen anzukämpfen, da keine bestimmte Route vor ihnen lag, sondern jeder Wind für sie günstig war. Was Kallirhoe betraf, so suchte Theron sie zu trösten und gleichzeitig durch ein schillerndes Lügengewebe irrezuführen.

Aber sie merkte sehr wohl, was mit ihr gespielt wurde, und sah, dass ihre Rettung völlig umsonst gewesen war. Dennoch tat sie so, als würde sie Therons List nicht durchschauen und ihm alles glauben. Sie war einfach besorgt, die Männer, in deren Gewalt sie sich befand, könnten sie andernfalls vielleicht als renitent und unbequem ermorden. Mit der Bemerkung, sie vertrage das Meer nicht, verhüllte sie schließlich ihr Gesicht.

Endlich konnte sie ihren Tränen freien Lauf lassen. Still vor sich hin weinend, sagte sie zu sich: „In diesen Gewässern hast du, mein Vater, dreihundert athenische Schiffe besiegt. Jetzt raubt ein kleines Boot deine Tochter, und du kommst mir nicht zu Hilfe. Man entführt mich in ein fremdes Land, und ich, die Adelige, muss das Sklavenlos tragen. Vielleicht wird die Tochter des Hermokrates gar an einen Athener als Sklavin verkauft. Um wie viel besser wäre es doch für mich, tot in meinem Grab zu liegen! Sicher wäre einmal neben mir Chaireas beigesetzt worden. So sind wir jetzt im Leben und im Tod getrennt.“

Solchen Klagen gab sich Kallirhoe hin. Währenddessen segelte das Schiff der Räuber an zahlreichen kleinen Inseln und kleinen Stadtstaaten vorbei. Doch ihr Frachtgut war keines für arme Leute. Was sie brauchten, war Wohlstand und Überfluss. Schließlich ankerten sie auf einer Insel gegenüber von Attika am Fuße eines schroffen Felsvorsprungs. Eine Quelle gab es dort mit reichlich klarem Wasser und eine herrliche Wiese.

Dorthin führten sie Kallirhoe und forderten sie auf, sich doch aufzuheitern und sich von der Seereise ein wenig auszuruhen. Sie hatten nämlich den Wunsch, Kallirhoes Schönheit zu erhalten.

Sie selber setzten sich unterdessen außerhalb der Hörweite Kallirhoes und diskutierten die Frage, wohin nun die Reise gehen solle.

„Athen ist nahe“, meinte einer von ihnen, „eine große, wohlhabende Stadt. Dort finden wir eine Menge Großhändler und eine Menge reicher Leute. Die Einwohnerschaft ganzer Städte kann man in Athen sehen, von so vielen, wie in gewöhnlichen Städten auf der Agorá sind.“

Alle hielten es nun gleich ihm für das Beste, Athen anzulaufen, nur ihrem Anführer Theron wollte die berüchtigte Neugierde der Athener nicht gefallen.

---ENDE DER LESEPROBE---