Kalt wie Schnee, hart wie Eisen - Jenny-Mai Nuyen - E-Book

Kalt wie Schnee, hart wie Eisen E-Book

Jenny-Mai Nuyen

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Beschreibung

Eine Königin ohne Herz, ein unbestechlicher Rebell und eine Liebende ohne Namen

Vom Vater verstoßen und von der Mutter verraten, wuchs die Königstochter Kanemô fernab des Palasts in einem Kloster auf. Als der Vater stirbt, will der Rebellenführer Heganen sie zur Frau nehmen, um so auf den Thron zu gelangen. Doch Kanemô will die Macht für sich. Durch einen Pakt mit einer mächtigen Hexe gelingt es ihr, Heganen unter ihre Kontrolle zu bringen und als ihre Marionette regieren zu lassen. Dafür verlangt die Hexe ihr Herz. Erst als sich der Rebell Perakín unerklärlicherweise in sie verliebt, beginnt Kanemô zu begreifen, was ihr fehlt. Aber kann sie ihr Herz zurückbekommen?

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Seitenzahl: 462

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Jenny-Mai Nuyen

KALT WIE

SCHNEE,

HART WIE

EISEN

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Originalausgabe September 2021

© 2021 Jenny-Mai Nuyen

© 2021 cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Luitgard Distel

Covergestaltung: Carolin Liepins, München, unter Verwendung von Motiven von

© Shutterstock.com (Willyam Bradberry, Aleshyn_Andrei (2 ×), Dream Expander, Jingjing Yan, higyou, adezhda F, Rafal Szozda)

kk · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN978-3-641-25424-7V002

www.cbj-verlag.de

Denn was ist die Welt wert – ohne ein Herz, um sie zu lieben?

Achte elfische Frage der Weisheit

Figurenverzeichnis

Die Elfen

Laurien

Heerführerin

Alarion

Weise vom Brunnen

Niran

Weiser vom Brunnen

Gajadis

Weiser vom Brunnen

Erinian

Befehlshaber der Bogenschützen

Savionne

Befehlshaberin der Wasserschwerter

Die Menschen

Kanemô

Königstochter

Heganen

Rebellenführer

Perakín

Rebell

Gerothen

Perakíns Bruder

Fürst Githeon

Perakíns und Gerothens Vater

Madurahan

Hohepriesterin

Die Zwerge

Sagrik

Bibliothekar König Sagamenons

Liotan

Zauberin

Prolog

Auf Zehenspitzen spähte Kanemô aus dem Palastfenster. Ihre Nasenspitze ragte nur knapp über die Mauerkante. Sie hätte ihre Mutter bitten können, sie auf den Arm zu nehmen, aber die Königin wirkte angespannt und hielt sich ein Taschentuch vor die Nase. Außerdem wusste Kanemô, dass sie mit sechs Sommern eigentlich zu alt war, um noch getragen zu werden wie ein kleines Kind. Trotzdem sehnte sie sich danach, von ihrer Mutter in die Arme genommen zu werden.

Dicke Rauchschwaden drangen aus dem Eisenturm, der mitten im Palasthof in die Höhe ragte. Der Rauch wehte zu ihnen herein und kratzte Kanemô in der Kehle.

»Wer hätte gedacht, dass wir einmal schlechtere Luft haben würden als das Volk unten in der Stadt?«, murmelte eine Hofdame.

Das Gefolge der Königin hatte sich hinter Kanemô und ihrer Mutter versammelt und spähte ebenfalls durch die Fenster nach draußen.

»Es kommt ja auch nicht oft vor, dass ein Drache im Sterben liegt«, flüsterte eine andere Hofdame gedämpft durch ein vorgehaltenes Taschentuch.

Der Wind trieb den dichten Rauch draußen auseinander und Kanemô erhaschte einen Blick auf einen blassgolden geschuppten Schwanz, der aus einer der höhlenartigen Öffnungen des Eisenturms hing. Gestern hatte der Schwanz sich noch vor Schmerzen gekrümmt, heute Morgen fehlte dem Drachen selbst dafür die Kraft. Eine seiner Klauen ragte zitternd aus der Höhle wie ein Ast ohne Blätter. Längst spie das Geschöpf keine Flammen mehr, doch mit jedem rasselnden Atemzug drang Qualm aus seiner Höhle im Eisenturm, jede Menge Qualm, beißend wie Pestgestank.

Die Hofdamen stießen entsetzte Laute aus, als der Drache sich auf einmal bewegte und sein Kopf in der Öffnung sichtbar wurde. Sein gelbes Auge funkelte im Schatten. Er schien auf den Palast aus grünem Marmor hinabzublicken, dann über die Villen des Adels, die gepflegten Steinhäuser der Bürger und die nestartigen Hütten der Armen weiter unten hinweg bis zu den Feldern und Hügeln in der Ferne – auf jene Welt, in die er nie gehört hatte.

»Ist er blind?«, fragte jemand.

»Nein. Und er wird wieder gesund!«, murmelte die Königin.

Keine Hofdame wagte zu widersprechen.

Kanemô wusste, dass schon vier Drachen gestorben waren, seit ihr Vater, König Sagamenon, regierte. Niemand wusste weshalb. Der König erschuf auch keine neuen Drachen. Man sagte, ihm fehle das Talent, um diese prächtigsten aller Bestien aus dem Zauberkessel emporsteigen zu lassen. Dieser Kessel thronte auf dem höchsten Plateau des Eisenturms – ein ungeheuerliches Gefäß aus Eisen, das nicht von Menschenhand erschaffen worden war, sondern sich manifestiert hatte, als die Berge vor Jahrhunderten unter der Einwirkung von Zauberei geborsten waren. Damals war der Eisenturm erschienen, ein Pfeiler aus geschmolzenem und wieder erhärtetem Metall, krumm und um sich selbst gewunden und voller unheimlicher Hohlräume und Höhlen. Ganz oben thronte der Zauberkessel, der in den Himmel starrte wie eine leere Augenhöhle. Früher waren die Höhlen des Eisenturms voller Drachen gewesen, manche groß wie Schiffe, andere kaum von geflügelten Schlangen zu unterscheiden. Es hatte ölschwarze gegeben mit glutroten Augen, graue mit bläulichen Bäuchen und andere in allen Nuancen des Feuers, das sie spien. Doch dieser, mittelgroß und von sonnenbleicher Färbung, war der letzte Drache.

Erneut erschollen Rufe des Entsetzens. Der Drache ließ den Kopf sinken. Sein Nacken knackte, als würden Steinquader bersten, und aus dem Maul drang ein letztes Fauchen, gefolgt von einem Schwall Kriechglut, die hundert Fuß tiefer über den Hof spritzte und einen Heuwagen in Brand setzte.

»Er ist tot«, flüsterte jemand.

Kanemô blickte zu ihrer Mutter auf. Die Königin ließ sich keine Regung anmerken.

Wenig später kam der König die Treppe des Eisenturms herabgestiegen, die sich teils außen um das Gebäude wand, teils im Inneren hinabführte. Der König hatte bei der kranken Bestie gewacht, ohne zu schlafen oder zu essen. Seine Haut, sein blondes Haar, sein Bart und die Gewänder waren schwarz vor Ruß. Umso heller wirkten seine Augen und seine Zähne, entblößt in einem unheimlichen Lächeln.

Kanemô schauderte. Es gab niemanden, den sie so sehr fürchtete wie ihren Vater. Als Tochter war es ihre Pflicht, ihn zu lieben, das wusste sie, aber wann immer sie ihm vorgeführt wurde, empfand sie nichts als Angst. Sie hatte schon miterlebt, wie er seine Bestien auf Diener, Berater und sogar Ritter losgelassen hatte, nur weil diese ein falsches Wort gesagt hatten.

Ihr Lehrmeister hatte ihr erzählt, dass es früher schon hin und wieder Könige gegeben hatte, die keine Drachen aus dem Zauberkessel steigen lassen konnten, sodass man sie nicht mit dem ehrwürdigen Titel Drachenmacher angeredet hatte. Aber Bestien wurden von Vater zu Sohn vererbt. In der gesamten Geschichte Ivenhalls war es jedoch noch nie vorgekommen, dass ein König ganz ohne Drachen herrschte. Die Drachen waren es, die Ivenhall unbesiegbar machten.

»Bringt mir Weihrauch und Salpeter, Weidenwurzeln und Quecksilber!«, rief der König seinen Gefolgsleuten zu, die unten im Hof versammelt waren. »Ich werde einen Drachen erschaffen!«

Keiner seiner Untertanen ließ sich irgendwelche Zweifel anmerken. Man brachte die gewünschten Zutaten dem König, der beladen mit den Ingredienzen hinauf zum Zauberkessel stieg. Kanemô hörte den Wind, der sich in dem riesigen Kessel verfing und mit Aberhundert Stimmen heulte. Der König hob die Arme und goss die Ingredienzen in das mächtige Gefäß. Nebel wallte über den Rand des Turms und hüllte ihn ein, sodass weder der Kessel noch der König mehr zu sehen war.

Kanemô, die Königin und ihre Hofdamen verließen die Fenster, um sich an das längst kalt gewordene Frühstück zu setzen. Sie aßen nur wenig und widmeten sich dann ihren Stickarbeiten, vertieft in sorgenvolles Schweigen. Der Tod des Drachen war ein schwerer Schlag für Ivenhall.

Kanemô wollte ihre Mutter aufmuntern und traute sich zu sagen: »Vielleicht kehrt Vater ja mit einem neuen Drachen wieder.« Aber ihre Mutter blickte sie mit so harten Augen an, dass Kanemô danach lieber den Mund hielt.

Dann, am späten Nachmittag, verstummte der Wind im Kessel. Ein Knistern schien die Luft zu erfüllen. Alle Edelfrauen liefen wieder an die Fenster. Noch immer wallte Nebel vom Eisenturm herab, aber er schien sich zu lichten. Ein Schatten hoch oben auf dem Eisenturm wurde sichtbar. Doch es war kein Drache. Es war eine Werkatze.

Die Bestie hatte Ähnlichkeit mit einem Löwen, war jedoch groß wie ein Pferd und besaß ein beunruhigend menschliches Antlitz. Einen Moment lang schien sie Kanemô direkt anzustarren. Ein stiller Hass loderte in ihrem Blick und verriet, dass sie nicht freiwillig in diese Welt gekommen war.

Die Werkatze neigte den Kopf. König Sagamenon war hinter ihr aufgetaucht, griff in ihre Mähne und zog sich auf ihren Rücken. Auch der König starrte voller Hass auf den Palast, als sei es die Schuld der Königin – die Schuld seiner kleinen Tochter –, dass er wieder keinen Drachen hatte erschaffen können.

In den kommenden Tagen schöpfte der König wieder und wieder aus dem Zauberkessel und verschwand länger im Nebel, als es für einen Menschen gut sein konnte. Aber nie brachte er einen Drachen hervor. Nur Werkatzen, langbeinige Einhörner mit säbelkrummen spitzen Zähnen und ein Rogstier folgten ihm aus dem Nebel wie Gespenster seines Zorns. Kam er mit seiner Bestie den Eisenturm herab, zitterten die Hofleute. Früher hatten kleinste Fehltritte seiner Untergebenen gereicht und er hatte die Bestien auf sie gehetzt. Jetzt bedurfte es oft nicht einmal mehr eines Anlasses.

Dann verschwand die Königin.

Kanemô erwachte eines Morgens allein und eine schreckliche Vorahnung ballte sich wie ein Klumpen in ihrem Magen zusammen. Bisher hatte sie immer mitbekommen, wenn ihre Mutter aufstand.

Die Königin entstammte dem Geschlecht der Hohen Elfen von Madgar Yhs. Man sagte den Elfen nach, dass sie sich lautlos bewegen konnten, wenn sie es wollten. Und so war es wohl auch. Es gab keinen Abschiedsbrief. Keinen Hinweis, wohin oder warum sie gegangen war.

König Sagamenon verkündete, dass seine Gemahlin eine Verschwörerin gewesen sei und die letzten Drachen von Ivenhall im Auftrag von Madgar Yhs vergiftet habe. Mit dieser Begründung erklärte der König den Elfen den Krieg, und alle Elfen, ob Hohe Elfen oder Nachtelfen, ob in Madgar Yhs geboren oder in den Reichen der Menschen, wurden verfolgt und getötet.

Kanemô wurde mitten in der Nacht aus dem Palast geschafft, an einen geheimen Ort verbannt und vergessen.

Sie aber vergaß nicht.

Teil eins:

Königstochter

1

Über den gewundenen Pfad entlang der Küste stieg ein Wanderer zum Mondtempel herauf. Er hatte sich die Kapuze ins Gesicht gezogen, um sich gegen die Gischt zu schützen, die an den Klippen emporsprühte, sein Umhang flatterte im Wind und gelegentlich leuchtete ein Wams mit Goldsäumen darunter hervor. Seine Beine steckten in Seidenstrümpfen und er trug Schuhe mit Goldschnallen und Absätzen, eher gemacht für Tänze auf Marmorböden als für Fußmärsche durch das nördliche Hochland.

Kanemô hielt in ihrer Arbeit am Webstuhl inne, als sie ihn durch das Fenster des Höhlenzimmers entdeckte. Es geschah nicht oft, dass sie Besuch bekamen. Wenn doch, waren es meistens Frauen aus den Fischerdörfern oder dem umliegenden Hochland, die den Segen für ein krankes Kind erbaten. Dieser Besucher wirkte nicht wie jemand aus der Gegend.

»Was gibt es zu sehen?«, fragte Silan, eine der zwölf Priesterinnen des Tempels.

Bevor Kanemô antworten konnte, hatte sich die Priesterin erhoben und spähte aus dem Fenster, wobei sie den Kopf nach allen Seiten reckte. Silan, deren Haar schon ergraut war, hatte nicht mehr die besten Augen, vor allem zu dieser Jahreszeit, da es früh dunkel wurde und der Nebel bereits nach Frost schmeckte.

»Er sieht wie ein hoher Herr aus«, kam Kanemô ihr zu Hilfe. »Aber warum ist er zu Fuß und nicht zu Pferd?«

Silan warf ihr einen mahnenden Blick zu. Sie wusste wohl, was Kanemô dachte: dass es ein königlicher Gesandter sein könnte.

»Ihr bleibt hier und arbeitet weiter«, befahl die Priesterin Kanemô und den beiden anderen Novizinnen Perasia und Letanna, die ebenfalls vor einem Webstuhl saßen und die Hälse reckten, um nach draußen zu blicken. Sie waren etwas jünger als Kanemô, Töchter des Kleinadels vom Hochland, die nicht verheiratet werden konnten und darum den Mysterien des Mondes geweiht worden waren. Sie schienen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – vielleicht, weil sie so jung hergebracht worden waren und kaum etwas anderes kannten. Dasselbe traf auf Kanemô zu, aber sie konnte sich nicht damit abfinden.

Ihr Herz schlug ihr bis in die Magengrube, als sie den Besucher zwischen den Säulen des Tempels verschwinden sah. Vielleicht war er tatsächlich ein Bote des Königs von Ivenhall? Welche Kunde mochte er bringen? Derzeit gab es viele Gerüchte … Sie drangen selbst bis hierher, an die unwirtlichen Küsten des Nordmeeres: geraunte Worte zwischen Wolllieferungen, Klagen einer betenden Mutter, die Lieder vorbeiziehender Schafshirten – sie alle brachten Kunde, dass die Territorien gegen das Reich rebellierten. Selbst aus dieser Gegend hier, so hieß es, waren junge Männer aufgebrochen, um sich den Rebellen anzuschließen.

Mehr aus Gewohnheit als aus Gehorsam widmete Kanemô sich wieder ihrer Arbeit. Sie ließ das Schiffchen zwischen den aufgespannten Fäden hindurchtauchen, auf und ab, auf und ab, tagaus, tagein – seit sie sechs Jahre zählte. Und nun war sie eine junge Frau. Eine junge Frau … als ob das hier etwas bedeuten würde! Die Götter wussten es, manchmal vergaß sie schon, wer sie war. Manchmal war sie wirklich nur eine Novizin des Mondtempels, nichts als ein weiteres blasses Gesicht in der langen Abfolge blasser Gesichter, die in den Steinhallen ihr Leben wegatmeten. Aber wann immer ein Besucher kam, der ein königlicher Gesandter sein könnte, lichtete sich der Staub der Stunden, und sie erinnerte sich, dass sie einst, in einem anderen Leben, die erstgeborene Tochter König Sagamenons gewesen war, Prinzessin von Ivenhall. Weggesperrt von ihrem Vater, nachdem ihre Mutter verschwunden war.

Es klang für sie beinah schon wie ein Märchen.

Dann aber hielt sich Kanemô doch nicht an den Befehl der Priesterin Silan. Nach einem Moment gab sie vor, den Abort aufsuchen zu müssen, und verließ die Kammer.

»Lass dich nicht erwischen!«, rief Letanna ihr leise nach, der man nichts vormachen konnte.

Kanemô schnitt eine Grimasse, salutierte aber, wie um den Befehl der Novizin entgegenzunehmen.

Der Tempel war vor Jahrhunderten in die Felsen gehauen worden. Es gab viele Säulengänge und wenige Türen und jedes Geräusch hallte weit. Deshalb hatte Kanemô gelernt, sich lautlos zu bewegen. Ihre Röcke und den violetten leichten Wollschleier einer Novizin gerafft, schlich sie eine Treppe hinab, durch einen Flur und schob sich dort in eine Nische im Gestein, von der aus sie zu der von Salz weiß verkrusteten Eingangshalle spähen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Die Eingangshalle war jetzt trocken, denn es herrschte Ebbe. Bei Flut spülte das Meer herein. An einem der beiden Altäre, deren Flammen nie verlöschen durften, hatten sich vier Priesterinnen versammelt. Sie waren schwarz verschleiert, wie es sich vor Fremden geziemte. Nur ihre mit Silbergeschmeiden geschmückten Hände waren entblößt. Doch Kanemô erkannte sie alle an ihrer Haltung. Silan war unter ihnen und außerdem die alte Hohepriesterin Madurahan.

Der Besucher nahm die Kapuze ab und verbeugte sich vor den Frauen. Sein Oberkörper wirkte kräftig, aber ungewöhnlich kurz; überhaupt war er klein, kaum größer als ein zwölfjähriges Kind, trotz der geschwungenen Absätze seiner Samtschuhe, die die Spuren einer langen Wanderschaft trugen. Er hatte kinnlanges, farblos wirkendes Haar, das ihm in feinen, feuchten Strähnen am Schädel klebte. Kanemô hätte sein Alter nicht schätzen können, denn er war hässlich – anders konnte sein breites, kinnloses Gesicht mit den wulstigen Lippen und den schweren, merkwürdig hervortretenden Augen nicht genannt werden. Schönheit mochte welken, Hässlichkeit verwandelte sich mit der Zeit auf unvorhersehbare Weise, verschwamm und verdichtete sich und blieb doch immer, was sie war. So wirkte der Mann weder jung noch alt.

Er begann zu reden, doch der Wind fegte durch die Halle und löschte die Worte für Kanemô aus. Schließlich wies die Hohepriesterin Madurahan in die Richtung des Kaminzimmers, in der sie üblicherweise Gespräche führte, und der Mann und die Priesterinnen setzten sich in Bewegung.

Kanemô folgte ihnen durch die Halle. Am Ende eines gekrümmten Flurs schimmerte Licht durch die Ritzen der Steintür. Kanemô musste direkt davortreten, um etwas zu hören, denn auch hier heulte der Wind wie überall im Tempel.

»… unvorbereitet, weil es so etwas noch nie gegeben hat. Wer hätte je einen Aufstand von Bauern erwartet, der zum Erfolg führt«, sagte der Mann. Er hatte eine erstaunlich tiefe, aber gequetscht wirkende Stimme, als könne die Luft nicht ganz aus seinen Lungen entweichen. Kanemô hörte ihn schlürfen. Die Priesterinnen hatten ihm offenbar einen wärmenden Trunk gereicht. Endlich fuhr er fort: »Aber es waren nicht nur Bauern. An ihrer Seite haben Elfen aus Madgar Yhs gekämpft. Sie haben aus den wilden Horden Soldaten gemacht. Sie haben ein Heer zusammengestellt und einen Eroberungsplan geschmiedet. So wurde das Großreich eingenommen.«

»Also war es gar kein Krieg von Menschen gegen Menschen, sondern ein Eroberungszug der Hohen Elfen?«, fragte die Hohepriesterin Madurahan so ruhig zurück, als unterhielten sie sich über das Wetter.

»Beides«, antwortete der Mann. Er seufzte. »Das Resultat ist jedenfalls dasselbe. Ivenhall ist an die Barbaren gefallen. Unser König, seine Söhne und Ritter sind tot. Es war reines Glück, dass ich aus dem Palast entkommen konnte, ehe die Rebellen auch mich niederstreckten.«

Kanemô wankte. Ivenhall ist an die Barbaren gefallen. Unser König … tot. Und seine Söhne … Sie hatte nicht gewusst, dass sie Halbbrüder gehabt hatte. Sie mussten jünger als zehn gewesen sein. Und nun waren sie tot.

Kanemô hätte an den Fingern einer Hand abzählen können, wie oft in ihrem Leben sie ihrem Vater begegnet war. Es fiel ihr schwer, um einen Mann zu trauern, den sie kaum gekannt und vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Doch ihr schauderte bei der Vorstellung, dass König Sagamenon, direkter Nachkomme von Ivendir dem Großen, dem Zerbrecher der Berge und erstem Zauberkönig von Ivenhall, von Aufständischen besiegt worden war. Sie sah ihren Vater in seiner Königshalle auf dem Thron sitzen, prachtvoll im Licht der bunten Glasfenster und dem funkelnden Zierwerk aus Kristall, Silber und Gold, umgeben von seinen Rittern, zu seinen Füßen drei Werkatzen mit goldenem Fell und grünen Augen und hinter sich, im Schatten, ein schlummernder Drache. Sagamenon mochte selbst nie einen Drachen erschaffen haben, aber ihr war er dennoch mächtig vorgekommen. Sie konnte nicht glauben, dass der König, der Bestien aus dem Zauberkessel steigen ließ, der über das Leben und den Tod seiner Untertanen bestimmte und der sie, seine Tochter, mit einem Wort aus der Verbannung im abgeschiedenen Mondtempel hätte zurückholen können, besiegt worden war.

Besiegt von Bauern … und dem Elfenvolk.

»Wissen die Rebellen, dass die Prinzessin hier ist?«, fragte die Hohepriesterin.

»Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es herausfinden. Der Anführer der Rebellen genießt zwar die Unterstützung einiger Fürsten, aber die übrigen bekriegen ihn. Er wird sich erinnern, dass derjenige, der die Prinzessin ehelicht, nach dem Gesetz rechtmäßiger König von Ivenhall ist. So könnte er die Fürstentümer ohne Krieg unter sich vereinen. Und noch viel wichtiger: Der Prinzessin und allen Kindern, die sie gebiert, würden die Bestien gehorchen, die die Könige von Ivenhall bisher unbesiegbar machten …«

Draußen schien das aufgewühlte Meer heftiger gegen die Felswände des Tempels zu krachen, aber das konnte Kanemô nicht über das hinwegtäuschen, was sie gehört hatte.

»Ich dachte, die Rebellen wollen das Königreich zerstören?«, sagte Madurahan ungerührt. »Haben sie nicht für die Unabhängigkeit der Territorien gekämpft? Wieso sollte der Rebellenführer jetzt König werden wollen?«

Der Mann lachte. Es klang wie das Unken einer Kröte. »Eine Rebellion hört nicht auf, nur weil sie ihr Ziel erreicht hat – im Gegenteil. Die Territorien mögen zwar für ihre Unabhängigkeit gekämpft haben, aber tatsächlich sind sie unter ihrem Rebellenführer geeinter denn je. Er wird den Thron besteigen. Das ist so sicher wie der Wechsel der Jahreszeiten. – Wo wir von Jahreszeiten sprechen: Könnte ich noch eine Tasse Eurer köstlichen Wintermilch bekommen? Ich habe tagelang im Freien geschlafen mit nichts als meinem Umhang. Es ist ein Wunder, dass ich nicht erfroren bin.«

»Ihr hattet Glück, dass es in diesem Herbst wenig Regen gibt«, sagte Silan.

Eine Weile hörte Kanemô nichts als Schlürfen.

»Wohin wollt Ihr die Prinzessin bringen?«, fragte die Hohepriesterin.

»Es ist besser, wenn Ihr das nicht wisst.«

Das Klirren von Armreifen erklang. Madurahan musste näher an den Mann herangetreten sein. »Wir Priesterinnen bewahren die Mysterien des Mondes. Da werden wir die Geheimnisse von Sterblichen wohl ebenfalls für uns behalten können.« Leiser fuhr sie fort: »Ich habe das Mädchen zehn Jahre lang gehütet, ohne dass ihr ein Haar gekrümmt wurde. Ohne dass irgendjemand darauf gekommen wäre, dass sie hier ist. Ich habe dem König von Ivenhall einen Schwur geleistet, den ich halten werde, auch wenn der König tot ist.« Sie hielt inne und wieder klapperte ihr Schmuck. »Der Brief sieht echt aus. Ich erkenne die Handschrift und das Siegel des Königs. Ich werde Euch die Prinzessin überantworten wie befohlen. Aber Ihr werdet mir sagen, wohin sie gebracht wird.«

Schweigen. Schließlich erwiderte der Gesandte: »König Sagamenon hat mich beauftragt, die Prinzessin zu Fürst Korigan zu bringen. Die Festung von Ofeha ist noch nie eingenommen worden, und wenn einer der Söhne Korigans die Prinzessin ehelicht, könnte die königliche Linie von Ivenhall bewahrt werden. Leider ist es im Moment unmöglich, Ofeha zu erreichen. Die Festung wird von den Rebellen und den Hohen Elfen belagert. Bis es einen sicheren Weg gibt, die Prinzessin nach Ofeha zu bringen, wird sie in einem Versteck in den Sümpfen bleiben.«

Kanemô schloss die Augen. Dass sie den Mondtempel endlich, endlich doch noch verlassen würde … nur um in ein Versteck in den Sümpfen gebracht zu werden!

»Wie viel Zeit bleibt, bis die Rebellen hier auftauchen?«, fragte Madurahan.

»Gar keine. Sosehr ich mich nach einem Bett sehne, ich kann nicht verantworten, auch nur eine einzige Nacht zu bleiben. Ich bin froh, dass die Rebellen nicht schon vor mir hier eingetroffen sind«, sagte der Gesandte.

Kanemô wich zurück. Gleich würde sich die Tür öffnen … Sie drehte sich um und eilte ins Höhlenzimmer, wo Perasia und Letanna mit Neugier auf sie warteten.

»Und?«, fragte Perasia, die jüngere der beiden. »Wer ist der Mann?«

»Was ist passiert? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen«, bemerkte Letanna.

Kanemô konnte nichts erwidern. Sie konnte kaum schlucken. Sie sank vor ihren Webstuhl und betrachtete die Fäden. Starrte auf die Leere dazwischen, die sie nicht mehr ausfüllen würde. Jetzt nicht mehr.

»Was ist denn los?«, bohrte Perasia nach, stand auf und fasste sie an der Schulter.

Da trat auch schon Silan ein, den Schleier zurückgeschlagen. Mit einem einzigen Blick schien sie zu begreifen, was los war. Ihr Ausdruck wirkte jedoch nicht so sehr erzürnt als vielmehr besorgt.

»Komm, mein Kind«, sagte sie.

Kanemô wollte sich von Perasia und Letanna verabschieden, sie wenigstens ein letztes Mal ansehen, aber Tränen ließen alles verschwimmen. Perasias Hand glitt von ihrer Schulter und Kanemô folgte der Priesterin ohne ein Wort.

Der Gesandte war nicht mehr im Kaminzimmer, als Kanemô eintrat – nur die Hohepriesterin saß am Feuer, ihr von schweren Entscheidungen zerfurchtes Gesicht entblößt, da sie unter sich waren.

»Sie hat gelauscht und weiß schon alles«, sagte Silan.

Kanemô machte sich nicht die Mühe, es abzustreiten.

Die Hohepriesterin nickte. Es würde keine Bestrafung geben – nie wieder.

»Setz dich zu mir«, sagte Madurahan.

Kanemô nahm auf einem der mit Schafsfell bespannten Stühle Platz. Sie sahen sich an. Nahmen im Stillen Abschied voneinander.

»Ich habe dich, wie jede unserer Novizinnen, gelehrt zu vergessen, wer du vor dem Eintritt in unsere Schwesternschaft warst.« Madurahans schwarze Augen schienen nicht in Kanemô zu forschen wie sonst so oft. Sie wirkten weit und tief wie das Meer, wenn es in einer ruhigen Nacht den Himmel spiegelte. »Zu vergessen, ist eine höhere Kunst, als sich Dinge zu merken. Doch wie eine Welle, die ankommt und sich wieder zurückzieht, sind Vergessen und Erinnern Bewegungen ein und derselben Weisheit. Du hast in deinen jungen Jahren bereits zwei Leben gelebt, Kanemô, mein Kind. Und ein drittes wird folgen. So wollen es die Götter. Vergiss, was nötig ist, und erinnere dich, wenn die Zeit reif ist. Und dann denke daran, dass alles, was geschieht, nur eine Bewegung ein und desselben Herzens ist, das in deiner Brust schlägt.«

Kanemô fielen Tränen aus den Augen und versickerten zwischen ihren Fäusten im Schoß. »Was wird aus Euch, wenn …?«

Madurahan lachte – tiefe, brummige Laute, die ihre Brust zum Beben brachten. »Aus uns wird, was die Götter für uns vorgesehen haben. Ängstlich zu sein, ist die Wurzel des Bösen, die man sich ausreißen muss.«

Mit einem Schlag auf die Armlehnen erhob sich die Hohepriesterin, öffnete eine Schatulle auf dem Kaminsims und legte den Inhalt in Kanemôs Hände. Es war das goldene Diadem, das Kanemô beim Eintritt in den Tempel getragen hatte. Es passte ihr bestimmt nicht mehr, aber die Saphire und Rubine und der goldene Drachenkopf, das Wappentier des Hauses Ivenhall, glänzten prachtvoll wie eh und je.

»Reiß dir die Angst aus!«, mahnte Madurahan. »Du musst Mut haben. Immerhin fließt in dir das Blut von Drachenmachern.«

2

Es dauerte nicht lange, bis Kanemô ihre wenigen Habseligkeiten gepackt hatte – ein paar Kleidungsstücke, ihr Perlmuttkamm, am Strand gefundener Bernstein und bestickte Taschentücher waren alles, was sie besaß. Als sie den Umhang zugeknöpft und den Quersack umgeschlungen hatte, schien ihre Schlafkammer um sie herum zusammenzuschrumpfen. Wie viele Nächte hatte sie hier gelegen und sich wie lebendig begraben gefühlt – und jetzt, da sie gehen durfte, wollte sie sich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen! Aber sie hielt die Tränen zurück. Sich die Angst ausreißen … so wie Madurahan es gesagt hatte.

Nach kurzem Zögern legte sie ihr Diadem unter das Kissen von Perasias Bett. Sie war noch so klein, dass es ihr passen musste. Und weil Kanemô nicht gehen konnte, ohne Letanna auch etwas zu schenken, öffnete sie ihren Quersack rasch wieder und schob den Perlmuttkamm unter das Kissen der zweiten Novizin. Sie hatten sich oft gegenseitig damit frisiert.

Bei den Feueraltaren in der großen Halle warteten schon die zwölf Priesterinnen, die beiden Novizinnen und der Gesandte. Im Näherkommen erschienen Kanemô seine riesigen Augen, sein kurzer Leib und sein breiter Schädel noch merkwürdiger. Der Mann seinerseits musterte sie prüfend, ob sie diejenige war, die er suchte. Es war unangenehm, beinahe bedrohlich, von einem Fremden angesehen zu werden, nachdem sie zehn Jahre lang den Schleier einer Novizin getragen hatte. Sein Blick wanderte über ihre Haut, die einen grünlich-goldenen Schimmer hatte, studierte das hellgrau gesprenkelte Blau ihrer Augen und glitt über ihr Haar, das die Farbe von Gras hatte, kurz bevor es zu Heu verblasst. Zuletzt betrachtete er ihre Ohren, die spitzer zuliefen als bei den Menschen.

Als der Gesandte überzeugt zu sein schien, dass sie die Tochter der Königin war, einer Hohen Elfe von Madgar Yhs, und des gefallenen Königs, verneigte er sich vor ihr. »Prinzessin Kanemô. Es ist mir eine Ehre. Wenn Ihr gestattet, dass ich mich vorstelle – mein Name lautet Sagrik, Bibliothekar und Berater König Sagamenons des Dritten, Eures Vaters. Verzeiht, dass ich Euch keine komfortablere Art zu reisen anbieten kann, aber die Priesterinnen waren so gütig, uns zwei Esel zu geben – Eurem Stand nicht angemessen, aber besser als nichts.«

Kanemô dachte daran, dass sie nie auf einem Esel hatte reiten dürfen, wenn sie für Besorgungen zu den Dörfern geschickt worden war. Aber Sagrik hatte recht, einer Königstochter stand mindestens ein Pferd zu, wenn nicht eine Kutsche oder Sänfte. Nur war sie die längste Zeit ihres Lebens eine Novizin gewesen.

Sagrik verneigte sich nun auch vor den Priesterinnen. »Meine Ehrerbietung – und meinen tiefsten Dank.«

Kanemô kniete nieder und küsste den Priesterinnen die silbergeschmückten Hände. Sie wünschte, die Frauen wären nicht verschleiert. Obwohl sie nicht gerade liebevoll gewesen waren, hatten sie Kanemô doch aufgenommen und erzogen. Es gab niemanden auf der Welt, den sie länger kannte als diese zwölf verhüllten Gestalten. Sich das einzugestehen, tat weh.

»Mögen die Götter dich schützen«, sagte Silan förmlich.

Und Madurahan, beinahe flüsternd: »Mutter Mond stehe dir bei und zähle deine Schritte.«

Letanna und Perasia verneigten sich vor Kanemô, zitternd unter ihren Schleiern, und Kanemô konnte hören, dass Perasia ein Schluchzen unterdrückte. Kanemô wollte die Verneigung schon erwidern, aber ihr Herz drängte sie dazu, die beiden Mädchen zu umarmen. Mochte es auch unschicklich sein – das hier war wichtiger. Und als sie die beiden an sich drückte und von ihnen gedrückt wurde, spürte sie, wie sehr sie es bereut hätte, nicht den Mut dazu aufgebracht zu haben.

Die Esel waren mit zusammengerollten Lederdecken zum Schlafen und Taschen voll Proviant bepackt. Kanemô und Sagrik saßen auf und ritten auf dem gewundenen Pfad entlang der Küste davon. Zwischen den Wolkenbänken vor ihnen tauchte die Sonne auf, ein strahlendes Auge, das sich öffnete, bevor es hinter der Welt versank.

Sie ritten, bis Wolken das Mondlicht schluckten und die Finsternis sie zur Rast zwang. Zwischen hohen Felsen entfachte der kleine Mann ein Feuer, indem er eine Glasphiole öffnete und ein träge kriechendes, stinkendes Gas über ein Büschel Trockenmoos rinnen ließ – Kriechglut. So nannte man den entzündlichen Atem, den Drachen aushauchten. Kanemô hatte seit ihrer Zeit im Palast keine Kriechglut mehr gesehen, und es weckte die Erinnerung an Glaskugeln, in denen sich bunte Flammen wie im Schlaf räkelten.

»Ich dachte, es gibt keine Drachen mehr?«, sagte Kanemô.

»So ist es auch. Diese Kriechglut ist aus den letzten Vorräten von früher und sehr kostbar. Ich benutze sie nur, um Feuer zu entfachen«, sagte er mit seiner gequetscht wirkenden Stimme. »Verzeiht den üblen Geruch. Ich würde Rosenöl oder Zimtöl darüberträufeln, aber ich konnte nicht einmal das Nötigste mitnehmen, geschweige denn die Dinge, die das Leben angenehmer gestalten.«

Während das Trockenmoos glühte, huschte Sagrik hin und her, brach Zweige aus Büschen, sammelte Treibholz und vertrocknetes Schilf und fütterte das Feuer, bis es fröhlich flackerte.

Wie oft hatte Kanemô davon geträumt, ein Ritter würde kommen, entsandt von ihrem Vater, um sie zurückzuholen! Nicht selten hatte sie auch davon fantasiert, der Ritter würde sie vom Tod ihres Vaters unterrichten, weshalb sie wieder nach Hause dürfe. Und gelegentlich hatte sie sich sogar vorgestellt, dass jemand sie entführen würde … All diese Vorstellungen hatten gemeinsam gehabt, dass der Ritter schön und galant war und dass er sich auf der Reise in sie verliebte. Sagrik war weder schön noch galant, auch wenn er sich Mühe gab, sie zu umsorgen. Aber ganz sicher wollte sie nicht, dass er sich in sie verliebte.

Er goss Wintermilch aus einem Lederschlauch in einen kleinen Kessel über dem Feuer. Kanemô streute indessen den Eseln Hafer hin. Als die Tiere fraßen, tunkten auch Kanemô und Sagrik ihren Zwieback in den heißen Trunk aus Schafsmilch, Winterwurzelmehl und Mandelzucker.

»Ist der König mit Sicherheit tot?«, fragte Kanemô.

»Ja«, sagte der Bibliothekar nach einer Pause. »Der Anführer der Rebellenhorden hat ihn erschlagen. Sie haben seine Leiche zur Schau gestellt. Ich habe sie vor meiner Abreise gesehen.«

Sie schauderte, doch wohl nicht vor Entsetzen. Auch nicht vor Genugtuung, obwohl sie geglaubt hatte, ihren Vater zu fürchten und zu hassen. Nun merkte sie, dass das nicht stimmte. Sie kannte ihn schlichtweg nicht gut genug, um so viel für ihn zu empfinden. Die lähmende Ungerechtigkeit, die er ihr angetan hatte, war durch seinen Tod nicht gesühnt. Und vielleicht war es das, was sie schaudern ließ: die Willkür des Unrechts, das jeden treffen konnte, eine Königstochter und sogar den König des größten Reiches der Welt.

»Lebt meine Mutter noch?«, fragte sie.

Sagrik nahm sich einen weiteren Zwieback und füllte sich den Becher nach, bevor er antwortete. »Ich weiß nicht das Geringste über die Herrin Iriobal, verzeiht … Es war verboten, am Hof über sie zu sprechen.«

»Falls sie sich versteckt hält, könnte sie jetzt doch wieder auftauchen, da die Rebellen und die Hohen Elfen Ivenhall eingenommen haben, nicht wahr?«

»Das wäre die logische Schlussfolgerung.«

»Falls sie noch lebt.« Eine Weile hing sie ihren Gedanken nach. Dann bat sie: »Erzählt mir mehr von dem Versteck, in das Ihr mich bringt.«

Er gluckste. »Meine Prinzessin, die Sümpfe selbst sind das Versteck. Hat man Euch schon einmal vom Sumpfland erzählt?«

»Es ist … nun, dort gibt es keine Fürsten. Und deshalb auch niemanden, der dem König von Ivenhall unterstehen könnte. Es ist unbeherrschtes Land.« Sie biss sich auf die Lippe. Sie wusste so gut wie nichts über die Sümpfe. Wenn sie ehrlich war, wusste sie auch so gut wie nichts über das Großreich, das nun rechtmäßig ihr gehörte.

Sagrik nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. »Es ist allgemein bekannt, dass die Wirklichkeit nicht überall gleichermaßen fest ist. Sie hat eine harte, solide Oberfläche«, er klopfte auf den Felsboden, »und einen fließenden, flüssigen Kern. Diesen flüssigen Kern nennen wir den Nebel. Alle Zauberkunst, die wir kennen, zieht ihre Kraft aus dem Nebel. Eure Vorfahren, die Könige von Ivenhall, herrschten über die Menschen, weil sie als Einzige einen dauerhaften Zugang zum Nebel hatten, nämlich den Zauberkessel, der auf dem Eisenturm thront. Daran erinnert Ihr Euch gewiss. Euer Vater schöpfte oft aus dem Nebel des Zauberkessels die Bestien, die seine Herrschaft sicherten. Nun ja – bis zuletzt. Die Könige vor ihm haben mehr zauberisches Talent bewiesen, denn sie ließen Drachen aus dem Zauberkessel steigen, Euer Vater nur geringere Bestien. Darum konnte er von aufständischen Bauern mit Unterstützung der Elfen besiegt werden.«

»Und weil er den Verstand verloren hat«, sagte Kanemô leise. »Er hat den Verstand verloren, weil er zu viel Zeit vor dem Zauberkessel verbrachte. Das sagen die Leute doch?«

»Ich erlaube mir darüber kein Urteil. Aber es ist so, dass der Nebel im Grunde überall aufsteigen kann. Doch der erste König von Ivenhall war der einzige Mensch, der es je geschafft hat, den Nebel in ein Gefäß zu bannen, den Zauberkessel – und zwar mit einer Art Blutzauber, weshalb nur seine blutsverwandten Nachkommen seine Zauberkraft erben. Heute haben nur noch die Hohen Elfen von Madgar Yhs Zugriff auf den Nebel. In ihren Sommerwäldern haben sie einen zauberischen Brunnen. Sie schöpfen keine Bestien daraus, sondern nutzen ihn, um nach Belieben durch den Raum und sogar die Zeit zu schreiten, heißt es. Diese Zauberkunst behalten sie eigensüchtig für sich, weil sie das mächtigste Volk der Welt sein wollen. Aber einst wussten auch die Bewohner des Sumpflandes, wie man den Nebel ruft und aus ihm schöpft …«

»Die Zwerge?«

»So nennen die Menschen das alte Volk der Gokra. Und nicht ganz zu Unrecht. Denn die Gokra nennen sich selbst das Kleine Volk. Warum? Eine Legende besagt, dass vor langer Zeit, bevor es uns Sterbliche gab, die Götter der Erde gegen die Götter des Himmels in den Krieg zogen und verloren. Heute leben wir auf den Leichen der Erdgötter – den reglosen Bergen und Felsen. Eine der Erdgöttinnen war schwanger, als sie im Kampf fiel. Vater Sonne hatte Mitleid, ging zwischen ihren Schenkeln unter und wärmte ihren Schoß, sodass ihre Kinder lebend zur Welt kamen – unfertige, winzige Geschöpfe, die sich in Erinnerung an ihre riesenhaften Ahnen Gokra nannten – die Kleinen Leute oder Zwerge.«

Er leerte seinen Becher und füllte ihn ein weiteres Mal, nachdem er zuerst Kanemô von der Wintermilch angeboten und ihr den Becher nachgefüllt hatte. »Die Gokra waren viele Tausend Jahre das einzige Volk, das aus dem Nebel schöpfte und eine eigene Zauberkunst besaß. Die Elfen zogen damals heimatlos wie Wölfe durch die Wälder. Doch heute gibt es die Gokra kaum noch. Und der Nebel, aus dem sie einst schöpften, ist zwar nicht verschwunden, aber verwildert. Darum bewegt sich das Sumpfland auf unvorhersehbare Weise. Inseln aus löcherigem Gestein, Schädelberge genannt, tauchen auf und gehen unter im unsichtbaren Sog des Nebels. Die Schädelberge sind ausgezeichnete Wohnstätten dank ihrer Tunnelgänge und Höhlen und nicht zuletzt gibt es im gesamten Sumpfland nur bei den Schädelbergen fließendes, trinkbares Wasser. Wenn ein Schädelberg nach Jahren oder auch nach nur ein paar Monden im Nebel versinkt, müssen seine Bewohner ihre Heimat verlassen und einen anderswo aufgetauchten Schädelberg finden – darum nennt man sie auch Wandernde Städte. Und darum gibt es auch keine Fürsten oder Könige im Sumpfland. Alle paar Jahre werden die Karten neu gemischt!« Er kicherte darüber.

»Also werde ich in diesen Wandernden Städten leben, bis Fürst Korigan einen Weg gefunden hat, mich nach Ofeha zu holen«, schloss Kanemô. Sie beobachtete Sagrik genau, denn von den Priesterinnen hatte sie gelernt, in Gesichtern zu lesen. Langsam fuhr sie fort: »Aber vielleicht besiegen die Rebellen Fürst Korigan. Und dann bleibe ich für immer im Sumpfland.«

Sie kannte seine Antwort, bevor er sprach: »Prinzessin Kanemô … Fürst Korigan wird die Rebellen nicht besiegen. Wenn Euer Vater mit seinen zweitausend Bestien es nicht konnte, können es Fürst Korigan und sein einziger Verbündeter, Fürst Morthog, erst recht nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden Fürstentümer fallen.«

Kanemô blickte in die Dunkelheit, in der das dumpfe Krachen der Meeresbrandung zu hören war. Sie versuchte es sich vorzustellen – ein Leben im Verborgenen, von einem Schädelberg zum nächsten fliehend wie eine Ratte auf sinkenden Schiffen. Sie würde mehr Freiheiten haben als im Mondtempel, dafür aber wohl auch weniger Schutz. Im Grunde würde sich jedoch nichts ändern. Sie würde warten. Jahr um Jahr warten, dass ihr endlich Gerechtigkeit widerfuhr und sie den Platz einnehmen durfte, der ihr von Geburt her zustand. Sie würde alt werden, während sie wartete, und sie würde sterben. Ein Niemand, der jemand hätte werden sollen und nie geworden war.

»Ich will das nicht«, murmelte sie. »Ich will nicht die Hoffnung mit mir herumtragen, dass eines Tages irgendein Wunder passiert. Sie erdrückt mich, diese Hoffnung. Ich will vergessen, wer ich gewesen bin!«

»Ist das so?« Sein spöttischer Tonfall durchschnitt ihr Selbstmitleid, und sie fühlte selbst, dass es eine Lüge gewesen war.

»Ob Ihr vergesst oder nicht, meine Prinzessin, die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen. Es gibt Fakten. In Euch fließt das zauberische Blut von Ivenhall und all Eure näheren Verwandten sind tot. Ihr seid die Letzte, die Bestien aus dem Zauberkessel schöpfen könnte.« Er schob ein paar Zweige ins Feuer. »Zudem besagt das Gesetz, dass derjenige, der Euch ehelicht, Anspruch auf den Thron hat. Darum schickte mich Euer Vater los, um Euch vor den Rebellen zu verstecken. Aber was jetzt Eure Schwäche ist, kann morgen Eure Stärke sein. Ihr müsst nicht warten, dass Euch Gerechtigkeit widerfährt. Ihr könnt sie Euch erkämpfen.«

Sie dachte an Fürst Korigan, den Retter, den sie vermutlich niemals treffen würde. »Wie?«

»Das gilt es herauszufinden.« Nun war es Sagrik, der ihr Gesicht studierte, als liege darin die Antwort.

Er schlürfte seine Wintermilch aus und hinter dem Rand des Bechers schien er zu lächeln.

3

Zwei Tage ritten Kanemô und Sagrik an der Küste des Nordmeeres entlang. Anfangs sahen sie noch Dörfer auf den Rücken der Hügel, umgeben von Feldern und Schafherden. Doch bald wurde das Land kärger und die weißen Felsen schienen dem Meer die Zähne zu blecken. Das Meer warf sich schäumend dagegen und kreiselte in den Buchten wie von Sinnen. Weit draußen sahen sie einmal Wale vorüberziehen, ansonsten begegnete ihnen kein Lebewesen.

Die unendliche Weite des Landes bedrückte Kanemô so sehr, dass ihr das Atmen schwerfiel. Welche Bedeutung hatte ihr Schicksal in dieser riesigen, leeren Welt? Welchen Unterschied machte es, ob sie entkam oder gefangen wurde, lebte oder starb? Die Erde, der Himmel und das Meer griffen ineinander wie Hände, die nichts fühlten. Hände, die alles zwischen sich zerrieben, ohne es auch nur zu merken.

Kanemô vermisste Letanna und Perasia mehr, als sie es je für möglich gehalten hätte. Die beiden waren wie Schwestern für sie gewesen. Dass sie die Novizinnen wahrscheinlich nie wiedersehen würde, war schwerer zu ertragen als jede andere Ungerechtigkeit.

Am dritten Tag ging es bergab und sie ritten durch Dünen und feuchte Marschen. Ein Weg aus Holzbohlen tauchte auf, der vom Meer fortführte. Sie folgten ihm vorbei an Flüssen und Wiesen, auf denen Hunderte von Gänsen und Kranichen auf ihrem Zug in den Süden Halt machten. Die Flüsse verwandelten sich in Bäche, die Bäche in Tümpel. Knorrige Bäume, über und über von Schlingpflanzen und Moos bewachsen, ragten aus der Erde wie auferstehende Tote, erstarrt in der Zeit.

Sie machten abends Feuer aus Wollgräsern, die im Wind knisterten, und erwachten morgens in einer vor Frost glitzernden Welt. Kanemô hatte den Nachklang von Träumen im Herzen, die von Letanna und Perasia handelten und so traurig waren, dass sie alles in ihr zum Stillstand brachten. Aber in dieser Stille kam ihr ein Gedanke, der beinah tröstlich war: Sie hatte jetzt nichts mehr zu verlieren außer ihr Leben. Und ihr Leben war nicht nur etwas, das sie verlieren konnte; es war ein Einsatz. Um zu gewinnen, was auch immer ihr wichtig war.

Was ist mir wichtig? Gerechtigkeit. Mein Recht.

Sie probierte die Worte an, wie man Kleider anprobierte.

Was ist mir wirklich wichtig? Ich will … nicht hilflos sein. Ich will, dass die Angst weggeht.

Im Lauf des Tages ließ die Sonne den Frost zu Nebel verdampfen. Sie konnten kaum einen Schritt weit sehen und die Holzbohlen waren kaum noch zwischen dem Gestrüpp und Schlamm auszumachen. Nicht selten musste Sagrik absteigen und den Weg suchen, der teils im Sumpf versunken war. Nach einiger Zeit verbesserte sich der Weg dann merklich. Sie passierten eine Hängebrücke, deren Bretter nach frisch geschlagenem Holz rochen, und der Weg wurde zu einer breiten, gepflasterten Straße. Im Nebel vor ihnen tauchte ein großer, hoher Umriss auf … ein Berg. Und er leuchtete aus unzähligen Höhlen.

»Ein Schädelberg«, bemerkte Sagrik überflüssigerweise. »Die Stadt unter der Erde ist wohl noch deutlich größer, sonst würde nicht so eine aufwendig gepflegte Straße zu ihr führen. Wollt Ihr einen Besuch wagen, meine Prinzessin?«

»Was bleibt uns anderes übrig? Unser Proviant ist fast aufgebraucht.«

»Ich wollte Euer Gefühl entscheiden lassen, aber Ihr habt der Vernunft den Vorrang gegeben. Bravo, Prinzessin Kanemô. Nun denn, hinein ins Getümmel!«

Er gab seinem Esel die Gerte und sie ritten dem Berg entgegen. Bogenbrücken führten über quirlige Bäche. Als die Nebel sich noch mehr lichteten, bemerkten sie Wasserfälle, die aus dem Berg stürzten. Tatsächlich war der gigantische Felskoloss von einem See umgeben, der etliche Ströme speiste. Steinpfade verbanden das Ufer mit dem Berg. Es gab keinen Schutzwall, keine Wächter oder eine sonstige sichtbare Verteidigung. Kanemô und Sagrik ritten geradewegs in den Schädelberg hinein.

Der schmale Tunnel wurde von Torflichtern in Nischen des Gesteins erhellt. Es ging bergauf. Ein Summen war zu vernehmen, als befänden sie sich in einem Bienenstock, und gelegentlich lief ein Grollen durch die Erde.

»Merkt Ihr es?«, fragte Sagrik, als die Felsen besonders laut knackten und die Esel scheuten. »Der Schädelberg knirscht mit den Zähnen!«

Und ob Kanemô es merkte. Bei der Vorstellung, das Gewölbe ringsum bewege sich, brach ihr der kalte Schweiß aus. Doch sie trieb ihren Esel voran.

Dann wurde die Wand des Tunnels immer löcheriger und sank zu einer Art Geländer herab. Vor Kanemô erstreckte sich ein unermesslicher Komplex aus Terrassen, Hängebrücken, Tunnelgängen, Höhlen und Befestigungen, die vor Geschäftigkeit wimmelten. Durch Felsspalten fielen Schleier von Tageslicht, aber die meiste Helligkeit spendeten die Torflichter. Ihr schummeriger gelber Schein lag auf Tavernen, Verkaufsständen, aus Lehm und Wurzelgeflecht gebauten Nesthäusern und Treppen. Wasserfälle stürzten hier und da von Klippen und sammelten sich in Becken, umringt von Mühlen, dampfenden Garküchen und Badestätten. Kanemô konnte sich nicht erinnern, je so viele Leute an einem Ort gesehen zu haben, nicht einmal im Palast, als sie ein Kind gewesen war. Überall herrschte Gedränge. Mit Ochsen bespannte Wagen voller Gemüse, Hühnern und Kochgeschirr bahnten sich einen Weg vorbei an Lastenträgern, die Körbe auf dem Kopf balancierten, Frauen in gefärbten Kleidern mit klotzigem Schmuck, Elfen in Mänteln aus Marué, dem farbwechselnden Stoff – das Geheimnis seiner Herstellung wurde in Madgar Yhs gehütet –, und schwer bewaffneten Kriegern mit rasierten Schädeln bis auf einen Zopf entlang der linken Schläfe. An den Felsen kletterten Kinder. Es roch nach Feuchtigkeit und Feuer, nach Essen, Tieren, Abfall und dem betäubenden Duft der Räucherstäbchen, die vor beinah jeder Tür glommen. Nach zehn Jahren im Mondtempel, dessen Stille nur der Wind und das Meer eingeklammert hatten, fühlte Kanemô sich überwältigt. Der Berg schien über ihr zusammenzustürzen …

»Meine Herrin.«

Sie spürte Sagriks kleine, dicke Hand auf dem Rücken und zuckte zusammen. Er zog die Hand sofort zurück.

»Ihr solltet etwas zu Euch nehmen und Euch ausruhen. Erlaubt Ihr, dass ich Euch zu einer Freundin führe?«

»Einer Freundin?«, echote sie und folgte mit dem Blick seinem Fingerzeig in die Tiefe, aber sie sah nichts als ein Gewirr aus Balkonen, Treppen, Brücken und Höhlengängen.

»Ja, eine sehr vertrauenswürdige Person. Wir können uns ihrer Gastfreundschaft sicher sein.« Sagrik beugte sich zu ihr vor. »Ab jetzt werde ich Euch nur noch meine Herrin nennen. Verzeiht mir diese Vorsichtsmaßnahme, meine Herrin.«

Mit einem verschwörerischen Zwinkern nahm er die Zügel ihres Esels und sie ritten nebeneinander durch die Menge. Mädchen wollten ihr Blumen in die Hand drücken, Gewürzhändler hielten ihr duftende Schalen unter die Nase, ein junger Mann, der halb elfisch zu sein schien, bot ihr sogar zwei Wolfswelpen an. Doch Sagrik scheuchte sie alle mit seiner Gerte weg wie Fliegen. Er selbst bekam Zurufe und freche Bemerkungen von stark geschminkten Frauen, die Kanemô mit ihren Blicken durchbohrten, ohne dabei ihr Lächeln zu verlieren.

Sie schoben sich bergab durch das Gedränge, bis sie an einen Bach gelangten. Durch einen Spalt in der Felswand drang geisterblasses Sonnenlicht. Zwischen Rankengeflecht saß ein kleiner weißhäutiger Junge und machte mit einem Kescher Jagd auf Frösche. Als er den Kopf hob, sah Kanemô, dass er kein Mensch war – sein Gesicht war zu flach und breit, die Augen vorgewölbt und schwarz wie sein krauses Haar.

»Odra, kon feig. Edra matara Liotan ner wom?«

Sagrik hatte so schnell und leise gesprochen, dass Kanemô nicht sicher war, ob es tatsächlich eine andere Sprache gewesen war. Doch die Antwort des Jungen bestätigte es: »Omer rikt?«

»Liotans utrigst Usgerda, Sagrik. Almet tosar irbethen kwendir vapromdir. Lut al preg kwendir.«

Der Junge stand auf, nahm seinen Käfig voller Frösche und verschwand im herabhängenden Dickicht.

»Gleich können wir uns ausruhen«, sagte Sagrik.

»Welche Sprache war das?«

»Gokragan, die Sprache des Kleinen Volkes.«

Kanemô beobachtete mit offenem Mund, wie er von seinem Esel sprang, seine Kleider zurechtzupfte und sich das farblose Haar auf dem Schädel glattstrich. Er schabte sich sogar mit den Absätzen den verkrusteten Schlamm von den Schuhen.

»Ihr seid vom Kleinen Volk«, stellte Kanemô fest. »Ihr seid … ein Zwerg.«

4

Es gibt heute kaum noch reinblütige Zwerge«, erwiderte Sagrik leichthin. »Mein Vater war ein Mischling, meine Mutter war wahrscheinlich rein menschlicher Abstammung. Sicher weiß ich es nicht.«

Kanemô wusste kaum etwas über das Kleine Volk. Trotzdem – oder gerade deshalb – veränderte sich ihr Blick auf Sagrik. Bei Zwergen musste sie an ein sagenumwobenes untergegangenes Volk denken, an unvorstellbare Schätze sowohl in Form von Gold als auch von Wissen über die Zauberkunst. Dass das alte Blut des Kleinen Volkes in Sagrik floss, machte seine Hässlichkeit faszinierend, seine Uneindeutigkeit geheimnisvoll und entschuldigte sogar ein wenig sein gelegentlich befremdliches Verhalten.

Der kleine Junge kam wieder und hielt ihnen den Vorhang aus Ranken auf. Ob er ein reinblütiger Gokra war? Kanemô konnte es sich vorstellen, so fremdartig war sein Aussehen.

Sagrik führte seinen Esel durch das Dickicht, Kanemô folgte. Dahinter lag ein See im Schimmer von Lichtstrahlen, die weit, weit oben durch das Gestein fielen. Hütten trieben auf dem Wasser, manche durch Klappstege miteinander verbunden. Der Junge brachte Kanemô und Sagrik zu einem Floß, das mit einem Baldachin und Laternen ausgestattet war und beinah auch eine Hütte genannt werden konnte. Sagrik und der Junge tauschten ein paar Worte in der Sprache des Kleinen Volkes, dann nahm der Junge die Esel und führte sie fort, vermutlich, um sie zu versorgen. Sagrik stieg auf das Floß und half Kanemô hinauf. Zielsicher stakte er das Gefährt auf eine Hütte am anderen Ende des Sees zu, die unter einem Felsvorsprung so mit Moos und Gestrüpp überwachsen war, dass Kanemô sie für eine Insel gehalten hätte, wären die Fenster nicht von Licht erfüllt gewesen.

Als Sagrik das Floß mit den Ranken am Haus vertäute, sah Kanemô eine Gestalt im Eingang stehen. Erst hielt sie die Gestalt für hochgewachsen, doch sie trug nur einen erstaunlich hohen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Was darunter normalerweise vom Gesicht zu sehen gewesen wäre, verdeckte der aufgestellte Kragen eines Mantels.

»Matara Liotan, men arherag«, sagte Sagrik und verneigte sich mehrfach, während er auf die Veranda des Hauses kletterte und Kanemô die Hände reichte, um ihr vom Floß zu helfen. Ohne seine Hilfe wäre es leichter gewesen.

Sie traten vor den Eingang der Hütte, und Kanemô fiel auf, dass die Gestalt vor ihnen klein war wie ein Kind. Ihre Augen, groß und rund und finster, schmälerten sich durch etwas, das ein Lächeln sein mochte.

»Vor Euch steht eine große Frau – eine mächtige Frau«, sagte Sagrik. »Und eine liebe Freundin. Ihr Name ist Löwenzahn – Liotan in der Sprache unseres Volkes.«

Kanemô machte einen Knicks.

Liotan strich den Kragen ihres Mantels herab, wie man eine Blüte öffnen würde, und entblößte ihr Gesicht. Wie Kanemô geahnt hatte, lächelte sie. Aber was für ein Lächeln! Ihr Mund war so breit, dass er ihr rundes weißes Gesicht zu spalten schien. Und darin glänzten zwei Reihen spitzer Zähne.

»Königstochter«, flüsterte die Zwergin. »Wie hübsch sich das Blut der Menschen und Elfen in Euch gemischt hat. Es freut mich, Euch kennenzulernen.«

»Woher wisst Ihr –?« Kanemô warf Sagrik einen Blick zu. Der neigte den Kopf.

»Kommt. Speist und ruht Euch aus«, flüsterte Liotan und ging ihnen voran in die Hütte.

Ein schmaler spiralförmiger Gang mündete in einen Raum, in dessen Mitte ein Herdfeuer brannte. Das Dach war ringsherum offen, sodass der Rauch abziehen konnte. Grünzeug wucherte herein. Das Erstaunlichste an dem Raum waren jedoch die Wände aus polierten Kupferplatten, auf denen sie sich ein Dutzend Mal spiegelten, so als würden nicht nur drei Leute eintreten, sondern eine ganze Gruppe von Doppelgängern.

Liotan schob eine der Wände beiseite. Kanemô hätte erwartet, dahinter den Spiralgang zu erblicken, aus dem sie gekommen waren, doch stattdessen fand sie ein Badezimmer vor, in dem eine Wasserwanne über einem kleinen Feuer dampfte.

»Wascht Euch nach der langen Reise«, sagte Liotan mit ihrer leisen Stimme.

»Ich lasse Euch den Vortritt«, beeilte sich Sagrik zu sagen. »Euch steht das saubere Wasser zu, meine Herrin.«

»Danke«, murmelte Kanemô.

Liotan schob die Wand zu. Und Kanemô war allein … nun, abgesehen von ein paar neugierigen Vögeln, die in den Ranken im Dach zwitscherten.

Kanemô legte ihre schlammbespritzten Kleider ab. Es tat gut, die Stiefel auszuziehen. Als sie in das heiße Badewasser glitt, entfuhr ihr ein Seufzen. Seife, eine Bürste und ein Schwamm lagen auf einem Tischchen bereit. Woher hatte Liotan gewusst, dass sie kommen würden? Hatte Sagrik von Anfang an geplant, sie hierherzubringen? Sie hatte nie den königlichen Brief gesehen, der die Hohepriesterin Madurahan dazu bewogen hatte, sie Sagrik anzuvertrauen. Sie musste darauf vertrauen, dass Madurahan sich nicht von einer Fälschung hatte täuschen lassen … Die Tatsache, dass sie keinerlei Mitspracherecht bei den Entscheidungen über ihr Leben gehabt hatte und dass sie ihren Beschützern vollkommen ausgeliefert war, fuhr ihr wie ein eisiger Luftzug durch die Knochen – trotz des heißen Badewassers. Sie umschlang sich selbst. Atmete gegen das entsetzliche Gefühl der Hilflosigkeit an. Es gelang ihr einigermaßen.

Doch als sie die Seife zur Hand nahm und sich die Haare einschäumte, kam ihr etwas davon in die Augen. Tränen rannen ihr über die Wangen … Sie tauchte unter, um sich nicht schluchzen zu hören.

Als sie aus der Wanne stieg, fühlte sie sich von einer dumpfen Gleichmut wie betäubt. Ein Tuch zum Abtrocknen lag neben den Waschsachen bereit und darunter ein weicher Stoffmantel. Kanemô schlüpfte hinein. Es würde ohnehin alles so geschehen, wie andere es beschlossen hatten. Was nützte es, sich zu sträuben? Doch bevor sie aus dem Bad trat, hielt sie inne, schob die Kupferwand einen winzigen Spalt weit auf und spähte in den Raum.

Liotan saß breitbeinig auf einem niedrigen Sessel am Feuer, Sagrik kniete auf einem Sitzkissen und hatte den Kopf gesenkt. Reglos, wie er war, hätte Kanemô ihn für schlafend halten können, doch er raunte Worte in der Sprache der Gokra. Währenddessen begutachtete Liotan den Inhalt eines Ledersäckchens. Hin und wieder fischte sie einen kleinen Gegenstand heraus, befühlte ihn und hielt ihn gegen den Feuerschein. Es waren weiße, längliche Gegenstände. Klauen oder Zähne oder beides.

Liotan schüttete den Inhalt des Ledersäckchens in ihre Hand und warf sich die Klauen und Zähne in den Mund. Kanemô schauderte, als sie sie kauen hörte. Es klang, als würden Klingen übereinanderschrammen.

Sie gab sich einen Ruck und schob die Wand auf.

»Komm. Setz dich«, flüsterte Liotan.

Kanemô gehorchte.

Sagrik war schon verschwunden, als sie sich nach ihm umdrehte – wie merkwürdig. Er musste lautlos aufgestanden und gegangen sein. Kanemô war mit Liotan allein.

Die Zwergin musterte sie. »Bist du hungrig? Iss!«

Kanemô nahm den Löffel und die Holzschüssel, die auf einem Tischchen neben dem Herdfeuer dampfte. Darin befand sich eine dunkle Suppe mit weißen Teigklößen und Rüben. Kanemô aß. Sie schmeckte bittersüße Gewürze heraus, die sie noch nie gekostet hatte. Doch die Klöße waren köstlich, ebenso das Fleisch, auch wenn sie es keinem Tier zuordnen konnte.

»Woher kennt Ihr Sagrik?«, fragte sie nach ein paar Löffeln des Schweigens.

»Sagrik und ich sind schon lange, lange Freunde«, flüsterte die Zwergin, als sei das eine Antwort. »Mundet Euch der Eintopf? Es ist ein altes Gericht meines Volkes.«

»Es schmeckt köstlich. Vielen Dank für Eure Gastfreundschaft.« Sie zögerte, dann fragte sie: »Warum hat Sagrik mich zu Euch gebracht?«

»Haha … Ihr seid direkt und furchtlos. Wie es sich für eine Thronfolgerin gehört.« Liotans Mund war blutig vom Zerkauen der scharfen Gegenstände, die Sagrik ihr gebracht hatte. »Oder irre ich mich?« Liotan kniff die Augen zusammen. »Fürchtet Ihr Euch?«

»Habe ich Grund, mich zu fürchten?«

»O ja«, zischte die Zwergin. »Männer ziehen durch das Land auf der Suche nach Euch. Wenn sie Euch finden, werden sie Euch wie hungrige Löwen zwischen sich zerreißen.«

Kanemô wandte den Blick ab und musterte den merkwürdigen Raum. Ihre Spiegelbilder auf den Kupferwänden. Liotan sah sie in der Reflexion an.

»Was erhofft Ihr Euch davon, dass Ihr mich versteckt?«, fragte Kanemô rundheraus.

Die Zwergin lachte lautlos. »Ich habe nicht vor, Euch zu verstecken. Ich biete nur einem alten Freund und seinem Schützling meine Hilfe an. Ich werde oft von meinen Freunden um Hilfe gebeten …«

»Und Ihr könnt mir helfen?«

»Wenn Ihr das wollt … Wenn Ihr wisst, was Ihr wollt.«

Nie war Kanemô gefragt worden, was sie wollte. Sie wusste nur, was sie nicht wollte.

»Ein Leben im Verborgenen gefällt Euch nicht«, erriet Liotan. »Und es ist auch nicht angemessen. Eine Thronfolgerin ist nicht feige. Sie versteckt sich nicht wie ein Kaninchen im Bau. Sie verteidigt ihr Recht auf das, was ihr zusteht. Das ist es, was Ihr wollt … was Euch von Geburt zusteht.«

Kanemô ballte die Fäuste. Sie war die erstgeborene Tochter des Königs und – sofern es keine Söhne gab – Erbin der Krone von Ivenhall, dem größten Reich der Menschen, das alle Fürstentümer geeint und die Kriege der Vergangenheit beendet hatte. Sie hatte sich nie wirklich in ihr Schicksal als Novizin des Mondtempels gefügt. Ebenso wenig würde sie hinnehmen, von jetzt an auf der Flucht vor aufständischen Bauern zu leben. Aber wenn sie ehrlich mit sich war, dann war es nicht das Recht auf die Krone, was sie am meisten ersehnte. Mehr als alles andere wollte sie – das ahnte sie, seit sie den Tempel verlassen hatte – Letanna und Perasia wiedersehen. Egal unter welchen Umständen. Dass das ihr größter Herzenswunsch war, kam ihr wie ein beschämendes Geheimnis vor.

»Ich weiß nicht, wie ich zu meinem Recht kommen soll«, entgegnete Kanemô, um sich von ihrer Einsicht abzulenken. »Es müsste schon jemand die Rebellen besiegen.«

Liotan stand auf, nahm sie bei den Händen und führte sie vor eine der Kupferwände.

»Schaut genau hin«, flüsterte Liotan. Sie strich über Kanemôs langes, gewelltes Haar. Dann öffnete sie Kanemôs Mantel und entblößte ihren Körper. Kanemô fühlte sich vor Schreck wie erstarrt und ihr Gesicht begann zu glühen.

»Schaut«, befahl Liotan. »Das seid Ihr. Das ist Eure Macht. Wenn jemand die Rebellen besiegt, dann Ihr. Aber unter Eurer zarten Haut müsst Ihr hart sein wie Eisen. Und kalt wie Schnee.«

Kanemô widerstand dem Drang, ihren Mantel wieder zuzuziehen. Sie wollte nicht zugeben, wie verunsichert sie von ihrer eigenen Nacktheit war. »Ihr schlagt vor, dass ich mich den Rebellen stelle, anstatt mich zu verstecken. Dass ich den Mörder meines Vaters heirate, um selbst auf den Thron zu gelangen!«

Die Zwergin kniff ihr kosend in die Wange. »Ihr seid weder hart noch kalt. Schon Euer eigener Anblick lässt Euch zittern!«

Kanemô schloss den Mantel und verschränkte die Arme. »Selbst wenn – der Mörder meines Vaters wird erwarten, dass ich mich an ihm rächen will. Ich weiß nicht, wie man Bestien beherrscht, auch wenn in mir das Blut von Ivenhall fließt. Und ich kann ihn nicht einfach … vergiften. Man würde sofort wissen, dass ich es war.«