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Er foltert. Er mordet. Und er kennt keine Grenzen. In einer westfälischen Kleinstadt wird eine amerikanische Austauschschülerin tot aufgefunden – sie wurde gefoltert und brutal ermordet. Kiran Mendelsohn und Bolko Blohm werden auf den Fall angesetzt und müssen fortan nicht nur ihrer Chefin, sondern auch dem FBI Bericht erstatten. Tatsächlich zeigen sich bald Parallelen zu zwei ähnlichen Mordfällen auf amerikanischem Boden. Als kurz darauf in Deutschland eine zweite Leiche entdeckt wird, scheinen Kirans schlimmste Befürchtungen sich zu bewahrheiten: Ein internationaler Serienkiller treibt sein Spiel mit den Ermittlern, und seine Mordlust ist offenbar noch lange nicht gestillt …
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2018
Kurzbeschreibung:
Er foltert. Er mordet. Und er kennt keine Grenzen.
In einer westfälischen Kleinstadt wird eine amerikanische Austauschschülerin tot aufgefunden – sie wurde gefoltert und brutal ermordet. Kiran Mendelsohn und Bolko Blohm werden auf den Fall angesetzt und müssen fortan nicht nur ihrer Chefin, sondern auch dem FBI Bericht erstatten. Tatsächlich zeigen sich bald Parallelen zu zwei ähnlichen Mordfällen auf amerikanischem Boden. Als kurz darauf in Deutschland eine zweite Leiche entdeckt wird, scheinen Kirans schlimmste Befürchtungen sich zu bewahrheiten: Ein internationaler Serienkiller treibt sein Spiel mit den Ermittlern, und seine Mordlust ist offenbar noch lange nicht gestillt …
Ilja Albrecht
Kalter Zorn
Thriller
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2017 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2018 by Ilja Albrecht
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Kossack Agentur
Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-104-1
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Buch
In der westfälischen Kleinstadt Xanten wird eine amerikanische Austauschschülerin tot aufgefunden. Kiran Mendelsohn und Bolko Blohm werden, in Koordination mit den USBehörden, auf den Fall angesetzt und müssen fortan nicht nur ihrer Chefin, sondern auch dem FBI Bericht erstatten. Während die Wahl des Opfers eher zufällig erscheint, ist Kiran bald überzeugt, es mit einem hochgradig gestörten potenziellen Serientäter zu tun zu haben, denn vor dem Tod wurde das Mädchen über einen längeren Zeitraum hinweg auf grausame Weise gequält. Sein Verdacht bestätigt sich, als mit Hilfe der amerikanischen Kollegen Verbindungen zu zwei sehr ähnlichen Morden innerhalb des letzten halben Jahres in den US-Bundesstaaten Virginia und North Carolina herstellt werden können.
Das Horrorszenario eines nach Deutschland emigrierten Serienmörders und die lang gefürchtete Wiederbegegnung mit seinem Ausbildungsort Quantico vor Augen, reist Kiran in die USA, während Bolko und der Rest des Teams in Deutschland weiter ermitteln. Die Lage spitzt sich zu, als in Osnabrück ein weiterer Mord geschieht und der Täter mit den Ermittlern Kontakt aufnimmt. Für Kiran ist klar: Diese Mordserie ist noch längst nicht zu Ende. Er ahnt jedoch nicht, welche seelischen Abgründe sich hinter den beispiellosen Verbrechen verbergen.
Autor
Ilja Albrecht, 1967 in Frankfurt am Main geboren, zog 1988 für sein Studium nach Berlin und erlebte dort den Mauerfall. Als Diplom Kommunikationswirt ist er seit 2000 im Bereich eMarketing für inter nationale Unternehmen tätig. Nach einer Station in den USA lebt Ilja Albrecht heute gemeinsam mit seiner Frau im südlichen Mittelmeer auf Malta. Nach Sibirischer Wind ist Kalter Zorn sein zweiter Roman.
Der Platz vor der Schule quoll über von Jugendlichen. Eben noch hatte er leer und still vor ihm gelegen, dann aber hatte die Flucht aus den Klassenzimmern eingesetzt und die Schüler verloren keine Zeit, endlich ins Freie zu kommen und den eigentlichen Tag zu starten. Das hektische Stimmengewirr um ihn herum war wie ein ständiges Sausen in seinen Ohren, nur unterbrochen von schrillem Gelächter der Mädchen und den nassforschen Brunftschreien der Jungen.
Er blickte sich um, und plötzlich sah er sie. Sie war da. Endlich.
In seinem Magen fiel etwas in die Tiefe. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen, obwohl er ihr Gesicht jeder zeit vor sich aufsteigen lassen konnte. Trotzdem war er überrascht, wie sehr sie sich verändert hatte. Ihr Haar war länger, die Statur kräftiger. Aber die entscheidende Veränderung hatte im Gesicht stattgefunden. Sie war reifer geworden, schöner, aber auch anders. Von der Verletzlichkeit war nichts übrig geblieben. Dies hier war eine junge Frau, selbstsicher, auf eine seltsam entspannte Art kontrolliert, fast kalt.
Sie sprach mit einem anderen Mädchen, das er nicht kannte. Ihre Gesten waren knapp, ihre Worte schienen ihr Gegenüber direkt zu treffen. Dann sah sie plötzlich in seine Richtung. Er wandte sich sofort ab und herrschte ein paar Elfjährige an, die neben ihm standen und Späße machten. Als er zurückblickte, war sie verschwunden, so schnell wie sie nach all der Zeit wieder aufgetaucht war.
Ein feiner Schmerz durchzog ihn von der Brust bis in die Tiefen seines Körpers. Ein irrsinniges Gefühl. Nach Monaten der Einsamkeit musste sie nur wieder in seinem Blickfeld auftauchen und sofort konnte er sie spüren.
So wie damals, als sie sich verabschiedet hatten.
Kiran blickte von seinem Schreibtisch auf, den er die letzten Minuten unverwandt angestarrt hatte. Die Uhr zeigte halb neun. Unglaublich. Es waren bereits gefühlte Stunden vergangen, und doch war er erst vor knapp zwanzig Minuten ins Büro gekommen. Wenigstens begann das Dröhnen in seinem Kopf langsam zu verschwinden.
Erstaunlich, wie man in Trance aufstehen, duschen, sich anziehen und zur Arbeit fahren konnte, nur um dann festzustellen, dass man so gut wie keinen Alkohol abgebaut hatte. Kiran, der wegen seines Berufs als Fallanalytiker und Psychologe nur in Maßen Alkohol trank, erkannte aufs Neue, warum er solche Abstürze bislang erfolgreich gemieden hatte. Keine Kontrolle, keine Klarheit. Vor allem jetzt nicht, da sich dieser verdammte Nebel nur aufreizend langsam klärte. Dann schlug ein Hammer auf seinen Rücken.
»Morgen, Kiran! Alles im Lot?«
Bolko hatte ihm fröhlich auf die Schulter gehauen. Seine Kollegen grinsten ihn wissend an. Enzo sah aus, als käme er frisch aus der Sauna, Bolko konnte man ohnehin nie ansehen, was er nachts getrieben hatte, und in Alenkas Augen lag immer noch dieses Strahlen.
Sie hatten bis in den frühen Morgen im Lloyd’s gefeiert. Kiran war sonst kein Mensch für spontane Trinkgelage, aber Alenkas Beförderung musste natürlich begossen werden. Kurz vor Dienstschluss war Birte Halbach, die Chefin der Abteilung, in den Raum getreten und hatte die frohe Nachricht verkündet.
Alenka Motte und Enzo Moretti waren als Ermittler dazugestoßen, als das Team mit der Aufklärung eines tödlichen Attentats auf einen Großindustriellen betraut worden war. Teamleiter Bolko Blohm und sein Co-Leiter Kiran Mendelsohn hatten schnell erkannt, dass nicht nur der gut vernetzte und hervorragend ausgebildete Moretti, sondern auch die junge Kommissarin Motte mit ihren unschlagbaren IT-Kenntnissen diese Gruppe perfekt ergänzten. In einem politisch brisanten Fall, in dem auch noch die russische Mafia mitgemischt hatte, waren ihre Fähigkeiten von großem Nutzen gewesen. Nach dem Ermittlungserfolg hatte das BKA Halbachs Empfehlung entsprochen und das gesamte Team fest im Bereich Internationale Koordination verankert.
Nachdem Kiran und Bolko in ihrem Abschlussbericht besonders Alenkas Arbeit hervorgehoben hatten, war sie nun zur Oberkommissarin ernannt worden. Ziemlich früh, aber völlig zu Recht, wie Bolko meinte.
Bisher hatte das Team nach Abschluss seines ersten großen Falls nur kleinere internationale Delikte bearbeitet, in erster Linie Wirtschaftsvergehen deutscher Staatsbürger im Ausland. Kiran war diese Routine sehr entgegengekommen. Es gab den Mitglieder des Teams die Gelegenheit, sich besser kennenzulernen, Ermittlungsabläufe, Techniken und vor allem mögliche Krisensituationen zu besprechen.
Kiran öffnete gerade den Mund, um auf Bolkos Frage zu antworten, als eine weitere Detonation seinen Schädel erschütterte. Durch die Tür kam Birte Halbach, offenbar ebenso fit wie die anderen, und lud mit Fanfarenstimme zur sofortigen Besprechung.
Der umsichtige Enzo hatte für alle frischen Kaffee gebraut, den er im Besprechungsraum servierte. Kiran, der beim Eintreten in den von grellem Sonnenlicht durchfluteten Raum beinahe erblindet wäre, hatte einen mehrfachen Espresso vorgesetzt bekommen.
»Guten Morgen, die Herren und die Dame. Ich hoffe, Sie sind erholt von unserer kleinen Feier gestern.« Sie blickte in die Runde und fuhr fort. »Ich habe eben einen Anruf aus NordrheinWestfalen bekommen. In ei ner Waldhütte bei Xanten hat gestern eine Art Ritualmord stattgefunden. Das Opfer ist eine amerikanische Austauschschülerin. Professionelle Tatausführung. Die Sache sieht ziemlich übel aus. Wie in solchen Situationen üblich, müssen sich unsere Behörden mit dem FBI koordinieren, daher sind jetzt wir für den Fall zuständig.«
»Warum ermittelt das LKA nicht selbst? Dort gibt es doch auch eine internationale Abteilung«, fragte Bolko. »Eigentlich ja, aber die Polizei Wesel hat vom LKA Düsseldorf keine besonders schnelle Hilfe bekommen, die haben gerade mit dieser südeuropäischen Bande dort zu tun. Sie wurden dann an das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste verwiesen und die haben sich direkt an uns gewandt. Absolut korrekt, wenn man die Nationalität des Opfers bedenkt. Ich habe vorhin das FBI kontaktiert und werde gleich um halb zehn mit dem zuständigen Kollegen sprechen, sobald die ihm Bescheid gegeben haben.«
Kiran wurde bei diesen letzten Worten etwas wacher. Das FBI. Nach all den Jahren war es jetzt also soweit.
Obwohl er es hatte kommen sehen, versetzte ihm die Gewissheit einen Stich. Er atmete tief durch. Versuchte sich zu konzentrieren. Birte Halbach hatte inzwischen weitergesprochen.
»Wir haben bislang keine Hinweise auf den Täter. Kaum Spuren, keine DNS, keine Zeugen. Wir wissen noch nicht mal, wie er das Opfer dorthin bekommen hat. Immerhin haben die Kollegen aus Düsseldorf ein paar Leute aus der kriminaltechnischen Untersuchung vorbeigeschickt, die haben alles aufgenommen was zu finden war, und das war nicht viel. Die Tat war offenbar geplant und in ihrer Ausführung mehr als nur sadistisch. Soviel ist laut dem ersten Leichenbefund schon klar. Wie es aussieht, ist das Mädchen nackt auf einen Stuhl gefesselt und gefoltert worden. Danach wurde der Hals durchgeschnitten. Also – irgendwelche Ideen bevor wir aufbrechen?«
Bolko nickte. »Bei einem derart brutalen und inszenierten Mord sind Hintergrund und Hinweise rund um das Opfer aufschlussreicher als bei üblichen Fällen. Aber da sie Amerikanerin ist, wird das wohl nicht ganz einfach werden.« Er blickte zu seinem Partner.
Kiran hob den Kopf. Ein bisschen zu schnell. Keine gute Idee.
»Ich weiß nicht, wir sollten das sehr behutsam angehen. Normalerweise sind solche ritualisierten Morde typisch für Serientäter. Bei einer Einzeltat ist eine solche Tat vielleicht auch individuell auf das Opfer abgestimmt.« Er wandte sich an Birte Halbach: »Was wissen wir über die Schülerin?«
Halbach sah in ihre Unterlagen. »Ihre Name ist Patricia Masterson, siebzehn Jahre alt, vor gerade mal drei Wochen aus den USA für einen einjährigen Aufenthalt angekommen. Alles, was ich bislang habe, ist die Adresse der deutschen Gastfamilie und die ihrer leiblichen Familie in Richmond, Virginia.«
Kiran sah aus dem Fenster. Richmond, gleich um die Ecke vom Hauptquartier des FBI. Man würde dort sicher leichter ermitteln können, da der Ort nur eine Autostunde entfernt von Quantico lag. Vielleicht würde es nun tatsächlich zu einem Wiedersehen kommen.
Halbach schaute in die Runde, aber niemand schien weitere Fragen zu haben.
»Gut, dann gehen wir ’s an. Enzo und Alenka, ich will alle bisherigen Erkenntnisse aus NRW auf unserem Server haben. Kontaktieren Sie die Polizeikräfte vor Ort. Der Tatort muss gesichert und komplett begehbar sein, wenn Sie nachher dort eintreffen. Bolko, Sie organisieren den Trip aufs Land. Kiran, Sie kommen mit mir in mein Büro. Ich möchte, das Sie selber hören, was der FBI Mensch zu sagen hat.«
In Halbachs Büro war der PC bereits auf Konferenz geschaltet, aber noch rührte sich nichts im Netz.
»Tja, das gibt dann wohl ein Wiedersehen mit Ihren amerikanischen Freunden. Ist das der erste Kontakt seit Ihrer Zeit dort?« Wie üblich verlor Birte Halbach keine Zeit, um die entscheidende Frage zu stellen.
»Nein, in den letzten Jahren kamen immer wieder ein paar Anfragen zu Ermittlungen. Ganz normal, nichts Besonderes.«
»Und jetzt das. Was meinen Sie, werden die uns helfen oder gleich die Ermittlung übernehmen wollen?«
Kiran schüttelte den Kopf. Weniger Schmerzen, herrlich. Enzo war ein Kaffeemagier.
»Glaube ich nicht. Man ist beim FBI etwas entspannter geworden, was solche Fälle angeht. Wenn das Opfer nicht mit jemandem aus Politik, Top-Management, Militär oder den Geheimdiensten verwandt ist, werden die uns in Ruhe machen lassen. Sie werden aber verlangen, dass man ständig in Kontakt bleibt.«
Wie aufs Stichwort signalisierte der PC einen Videoanruf. Auf dem Schirm erschien der amerikanische Kontaktbeamte. Seine Krawatte saß perfekt, auch sonst sah der Mann aus, wie frisch aus dem Ei gepellt. Er stellte sich als Special Agent in Charge John Henderson vor.
»Guten Morgen, Miss Halbach. Vielen Dank für Ihre schnelle Kontaktaufnahme, wir wissen das sehr zu schätzen. Ich habe die Sache überprüft und kann Ihnen jetzt in der Nacht nicht viel mehr geben als die Daten der Familie und das, was von Seiten der Schule über das Mädchen bekannt ist. Die Familie ist mit keinem unserer Dienste liiert. Bislang ist das eine Tat gegen eine zivile Person, wenn auch kaum alltäglich. Keine schöne Angelegenheit, das alles.«
Kiran erkannte die Mischung aus Jargon und Höflichkeitsfloskeln, die den FBIBeamten während der Ausbildung eingebläut wurde. Vor seiner Zeit in den USA hatte er das für einen Spleen amerikanischer Drehbuchschreiber gehalten, aber in den Büros dort sprachen tatsächlich alle so, vor allem in der Zentrale in Quantico.
»Kein Problem, Mr. Henderson«, antwortete Birte Halbach in fast akzentfreiem Englisch. »Wir sind gerade da bei, das Team an den Tatort zu schicken. Sie werden von dort mit Ihnen Kontakt aufnehmen und Ihnen sämtliche Details zukommen lassen. Ich nehme an, wir werden erst am Nachmittag erfahren, wer sich bei Ihnen um diese Sache kümmern wird?«
Der Special Agent wirkte etwas irritiert. »Ähm, ja. Mein Vorgesetzter wird sich mit Ihnen in etwa drei Stunden in Verbindung setzen.«
»Mr. Henderson, wie verfahren Sie in solchen Fällen? Wollen wir vorerst per Video kommunizieren oder schicken Sie Beamte zu uns?«, fragte Halbach und sandte ihr strahlendstes Lächeln durch die Leitung.
»Früher wäre es so gelaufen. Aber inzwischen hat die Sparpolitik auch das FBI erfasst. Wenn wir keine sprach lichen oder technischen Probleme haben, wird man sich gerne auf Sie und Ihr Team verlassen, Miss Halbach.«
»Hervorragend, ich habe hier meinen Co-Ermittlungsleiter bei mir, Kiran Mendelsohn. Er hat die Ausbildung bei Ihnen in Quantico absolviert und wird Ihr Hauptansprechpartner sein.«
»Hi, Mr. Mendelsohn. Freut mich, dass wir einen Mann mit Ihrem Hintergrund im Team haben. Ich melde mich dann bei Ihnen und werde die Verbindung zu unserem Section Chief herstellen. Sagen wir um zwölf Uhr Ihrer Zeit?«
Kiran stimmte zu, Henderson verabschiedete sich, drückte einen Knopf am Terminal, und das Bild wurde schwarz.
»Kurz und knapp«, meinte Halbach. »Er hat nicht auffällig reagiert auf die Nachricht, dass Sie mit im Spiel sind. Was meinen Sie, könnten die Ärger machen wegen Ihrer Sache damals?«
Kiran zuckte mit den Schultern. »Das glaube ich nicht. Selbst wenn der Vorfall seinerzeit weite Kreise gezogen hat, juristisch ist die Sache geklärt worden. Das Ganze wurde als Ausbildungsunfall deklariert, was es auch war. Ich habe auch meinen dortigen Rang als Special Agent nicht verloren, sondern bin vollständig entlastet worden. Irgendwo wird man immer auf Zurückhaltung oder Ressentiments stoßen, aber niemand wird mich of fen ablehnen, da bin ich mir sicher. Und ich habe ja auch noch viele Freunde dort.«
Zur Mittagsstunde saß Kiran allein im Büro am Medien terminal der Computerzentrale, eine Wand vollgestellt mit modernster Technik, in deren Mitte ein riesiger Bild schirm hing. Bolko war zusammen mit den anderen bereits nach Xanten aufgebrochen, um sich in der Polizeiwache vor Ort einzurichten und schnellstmöglich den Tatort zu untersuchen. Birte Halbach, die vorerst in Berlin bleiben würde, hatte einen Kollegen vom Flugdienst Tegel aktiviert, mit dessen Hilfe sie umgehend nach Düsseldorf geflogen waren. Kiran würde nachkommen und hatte dazu von Bolko, nicht ohne ernste Ermahnungen und diverse Anweisungen, die Schlüssel zu dessen fahrbarem Heiligtum, einem alten Jaguar XJS, überreicht bekommen.
Pünktlich um zwölf ertönte das Signal, und die Videokonferenz wurde aufgebaut. Kiran erkannte das Gesicht sofort. Bradley Greenberg, heute einer der führenden Köpfe und Section Chief in der Machtzentrale des FBI, zu Kirans Zeit Leiter der Ausbildungsabteilung. Greenberg war, wie Kirans Mentor beim BKA, Horst Roellinghoff, auch, ein Veteran der Zielfahndung auf internationalem Gebiet. Er kannte alle Tricks und Besonderheiten jeder Mentalität und war einer der gefürchtetsten Verhörspezialisten in Quantico. Greenberg war es gewesen, der Kiran nach der Katastrophe während der praktischen Abschlussprüfung drei Tage lang auseinandergenommen hatte. Dann hatte er ihn vollständig rehabilitiert, nur um sogleich seine Heimreise in die Wege zu leiten.
»Kiran. Lange nicht gesehen. Ich hab Interessantes über dein Comeback gehört. Und ich sehe, die Jahre sind gut zu dir gewesen. Du hast dich kein bisschen verändert. Meditation scheint wohl doch jung zu halten.«
Kiran betrachtete Greenberg, der mit seinem buschigen, grauen Bart wie ein gutmütiger Weihnachtsmann aussah. Aber genau das war der Fehler, den jeder beging. Hinter dem wohlwollend verschmitzten Grinsen verbarg sich ein messerscharfer Verstand und eine kompromisslose Entschlossenheit. Kiran war sich bis heute nicht sicher, ob Greenberg ihn damals wirklich hatte schützen oder nur schnellstmöglich loswerden wollen. Auf einen Kommentar oder eine Reaktion hatte er seinerzeit vergebens gehofft. Händedruck und Augenkontakt beim Abschied waren kurz und unverbindlich gewesen.
»Hi, Mr. Greenberg. So sieht man sich wieder.«
»Früher oder später musste es wohl so kommen«, sagte Greenberg und deutete ein Lächeln an. »Konnte ja nicht ewig gehen mit deiner Askese. Wie ist dir der Zusammenstoß mit der russischen Seite bekommen?«
»Ganz gut. Unser Mann hat ein nur ein halbes Dutzend Leute umgelegt, bevor wir ihn schnappen konnten. Hätte schlimmer kommen können.«
»Der gleiche Sarkasmus wie damals«, sagte Greenberg schmunzelnd. »Aber kommen wir zur Sache. Ich will dir nicht verschweigen, dass ein paar Leute Bedenken an gemeldet haben, als sie von deiner Mitwirkung hörten. Allerdings waren einige von denen damals noch nicht mal hier. Zwei aber sind aus der Gegenfraktion von damals. Also Kiran, sag mir, dass du mit unseren Leuten hier klarkommst.«
»Ich bin kein Anfänger mehr, und ich kenne diese Sorte Karrieristen inzwischen in und auswendig. Wir ziehen unser Ding durch, wenn nötig zusammen vor Ort, mit wem auch immer. Alles nach Vorschrift und mit allem technischen Reporting, exakt so, wie es die Obrigkeit sehen will. Ich verschwende nur wenig Gedanken an den Vorfall damals, schon gar nicht bei der Arbeit.«
Greenberg lächelte, auch wenn das Zwinkern in seinen Augen verriet, dass er Kiran die Sorglosigkeit auf keinen Fall abnahm.
»Dann wäre das ja klar. Ich habe den Bericht deiner Assistentin gesehen. Wirklich üble Sache. Hier wären bereits alle Verhaltensforscher mitsamt ihrer Studenten am Tatort. Bislang sind die aber ruhig. Du kennst das ja, alles jenseits des Großen Teiches könnte genauso gut auf dem Mond passiert sein.«
Kiran nickte. Das war eines der wenigen Klischees, die wirklich stimmten. Einer seiner Ausbilder in Quantico hatte einmal gescherzt, dass die USA einen Ort außer halb Nordamerikas frühestens dann kartographierten, wenn dort ein Amerikaner in die Luft flog.
»Ich habe bereits einen Kontaktbeamten für dich ein gesetzt, er sitzt gerade am VICAP und wertet eure Indizien aus. Man kann nie wissen. Vielleicht gab’s hier mal einen vergleichbaren Fall.«
»Sehr gut. Ein paar Ideen könnten uns sicher helfen. Wann meinen Sie ist der Kollege soweit?«
»Er wird noch ein bisschen brauchen. Du kannst inzwischen zu Deinem Tatort fahren. Ist ja um die Ecke bei euch. Deine Nummer hat er schon. Ich habe Rollins mit der Sache betraut.«
Greenberg verzog keine Miene, als er den Namen nannte. Stephen Rollins. Kirans bester Freund während der Ausbildung und der stärkste Rückhalt, den man sich in einer Krise wünschen konnte. Sie hatten nach Kirans Abreise aus den USA noch eine Weile Kontakt gehalten, auch nach Kirans einjährigem Klosteraufenthalt in Japan. Aber dann waren die Telefonanrufe seltener geworden. Das Letzte, was er von Stephen gehört oder gesehen hatte, war eine belanglose Kurznachricht im Netz gewesen, und das mochte auch schon gut ein Jahr her sein.
Greenberg gab noch ein paar Namen und Daten durch, man sprach gegenseitige Einladungen aus, dann beendeten sie das Gespräch.
Kiran lehnte sich zurück und dachte nach. Ihm war klar, dass diese Zusammenarbeit mit dem FBI bei manchen Kollegen und vielleicht auch Freunden alte Wunden aufreißen würde. Das war nicht zu ändern. Es hatte Jahre gebraucht, bis seine eigenen Wunden verheilt waren. Trotzdem machte ihm die Situation keine Angst. Im Gegenteil. Er war gespannt, der Ursache allen Übels direkt wiederzubegegnen. Der Kreis schloss sich. Endlich.
Kiran stand auf, nahm seine gepackte Tasche und ver ließ den Raum.
Im Xantener Revier betrachtete Kiran die Fotos, die Enzo und Alenka vorbereitet hatten. Es waren gerade einmal vierundzwanzig Stunden vergangen, seit man die Leiche gefunden hatte, aber schon jetzt war die Hälfte der Wand des ihnen zugewiesenen Raums mit Aufnahmen, Notizen und Stichpunkten der kriminaltechnischen Untersuchung zugepflastert.
Die Polizei in Xanten war sehr zuvorkommend gewesen. Eine solche Tat im beschaulichen Landkreis Wesel stellte eine nie dagewesene Sensation dar, deshalb war man bei der hiesigen Polizei mehr als glücklich darüber, Experten bei sich zu haben, die die Ermittlungen leiteten. Dazu stammte Bolko vom Hamburger LKA und hatte daher einen guten Zugang zu den Kollegen der Landespolizei, der ihm schneller als üblich kollegiale Unterstützung und Respekt sicherte.
Das Polizeirevier war erst vor wenigen Jahren renoviert worden, zuvor hatten die Beamten während der Bauarbeiten in Containern arbeiten müssen. Jetzt war man mit modernen Büros ausgestattet, sodass Enzo und Alenka in kürzester Zeit eine Einsatzzentrale für das Team inklusive schnellem Internetzugang eingerichtet hatten.
Enzo trat in den Raum und legte ein Dokument auf den Tisch. »Der Vorbericht der Gerichtsmedizin. Noch nicht allzu viele Details, aber zumindest das, was man äußerlich feststellen konnte.«
»Dann wollen wir mal«, sagte Bolko. »Gleichen wir das mit den Fotos hier ab. Hat Alenka ihr Video fertig?«
Enzo nickte. Kiran sah von den Fotos auf.
»Wir müssen trotzdem noch mal zum Tatort. Ich muss mir das selbst ansehen. Gehen wir aber zuerst alles durch.«
Bolko stellte sich neben die Wand und fasste zusammen. Gestern um 14.38 Uhr war bei der Weseler Polizei wache ein Notruf eingegangen. Ein Jäger hatte in seiner Waldhütte eine Leiche gefunden. Die Zentrale hatte es nicht leicht gehabt, ihn ausfindig zu machen. Der Mann war derart verstört gewesen, dass er sein Telefon fallen lassen und dabei die Verbindung gekappt hatte. Schließlich hatte man ihn über seine Mobilnummer identifiziert und war einfach zu der Hütte gefahren, die beim Grundbuchamt auf ihn eingetragen war. Am Tatort angekommen, hatten die Beamte den Mann wie versteinert auf der Veranda sitzend vorgefunden.
Beim Eintreten in die Hütte begriffen sie sofort, was ihn so erschüttert hatte. Auf einer vor lauter Blut kaum auszumachenden Plane, umgeben von einem Quadrat aus abgebrannten schweren Kerzen, stand ein Stuhl, auf dem das Opfer festgebunden war. Sie trug keine Kleidung, der Körper war übersät mit Schnitt und Brandwunden, die Kehle war durchschnitten. Das Opfer hatte während der Tat auf einen Standspiegel starren müssen, der direkt vor ihr aufgestellt worden war.
Erste Untersuchungen hatten kaum nennenswerte Spuren erbracht. Nirgends Fingerabdrücke, keiner lei Fußspuren. Auf der Plane fand sich nur das Blut des Opfers, sonst nichts. Die Kleidung des Mädchens war verschwunden. Vor dem Haus gab es ebenfalls keiner lei Hinweise auf den Täter oder ein Transportmittel. Das Ganze wirkte, als wären Mörder und Opfer in die Hütte teleportiert worden, wie Enzo anmerkte.
Kiran betrachtete die Fotos des auf dem Stuhl drapierten Opfers. Danach schaltete er das Video an. »Ich nehme an, der Jäger hat keine Ahnung, wer da seine Hütte derart zweckentfremden konnte?«, fragte er, während sie Alenkas Tatortbegehung nachvollzogen.
Bolko schüttelte den Kopf. »Die Jagdsaison hat gerade erst wieder begonnen, und er war zum ersten Mal seit einem halben Jahr dort. Ist auch nicht mehr der Jüngste. Niemand im Umkreis von zwei Kilometern. Der Täter war völlig ungestört.«
Sie blickten Kiran gespannt an, der sich das Video sehr genau ansah. Schließlich drehte er sich um.
»Es ist natürlich noch zu früh für ein Profil, dazu muss ich mehr über die Tote und ihre Lebensumstände hier in Xanten wissen. Was die Tat betrifft, kann ich kaum mehr sagen als das, was am Tatort fotografiert worden ist ...«
»Soll mir fürs Erste reichen«, unterbrach ihn Bolko, »schieß los.«
»Gut. Was wir hier sehen, ist eine durchorganisierte Tat. Vorbereitung, Aufstellung des Szenarios und auch die wahrscheinliche Ausführung lassen klar darauf schließen. Ich würde jedoch noch nicht von Ritualmord sprechen. Ich denke, da haben die Kollegen wegen der Kerzen vorschnelle Schlüsse gezogen. Es steht außer Frage, dass die Kerzen einen Sinn haben, sonst hätte es jede andere Art von Beleuchtung auch getan. Dieser Mörder aber hat Dunkelheit und eine einfache Form des Lichts erzeugt. Auf die Verletzungen will ich zunächst noch nicht eingehen, dazu brauche ich die Ergebnisse der Obduktion. Aber es ist klar, dass hier gefoltert und gequält wurde. Wir wissen allerdings nicht, warum. Befragung oder Unterwerfung, sexuelle Komponenten ...«
»Der Gerichtsmediziner hat in seiner ersten Untersuchung keinerlei Penetration feststellen können«, warf Enzo ein.
Kiran blickte ihn an. »Das ist allerdings aufschlussreich. Das bedeutet, dass ihre Nacktheit vielleicht einen anderen Sinn hatte. Aber wie gesagt, es gibt die absurdesten Formen gestörter Sexualität. Wir sollten gerade deshalb nicht zu früh versuchen, auf die Psyche des Täters zu schließen. Bislang ist nur klar: Das Opfer war wehrlos, komplett ihrer Würde und jeglichen Schutzes beraubt. Sie wurde malträtiert und der Täter wollte, dass sie sich dabei selbst im Spiegel sieht. Das setzt definitiv eine Antipathie oder zumindest eine Art Missbilligung voraus. Das Opfer sollte sich als das sehen, was ihr der Täter vorführte.«
»Aber lässt das nicht schon darauf schließen, dass er sie gekannt hat?«, fragte Bolko.
»Möglich, aber nicht zwingend notwendig. Das hängt davon ab, was der Tatauslöser war. Kommt der Täter aus ihrem Umfeld, dann ganz sicher. Falls nicht, kann es ausreichen, dass sie diese Reaktion durch ihr Verhalten, Aussehen oder auf sonst irgendeine Weise hervor gerufen hat.«
»Kiran, du redest, als ob wir es hier mit einem Serientäter zu tun haben.«
»Der Meinung bin ich nicht unbedingt. Aber wir können derzeit nichts ausschließen. Diese Tat war genau geplant, soviel ist klar. Ich will es nicht bestreiten, dass gerade Serienmorde so ihren Anfang nehmen. Deshalb müssen wir alles über das Umfeld des Mädchen herausfinden.«
Enzo war skeptisch. »Sie ist erst seit wenigen Wochen im Land. Wie kann jemand in so kurzer Zeit etwas Derartiges eigens für sie geplant haben?«, fragte Enzo.
»Guter Einwand, das ist eher unwahrscheinlich. Es kann aber auch sein, dass der Mörder dieses Szenario früher entworfen und nur nach dem passenden Opfer gesucht hat. Eine Austauschschülerin, fernab von ihrem familiären Umfeld, ihren üblichen Freunden und Be kannten könnte da ein risikoloses Opfer gewesen sein. Wie auch immer, vorerst sollten wir uns alle Möglichkeiten offen halten.«
Bolko holte tief Luft. »Ich weiß nicht, Kiran. Ich habe ein sauschlechtes Gefühl bei dieser Sache. Glaubst du tatsächlich, dass das hier eine Einzeltat ist?«
Kiran hob abwehrend die Hände. »Warten wir’s ab. Ich will erst den Tatort sehen. Schauen wir uns an, was dieser Wahnsinnige da eigentlich getrieben hat.«
Die Hütte im Wald hätte eigentlich ein friedliches Bild abgeben können. Eingerahmt von Tannen und Laubbäumen überblickte sie eine kleine grasbewachsene Lichtung nach Osten. Der Sonnenaufgang musste von der Veranda aus herrlich zu beobachten sein. Jetzt war das Areal mit rotweißem Flatterband abgesperrt und die Beamten des Sicherungsteams waren damit beschäftigt, die inzwischen angekommenen Pressefotografen zu ermahnen, die Absperrung auch zu respektieren.
Bolko bedeutete Kiran, ihm nach Rechts in den Wald zu folgen.
»Lass uns die Meute umgehen. Dann können wir auch gleich mal schauen, ob wir nicht doch etwas auf der Rückseite finden.«
Bolko rief einen Beamten des Sicherungsteams an und informierte ihn über ihren Plan. Sie umliefen die Hütte weitläufig und mühten sich durch das dichte Gestrüpp. Bald konnten sie die Hütte ausmachen, deren Umriss durch die Bäume zu sehen war. Kiran stutzte. Auf der Rückseite waren fein säuberlich Möbel übereinander gestapelt.
»Hat der vorher alles ausgeräumt?«
»Wir gehen davon aus«, sagte Bolko. »Wenn der Besitzer seit Herbst nicht mehr hier war, wird er wohl kaum seine Regale und diesen schönen alten Schaukelstuhl draußen gelassen haben.«
Sie gingen durch die Hintertür und betraten den einzigen Raum der Hütte. Draußen war es spätsommerlich warm, hier im Innern war es unangenehm stickig. Es roch nach getrocknetem Blut und Angst. Bolko machte das Licht an. Der Täter hatte die Fenster verklebt, nicht der kleinste Sonnenstrahl drang nach innen. Sie zogen sich ihre Plastiküberschuhe an und sahen sich um. Der Raum wirkte wie eine Theaterbühne, mit dem Stuhl, dem Spie gel und den Kerzen rund um das Viereck als den einzigen Requisiten. Kiran verbannte die aufkommende Übelkeit in die hinterste Ecke seines Bewusstseins und untersuchte zunächst den Boden, dann trat er an die Plane heran. Er holte sein Mobiltelefon hervor, sah sich auf dem Display einige der Fotos an, blickte wieder zur Plane.
»Die Spuren hier stammen wohl vom Abtransport der Leiche. Vorher nicht ein einziger Fußabdruck. Wie um alles in der Welt ist das möglich?«
»Keine Ahnung«, antwortete Bolko. »Mag ja sein, dass man nach dem Schnitt durch die Kehle nach hin ten springen kann, aber was ist mit dem Blut von den anderen Verletzungen?«
»Das ist das Problem, selbst kleinste Schnitte hinter lassen Blutspuren.«
Dann kam ihm eine Idee. Er betrat vorsichtig die Plane, beugte sich nach unten und kippte den Stuhl. Zu nächst war nur getrocknetes Blut zu sehen, dann aber entdeckte er es: Ein minimaler Fetzen einer zweiten Plane klebte am hinteren rechten Stuhlbein. Er entfernte ihn mit einer Pinzette und hielt ihn gegen das Licht.
»Eine zweite Plane.« Er sah Bolko resigniert an. »Ich glaube nicht, dass wir viel finden werden.«
Bolko schaute ungläubig. »Wozu braucht der eine zweite Plane, wegen der Spuren?«
»Anzunehmen. Er hat zuerst die Hütte geleert und sie dann bis fast zur Sterilität gesäubert, wie du an den Resten von ätzendem Scheuermittel sehen kannst. Dann hat er zwei Planen ausgebreitet und den Stuhl aufgestellt. Das Opfer wurde zunächst gefoltert, dann muss er die erste Plane beseitigt haben. Da laut den Fotos auch keine Blutspuren an den anderen Wunden des Opfers waren, hat er wahrscheinlich sogar sie gereinigt. Dann war alles bereit für den finalen Akt.«
Bolko betrachtete das blutige Viereck. »Wie kann man das so präzise planen? Und das alles nur für den eigentlichen Todesstoß?«
»Nicht nur. Hauptsächlich hat er mit der ersten Plane alle Spuren beseitigt. Falls er jedoch für die endgültige Tötung ein gesäubertes Areal haben wollte, dann haben wir es mit einem weitaus gestörteren Menschen zu tun, als ich bislang angenommen hatte.«
Bolko atmete flach. »Was siehst du noch?«
»Der Raum ist perfekt abgedunkelt, als wäre er nicht mehr Teil der Umwelt, wie autark. Der eigentliche Tatort ist alles, was noch im Blickfeld ist.«
»Was hältst du von den Kerzen?«
Kiran dachte nach. Irgendetwas an diesem Tatort war widersprüchlich. Hier trafen Hinweise aufeinander, die einfach nicht zusammen passten.
»Das Ganze ergibt irgendwie keinen Sinn. Der Raum ist praktisch steril. Man könnte meinen, der Täter wäre ein Arzt oder Chirurg, der kühl und professionell vor geht. Dann aber die Aufstellung mit dem Spiegel und den Kerzen, die eher Emotionalität suggerieren. Auf den ersten Blick sieht es nach der Tat von jemandem aus, der einerseits kontrolliert ist, auf sich und seine Tat fokussiert ist. Zugleich scheint er mit dieser Tat etwas demonstrieren zu wollen. Aber dann fehlen die entsprechenden Symbole, Botschaften oder andere Hinweise, die solche Täter eigentlich immer zurücklassen. Hier ist die Botschaft allein das Opfer, der Stuhl und der Spiegel, nichts sonst.«
Sie sahen sich an.
»Das gefällt mir gar nicht, Kiran. Wir müssen uns organisieren, und das schnell. Ich glaube, das wird eine verdammt üble Sache werden.«
Auf dem Weg zum Polizeirevier erreichte Kiran eine SMS von Alenka. Stephen Rollins war mit seinen ersten Nachforschungen fertig und wartete auf Kirans Videoanruf. Bolko schlug vor, die Konferenz zusammen mit dem Team durchzuführen, damit man sich kennenlernen und danach gleich alle Neuigkeiten besprechen konnte.
Nachdem sich alle in der Einsatzzentrale versammelt und eine weitere Dosis Koffein aus Enzos transportabler Espressomaschine intus hatten, stellte Kiran die Verbindung zu Rollins her. Es klickte am anderen Ende und sein alter Freund erschien auf dem Bildschirm.
»Kiran! Mann, gut dich zu sehen. Du siehst klasse aus. Okay, blöd jetzt bei dieser Sache, aber wirklich, sehr gut.« Kiran musste lächeln. Er fragte sich, warum in Quantico offensichtlich jeder zu glauben schien, dass er abgemagert und mit hohlen Augen durch die Gegend schleichen würde.
»Hi, Steve. Alles gut bei Dir?«
»Bestens. Du hast dein Team dabei, wie ich sehe.« Kiran stellte alle der Reihe nach vor und Steve begrüßte jeden Einzelnen mit Hi und Vornamen. Seine freundliche, joviale Art hatte sich nicht verändert.
»Okay, Jungs. Und Mädels, sorry. Ich habe mir euren Bericht und das Bildmaterial angesehen. Sehr gute Arbeit, Alenka. Nun, die gute Nachricht ist, der Tathergang kam mir irgendwie bekannt vor, daher habe ich etwas schneller in unseren Datenbanken forschen können und ein ziemliches Ding entdeckt. Die schlechte Nachricht ist: Ich weiß nicht, ob euch das wirklich freuen wird.«
Rollings legte eine Kunstpause ein, bevor er fortfuhr.
»Also, ihr kennt VICAP, das Violent Criminal Apprehension Program?« Alle nickten. Die FBIDatenbank war in den achtziger Jahren in Quantico ins Leben gerufen worden und konnte inzwischen von allen Polizeidienststellen landesweit genutzt werden. »Gut. Über die tote junge Frau habe ich zunächst nichts außer ihre Schuldaten und die Lobhudelei über ihre tolle Familie herausgefunden. Die sind in Richmond ziemlich weit oben mit dabei. Der Vater sitzt im Stadtrat und leitet die Handelskammer. Dem schmierigen Bild nach zu urteilen ist er auch bei der Tea Party aktiv. Angerufen und mit seinen Verbindungen gedroht hat er auch schon. Er will heute noch einen Bericht haben, aber das muss euch nicht kümmern. Also, ich habe alle Merkmale ein gegeben und heraus kam wie befürchtet nichts Gutes. Es hat innerhalb der letzten sechs Monate zwei Morde an jungen Mädchen gegeben, die exakt dasselbe Tatmuster aufweisen, und zwar hier in Virginia und in North Carolina. Dieselbe Inszenierung mit Stuhl, Spiegel und allem.«
Enzo und Bolko rückten unruhig auf ihren Stühlen herum. Kiran wollte etwas sagen, aber Alenka kam ihm zuvor.
»Mr. Rollins, ich…«
»Steve, Alenka, Steve.«
»Okay, Steve, ich frage mich, warum du erst VICAP bemüht hast? Ich meine, einer der Morde ist gewisser maßen vor eurer Haustür geschehen. Entschuldigung, ich will ja nicht kritisieren, aber die Information hätte mir beim Auswerten heute Mittag vielleicht schon geholfen.«
Steve lächelte amüsiert. »Nur immer frei heraus. Mein geschätzter Kollege Henderson ist nicht der Allerhellste, wenn es ums vernetzte Denken geht. Deshalb hat er auch die Nachtschicht. Ich war bereits vor der VICAP Suche drauf und dran euch anzurufen, aber Greenberg hat mich zurückgepfiffen. Ich sollte erst alles auswerten und die Ergebnisse mit euren Daten abgleichen. Nehmt das nicht persönlich, Greenberg ist da rigoros. Zuerst das Gesamtbild für ihn, dann für alle anderen. Du kennst das ja noch, Kiran.«
Kiran nickte. »Und hat er schon entschieden, ob ihr auch eine Ermittlungsgruppe zusammenstellt?«
»Offiziell habe ich wie immer keine Ahnung. Aber ich habe eine Vermutung. Hier in Quantico sind gerade alle dabei, dem neuen Director des FBI in den Hintern zu kriechen. Dann gibt es da noch diese Anschlagsserie einer rechtsradikalen Gruppierung, deren Kopf wohl von DC aus operiert. Zur Zeit bindet das fast unsere gesamten Kräfte. Greenberg hat mich gefragt, was ich gerade so zu tun habe, danach hat er eure Chefin angerufen. Wenn ihr mich fragt, sind die gerade dabei, eine Flug für Kiran zu buchen.«
Kiran nickte. Ihm war sofort klar geworden, dass Halbach ihn in die Staaten schicken würde.
Bolko meldete sich zu Wort. »Steve, was meinst du, ist das einer von euch, der sein Opfer hierher verfolgt hat?« »Das ist wohl der im Moment einzig logische Schluss.
Vor allem, wenn man die beiden ersten Morde näher betrachtet. Moment ...« Er kramte in einigen Unterlagen auf seinem ziemlich chaotischen Schreibtisch und fand schließlich, was er suchte. »Ah, hier. Der erste Mord fand im Februar statt, das war der in Virginia, und zwar in Richmond, also der Heimatstadt der bei euch getöteten Patricia Masterson. Das Opfer hier ging auf dieselbe Schule wie Patricia und war ebenfalls siebzehn Jahre alt. Vielleicht kannten sich beide Opfer sogar näher, werde ich herausfinden. Das heißt, wer auch immer ermitteln soll, also höchstwahrscheinlich ich. Keine direkte Beziehung, jedenfalls bis auf das Tatmuster, besteht bisher zu dem Mord in North Carolina. Der wurde zwei Monate später in Raleigh verübt. Ist zwar ein anderer Bundesstaat, aber gerade mal zweieinhalb Autostunden von hier. Ist wohl kein gewagter Schluss anzunehmen, dass unser Täter einen kleinen Ausflug gemacht hat. Auch hier ist das Opfer eine Schülerin der örtlichen Highschool.«
»Steve, wir müssen alle Details aus dem Leben der drei Opfer haben. Es muss eine Verbindung geben«, sagte Kiran.
»Sicher. Ich bin schon dabei, alle Unterlagen vorzubereiten. Und wenn mich nicht alles täuscht, wirst du mir morgen bei der Auswertung helfen.«
»Wir werden sehen«, sagte Kiran. Er bedankte sich bei Steve für diese ersten Informationen und versprach sich zu melden, sobald sich etwas Neues ergab. Dann beendeten sie das Gespräch.
Bolko sprach aus, was alle dachten. »Und? Wirst du fliegen? Ich denke, das würde Sinn machen. Vielleicht haben wir ja Glück und der Mörder hat nur sein nächstes Opfer verfolgt. Dann ist er vielleicht schon längst wieder in der alten Heimat.«
Kiran sah nachdenklich vor sich hin. »Vielleicht hast du Recht. Aber wir sollten uns nicht zu früh freuen. Wenn unser Mörder kein typischer Serienkiller ist, könnte es durchaus sein, dass er Gefallen an Deutschland gefunden hat.«
Nachdem Enzo frischen Kaffee geholt hatte, sprachen sie über die Aussicht, einen Serienmörder in Deutsch land verfolgen zu müssen und darüber, inwieweit der amerikanische Aspekt eine Rolle spielen könnte. Das Problem war dabei nicht die Unerfahrenheit der deutschen Polizei in Sachen Serientäter. Seit dem Krieg waren in Deutschland weit über fünfzig Serientäter überführt worden. Dagegen aber stand eine beachtliche Anzahl ungeklärter Mordserien, weshalb man in Fachkreisen von einer weitaus höheren Zahl unentdeckter Serientäter ausging. In Europa rangierte Deutschland in diesem Bereich der Kriminalstatistik weit oben. Außerdem konnte man seit den achtziger Jahren eine massive Zunahme von Seriendelikten verzeichnen.
Kiran wunderte sich darüber kein bisschen. Er war seinerzeit mit der Gewissheit zur Ausbildung in die Vereinigten Staaten gereist, dort eine ganz andere Gesellschaft und dementsprechend ungewohnte Formen des Verbrechens vorzufinden. Zunächst traf dies auch zu. Ein zunehmend härter werdendes soziales Klima und der immer exzessivere Medienkonsum bereiteten den Nährboden für Gewalt in all ihren Spielformen. Das verbriefte Recht der Amerikaner auf das Tragen einer Waffe war dabei auch nicht besonders hilfreich. Kiran hatte sich in den Staaten ausführlich mit psychischen und sozialen Tatmotivationen befasst. Auch wenn dies beim FBI eine fast ausschließlich auf die USA zugeschnittene Wissenschaft war, so hatte er doch viele wichtige Erfahrungen sammeln können. Heute, da sich die europäische Gesellschaft der amerikanischen immer mehr angeglichen hatte, begriff er durch seine Zeit bei der Behavioral Unit des FBI in Quantico mehr als deutlich, dass keine Region und keine Kultur davor gefeit waren, den Preis für das zu zahlen, was Politiker, Finanzjongleure und Medienzare der Weltgesellschaft antaten.
Serienmörder hatte es schon immer gegeben, auch in Deutschland. Was nun passierte, häufigere und grausamere Taten, war eine Angleichung der Verhältnisse. Eine logische Folge der Härten, die diese Zeiten mit sich brachten. Also nichts anderes, als ein sich veränderndes Biotop, in dem auf einmal andere Lebewesen in größerer Zahl auftauchten, weil sie nun ideale Lebensbedingungen vorfanden, oder erst durch diese entstanden.
Enzo, der konzentriert gelauscht hatte, meldete sich zu Wort. »Du glaubst also, dass wir hier das Gleiche er leben wie die Amerikaner? Dann müsste uns deren Erfahrung doch erst recht weiterhelfen. Vor allem, wenn es sich um einen amerikanischen Täter handelt.«
»Ganz sicher. Obwohl ich in meiner ersten Lektion bei der Behavioral Unit erst mal darüber aufgeklärt wurde, dass man dort beileibe nicht so viel weiß, wie alle glauben. Sicher hat man viel Literatur gesammelt, Fälle aus gewertet und Psychologen in die Hochsicherheitszellen geschickt. Aber hierzulande denken viele immer noch, dass man einen Serienmörder relativ schnell in ein Schema einordnen und dann fassen kann.«
»Und, kann man nicht?«, fragte Alenka augenzwinkernd.
Kiran lächelte traurig. »Psychologie wird uns bei der Fallanalyse helfen, das steht außer Frage. Aber das Problem ist, dass jeder Täter ein Individuum ist. Das bedeutet psychologische und soziologische Einkreisung, damit man wenigstens den Hauch einer Chance hat, Hinweise richtig zu deuten und den Mörder vielleicht irgendwann aufhalten zu können. In der Realität werden aber nur die gefasst, die die Kontrolle verlieren und Fehler begehen.«
In diesem Moment ging die Tür der Einsatzzentrale auf und Birte Halbach betrat den Raum.
»Ich nehme mal an, Sie alle haben durch den amerikanischen Kollegen bereits das Wichtigste erfahren. Mir reicht eine Zusammenfassung, Bolko?«
Bolko nickte. Nahm seinen Notizblock zu Hand und begann: »Das Opfer ist die siebzehnjährige Austauschschülerin Patricia Masterson aus Richmond, Virginia, die hier am örtlichen Gymnasium ein Schuljahr absolvieren wollte. Die Befragungen der Gastfamilie, der Schüler und Beschäftigten am Gymnasium werden morgen vor genommen. Daher wissen wir bis jetzt auch nicht, mit wem sie Kontakt hatte und wo sie sich vor der Tat aufhielt. Zu Tatort und Tathergang wissen wir nur, dass sich der Täter zu einer in letzter Zeit unbenutzten Jagdhütte Zugang verschafft und diese vollständig präpariert hat.« Er nahm einen Schluck Kaffee.
Halbach runzelte die Stirn. »Präpariert, wie meinen Sie das?«
»Er hat sämtliche Möbel nach draußen geräumt, den Raum dann komplett gereinigt und abgedunkelt. Auf den Boden hat er zwei Planen gelegt, um dieses Viereck dicke Kerzen Marke Gottesdienst aufgestellt, auf die Planen den Stuhl positioniert und davor, also auf das Opfer gerichtet, einen Standspiegel.«
»Kiran, was wissen wir zum genauen Tathergang?«
»Er hat das Opfer entkleidet und auf den Stuhl gefesselt. Auch wenn wir keinerlei Spuren gefunden haben, weil er den Tatort hinterher noch mal gereinigt hat, nehme ich an, dass sie betäubt war.«
