Kamirs Reise - Marlies Curth - E-Book

Kamirs Reise E-Book

Marlies Curth

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Beschreibung

Kamir, ein Junge von fast 13 Jahren, lebt in Bagdad bei seinem Großvater. Seine Mutter hat er nie kennengelernt, sein Vater ist verschwunden, wie Pedar, sein Großvater, sagt. Es gibt Gerüchte, dass er ein wertvolles Buch gestohlen haben soll. Kamir und sein Großvater glauben nicht, dass Kamirs Vater ein Dieb ist und als Kamir zufällig in eine andere Zeit gerät, erfährt er die wahre Geschichte des Buches. Er macht sich auf den Weg, um das Buch zu finden und gewinnt dabei einen Freund, mit dem er durch die Zeit Harun ar-Raschids und Saladins streift. Dabei erleben sie nicht nur viele Abenteuer, sondern spüren auch dem Wesen von Zeit nach. Ein spannendes Buch, das nicht nur ein farbenprächtiges Bild von der Blütezeit orientalischer Kultur zeichnet, sondern auch historische Persönlichkeiten lebendig werden lässt.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2024

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INHALTSVERZEICHNIS

WIE KAMIR AUS VERSEHEN VERSCHWAND

Begegnung mit Faisal

Gemeinsam in die Vergangenheit

YAHYA IBN CHALID, WESIR VON HARUN AR-RASCHID (CA. 800 N. CHR.)

Im Haus der Gelehrten

Ein Geschenk für Kaiser Karl

Kalam- Gespräch

Yahyas Auftrag

MIT DER KARAWANE NACH DAMASKUS

Die Karawanserei

Im Sandsturm

Palmyra

Ankunft in Damaskus

Bei Ja‘far

Auf der Flucht vor Thabit

ALS KNAPPEN BEI SALADIN, SULTAN VON ÄGYPTEN UND SYRIEN (UM 1190 N. CHR.)

In der Zitadelle

Aufbruch nach Akkon

Richard Löwenherz

Die Schlacht von Akkon

MIT DER KARAWANE NACH BAGDAD

Aufbruch

Der Hakawati

Auf dem Weg nach Karch

ZURÜCK AM TIGRIS

Achmed

Ankunft

Mein Jetzt ist nicht das Jetzt des Sterns,

ist nicht einmal dein Jetzt …

Für Johann und Ole

Erstes Kapitel

Wie Kamir aus Versehen verschwand

Noch ist das Papier leer. Ich lasse meine Augen auf der Fläche umherwandern. Und frage mich, wie meine Gedanken alle darauf passen sollen.

Es ist doch so viel geschehen …

So viel, seit dem Aufbruch aus Bagdad. Aber ich muss alles notieren. Ich, Mustafa Abu Achmed, habe es versprochen. Und so will ich also seine Geschichte aufschreiben. Doch es ist nicht nur eine, es sind so viele Geschichten. Aber begonnen hat alles in Bagdad, als Kamir fast dreizehn Jahre alt war, kein Kind mehr aber auch noch kein Mann.

Es war das Jahr, in dem ich bereits viele Sommer gesehen hatte, etwa sechzig an der Zahl, und glaubte, das Schicksal halte keine Überraschungen mehr für mich bereit. Und doch ist das, was in diesem Sommer geschah, das Unglaublichste, was man sich vorstellen kann …

Aber ich will die Geschichte von vorne beginnen. Doch wo beginnt sie? Mit dem Tod von Raina, Kamirs Mutter, oder erst mit dem Verschwinden von Achmed, meinem Sohn, Kamirs Vater? Oder mit der Geschichte der Zeit, die für Kamir vorgesehen war? … Kamir, mein einziger Enkel, meine Freude, mein Stolz …

Am besten, ich erzähle zunächst von ihm…

Denke dir einen normalen Tag in Bagdad, die Frische des Morgens war bereits von der Kraft der Sonne besiegt und die Steinplatten im Hof waren heiß, zu heiß für nackte Füße. Kamir zog sich lieber die Sandalen an. Noch stand er im Schatten des Busches, doch die Hitze war allgegenwärtig. Sogar der üppig blühenden Bougainvillea sah man an, dass sie unter der Hitze litt. Er ging die wenigen Schritte bis zum Tor und löste den großen Riegel. Knarrend schwang es auf. Er schlüpfte aus der Tür und zog den schweren Türflügel hinter sich zu. Aufmerksam schaute er sich um. Dann trat er in die schmale Gasse und hielt sich auf der Schattenseite, als er sich seinen Weg durch die Stände der Händler und ihrer Kunden bahnte. Es war eine lebendige Gasse. Voller farbenprächtiger Stoffe und redegewandter Händler, die die indigoblauen Hosen geschickt neben leuchtend gelben langen Blusen und zimtbraunen Tüchern gestapelt hatten. Und dicht an der Fahrbahn die schwarzen Abayas als Überkleider und dazugehörige Hijabs – die Kopftücher. Weil hier viele Frauen kauften, die ja gerne stehenbleiben und die Kleidungsstücke auch anfassen, bewegte sich die Menschenmenge sehr geruhsam vorwärts. Man könnte meinen, in unserer alten Gasse stünde die Zeit still.

Es war die Zeit, in der Kamir gern aus dem Haus ging, um die Einkäufe für unsere Selima zu erledigen. Die Straßen waren um die Mittagszeit nicht voll, das Angebot an Waren noch gut sortiert und es blieb Selima noch genügend Zeit für die Zubereitung des Abendessens.

Er kannte alle Gassen hier in der Umgebung, auch die engen, kleinen, in denen es sogar am Tage dunkel blieb. Das war wichtig, denn oft genug musste er sich vor den anderen Jungen in Sicherheit bringen.

Kamir wurde als Sohn von Achmed Abu Kamir geboren. Sein Vater – mein Sohn - heißt Achmed und „Abu Kamir“ bedeutet „Vater von Kamir“ und Kamir, ja, um Kamir geht es in dieser Geschichte. Seine Mutter hieß „Raina Umm Kamir“ – das bedeutet „Raina, die Mutter von Kamir“. Hier in Bagdad ist es wichtig festzustellen, wer alles zu einer Familie gehört. Überhaupt ist es sehr wichtig, zu einer Familie zu gehören. Manche Menschen können ihre Familie viele Generationen über Hunderte von Jahren zurückverfolgen. Das macht sie stolz.

Aber Kamir konnte das nicht. Seine Geburt kostete seine Mutter das Leben. Ich bin sein Großvater, aber er nennt mich nur Pedar – das heißt etwa Vater – weil er einen Vater brauchte, wenn er schon keine Mutter mehr hatte. Also, einen echten Vater hatte er nämlich auch nicht, der war verschwunden. Das Einzige, was er von ihm hatte, war sein Halstuch und ein Amulett. „Der ist abgehauen“, sagten die Jungen in der Straße, „weil er geklaut hat!“. Aber das glaubte Kamir nicht. Ich hatte ihm erzählt, dass er verschwunden war. Und das war etwas ganz anderes.

Die Straßenjungen verstanden das nicht, sie rannten hinter ihm her und jagten ihn, aber er war schneller. Immer. Darauf war er stolz. Und manche Händler ließen ihn auch durch ihre Auslagen schlüpfen, so dass er im Gewirr der Basare Abkürzungen und Verstecke fand. Aber wenn er etwas besorgen sollte, verließ er meistens kurz vor den Gebetszeiten das Haus, dann konnte ihn niemand verspotten oder verfolgen. Wenn er dadurch Gebetszeiten ausließ, nahm Allah das nicht übel, meinte Kamir. Allah ist auf der Seite der Waisen, sagte der Imam immer. Hauptsache war doch, dass er die Einkäufe so zeitig bei Selima abgab, dass sie das Essen bis zum Abend fertig hatte. Auch ich bin da seiner Meinung. Ich selbst verrichte aber immer mein Gebet. Nach dem Essen, wenn die Sonne unterging, stiegen wir beide oft auf’s Dach und horchten auf das Rufen des Muezzins, sprachen unser Gebet und genossen den Einbruch der Dunkelheit.

Kennst du Bagdad?

Stadt am Tigris, dem Zwilling, der sich um die Stadt windet und ihr Wasser, Nahrung und Erfrischung verspricht. Eine große Stadt, voller Fahrzeuge, voller Menschen, voller Stolz. Eine alte Stadt, eine ehrwürdige Stadt. Hier liegt das alte Viertel Karch, in dem seit mehr als tausend Jahren die Arbeiter wohnen, die die Stadt zum Blühen brachten. Immer schon. Der Tigris fließt dort in einer Schlaufe nach Westen, entlang am Viertel Karch und biegt dann sehr eng wieder zurück nach Osten um, so dass sich die Form einer Zunge ergibt. Während auf der Zungenspitze die Universität liegt, befindet sich etwa in der Mitte der Zunge ein Stadtbezirk, der von den modernen Stadtplanern wohl vergessen wurde. Enge Straßen winden sich durch das Häusermeer, als würden sie die Macht des rechten Winkels außer Kraft setzen. Gegründet zwar als „Stadt des Friedens“ hat sie doch so viele Kriege in ihren Mauern erlebt. Auch heute noch kämpft sie, sage ich immer. Ihre Feinde sind der Müll, von dem sich die maunzenden Dienerinnen der Nacht ernähren, die Trockenheit, die dem Tigris schon weit vor den Toren der Stadt den uralten Ruhm als Vater der Flüsse abgerungen hat. Und der schlimmste Feind von allen: der Verkehr, der im steten Voranschreiten den wenigen Parks die Luft und den verwunschenen alten Gassen den Raum und ihren Zauber nimmt. Ach Bagdad, du schöne und weise Stadt der Märchen… aber ich schweife ab…

Und während die Häuser aus der Entfernung wie große Würfel aussehen, stehen die Wände von Nahem betrachtet ebenfalls kurvig und irgendwie trotzig in der Mittagssonne. Doch die Schwünge der Straßen und Häuser werden nicht wirklich wahrgenommen; man könnte sie auch gar nicht mit dem dafür nötigen Abstand betrachten, weil die Gassen zu schmal sind. Daher haben sich hier in der Straße der Stoffe sogar einige Händler auf der Straße niedergelassen. Sie legen ihre Ware in den Schatten, hocken sich dazu und halten ein Schwätzchen mit dem Nachbarn.

Von der Gasse der Stoffhändler war es nicht weit bis zum Platz der Gemüsehändler und Kaffeehäuser. Hier saßen die Bäuerinnen vor schmalen Holztischen und sortierten mit flinken Fingern die Datteln in großen flachen Körben. Dabei schwatzten sie mit den Kunden oder schimpften mit ihren Kindern, die unter den einfachen Tischen mit überreifem Obst spielten. Es duftete nach Orangen, reifen Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Zimt, Minze und Rosenwasser. Kamir kannte den Duft dieser Gasse schon sein Leben lang. Er gehört zu unserem Leben und trägt uns durch den Tag wie der Duft von Tee, der die Stunden der Muße zur Mittagszeit oder am Abend begleitet.

Kamirs Geschichte begann also an einem ganz normalen Tag:

Er betrat einen kleinen Laden, nicht größer als eine Garage, wobei er sich bemühen musste, die kunstvoll aufgetürmten Orangen oder die ausbalancierten Berge von Auberginen nicht zum Einsturz zu bringen. Hinten, neben einer schmalen Tür, saß der alte Omar auf einem Kinderhocker. Er hatte seine Waren mithilfe von Spiegeln gut im Blick. Als er erkannte, dass es Kamir war, der sich da zu ihm durchschlängelte, stand er langsam auf, strich ihm durch die dunklen Locken und fragte freundlich: „Na, mein Junge, ist wieder jemand hinter dir her?“ Kamir schüttelte den Kopf. „Nein, heute nicht. Aber Selima braucht zwei Liter Öl.“ Er reichte dem Händler eine große Plastikflasche aus seinem Beutel. Während Omar mit der Flasche zu einem großen Kanister Olivenöl schlurfte, griff der Junge nach Auberginen, Gurken und Zwiebeln und sortierte Tomaten in eine große Waage. Während er dann das Gemüse einpackte und das Wechselgeld entgegennahm, trug Omar ihm noch Grüße auf. „Sag deinem Großvater, ich bin heute Abend nach Sonnenuntergang im Kaffeehaus, er soll seine Schachfiguren mitbringen.“ Kamir nickte und winkte ihm kurz zu, als er wieder auf die Straße trat.

Er richtete Omars Botschaft beim Abendessen aus, während er sich noch einen großen Löffel von dem gebratenen Gemüse nahm. „Die Schachfiguren? So, so.“ Ich überlegte einen Augenblick, dann schüttelte ich den Kopf. „Nein, ich werde heute Abend nicht ins Café gehen. Heute möchte ich schauen, wie dicht Venus und Jupiter zueinander stehen.“ Kamir horchte auf. „Darf ich mit auf’s Dach?“, fragte er mit blanken Augen. Kamir hatte die Begeisterung für den Sternenhimmel von mir geerbt. Er liebte es über alles, mit mir zusammen auf dem Dach zu sitzen, den Himmel zu beobachten und dabei zu träumen. Ich überlegte nur kurz, zwinkerte ihm zu und nickte dann. „Aber nimm deine Decke mit, es könnte kühl werden“, mahnte ich noch. „Weiß ich doch“, antwortete Kamir mit vollem Mund, drehte sich zu Selima um und fragte: „Kann ich noch etwas Fisch haben? Der ist echt lecker!“ Selima freute sich über seinen Appetit und reichte ihm lächelnd noch eine Portion. Sie hatte den frischen Fisch ausgenommen und mit Kräutern und Gewürzen gefüllt. „Niemand macht den Fisch so lecker wie du, Selima“, lobte ich sie. „Außer Kamirs Mutter, nicht wahr? Raina kannte eine noch bessere Gewürzmischung, stimmt‘s?“, lachte Selima. Kamir hatte gerade den Mund voll und genoss das leckere Essen. Er hatte schon oft gehört, wie wir die Kochkünste seiner Mutter lobten. Manchmal fand er es schade, dass er dabei nicht mitreden konnte. Er hatte kein Bild von ihr im Kopf, dabei hätte er sie zu gerne gekannt. Aber so war das eben und er war zufrieden, dass sie so gelobt wurde. Seine Mutter.

Als Kamir kleiner war, dachte er nicht sehr oft an seine Eltern. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, jeden einzelnen Tag zu leben. Wenn ein neuer Morgen der üppigen Bougainvillea im Hof die Farben zurückgab, saß er still davor und freute sich an den beigefarbenen Geckos, die an der Wand dahinter hinauf huschten. Sie sahen aus wie übrig gebliebene kleine Drachen, die die Zeit vergessen hatte, in eine längst vergangene Welt mitzunehmen. Wenn dann Selima den Morgentee für uns aufgoss und er die frische Minze roch, brauchte sie ihn nie zum Frühstück rufen, denn er liebte diesen Duft und saß meist schon vor mir am Tisch. Tagsüber spielte er dann im Hof, der früher einmal viel größer gewesen war und bis hinunter an den Tigris gereicht hatte. Ich habe als Junge noch auf dem Hof reiten können, so groß ist er gewesen. Aber irgendwann waren die Grundstücke geteilt und wieder geteilt worden, um weitere Häuser zu errichten. Für Kamir war der Hof groß genug und zu seiner Welt gehörten die Gassen außerhalb ebenso dazu. Ganz früher hatte sein Vater Achmed ihn an die Hand genommen und ihn auf seine Spaziergänge ins Viertel mitgenommen. Kamir besaß nur wenige Erinnerungen an seinen Vater. Er dachte an ihn als einen großen Mann, aber da er selbst noch sehr klein gewesen war, als er ihn zum letzten Mal gesehen hatte, konnte das auch eine Täuschung sein. Manchmal erzählte ich ihm von der Zeit, als Kamirs Vater Achmed noch ein Junge gewesen war. Und immer wieder wollte Kamir die Geschichte von den zwei Büchern hören, die sein Vater als Junge beim Spielen in einem alten Tonkrug gefunden hatte. Achmed hatte mir damals den Krug gezeigt und ich war mit ihm zum Nationalmuseum gefahren. Dort hatte Achmed den Krug voller Stolz abgegeben und später war sogar ein Foto von dem kleinen Jungen mit dem alten Tonkrug in der Zeitung gewesen.

Später, wenn Kamir mit den anderen Jungen unten am Tigris spielte, sammelten sie Steine am Ufer und warfen sie in den Fluss. Wenn dann die Jungen weiter warfen als Kamir, behauptete er gern, sein Vater könnte noch viel weiter werfen als sie alle zusammen. Sie sollten nur abwarten, bis er wieder da wäre, dann würde er es ihnen schon zeigen. Dann lachten die Jungen und Kamir tat so, als ob er das Fußballspielen mit alten Dosen viel interessanter fände. An einem dieser Abende war es, als Kamir mich fragte, wann sein Vater wiederkäme. Ich hatte gewusst, dass diese Frage irgendwann kommen musste. Von Lügen halte ich nichts und sah ihn direkt an. Ich holte tief Luft. „Kamir, ich weiß es nicht“, sagte ich dann. „Aber er kommt doch wieder?!“ Kamir fragte drängend und griff nach meiner Hand. „Pedar…?!“

„Ja Kamir, ich glaube, dass er wiederkommt. Alles andere würde keinen Sinn machen“, antwortete ich damals.

Als er sich gewaschen und mit mir das Abendgebet beendet hatte, saß er zunächst schweigend auf seinem Polster.

Später setzte ich mich dazu auf eines der dicken Polster, die an der Brüstung des flachen Daches lehnten und wartete auf Selima, die gleich darauf neues Wasser und ein glühendes Stückchen Holzkohle für meine Wasserpfeife brachte, sowie die frischen Minzeblätter und das heiße Wasser für den Tee. Außerdem legte Selima noch ein großes Stück Zucker auf das niedrige Tischchen zwischen uns. Wir klopften es entzwei und teilten den Zucker. Als Kamir sich vorbeugte und den Zucker in sein Teeglas plumpsen ließ, schlug das Amulett von seinem Vater leicht gegen das Glas und ließ es hell erklingen.

Ich liebe es, das heiße Wasser aus der Kanne in schwungvollem Bogen in die Gläser zu gießen, so dass es schäumt, während der Duft der Minze sich ausbreitet. „Das heiße Wasser kann niemand so gut in die Gläser gießen wie du, Pedar“, sagte Kamir dann. Ich zog bereits an meiner Wasserpfeife und wir beide lauschten auf das leise Blubbern der Pfeife.

Diese Abende unter dem Sternenhimmel mit dem Gluckern der Wasserpfeife, dem Aroma der Minze und dem Licht aus durchbrochenen Laternen bedeuteten uns beiden sehr viel. Kamir trat gern an die Brüstung, die das flache Dach begrenzte, und beobachtete, wie sich Bagdad für die Nacht schmückte. Immer mehr Lichter flammten auf: Zuerst die Straßenlampen an den Hauptstraßen, die zusammen mit den Fahrzeugen glitzernde Bänder bildeten. Sie legten sich wie kostbare Ketten aus roten und weißen Juwelen um die Bezirke Bagdads. Und während die Nacht sich weich wie dunkler Samt auf die Basare senkte, leuchteten dort die kleinen Lampen der Händler orange auf und ließen die Schatten tanzen. Wir liebten diese Zeit, wenn Tag und Nacht sich die Hand reichten und den Zauber der Dämmerung miteinander teilten.

Auch an jenem Abend saßen wir auf den dicken Polstern. Der Junge lehnte sich gegen die halbhohe Wand des Daches und legte den Kopf in den Nacken. Es waren viele Sterne zu sehen, einige kannte er auch schon mit Namen, jedenfalls die größeren unter ihnen. Ich kannte viele. Wenn Kamir dann sagte, dass ich alle kenne, schüttelte ich aber immer den Kopf. „Niemand kennt alle Sterne. Das geht gar nicht.“

„Ja, es sind zu viele“, sagte Kamir und ließ seine Augen über den Nachthimmel wandern. „Ach Kamir“, sagte ich, „es sind eher zu wenig.“ Erstaunt sah der Junge mich an. „Weißt du, hier in Bagdad ist es einfach zu hell. Gegen die vielen Lampen der Stadt, der Autos und Straßenlaternen, gegen das laute Licht der Leuchtreklamen und die hellen Fenster kommt das Licht der Sterne nicht an. Wir können nur einen Bruchteil von ihnen sehen.“

„Du meinst, weil die kleinen Sterne zu winzig sind, um richtig hell zu leuchten?“, er gähnte und döste vor sich hin. „Nein, weil die kleinen Sterne vielleicht zu weit entfernt sind und für uns nur deshalb klein erscheinen. Oder vielleicht, weil sie gerade nicht von dem Licht anderer Sterne angeleuchtet werden.“ Das mit der Entfernung verstand der Junge. Schließlich erschienen ihm die Menschen auf der Straße auch kleiner, wenn er sie hier oben vom Dach aus betrachtete, als unten auf der Gasse, wenn sie vor ihm standen.

„Aber warum müssen sie angeleuchtet werden, um selber zu strahlen?“, fragte Kamir nach.

„Das ist nicht bei allen so. Aber zum Beispiel beim Mond stimmt das. Je mehr er vom Licht der Sonne getroffen wird, desto runder scheint er uns.“

Ich sprach mit meinem Enkel gern über die Nacht, den Himmel und die Sterne. Schweigend lehnte ich mich zurück und blickte nach oben. Kamir tat es mir nach. Ich war stets auf’s Neue fasziniert, wenn mit zunehmender Dunkelheit nach und nach immer mehr Sterne sichtbar wurden. „Wunderschön!“, dachte ich und hatte für einen Augenblick das intensive Gefühl, mit meinem Enkel im gleichen Takt zu denken und zu fühlen. Gemeinsam warteten wir auf die ersten Sterne. Es wurde rasch dunkel und immer mehr Sterne erschienen am Himmel. „Manche glitzern richtig“, stellte Kamir fest, „warum?“ Ich überlegte und zog an meiner Pfeife. „Kamir, ich weiß es nicht. Manchmal braucht es wirklich Gelehrte, um deine Fragen zu beantworten. Solche, wie sie früher hier in Bagdad am „Haus der Weisheit“ forschten. Da hatte irgendeiner von ihnen eine Frage und ein anderer konnte sie beantworten. Meistens.“

„Es werden immer mehr“, sagte Kamir leise, „wahrscheinlich brauchen sie die Dunkelheit, damit sie sich trauen zu erscheinen.“ Ich musste lächeln: „Aber du weißt doch, dass sie immer da sind…“ Jetzt lächelte Kamir auch: „Schon, aber es wundert mich trotzdem, dass man sie nur im Dunkeln sieht. Die Sonne sieht man doch auch im Hellen und den Mond manchmal doch auch …da müsste man doch vielleicht auch all die anderen Sterne sehen können. Vielleicht trauen sie sich wirklich erst in der Dunkelheit heraus. Vielleicht ist die Dunkelheit ihr Leben, ihre Wirklichkeit…“ „Ihr Leben ist viel größer und ihre Wirklichkeit viel geheimnisvoller als wir uns das vorstellen können“, murmelte ich. „Die Sterne, die wir beide jetzt sehen, gibt es vielleicht gar nicht mehr …“

Erstaunt wandte Kamir den Kopf: „Wie meinst du das? Natürlich gibt es sie, ich sehe sie doch. Schau doch mal den da, links neben dem Minarett der Moschee, der leuchtet richtig hell. Siehst du den, Pedar?“ Ich nickte. „Na also, wir sehen beide, dass es ihn gibt. Schau, wie hell er ist!“ Da nahm ich einen tiefen Zug aus meiner Wasserpfeife. „Ja, du hast Recht, Kamir. Aber vielleicht hast du auch nicht Recht.“ Mein nächster Zug ließ das Wasser in der Pfeife dunkel blubbern. Kamir sah mich verständnislos an: „Was meinst du? Habe ich Recht oder nicht? Beides zugleich geht nicht!“

„O doch“, entgegnete ich und stieß Rauchwölkchen in den warmen Nachthimmel, „du hast Recht, denn du siehst das helle Licht des Sterns. Aber was du siehst, ist nur sein Licht und nicht der Stern.“

„Aber Pedar, das weiß ich doch, das weiß doch jeder! Der Stern ist viel zu weit weg, als dass ich ihn direkt sehen könnte. Oder vielleicht leuchtet er auch so hell, dass ich ihn nicht ansehen kann, wie die Sonne. Aber ich sehe sein helles Licht!“

„Ja! Genau das siehst du“, sagte ich mit Nachdruck, „du siehst sein Licht! Aber vielleicht hat der Stern sein Licht vor langer, langer Zeit ausgestrahlt und vielleicht gibt es diesen Stern inzwischen gar nicht mehr. Nur sein Licht ist noch sichtbar, wie ein Echo, das noch klingt.“ Kamir war sprachlos und schwieg eine Weile. „Wie kann ich etwas sehen, das es nicht gibt. Ich sehe es doch jetzt.“

„Aber dein Jetzt ist nicht das Jetzt des leuchtenden Sterns. Wenn du ihn siehst, ist er vielleicht bereits erloschen.“

Kamir schwirrten viele Gedanken gleichzeitig durch den Kopf: „Ist das auch mit anderen Dingen so, die ich sehe, die es aber nicht mehr gibt oder noch nicht gibt?“ Ich dachte nach, während ich rauchte und das Wasser in meiner Shisha gluckern ließ. Der aromatische Duft des Apfeltabaks stieg in die Luft. „Ich weiß es selber nicht“, sagte ich dann nachdenklich. „Vielleicht sind unsere Träume aus demselben Stoff gewebt wie das Sternenlicht…? Ich kann das „Sein“ von Träumen oder von Licht zwar durch Messungen oder Lichtfarben zurückverfolgen und mit meinen Gedanken bei ihm ankommen, gewissermaßen gleichzeitig - aber nicht mit meinem Körper.“

An diesem Abend begann Kamirs Suche nach dem Jetzt und nach der Zeit, ohne dass er es selber wusste.

Wir saßen lange und schwiegen. „Pedar“, flüsterte Kamir irgendwann schläfrig, „ich bin so froh, dass es dich gibt.“ Und ich spürte, wie das Schweigen der Sterne von uns Besitz ergriff und in meinem Herzen nachklang.

Irgendwann fragte Kamir leise: „Kann ich auch mit meinem „Ich“ irgendwo sein, ohne meinen Körper? Wie ein Echo oder wie eine Idee von mir …? In einer Wirklichkeit, in der ich dann so etwas wie ein Traum bin?“ Ich sah ihn erstaunt an. Dann antwortete ich vorsichtig: „Tja Kamir, warum eigentlich nicht? Die Sterne können es doch auch …Ich habe einmal …“ Ich schwieg hastig, nahm dann das Mundstück meiner Pfeife ab und sah nach der Holzkohle. „Oh, die Holzkohle ist ausgebrannt. Ich glaube, es ist Zeit, schlafen zu gehen – auch wenn morgen Wochenende ist und du keine Schule hast.“

Das Thema „Schule“ war kein gutes Thema für Kamir. Er war jetzt sechs Jahre zur Schule gegangen, konnte lesen und schreiben in lateinischer und in arabischer Schrift, das war seiner Meinung nach genug. Also, rechnen konnte er natürlich auch, jedenfalls gut genug, dass keiner der Händler auf dem Basar ihn betrügen konnte. Mehr wollte er nicht. Er half mir gern in meiner Holzwerkstatt und liebte es, mit den Maschinen Tische oder Truhen aus Zedernholz zu polieren bis sie glänzten. Eigentlich stellte er sich sein Leben so vor wie das meine. Ich arbeite auch nicht täglich und behaupte immer, jedes angefangene Werkstück bräuchte seine ganz eigene Zeit, um fertig zu werden. Von keinem meiner Kunden ließ ich mir diktieren, wann der Auftrag fertig sein sollte. „Es ist fertig, wenn es gut ist“, sage ich stets und lasse mich darin auch nicht beirren. Trotzdem bin ich der gefragteste Tischler im Viertel.

An einem der folgenden Abende - ich saß wieder auf dem Dach und erfreute mich an der Kühle des Abends – kam Kamir die Holztreppe hinauf, wobei er jede zweite Stufe ausließ, wie er es gerne tat. Er wollte sich gerade neben mich setzen, als Selima von unten nach ihm rief. Kamir hüpfte die alte Treppe hinunter, wobei er die letzten beiden Stufen ausließ und von der dritten Stufe einfach hinunter in den Hof sprang. Nach einer Weile kam er zurück auf’s Dach, wobei er wieder nur jede zweite Stufe nahm, diesmal aber deutlich langsamer als beim ersten Mal. Er reichte mir das große Stück Zucker, das Selima ihm eben in der Küche gegeben hatte, setzte sich und fragte zögernd: „Pedar, glaubst du, dass die Zeit bergauf geht?“

Ich verschluckte mich fast beim Rauchen. Sobald ich mit dem Husten aufhörte, fragte Kamir ernsthaft: „Ich meine, ist die Zeit so etwas wie eine Treppe, die Stufe für Stufe stattfindet, oder kann ich auch eine Stufe überspringen? Also meine Zeit schneller durchlaufen? Und habe ich dann mehr Zeit und kann mehr Stufen gehen? Also weiter kommen? Mehr erleben?“

Ich weiß noch, dass ich einmal tief Luft holen musste, ohne Rauch. Einfach nur Luft zum Denken. Kamir spielte geistesabwesend mit seinem Amulett, das an einem Lederband um seinen Hals hing. Er schaute mich an und wartete auf eine Antwort. „Ich weiß es nicht“, sagte ich ganz ehrlich und ein wenig hilflos. Und fürchtete mich zugleich, dass er die nächste Frage stellen würde. Dabei wusste ich doch, dass sie kommen würde. Irgendwann. Zwangsläufig. „Du meinst, dass es Abkürzungen in der Zeit gibt? Dass man Zukünftiges erleben kann…?“

Kamir nickte. Ich überlegte eine Weile. „Aber falls das möglich sein sollte, würden wir nie davon erfahren, weil das Zukünftige ja keinen Zugang zu uns hat und uns nichts darüber erzählen kann.“ Er lehnte sich zurück und hob den Kopf zu den Sternen, die immer zahlreicher am Firmament erschienen. Wir hingen beide unseren Gedanken nach.

„Pedar, aber vielleicht ist es ja andersherum möglich. Dass ich die Stufen nach unten gehe oder einige überspringe.“

Ich hatte gehofft, dass er diese Frage nie stellen würde. Diese Frage nach dem Zurück. Ich wusste, dass ich meine Antwort sehr sorgfältig überlegen musste.

„Kamir, ich kann dir wirklich nicht darauf antworten. Wie denn? Dann müsste es ja Berichte geben von Menschen, die solch einen Zeitsprung oder eine Zeitreise erfahren haben. Oder …“

„Oder es müssten Menschen aus ihrer Zeit verschwunden sein …“, beendete er meinen Satz und sah mich mit großen Augen an. Dann kam sie, die Frage, vor der ich mich seit langem fürchtete: „Pedar, was genau ist geschehen, als mein Vater verschwand?“

Die Sterne schienen genau wie vorher, die laue Luft trug den Duft von Jasmin herauf zu uns auf’s Dach und der Lärm der Straßen war verebbt. Es war, als halte unsere kleine Welt den Atem an. Als würde sie stillstehen. Kann Zeit überhaupt stillstehen? Geht sie nicht immerfort weiter und schreitet letztendlich über uns hinweg? Ich seufzte.

„Pedar …?!“

„Es ist so viele Jahre her …“, begann ich. „Achmed hatte dich zu Bett gebracht und kam zu mir auf’s Dach. Ich weiß es so genau, weil es der Geburtstag deiner Mutter war. Wir hatten ihn früher immer so fröhlich gefeiert…“ Kamir rückte näher an mich heran. „Achmed hatte dir noch eine Geschichte erzählt, irgendetwas aus dem Leben deiner Mutter – vielleicht war er deshalb an diesem Abend so besonders traurig. Er wollte, dass du sie kennenlernst, dass du weißt, wie sehr sie sich auf dich gefreut hat. Damit du sie in deinem Herzen hast, so wie sie dich – auch wenn ihr euch nie kennengelernt habt.“ Ich musste schlucken. „Und dann stellte er die gleiche Frage wie du: Kann man die Zeit zurückdrehen?“ Kamir sah mich mit großen Augen an. Ich rauchte einige Züge aus meiner Pfeife und dann erzählte ich ihm von dem seltsamsten Erlebnis, das ich jemals hatte.

„Du musst wissen, Kamir, dass ich als Junge einmal nachts durch den Garten hinunter bis an den Tigris ging. Unsere Katze Peri strich mir um die Beine und der volle Mond spiegelte sich in den plätschernden Wellen des Flusses. Es war eine wunderbare Nacht, heller als gewöhnlich, so schien mir. Ich weiß noch, dass ich in den Kieseln am Ufer eine Scherbe sah. Sie hatte eine ungewöhnliche Form und glänzte im Licht des Mondes. Ich hob sie auf und setzte mich neben einen Strauch, so dass sein Schatten auf mich fiel, damit mich niemand vom Haus aus sehen und womöglich hereinrufen konnte. Die Katze war neugierig und sprang auf meinen Schoß. Kaum hatte ich die Hand geöffnet, um die Scherbe zu betrachten, erkannte ich ein Boot vor mir auf dem Wasser. Die Katze kreischte laut auf und sprang mit einem Satz ins Gebüsch, während ich plötzlich die Männer hörte, die sich auf dem Boot befanden. Sie schimpften laut: ‚,Hiram, du Tölpel Was bist du wieder ungeschickt! Erschrickst beim Geschrei einer Katze! Sieh nur, was du angerichtet hast! Jetzt ist der Krug entzwei und …‘

Ich war so erschrocken, dass ich im selben Augenblick die Scherbe fallen ließ und hinter den Busch sprang. Als ich durch die Zweige spähte, war da kein Boot mehr, obwohl nicht so viel Zeit vergangen war, dass es sich hätte weit entfernen können. Zumal es sich um ein altertümliches Boot gehandelt hatte, mit langen Rudern. Und als ich versuchte, mich zu erinnern, was ich gesehen hatte, fiel mir auf, dass auf der gegenüberliegenden Seite des Tigris kein Licht geleuchtet hatte. Gar keins. Und die Männer hatten alle altmodische Hemden getragen – wie auf den Reliefs im Museum.“ Ich schwieg und sah das Bild noch einmal bis in alle Einzelheiten vor mir.

„Was war passiert?“, flüsterte Kamir. Ich lehnte mich wieder zurück und betrachtete die Sterne in den unendlichen Weiten des Himmels. Der Mond war inzwischen aufgegangen und stand fast voll und rund am Himmel. Erst nach einer Weile konnte ich antworten. „Vielleicht war es alles Einbildung. Vielleicht haben mir Nachbarn irgendetwas vorgegaukelt. Vielleicht bin ich eingeschlafen, … ich kann es nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass die Katze es auch gesehen hat, sonst wäre sie nicht so erschrocken geflohen.“ Ich nahm einen Zug aus meiner Pfeife. Erst dann sah ich Kamir wieder an: „Ich habe die Katze nie wieder gesehen. Sie muss dort geblieben sein.“

„Wo?“, hauchte Kamir.

„In einer Zeit vor unserer Zeit.“

Jetzt war es heraus. „Kamir, ich weiß nicht, was mir genau passiert ist, damals. Ich weiß auch nicht warum oder wie es geschehen konnte. Ich kann dir nur sagen, dass ich deinem Vater mein Erlebnis erzählt habe. In jener Nacht, als er so traurig am Geburtstag deiner Mutter war und gefragt hat, ob man in eine andere Zeit gelangen kann.“

„Wann ist mein Vater verschwunden?“

Ich konnte nicht weiterreden, so verzweifelt war ich. War es damals richtig gewesen, Achmed von meinem Erlebnis zu erzählen? Und sollte ich Kamir auf seine Frage wahrheitsgemäß antworten?

„Pedar …?!“

Ich schwieg.

„Pedar …!?“

Die Antwort fiel mir unendlich schwer: „Drei Nächte später nach jenem Abend…“

Ich machte mir große Vorwürfe. Ich hätte dem Jungen nicht von meinem Erlebnis erzählen sollen. Schließlich hatte ich dadurch wahrscheinlich schon meinen Sohn verloren. Wenn Kamir nun auch anfangen würde, mit der Zeit zu experimentieren? Niemand konnte wissen, was dabei herauskommen könnte. Achmed war schon recht lange verschwunden … aber ich selbst war doch damals sofort wieder in der Gegenwart gewesen, als ich hinter den Busch gesprungen war. Oder war das alles doch nur Einbildung? Und Achmeds Verschwinden hatte einen ganz anderen Grund? So grübelte ich vor mich hin. Es war eine furchtbare Zeit!

Zwei Nächte später war Vollmond.

Am Morgen danach kam Kamir nicht zum Frühstück. Wo haben wir nicht überall gesucht!

Aber Kamir war verschwunden…

Kamir konnte nicht einschlafen. Immer wieder überlegte er, ob sein Vater in eine andere Zeit gegangen war. War das wirklich möglich? Konnte man wie bei einer Treppe „Zeit – Stufen“ überspringen? Und wenn ja, konnte man so in die Vergangenheit oder in die Zukunft gelangen? Oder gab es vielleicht eine Wahl? Und wie weit vorwärts oder zurück konnte man gehen? Und konnte man in seine eigene Gegenwart zurückkehren? Und wenn ja, wohin war sein Vater gegangen? Und war er freiwillig gegangen oder war ihm ein Zeitenwechsel auch aus Versehen passiert? Und wenn er freiwillig gegangen war, warum hatte er seinen Sohn allein gelassen? Fragen über Fragen. Ihm schien sein Kopf zu klein für so viele und so große Fragen.

Kamir lag auf seinem Bett und steckte sich irgendwann den Zipfel seiner Decke in den Mund, um nicht zu weinen. Was sollte er nur tun? Weiterleben wie bisher, in dem Wissen oder mit der Vermutung, dass es irgendwo in der Zeit einen Ort gab an dem sein Vater lebte? Und warum kam er nicht zu ihm zurück? War Kamir ihm nicht wichtig? Oder versuchte er verzweifelt, wieder zurück zu kommen und es gelang ihm nicht? Die Katze war ja auch nicht zurück gekommen …

Irgendwann in der Nacht ging Kamir in den Hof, um einen Becher Wasser zu trinken. Alles war still. Er hatte nichts zum Abend essen wollen, doch nun hatte er Hunger. So kramte er das kleine Damaszener Messer aus der Schublade, schnitt sich ein Stückchen von dem Ziegenkäse und einen Brocken Brot ab. Dann setzte er sich auf die unterste Stufe der Holztreppe, wo immer noch die leichten Lederpantoffeln seines Vaters standen. Selima achtete stets darauf, dass er jederzeit hineinschlüpfen könnte, falls er wieder auftauchen würde. Kamir schnitt immer abwechselnd vom Käse und vom Brot ab, wobei er sich leicht den Daumen ritzte, als der volle Mond gerade hinter einer Wolke verschwand. Die kleine Wunde blutete ein wenig und er wickelte das Halstuch seines Vaters darum, das er immer bei sich trug, und steckte das kleine Messer wieder in die Lederscheide. In diesem Augenblick kam der Mond wieder hinter der Wolke hervor und goss sein kühles Licht in den Hof. Kamir wollte nicht von Selima zufällig hier unten entdeckt werden. Er steckte sich den Brotkanten, den Käse und das kleine Messer in die Tasche, schlüpfte in die leichten Pantoffeln seines Vaters, die ihm schon beinahe passten, und huschte zur Bougainvillea, um sich in ihrem Schatten zu verstecken.

Im selben Augenblick, als er sie im Schatten des Mondes erreichte, weitete sich der Hof, so dass er doppelt so groß erschien. Sofort blieb er stehen. Vor ihm gab es plötzlich einen Brunnen, neben dem ein Eimer mit einer Kette stand. Langsam, um das Bild nicht zu zerstören, drehte sich Kamir um. Die Wasserleitung, aus der er eben seinen Becher mit Wasser gefüllt hatte, gab es nicht mehr. Sie war einfach nicht mehr da. Stattdessen befand sich dort ein Baum und daneben eine Bank und ein großer Pflanzkübel mit Jasmin. Der süße Duft der Blüten lag in der Luft. Der ungewohnt große Hof sah im Licht des Mondes irgendwie verwunschen aus. Kamir war erstaunt, dass ihm dieser fremde Innenhof hier so vertraut erschien. Er stand wie versteinert und versuchte, sich zurechtzufinden. Er wollte dieses Bild in sich aufnehmen, ohne den Zauber zu stören. Etwa an der Hälfte der Mauer zu seiner Rechten wuchs eine kleine Bougainvillea. Ihr Stamm war noch nicht einmal armdick und sie hatte noch nicht viele Zweige und wohl auch noch nicht oft geblüht. Vor ihm befand sich das Tor zur Gasse. Es war massiv, mit schweren Beschlägen und offensichtlich neu – oder frisch gestrichen. Es musste sein eigenes Zuhause sein, in dem er sich befand. Er wandte den Kopf zur anderen Seite und erschrak.

Dort saß jemand auf einer Treppenstufe und beobachtete ihn. Ein junger Mann oder großer Junge starrte ihn unentwegt an. Kamir starrte zurück. Der junge Mann war sehr schlank, hatte dunkle Locken und ein offenes Gesicht, jetzt aber blickte er mit verkniffenen Augen Kamir an und sagte tonlos: „Du hast meine Schuhe an!“

Erschrocken blickte Kamir auf seine Füße, er trug noch immer die leichten Lederpantoffeln. Sein Herz klopfte, als er leise fragte: „Sind das deine?“

Der junge Mann schaute nun nachdenklich auf die Pantoffeln, bevor er sagte: „Das waren mal meine. Oder vielleicht werden es einmal meine.“ Er schaute Kamir eindringlich an. „Woher hast du sie?“

Kamir spürte sein Herz bis zum Hals klopfen. Er konnte nicht antworten. Sein Mund war plötzlich ganz trocken, seine Kehle wie zugeschnürt. Ohne den Blick von dem Mann zu lösen, streifte er die Pantoffeln ab und trat langsam einen Schritt zurück. Er spürte das Tor in seinem Rücken. Er kannte es so gut, wusste genau, wo der Schlüssel steckte und wie es zu öffnen war …

„Hast du die Schuhe gestohlen?“, fragte der junge Mann nun und machte einige Schritte auf ihn zu. Als er sich bückte, um nach den Pantoffeln zu greifen, drehte sich Kamir blitzschnell um, riss das Tor auf und noch während er sich drehte, schlüpfte er rasch hindurch. Dabei stieß er mit jemandem zusammen und ein Tablett mit frischen Fladenbroten stürzte scheppernd auf den Boden.

Kamir rannte los.

Zweites Kapitel

Begegnung mit Faisal

Er kannte diese Gasse, wusste, wo er blitzschnell erst links und dann sofort wieder nach rechts abbiegen musste, um sich dann schnell unter dem Karren zu verstecken, der vor Omars Laden stand. Er hielt sich das Halstuch vor den Mund, um leiser zu atmen, denn ein Verfolger war ihm dicht auf den Fersen. „Ich hab dich!“, keuchte jemand und ein Jungengesicht beugte sich unter den Karren. Ängstlich sah Kamir auf den Jungen, der sich nun gebückt hatte und ihn atemlos musterte.

„Es tut mir Leid“, beeilte sich Kamir zu sagen, „wirklich! Ich musste da ganz schnell raus und ich hab dich wirklich nicht gesehen. Es tut mir echt Leid!“

„Hast du ‘was geklaut?“, fragte der Junge neugierig aber freundlich und hockte sich neben den Karren. Er war etwa so alt wie er selbst, mager und ein bisschen schmutzig. Kamir schüttelte heftig den Kopf. „Ich musste bloß weg da.“

Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich und ihm war nach Heulen zumute. Der fremde Junge merkte wohl, dass es Kamir nicht gut ging. „Hey komm, ist nicht so schlimm. Du bezahlst mir einfach die Brote und ich kaufe neue“, sagte er tröstend. Kamir wusste, dass ihm die Tränen kommen würden, wenn er versuchen würde zu antworten. Also presste er die Lippen zusammen und schwieg.

Konnte das sein? War das wirklich sein Vater, den er da gerade im Hof getroffen hatte? Waren es wirklich seine Schuhe gewesen? Das heißt, würden es einmal seine Schuhe werden? Irgendwann später – in der Zeit, aus der Kamir gekommen war? Und in welcher Zeit befand er sich jetzt? Er holte tief Luft. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag. Aber wenn er geglaubt hatte, dass er überglücklich wäre, seinen Vater wiederzufinden, so hatte er sich getäuscht. Er fühlte sich völlig hilflos und hatte keinerlei Ahnung, was er nun tun sollte. Zurück zum Tor gehen, klopfen und einfach sagen: Hallo, mein Herr, ich bin Ihr Sohn, den Sie einmal haben werden?