Kaputte Seelen - Ines Wagner - E-Book

Kaputte Seelen E-Book

Ines Wagner

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Beschreibung

Pandemien, Existenzängste, Naturkatastrophen, aber auch häusliche Gewalt, Mobbing und Armut belasten nicht nur Erwachsene, sondern vor allem die Kinder, die diese Auswirkungen direkt zu spüren bekommen. Gerade unser Nachwuchs muss neue Herausforderungen meistern, bei denen wir Erwachsene keine große Hilfe sind, da wir selbst damit zu kämpfen haben. Das belastet nicht nur das Miteinander in unserer Gesellschaft, sondern zerstört auch langsam die Psyche unserer Kinder. Sie können nicht mehr Kinder sein und gehen daran kaputt. Erfahren Sie in diesem Buch, was Sie als Eltern und Pädagogen unternehmen können, um Kinder vor solchen Bedrohungen zu schützen. Ines Wagner zeigt in diesem hilfreichen Buch auf, was die Gefahren unserer Gegenwart bei Kindern anrichten und wie Sie Ihren Nachwuchs idealerweise darauf vorbereiten können, mögliche Traumata erkennen und diese verhindern. Unsere Gesellschaft ist vielfältig. Lernen Sie, mit dieser Vielfalt umzugehen und die Zukunft unserer Kinder zu fördern.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ines Wagner

Kaputte Seelen

Die Auswirkungen von Kriegen, Pandemien und Existenzängsten auf die kindliche Psyche

Telemach-Verlag

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage

© 2023 Mentoren-Media-Verlag,

Königsberger Str. 16, 55218 Ingelheim am Rhein

Lektorat: Deniz S. Özdemir. Mainz

Korrektorat: Sarah Küper, Mainz

Umschlaggestaltung: Nadine Nagel, Mainz

Umschlagsfoto: Freepik/User26920287 (The child in the Studio posing in fashionable clothes to looks in a mirror)

Satz und Layout: Deniz S. Özdemir, Mainz

Autorenfoto: Studioline Photography, Leipzig Paunsdorf Center

Druck und Bindung: MCP, Marki, Polen

eISBN: 978-3-98641-060-5

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages. Sämtliche Inhalte in diesem Buch entsprechen nicht automatisch der Meinung und Ansicht des Mentoren-Media-Verlages.

www.telemach-verlag.de

Ich bin stolz darauf, dass ich meinen Lebenstraum – mein erstes Sachbuch – endlich verwirklichen konnte. Mich haben einige gute Freunde und natürlich auch meine Familie großartig unterstützt. Dafür gibt es von mir einen ganz großen Dank!

Ich widme dieses Buch all den Pädagogen, die sich so sehr bemühen, den hohen Qualitätsansprüchen in ihrer Arbeit täglich gerecht zu werden, obwohl die Bedingungen dafür immer schlechter werden.

Inhalt

Der Anfang

Einleitung

Mein Warum

Das Theoretische

Bindung

Trauma

Schuld

Resilienz

Das Konkrete

Corona

Häusliche Gewalt

Krieg

Naturkatastrophen und Unglücke

Mobbing und Medien

Armut und Existenzangst

Das Praktische

Sensibilisierung für Eltern und Pädagogen

Notfallkoffer

Ein ernstes Wörtchen an Eltern und Pädagogen

Das Ende

Resümee

Danke

Ihr nächster Schritt

Quellennachweise

Kaputte Seelen: Das Arbeitsbuch

Der Anfang

Einleitung

Seitdem ich weiß, dass sich ein Verlag für mein Buch interessiert, schreibe ich, wo immer ich bin. Heute sitze ich bei herrlichstem Sonnenschein am Cospudener See bei Leipzig.

Während ich überlege, was alles zum Thema Kind und Trauma gehören könnte, spielt sich am Nachbartisch folgende Szene ab:

Mutter: »So, kommt jetzt. Das Schiff legt gleich ab.«

Die zwei Jungs stürmen los, das Mädchen bleibt sitzen.

»Los, Clara, das Schiff wartet nicht auf dich Bummelliese!«

»Ich will nicht mit dem Schiff fahren.«

Mutter: »Natürlich willst du mit dem Schiff fahren.«

Clara: »Nein, will ich nicht.«

Mutter: »Doch, du willst!«

Die Stimme des Mädchens wird weinerlich.

Wird hier gerade ein Kind traumatisiert? Was glauben Sie, macht so ein Disput mit einem Kind?

Ich höre förmlich die Diskussion, die jetzt losgeht, mit. Erziehung hat heute sehr verschiedene Definitionen. Da sind zum einen die Eltern, die überbeschützend über ihre Kinder kreisen – im Volksmund als Helikoptereltern bekannt –, die würden ganz klar erstmal versuchen, das Kind mit überaus liebevollen Worten so lange zu überzeugen, bis es vor geistiger Erschöpfung mit auf das Boot will und die Eltern das Gefühl haben, mit Worten kann man ein Kind erziehen. Zum anderen gibt es dann auch die Eltern, die sagen: »Früher hätte es da keine Diskussion gegeben. Ab aufs Boot und fertig.« Und nicht zu vergessen sind die, die an der Stelle erkunden wollen, welche Bedürfnisse das Kind in dem Moment hat und wie sie zu befriedigen sind, sodass das Kind keinen Schaden nimmt für die weitere Entwicklung.

In jedem Fall passiert etwas mit dem Kind in dieser Situation. Es ist ein Lernprozess für Kind und Eltern:

Variante 1: Das Kind lernt, dass es einen eigenen Willen hat, der von den Erwachsenen nicht respektiert wird.

Variante 2: Das Kind lernt, dass es manchmal seine Privatinteressen dem der Mehrheit unterordnen muss

Im ersten Fall könnte das tatsächlich als traumatisches Erlebnis abgespeichert werden. Im zweiten Fall lernt das Kind die Grundregeln der Demokratie.

Was wir nicht vorhersehen können, ist das, was unsere Worte, unsere Intervention nun genau beim Kind bewirken. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle, wie Resilienz, Frustrationstoleranz und vor allem eine sichere Bindungserfahrung.

Der Dialog geht weiter:

Mutter: »Auf dem Schiff gibt’s leckeres Eis.«

Clara: »Okay, ich will mit dem Schiff fahren.«

Sie sehen also: alles halb so schlimm. Kinder leben nach dem Lustprinzip. Sie denken nicht wie Erwachsene und sehen die Welt auch nicht wie Erwachsene.

Kaputte Seelen entstehen in der Regel davon nicht. Wir dürfen aus meiner Sicht den Begriff der Traumatisierung nicht so inflationär benutzen, wie es seit einiger Zeit Mode ist.

Wir müssen wieder lernen, zwischen Konflikten und Meinungsverschiedenheiten, die wir mit ein bisschen Anstrengung selbst lösen können, und den wirklichen Traumatisierungen, die unsere Seele kaputt machen und deren Auswirkungen wir ein Leben lang mit uns herumtragen, zu unterscheiden. Der Titel meines Buches soll genau das ausdrücken. Es beschreibt Traumatisierungen, die vor allem bei Kindern schwere Schäden an der Seele anrichten können. Ich möchte dabei besonders auf die neuen Herausforderungen eingehen, die unsere Kinder aktuell meistern müssen und bei denen wir Erwachsene nicht wirklich eine Hilfe sind, weil wir selbst damit zu kämpfen haben, diese Herausforderungen zu bewältigen. Damit meine ich beispielsweise die derzeitigen Kriege oder die Corona-Pandemie, die Auswirkungen auf uns haben und Existenzängste hervorbringen.

Die Kindheit und auch das spätere Leben sind niemals frei von Szenen, Worten oder Gesten, die uns missfallen und die uns sogar sehr weh tun. Ein wirkliches Trauma entsteht dadurch aber nicht. Das müssen wir unbedingt berücksichtigen. Ich möchte in diesem Buch ganz klar Traumatisierung von Konflikten abgrenzen. Ich möchte dafür sensibilisieren, die Psyche unserer Kinder (und auch die der Erwachsenen) zu stärken, statt sie weiter zu destabilisieren. Dafür ist es notwendig zu erklären, was genau die Abgrenzung zwischen Traumatisierung und Konflikt ist. Und vor allem, wie wir die Psyche der Kinder wieder stärken. Deshalb widme ich auch ein Kapitel dem Erziehungsverhalten. Starke Kinder bekommen wir nur, wenn wir ihnen etwas zutrauen. Und nicht dadurch, indem wir ihnen jeden Stein aus dem Weg räumen.

Wir leben in einer Zeit, in der wir keine täglichen Kämpfe ums blanke Überleben führen müssen. Säbelzahntiger und Mammuts, bei deren Anblick ich in Stress geraten könnte, gibt es nicht. Uns steht ein hohes Maß an Bildung zu. Die Forschung macht in den letzten Jahren große Entdeckungen, die uns das Leben erleichtern. Körperlich gesehen hat sich im Vergleich zum Leben meiner Eltern sehr viel getan. Möglicherweise verlieren wir dadurch aber einen Ausgleich, der uns dabei hilft, mit den vielen kleinen Mammuts im Alltag gelassener umgehen zu können.

Die Zahl der Menschen mit psychischen Auffälligkeiten nimmt seit Jahren stetig zu. Seit der Corona-Pandemie erst recht. Die Seelen unserer Kinder sind kaputter als in früheren Generationen. In meiner über 30-jährigen Berufspraxis kann und muss ich feststellen, dass die Seelen unserer Kinder kaputter sind als in früheren Generationen. Sie sind überempfindlich und sehr auf sich bezogen.

Als Therapeutin sehe ich diese kaputten Seelen auch bei meinen Klienten. Die Klienten sind nicht psychisch krank, haben keine Diagnosen – sie sind aber trotzdem kaputt. Wirre, ohne Plan, rastlos! Sie haben keine Handlungsstrategien mehr, können nicht mehr reagieren. Sie lassen sich steuern, haben schon längst ihre Eigenverantwortung aufgegeben, sind resigniert.

In Teams herrscht kollektive Depression. Die Arbeit ist schwer, die Bedingungen kaum noch zu ertragen. Man schleppt sich zur Rente oder zum Arbeitsamt. Man ist erschöpft, nicht nur abends nach der Arbeit.

Die Gesellschaft ist kaputt: Gespalten, verängstigt und verbittert. Wir wollten Flowerpower und haben Hass. Im Netz, im Straßenverkehr, in der Nachbarschaft, überall.

Wir beobachten zum wiederholten Mal unsere Nachbarn und weisen sie zurecht. Einfach so. Weil wir es können. Und weil es wieder gesellschaftsfähig ist. Unter dem Deckmantel Aufeinander aufzupassen werden wir gebeten zu petzen. Das abzuschaffen war ein Grund, weshalb ich 1989 auf die Straße gegangen bin. Nun ist es wieder da. Denunziantentum! Das macht uns kaputt. Vertrauen geht verloren, unser Sicherheitsempfinden müssen wir fast täglich neu justieren. Nichts ist verlässlich.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn wir für uns neue Werte festlegen und diese wie Löwen verteidigen. Unsere Werte kann uns keiner nehmen, die sind in meinem Kopf. Ob die Werte nun gut, also demokratisch sind oder ob die mich zum Diktator machen, ist egal. Hauptsache, ich habe für mich etwas Verlässliches. Und wenn der Nachbar auf dem Fußweg parkt, muss er eins auf die Mütze kriegen. So geht das doch nicht! Kaputte Welt – wohin man sieht!

Kinder leiden da besonders. Kaputte Eltern erziehen kaputte Kinder! Kinder brauchen starke Erwachsene, um zu starken Kindern heranzuwachsen. Stattdessen wachsen sie partnerschaftlich auf als Prinzessinnen und Prinzen mit eigener Bedienungsanleitung. Normalerweise bereiten wir die Kinder auf die Welt vor. Heute bereiten Eltern die Welt auf ihr Kind vor. Unsere Toleranz wird auf eine harte Probe gestellt. Vielfalt kennt keine Grenzen! Das alles zu verarbeiten, macht uns kaputt!

Nun kommen neue Bedrohungen: Pandemie, Krieg, Energiekrise, Klimaschutz, Klimaaktivismus … Wie soll man bei all dem noch resilient bleiben? Wir kriegen immer mehr auf die Mütze und sollen dabei noch fröhlich sein? Wem sollen wir glauben? Was sollen wir denken? Was dürfen wir sagen?

Ein bekannter Medienpädagoge hat mir neulich erzählt, dass wir in Deutschland zwar Meinungsfreiheit haben, aber keine Redefreiheit! Aha, so soll das also sein … da weiß man einfach nicht, was man sagen soll! Kaputte Seelen – überall!

Dabei geht es uns so gut wie nie. Wir haben keine existenziellen Ängste in unserem Sozialstaat. Wir müssen nicht hungern, haben ein Dach über dem Kopf. In der Bedürfnispyramide stehen wir ganz oben. Wir können uns selbst verwirklichen. Uns stehen alle Türen offen. Ich kann als Frau sogar Jobs machen, für die ich gar nicht kompetent bin. Es gibt ja die Geschlechterquote.

Also was macht uns dann so kaputt? Haben wir zu viel? Zu viel Zeit? Zu viel Wohlstand? Zu viel Bildung? Heute sind wir so viel schlauer als unsere Vorfahren. Studierende sind eingefahren in ihrer gelernten Ideologie, denken kaum noch über den Tellerrand hinaus. Ideologie geht über Gemeinwohl. Das macht kaputt! Wir gendern bis zur Ohnmacht, kleben uns für das Klima auf die Straße und schütten Kartoffelbrei auf weltberühmte Kulturgüter.

Wie will man diese Welt noch verstehen? Unsere Weltbilder klaffen weiter auseinander als jemals zuvor im Generationskonflikt – bei den eigenen Kindern, in Arbeitsteams, in der Politik.

Lebensleistungen werden nicht mehr anerkannt. Auf der einen Seite propagieren wir heile Welt und Gutmenschentum – auf der anderen Seite entsteht Hass und Bösartigkeit. Angst ist unser ständiger Begleiter, wir können zu keiner Zeit im Leben mehr in uns ruhen. Wir sind Getriebene und lassen uns leben, statt selbst unseren Lebensbus zu fahren. Kaputte Seelen – verletzte Seelen!

Ich weiß, dass jetzt vielleicht viele von Ihnen denken: »Oh man, die sieht aber alles negativ. So schlimm ist es doch gar nicht!« Ich hoffe, dass es nicht so schlimm ist. Aber ich finde, es muss auch mal in aller Härte gesagt werden dürfen!

Welches Weltbild wollen wir unseren Kindern weitergeben? Kinderseelen sind besonders anfällig für Verletzungen. Und uns Erwachsenen fehlt manchmal das Feingefühl im Umgang mit unseren Kindern. Was können wir ihnen tatsächlich zutrauen? Was sollten wir lieber von ihnen fernhalten? Wo müssen wir sie stark machen, damit sie damit umgehen können, ohne Schaden zu nehmen?

Die Auswirkungen der Pandemie können wir von unseren Kindern nicht fernhalten. Sie werden täglich sehr stark damit konfrontiert. Sie sind aber auch die Menschen, die in einer zukünftigen, ähnlichen Situation anders agieren können, weil sie es schon mal erlebt haben und möglicherweise besser aus den Fehlern lernen, als sie es im Moment von uns erleben.

Krieg, Unglücke und Naturkatastrophen sollte kein Kind erleben müssen und trotzdem sind viele davon betroffen. In diesen Situationen kommt es ganz stark auf die Eltern an. Die müssen in der Lage sein, ihren Kindern einen sicheren Rahmen zu bieten.

Anders ist das bei häuslicher Gewalt. Hier sind die Personen, die beschützen müssten, die Täter. Ob nun ein Elternteil oder alle zwei. Einer schaut meistens weg und unternimmt nichts. Das Kind muss sehr lange in Furcht vor den Personen leben, von denen es eigentlich nur geliebt werden will.

Kinder vergessen nicht! Auch wenn wir das gerne denken wollen. Sie verdrängen, sie leiden entweder still oder sie kompensieren ihre Gefühle über Verhalten, welches wir als auffällig definieren. Sie reagieren aber immer auf traumatische Erlebnisse, auf inadäquates Erziehungsverhalten, auf alles, was in ihrer Umgebung passiert.

In jedem Fall entstehen aber Bindungsstörungen, die für das betroffene Kind fatale Folgen haben können. Auf das Thema Bindung und Bindungsstörung gehe ich im zweiten Teil des Buches noch sehr intensiv ein. Denn wenn Bindungsstörungen bestehen, ist es für Betroffene oftmals unmöglich, authentische, enge und intime Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Die Auswirkungen auf das gesamte Leben können massiv sein und zu einem Gefühl der Isolation, Einsamkeit und Verzweiflung führen. Die Folgen von Bindungsstörungen können weitreichend und langfristig sein. Betroffene haben oft das Gefühl, nicht wirklich zu leben und können sich nur schwer mit anderen Menschen verbinden. Das kann ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und depressive Verstimmungen verursachen.

Ich glaube nicht, dass wir unseren Kindern nachhaltig auf diese Weise Schaden zufügen wollen. Bei inadäquatem Erziehungsverhalten steckt oft keine Absicht dahinter. Bei Gewalt schon. Und die Erwachsenen, die heute behaupten, dass ihnen die Prügel aus der Kindheit nicht geschadet haben, mussten sich das einreden, um es psychisch zu überleben. Denn wenn es nicht geschadet hätte, wüssten sie es heute nicht mehr.

Kaputte Seelen – in einer Zeit, wo es uns quasi an nichts fehlt. Wir haben alles und doch fehlt es uns an psychischer Widerstandsfähigkeit. Wenn wir als Erwachsene schon Probleme damit haben, unser Leben resilient zu leben, wie geht es dann unseren Kindern? Wie zäh ist die Psyche unserer Kinder?

Die Welt hat sich stark verändert. Unsere Kinder werden in ihren Kindertagen bereits mit Problemen konfrontiert, die die Generationen vor ihnen gar nicht oder zumindest nicht in diesem Ausmaß erleben mussten. Erwachsene können Kindern die Welt nicht mehr so erklären, wie es für Kinder angemessen wäre. Sie haben selbst Angst und sind überfordert. Kinder können ihre Welt nicht mehr verarbeiten, werden traumatisiert durch ihre Umwelt und nicht mehr richtig beim Großwerden unterstützt. Sie müssen früh ticken wie Erwachsene. Das tut der kindlichen Psyche nicht gut.

Oder übertreiben wir es mit der Fürsorge? Helikoptereltern kreisen rund um die Uhr um ihre Kinder aus Angst, diese müssten Probleme selbst lösen. Können wir uns überhaupt noch in unsere Kinder hineinversetzen? Haben wir die Muße und die Intuition, uns bedingungslos auf unsere Kinder einzulassen, ihnen zuzuhören, zu spüren, was jetzt gut für sie wäre? Der ganz normale Alltag wird für Beziehungen jeder Art schon zur Belastungsprobe. Wie können wir da erst recht in Krisensituationen gute Beziehungen pflegen?

Mit Intuition sind wir alle ausgestattet, wir können aber nur auf unsere Intuition zurückgreifen, wenn wir bei uns sind. In der Welt, in der wir leben, ist es allerdings fraglich, wie oft oder ob wir überhaupt noch bei uns sein können.

Ein gutes Beispiel für Intuition ist die Motherese, die Ammensprache. Alle Eltern kennen das Phänomen: Wir verändern unsere Sprache, wenn wir mit unseren Neugeborenen kommunizieren, um so instinktiv die Lernprozesse unseres Nachwuchses zu unterstützen. Diese entwicklungsbedingten Anpassungen auf unterschiedlichen Ausdrucksebenen (Sprache, Prosodie, Bewegung, Gestik und Mimik) gehören zu unserem intuitiven Verhaltensrepertoire und helfen dem Kind dabei, das sprachliche und motorische Handeln effektiv zu strukturieren.

Mit der Sprachform der Motherese sind wir emotional eingestimmt, wir sind beieinander und verstehen uns quasi blind. Mit dieser Fähigkeit sprechen wir also ganz intuitiv Elterisch, weil wir spüren, dass unsere Kinder nichts anderes verstehen. In letzter Zeit muss ich jedoch beobachten, dass selbst diese Intuition der Pseudo-Vernunft weichen muss. Das Kind soll von Anfang lernen, richtig zu sprechen. Also nichts da mit »Da Da«, »Ei Ei« und »Dei Dei«. Spätestens seit den Teletubbies1 ist das sehr verrufen.

Gerade deshalb verstehe ich nicht, weshalb die Sprachentwicklung unserer Kinder seit Jahren rückläufig ist. Es werden bereits extra Förderprogramme aufgelegt, um die Sprachentwicklung zu fördern. Was ist da los?

Wenn wir aber denken, dass Kinder über Verstehen erzogen werden können, überfordern wir die Psyche der Kinder. Denn um verstehen zu können, bedarf es der Mitentwicklung der geistigen Fähigkeiten. Um Zusammenhänge verstehen zu können, müssen komplexe Denkleistungen möglich sein. Kinder denken deshalb anders als Erwachsene, weil sie noch keine Zusammenhänge kennen und diese erst erlernen müssen. So denken Kinder beispielsweise in Bildern, während Erwachsene die Zusammenhänge aus der Logik schlussfolgern können. Das logische und auch das räumliche Denken müssen Kinder im Laufe der Jahre – und im Laufe des gesamten Lebens – erlernen und immer weiter verfeinern. Wir lernen schließlich nie aus.

Auch an dem Spruch »Kinder denken mit dem Herzen« ist übrigens etwas dran. Vor allem im Alter von drei bis vier Jahren können Kinder beispielsweise schon instinktiv denken – jedoch bezieht sich das nur auf sie selbst. Sie können sich nicht in andere hineinversetzen. Trotz dieses Wissens verlangen wir von unseren Kindern Denkleistungen, die sie entwicklungsbedingt noch gar nicht erbringen können. Und wir sind besonders stolz auf unsere Kinder, wenn sie vermeintlich richtig handeln. Dabei verwechseln wir Denkleistung mit Konditionierung.

Damit Kinder eine gute psychische Widerstandsfähigkeit entwickeln können, muss eine gute, tragfähige, verlässliche Bindung in den ersten Lebensjahren entstanden sein.

Die zweite große Sache zwischen Erwachsenen und Kindern ist also die Bindungstheorie. In erster Linie entsteht Bindung zwischen den Eltern und dem Kind. Jeder andere Erwachsene, der mit dem Kind zu tun hat, geht allerdings auch eine Bindung ein und die kann für das jeweilige Kind durchaus prägend sein. Eltern könnten also spüren, welches Bedürfnis beim Kind gerade besteht und befriedigt werden müsste. Beim Kind wohlgemerkt, ich meine nicht das Bedürfnis der Eltern. Es ist wichtig, adäquat auf das Bedürfnis des Kindes zu reagieren. Ansonsten entstehen Erziehungsfehler, die möglicherweise traumatisierend sein können. Diese entstehen aber unweigerlich, weil wir Erwachsenen eben nicht immer zu 100 Prozent beim Kind sein können, weil wir diese Herausforderung nicht mal als Pädagoge schaffen können. Wir sind manchmal abgelenkt, haben andere Sachen im Kopf und sind unkonzentriert. Da geht die Intuition schon mal verloren. Denn wir denken erwachsen! Kinder und Erwachsene denken leider nicht auf einer Wellenlänge, deshalb sind Missverständnisse vorprogrammiert.

Nun leben wir in einer Zeit, die uns auf unterschiedliche Art und Weise überfordert. Wir wollen immer nur das Beste für uns und erst recht für unsere Kinder. An die negativen Aspekte der eigenen Kindheit erinnert muss in der eigenen Erziehung nun das krasse Gegenteil passieren, da das dem eigenen Kind nicht zugemutet werden kann. Natürlich sollen Kinder heute nicht mehr zum Essen bestimmter Speisen gezwungen werden. Kinder können allerdings noch nicht für sich selbst entscheiden, auch wenn wir das gerne glauben wollen. Kinder handeln nach dem Lustprinzip. Deshalb kann es gut sein, dass sie heute Brokkoli verabscheuen, ihn aber morgen essen würden. Nur wird dem Kind morgen keine Brokkoli mehr serviert.

Beherrschen wir die Sprache unserer Kinder überhaupt noch? Sind wir tatsächlich in dieser Welt noch in der Lage, beim Kind zu sein? Seit den neunziger Jahren werden Kinder dazu erzogen, sich selbst in den Mittelpunkt der Welt zu rücken. Es geht immer und überall um das Kind und seine Bedürfnisse. Wie kann das Kind dann lernen, die Bedürfnisse von anderen zu sehen? Wir lernen von klein auf, dass Selbstfürsorge vor dem Gemeinwohl steht.

Außerdem leben wir in einer Zeit, die uns und unsere Psyche vor immer neue Herausforderungen stellt. Diese Herausforderungen müssen psychisch verarbeitet werden, unser Gehirn hat für die neuen Herausforderungen keine Vergleichsmöglichkeiten mehr. Wir haben so etwas noch nie zuvor erlebt, müssten jetzt aber Strategien bilden, die schützend sind für unsere Psyche. Stattdessen bekommen wir Angst, diffuse Angst. Und diese Angst lässt uns handeln. Aus der Angst heraus ist es allerdings fraglich, ob unser Handeln zielführend ist. Während der Corona-Pandemie war aus meiner Sicht das Handeln nicht immer zielgerichtet. Es war genauso diffus wie unsere Angst.

Ein Wort noch zu den sogenannten Helikopter- oder Curling-Eltern: Die Kategorisierung erhitzt die Gemüter immer wieder. Jeder Elternteil möchte das Beste für sein Kind. Es gibt so viele Elternratgeber wie Kochbücher. In jedem steht etwas anderes drin. Wie soll man sich da noch zurechtfinden? Der Intuition wird nicht vertraut, viele junge Eltern haben kein Standing mehr, zu dem zu stehen, was sie für richtig halten. Jeder weiß besser, was hätte getan werden können.

Ich möchte eigentlich nicht den pädagogischen Zeigefinger heben, trotzdem muss ich in diesem Buch einige entwicklungspsychologische Besonderheiten ansprechen, wo dieser besagte Zeigefinger deutlich winkt. Denn wenn wir über neue Gefahren für die Psyche unserer Kinder sprechen, dann müssen wir uns auch über die Wirkung unseres Erziehungsverhaltens unterhalten und uns dieser bewusst machen.

Zur Unterlegung einiger Theorien in diesem Buch habe ich mehrere Umfragen mit Pädagogen durchgeführt. Ich unterrichte Erzieher in der Heilpädagogischen Zusatzqualifikation und in der Zusatzqualifikation als Leiter bzw. Leiterin einer Kita an Fachschulen in Leipzig und Riesa und habe damit einen leichten Zugang zu Probanden. Ihre praktische Sicht auf pädagogische Entwicklungen habe ich in verschiedenen Kapiteln einbezogen.

Hinweis:

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Buch bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern die männliche Form (das generische Maskulinum) verwendet. Sämtliche Angaben beziehen sich jedoch selbstverständlich auf Angehörige aller Geschlechter.

Mein Warum

Warum schreibe ich dieses Buch? Es gibt schon eine riesige Menge an Büchern, die sich mit Kindheit und Trauma befassen, es gibt eine Menge Erziehungsratgeber und Bücher, die beschreiben, wie wir Kinder heute erziehen und behandeln sollen. Und ehrlich, ich will auf gar keinen Fall einen Erziehungsratgeber schreiben.

Es gibt aber bisher noch nicht so viele Bücher, die sich mit den Problemen der Jetztzeit befassen. Die einen Versuch starten, zu erklären, was Pandemien, Krieg und Naturkatastrophen bei Kindern anrichten können. Eine Traumatisierung in einer Dimension, die uns bisher weitestgehend verschont hat. Die uns, aber auch vor allem den Kindern, jetzt neue Verhaltensweisen und psychische Fähigkeiten abverlangt.

Seit vielen Jahren bilde ich Erzieher und Heilpädagogen aus. Sie berichten über Veränderungen im Verhalten von Kindern und Jugendlichen, was in erster Linie auf einen veränderten Erziehungsstil seit den neunziger Jahren zurückzuführen ist. Natürlich hat sich auch die Elternarbeit stark verändert. Eltern sind anstrengender und fordernder. Sie verbreiten beim pädagogischen Personal Angst und Unsicherheiten durch übertriebene Vorsorge oder Forderungen, die im pädagogischen Alltag mit bis zu 18 Kindern in einer Gruppe nicht umzusetzen sind. Erziehungspartnerschaft kann nicht entstehen, wenn man sich als Konkurrenz betrachtet.

Kinder erleben uns Erwachsene oft nicht mehr als starke Erwachsene, die Halt und Zuversicht geben können. Sie erleben uns eher als überforderte Menschen. Überfordert von der riesigen Informationsflut, von der ständigen Erreichbarkeit, von unserem Streben nach Selbstverwirklichung. Unter diesen Umständen ist es uns fast nicht mehr möglich, eine Bindung aufzubauen, die uns intuitiv das Richtige machen lässt.

Was es für unsere Kinder bedeutet, in diesen unsicheren Zeiten zu leben, beleuchte ich in diesem Buch. Ich möchte die Leser dieses Buches zum Nachdenken anregen. Nachdenken darüber, wo die allgemeine Überforderung noch hingehen soll. Und wie wir am gesündesten mit dieser Überforderung umgehen können.

Vor kurzem habe ich folgenden Spruch gelesen: »Eine Generation, die zunehmend in den besten Lebensjahren mit Burnout zu kämpfen hat, entwirft für ihre eigenen Kinder einen Lebensweg mit noch mehr Tempo, noch mehr Leistung und noch mehr ›Förderung‹. Sie funktioniert Kindergärten zu Schulen um, weil sie glaubt, Kinder, die früh Mathe lernen, seien schneller am Ziel. Moment einmal – an welchem Ziel?«2 Ja, so könnte man das Trauma von heute zusammenfassen. Kinder können nicht mehr Kinder sein. Sie werden zu früh in die Erwachsenenwelt hereingeholt. Der Entwicklung der kindlichen Psyche wird nicht genügend Beachtung geschenkt. Die Vielfalt in unserer Gesellschaft ist ein großer Fortschritt, wir benötigen aber auch eine gewisse Fähigkeit, mit dieser Vielfalt umzugehen, sie zu ertragen. Denn Vielfalt bedeutet Vieldeutigkeit und Unsicherheit. Wir brauchen also Ambiguitätstoleranz, denn die bezeichnet vereinfacht die Fähigkeit, »Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können«3.

Kinder sind unser höchstes Gut. Es ist nicht immer einfach mit ihnen, aber ohne sie wäre es auch nicht schön auf dieser Welt. Wir muten ihnen sehr viel zu, erziehen sie partnerschaftlich und erklären ihnen eine Welt, die uns selbst unerklärlich ist. Wir bieten Schutz und lieben sie bedingungslos. Leider funktioniert das nicht immer. Noch viel zu oft werden Kinder misshandelt, körperlich und psychisch. Dann vergessen wir, dass wir sie beschützen müssen. Stattdessen üben wir Macht aus über Lebewesen, die uns vermeintlich unterlegen sind. Diesen Kindern ist dieses Buch gewidmet. Ich will die starke Stimme sein, die den Erwachsenen die Augen öffnet und sie dafür sensibilisiert, sich dem Thema Trauma zu stellen.

Seit Jahren berichten mir meine Erzieher und Heilpädagogen, dass die Bedingungen in den pädagogischen Einrichtungen immer schlechter werden. Der Personalmangel ist mancherorts bereits so gravierend, dass wir nicht mehr von einer guten Betreuungsqualität sprechen können.

Im Internet lese ich dieser Tage, dass der Eigenbetrieb Kita aus meiner Heimatstadt Halle/Saale meldet, dass 42 Prozent der Mitarbeiter krank sind. Es sind nicht nur Ausfälle, die der Corona-/Grippezeit geschuldet sind, sondern es handelt sich bei einem großen Teil um Langzeitkranke.4 Wenn ich mich recht erinnere, habe ich auch schon Schlagzeilen gelesen wie »Wir steuern auf eine Betreuungs- und damit Bildungsmisere hin«. Das ist seit Jahren bekannt. Bisher ist nicht viel passiert, um gegenzusteuern.

Alles, was ich in diesem Buch versuche zu vermitteln, benötigt eine andere Denkweise, eine andere Herangehensweise an Kinder und Jugendliche mit herausforderndem Verhalten. Diese Kinder brauchen vor allem beständige Bezugspersonen, die so in sich ruhen, dass sie eine heilende Beziehung zum Kind aufbauen können.

Im heilpädagogischen Kontext wäre das die Voraussetzung dafür, dass die Förderarbeit überhaupt Sinn macht. Die Realität sieht oft so aus, dass der Leidensdruck für die betroffenen Kinder und Jugendlichen weiterwächst, weil sie immer wieder spüren, dass man ihnen nicht gewachsen ist. Wir fördern nicht, wir bändigen!

Es ist zum einen mein Anliegen, die Politik aufzufordern, sich eindeutiger zu positionieren, die Erzieherausbildung zu reformieren und die Bedingungen für die Betreuungssituation so zu überdenken, dass die Zukunft unseres Landes entsprechend gefördert werden kann, sodass sie später als starke Erwachsene in der Gesellschaft agieren können.

Zum anderen ist es mir ein großes Bedürfnis, den Pädagogen und natürlich auch interessierten Eltern Rüstzeug an die Hand zu geben, damit sie in der täglichen Interaktion mit den betroffenen Kindern das Leid so mindern können, dass die Kinder trotzdem ein schönes Leben haben, und sie selbst in der Lage sind, durch adäquates Erziehungsverhalten psychische Nachreifungsprozesse zu initiieren.

Es kann nicht sein, dass wir politische Fehlentscheidungen auf dem Rücken derer austragen, die sich selbst nicht helfen können. Deren Seelen daran kaputtgehen, dass wir nicht wissen, wie wir ihnen wirklich helfen können. Deshalb muss dieses Buch in die Welt. Deshalb muss es Weiterbildungen geben, die den Pädagogen psychologische und neurowissenschaftliche Kenntnisse vermittelt und sie darin stärkt, ihre Verantwortung gegen alle Widerstände im Innen und Außen zu verteidigen. Pluralität im Erzieher-Sein geht aus meiner Sicht nach hinten los. Es kann nicht jeder machen, was er will. Wir brauchen Konzepte, die wirklich Hilfe bringen, und keine weiteren Experimente.

Und es braucht Angebote für Eltern, um die Überforderung zu minimieren. Nicht, um noch mehr Verwirrung zu sorgen. Wir brauchen starke Eltern, die sich zutrauen, ein oder mehrere Kinder zu erziehen. Die sich auf ihre Intuition verlassen können, damit psychisch ausgeglichener zu sein und somit ihren Kindern die nötige Ruhe vermitteln können, dass alles gut wird.

Die Weiterbildungsangebote für die Pädagogen bedürfen aus meiner Sicht einer Mischung aus wissenschaftlichen Inhalten und guten praktischen Übungen, die sofort in den pädagogischen Alltag integriert werden können, um die Unsicherheiten im Umgang mit den Kindern zu beseitigen.

Ich würde mir sehr wohl eine Reform der Erzieherausbildung wünschen. Nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell. Dafür wäre aber notwendig, dass sich Politiker und Wissenschaftler mehr mit der Praxis beschäftigen und nicht so sehr theoretische Entscheidungen treffen.

Das Theoretische

Bindung

»Verzweiflung befällt zwangsläufig die, deren Seele aus dem Gleichgewicht ist.«

Mark Aurel, ehem. römischer Kaiser (161–180 n. Chr.)

Die wohl wichtigste Grundlage für die gesunde Entwicklung von Kindern ist der Aufbau einer sicheren Bindung. Wir wissen, dass das bereits vorgeburtlich passiert. Die Natur hat uns mit der Fähigkeit ausgestattet, eine sichere Bindung zu unserem Nachwuchs aufzubauen. Selbst im Tierreich ist das zu beobachten. Wir sind also intuitiv dazu in der Lage.

Manchmal passieren dann aber Dinge, die unsere natürliche Intuition überschreiben. In erster Linie sind es die eigenen erlebten Traumata aus der Kindheit, die uns in bestimmten Situationen anders handeln lassen.

Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit. Meine Mutter hat sehr gerne anderen Müttern in meinem Beisein von meinen Schandtaten berichtet. Ich fühlte mich vorgeführt. Also ich empfand das als Kind sehr schlimm. Diese Scham kann ich heute noch spüren. Immer wenn mich heute jemand bei öffentlichen Anlässen ankündigt und erstmal über mich redet (was ja heute keineswegs mehr negativ behaftet ist), spüre ich diese Scham und schaue immer betreten zu Boden.

Ich nahm mir fest vor, es später als Mutter niemals so zu machen. Und was glauben Sie? Ich habe es getan! Alte Muster greifen später einfach zu. Gut, wenn wir das dann wenigstens bemerken und unser Verhalten ändern können.

Eine sichere Bindung kann ich zu meinem Kind nur aufbauen, wenn ich diese Bindung als Kind selbst erleben konnte. Alle Eltern bringen Narben aus ihrer eigenen Kindheit mit. Die nächste Generation will immer alles besser machen. Das ist notwendig, damit sich die Welt weiterentwickeln kann. Das ist der normale Generationskonflikt.

Es war also dringend notwendig, dass sich das Bild vom Kind über die Jahrzehnte so weiterentwickelt hat, dass Kinder vor Gewalt geschützt werden müssen, dass man Kindern zugesteht, eine eigene Persönlichkeit haben zu dürfen, dass sie Rechte haben. Und trotzdem sollten wir sie Kind sein lassen und nicht wie kleine Erwachsene behandeln.

Das Thema Bindung beschäftigt Wissenschaftler schon sehr lange. Viele Erkenntnisse wurden durch Experimente gewonnen, die wir heute als höchst fragwürdig ansehen. Liebe und Zuneigung ist ein wesentlicher Bestandteil, damit eine sichere Bindung entstehen kann. Früher dachte man, dass Bindung allein dadurch entsteht, dass eine Mutter ihr Kind füttert. Sicher besteht beim Stillen eine Bindung, aber die allein reicht eben nicht aus, um den Kindern eine ausreichende Sicherheit zu geben. Viele dieser Erkenntnisse stammen aus dem Umstand, dass es Kinder gab, die uns gezeigt haben, was passiert, wenn sie diese Zuneigung nicht erhalten. Wir alle kennen sehr traurige Schicksale und wissen auch, was diese Kinder erleiden müssen.

Der Psychologe Harry Harlow erlangte 1957 internationale Beachtung durch seine Forschung an Rhesusaffen. Er trennte Rhesusaffen-Babys von ihren Müttern und sperrte sie in einen Käfig, in dem diese von einer Handtuch- oder Drahtmutter aufgezogen wurden. Dabei handelt es sich lediglich um Gestelle, die entweder aus Draht bestanden (und somit kalt und kantig waren) oder mit einem Handtuch umspannt waren (sie waren somit weich und kuschelig). Obwohl die Drahtmutter die Flasche hielt, aus der die Affen trinken konnten, klammerten sie sich an die weiche Handtuchmutter.5

Auch unsere Kinder entwickeln tiefe Bindungen zu Personen, die sie nur selten oder nie füttern. Krabbelkinder, die allein in einem Zimmer schlafen und während des Tages häufig von ihren Eltern getrennt sind, entwickeln oft starke Bindungen zu kuscheligen Objekten, wie Teddybären oder Decken. Das zeigt deutlich, dass Bindung nicht einfach dann entsteht, wenn Kinder Nahrung erhalten. Bindung entsteht durch Zuwendung, durch Wärme und Liebe.

Bindung ist also fundamental für unsere Entwicklung. Ohne Bindung können wir nicht existieren. Wir wissen heute, dass es nicht ausreicht, gesättigt und körperlich versorgt zu werden. Wenn der Säugling sich nicht auf seine Bindungsperson verlassen kann, wenn es keine Liebe und liebevolle Zuneigung erfährt, dann sind Entwicklungsverzögerungen und später psychische Probleme vorprogrammiert. Das Kind entwickelt in einem solchen Fall Überlebensstrategien, die seiner Psyche nicht guttun. Es hat noch keine erwachsenen Strategien, sondern verarbeitet sein Leid kindgerecht. Dabei geht es auch immer um Schuld und Scham.

Das Gehirn des Säuglings ist zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht so weit entwickelt, dass das Kind allein lebensfähig wäre. Es benötigt seine Bindungsperson, die dafür sorgen muss, dass die elementaren Lebensfunktionen, wie Essen und Trinken, regelmäßig stattfinden, damit das Kind wachsen und gedeihen kann. Dafür ist es aber schon mit frühkindlichen Reflexen ausgestattet, die es ihm zum Beispiel ermöglichen zu saugen, um Nahrung aufzunehmen, oder zu greifen, um sich festzuhalten und Nähe aufbauen zu können. Die Bindungsperson ist mit genügend Intuition und später mit Erfahrung ausgestattet, um die Reflexe richtig zu interpretieren und die Bindung zu ihrem Kind mühelos herstellen zu können.

Frühkindliche Reflexe sind also automatisierte Bewegungsabläufe, die ohne Beteiligung der Großhirnrinde (Cortex) ablaufen. Sie sichern das Überleben des unselbstständigen Säuglings, der seine Bewegungen und Aktionen noch nicht willentlich selbst initiieren und steuern kann. Überwiegend sorgen die frühkindlichen/primitiven Reflexe für die Nahrungssuche, Nahrungsaufnahme und den Selbstschutz. Frühkindliche Reflexe sind ein essenzieller Bestandteil für eine ausbalancierte Entwicklung. Auch das Gehör mit dem Gleichgewichtssinn, die visuelle Wahrnehmung, Sprache, Koordination und Motorik entwickeln sich mithilfe der frühkindlichen Reflexe.

Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass alle Säuglinge die gleichen Bewegungsmuster ausführen. Das ist den Reflexen und der Entwicklung des Gehirns geschuldet. Das Gehirn ist zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht ausreichend vernetzt, um die Bewegungen willentlich zu steuern. Die Fähigkeit dazu entwickelt sich erst nach und nach. Dabei helfen die frühkindlichen Reflexe.

Wie und wann verschwindet aber ein frühkindlicher Reflex? Ganz einfach gesagt, verschwindet der Reflex dann, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Das ist dann der Fall, wenn das Gehirn sich so weit entwickelt hat, dass es die unwillkürliche, also reflektorische Handlung willkürlich vollziehen kann. Der Säugling saugt dann nicht mehr an allem, was seine Lippen berührt, und schluckt auch nicht mehr alles automatisch, was in seinen Mund gelangt. Ebenso hält er nicht mehr alles fest, was seine Handinnenfläche berührt.

Ein Reflex verschwindet, wenn er ausreichend häufig und intensiv stimuliert wurde. Diese Stimulation, die als Reiz wahrgenommen wird, wird entweder über das Gleichgewichtsorgan oder über die Hautrezeptoren an bestimmte Hirnareale weitergeleitet. Kommt diese Information im Gehirn an, wird der Reflex automatisch ausgelöst. Ist das oft genug passiert, hat das Gehirn entsprechende Verknüpfungen gebildet – es ist gereift und der Reflex wird dann nicht mehr benötigt, sodass er unterdrückt bzw. integriert wird.

Die Bindungsperson geht also adäquat auf die Bedürfnisse des Kindes ein. Sie spürt, wann ihr Kind welches Bedürfnis hat und versorgt es entsprechend. In den ersten Lebensmonaten muss das sofort passieren. Der Säugling hat noch keine Frustrationstoleranz. Es spürt Todesangst, wenn es nicht sofort Nahrung bekommt. Hier wird der Grundstein für Urvertrauen gelegt. Das Kind muss darauf vertrauen können, dass jemand da ist, der seine Grundbedürfnisse befriedigt. Kann es vertrauen, dann fühlt es sich sicher gebunden. Die (nonverbale) Kommunikation zwischen Bindungsperson und Kind funktioniert reibungslos, das Kind ist sicher sowie geborgen und kann sich entsprechend gut entwickeln.

Ich benutze hier absichtlich das Wort Bindungsperson. Im besten Falle sind die leiblichen Eltern die ersten Bindungspersonen, die ein Kind kennenlernt. Biologisch gesehen besteht die Bindung der leiblichen Mutter mit dem Kind durch die Nabelschnur. Die Mutter stillt das Kind. Sie hat meistens natürliche Nahrungsvorräte dabei. Sie ist ausgestattet mit der Fähigkeit, mit dem Säugling zu kommunizieren, sie kann sich instinktiv auf das Entwicklungsniveau des Kindes einstellen.

So ist bisher die Menschheitsgeschichte geschrieben worden. Selbst im Tierreich funktioniert das Fortbestehen der Tierarten auf der Grundlage von Bindung. Allerdings müssen Tierkinder in der Regel schneller erwachsen werden.

Nun kommt es gelegentlich aber zu Störungen im Bindungsverhalten. Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren, die eine gute Bindungsqualität verhindern und damit den Grundstein für spätere psychische Störungen legen können.

Bei einem Teil der im Kindes- und Jugendalter auftretenden Störungen sind genetische Faktoren in der Verursachung bedeutsam. Abweichende Hirnfunktionen sowie körperliche Krankheiten haben einen bedeutsamen Einfluss auf die Entstehung psychischer Störungen. Die Bindung kann hier aufgrund abweichender Hirnfunktionen nicht fehlerfrei aufgebaut werden. Das Kind ist nicht in der Lage, Signale zu senden, die von der Bindungsperson eindeutig verstanden werden können. Bei autistischen Kindern berichten die Eltern darüber, dass das Kind keine Anzeichen für eine kindgerechte Kommunikation aussendet. Hier geht die Störung vom Kind aus.

Die Bindung ist also eine besondere, anhaltende und emotional begründete Beziehung des Kleinkindes zu seinen Eltern oder beständigen Bezugspersonen. Sie vermittelt Sicherheit und Trost in Situationen von Angst, Bedrohung und Überlastung. Sie bietet für die Kinder eine sichere Basis für das freie und neugierige Entdecken der Umwelt.

Unterschiedliche Eltern-Kind-Bindungsqualitäten bedingen individuelle Unterschiede im Vertrauen gegenüber anderen und als Folge davon im Selbstvertrauen. Bindungserfahrungen mit den Eltern beeinflussen die Fähigkeit von Kindern und Erwachsenen, Freundschaften und neue Bindungen aufzubauen. Außerdem beeinflussen sie die Bereitschaft, bei emotionaler Belastung andere um Hilfe zu bitten und selbst Hilfe zu geben.

Das Bindungssystem ist eines der sechs psychoneuronalen Grundsysteme und zeigt, welchen Einfluss das im Miteinander der Bindungsbeziehung freigesetzte Oxytocin auf die Hirnfunktion hat. Ich gehe im Kapitel Sensibilisierung für Eltern und Pädagogen auf die neuronalen Grundsysteme näher ein.

Das Bindungssystem hat die Aufgabe, Fühlen, Denken und Handeln so zu organisieren, dass das übergeordnete Ziel, nämlich Schutz und Fürsorge, erreicht wird. Es ruft Bindungsverhalten hervor. Intuitiv werden Verhaltensweisen abgerufen, die Nähe oder Kontakt fördern und langfristig auf die Bindungsperson gerichtet ist. Wir können schon bei Säuglingen sehen, wie das Kind versucht, in Kontakt mit der Bindungsperson zu treten. Es weint oder lächelt, es ruft oder schreit. Je nach Entwicklungsstand. Wenn das Kind ausreichend mobil ist, läuft es der Mutter vielleicht hinterher, hängt am Rockzipfel