KAYAS greifen an - Jürgen Jüly - E-Book

KAYAS greifen an E-Book

Jürgen Jüly

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Beschreibung

Autor Jürgen Jüly packt die Themen des Lebens, Liebe, Hass, Krieg und Frieden, in ein spirituelles Science-Fiction-Abenteuer. Sein Debütroman verwebt vier Erzählstränge zur Geschichte seiner Menschheit. Und trotzdem ist mir langweilig. Fade am Abend. Fade, wenn die Alltagsarbeit erledigt ist und fade, wenn die Glotze kein Programm bietet. Also was tun? Protagonist Charlie hat in seinem Leben viel erreicht. Seine wilden Zeiten sind vorbei. Gut situiert lebt er getrennt von seiner Freundin Chloe, einer erfolgreichen Journalistin, in der ruhigen Kleinstadt Benela. Sein Alltag wird unterbrochen, als die Stadt von Aliens angegriffen wird. Die Grenze zwischen Realität und Wahn verschwimmt für ihn. Eine apokalyptische Invasion nimmt ihren Lauf. Charlie, Gloria, Chloe, Glenn, Cleo, Cipessa und Mickey sind die Protagonisten der parallelverlaufenden Geschehnisse. Sie begegnen einander auf unterschiedliche Weise, werden sie überleben?!

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2022

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KAJAS

greifen an

Impressum

1. Auflage, Dezember 2019

Copyright © 2019 Jürgen Jüly

Illustration Front- und Backcover: © 2019 Charel Bleser

Umschlaggestaltung, Layout und Satz:

Verlag Margarete Tischler, 7122 Gols, Österreich

Druck: Prime Rate Kft., 1044 Budapest, Ungarn

Printed in Hungary

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2019 Verlag Margarete Tischler

www.verlag-margarete-tischler.at

ISBN 978-3-9504815-5-6

Ich widme dieses Buch

meinen herzallerliebsten Söhnen

Maximilian und Alexander

sowie meinem liebsten Neffen David.

Lernen wir aus der Vergangenheit,

genießen wir die Gegenwart und

gestalten wir unsere Zukunft.

Prolog

Mein Name ist Cristobal Candid Carl – C. C. Carl.

Aber alle nennen mich Charlie.

Es ist Sommer, der 21. Juli, Freitag.

Ich drehe den Fernseher auf und zappe von Kanal zu Kanal. Es läuft unsagbar schlechtes Angebot.

Träge am Sofa liegend, stopfe ich sinnlos Kartoffelchips in meinen Körper. Wenn ich wenigstens sehenswerten Programminhalten folgen würde, denke ich.

Dennoch.

Nach der Befriedigung meines Heißhungers auf fettige Kohlenhydrate schalte ich die Kiste ab und wälze mich über die Seite zum Aufstehen.

Stolz betrachte ich im Sitzen mein Wohnheim.

Das Interieur ist exquisit und hochwertig, es wurde nach und nach zu einem harmonischen Ganzen verbunden.

Beispielsweise die schöne Ledercouch, auf der ich verweile. Der untere Korpus ist mit weißem, glattem Leder ummantelt. Die Bezüge und Polster obenauf sind aus einem gerippten Baum wolltextil, deren schlammähnlich graugrüne Farbe Eleganz vermittelt und dem Raum eine beruhigende Note verleiht. Die Couch hat zudem an den Kopfstützen der Breitseite hippe Kippfunktionen, die es mir ermöglichen, unterschiedliche Liege positionen nach Belieben einzunehmen. Ich wertschätze die Annehmlichkeiten dieses Möbels sehr. Lange haben wir danach gesucht, lange zugewartet und erst im gefühlt richtigen Moment zugeschlagen. Gekauft. Acht Wochen Lieferzeit. Genuss.

In der Ecke neben der Couch steht mein Prunkstück, ein etwa ein Meter sechzig großer, dunkelvioletter Amethyst. Nach meinem ersten Arbeitstag als Lehrer habe ich ihn erstanden. Noch heute erfreue ich mich am Anblick dieses so außergewöhnlichen Stücks. Ein Mineral in dieser Größe und Ausführung wird äußerst selten zum Verkauf angeboten, hat auch drei Monatslöhne verschlungen.

Überhaupt habe ich im ganzen Haus meine Sammlung energetischer Kristallsteine an den dazu passenden Orten platziert. Ich genieße deren Energie. Ich fühle mich durch sie bestärkt und verbunden mit den universellen Kräften.

Der Kauf des Parkettbodens aus Vollholz Akazie hat auch geraume Zeit in Anspruch genommen. Gut Ding braucht eben Weile. Zunächst hat es drei Monate Beratung und Findung gekostet, ehe wir voll Freude feststellen durften, das richtige Holz hat uns gefunden. Die finale Verlegung hat wiederum einige Wochen gedauert. Etappe für Etappe, Lieferung für Lieferung. Noch heute erfreue ich mich jeden Tag an der Ausstrahlung des Holzes.

In die hintere Ecke des Wohnraumes wurde noch unsere offene Maßküche integriert, von einem Freund perfekt eingepasst. Zwar klein und fein, aber sehr qualitätsvoll. Hochglanzweiß, praktisch, funktionell, Top Geräte, bester Standard. Überaus edel.

Links vor mir das Bücherregal, ebenfalls maßgetischlert.

Die Stereoanlage befindet sich im, versteht sich, maßgetischlerten Stereoboard unter dem Fernseher, der hängend an der Wand neben dem Bücherregal montiert ist. Standboxen, CDs, Platten – Freude, alles reine Freude. Es zu betrachten, darin zu leben, es zu genießen. Meine Heimstatt macht mir Freude. Und trotzdem ist mir langweilig. Fade am Abend. Fade, wenn die Alltagsarbeit erledigt ist und fade, wenn die Glotze kein Programm bietet. Also was tun?

Ich gehe in den Arbeitsraum und überlege, wann ich endlich beginne, meine Ziele diszipliniert zu verwirklichen. Ich beschließe zum x-ten Male einen Neuanfang.

Ich schreibe den Entschluss in mein Tagebuch.

So soll es sein.

ERSTES BUCH I

Kapitel 1 | Aller Anfang

Am Morgen steige ich aus dem Bett und sinniere über mein Sein. 38 Jahre bin ich alt. Ein Mann im besten Alter.

Ich halte mich körperlich fit und trainiere viel.

Der Sport kräftigt meinen Geist und meinen Körper.

Ich bin einen Meter achtundsiebzig groß, habe grüne Augen und eine athletische Figur. Meine noch braunschwarzen, halblangen Haare lasse ich stets von einer Bekannten schneiden, die zwar manchmal je nach Lust und Laune Neues kreiert, aber letzten Endes legen sich die Haare auf die stets gleiche Weise. Ein bisschen zerzaust, frech, doch stilvoll, wie ich hoffe.

Am liebsten trage ich Bluejeans und seit ein paar Jahren bin ich auf Hemden umgestiegen. Manchmal denke ich, dass ich mein Erscheinungsbild meinem Umfeld zu sehr angepasst habe.

Vor etwa sieben Jahren habe ich nämlich als Lehrer in einer Grundschule zu arbeiten begonnen, obwohl ich immer einen unabhängigen, kreativen Job angestrebt habe. Die Tätigkeit hat sich aber erfreulicherweise als passend erwiesen, sie lässt mir zudem viel freie Zeit und sichert mein Einkommen.

Die Ausbildung zum Pädagogen habe ich Anfang zwanzig absolviert. Mein Reise- und Entdeckungsdrang hat mich dann nach dem Studium viele Jahre auf Achse gehalten.

Das war die abenteuerlichste Zeit meines Lebens.

Nie war ich länger als zwei Jahre am selben Ort. Oft habe ich die Wohnungen gewechselt, oft auch die Freundinnen, oft mein Ziel. Meistens war das Ziel ein fernes Land. Ein bisschen arbeiten, Geld verdienen und ab durch die Mitte.

Hat gut und lange funktioniert.

Am Ende war ich traurig und allein. Bis Chloé in mein Leben trat. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich beginne den Tag wie immer mit dem Sonnengruß und ein paar Dehnungsübungen. Dann setze ich mich auf mein Meditationskissen und entspanne. In Folge ist Frühstück angesagt und die Erledigung der täglichen To-dos im Internet. Final noch die Sporteinheit auf der Laufmaschine.

Es ist 8.20 Uhr.

Plötzlich ein Knall!

So schrecklich laut, dass ich Angst habe, mein Trommelfell könnte Schaden nehmen. Nie zuvor habe ich solch einen Laut vernommen! Scheiben bersten!! Eine heftige Druckwelle erfasst mich! Ich kämpfe dagegen an und schaffe es, nicht mitgerissen zu werden.

Ein Flugzeug oder Jet ist über dem Haus?

Ohrenbetäubender Lärm.

Der nächste Knall!

Bumm.

Bomben!

Bumm.

Kein Zweifel - das sind Bomben!

Bumm. Bumm. Bumm.

Bombe um Bombe regnet es vom Himmel.

Panik ergreift mich. So schnell ich kann, stolpere ich die Stiegen hinunter, greife noch nach den Schuhen und laufe auf die Straße. Ich erspare mir, die Eingangstür zu schließen.

Bumm!

Ich drehe mich um und sehe in einem Zeitraffer, wie die Bombe surreal durchs Dach bricht, wie sie beim Aufprall ohrenbetäubend auseinanderplatzt und alles mit sich reißt. Ein Krachen, ein Bersten, ein Splittern und Platzen der Bombe mitten in meinem Haus und mitten in meinem Herzen.

Mein Eigenheim, die Einrichtung, alles zerstört!!

Mir ist, als würde mir leibhaftig das Herz zerrissen.

Ich schnappe nach Luft. Dann erfasst mich die Druckwelle! Gefühlte fünfzehn Meter schleudert es mich durch die Luft! Der Aufprall ist hart und abrupt.

Bis an den Gartenzaun der Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite der Straße wirbelt es meinen Körper. Bretterhart zum Stillstand gebracht, lande ich am Gehsteig.

Ich werde verrückt. Was passiert hier?

Was passiert hier???

Als ich meinen Kopf hebe, sehe ich ein Bild der Verwüstung und des Grauens. Verstümmelte Menschen – meine Nachbarn! Schreiende Frauen, Männer und Kinder, zerbombte Gebäude, rohe Gewalt. Feuer und Zerstörung, ein Inferno.

Und da sehe ich sie.

Kapitel 2 | Blickkontakt

Irreal.

Unglaublich.

Überirdisch.

Nicht von dieser Welt.

Das sind Aliens?!

Ich sehe diese Geschöpfe in den Cockpits ihrer Raumschiffe. Mehrere fliegen vorüber. In exorbitantem Tempo preschen sie heran, drosseln ihre Geschwindigkeit und sondieren die Lage. Sie verdunkeln kurz den Himmel, verschwinden aber genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind.

Wie im Traum erlebe ich den Vorgang.

Diese Flugobjekte agieren geräuschlos, wird mir bewusst.

Man kann nichts hören, nicht den leisesten Ton.

Allein das Abwerfen und Aufprallen der Bomben ist fürchterlich. Ein zischender Laut, ein krachendes Zerbersten und eine so unglaublich heftig laute Explosion, dass spürbar das Blut in meinen Adern zu stocken beginnt.

Das Erstaunliche ist, dass zwischen dem Aufprall, dem Brüllen, dem Schreien der verletzten und in Panik geratenen Menschen vollkommene Stille herrscht! Kurz nur, sehr kurz. Aber ganz deutlich erfasse ich die gespenstische Geräuschlosigkeit dieser Bomber.

Wie silberne Fische schauen sie aus.

Jedes Flugobjekt ist geschätzte fünfzig Meter lang, vorneweg mit einer großen Frontscheibe, die durch eine metallene Längsachse zweigeteilt ist. Auf diese Scheibe folgen in knappem Abstand zwei sehr unnatürlich aussehende, allem Anschein nach zu kurz geratene Tragflächen. Am anderen Ende des Schiffes sind noch zwei riesige Tragflügel zu sehen, die einer Walfischflosse gleichen und halb so groß sind wie der gesamte Bau.

Das Material der Hülle des Gefährts blendet beinahe. Sieht aus wie Titan. Insgesamt eine sehr merkwürdige Konstruktion.

Bizarr.

Apokalypse?

Ist es aus?

Die Geschöpfe in den Flugobjekten morden mit gleichmütigem Gesichtsausdruck. Sie fliegen sehr tief und zeigen sich ungeniert.

Ich starre hinauf und mir ist, als ob ein Wesen da oben mich ganz bewusst und durchdringend inspiziert.

Obwohl der Kopf in dieser Entfernung doch sehr klein erscheint, kann ich die kalten, leblosen Augen dieses Geschöpfs ganz deutlich sehen. Mich zieht es förmlich in sie hinein.

Die Augen sind sehr groß und kreisrund mit einer menschähnlichen Pupille. Von der Form her sind die Augäpfel nicht viel anders als unsere, aber das Lid fehlt, stelle ich fest! Wohl deshalb wirkt ihr Sehorgan auch auffallend größer, vermute ich. Ein seltsamer Anblick. Augen ohne Lider.

Das Gesicht ist überall mit unzähligen Falten übersät, auch von den Augäpfeln hin zur Stirn. Die gesamte Haut ist extrem verrunzelt. Wie Tausendjährige wirken sie, alles voller Furchen. Und sie haben keine Nase, nur zwei Löcher. Der Mund ist merkwürdigerweise viel zu klein in Relation zum Gesicht, wie ich meine. Zwei kreisrunde Löcher an den Seiten anstatt der Ohren. Insgesamt ein kürbisähnlich gerundeter, kahlköpfiger Schädel, im Ganzen etwa um das Doppelte größer als jener von uns Menschen.

Seltsame Fratze.

Was sind das wohl für Wesen? Woher kommen sie?

Und was wollen sie?

Mein Hirn rattert. Ich versuche, der Situation Herr zu werden. Ich muss weg, ich muss in sicheres Gebiet. Ich muss entfliehen. Ich will nicht in die Hände dieser Monster.

Ich peile die Lage und orte zerborstene Häuserwände, durch die ich vereinzelt Sicht ins freigelegte Innere erhalte. Irrwitzig zeigt sich auf einen Schlag das private Interieur. Alle Häuser sind in derselben Bauart errichtet worden und ich erkenne, dass fast jedes Haus die gleichen Schäden aufweist!

Lachhaft wirken die noch unzerstörten Flächen zwischen all dem Chaos der Verwüstung. Gebrochene Dächer, zerbombte, mit Kraterlöchern übersäte Straßen und mittendrin eine erst kürzlich errichtete, unbeschädigte Straßenleuchte.

Ich sollte ins Auto steigen und versuchen zu flüchten. Der Schlüssel meines Wagens ist in meinem zerbombten Haus allerdings ganz sicher nicht auffindbar. Außerdem sehe ich, dass überall, wo die Bomben im Boden eingeschlagen sind, die Umgebung zu glühen scheint. Die Hitze ist spürbar. Ich muss weg. Ich stehe auf, knicke aber ein, meine Muskeln geben nach.

Ich scanne meinen Körper, ich bin nicht verletzt. Ein bisschen Blut da und dort, aber ich fühle mich noch heil.

Erneut stehe ich auf und atme tief durch.

Mein Körper steht unter Schock, begreife ich. Ich nehme tiefe Atemzüge und versuche, meine Gliedmaßen zu bewegen. Zum Fluss, schießt es mir durch den Kopf. Ich muss zum Fluss. Dort kann ich meinen Körper kühlen, ihm die Energie, die er benötigt, zuführen. Vielleicht will ich mich auch nur reinwaschen?

Ich bin völlig verwirrt, habe Angst, den Verstand zu verlieren. Es ist so irreal, was hier passiert.

Wie ein böser Traum.

Manchmal hatte ich Träume, in denen wir von überirdischen Flugobjekten bombardiert wurden. Diese Attacken habe ich richtiggehend durchlebt. Die Erinnerung daran scheint mir in diesem Moment skurril. Habe ich damit die Zukunft vorausgesehen oder gar vorausgewünscht?

Alles ist so unrealistisch.

Trotzdem zwinge ich mich zum Schritt.

Ein Bein vors andere, ein Schritt um den andern.

Mein Körper bewegt sich! Meine Beine bewegen sich!

Ich blicke noch einmal nach oben und sehe das Wesen in seinem Flugobjekt zwischen den Ruinen, die Lage abschätzend, das Chaos beobachtend. Wieder streift mich der Blick dieser überirdischen Kreatur. Es sieht tief in meine Seele. Ich kann es spüren. Es nimmt teil an meinem Leid, meinen Fragen und meiner Angst. Es fühlt, was ich fühle. Wieso weiß ich das?

Was ist da verdammt noch mal los?!

Als ob wir ein Versuchsgebiet wären und ein Experiment mit uns vollzogen würde! Wie reagieren wir? Was versprechen sich diese Wesen davon? Sind sie nur Abgesandte eines viel mächtigeren Verbands? Wumm. Ich falle aufs Gesicht. Verflucht, ich bin über eine Leiche gestolpert. Oh, Gott! Ich will diese Toten nicht sehen. Ich stehe auf und bewege mich weiter vorwärts.

In Richtung Fluss.

Wie viele Angreifer sind sie an der Zahl? Ich denke, bis jetzt nur vier oder fünf unterschiedliche Bomber wahrgenommen zu haben. Alle scheinen einem bestimmten Gebiet zugeteilt zu sein. Die Flugschiffe kreuzen zwar, wenn sie Schleifen ziehen, aber nur ein bestimmtes dieser Objekte hält sich dauerhaft in un serer Umgebung auf. Sie agieren strategisch, das steht fest.

Erstaunlich, mit welcher Präzision diese Bomber getroffen haben! Die Schäden der Häuser gleichen sich wahrlich. Ein Stück Dach ist an allen noch erhalten, der Rest eingebrochen. Zwei halbe Mauern stehen, der Rest zersprengt. Die umgestürzten Mauern sind auf die Vorgärten geknallt und haben alles darunter begraben. So viel Staub, Hitze und Feuer allerorts.

Ich bewege mich weiter vorwärts, habe aber das bange Gefühl, dass mich diese fremde Macht mit nur einem Ge danken töten kann, wenn es ihr danach ist.

Aber noch lebe ich. Noch atme ich.

Oder träume ich ernsthaft?

Das ist kein Traum.

Er dauert zu lange und läuft zu gleichmäßig ab. Es sind keine Sprünge vorhanden. Es ist die Wirklichkeit. Die, in der ich lebe. Ich möchte weiterleben! Ich möchte überleben! Und verstehen!

Ich bin noch nicht fertig.

Ich bin begierig nach dem Leben.

Ich laufe!

Ja, ich laufe.

Ich laufe und laufe.

Kapitel 3 | Alles fließt!

Meine Beine mühen sich ab, zum Fluss zu gelangen. Ich will das Inferno hinter mir lassen. Das Beste ist wohl, ich denke nicht. Ich spüre, dass ich bei jeder reflektierenden Auseinandersetzung mit der Situation, die Kontrolle über meinen Körper verliere, wieder schwächer werde.

Ich beschließe, nicht zu denken. Jetzt nicht.

Das Ziel kommt näher.

Ich sehe schon die Brücke.

Eine aus Holz gefertigte Überführung, so an die fünfzig Jahre alt. Nie habe ich erfahren, wer sie erbaut hat, aber oft habe ich sie respektvoll überschritten. Sie strahlt eine starke, schützende Energie aus. Diese Brücke ist mein Ziel. Genauer gesagt, der Ort unter der Brücke. Ich möchte unter dieses imposante Bauwerk. Ich möchte mich verstecken, ins kühle Nass des Flusses gleiten und den Fluss entlang treiben, in andere Zeiten und in eine andere Gegend.

Bumm.

Eine Bombe. Bumm.

Noch eine Bombe, aber anderen Typs, ein anderer Knall. Ein gespenstisches Flimmern ist in der Luft zu sehen. Wieder Zersplittern, Bersten, Krachen und Schreien.

Ich drehe mich um und stelle fest, dass diese letzte Bombe mit einer seltsam hässlichen Leichtigkeit alles Lebendige in gemächlichem Tempo ausradiert. Die todbringende Druckwelle breitet sich in gruseliger Langsamkeit über das gesamte Siedlungsgebiet. Sie lässt Leichen und lebendige Menschen zu Asche zerfallen, auch jegliche andere Materie ist in Auflösung begriffen. Nur Gebäudeteile bleiben verschont, soweit ich das von meinem Standpunkt aus erkennen kann.

Ich bin hoffentlich außer Reichweite.

Was ist das aber?

Eine Atombombe?!

Mein Gott, ich begreife das nicht.

Es ist alles nicht real. Das kann nicht real sein. Wieder versagen meine Beine, aber jetzt habe ich die schützende Böschung erreicht. Ich stürze den Abhang nach unten und falle ins Wasser. Ins eisig kalte Nass. Ich japse nach Luft und Wärme. Es ist so kalt.

Schlagartig spüre ich jede Zelle meines Körpers. Es durchströmt mich irrsinniger Schmerz. Ich kann ihn nicht lokalisieren.

Noch vorher hat mich mein Unterbewusstsein im Selbstschutz betrogen. Jetzt aber bin ich der Höllenqual hilflos ausgeliefert. Ich beiße meine Zähne zusammen und versuche, meiner Verletzungen gewahr zu werden. Ich bin überzeugt, ein paar Rippen sind angeknackst oder gebrochen, aus der Bauchgegend sickert etwas Blut und meine Kniescheiben fühlen sich wie Matsch an. Tödlich verletzt bin ich hoffentlich nicht.

Ich kann das alles nicht begreifen.

Ich bin aber da. Ich bin mitten in diesem Wahnsinn. Ich bin nicht verrückt. Das Geschehene existiert. Der Schrecken vollzieht sich.

Ich bin wach. Und möchte aber träumen.

Instinktiv schiebe ich meinen Körper in die Mitte des Flusses. Im nächsten Moment erfasst mich ein sanfter Sog und zieht mich stromabwärts. Die Kälte und die Schmerzen weichen und ein Wohlgefühl stellt sich ein.

Behaglich lasse ich mich im Wasser treiben.

Vielleicht sterbe ich?

Ich frage mich, ob ich diese Reise überleben werde.

Habe ich innere Blutungen? Sterbe ich tatsächlich?

Ein weiteres Mal versuche ich, zum Schauplatz der Vernichtung zurückzublicken. Ich drehe meinen Kopf so gut es geht und da sehe ich es wieder in seinem Bomber! Aus Hunderten Metern Entfernung. Es steuert auf mich zu und kommt immer näher. Diese schrecklichen Augen ziehen mich in ihren Bann. Es durchdringt mich wieder.

Ich habe das Gefühl, es könnte mich in der nächsten Sekunde mit nur einem Gedanken töten. Doch mit einem Mal wendet es seinen Bomber und dreht ab.

Ich bin zu müde, um weiter darüber nachzudenken.

Ich gleite scheinbar endlos lang durchs Wasser, bis ich besinnungs los in schwarze Finsternis stürze.

Kapitel 4 | Die Sonne und ich

Fröstelnd komme ich zu mir. Gestrandet in Geäst und Plastikmüll. Leere Plastikflaschen, Plastiktüten und anderer achtlos weggeworfener Müll stecken vereinzelt in den Ästen und Baumstämmen, teilweise sind sie von Schlamm bedeckt, mittendrin hänge ich fest. Wie weit ich wohl gedriftet bin?

Mein nächster Gedanke ist bei Chloé. Wie geht es ihr?

Ob auch im restlichen Land dieser Ausnahmezustand herrscht?

Ob sie weiß, was mit unserem Haus passiert ist?

Lebt sie noch? Ich habe Angst um sie.

Da merke ich kleine Körper durchs Wasser gleiten!

Kleine, haarige, pelzige Viecher! Ratten!

Das sind eklige Wasserratten, verdammt!

Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass dieser Viecher Ursprungsplatz bei mir war! An mir! Nein, verflucht! Panik befällt mich. Die haben an mir geknabbert?! Ich spüre aber nichts. Nur sehen kann ich diese scheußlichen Viecher. Sicher vier oder fünf Stück. Jedes so lang wie mein Unterarm, mit einem noch längeren, abscheulicheren Schwanz. Verfluchte Biester! Haben die an mir geknabbert? Und wenn wie lange? Übertragen sie Krankheiten?! Bin ich infiziert?

Und die Kälte. Die Schmerzen abermals.

Wie lange werde ich überhaupt noch leben? Bin ich schwer verletzt? Sind meine Organe in Ordnung? Welche Ursache hat das Blut in meinem Mund?

Ich erblicke blutgefärbtes Wasser und fühle starke Schmerzen, aber die Schmerzpunkte selbst kann ich nicht lokalisieren. Ich kann auch keine Verwundungen an mir feststellen.

Meinen Rumpf habe ich nicht im Blickfeld. Aus meinem Mund sickert Blut, das begreife ich. Und mein halber Körper ist voller Schlamm, das sehe ich.

Was geht hier vor?

Warum beschießen diese verdammten Aliens uns?

Wer sind die, was wollen die und was machen die?

Die Gedanken kosten mich Kraft.

Überleben! Das ist meine Maxime! Ich will überleben!

Das heißt, ich muss mich zuallererst um meinen Körper kümmern. Ich muss an Land und raus aus dem Wasser. Die Kälte hat von mir Besitz ergriffen. Sie ist in jede Zelle meines Körpers gekrochen und hat sich ausgebreitet. In jeden Knochen, in jedes Organ. Dieses Gefühl ist neu und schlimm.

Wenn ich hier noch länger liege, verfaule ich.

Ich muss sofort an Land.

Ich möchte mich abstoßen, meine Arme reagieren aber nicht. Weder auf meine haptischen Bemühungen noch auf meine Gedanken. Keine Reaktion! Null körperliche Reaktion auf die Befehle meines Denkzentrums! Bange Angst befällt mich. Ich liege nach wie vor gestrandet zwischen Ästen und einem Baumstamm im Wasser, dem Ufer so nahe. Aber ich habe keine Kontrolle über meinen Körper. Ich fühle mich wie festgefroren. Wenn ich in den blauen Himmel starre, sehe ich weit entfernt die Sonne golden durch die weißen Wolken brechen. Wie dürstend ich die Sommerhitze vermisse, diese wohltuende, heilende Wärme.

Ich wünsche mir Sonnenstrahlen auf die Haut.

Es tut sich aber nichts.

Ich bin kalt.

Aber ich gebe unter keinen Umständen auf!

Ich beschließe, meinen Körper schrittweise zu aktivieren und beginne beim kleinsten Finger. Ich bewege ihn zaghaft. Und er reagiert! Ich kann ihn beugen und knicken! Oh Gott, welch Freude, er reagiert wirklich! Doch auch die anderen Finger müssen aktiv werden. Sie tun es! Langsam. Zug um Zug. Finger um Finger. Ganz langsam werden sie lebendig. Und je mehr ich meine Finger bewege, desto schneller werden sie! Nun meine Hand. Am Handknöchel knicke ich sie in beide Richtungen.

Es funktioniert! Ich lache laut auf und freue mich. Bin aber gleichzeitig angsterfüllt, denn ich bin noch lange nicht an Land! Ich weiß nicht, ob der restliche Körper auch auf meine Bemühungen reagieren wird. Ich weiß nicht, ob ich überleben werde. Noch habe ich kein Gespür in meinem Körper, noch kann ich keinen klaren Gedanken fassen.

Ans Land möchte ich, das weiß ich.

Schritt für Schritt arbeite ich mich dem Ziel entgegen.

Erst links, dann rechts. Ganz steif lassen sich meine Arme bewegen. Rauf und runter. Langsam, in einem kleinen Radius, sind Schlagbewegungen ausführbar. Aber ich spüre nichts!

Mir ist zum Weinen.

Ich muss schnellstens an Land!!

Ich weiß, dass ich auch meine Beine benötige, um mich in Bewegung zu setzen. Die Arme schlagen zwar, aber ich stecke im Geäst. Ich muss mich abstoßen! Weg vom Baum. Also ran an meine Beine. Zuerst die Zehen. Keine Chance. Es tut sich nichts. Verzweiflung brandet wieder in mir hoch. Noch einmal. Wieder nichts. Es ist zum wahnsinnig werden. Aber das Fußgelenk. Ich versuche es mit dem Fußgelenk. Und ja! Das Gelenk reagiert auf meinen Wunsch! Mein Fuß bewegt sich! Aber das ist zu wenig. Mein Bein muss schlagen, doch meine Knie sind steif. Wieder keine Reaktion. Meine Hüfte! Ich muss die Beine aus dem Hüftgelenk bewegen, wird mir klar. Und da merke ich den Erfolg! Meine unteren Gliedmaßen regen sich, endlich. Heftige Freude durchströmt mich. Ich habe Hoffnung und bin euphorisch! Ich atme schneller.

Ich muss mich zügeln, noch habe ich es nicht geschafft.

Ich will doch nur leben.

Mit aller Kraft schlage ich nun gleichzeitig mit meinen Beinen und Armen auf und ab. Seitliche Bewegungen sind im Moment nicht durchführbar, nur wildes Drauflosknallen. Da löse ich mich plötzlich! Ja, ich bewege mich! Es gelingt mir!! Ich fühle es. Ich löse mich aus dem Gestrüpp. Ich bin gerettet!!

Aber halt. Was jetzt?!

Verdammt, nein, verflucht! Die Strömung reißt mich mit. Ehe ich mich versehe, treibe ich unkontrolliert in der Mitte des Flusses. Ich bin wie ein Ball auf dem Wasser, ein Spielball der Natur. Das kann doch nicht wahr sein. Mein Körper hat keine Reserven, um bestimmend auf den Verlauf einzuwirken. Ich treibe, ohne jede Chance, mich zur Wehr zu setzen, völlig machtlos. Doch ich muss schleunigst an Land, ich brauche die Erde.

Die Kälte tötet mich.

Resigniert lasse ich meinen Kopf ins Wasser kippen.

Da stelle ich erstaunt fest, dass ich auf eine Flussbiegung zudrifte! Das ist es! Jawohl! Ich komme schnell näher. Das ist meine Chance! Ganz klar! Ich muss logischerweise an der Böschung hängenbleiben, wie sonst! Im nächsten Moment strande ich schon im hohen Gras des Ufers. Ich schöpfe wieder Mut. Ja! War das die Rettung? War es das? Oder ist es nur kommende Folter, ob des unausweichlich bevorstehenden Todes? Vielleicht trage ich tödliche Viren der Ratten in mir?!

Im Moment nicht wichtig.

Ich freue mich. Ich freue mich, dass ich im Ufergras hänge. Punkt.

Sofort beginne ich wieder mit der Aktivierung meiner Glieder. An Aufstehen ist natürlich nicht zu denken. Ich kann meine Beine ein bisschen bewegen, auch meine Füße, aber den Körper drehen kann ich nicht. Mein Rumpf weilt noch im Wasser. Alles fühlt sich steif an, aber im Gesicht spüre ich endlich wieder die Wärme der Sonne, wenn auch nur mäßig.

Wie spät mag es sein? Wie viel Uhr ist es?

Der Stand der Sonne lässt mich späten Nachmittag vermuten. So wird es sein. Ich bin ins Wasser gefallen, stundenlang getrieben, zwischendurch im Geäst gehangen und am Ufer gestrandet. Mir ist so kalt. Ich lechze nach Wärme.

Viele Minuten liege ich kraftsammelnd und energiesparend an meinem Platz. Dann kralle ich mich mit den Fingern in der Erde fest und ziehe mich mit einem Ruck die Böschung höher. Irre, stechende Schmerzen begleiten den Vorgang.

Warum so heftig? Warum das alles, frage ich mich wieder?

Aber warum lebe ich noch, andererseits?!

Hallo, da oben. Ich bin noch nicht tot!

Und Chloé auch nicht!

Ich weiß das. Ich spüre es. Ich sehe sie wieder.

Davon bin ich völlig überzeugt.

Endlich durchdringt mich auch die nötige Kraft.

Oh, welch wundervolle Kraft! Ich bin stark.

Ich ziehe mich fest entschlossen, jeden Finger in die Erde krallend, höher. Stück für Stück, nicht mehr Halt machend.

Höher und höher. Am Ende habe ich es wirklich geschafft!

Ich liege am Ufer.

Mein ganzer Körper ist an Land. Der Kälte entronnen!

Unter mir Erde und Gras. Kein Wasser mehr, in dem ich treibe. Keine Eiseskälte mehr. Unbändiges Glück breitet sich in mir aus. Erschöpft und völlig am Ende ergebe ich mich dem Schicksal.

Ich atme gleichmäßig, die Brust hebt und senkt sich.

Die Zeit vergeht.

Wie viele Stunden? Fünf? Acht? Wie lange liege ich da?

Gedankenverloren blicke ich immerzu in den Himmel. Es wird dunkel. Nachtgeräusche stellen sich ein. Ich höre Tiere. Aber alles geht an mir vorbei. Ich bin wie im Delirium. Sterbe ich doch? Habe ich die Schwelle überschritten?

Da, ein Gesicht.

Das Gesicht wieder.

Ein Traum.

Hier.

Über mir.

Da.

Die Fratze!

Sie starrt mich an, blickt direkt in meine Augen.

Und wieder habe ich das Gefühl, diese Augen schauen in mein Innerstes. Halluziniere ich?

Dunkle Nacht.

Kapitel 5 | Illusionen

Ich durchlaufe schräge Träume und bin völlig aufgedreht.

Manchmal tanze ich nächtens mit freudigem Gefühl auf einem Berg, umgeben von riesigen Feuerwerken. Dann schwimme ich im Meer und tauche tief in angenehme Wassergründe, inmitten von riesigen Quallen, einem Riesenhai und vielen bunten Fischen. Andernorts befinde ich mich in einem Wald vor einer verfallenen Hütte und trete ständig durch die Haustür ein und aus, ohne aber in die Räume zu gelangen. Dann träume ich wieder vom Feuerwerk. Dazwischen habe ich Durst, muss immer wieder dringend auf die Toilette und fantasiere, dass mir ein unbekanntes Wesen Nahrung durch den Mund einflößt. Am Ende glaube ich, mich in einer anderen Sphäre zu befinden, aufgelöst zwischen Wolken zu hängen!

Mein Körpergefühl ist so anders. Ich spüre völlig neue Dimensionen und Energien, in tiefen Träumen.

Als ich schließlich bei dem Gedanken ankomme, dass ich verletzt durch Wasser treibe, weil mein Haus bombardiert wurde, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich bin Charlie, ich bin auf der Flucht.

Im selben Moment öffne ich meine Augen und erschrecke.

Ich blicke in das Innere einer Höhle.

Eine Höhle mit spiegelglatten, farbig eindrucksvollen Wänden.

Ich bin geblendet. Welch schöner Anblick!

Das muss Achat sein, stelle ich fest.

Alles was ich sehen kann, an den Wänden, an der Decke, selbst die spärlichen Gegenstände im Raum, alles ist aus Achat.

Ich liege sogar auf Achatgestein.

Mir geht es aber gut. Mir ist angenehm warm.

Wie bin ich hierher gelangt, frage ich mich.

Zuerst das Bombardement, die Flucht durch den Fluss und am Ende wieder das Tier. Diese Fratze. Ah, ja.

Und diese mysteriöse Höhle!

Ich bin überaus fasziniert von der Energie und der Ausstrahlung dieses Raumes. Hoffentlich träume ich nicht.

Achate bilden sich für gewöhnlich in Gesteinshohlräumen als deren Auskleidung oder Ausfüllung. Und aus diesem Material besteht hier eigentlich jeder Gegenstand. Das bedeutet, dass dieser Raum nur die Ausfüllung eines Gesteinshohlraumes ist! Aber ein dermaßen großer Hohlraum?! Wie groß mag das Gestein selbst sein? Bin ich in einem Berg? Ich kann nur in einem Berg sein. Aber reiner Achat in dieser Größenordnung! Das ist unvorstellbar.

Bin ich noch auf der Erde?

Es war das Wesen, das mich zuletzt gesehen hat am Ufer.

Dieses Geschöpf, das uns bombardiert hat!

Ich wurde von dem Ding hierhergebracht, ganz klar.

Das ist deren Ort!

Ganz bestimmt.

Das hier ist nicht von dieser Welt.

Ich muss mich sammeln, muss mich finden.

Wozu bin ich hier?

Mein Kopf schmerzt, als ich ihn bewege.

Mein Körper fühlt sich aber gut an. Merkwürdig.

Körperlich entspannt, doch mein Kopf hämmert, oh Gott. Ich kann mich nicht konzentrieren, nicht klar denken. Ich will aber klar denken. Ich muss klar denken. Ich muss zudem schnell denken.

Wo ist dieses Wesen? Was will es von mir? Was hat es mit mir vor? Und warum lebe ich noch? Wieder so viele Fragen.

Genug. He, ich lebe noch! Einfach immer noch am Leben!

Mir geht es gut.

Ich fange laut und unkontrolliert zu lachen an.

Als ich das höre, habe ich Angst, dem Wahnsinn zu verfallen. Ich kenne dieses Lachen in dieser Form nicht an mir. Ich habe das Gefühl, dass sich ein Schalter in meinem Kopf umlegen könnte und ich vollends verrückt werde. Das möchte ich nicht. Ich muss gegensteuern. Bis dato hatte ich noch nie so ein Empfinden. Noch nie zuvor hatte ich so panische Angst, wirklich durchzudrehen.

Es ist grauenhaft.

Langsam atmen, ganz langsam atme ich. Atmen.

Ich konzentriere mich auf den Atem und fertig.

Meine Gedanken wechseln unvermittelt zu Chloé, der Liebe meines Lebens. Meinem Ein und Alles. Wo sie wohl ist?

Noch in Labondia?

Mir fällt es noch heute schwer zu akzeptieren, dass sie in die Großstadt gezogen ist. Beinahe täglich stelle ich mir die Frage, warum unser Leben am Land nicht mehr erfüllend für sie war. Und immer sage ich mir, dass es an ihrem Alter lag und nicht an mir.

Sie liebt mich, sagt sie. Sie sagt, ich sei ihr Jackpot des Lebens. Einzig zu mir wird sie in diesem Leben gehören.

Es wühlt mich nach wie vor auf, wenn ich daran denke.

Ich habe Labondia und mit dieser Stadt auch meiner Vergangenheit den Rücken gekehrt. Ich konnte nicht mit.

Jetzt aber möchte ich zu Chloé.

Jawohl, ich werde Chloé aufsuchen.

Die Kopfschmerzen holen mich wieder in die vermeintliche Reali tät zurück. Mein Körper ist starr, es zieht überall. Ich kann mich nicht bewegen. Was ist das nun wieder?

Ich klebe fest! An dem Achat! Fest an diesem Felsbettgestell. Das gibt’s ja nicht. Kacke, Gott, verdammt nochmal.

Ich bin nicht gefesselt, ich klebe fest!

Zum Schreien.

Und ebenda betritt dieses Wesen den Raum.

Kapitel 6 | Alles gut!

Diese seltsame Kreatur kommt auf mich zu, tritt an meine Bettstatt und sieht mich durchdringend an.

Es ist zweifellos nicht von dieser Welt!

Ich schätze die Größe auf etwa zwei Meter fünfzig.

Das Wesen trägt keine Kleidung, ist nackt, braunfarbig und voller Runzeln am gesamten Körper. Seltsam lederne Haut obendrein. Es sieht hässlich aus, das steht fest. Man kann unter dieser faltigen, runzligen Haut außerdem keine Gelenke erkennen, weder Knochen noch Muskeln. Die Physionomie ist aber menschenähnlich. Zwei Arme und Hände, doch nur drei Finger. Zwei Beine und Füße, doch keine Zehen. Der Fuß gleicht einem Entenfuß, überdimensional wie eine Flade, unverhältnismäßig riesig. In unseren Breiten wäre das wohl Schuhgröße sechzig oder gar siebzig, mutmaße ich. Diese Füße sind auch die einzigen Körperteile, an denen keine runzlige Haut zu sehen ist. Wie mir scheint, dürfte das Getier mithilfe dieser großen Füße das Gleichgewicht halten. Muss aber deshalb unter ständiger Spannung stehen, sonst müsste es ja kippen, denke ich. Die im Vergleich dazu grotesk knorrigen Hände wirken viel zu lang. Sie hängen teilnahmslos bis zur Hälfte der Beine seitlich ab, dort wo eigentlich die Knie sein müssten. Die sehe ich allerdings nicht.

Die Brust ist nach innen zu eingefallen und der Rumpf ebenfalls. Genauer gesagt, wölben sich Brustkorb und Rumpf schon ein wenig nach außen, aber in der Mitte, im Bauchraum, zentral, da fällt der Körper völlig in sich zusammen. Als ob mittig keinerlei Organe angesiedelt wären.

Geschlecht und Ausscheidungsorgane sind im Übrigen nicht vorhanden, jedenfalls nicht sichtbar. Nur überall diese ledrige Haut. Wirkt wie ein Ganzkörperanzug. Sehr unnatürlich.

Obenauf dieser seltsam bizarre Kopf, dessen Form einem Kürbis gleicht. In der Mitte die zwei kleinen Löcher, wohl Teile der Nase, und darunter eine runde, größere Öffnung, anscheinend der Mund. Lippen sind jedenfalls nicht erkennbar.

Wie schon tags zuvor stechen diese großen, durchdringenden Augen hervor. Runde Augen, ohne Lid. Völlig blau, eisig kobaltblau. Nur eine kleine kreisrunde schwarze Pupille ist zu sehen. In Relation zum Kopf wirken diese Augen sehr groß. Viel größer als bei uns Menschen. Und sie leuchten regelrecht.

Wie zuvor schreckt mich die Kraft, die durch diese Augen strahlt. Mir scheint, dieses Wesen kann mit diesen Augen alles tun und lassen, alles verändern, was und wie es will.

Komische Gedanken, die ich da hege.

Im nächsten Moment wendet es sich von mir ab und schlurft gemächlich in eine Ecke des Raumes. Es dockt mit der Hand am Achatgestein an. Augenblicklich vibriert und zittert die Kreatur am ganzen Körper. Verstörend, das zu sehen.

Aber offensichtlich löst diese Prozedur wohlige Gefühle aus.

Das Wesen neigt den Kopf nach hinten und schnurrt wie eine Katze. Dieser sich mir als eine Art Aufladung darstellender Akt dauert in Gänze nur wenige Sekunden. Denn mit einem Mal zieht es die Hand von der Wand ab und richtet sich auf.

Was jetzt?! Wieso bin ich eigentlich hier?

Folter? Experimente? Sezieren mich diese Geschöpfe?

Mir wird flugs flau im Bauchraum.

Das Ding dreht sich in meine Richtung und steuert auf mich zu!

Es scheint irgendwie zu rollen. Es bewegt die Beine gar nicht. Welch abartiger Traum. Das kann nicht wahr sein.

Das ist alles schlechtes Kino.

Was ist da los?? Ich weiß echt nicht, was das hier soll, und schwafle drauflos: „Bist du schon lange hier?“

„Plllplpplplp, tschiiep“, bekomme ich als Antwort. Aber sonst keine Regung, keine Änderung des Kurses, es kommt immer näher. Diese sonderbaren Laute erinnern mich an ein elektronisches Kinderspiel und an das Gezwitscher aus einem Vogelnest. Dann steht es vor mir, baut sich auf und brabbelt noch einmal: „Plpplplp, tschiiep.“

Es starrt mich wieder durchdringend an.

Diesmal kann ich es ganz deutlich spüren.

Es durchleuchtet mich.

Ich liege da, festgeklebt, wie ein offenes Buch. Keine Extremität meines Körpers kann ich bewegen. Ich kann nicht agieren.

Jäh erlebe ich, wie dieses Ding in mein Gehirn dringt und Teil von mir wird. Ich fühle ganz deutlich, dass es mit mir denkt! Es versetzt mich in Erstaunen. Ich bin zwar völlig ausgeliefert, stelle aber höchst erfreut fest, dass ich mich ziemlich wohl fühle. In dem Moment begreife ich, dass mir dieses Wesen in irgendeiner Form behilflich ist! Ich lebe noch, es hat mich an diesen Ort gebracht, mich nicht umgebracht. Es hat etwas mit mir vor, das verstehe ich. Doch ich glaube, es hat Respekt vor mir. So sehr ausgeliefert ich auch bin, das Wesen dürfte sich unwohl fühlen. Die runzlige Haut vibriert wieder. Zwar nur minimal, aber doch sichtlich in einer Art Aufregung. Es muss Gefühle haben, ich löse eine Reaktion in dem Ding aus.

„Plpplplp, tschiiep.“

Schon wieder der Laut.

Der Scan dürfte beendet sein.

Ich fühle mich allein mit meinen Gedanken.

Was war das aber? Welche Info hat sich das Alien geholt? Oder hat es mit mir gesprochen? In mir brodelt unerwartet Aggression hoch. Ich bin total ausgeliefert und das Ding betrachtet mich anscheinend als sein Versuchskaninchen.

„Wieso tust du das?!“

Keine Reaktion.

„Ich möchte runter von hier!“

Keine Regung. Nichts.

Dann schwebt es einer anderen Ecke zu, nimmt wieder seelenruhig Kontakt per Hand mit dem Achat auf. Und mit einem Mal bin ich selbst völlig entspannt und auf Wolke sieben. Ich fühle mich losgelöst, ganz leicht und durch und durch selig.

Perplex starre ich in die Richtung des Wesens.

Es folgt ein Plopp-Geräusch, es lässt von der Wand ab, seufzt durch das Mundloch und bläst laut durch die zwei kleinen Nasenlöcher Luft aus. Dieses Ding verwertet also Sauerstoff.

Bis gerade eben hat es kein einziges Mal auffallend geatmet, nur der Seufzer jetzt. Es atmet jedenfalls nicht auf die Art und Weise, wie ein Mensch atmen würde. Kein Brustkorb hebt sich, keine hörbaren Geräusche. Vielleicht ist der Sauerstoffaustausch einfach nicht vernehmbar, weil so flach? Oder es holt nur alle paar Stunden Luft? Zum Lachen. Einerlei. Ich habe jetzt andere Sorgen. Der entspannende Moment lässt nach.

Ich möchte hier runter. Rasch, sofort.

„Hey, Alien! Lass mich hier runter. Ich will runter!“

Abermals keine Reaktion auf meine Worte.

Es schwebt seelenruhig in die dritte Ecke des Raumes und stoppt dort. Der Körper erschlafft schlagartig, als ob es plötzlich im Energiesparmodus vor sich hin dämmern würde.

Es kümmert sich nicht weiter um mich.

Beklemmung überfällt mich. Es wird mir sehr seltsam zumute.

Ich wundere mich über meinen Zustand.

Ob ich noch ich bin, so wie ich war?

Ich sehe an mir runter, um mich zu vergewissern, dass mein Körper noch der ist, den ich kenne.

Aber die Angst wird größer. Sie kriecht meinen Rücken entlang nach oben, breitet sich in der Bauch- und Brustgegend aus und beengt mich zusehends. Panik ergreift mich. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Die Angst wird unerträglich. Ich befürchte, dass etwas in meinem Gehirn aufbricht und ich psychisch absacke.

Nicht das!

Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf meine Atmung.

Ich konzentriere mich auf meinen Atem und versuche, jegliches Denken auszuschalten. Ich atme tief und heftig, ein und aus.

Angst, Panik, Angst. Und da, ein Gedankensplitter.

Alles gut! Alles gut!

Ein Zuruf des Wesens?!

Schrecklich! Ich bin wohl noch immer mit dem Ding verbunden oder es mit mir! Fürchterlich!

Und aber erleichternd. Die Panik schwindet merklich.

Ich fühle mich etwas besser.

Aber die Erkenntnis, dass ich anscheinend ein offenes Buch für das Ding bin und dass es mich wahrscheinlich kontrollieren und folglich wohl auch manipulieren kann, lässt mich schaudern.

Wieder habe ich Angst.

Alles gut! Nichts und niemand kann dir etwas antun. Bleibe in deiner Kraft!

Was ist das? Diesen Satz kenne ich!

Das ist nicht von dem Tier! Das sagt Chloé immer zu mir, um mir zu helfen! Woher hat das Ding den Satz?

Entsetzt begreife ich, dass der Satz von mir ist, aus mir, der Satz ist in mir! Das Ding zapft mein Gehirn an, mein Wissen! Vielleicht mein gesamtes Denkzentrum! Vielleicht weiß es mehr über mich als ich selbst! Was zum Teufel geht hier vor?!

Ich wende mich dem Wesen zu. Es regt kein Glied. Es steht in der Ecke des Raumes mit hängendem Kopf. Ich werde nicht grübeln, kein offenes Buch sein, ich wende meine Gedanken der Außenwelt zu. Ich fokussiere auf das Tier, das Vieh, das Wesen, das Ding, das Alien. Wie bezeichne ich es?

Bruder, schießt es mir durch den Kopf.

Freund, schießt es mir noch einmal durch den Kopf. Dann Stille.

Ich bin total von der Rolle. Das war das Ding.

Hab keine Angst, höre ich die Stimme in mir.

Das Alien führt mit mir einen Dialog, in meinem Kopf!

Keine Laute. Keine Bilder.

Subtiler Dialog im Kopf!

Ich hoffe inständig, dass ich nicht verrückt werde.

Keine Angst, alles gut, sagt es noch einmal.

Natürlich. Alles gut. Ja.

In dem Moment kippe ich zum wiederholten Male weg.

Kapitel 7 | Tuchfühlung

Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf einer Wiese am Fuße eines immens großen Baumes. Vor mir ein Bergsee. Ein schönes, in sich ruhendes, stark strahlendes Gewässer. Etwa so groß wie vier Fußballfelder, schätze ich. Die Silhouette einer Bergkette spiegelt sich im Abendrot der Sonne symmetrisch im Wasser und zu Land. Ein beeindruckendes Naturschauspiel.

Der See scheint mir sehr tief zu sein, das Wasser kristallklar. Als könnte man Hunderte Meter in die Tiefe blicken.

Die Leuchtkraft erinnert mich an die Augen von Chloé.

Sie hat so reine, klare, strahlende Augen.

Das war damals das Erste, was mich an ihr faszinierte. Dann der Körper und am Ende der Kennenlernphase ihr Geist. Nach drei intensiven ersten Tagen, die wir spaßig, neugierig und turtelnd miteinander verbrachten, und der plötzlich einsetzenden tiefen Liebe füreinander, waren die Prioritäten in meinem Leben schlagartig andere. Ganz andere. Vieles war unwichtig und anderes wichtig. Ich muss unweigerlich lächeln, wenn ich an mein Leben vor und an mein Leben nach der Begegnung mit Chloé denke.

Aber ich kann jetzt nicht abschweifen, die Umgebung ist zu herrlich. Der Baum zieht mich in seinen Bann.

Sein Schatten liegt halb über mir. Seine Krone erstreckt sich schier endlos in den Himmel, gänzlich unberührt. Er dürfte eine Mischung aus Platanen- und Ahornbaum sein. Er wirkt erhaben und majestätisch, vereint Vollkommenheit mit Reinheit. Und er scheint lebendig zu sein, als ob er der Herrscher der Gegend wäre.

Ich fühle mich sehr wohl in seiner Nähe, spüre seine klare Kraft. Ich blicke um mich. Am Ufer des Sees ist Morast. Ich erkenne Astwerk und Steine im rötlich braunen Schlamm, große und kleine Steine. Der Morast geht über in eine schöne Wiese, bestehend aus grünem, dichtem Gras.

Wirkt fast wie ein Teppich.

Schon einmal habe ich in meinem Leben solch moosartiges Gras gesehen. Bei den Ruinen einer prähistorischen Ausgrabungsstätte, erinnere ich mich. Interessanterweise hat mir ein Einheimischer damals erzählt, dass es rund um diese Ruinen vor langer Zeit drei hoch aufragende Türme gab. Diese Türme seien durch unterirdische Gänge miteinander verbunden gewesen. Sie hätten unter anderem als Speicher gedient, gefüllt mit jeder Menge Lebensmitteln, hat er gesagt. Sehr viele Legenden der Mystik ranken sich um den Ort. Er hat mir demonstriert, dass an dem Platz ein Echo widerhallt, obwohl, vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet, kein Echo einsetzen dürfte. Es soll sich um den Mittelpunkt der Erde handeln, die Priester hatten Kontakt mit Gott, erzählte er mir, und noch so vieles mehr. Ich verstand nicht alles. Meine Sprachkenntnisse waren nicht ausreichend. Damals wusste ich noch nichts von wirksamen übernatürlichen Kräften.

Vieles war mir zu diesem Zeitpunkt neu. Rätselhafte Geheimnisse alter Kulturen interessieren mich heute dafür umso mehr. Ich glaube schon lange an die spirituelle Kraft alter Völker. Frühe Kulturen, Verloschenes, Geheimnisumwittertes und jede Menge geschichtlicher Mythen beschäftigen mich seit vielen Jahren. Hätte man die Geschichte ehrlicher verfasst, wären wir auf einem viel höheren intellektuellen Niveau? Das frage ich mich oft. Auf jeden Fall war das Gras bei diesen Ruinen so wie hier. Wie ein Teppich.

Aber noch einmal, wieso höre ich eigentlich nichts?

Kein Vogel, kein Insekt. Leise. Stille. Ruhe.

Gespannt warte ich. Was wird jetzt passieren?

Wo ist dieses Wesen? Der Freund, der Bruder, so wie er sich ausgedrückt hat. Wie bin ich überhaupt hierhergekommen?

Stille, Ruhe.

Kein Laut.

Keine Regung.

Ein bisschen aufgeregt bin ich. Ein Kribbeln im Bauch, im Darm. Ich muss wohl seit Tagen in die Hose kacken, schießen meine Gedanken quer! Doch fühle ich mich total sauber.

Ich betrachte meinen Körper und stelle mit Erstaunen fest, dass ich eine ganz bequeme, lockere, grüne Hose trage, aber sonst nichts. Am Oberkörper trage ich gar nichts. Nackt bin ich, bis auf das Beinkleid. Jemand hat mir offensichtlich diese Hose angezogen. Sie ist aus leichtem Stoff gefertigt, vielleicht aus Seide oder einem ähnlichen Material. Am oberen Ende ist sie mit zwei Schnüren ausgestattet, mit der man sie um die Hüfte binden kann.

Ich stelle ferner fest, dass mir angenehm warm ist und ich nicht Hunger leide. Ich fühle mich rein und sauber, doch bin ich mir nicht ganz sicher. Etwas nervös taste ich mein Becken ab und stelle fest, dass alles in Ordnung ist, dass ich wirklich nicht verdreckt bin. Jemand muss mich gewaschen haben, dämmert mir. Jemand hat mich ordentlich geschrubbt, vielleicht sogar gebadet. Mir ist aber im Moment egal, ob ich nackt und ausgeliefert war. Hauptsache, mir ist wohl.

Ich fühle mich jetzt sogar sehr wohl.

Ich fühle auch keine Schmerzen! Nichts! Ich fühle mich rundum ausgeglichen, entspannt und sehr kräftig. Das ist fantastisch!

Mit einem Ruck setze ich mich auf.

Mein Körper fühlt sich ungewohnt kompakt an, eine berauschende Intensität durchströmt mich. Ich registriere meine Muskeln, meine Sehnen und Gelenke. Ich kann sogar meine inneren Organe und den Blutkreislauf fühlen, wenn ich mich darauf konzentriere. Das ist wunderbar und erstaunlich, so ein Gefühl und Erlebnis! Ich kann mich das erste Mal in meinem Leben in jeder Faser spüren! Das ist aber gleichzeitig verstörend. Was habe ich davor empfunden?

Hmmmm, hhhaaaaa.

Ich atme tief durch.

Hmmmmm, hhaaaaaaaa.

Die Atemluft stärkt mich.

Hmmmmmmmmmm, hhhhhhaaaaaaa.

Ich lache hell auf.

Darüber freue ich mich sehr.

Über die befreiende Wirkung.

Ich fühle mich himmlisch.

Ich rufe laut: „Glück!“

Und rufe noch lauter: „Freude!“

Und ich werde meiner Stimme gewahr.

Diese vertraute Stimme, die mit einem Mal so klar und einzigartig klingt. So wunderbar, so warm und völlig losgelöst. Die Stimme kommt aus meinem Inneren! Nicht aus dem Kopf oder dem Hals. Die Stimme kommt aus mir und mit dem Laut spüre ich die Vibration, die sie im Körper auslöst. Erstaunt und glückselig lege ich meinen Kopf in meine Hände und die Hände auf meine angewinkelten Knie. Ich atme noch einmal tief durch.

Hmmmmm, hhhhaaaaa.

Hmmmmmmm, hhhhhhaaaaaaaa.

Meine Augen halte ich geschlossen, den Kopf strecke ich jetzt nach hinten, dem Himmel zu. Umgehend fühle ich die Luft, die Wärme und die Energie der Sonne in allen Poren.

Hmmmmm, hhhhaaaa.

Ich öffne die Augen und blicke in den wunderschönen, klaren Himmel. Blau und einzigartig schön. Das ist doch derselbe Himmel, den ich kenne, es ist doch dieselbe meine Welt, in der ich bin. Es muss dieselbe Welt sein. Ich bin auf Erden. Die Eindrücke sind mir vertraut, jedoch mein Erleben ist anders.

Ich fühle mich erleuchtet? Wie soll ich den Zustand sonst beschreiben? Derlei habe ich im Ansatz während intensiver Yoga-Einheiten erlebt.

Aber das jetzt, das ist die Krönung.

Das ist Wohlgefühl pur. Angenehm, richtig und eins.

Ich bin regelrecht verflochten mit meiner Umgebung!

Ich bin der See und der Baum hinter mir. Ich bin das Gras unter mir und der Himmel über mir. Oben, unten, alles eins.

Ich verharre in Stille. Ich bin beseelt. Ich bin ehrfürchtig. Ich beschließe zu danken.

Ich danke gerührt für dieses Erlebnis und diese Erkenntnis. Mein Tun und Denken sind mir neu in diesem Umfang, aber schön, richtig und gewiss. Ich werde nie mehr anders leben wollen!

Hmmmm, hhhaaaaaa.

Hmmmmmm, hhaaaaaaaaa.

Danke. Noch einmal sage ich innig Danke.

Aber wem?

Meinem Gott? Mir selbst?

Die Stunden vergehen. Ich merke, wie sich die Sonne mehr und mehr senkt, der Schatten des Baumes wird länger, bis schließlich die Abenddämmerung einkehrt. Jetzt erst erhebe ich mich. Es wird ein wenig kühler, aber nicht kalt. Meine Sohlen übermitteln mir die wohltuende, unversehrte Sanftheit des Grases. Ich genieße jede Regung meines Körpers!

Ich genieße es jetzt. Das Jetzt, ja!

Den Moment.

Achtsam bin ich. Aufmerksam. Empfindsam.

Ich rufe mir meditative Mantras in Erinnerung.

Egal. Nicht denken. Ich koste den Moment aus und schreite voran. Langsam bewege ich mich vorwärts.

Es ist zauberhaft.

Meine Arme schwingen seitwärts, locker und leicht.

Meine Füße tragen mich auf diesem sanften, moosigen Gras andächtig vorwärts. Ich halte ein, drehe mich um und verabschiede mich von dem Platz und dem Baum.

Ich atme wieder tief ergriffen ein. Und grinse, voll Glück.

Hmmmmm, hhhaaaaaa.

Seligkeit in Ewigkeit.

Ich schreite vorwärts.

Wohin gehe ich und wo bin ich?

Alles egal.

Ich gehe.

Kapitel 8 | Lagerfeuergeschichten

Gemütlich spaziere ich den See am Ufer entlang.

Das dunkle, bläuliche Wasser grüßt mich.

Die Abenddämmerung hat vollends eingesetzt.

Ich bewege mich vorwärts. Ich fühle, dass mein eingeschlagener Weg der richtige ist. Ich habe die Gewissheit, dass ich das Richtige tue und nicht in Frage stellen soll. Jetzt kein Verstand, nur Gefühl.

Eine geschätzte Stunde marschiere ich festen Schrittes durch die einbrechende Nacht, wandere eine Anhöhe hinauf, gleichmäßig atmend meiner Bestimmung entgegen. Der Mond ist aufgestiegen, langsam hat er sich gezeigt. Er wirft sein Licht auf die lebendige, friedliche Landschaft.

Ich überblicke eine herrliche Gegend. Natur, soweit das Auge reicht. Bäume, Wiesen und Strauchwerk. Hügelland und Horizont.

Noch immer vernehme ich keinen Laut! Kein Tier, kein Vogel, kein Wind, nichts rührt sich! Es herrscht vollkommene Stille. Das ist wohl mit ein Grund meiner anhaltenden seligen Stimmung.

Die ausgleichende Kraft der Stille.

Vorwärts strebend erspähe ich unvermutet am Sattel der nächsten Anhöhe hellen Schein.

Diese Wendung lässt meinen Puls in die Höhe schnellen.

Ein Feuer oder gar mehrere Feuer leuchten aus einiger Entfernung, ich kann es nicht genau ausmachen. Vielleicht liegt ein Dorf vor mir?! Auf jeden Fall eine Ansiedlung!

Mein Herzschlag erhöht sich abermals. Wo bin ich?

Gewiss auf dieser Welt, auf dieser Erde. Es ist dieselbe Natur und derselbe Himmel. Sonne und Mond, so wie ich sie kenne, nur aber nicht in diesem Einklang. Vielleicht bin ich in einem anderen Land? Das aufleuchtende Sternenbild, das mich tausendfach grüßt, ist mir bekannt, das ist gewiss!

Ich glaube, ich bin auf der nördlichen Hemisphäre.

Hin zum Licht. Zur Ansiedlung.

Das ist meine Bestimmung, sage ich mir.

Ob mir diese Wesen wieder begegnen werden?

Wie auch immer!

Ich gehe zügig voran, dem Schauplatz verheißungsvoll entgegen. Nach etwa einer halben Stunde bin ich dem Zielort schon sehr nah.

Im Dunkeln kann ich bereits einzelne Gebäude ausmachen.

Es sind in etwa fünf gleich große kreisrunde Hütten. Sie dürften aus Stein oder Lehm erbaut worden sein. Die Dächer bestehen aus großen Blättern oder einem ähnlichem Material. Vereinzelt steigt Rauch auf. Die Begriffe Mittelalter und Hochland drängen sich mir in den Sinn.

Was tun?

Geh einfach weiter, drauf los, sagt mir mein Gefühl.

Das tue ich auch.

Ich nähere mich kontinuierlich an, kann schon Silhouetten erkennen und höre schließlich ihre Stimmen.

„Plp. Plllpplp, tschiiep.“

Die Verrückten aus dem All! Nein!

Zur Umkehr ist es zu spät, sie haben mich schon registriert!

Leicht panisch halte ich Kurs.

Ich will Stärke demonstrieren.

Als ich fast angekommen bin, kann ich aber Menschen sehen! Ganz deutlich erkenne ich drei Personen im hellen Schein des Lagerfeuers. Ich vernehme, wie sie sich in der Sprache der Außerirdischen unterhalten. Die Aufregung fällt von mir ab und macht einer freudigen Erleichterung Platz.

Gott sei Dank, Menschen!

Zwei der drei rauchen. Sie stecken ihre Köpfe zusammen und debattieren. Der Dritte dürfte schlafen. Er liegt ausgestreckt am Boden, auf der anderen Seite des Feuers, nicht zugedeckt.