Verlag: Goldmann Kategorie: Ratgeber Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Kein guter Sex ohne Unlust E-Book

Beatrice Wagner  

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E-Book-Beschreibung Kein guter Sex ohne Unlust - Beatrice Wagner

Sexuelle Unlust ist in Deutschland eher die Regel als die Ausnahme: Jeder Zweite ist Umfragen zufolge mit seinem Sexualleben unzufrieden. Oft heißt es „der Lack ist ab“. Die Sexualtherapeutin Beatrice Wagner akzeptiert diesen Grund nicht. Für sie liegt in der Flaute im Bett die Chance, den eigentlichen Ursachen auf die Spur zu kommen. Oft liegt es einfach daran, dass nie über die Wünsche im Bett kommuniziert wurde. Oft stecken auch Verletzungen in der Partnerschaft hinter der Lustlosigkeit. Wer diese Entdeckungsreise ins Ich antritt, erschließt sich ungeahnte Möglichkeiten zu einer neuen Lust, die dann intensiver wird als je zuvor. Anhand zahlreicher Geschichten aus ihrer Beratungspraxis illustriert die Autorin, was die häufigsten Lustkiller sind und wie das Intimleben wieder angefacht werden kann.

Meinungen über das E-Book Kein guter Sex ohne Unlust - Beatrice Wagner

E-Book-Leseprobe Kein guter Sex ohne Unlust - Beatrice Wagner

Dr. Beatrice Wagner

Kein guter Sex

ohne Unlust

Aus dem Alltag einer Sexualtherapeutin

Buch

Sexuelle Unlust ist in Deutschland eher die Regel als die Ausnahme: Jeder Zweite ist Umfragen zufolge mit seinem Sexualleben unzufrieden. Oft heißt es, vor allem nach ein paar Beziehungsjahren, »der Lack ist ab«. Die Paar- und Sexualtherapeutin Beatrice Wagner akzeptiert diesen Grund nicht. Für sie liegt in der Flaute im Bett die Chance, den eigentlichen Ursachen auf die Spur zu kommen. Oft liegt es einfach daran, dass nie über die eigentlichen Wünsche im Bett kommuniziert wurde. Oft stecken auch Verletzungen in der Partnerschaft oder in der Vergangenheit hinter der Lustlosigkeit. Wer diese Entdeckungsreise ins Ich antritt, erschließt sich ungeahnte Möglichkeiten zu einer neuen Lust, die dann intensiver wird als je zuvor.

Anhand zahlreicher Geschichten aus ihrer Beratungspraxis illustriert die Autorin, was die häufigsten Lustkiller sind und wie das Intimleben wieder angefacht werden kann. Ein Buch mit positivem Schlüssellocheffekt, in dem auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommt.

Autorin

Dr. Beatrice Wagner ist Paar- und Sexualtherapeutin mit eigener Praxis in München und Icking sowie Lehrbeauftragte für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist Autorin verschiedener Bücher wie Sex. Die 10 Todsünden und gemeinsam mit Ernst Pöppel des Bestsellers Je älter, desto besser. Als Expertin rund um das Thema Sexualität tritt sie regelmäßig im Fernsehen auf und schreibt Kolumnen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.1. Auflage

Originalausgabe Juli 2015

© 2015 Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Lektorat: Judith Mark, Freiburg

CC ∙ Herstellung: cb

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-15110-2V002

www.goldmann-verlag.de

Vorwort

»Wir leben wie Bruder und Schwester. In unserer Beziehung stimmt alles, doch wir haben keine Lust.« Das ist der Klassiker, mit dem ein Paar zu mir kommt. Jeder sechste Mensch, der in einer Beziehung lebt, hatte in den vergangenen vier Wochen keinen Sex, wie eine Studie der Universität Göttingen mit annähernd 15 000 Probanden aus dem Jahr 2005 zeigt. Fast die Hälfte schlief weniger als einmal in der Woche mit einem Partner. Dabei habe ich festgestellt, dass im gleichen Maße, wie die partnerschaftliche Sexualität abnimmt, die Masturbation zuzunehmen scheint. Onlinepornographie – schnell, unverbindlich und dank Tablets jederzeit und überall konsumierbar – ist hier das Stichwort. Die Lust auf Sex ist also vorhanden, abhandengekommen ist nur die Lust auf den Partner oder die Partnerin.

Hinter dem Begriff »Lustlosigkeit« verbergen sich viele verschiedene Gründe. Lustlosigkeit ist ein Symptom und keine Diagnose. Um die Diagnose zu finden, heißt es, tief in die konkrete Situation des betroffenen Paares einzusteigen, und dort finden wir dann die verschiedensten Ursachen. Oft haben diese etwas mit einer noch entwickelbaren sexuellen Identität zu tun (in Kapitel 10 erkläre ich meine Identitätsstiftende Therapie, kurz IST). Es können sich aber genauso verborgene gesundheitliche Faktoren dahinter verstecken und natürlich die ganze Palette an Beziehungsproblemen, die zu Frust, Streit und Entzweiung führen. Nicht nur das Sexualleben ist dann erkaltet, sondern auch die Liebesbeziehung, und das lässt besonders bei Frauen den Lustpegel auf ein Allzeittief sinken, wie die Aktien eines kriselnden Unternehmens.

Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich sexuelle Lust? Natürlich kennt jeder dieses Kribbeln am ganzen Körper, dieses tiefe Verlangen, bei dem man genau weiß, dass es nur einen Weg gibt, es zu stillen. Lust ist die Bereitschaft, aber auch der Anspruch, das Verlangen und der Wunsch, jetzt Sex zu haben. Aus Sicht der Hirnforschung ist Lust generell immer vorhanden, auch wenn wir uns so fühlen, als würde sie in bestimmten Momenten erwachen. Im Grundzustand unterdrücken wir die Lust in unserem Gehirn. Dafür ist offenbar ein Bereich aus der linken Gehirnhälfte zuständig, im linken Stirnlappen: dem Gyrus rectus, direkt über der Augenhöhle gelegen. Wenn der seine Aktivität vermindert, enthemmt er die Unterdrückung des rechtsseitigen Lustzentrums, und die Lust wird angekurbelt und auch spürbar.

Die ungehemmt vorhandene Lust ist allerdings kulturell und individuell unterschiedlich stark ausgeprägt, was es erklärt, dass manche Menschen zweimal am Tag Sex brauchen und andere nur zweimal im Jahr. Frauen wird dabei eine größere Hemmung der Lust nachgesagt. Gerade jetzt, während ich dieses Buch schreibe, erklimmt ein anderes die Bestsellerlisten. Es handelt von der Lust der Frauen und behauptet, Frauen würden sich aufgrund ihrer kulturellen Prägung nicht trauen, ihre sexuellen Neigungen und Bedürfnisse auszuleben (siehe Kapitel 3). Über diesen Punkt habe ich mir viele Gedanken gemacht. Stimmt es heute immer noch, dass die Männer die Draufgänger sind und die Frauen sich nicht trauen? Mir scheint es nicht so. In meiner Praxis zumindest zeigen sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen Schwierigkeiten damit, ihre innersten Wünsche auszudrücken, und suchen deswegen Hilfe. Während öffentlich viel über Sex kommuniziert wird, bis hin zu derben Scherzen, sind zu Hause im Schlafzimmer auch die größten Draufgänger oft zu schüchtern und schamvoll, um offen über ihre ganz persönlichen Wünsche zu reden. Für eine erfüllende Sexualität aber ist genau das nötig. Der andere kann nicht ahnen, was man selbst möchte, und deswegen müssen Wünsche kommuniziert werden. Und so ist es ein Ziel von mir, Paaren dabei zu helfen, das auszusprechen, was sie sich über Jahre hinweg verkniffen haben. Zum Beispiel, wenn eine Frau nicht sofort zwischen den Beinen berührt, sondern lieber erst einmal zärtlich umarmt werden möchte. Oder wenn ein Mann sich danach sehnt, seine Partnerin möge Spitzendessous tragen oder sich auch einmal anal berühren lassen. Ich bin der Meinung, man sollte alles aussprechen, viel ausprobieren und danach erst entscheiden, was gefällt.

Nach der ersten Therapiestunde dann: Erleichterung bei beiden Partnern. Es war gar nicht so schwer, sich zu öffnen. »Wir haben noch nie so viel und intensiv über unser Intimleben gesprochen wie gerade eben bei Ihnen, und das hat gutgetan«, lautet die unmittelbare Rückmeldung. Und genau das ist der Punkt: sich trauen, sich zu öffnen. Intimität wird nicht dadurch hergestellt, dass man sich Dinge gesteht, die alle wissen dürfen, sondern, indem man den anderen in sein innerstes Gefüge blicken lässt. Wenn man das nicht totschweigt, was sich da an Wünschen, Hoffnungen und Ängsten findet, fühlt man sich dem anderen immer stärker verbunden, und – das ist der Clou – auch der Sex wird besser als je zuvor. Routine, Langeweile und Scham haben in die Krise geführt. Das Sichkonfrontieren mit den dahinterstehenden Problemen führt aus der Krise heraus. Eine neue, nicht gekannte Dimension beim Sex ist die Belohnung. »Starkstromsex« – dieses Wort hat David Schnarch, der bekannte US-amerikanische Sexualtherapeut, für diese neue und intensive Art von Sexualität geprägt.

Wie Sie da hinkommen und welche Hindernisse sich Ihnen in den Weg stellen können, davon handelt dieses Buch. Es geht um zehn Paare, welche die Lust aufeinander verloren haben und zu mir gekommen sind. Die Geschichten sind real, wenngleich ich die Namen und die Lebensumstände so verändert habe, dass niemand diese Personen wiedererkennen wird. Denn ich habe eine Schweigepflicht, und auch die Diskretion ist eine ganz große Voraussetzung für meine Arbeit. Und so viele Wege dann nach Rom führen können, eines ist ihnen allen gemeinsamen: Kein guter Sex ohne Unlust! Nur Stillstand und Resignation sind Grund zur Verzweiflung. Die Krise hingegen ist eine Chance.

Wie alles begann

»Den ganzen Tag über Sex zu reden ist doch eigentlich schnell ziemlich langweilig, oder?«, fragte mich einmal mein Tischnachbar zu fortgeschrittener Stunde nach einigen Gläsern Wein.

Ich war erstaunt. »Wieso sollte die Arbeit einer Sexualtherapeutin langweiliger sein als die eines Kardiologen?«, antwortete ich, auf seinen Beruf anspielend.

»Das Spektrum von Sexualität ist doch naturgemäß begrenzt. Nach einer gewissen Zeit wiederholt sich alles, und es gibt nur noch kleine Variationen des immer gleichen Themas. Das stelle ich mir eher langweilig vor«, so seine Vermutung.

»Was meinen Sie denn, welche Themen wir behandeln?«, wollte ich wissen.

»Ehebrüche, Lustlosigkeit, Impotenz – ja, das war’s doch schon, oder? Vielleicht noch Routine im Bett?«

»Das wäre dann in der Tat so, als würde ich Ihr Behandlungsspektrum auf Herzschwäche, Herzinfarkt, Klappenfehler und vielleicht noch Rhythmusstörungen reduzieren. Das wäre auch nicht viel«, sagte ich und schmunzelte ihn an. Ich rechnete mit Protest, denn die Kardiologie ist selbstverständlich ein großes und umfangreiches Gebiet.

»So wie Sie mich jetzt angrinsen, wollen Sie wahrscheinlich, dass ich Ihnen auf den Leim gehe. Diese verschiedenen Bereiche beinhalten natürlich jeweils ein komplexes System an Erkrankungen, Symptomen und Diagnosen, weswegen es nicht langweilig wird. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es mit der Sexualität genauso sein soll.«

»Und das genau ist ein Teil der Tragik. Viele denken, ein bisschen rein und raus, davor und danach eine Streichelrunde, das kann doch jeder. Sexuelle Probleme aber entstehen nicht nur deshalb, weil jemand die Technik nicht beherrscht. Es geht um wesentlich mehr. Kann jemand zum Beispiel die Nähe aushalten, die beim Sex entsteht? Wie ist es um die Partnerschaft bestellt? Können die beiden offen und vertrauensvoll miteinander reden? Was ist mit früheren Erlebnissen? Sexualtherapie ist somit auch eine Art Herztherapie. Wir beide, Sie als Kardiologe und ich als Paar- und Sexualtherapeutin, bearbeiten eigentlich dasselbe Organ.«

Jetzt schmunzelte mein aufgeschlossener Gesprächspartner. »Ich verstehe schon, in der Psychotherapie geht es um Gefühle und Herzensangelegenheiten. Aber auch wenn Sie die einzelnen Sinneinheiten weiter auffächern, so enden die Probleme Ihrer Patienten doch an der Bettkante.«

»Betrachten wir einmal das Thema Lust und Unlust. In der aktuellen ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen1 wird es in einem kleinen Abschnitt abgehandelt. Die Definition2: ›Der Verlust des sexuellen Verlangens ist das Grundproblem und beruht nicht auf anderen sexuellen Störungen wie Erektionsstörungen oder Dyspareunie.‹ Das ist alles. So betrachtet sollte es eine ziemlich einfache Angelegenheit sein, wenn wieder jemand mit fehlender sexueller Lust zu mir in die Praxis kommt.«

»Und was würden Sie daraus machen?«

»Ich könnte ein Buch darüber schreiben, dass sich hinter der Unlust eine ganze Palette an Ursachen und Problemen verbergen kann.«

»Kann ich mir zwar noch nicht vorstellen, klingt aber interessant.«

»Haben Sie Zeit? Dann erzähle ich Ihnen einige Geschichten über Unlust und Lust.«

Und damit fing es an.

Beginnen wir mit Margit und Florian. Im Bett lief bei ihnen nur noch das Pflichtprogramm, und auch das immer seltener. Margit war frustriert und schob die Flaute im Bett darauf, dass Florian auch schon über 50 war. Immer wieder versuchte sie mit zärtlichen Attacken, ihn zu verführen, worauf er aber nur traurig an sich herunterblickte und resigniert sagte, dass es heute wohl nicht gehe. Die beiden hätten wohl noch jahrelang so weitergelebt, denn die Begründung der Misere lag für sie auf der Hand. Geredet haben sie lange Zeit nicht darüber. Damit haben sie erst begonnen, nachdem Florians Affäre mit einer anderen Frau aufgeflogen war.

1 Die ICD-10 ist ein von der Weltgesundheitsorganisation erstelltes Werk, in dem die Krankheiten international verbindlich definiert werden. Die psychischen Störungen finden sich in den Kategorien F0 bis F99. In Gutachten oder für Abrechnungen mit den Krankenkassen sind diese Kategorien verbindlich. Parallel dazu gibt es noch die US-amerikanische Version – hier lautet die aktuelle Version DSM-V – , die für viele Psychologen die eigentliche »Bibel« darstellt.

2 Vgl. ICD-10, F52.0.

Kapitel 1

Margit und Florian: Sie wollten alles besser machen, doch dann verlor er die Lust auf sie

STECKBRIEF

Margit (45), ausgebildete Tänzerin, arbeitet heute in einer Werbeagentur, die sich auf medizinische Themen spezialisiert hat.

Florian (55), Mediziner, ist als Medizinjournalist tätig und hält auch Vorträge über Medizin. Margits Agentur hatte ihn einmal gebucht. Er hat zwei Kinder aus erster Ehe.

Die beiden leben in München, sind seit 15 Jahren ein Paar, seit zehn Jahren verheiratet, ohne gemeinsame Kinder.

Als Margit und Florian zu mir kamen, waren sie schon lange kreuzunglücklich mit ihrem Leben, wussten aber nicht, wie sie aus der Misere herauskommen sollten. Da passierten zwei entscheidende Dinge: Er begann eine außereheliche Affäre, und sie fand es heraus.

»Ich kann ihm das nicht verzeihen. Jahrelang hatten wir kaum noch Sex. Ich habe das sehr vermisst. Und dann geht er einfach zu der anderen. Das gibt es doch gar nicht. Und jetzt will ich keinen Sex mehr mit ihm. Bei uns stimmt nichts mehr«, meinte Margit.

»Es geht nicht nur um die Affäre, die habe ich ja schon wieder beendet. Wir wollen die tieferliegenden Probleme beleuchten«, erklärte mir Florian.

Abgesehen von Margits Hass auf »die andere« wirkten die beiden durchaus friedlich und einander sehr zugetan. Sie schienen lieb und rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Ohne im Geringsten die Stimme zu erheben oder gar Schimpfwörter zu benutzen, beschrieb Margit, wie es ihr mit dieser Affäre ging. »Ich habe das ja nur per Zufall herausbekommen. Ich war auf seinem E-Mail-Account, weil er sich nicht so damit auskennt. So sah ich die Mails, die sie ihm geschrieben hatte.«

Florian reagierte darauf, indem er die Schuld auf sich nahm. »Dich trifft gar keine Verantwortung, das geht alles auf mein Konto«, sagte er in zerknirschtem Tonfall und schaute seine Frau ein bisschen mit dem Blick an, den Hunde perfekt beherrschen, wenn sie etwas ausgefressen haben. »Ich weiß, dass ich Margit enttäuscht habe, das tut mir wahnsinnig leid, aber ich habe das alles ja dann auch gleich beendet.«

»Na ja, beendet hast du es schon, aber trotzdem musstest du danach diese Dame noch ein paarmal besuchen«, entgegnete ihm Margit und sah dabei nicht einmal verletzt, sondern sehr zurückgenommen aus.

»Ja, das stimmt, es tut mir unendlich leid, aber ich kann es leider nicht rückgängig machen«, so Florian mit leiser Stimme.

Ich mochte ihm nicht glauben. Ihm, dem Typen mit der Ausstrahlung eines Managers. Fein gekleidet, souveränes, charmantes Auftreten. Dieses Zerknirschtsein passte nicht zu ihm. Sein Büßerhemd trug Florian ein bisschen zu bereitwillig. Ich hatte den Eindruck, dass sich hinter seinen reumütigen Worten noch etwas anderes verbarg, und nahm mir vor, genauer hinter die Fassade zu schauen.

Doch zunächst einmal wollte ich mir einen Eindruck vom bisherigen Eheleben machen. Die beiden waren seit 15 Jahren ein Paar, zehn Jahre davon mit Trauschein. Beide hatten schon gescheiterte Beziehungen hinter sich und wollten es im zweiten Anlauf besser machen.

»Wir haben uns vorgenommen, uns nicht von den üblichen Problemen runterziehen zu lassen. Wir wollten immer über alles miteinander reden. Wir hatten auch ein gemeinsames Ziel, nämlich das Leben auszukosten. Reisen und tiefgründige Gespräche, das war uns von Anfang an wichtig«, erklärte Margit.

»Na ja, bis du dann Kinder wolltest. Von da an drehte sich alles nur noch darum, dass du schwanger wirst. Wir mussten auf Knopfdruck Sex haben, immer dann, wenn dein Kalender es befahl, da ist mir manchmal schon die Lust vergangen«, sagte Florian. Seine Stimme war immer noch leise, doch der Tonfall hatte eine vorwurfsvolle Note bekommen. Kocht da doch ein richtiger Brass hinter der Fassade?

»So wie du das jetzt hindrehst, stimmt es aber auch nicht. Ich habe nur gemeint, dass wir an den fruchtbaren Tagen häufig Sex haben sollten«, protestierte Margit und wandte sich zu mir. »Für mich gehören Kinder zu einer erfüllten Ehe einfach dazu. Mein Mann und ich waren uns da einig. Es hat aber nicht geklappt, trotz künstlicher Befruchtung. Für meinen Mann war das nicht so schlimm, er hat ja schon Kinder aus seiner ersten Ehe. Für mich aber war das alles eine große Enttäuschung.«

»Und deswegen warst du dann auch in Psychotherapie«, entgegnete ihr Mann, indem er in seinen nachsichtigen Tonfall zurückfiel. Da war er wieder, der verständnisvolle Mann, der sich damit aber auch unangreifbar macht. Aber seine Worte waren nicht harmlos gemeint, er steuerte auf den nächsten verdeckten Vorwurf zu. »Dass dir deine Therapeutin guttut, habe ich ja verstanden, nur warum musstest du ihr sagen, dass der Sex mit mir langweilig sei? Das lag doch alles nur an diesem Sex auf Knopfdruck. Der Vorwurf hat mich über Jahre hinweg blockiert.«

Margit protestierte sofort: »Bei der Therapeutin ging es um etwas ganz anderes. Du hattest damals angefangen, dich auf Pornoseiten rumzutreiben. Ich habe mit meiner Therapeutin über meine Befürchtung gesprochen, die Pornos würden deine Aufmerksamkeit von mir abziehen. Und das habe ich als Ursache für deine Unlust auf mich gesehen. Sie hat das dann so interpretiert, dass mir unser Sex langweilig sei. Das habe ich aber nie gesagt. Das weißt du auch!«

Da sind ja einige Probleme im Busch! Als Therapeutin fange ich in solchen Momenten an, auf verschiedenen Ebenen zu denken. Natürlich konnte es sich genau so zugetragen haben, wie Florian es schildert. Der unerfüllte Kinderwunsch führte zu Leistungsdruck im Bett, vor dem der Mann dann kapitulierte. Aber irgendwie klang das Ganze auch ein bisschen nach »Hurra, ich habe einen Grund und muss mir die eigentliche Ursache der Lustlosigkeit nicht genauer anschauen«. Für mich ging es nun darum, die beiden Gedankengänge gleichzeitig im Bewusstsein zu haben und neue Anhaltspunkte daraufhin zu untersuchen, ob sie zu der einen oder der anderen Arbeitshypothese passten. Oder auch zu gar keiner.

Auch in einem anderen Bereich blieb ich hellhörig. Florian hatte doch eben behauptet, Margit habe sich vor Jahren in einer früheren Psychotherapie über Langeweile im Bett beklagt, und Margit hatte behauptet, sie habe das damals stante pede richtiggestellt. Hatte Florian das vergessen, oder setzte er diesen Vorwurf bewusst ein, um von etwas anderem abzulenken?

»Für mich war das damals sehr verletzend, weil ich dachte, es sei von dir gekommen«, sagte er mit betrübtem Gesichtsausdruck. »Ich war ja damals sowieso schon depressiv.«

Margit pflichtete ihm bei, doch ich wollte auf den Punkt noch einmal genauer eingehen. Denn in der Psychologie ist ein Verdrängungsmechanismus bekannt, der »Projektion« genannt wird. Eine eigene unangenehme oder bedrohliche Emotion, die man an sich selbst nicht wahrhaben möchte, wird auf eine andere Person verlagert. Man wirft dem Partner beispielsweise vor, dass er sturköpfig und uneinsichtig sei, und dabei ist man es selbst. Wie in der Geschichte von dem Mann, der sich darüber beklagte, dass seine Frau schwerhörig geworden sei. Zigmal müsse er sie rufen, bis sie überhaupt mal reagiere, meistens würde sie ihn ignorieren. Bis er dann direkt vor ihr stand und sie ihn ärgerlich fragte, was denn los sei, sie hätte jetzt schon zehnmal geantwortet, ob er mal zum HNO-Arzt müsse, um seine Ohren durchmessen zu lassen? Das ist Projektion in Reinkultur. Und in streithaften Beziehungen tritt sie auch dauernd auf. Eigenschaften, die man an sich selbst nicht mag, projiziert man gerne auf andere. Ein solcher Verdrängungsmechanismus hat den Vorteil, dass man sich nicht mit seinen eigenen unangenehmen Eigenschaften auseinandersetzen muss.

Ist es vielleicht umgekehrt so, dass in Wahrheit Florian den Sex als langweilig empfindet? Und ist das der Grund für seinen Seitensprung? Aber warum spricht er das Thema Langeweile denn nicht einfach an? Ich versuchte, meine Überlegungen zu überprüfen, und fragte zunächst Margit: »Hatte denn Ihre frühere Therapeutin recht, ist Ihr Sexleben langweilig?«

»Nein, ganz und gar nicht, es war immer sehr schön und liebevoll.«

»Was gefällt Ihnen an der Sexualität mit Florian?«

»Es ist schon das Kuschelige und Intime. Das bedeutet nicht, dass wir es immer in der Missionarsstellung machen. Wir machen es auch nicht immer im Bett. Früher hatten wir sogar einmal draußen auf dem Balkon Sex, es war dunkel, und wir mussten sehr leise sein. Aber genau das war schon ziemlich aufregend.«

»Und was hat Sie daran gestört?«

»Mich hat ja gar nichts gestört, solange wir Sex hatten. Es war nur so, dass Florian oft gelangweilt wirkte. Wenn ich verführerisch und in eindeutiger Absicht auf ihn zukam, ist er oft aufgesprungen und hatte etwas anderes zu erledigen.«

Florian war das Thema unangenehm. Er räusperte sich und schlug seine langen Beine von links nach rechts und dann gleich wieder andersherum.

»Und Sie, Florian, wie geht es Ihnen mit Ihrem Sexleben?«

Er holte tief Luft und lehnte sich demonstrativ lässig zurück. »Es ist alles wunderbar, nur dass ich generell nicht mehr viel Lust habe, es ist eine Frage des Alters, da ändert sich einfach einiges. Ich habe manchmal einfach Schwierigkeiten, meinen Penis richtig steif zu kriegen.«

»Und bei deiner Tussi, da hattest du diese Probleme offenbar nicht!«, fuhr Margit ihn an.

»Doch, da hatte ich sie leider auch.«

Mit dieser Bemerkung hatte es Florian für dieses Mal geschafft, mich von dem Thema abzubringen, das offenbar in dieser Ehe verdrängt wurde, nämlich Langeweile und unterschiedliche sexuelle Vorlieben. Ich ließ es ruhen, zumal ich noch nicht genug Anhaltspunkte dafür hatte, ob ich mit meiner Intuition wirklich richtiglag. Vielmehr sprachen wir den Rest der Stunde über ein anderes, auch sehr wichtiges Thema, nämlich die nachlassende Lust und die nachlassende Potenz bei Männern im Alter.

Alles eine Frage des Alters?

Generell lautet meine Überzeugung: Niemand ist zu alt für die Liebe und für Sexualität. Allerdings treten mit dem Älterwerden signifikant häufiger Störungen auf. Klassischerweise ist dies die nachlassende Lust bei der Frau, meist verbunden mit einer Störung im vaginalen Feuchtigkeitshaushalt. Und beim Mann sind es Erektionsprobleme. Um mögliche medizinische Ursachen zu finden, frage ich in solchen Fällen zunächst einmal die gesundheitlichen Eckdaten ab. Wie ist es mit dem Blutdruck? Wie hoch sind die Werte von Cholesterin und Blutzucker? Erhöhte Werte schädigen auf Dauer die Blutgefäße und die Nerven und verändern damit die Funktionsfähigkeit der Genitalorgane. Dies gilt übrigens für Männer und Frauen gleichermaßen. Werden die Krankheiten therapiert, sind Probleme mit der Erektion oder mit dem Feuchtwerden oftmals bald Schnee von gestern. Auch so mancher drohende Herzinfarkt wurde rechtzeitig abgewendet, weil sich ein Mann wegen seiner Erektionsstörung in die urologische Sprechstunde begab. »Der Penis ist die Wünschelrute des Mannes, das ist im Bett so und auch in der Medizin«, hatte mein alter Freund Oswalt Kolle, der Sexualaufklärer mit dem losen Mundwerk, immer behauptet.

Meinem Patienten Florian drohte in dieser Hinsicht keine Gefahr. Er ließ sich regelmäßig durchchecken und wusste deshalb, dass seine Blutwerte top waren. Allerdings stellen sich auch beim gesunden Menschen im Laufe des Lebens Veränderungen ein. Während früher, als noch alles neu und spannend war, ein kleiner sexueller Reiz genügte, um eine Erregung auszulösen, brauchen wir später schon härtere erotische Geschütze. Auch der Testosteronhaushalt funkt hier mit hinein. Bei Männern geht ab dem 65. Lebensjahr die Testosteronproduktion merklich zurück: Ursache für Verzögerungen im Standvermögen. Es kann also mit zunehmenden Jahren länger dauern, bis sich – trotz vorhandener Lust – eine Erektion bildet. Und selbst dann ist die Erektion manchmal weniger hart als gewünscht.

Florian stimmte zu, zwar zögernd, aber er nickte.

»So ungefähr spielt sich das bei mir ab. Ich bekomme keine richtige Erektion mehr, irgendetwas hat sich verändert, nicht zum Positiven. Ich weiß nur nicht, ob das auch mit der Lust zusammenhängt, denn auch die hat sich verändert.«

»Und wie ist das, wenn Sie einen Orgasmus haben? Ist der erfüllend? Oder bemerken Sie da auch Veränderungen?«

Mit dem Orgasmus selbst war Florian zufrieden. Worauf ich mit dieser Frage hinauswollte: Manchmal haben Männer das Gefühl, dass ihr Orgasmus »steckenbleibt«: Sie sind eigentlich mit ihrer Erregung auf dem Höhepunkt, können aber nicht kommen. Wenn dies der Fall ist, überweise ich meine Patienten direkt zu einem Urologen, da hier eine vergrößerte Prostata dahinterstehen könnte. Was beim Medizincheck auch nicht zu vergessen ist: Nieren- und Leberschädigungen, Schilddrüsenerkrankungen und Depressionen müssen ebenfalls erfragt werden, da sie häufig die Lustlosigkeit im Schlepptau haben.

Florian war in medizinischer Hinsicht gesund, aber an einer bestimmten Stelle offenbar ein bisschen untrainiert. Und deswegen begann ich, über den Beckenboden zu sprechen.

Der Beckenboden des Mannes

Mit dem Beckenboden sind mehrere Muskelschichten gemeint, die den Bauchraum nach unten hin abschließen. Diese Muskeln können trainiert werden, genauso wie beispielsweise auch der Bizeps. Das hat verschiedene Vorteile für die Sexualität. Ein trainierter und muskulöser Beckenboden verstärkt die sexuelle Empfindungsfähigkeit. Er unterstützt die für die Erektion wichtige Drosselung des Blutabflusses aus den Schwellkörpern. Das Blut wird effektiver in den Schwellkörpern zurückgehalten und fließt nicht ab – das ist das Geheimnis der Manneskraft. Auch die Orgasmen werden intensiver erlebt. Denn der Beckenboden ist auch der Hafen für das beim Orgasmus freigesetzte Hormon Oxytocin, wie mir Professor Johannes Huber, der Hormonpapst aus Wien, erklärt hat. Oxytocin löst muskuläre Kontraktionen aus. Wenn also viele Muskeln da sind, kann viel Oxytocin aufgenommen werden, und die Kontraktionen fallen stärker aus. Der Orgasmus wird gewaltiger.

Darüber hinaus hat eine starke Beckenbodenmuskulatur noch eine bislang unterschätzte Wirkung: Sie fördert die sexuelle Lust. Vielleicht hat das einfach damit zu tun, dass durch das Training die Durchblutung in diesem sonst vernachlässigten Bereich verstärkt wird, und dieser ganze Bereich dadurch einfach empfindsamer wird? Warum mit der Beckenbodenmuskulatur auch die Lust wächst, weiß man noch nicht genau, aber die Erfahrungen vieler Männer aus meiner Praxis, die damit anfangen, ihren Beckenboden zu trainieren, bestätigen meine Beobachtung.

Florian hörte mir interessiert zu. »Das ist spannend, aber ich kann jetzt doch nicht zur Beckenbodengymnastik gehen. Da bin ich doch allein unter Frauen, die gerade entbunden haben. Nein, das mache ich nicht, das ist peinlich!«

Ich erklärte ihm, dass es mehrere Möglichkeiten gäbe, seinen Beckenboden zu trainieren. Eine, die von Männern gerne wahrgenommen wird, ist das Rudergerät, bei dem man nicht nur die Arme betätigt, sondern auch mit den Beinen den Rollsitz hin und her schiebt. Dabei kommt es darauf an, dass der Oberkörper angespannt ist und sich weder ein Buckel noch ein Hohlkreuz bildet. Die rückwärtige Bewegung wird immer von den Beinen eingeleitet. »Oder anders ausgedrückt, der Rollsitz wird mit der Kraft der Beine und des Beckenbodens nach hinten geschoben. Bei jedem Bewegungsablauf wird also die Beckenbodenmuskulatur aktiviert«, schloss ich.

Das gefiel Florian gut. Seiner Frau fiel auch noch ein, dass man beim Joggen intervallartig auch so laufen kann, dass die Knie so weit wie möglich nach oben gezogen werden. Auch das ist Beckenbodentraining pur.

Zwei Wochen später erzählte mir Margit begeistert, dass Florian alle Anregungen aufgegriffen habe. Sie seien zusammen im Englischen Garten joggen gewesen und hätten dort besagtes Intervalltraining gemacht. Florian hatte zudem seine Mitgliedschaft beim Fitnessstudio reaktiviert und sich dort das Rudergerät vorgenommen. »Es regt sich was, das merk’ ich schon«, meinte er stolz. Der Trainer hatte gleich Bescheid gewusst und ihn richtig eingewiesen. Florian grinste ein bisschen, als er mir erzählte, dass das Rudergerät dauernd von Männern belegt war. Er hatte auch den Eindruck, dass der Sport ihm gegen seine depressiven Stimmungen helfe. Auf körperlicher Ebene schien hier alles seinen Weg zu gehen. Ein erster kleiner Erfolg für mein Paar.

Ich beschloss, mich nun mehr Margit zuzuwenden, vor allem deswegen, damit beide Partner gleichermaßen das Gefühl hatten, im Mittelpunkt zu stehen. Margit liebte ihren Mann, ekelte sich aber beim Gedanken an die andere Frau. Am liebsten hätte sie ihr in einem Brief erklärt, was sie anrichtete, indem sie sich in eine Ehe hineindrängte. Ihre Enttäuschung und Verletzung wandelten sie in Hass auf diese Frau um. »Was ist das nur für eine Person, die nimmt sich einfach, was sie will, und es ist ihr egal, was sie damit kaputtmacht!« Oftmals ist es leichter, auf die Geliebte ärgerlich zu sein als auf den eigenen Partner. Solch ein Groll steht natürlich jeder Lust im Wege. Und je mehr Margit sich in diesen Groll verbiss, desto weniger würde es ihr gelingen, ihren Ärger zu überwinden.

Kann man jemandem wirklich verzeihen? Eine alte Streitfrage. Ich denke, es geht nicht.Aber man kann eine Situation bereinigen, indem man sich ausspricht. Und dann kann man sich entschließen, die Geschichte ruhen zu lassen und nicht immer wieder in ihr herumzurühren. Verzeihen, das bedeutet aus meiner Sicht, den Vorfall dem Meer des Vergessens zu übergeben.

Margit war besonders ärgerlich auf ihren Mann, weil er mit einer anderen Frau offenbar Sex haben konnte und mit ihr nicht.

»Na ja, ich hatte da schon auch meine Schwierigkeiten«, warf Florian ein, was allerdings nicht wirklich überzeugend klang.

»Die bewundert dich, und mit der kannst du machen, was du willst«, erzürnte sich Margit.

»Konnte ich machen«, korrigierte Florian, »ich treffe sie ja nicht mehr. Und ja, da ist schon etwas dran, sie hat es mir so leicht gemacht.«

Diese geheimnisvolle Anziehung …

Es war ein Jahr zuvor in einem Café gewesen. Florian hatte einen geschäftlichen Termin wahrgenommen und wollte noch in Ruhe etwas trinken, bevor er heimging. Selbstbewusst ließ er seine Blicke schweifen. Als er dem Blick der Frau am Nachbartisch begegnete, schaute er sie fest an. Sie strahlte etwas aus, ein Signal, das nicht anders zu übersetzen war als mit »Nimm mich, mach mit mir, was du willst«. Es schien so, als hätte sie Florian schon länger im Visier gehabt. Sie sah in ihm etwas, was sie in Männern suchte: Dominanz. Und Florian sah in ihr auch direkt etwas, was er wiederum mag: Unterwerfung. Er sucht nicht das Devote, sondern im Gegenteil in einer selbstbewussten Frau die Bereitschaft, beim Sex eine andere Rolle einzunehmen. Wenn zwei Menschen auf diese Art und Weise gepolt sind, erkennen sie sich sofort.

Die Frau kam zu Florian an den Tisch, und er bestellte für beide einen Wein. Sie redeten über das Café, über den Feierabend, über München – und über allem lag eine nicht ausgesprochene Botschaft, die wie ein Oberton mitschwang und doch nur hörbar war, wenn man sie hören wollte. Die beiden nahmen die Botschaft wahr, als sie mit den Gläsern anstießen und sich dabei leicht mit den Händen berührten. Sie zeigte sich in der verschwörerischen Stimme, mit der sie sich unterhielten und die bewirkte, dass sie nah zueinanderrücken mussten, um sich zu verstehen. Und die Botschaft zeigte sich, als Florian anbot, gemeinsam eine Kleinigkeit zu essen, und dann meinte, dass doch jeder vom Teller des anderen mitnaschen könne, »wie es die Katzen tun«, und sie nicht protestierte. Da war schon längst klar, dass eine ungeheure Anziehung da war. Aber er gab den Ton und das Tempo an, und sie spielte mit. Er begleitete sie noch zu ihrer Tramstation, wobei sie so eng nebeneinandergingen, dass zufällige zarte Berührungen unvermeidlich waren.

»Darf ich hoffen, Sie wiederzusehen?«, fragte er galant zum Abschied.

Ihr Herz pochte wild. Wenn er verlangt hätte, sie solle sich hier und jetzt in diesem dunklen Winkel der Straße entkleiden, sie hätte es gemacht. Dass er sie so fragte und es ihr scheinbar überließ, die Führung zu übernehmen, war Teil des Spiels, nach dem Dominanz und Unterwerfung mit gegenseitiger Achtung verbunden sind.

Sie sagte Ja, und so begann die Affäre.

»Ich musste einfach nur so sein, wie ich bin, und sie ist voll auf mich abgefahren«, erklärte Florian in der Therapiestunde.

»Verhalten Sie sich in Ihrer Ehe nicht so, wie Sie eigentlich sind? Müssen Sie sich verstellen?«, fragte ich ihn, denn ich hatte eine Ahnung, wo die Ursache der Probleme liegen konnte.

»Die war halt einfach unterwürfig und hat alles gemacht, was er wollte. Meinem Mann gefällt so etwas, er ist gerne der Boss!« Margit schaute Florian sauer an.

Sie war offenbar noch nicht bereit dazu, sich auf die wirklichen Ursachen einzulassen. Um zu ihnen vorzudringen, muss man oft viele andere Probleme wegräumen, die sich wie Treibgut und Geröll am Ufer angesammelt haben und den Weg ins freie Meer versperren. Einer dieser liegengebliebenen Brocken war Margits nicht geheilte Verletzung. Wie soll ich da nur rankommen, ohne dass sie sich weiter in ihrer Abwehrhaltung verschanzt, schimpft und sich gegen eine Erkenntnis zur Wehr setzt? Die beiden mussten gleiche Augenhöhe zueinander einnehmen. Momentan fühlte Margit sich von Florian aber noch herabgestoßen und gedemütigt. Solange das nicht ausgeglichen ist, wird sie nicht zu einem Gespräch über sexuelle Vorlieben bereit sein.

Das Schicksal kam mir zu Hilfe. Eines Morgens rief mich nämlich Margit aufgelöst an und bat dringend um eine außerordentliche Stunde Krisenintervention. Dort weinte sie viel. Nur schwer verständlich kamen die Worte heraus.

»Es ist vorbei, mein Mann hat sich von mir getrennt.«

Ich war überrascht. Das passt doch gar nicht zu seinen Plänen von letzter Stunde. Habe ich da etwas Entscheidendes übersehen?, durchfuhr es mich mit einem unangenehmen Gefühl. Doch für die Krisenintervention galt es zunächst, sowohl die Analyse der letzten Stunde als auch meine eigenen Befindlichkeiten zurückzustellen. Wichtig war nun, dass ein aufgewühlter, aufgelöster Mensch wie Margit zu sich selbst zurückfand. Dazu musste sie über ihre Gefühle sprechen und sich abreagieren können. Idealerweise würde sie dann mit mir zusammen neue Erkenntnisse über sich selbst und ihr bisheriges Verhalten gewinnen. Dies würde sie dann hoffentlich wieder aufbauen.

»Was hat Ihr Mann denn gesagt, und was war die Situation?«, fragte ich sie.

Es war wieder einmal um die Reise nach Schweden gegangen. Seit Jahren träumten Margit und Florian davon, mit einem kleinen Schiff an der schwedischen Küste entlangzufahren, sich Bucht für Bucht anzuschauen, zwischendurch einen Abstecher an Land oder ins Wasser zu machen. Eine solche Reise ist nur im Sommer sinnvoll, wenn die Sonne fast rund um die Uhr scheint und es »weiße Nächte« gibt. Eine ganze Nacht lang hatte Margit im Internet gestöbert, um die besten Routen und Anbieter herauszusuchen. Und da war es: ein Postschiff, wie für sie geschaffen. Genau zwei Plätze waren noch frei.

»Stell dir vor, wir tuckern damit umher. Jeden Nachmittag gehen wir von Bord. Da gibt es Hunderte von Schlössern zum Besichtigen. Und viele weiße Strände, vor denen wir ankern werden. Am Abend machen wir ein Lagerfeuer und ziehen uns in die Dünen zurück.« Margits Fantasie lief auf Hochtouren. Sie wollte buchen.

Florian sagte mürrisch Nein. Es war früh am Morgen, er war mit seinen Gedanken schon bei der Arbeit, wo er mit einem größeren und zeitaufwändigen Auftrag beschäftigt war. »Ist zeitlich gerade schlecht, vielleicht später im Jahr?«

»Du hast mir nicht zugehört, das geht nur jetzt und nicht in der dunklen Jahreszeit.«

»So spontan geht das aber auch nicht, ich muss erst den Auftrag abschließen. Wir können uns finanziell nicht leisten, dass der scheitert«, wischte er beim Frühstück ihre Pläne beiseite.

Margit war bodenlos enttäuscht. Immer war alles andere wichtiger als die gemeinsame Zeit. Florian ging nicht näher darauf ein, sondern verabschiedete sich.

»Das hat keinen Zweck«, so Florians barscher Abschied, bevor die Tür laut ins Schloss fiel und er in sein Büro fuhr.

Da saß Margit nun, übermüdet, von der eben noch euphorischen Stimmung waren nur noch Verwirrung und Enttäuschung übrig. »Das ist die Trennung«, so ihr erster Gedanke, und sie rief mich an. Ich verstand Margits Enttäuschung, konnte mich aber auch in die Situation von Florian hineinversetzen. Ein Großauftrag zerrt an den Nerven, alles, was nicht dazugehört, wird als Hindernis betrachtet, so auch die Aussicht, einige Wochen auf einem Küstenschiff zu verbringen, während sich zu Hause heikle Situationen zusammenbrauen können.

Margit, wegen der Affäre sensibilisiert, hatte Florians unwilligen Ausspruch auf die Beziehung bezogen und nicht auf ihre Reisepläne. Tatsächlich hatte Florian aber die Reise gemeint, bestätigte mir Margit später, wieder zu Hause, per SMS. Und ich hatte den Schlüssel gefunden, um die Situation der beiden zu lösen. Nämlich ihr Aneinandervorbeireden.

Der Fantasie eine Chance geben