Kettenreaktion - Sarah Kleiner - E-Book

Kettenreaktion E-Book

Sarah Kleiner

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Beschreibung

Louisa und Helen sind beste Freundinnen und das werden sie auch immer bleiben, da sind sie sich sicher. Doch ein Streit bringt unerwartete Konsequenzen mit sich. Als Helen - aus Wut - Louisas streng gehütetes Geheimnis verrät, wenden sich ihre Mitschüler gegen Louisa und ihr Leben verwandelt sich zu einem Albtraum. Mit aller Macht versucht sie der Situation zu entfliehen und als sie denkt, dass es endlich wieder bergauf geht, kommt alles noch schlimmer.

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EPUB
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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nachwort

Kapitel 1

Das Klingeln meines Handys riss mich aus dem Schlaf. Genervt drehte ich mich in meinem Bett um, es konnte unmöglich schon Zeit zum Aufstehen sein. Ich griff mein Handy und das Display zeigte mir zwei Fakten. Erstens, es war sechs Uhr morgens und damit tatsächlich zu früh, um aufzustehen, und zweitens, meinen Anrufer. Ich sah das Bild eines Mädchens mit langen, leicht gewellten, braunen Haaren, grünen Augen und einem sanften Lächeln. Ein Lächeln, das ich so gut kannte wie kein anderes, denn das auf dem Bild war meine beste Freundin seit meiner frühsten Kindheit. Wir hatten uns nämlich im Kindergarten kennengelernt und hatten seitdem einiges miteinander erlebt und wir würden für immer die besten Freundinnen bleiben. Das hatten wir uns geschworen.

Doch jetzt stöhnte ich lustlos auf. Ich hatte schon den Verdacht gehabt, dass der Anruf von Helen kam. Denn ganz ehrlich, wer sonst als meine beste Freundin sollte den Mut haben, mich an einem Mittwoch um diese Uhrzeit anzurufen? Mittwochs hatte ich nämlich immer erst zur zweiten Stunde Unterricht, was bedeutete, dass ich mehr oder weniger ausschlafen konnte. Doch jetzt war ich wach und Helen hatte sicher einen guten Grund, mich so früh sprechen zu wollen. Also nahm ich mit einem eventuell etwas genervt klingenden „Was?“ ab.

„Oh, sorry! Hab ich dich geweckt?“, hörte ich die Stimme, die ich wohl unter tausenden wiedererkennen würde, und verdrehte die Augen. Hatte sie denn etwas anderes erwartet?

„Nein, Leni, ich dachte heute, wo ich doch erst so spät zur Schule muss, stehe ich extra früh auf und mache meiner gesamten Familie Frühstück“, war meine leicht ironische Antwort und ich konnte genau vor mir sehen, wie jetzt Helen mit den Augen rollte, bevor sie wieder etwas sagte.

„Ist ja gut. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber es ist wirklich wichtig.“

Das war mir eigentlich schon klar gewesen. Helen und ich waren schließlich in derselben Klasse und das hieß, dass sie ebenfalls erst später Unterricht hatte. Da musste schon etwas passiert sein, dass meine beste Freundin schon so früh auf den Beinen war, denn sie war absolut keine Frühaufsteherin.

Und noch etwas wunderte mich. Durch den Hörer konnte ich nämlich noch ein leichtes Rauschen wie von Wind hören und dann noch ein vorbeifahrendes Auto. Helen war also definitiv nicht in ihrem Zimmer und darauf sprach ich sie auch direkt an. Schließlich war es immer noch erst sechs Uhr morgens.

„Du, sag mal, Leni, das klingt irgendwie so, als wärst du draußen. Was ist denn eigentlich los?“

Inzwischen war ich auch deutlich wacher und hatte mich aufgesetzt. Ich machte mir schon leichte Sorgen um Helen.

„Deswegen rufe ich ja an. Sag mal, hast du meine Kette gesehen? Du weißt schon, die goldene mit dem Herzmedaillon, die ich von meiner Oma bekommen hab.“

Jetzt war ich verwirrt. Natürlich kannte ich ihre Kette, aber was hatte die mit meiner Frage zu tun?

„Die hast du doch immer um, aber was hat das damit zu tun, dass du draußen bist?“, sprach ich meine Gedanken auch gleich aus.

„Na ganz logisch. Ich suche die Kette.“

Natürlich, ganz logisch. Ich konnte ja auch Gedanken lesen, dachte ich mir, doch ich sprach es nicht aus.

„Okay, also hast du die Kette verloren?“, fragte ich stattdessen.

„Sonst würde ich sie ja wohl nicht suchen, oder?“

Die hatte aber auch eine Laune heute. Allerdings war ihr die Kette wirklich wichtig, was ihre schlechte Laune erklären sollte. Ihre Oma war vor zwei Jahren verstorben und sie hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander gehabt. Schließlich war Helen das einzige Enkelkind, denn sie war Einzelkind und ihr Onkel hatte keine Kinder. Der legte nämlich nur Wert auf seine Hunde und hatte nicht gerne Kontakt zu anderen Menschen.

Das bedeutete, dass sie alle Zuwendung und Liebe ihrer Großmutter für sich alleine bekommen hatte.

Ich hatte ihre Großmutter auch gut gekannt, denn sie lebte bei uns in der Stadt und Helen und ich hatten sehr oft bei ihr gespielt. Ein Grund dafür war das große Haus, das für uns wie ein Abenteuerspielplatz war, ein anderer, dass wir bei ihr einfach alles machen durften, was wir wollten. Leider ist sie dann sehr krank geworden, eine Lungenentzündung, wenn ich das noch richtig im Kopf habe. Sie hatte Helen die Kette quasi auf dem Sterbebett überreicht, mit der Bitte, sie niemals zu vergessen. Diese Kette war das Einzige, was Helen von ihrer Großmutter besaß und dementsprechend wichtig war sie ihr. Helen nannte sie immer ihren wertvollsten Besitz. Und weil ich das wusste und weil ich eben Helens beste Freundin seit dem Kindergarten war, war klar, wie ich jetzt reagieren würde. Ich seufzte wieder. An Ausschlafen war also nicht mehr zu denken. Ich fragte Helen, wo wir uns treffen sollten, und quälte mich dann aus meinem Bett.

Auf dem Weg in die Küche, um wenigstens eine Kleinigkeit zu frühstücken, traf ich auf meine jüngere Schwester Ina. Dass wir Schwestern waren, konnte man eigentlich sofort erkennen. Nicht nur wegen der langen blonden Haare, die wir beide hatten. Auch wenn das für manche Menschen schon als Beweis für eine Verwandtschaft gilt.

Ina und ich sehen uns einfach sehr ähnlich. Von den Gesichtszügen, dem Körperbau und früher sogar vom Kleidungsstil her. Meine Tante meint immer, Ina sieht aus wie eine kleinere oder jüngere Version von mir.

Gerade schaute mich Ina ziemlich irritiert an, ehe sie mir ein ruppiges „Was machst du denn hier?“ entgegenwarf.

„Guten Morgen, Schwesterchen, ich freu mich auch dich zu sehen. Und nur zu deiner Information, ich wohne ebenfalls hier“, bekam sie auch gleich als Antwort. Normalerweise war ich nicht der fröhlichste Morgenmensch, doch bei so einer Begrüßung konnte ich nicht anders, als mein geringfügig vorhandenes Schauspieltalent auszupacken, um meine Schwester zu nerven.

„Schon klar, aber warum bist du so früh wach? Ich dachte, ich hätte heute früh mal etwas Ruhe vor dir.“

Ja, meine Schwester war auch kein Morgenmensch und das stellte sie im Gegensatz zu mir auch immer wieder unter Beweis.

„Tja, falsch gedacht, ich nerv doch immer gerne unerwartet. Außerdem muss ich zu Leni. Sie hat ihre Kette verloren und wenn wir die nicht wiederfinden, kommt das einem Weltuntergang gleich.“

Bildete ich mir das nur ein oder flackerte in Inas Blick leichte Unsicherheit auf?

„Die Kette, mit dem Herz?“, fragte sie fast schüchtern.

Ich nickte zur Bestätigung.

„Ist die denn so wertvoll?“, fragte sie weiter und ich erklärte ihr knapp, dass die Kette zum Teil aus Gold war, aber sie eben auch ein Erbstück war und damit auf einer ganz anderen Ebene wertvoll. Für Helen unersetzbar. Nach meinen Worten verabschiedete sich Ina sehr schnell und verschwand in ihrem Zimmer. Verwirrt sah ich ihr hinterher. Ich konnte weder ihren unsicheren Blick noch ihr hektisches Verschwinden deuten. Lange dachte ich allerdings nicht darüber nach. Wahrscheinlich war ihr einfach eingefallen, dass sie mal wieder ihre Hausaufgaben vergessen hatte oder dass sie heute einen Test schrieb oder etwas Ähnliches. Davon abgesehen, brauchte Helen mich dringend und ich vertrödelte hier meine Zeit.

Nach nur wenigen Minuten verließ ich endlich das Haus und lief zu meiner und Helens Bank. Dort wartete meine beste Freundin wahrscheinlich schon ungeduldig, um mit der Suche nach ihrer geliebten Kette zu beginnen.

Unsere Bank ist eigentlich eine Bushaltestelle und liegt sowohl auf meinem als auch auf Helens Schulweg. Um genau zu sein, ist es die Stelle, an der unsere Schulwege zusammenführen. Von dort aus liefen wir immer gemeinsam zur Schule. Normalerweise brauchte ich ungefähr fünf Minuten, um diese Bank zu erreichen. Heute war ich etwas schneller. Es war schließlich ein Notfall.

Ich konnte Helen schon von weitem an unserer Bank stehen sehen. Automatisch schlich sich ein Grinsen auf mein Gesicht. Das war immer so, wenn ich die Brünette sah und auch Helen begann zu grinsen, als sie mich erblickte. Ich wusste, dass es bei ihr auch automatisch so war, wenn sie mich sah, doch trotzdem musste ich das Ganze kommentieren.

„Ich dachte, du hast deine Kette verloren, was gibt es denn da jetzt zu grinsen?“, sagte ich also laut, sobald ich in Hörweite war.

„Du bist doof“, kam es nur von meiner besten Freundin, allerdings lachte sie dabei, dann zog sie mich zur Begrüßung in eine kurze Umarmung.

Aber bevor wir mit der Suche anfangen konnten, musste ich unbedingt noch eine Frage loswerden, die mich schon vorher am Telefon beschäftigt hatte.

„Wie kommt es eigentlich, dass du um die Uhrzeit anfängst, die Kette zu suchen?“, fragte ich also, denn normalerweise würde auch Helen um diese Uhrzeit schlafen.

„Mein Vater hat mich heute früh versehentlich geweckt und da hab ich nach meinem Handy auf dem Nachttisch gegriffen, um zu schauen, wie viel Uhr es ist und da ist mir aufgefallen, dass die Kette nicht wie sonst auf dem Nachttisch lag. Also bin ich aufgestanden und hab genauer nachgeschaut, sie aber nirgends gefunden.“

Ich nickte verstehend. Das klang logisch. Helens Familie besaß eine Bäckerei, weswegen ihre Eltern, vor allem ihr Vater, immer sehr früh aufstanden. Und manchmal wurde Helen davon eben wach.

Kurz dachte ich nach.

„Wann und wo hast du die Kette denn das letzte Mal gesehen?“, fragte ich.

Helen seufzte.

„Wenn ich das nur wüsste. Also gestern früh bei dir, da hatte ich sie bestimmt noch, aber gestern Abend, da hatte ich sie, glaub ich, nicht mehr.“

Wieder überlegte ich. Helen hatte von Montag auf Dienstag, also in der Nacht auf gestern, bei mir übernachtet. Eigentlich kam das unter der Woche so gut wie gar nicht vor, aber vorgestern hatten wir noch etwas für die Schule gelernt, da ich Helen ein bisschen Nachhilfe in Englisch gab. Mir fiel die Sprache einfach leichter als ihr. Dabei hatten wir nicht auf die Zeit geachtet. Als wir fertig waren, war es nämlich schon reichlich spät geworden und deswegen hatten wir spontan beschlossen, dass Helen bei mir übernachten würde. Ihre Kette hatte sie dann zum Schlafen sicher ausgezogen und auf meinen Schreibtisch gelegt. Wie eigentlich immer, wenn sie bei mir schlief und das kam schon ziemlich oft vor. Aber auf dem besagten Schreibtisch lag momentan keine Kette, das hätte ich gesehen. So groß ist mein Zimmer schließlich nicht und der Schreibtisch stand auch direkt gegenüber von meinem Bett.

Trotzdem fragte ich Helen: „Du hast sie aber gestern früh schon wieder umgehängt, oder?“

Sofort antwortete sie mit „Klar!“ und wollte erst weiterreden, doch dann stoppte sie und ich konnte sehen, wie sie noch einmal nachdachte und sich Unsicherheit auf ihrem Gesicht abzeichnete. Langsam und stockend fing sie wieder an zu reden. „Wobei … wenn du so fragst, ich bin mir nicht ganz sicher. Also eigentlich, ich denke schon, dass ich sie umgehängt hab. Aber ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher. Überhaupt nicht.“

Okay, das hieß jetzt, wir hatten keinen sicheren Anhaltspunkt, wo sich die Kette befinden könnte.

„Ich hab deine Kette heute früh und auch gestern nach der Schule nirgends in meinem Zimmer gesehen, aber ich schau auf jeden Fall ganz genau nach“, versicherte ich meiner besten Freundin.

„Und wenn sie da nicht ist?“, fragte Helen mich schon fast verzweifelt.

„Wir suchen einfach alle möglichen Orte ab und dann werden wir sie schon finden“, meinte ich möglichst optimistisch, obwohl ich mich überhaupt nicht so fühlte. Mir, und wahrscheinlich auch Helen, war klar, dass die Kette nicht so einfach zu finden sein könnte. Sie war zum Teil aus Gold, das hieß, sie war wirklich wertvoll und wenn die irgendwo auf der Straße lag, konnte die auch jeder mitnehmen. Dennoch suchten Helen und ich den kompletten Weg von ihrem Haus zu meinem, dort schauten wir auch kurz in meinem Zimmer nach, und von meinem Haus zur Schule ab. Unter anderem weil wir gestern noch Sportunterricht gehabt hatten und auch da nahm Helen ihre Kette normalerweise ab. Vielleicht, so dachten wir, hatte sie die Kette nach Sport vergessen umzulegen, sie in ihrer Tasche gelassen und dann war sie auf dem Weg zu mir herausgefallen. Doch wie ich es schon fast erwartet hatte, war die Kette nirgends zu finden. Auch in den Umkleideräumen unserer Turnhalle, in denen wir dank unseres Sportlehrers kurz nachschauen durften, tauchte sie nicht auf.

Jetzt kam auch noch dazu, dass wir durch unsere etwas länger geratene Suchaktion zu spät zum Unterricht kamen. Und das, obwohl wir beide wirklich sehr früh aufgestanden waren. Zwar waren es nur wenige Minuten, aber Herr Schneider, unser Lehrer, sah es gar nicht gerne, wenn seine Schüler auch nur eine Minute zu spät kamen. Das bedeutete für uns eine längere Strafpredigt, mit der Androhung einer Strafarbeit, sollte sich die Unpünktlichkeit wiederholen. Ich war jetzt schon am Ende mit den Nerven. Der Tag fing ja wirklich gut an.

Kapitel 2

Und er wurde auch nicht wirklich besser, er zog sich in die Länge und ich bekam mehr und mehr das Gefühl, dass die Zeit gar nicht vergehen würde. Nach einem unangekündigten Test in Biologie hatten wir noch Mittagsschule. Um genau zu sein, hatten wir Mathematik, was mir zwar nicht wirklich schwerfiel, aber bei weitem nicht meine Lieblingsbeschäftigung war. Schon gar nicht an einem Nachmittag im September, wenn draußen die Sonne schien.

Helen hatte natürlich durchgängig schlechte Laune, was es für mich nicht angenehmer machte, auch wenn sie versuchte, es zu überspielen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das machte sie auch wirklich überzeugend, aber ich kannte sie gut genug, um die Feinheiten zu erkennen, die mir zeigten, dass sie nur spielte. Ich wusste ganz genau, dass sie nur noch diese Kette wiederfinden wollte und kaum etwas anderes im Kopf hatte. Für meine beste Freundin war klar, sie hatte nicht richtig aufgepasst und ihre Großmutter enttäuscht.

Nachdem wir endlich den Schultag hinter uns gelassen hatten, liefen Helen und ich wie immer gemeinsam bis zu unserer Bank. Auf dem Weg versuchte ich mehrfach, sie mit blöden Witzen oder dummen Sprüchen abzulenken. Sonst klappte das immer und Helen hatte nach kürzester Zeit ein dickes Grinsen im Gesicht und erklärte mir im Scherz, dass ich doof war.

Doch heute wollte das nicht so recht klappen. Helen war einfach in ihren Gedanken zu sehr mit ihrer Kette beschäftigt. Die brachte sie wirklich aus dem Konzept.

An der Bank angekommen, verabschiedeten wir uns mit einer kurzen Umarmung und ich versicherte ihr, dass ich zuhause noch einmal ganz genau nach der Kette suchen würde. Sie bedankte sich noch und wir machten uns endgültig auf den Heimweg.

Zuhause stellte ich dann sozusagen mein Zimmer auf den Kopf und suchte in jeder Ecke nach der Kette. Inzwischen war ich schon leicht genervt davon. Nur wegen ein bisschen Schmuck dieser Stress. Aber es war eben nicht nur Schmuck. Es war Helens wertvollster Besitz und ich war ihre beste Freundin und deswegen suchte ich eben weiter.

Ich beschloss, noch das Badezimmer zu durchsuchen. Es konnte ja sein, dass Helen sie dort zum Duschen abgelegt und dann vergessen hatte. Gerade als ich anfing mich dort umzusehen, betrat Ina das Bad und blickte mich skeptisch an.

„Louisa, was genau machst du da?“, fragte sie mich und sah mir dabei zu, wie ich versuchte, einen Blick hinter den Badschrank zu werfen. Konnte auch sein, dass die Kette dahintergefallen war.

Übrigens gab es neben Ina nur wenige Personen, die mich mit meinem kompletten Namen ansprachen. Ich mochte ihn nämlich irgendwie nicht so sehr. Außerdem war er mir zu lang. Ich wurde meistens Isi genannt und stellte mich auch so vor. Manchmal wurde ich auch Isa genannt, besonders gerne von meinen Eltern, oder in Helens Fall Lou. Und das aus einem ganz einfachen Grund. Ich nannte sie meistens Leni, und Leni und Lou klingt einfach besser als Leni und Isi. Außerdem befand meine beste Freundin, dass sich Isi oder Isa und Ina zu ähnlich anhörten und sie wollte ja nicht, dass sie nach mir rief und meine Schwester sich angesprochen fühlte. Wo wir jetzt wieder bei Ina waren, die mich nur aus einem Grund Louisa nannte. Um mich zu ärgern. Genervt sah ich sie an.

„Ich suche Lenis Kette.“

„Hast du die nicht heute Morgen schon gesucht?“, kam wieder eine leicht skeptische Frage. Was genau war heute eigentlich mit ihr los? Sonst interessierte sie sich doch nie dafür, was ich so machte. Ina war vier Jahre jünger als ich, also vierzehn. Ich war vor ein paar Wochen achtzehn geworden. Früher, bis ich so ungefähr fünfzehn Jahre alt war, hatten wir eine sehr enge Beziehung. Wir haben uns so gut wie alles erzählt und viel Blödsinn angestellt. Damals konnte ich sie lesen wie ein Buch und wusste schon fast, was sie dachte.

Das hatte sich inzwischen alles geändert. Sie wurde zu einer ziemlichen Zicke und provozierte häufig Streit mit mir oder unseren Eltern. Unser Vater meint immer, sie sei gerade einfach in so einer Phase, allerdings ging diese Phase jetzt schon ein paar Jahre und könnte meiner Meinung nach endlich wieder abklingen. Inzwischen ließ ich Ina einfach in Ruhe und sie ignorierte mich weitestgehend. Nur heute nicht und auch wenn mich dieses plötzliche Interesse irritierte, beantwortete ich ihre Frage, allerdings mit einem genervten Unterton.

„Ja, hab ich, nur leider erfolglos.“

„Und du glaubst wirklich, dass du die Kette noch findest? Helen wird die einfach irgendwo auf der Straße verloren haben. Irgendjemand hat sie dann gefunden, sich darüber gefreut und sie mitgenommen. Das kann passieren. Muss sich deine liebe Helen halt eine neue Kette kaufen und diesmal besser darauf aufpassen.“