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Die Kiezkinder mischen mit und gestalten ihren Lebensraum! Die Kiezkinder, das sind sechs Freund*innen: Ava, Helene, Jaron, Paul, Sia und Theo. Sie leben alle im selben Viertel, in ganz unterschiedlichen Familienkonstellationen. Ava entdeckt eines Tages einen Geheimplatz. Daraus wird ein Gemeinschaftsprojekt, wo alle Kinder ihre Kompetenzen gemeinsam einsetzen können. Es entsteht die Idee, einen Bauspielplatz für den ganzen Kiez zu schaffen. Ob Ihnen das gelingt? »Kiezkinder betont die Wichtigkeit von Freund*innenschaft, Toleranz und Anerkennung von Unterschieden. Wir erleben sechs Freund*innen, die sich mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen, die lernen, sich zu verzeihen und zu unterstützen. Sie erkennen, dass gemeinsam mehr erreicht werden kann. Sie lernen, an die eigene Selbstwirksamkeit zu glauben und zu sich zu stehen. Die Geschichte betont das Recht von Kindern auf Teilhabe, den eigenen Lebensraum mitzugestalten. Zusätzlich spricht es Themen wie Klasse, Inklusion und das Aufbrechen von Stereotypen an. Wundervoll illustriert von Roya Soraya. Ein Buch zum Selbstlesen für Leser*innen ab 10 Jahren, es ist aber auch für das gemeinsame Lesen und Vorlesen (auch für jüngere Kinder) geeignet. Es bietet vielfältige Redeanlässe. »Draußen schworen sie sich, niemandem von diesem Platz zu erzählen. Von ihrem Platz. Denn das war ein schönes Geheimnis – und schöne Geheimnisse durfte man für sich behalten.« aus »Kiezkinder – Wir mischen mit!«
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Milena Bartels, Roya Soraya
Für Lilou und Bo
1. Kapitel: Ava
2. Kapitel: Jaron
3. Kapitel: Sia
4. Kapitel: Theo
5. Kapitel: Helene
6. Kapitel: Theo
7. Kapitel: Paul
8. Kapitel: Helene
9. Kapitel: Ava
10. Kapitel: Paul
11. Kapitel: Jaron
12. Kapitel: Sia
13. Kapitel: Jaron
14. Kapitel: Sia
15. Kapitel: Helene
16. Kapitel: Paul
17. Kapitel: Ava
18. Kapitel: Theo
19. Kapitel: Alle
Danksagung
Die Pausenglocke läutete. Während alle anderen Kinder der Klasse 4b ihre Schulhefte in die Ranzen packten und die Pausenbrote herauskramten, stürzte Ava aus dem Klassenzimmer.
Mit einem offenen Schnürsenkel und wehenden Haaren rannte sie die Treppe hinab auf den Schulhof der Clara-Zetkin-Grundschule. Am Bolzplatz vorbei sprintete sie in Richtung der Sandkästen, sprang in hohem Bogen über die Wippe, schnitt eine scharfe Kurve um die Schaukeln und war am Ziel. Geschafft!
Sie war die Erste, der Platz auf der Spitze war ihr sicher. Zufrieden ging sie in die Knie, band ihren Schuh zu und kletterte die bunten Stangen des neuen Klettergerüsts hinauf.
Ganz oben angekommen, ließ sie ihren Blick über das Schulgelände schweifen.
Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Die Luft war warm und Ava hörte das Knarzen und Rauschen der großen hellgrünen Bäume, die sich im Wind wiegten. In deren Mitte stand das alte rote Backsteingebäude, umrahmt von einem weitläufigen Schulhof und dem Schulgarten voller dunkelblauer Hyazinthen, die mit ihrem schweren, süßen Duft die Luft erfüllten.
Ava zog ihr kleines Fernglas aus der Jackentasche. Sie richtete den Fokus auf die große Eingangstür, aus der allmählich die Kinder ins Freie strömten. Nach einer Weile erspähte sie Theo und Sia, die ihr schon von Weitem zuwinkten. Jaron trottete verträumt hinter ihnen her. Die drei bahnten sich einen Weg durch die Menge und liefen ihr entgegen.
»Wisst ihr schon das Neuste?«, rief Ava laut von der obersten Stange hinunter. Selbstbewusst grinste sie zu den dreien hinab. Dann machte sie einen Umschwung, hängte sich kopfüber mit ihren geringelten Strumpfhosenbeinen an die Stange und ließ ihre Arme und die langen Haare baumeln. Gespannt kletterten Sia, Theo und Jaron zu ihr hinauf. Ganz oben konnte sie nämlich niemand belauschen.
Ava war allgemein bekannt dafür, einfach alles mitzubekommen, was sich in ihrem Stadtviertel abspielte. Jeden Morgen überflog sie die Tageszeitung und hörte, wann immer es ging, beiläufig den Gesprächen der Erwachsenen zu. Auf diese Weise hatte sie schon so manches Geheimnis erlauschen können.
Zum Beispiel, dass die strenge Schuldirektorin Frau Kanterhaag vor ihrer Hochzeit Frau Popel gewesen war, was sich wie ein kicherndes Lauffeuer in der ganzen Schule verbreitet hatte.
»Ihr werdet nicht glauben, was ich gestern entdeckt habe!« Ava griff mit beiden Händen wieder an die Stange des Klettergerüsts und schwang sich geschickt ins Sitzen.
Zwei dunkelbraune, zwei grüne und zwei hellblaue Augen schauten sie neugierig an.
Ava senkte verschwörerisch ihre Stimme: »Gestern war ich nachmittags spazieren. Meine kleine Schwester Merve hatte Besuch, Ali und Kiki haben sich wegen irgendwas gestritten, ich sollte eigentlich meiner Mutter in der Küche helfen.« Ava schnaubte spöttisch. »Pff, auf Küche hatte ich gar keinen Bock, ich bin also raus. Bin dann so den Gehweg entlanggelaufen, habe Musik gehört und vor mich hin gepfiffen. Und dann, am Ende der Mariannenstraße, bin ich auf diese alte Fabrik gestoßen, wisst ihr, an der draußen das Schild hängt, dass man nicht reindarf wegen Einsturzgefahr und so. Die so groß und gruselig ist, mit Zäunen außen herum und mehrfach gesichert mit Ketten und Schlössern. Aber gestern …« Ava grinste und machte eine Pause, um die Spannung zu erhöhen. Sia, Theo und Jaron hingen an ihren Lippen. »… gestern, da habe ich ein Geheimnis entdeckt. Ein Stückchen links neben der Fabrik ist unter Efeuranken versteckt ein kleines Loch im Zaun. Groß genug, um auf dem Bauch hindurchzurobben. Nachdem ich mich da durchs Gestrüpp geschlagen hatte, habe ich – und ich meine es ernst – den schönsten Ort der Welt gefunden! Echt wahr! Das ist ein richtiger Geheimplatz, da finden uns die Erwachsenen nie. Ich muss euch das unbedingt nach der Schule zeigen!« Erwartungsvoll schaute sie die anderen Kinder an.
»Wie cool ist das denn?« Sia strahlte und war sofort Feuer und Flamme. »Ein geheimer Ort, nur für uns! Den kennt doch bestimmt niemand!«
Jaron kratzte sich am Hinterkopf. Ava wusste, dass er das immer tat, wenn er etwas unsicher war.
»Aber wenn das doch noch jemandem gehört? Dürfen wir da einfach rein?«
Theo, der Kleinste der vier, rutschte nervös auf seiner Stange herum.
»Haste Schiss?«, grinste Ava und knuffte ihn in die Seite.
»Mensch, Ava, du weißt doch, mein Papa kennt sich mit Gesetzen und so was aus, und er hat mir verboten, abgesperrte Grundstücke zu betreten«, nuschelte Theo und knibbelte an seinem Ohrläppchen herum. »Aber sehen würde ich’s schon gerne …«
»Na, ich pass doch auf dich auf!« Ava lachte. »Heute um drei Uhr am Metallzaun?«
Alle stimmten zu, Sia mit einem strahlenden und Theo mit einem gequälten Lächeln, Jaron nickte einfach. Die Pausenglocke läutete und sie kletterten hinab ins Kindergewimmel, das sich langsam Richtung Schulgebäude drängte.
Der Unterricht ging heute schnell vorbei. Ava stopfte ihre Hefte in den Ranzen, schnappte sich ihre hellrosa Regenjacke und rannte nach Hause. Nuno, der zottelige Familienhund, wartete schon schwanzwedelnd hinter der Wohnungstür und begrüßte sie mit schlabberigen Hundeküssen. Ihre Mutter Yasemin hatte Dolmas, gefüllte Paprika, gemacht. Dazu gab es Gözleme. Diese Teigtaschen waren Avas Lieblingsessen. Sie standen zum Warmhalten im Ofen. Ava klatschte sich eine auf ihren Teller und lief ins Wohnzimmer.
Merve saß auf dem Teppich und klebte mit ihrer Nase fast am Fernseher. Ava begrüßte ihre siebenjährige Schwester in ihrer Geheimsprache, die nur sie beide verstanden und die sie »Mervisch« nannten. Sie setzte sich auf das weiße Sofa und schob die türkisfarbenen Kissen zur Seite, um es sich im Schneidersitz gemütlich zu machen.
Im Fernsehen lief wieder Yaprak Dökümü, die Lieblingsserie von Yasemin. Familien- und Liebesdrama in Istanbul, Ava kannte die Folge schon. Auf dem Glastischchen vor ihnen stand eine Schüssel voll gesalzener Sonnenblumenkerne und ein großer Teller mit geschnittenem Obst. So wie Merve aussah, hatte sie sich schon über die Blaubeeren hergemacht.
Ava lachte und strubbelte ihrer kleinen Schwester durch die Haare. Merve grinste mit blauer Zunge zurück, krabbelte neben sie aufs Sofa und kuschelte sich an sie.
Normalerweise genoss Ava das gemütliche Mittagessen mit ihrer Familie vor dem Fernseher, doch heute kribbelte alles in ihr, so aufgeregt war sie, die Lichtung später mit den anderen zu erkunden.
»Aannee!«, rief sie aus dem Wohnzimmer nach ihrer Mutter Yasemin. »Kann ich mir Kekse einpacken für heute Nachmittag? Ich treff mich noch mit Sia und den anderen … Aannee?!«
Als keine Antwort kam, stand Ava auf und lief über den Flur durch die Küche auf den kleinen Balkon, der auf den Innenhof ihres Wohnprojektes hinausging. Ihre Mutter Yasemin hängte gerade die Wäsche auf und summte, mit Wäscheklammern im Mund, vor sich hin. Ava schlich sich von hinten an sie heran und umarmte sie stürmisch. Vor Schreck spuckte Yasemin alle Wäscheklammern über das Balkongeländer.
»Ava, Canım, meine Liebe, erschreck mich nicht so!«, rief ihre Mutter, riss die Hände in die Luft und lachte. Dann drückte sie ihre Tochter fest an sich und runzelte die Stirn: »Jetzt habe ich alle Wäscheklammern verloren.«
»Ich hol sie dir gleich wieder«, murmelte Ava in Yasemins dicken, warmen Bauch, der so gut nach Zuhause roch. Kurz darauf hopste sie in die Küche, um sich Kekse und eine Wasserflasche einzupacken.
Im Hof sammelte sie noch die Wäscheklammern ein, die leider nicht nur in den Tulpenbeeten, sondern auch in der stinkenden Komposttonne gelandet waren, rannte hoch, wieder runter und lief dann Richtung Treffpunkt.
Pünktlich um drei Uhr standen die vier Kinder vor dem Metallgitter an der Fabrik.
Das zerfallene Gebäude ragte hoch und dunkel vor ihnen auf, eine dornige Brombeerhecke versperrte den Blick auf das dahinter liegende, verwilderte Gelände.
Die großen Fenster waren eingeschlagen, Glassplitter bedeckten den Boden, die Türen waren mit massiven Brettern vernagelt. Vergilbte Plakate hingen in Fetzen von den Mauern, die mit Graffitis besprüht und teils von dunkelgrünem Efeu überwuchert waren. Vom halb eingestürzten Dach beobachtete eine Nebelkrähe die vier und krächzte. Der Wind heulte durch die alten Schornsteine. Die Geräusche ließen Ava erschaudern. Unbehaglich musterte Theo das Absperrgitter.
»Voll gruuuselig«, murmelte Sia nervös.
Jaron beäugte skeptisch das schmale Loch unter dem Zaun.
Ava wurde von Abenteuerlust gepackt. »Seid ihr bereit?«, wisperte sie, obwohl weit und breit kein Mensch zu sehen war. Trotzdem sahen sich die Kinder immer wieder misstrauisch um.
»Och, nee, muss das sein?« Theo zog die Schultern zu seinen Ohren. »Da mache ich mich bestimmt wieder voll dreckig und kriege dann Ärger zu Hause.« Auch Sia kräuselte beim Anblick des Zaunes die Nase und zögerte.
Aber Ava hatte ihren Plan geschmiedet und jetzt gab es kein Zurück. »Na dann, los geht’s!«, flüsterte sie und krabbelte als Erste unter dem verrosteten Bauzaun hindurch. Mitten durch den Matsch.
»Schnell, schnell, beeilt euch!«, rief sie leise von der anderen Seite. Die anderen robbten hinter ihr her. Ava stand auf und versuchte, sich den Dreck von der Jacke zu reiben, der sich dadurch nur noch weiter verteilte.
»Sieht aus wie Hundekacke«, stellte Jaron fest, ohne die Miene zu verziehen.
Ava gluckste und fiel ihm stürmisch um den Hals, um die dreckige Jacke an ihm abzuwischen. »Ich hab dich auch sooo lieb!«, rief sie überschwänglich. Jaron wurde stocksteif und drehte den Kopf weg.
»Ava, musst du ihn immer ärgern? Lass ihn doch, er mag das nicht«, meinte Theo vorwurfsvoll, aber Ava lachte nur.
Als Nächstes standen sie vor der Brombeerhecke, deren stachelige Dornen wie Tentakel überall entlangrankten.
»Wo geht es jetzt weiter?«, fragte Sia, die als Letzte aus dem Loch hervorgekrochen war.
»Hier drüben …«, antwortete Ava und zeigte auf einen niedrigen Busch, aber Sia war schon vorangeprescht und nahm einen anderen Weg. Ava zog die Augenbrauen zusammen. Sie kannte sich hier aus und wollte den anderen zeigen, wo es langging. Ärgerlich stapfte sie Sia hinterher. Bei den Dornen vergaß Ava ihren Frust aber schnell. Sia hatte die größten Füße und dazu noch Gummistiefel an, da war es ganz praktisch, dass sie voranlief, um die Ranken so weit wie möglich herunterzutreten und den anderen einen Weg zu bahnen.
Die Dornen piksten und stachen durch die Kleider und hinterließen viele kleine, blutige Kratzer auf den Armen und Beinen.
Theo jammerte: »Wie soll ich das denn jetzt später meinen Eltern erklären?«
Ava verdrehte die Augen. »Sag ihnen doch, du wolltest mich verteidigen, als mich ein Hund angekackt hat«, meinte sie spöttisch.
Jaron grinste. Sia brach in schallendes Gelächter aus, bis Theo sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Danach prustete Sia nur noch heimlich in ihre Faust und stieß Ava kichernd in die Rippen.
Nach einer Weile hatten sie sich durch den Dornenurwald gekämpft. Leise schlichen die vier um ein paar Fliederbüsche und kamen nun ihrem Ziel immer näher. Sie bückten sich, krabbelten auf allen vieren unter Gestrüpp und trockenen Zweigen weiter, kletterten über drei alte, vermoderte Baumstämme – und standen plötzlich mitten auf einer großen Lichtung.
»Wow!«, entfuhr es Theo, und er schien für einen Moment seine Sorgen zu vergessen.
Er, Jaron und Sia standen einfach nur da und staunten. Überall auf dem weitläufigen Gelände blühten Gänseblümchen und goldgelber Löwenzahn. Bienen und eine dicke Hummel summten zwischen den Blüten hin und her.
Büsche schützten den Ort von allen Seiten vor neugierigen Blicken. Eine Buche ragte hoch und mit hellgrünen Knospenspitzen über ihnen auf, ihre Äste reichten bis über die Köpfe der Kinder. Einige große Steine säumten, von weichem Moos überwachsen, die Ränder der Lichtung.
Auf der Wiese lagen allerlei Schutt und alte Möbel verteilt. Wie aufregend! Ava konnte kaum still stehen. Es schien, als seien sie auf einem anderen Planeten gelandet. Weit weg waren auf einmal die Stadt, die grauen Straßen, die Autos. Hier waren nur sie. Ava atmete tief ein und aus. Wie gut es hier roch!
Sia, Jaron und Theo schwiegen immer noch andächtig.
»Na, da seid ihr aber sprachlos, was? Ist das nicht ein richtiges Paradies?!« Ava freute sich über ihre gelungene Überraschung und stolzierte mit großen Schritten zur Buche am Rande der Lichtung. Sie inspizierte den Baum von allen Seiten, warf ihre langen Haare schwungvoll über die Schulter und sprang geschickt auf den ersten Ast. Wie ein Eichhörnchen kletterte sie flink Richtung Baumkrone. Von oben beobachtete sie die anderen Kinder, die jedes für sich anfingen, die Lichtung zu erkunden.
Jaron begutachtete den herumliegenden Schrott und begann, ihn in kleine Haufen zu sortieren. Schrauben, Muttern, gerade und krumme Nägel, eine Schaufel, sechs weiße Fliesen, zwei Klingeln und einen Fahrradkorb fand er. Sia entdeckte eine alte Waschmaschinentrommel, die sie wie eine Feuerschale in die Mitte der Lichtung stellte, und baute daneben aus Holzscheiten und Brettern eine kleine Bank zum Draufsetzen. Wie praktisch, dass sie an ihren Werkzeuggürtel mit Hammer, Säge und Schraubenzieher gedacht hatte! Mit Jarons Nägeln im Mund und konzentriert gerunzelter Stirn sah sie aus wie eine echte Handwerkerin, dachte Ava schmunzelnd. Dann beobachtete sie Theo, der ein Gänseblümchen pflückte, es hinter sein rechtes Ohr steckte und sich mit ausgestreckten Beinen in die Sonne auf das frische, duftende Gras legte. Die anderen mochten den Ort genauso gerne wie sie, das spürte Ava. Die Sonne kitzelte sie durch die Zweige hindurch im Gesicht. Ganz glücklich machte sie das.
So verging die Zeit, bis die Schatten allmählich länger wurden. Sie beschlossen, denselben Weg wieder zurückzukriechen und nach Hause zu gehen. Draußen schworen sie sich, niemandem von diesem Platz zu erzählen. Von ihrem Platz. Denn das war ein schönes Geheimnis – und schöne Geheimnisse durfte man für sich behalten.
Jaron hatte den längsten Weg nach Hause. Er schlappte die Straße entlang zur Siedlung am Stadtrand, in der er mit seiner Schwester Helene und seiner Oma Salome wohnte. So ein Mist, dass er sein Fahrrad zu Hause gelassen hatte. Gedankenversunken lief er über die großen Gehwegplatten und vermied es, auf die Ritzen dazwischen zu treten. Über die zerknüllten Getränkedosen und kaputten Bierflaschen machte er große Schritte. Auf dem Spielplatz in seiner Straße saßen abends häufig Jugendliche, tranken und grölten und ließen danach ihren Müll liegen. Seine Oma schimpfte oft darüber.
Auf ihrem Geheimplatz lag auch allerlei herum, aber das war kein Müll. Das waren Schätze. Jaron griff in seine Jackentasche und zog das Stück Kohle heraus, das er vorhin auf der Lichtung gefunden hatte. Es färbte seine Finger tiefschwarz. Genau diese Farbe hatte er gesucht. Zufrieden mit seinem Fund holte er seinen Haustürschlüssel aus dem Ranzen und schloss die Wohnung im Erdgeschoss der Rosa-Luxemburg-Straße 11 auf.
Keiner war zu Hause. Er schlüpfte aus seinen Schuhen und lief schnurstracks über die bunt gemusterten Teppiche zum Küchentisch, auf dem sein großes Kunstwerk lag. Auf nichts war er bisher so stolz gewesen. Seit Wochen arbeitete er daran. Und nun war es fast fertig: das Zauberschloss in 3-D!
Für die 60x80 Zentimeter große Zeichnung hatte sich Jaron alle Hexen- und Zaubererbücher aus der Stadtbibliothek ausgeliehen und das Schloss den Beschreibungen nach skizziert. Alle Details hatte er ausgearbeitet, Kinder auf fliegenden Besen gezeichnet, magische Kugeln und Drachenköpfe in die erleuchteten Zimmer des Gemäuers gesetzt. Jetzt fehlte nur noch der Himmel. Und der sollte dunkel sein, schwarz wie die Nacht eben.
Jaron ging in sein kleines Zimmer und stieg über seine Matratze, um zu seiner Malkiste zu gelangen. Er holte sich einige Schmierpapiere, lief wieder zurück in die Küche und entwarf erst einmal ein paar Skizzen des Nachthimmels, bevor er sich vorsichtig und hoch konzentriert an sein Bild machte.
Jaron vergaß alles um sich herum.
Die Wolken aus Kohlestaub türmten sich bedrohlich über dem Schloss auf. Langsam und vorsichtig verwischte er einige Rußkörnchen mit dem Finger und der Himmel verwandelte sich in einen wilden heranziehenden Sturm. Jaron stellte sich vor, wie ein Zauberer auf seinem Besen angstvoll die Augen aufriss und immer schneller durch den Sturm jagte. Er meinte sogar fast, das Knarren und Ächzen des alten Gemäuers zu hören. Die Wolken zogen in Fetzen über den Himmel. Er verteilte in jeder Ecke noch etwas Kohle und pustete die übrigen Körnchen vom Papier.
Sein Bild war fertig. Einfach perfekt! Jaron stand auf und staunte. Morgen konnte er es dann mit in den Kunstunterricht in der Schule nehmen. Mit einem zufriedenen und warmen Gefühl in der Brust legte er sein Werk vorsichtig auf die Fensterbank.
Erst jetzt bemerkte er, dass er noch seine Regenjacke anhatte, darunter schrecklich schwitzte und sein Magen vor Hunger knurrte. Jaron zog seine Jacke aus und klopfte den Dreck ab, den Avas Umarmung darauf hinterlassen hatte. Dann machte er sich ein Butterbrot und dachte kauend an den Kunstwettbewerb kommende Woche.
Zum ersten Mal hatte er sich bei so etwas angemeldet. Alle anderen Wettbewerbe, wie Sportturniere oder Matheolympiaden, waren nichts für ihn. Aber Malen war für ihn das Größte. Künstler würde ich gern werden, dachte Jaron, oder Zauberer.
Außerdem lockte ihn der Preis für den ersten Platz: Für 100 Euro durfte sich das Kind, das gewann, im größten Geschäft für Kunstbedarf der Stadt alles aussuchen, was es wollte. Was er sich davon alles kaufen könnte! Richtig gute Bleistifte zum Beispiel oder Acrylfarben und eine große Staffelei und Leinwände. Vielleicht könnte er auch noch einen bunten Lack für Sias Bank mitbringen.
Gedankenverloren schaute er auf die Uhr. Schon fast halb sechs. Schnell räumte er alles beiseite, machte den Rest seiner Hausaufgaben und hörte, kaum war er fertig, auch schon das Schnaufen seiner Oma, die sich mit schweren Einkaufstaschen den Hausflur entlangmühte. Jaron sprang auf, öffnete die Tür und nahm ihr die Einkaufstüten ab.
»Oi weh!«, seufzte Oma Salome. »Muss ich schleppen auf meine alten Tage. Kein Erbarmen hat der Ewige mit mir. Da bist du ja, mein Goldjunge!«
Erschöpft ließ sie sich auf den Küchenstuhl sinken und strich ihr Blumenkleid glatt. Jaron stellte einen Topf mit Wasser auf den Herd, um einen Tee zu kochen. Oma Salome entspannte sich etwas, räusperte sich und sagte: »Mein lieber Jaron, ich will dir von meinem Tag erzählen. Heute war ich wieder bei
