Kinderärztin Dr. Martens Jubiläumsbox 1 – Arztroman - Britta Frey - E-Book

Kinderärztin Dr. Martens Jubiläumsbox 1 – Arztroman E-Book

Britta Frey

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Beschreibung

Als ihr Mann Rüdiger sie verlässt, bricht für Roxanne eine Welt zusammen. In ihrem Schmerz ist sie nahezu handlungsunfähig und vernachlässigt sich und ihre 8-jährige Tochter Jennifer. Da holt ihr Vater, Alfred Konrads, sie zu sich nach Hause und versucht, sie wieder aufzubauen. Jennifer vermisst ihren Vater und leidet sehr unter den neuen Verhältnissen, die sie sich nicht erklären kann... Keine Leseprobe vorhanden.

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Seitenzahl: 871

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Inhalt

Sven lernt wieder lachen

Ein Vati für Sebastian

Eine junge Mutter in Nöten

Drei Mädchen brauchen eine Mutti

Nico ist krank vor Einsamkeit

Ich will immer für dich da sein

Kinderärztin Dr. Martens – 1–

6er Jubiläumsbox

1 - 6

Britta Frey

Sven lernt wieder lachen

Ohne Mutti war alles so traurig

Roman von Britta Frey

In der Kinderklinik Birkenhain machte sich Dr. Kay Martens große Sorgen. Es ging um seine Schwester, die junge Kinderärztin Dr. Hanna Martens.

Hanna hatte sich eine starke Erkältung zugezogen, die sie ein wenig zu leichtgenommen hatte. Auf seine besorgten Worte hatte sie nur lächelnd gesagt: »Ich bin doch keine Zuckerpuppe, Kay. Du kennst mich doch, mich wirft so schnell nichts um. In ein paar Tagen ist alles wieder vergessen.«

Das war am Wochenende gewesen. Aber obwohl Hanna sich am Sonntag ziemlich geschont hatte, verschlimmerte sich ihr Befinden über Nacht. Ihr Husten wurde stärker. Es war anhaltender trockener Husten. Ihr Atem ging schneller, und es traten beim Husten und Atmen auf einmal Schmerzen in ihrer Brust auf. Hanna war Ärztin genug, um sofort zu erkennen, dass sich da etwas Ernsteres zusammenbraute.

Als Kay am Montagmorgen den Wohnraum betrat, wunderte er sich darüber, dass Hanna nicht wie an jedem anderen Morgen schon wach war und das Frühstück für sie beide fertig hatte. Rasch stellte er die Kaffeemaschine an und deckte den Frühstückstisch.

Danach klopfte er an Hannas Zimmertür und rief lachend: »Hallo, Schwesterherz, aufgewacht, es wird Zeit.«

Als er auch nach einem nochmaligen Klopfen keine Antwort von ihr bekam, öffnete er besorgt die Tür und betrat das Zimmer.

Im gleichen Augenblick begann Hanna erneut anhaltend zu husten.

»Um Gottes willen, Hanna, was ist denn los mit dir?«, kam es bestürzt von Kays Lippen, denn aus fiebrig glänzenden Augen sah Hanna ihn an.

»Ich glaub, mich hat es doch erwischt, Kay. Du musst heute wohl ohne mich auskommen.« Ihre Stimme war heiser, und ihr Lächeln kläglich.

»Du machst vielleicht Sachen! Hanna, du hast ja hohe Temperatur«, sagte Kay, der eine Hand auf ihre Stirn gelegt hatte, nun doch erschrocken.

»Ich hole rasch ein Thermometer, dann werde ich dich erst einmal untersuchen. Du stehst auf keinen Fall auf.«

Als er mit seiner Untersuchung fertig war und auch die Temperatur gemessen hatte, sagte er betroffen: »Neununddreißig. Ich denke, dass wir nachher eine Lungenaufnahme machen.«

»Lungenentzündung, nicht wahr, Kay? Ich habe es schon selber erkannt«, kam es heiser über Hannas trockene Lippen. »Und da habe ich immer geglaubt, mir kann so etwas nicht passieren.«

»Es ist nun einmal passiert, Hanna. Ich hole dir jetzt etwas zu trinken, danach schicke ich dir Schwester Elli herauf, die dich in eines unserer Krankenzimmer bringt. Wir werden die Geschichte schon in den Griff bekommen.«

»Ich kann doch hier oben …«

»Auf keinen Fall. Ich will, dass du auf die Station kommst, da hast du bessere Pflege. Wenigstens für ein paar Tage. Du bist jetzt meine Patientin.«

Kay brachte Hanna ein großes Glas Mineralwasser, das sie bis auf den letzten Tropfen leer trank.

Obwohl Kay wusste, dass es selten zu Komplikationen kam, seitdem man eine Lungenentzündung mit Antibiotika behandeln konnte, machte er sich große Sorgen um Hanna. Denn auch mit einer Lungenentzündung war nicht zu spaßen.

*

In einer der großen Villen in einem Vorort von Regensburg lebten Professor Günther Martens und seine Frau Leonore. Eine Köchin und das Hausmädchen Lena wohnten schon seit Jahren im Haus und sorgten dafür, dass alles in Ordnung war. Trotzdem packte Leonore Martens mit an, denn sie war keine Frau, die nur die Hände in den Schoß legte.

Leonore war eine gut aussehende, gepflegte Frau mit ihren einundsechzig Jahren. Das schwarze Haar wies erst vereinzelte graue Härchen auf. Aber seit ihre einzigen Kinder, Kay und Hanna, sich selbstständig gemacht und sich so weit weg von der Heimat mit ihrer Kinderklinik eine eigene, schöne Existenz aufgebaut hatten, fehlte noch etwas, und sie fühlte sich oft sehr einsam.

Dabei war ihr Mann Günther fast jeden Nachmittag im Haus. Erst vor einem Jahr war er, fünfundsechzig geworden, in den Ruhestand getreten. Das betraf jedoch nur seine aktive Arbeit. Vormittags hielt er an der Uni noch seine Vorlesungen. Auch sie selbst war im karitativen Bereich tätig. Trotzdem vermisste sie vor allem die Fröhlichkeit ihrer selbstbewussten und klugen Hanna. In der letzten Zeit war immer öfter der Wunsch in ihr, ihre beiden Kinder einmal für einige Tage zu besuchen.

Mitten in ihrer Unterhaltung am Abendbrottisch klingelte draußen in der kleinen Halle das Telefon. Lena klopfte kurz danach und sagte: »Ein Anruf für Sie, Frau Martens. Es ist Ihr Sohn Kay.«

»Danke, Lena, ich komme schon.« Rasch erhob Leonore sich.

Als sie nach wenigen Minuten zurückkam, fragte ihr Mann lächelnd: »Nun, Liebes, was wollte der Junge?« Doch das Lächeln erstarrte auf seinem Gesicht, als er in ihr Gesicht blickte.

»Hanna ist erkrankt, Günther. Sie hat sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen. Ich will sofort hin. Bitte erkundige du dich, wann der nächste Zug fährt, ich packe nur rasch einen kleinen Koffer.«

»Aber Leonore, Liebes, du willst doch wohl nicht mitten in der Nacht fahren wollen? Reicht es nicht, wenn du morgen früh den ersten Zug nimmst?«

»Nein, Günther, ich hätte doch die ganze Nacht keine ruhige Minute mehr. Außerdem ist es gerade erst zwanzig Uhr vorbei. Ich fühle es in meinem Herzen, dass unsere Hanna mich jetzt braucht. Bitte, tu, um was ich dich gebeten habe. Ich beeile mich mit dem Packen. Und bestelle mir auch sofort eine Taxe zum Bahnhof.«

Mit leichtem Kopfschütteln sah der hagere Mann hinter seiner Frau her, dann stand auch er auf und ging in die Halle zum Telefon.

Eine knappe Stunde später befand sich Leonore Martens schon im Eilzug, in Richtung Hannover. Obwohl ihr Mann für ein Schlafwagenabteil gesorgt hatte, war Leonore Martens viel zu aufgeregt, um auch nur ein Auge zu schließen. Ihre Gedanken galten ihrer erkrankten Tochter, ihrer Hanna.

In Gedanken an die Vergangenheit schlief Leonore Martens schließlich doch ein und wurde erst kurz vor dem Ziel vom Zugschaffner geweckt.

*

Martin Schriewers, der gerade seinen Dienst in der Aufnahme angetreten hatte, sah überrascht auf die schlanke gepflegte Dame, die aus dem soeben vorgefahrenen Taxi stieg.

Das war doch die Mutter von Kay und Hanna Martens. Kay musste sie wohl noch am vergangenen Tag benachrichtigt haben.

Eilig verließ er die Aufnahme und begrüßte sie höflich. Kennengelernt hatten er und seine Frau Marike die Eltern von Kay und Hanna bei der Eröffnung der Klinik, und das war inzwischen schon fast eineinhalb Jahre her. Nach ein paar Fragen nach dem Befinden von Marike fragte Martin Schriewers, ob er eine Schwester rufen sollte. Aber Leonore Martens antwortete mit einem ernsten Lächeln: »Nicht nötig, Herr Schriewers, ich kenne mich ja hier schon aus. Sagen Sie mir nur, ob meine Tochter oben in der Privatwohnung liegt oder auf der Krankenstation.«

»Auf der Station, Frau Martens, damit ständig jemand in der Nähe ist.«

»Danke, Herr Schriewers, dann gehe ich sofort hinauf«, erwiderte Leonore Martens. Sie nickte ihm noch einmal kurz zu und ging mit eiligen Schritten die Treppe hinauf.

Kay kam gerade mit sehr ernstem Gesicht aus Hannas Krankenzimmer. Seine Augen weiteten sich überrascht, als er die Frau sah, die mit eiligen Schritten auf ihn zukam: »Du, Mutter? Wo kommst du denn schon so früh am Morgen her?« Zärtlich umarmte er die schlanke Gestalt und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn.

»Wo soll ich schon herkommen, mein Junge? Mich hat es nach deinem Anruf gestern Abend nicht mehr daheim gehalten. Aber sag mir zuerst, wie es Hanna geht. Du hast mir und Vater mit deinem Anruf einen gehörigen Schrecken eingejagt.«

»Tut mir leid, Mutter, aber Hanna hat es schlimm erwischt. Ich glaube nicht, dass sie dich erkennen wird, die Temperatur ist auf einundvierzig gestiegen. Ich habe ihr gerade wieder Medikamente verabreicht, und auch sonst tun wir alles, um die Sache in den Griff zu bekommen.«

Rasch legte Leonore ihren Mantel ab und reichte ihn Kay.

»Wir sehen uns dann später, Junge.« Damit wandte sie sich ab und betrat leise das Krankenzimmer, das Kay kurz zuvor verlassen hatte.

Es war genauso, wie es Kay gesagt hatte. Schwester Elli, die gerade wieder den Schweiß von Hannas fieberheißer Stirn getupft hatte, machte bereitwillig Platz, als sie die Mutter der von allen verehrten jungen Chefin sah.

Mit leiser Stimme begrüßte sie Leonore und verließ dann still das Zimmer, um Mutter und Tochter für kurze Zeit allein zu lassen.

»Hanna, Mädel, ich bin es, Mutti«, sagte sie mit weicher Stimme. Sie beugte sich über die Fiebernde und legte mit einer sanften Geste ihre Hand auf die glühende Stirn.

Doch wie Kay es gesagt hatte, Hanna nahm die Mutter überhaupt nicht wahr. Sie hatte die Augen geschlossen, und ihr Kopf, die ganze Gestalt, bewegten sich unruhig hin und her.

Mit zarter Hand tupfte Leonore die Schweißperlen von Hannas Stirn und umfasste mit ihren kühlen Händen die fieberheißen ihrer Tochter. So blieb sie sitzen, bis Schwester Elli mit einer Kanne Tee und einem Glas das Zimmer wieder betrat.

»Wie lange geht das schon so, Schwester Elli?«, wollte sie wissen.

»Heute ist der zweite Tag, Frau Martens.«

»Ich bleibe einige Tage hier auf Birkenhain und werde Sie in der Betreuung und Pflege meiner Tochter ablösen, Schwester Elli. Ich will mich jetzt nur rasch umziehen und mich ein wenig frisch machen. Es war eine lange Fahrt hierher nach Ögela.«

»Darf ich Ihnen einen Kaffee besorgen lassen, Frau Martens?«

»Danke für das Angebot, Schwester Elli, aber ich werde mich in der Wohnung selbst versorgen.«

»Gehen Sie nur unbesorgt, Frau Martens, ich werde Frau Doktor inzwischen nicht aus den Augen lassen.«

Es dauerte noch zwei Tage und Nächte, in denen das Fieber in Hannas Körper wütete und sie schwächte, dann bekam Kay die Lungenentzündung endlich in den Griff, und die Temperatur ging langsam zurück. Nur für Stunden war Leonore in dieser Zeit dazu zu bewegen gewesen, von der Seite ihrer Tochter zu weichen, um etwas Schlaf zu bekommen.

»Wenn du noch lange so weitermachst, Mutter, dann kannst du dich gleich neben Hanna in ein Bett legen«, hatte Kay besorgt gesagt. Aber Leonore hatte immer nur abgewehrt und gesagt: »Ich kann Hanna nicht allein lassen. Sie braucht mich jetzt.«

Erst als sie wusste und selbst sah, dass Hanna die kritischen Stunden ohne weiteren Schaden überwunden hatte, zog sie sich erschöpft nach oben in Hannas Schlafzimmer zurück und fiel in einen tiefen, fast zehn Stunden andauernden traumlosen Schlaf.

*

»Wie hoch ist die Temperatur, Schwester Elli?« Fragend sah Kay die Oberschwester an, die gerade mit dem Fieberthermometer aus Hannas Zimmer kam.

»Weiter gesunken, es sind nur noch achtunddreißig sechs, Herr Doktor. Aber ich glaube, dass die vergangenen Tage sehr viel Kraft gekostet haben.«

Hannas Augen waren noch ein wenig trüb, als Kay an ihr Bett trat.

»Hallo, Schwesterherz, du hast uns vielleicht Sorgen gemacht! War wohl nichts, als du mir sagtest, dass dich so rasch nichts umwirft? Aber ganz im Ernst, ich bin ungeheuer erleichtert, dass wir die Sache endlich in den Griff bekommen haben. Deine Temperatur ist zwar noch erhöht, aber wenn es sich so weiterentwickelt, dann können wir alle zufrieden sein. Wie fühlst du dich?«

»So, als habe man mich durch den Wolf gedreht, am ganzen Körper wie zerschlagen«, antwortete Hanna mit matter Stimme.

»Kann ich mir vorstellen. Fieber schwächt den Körper immer ganz enorm.«

»Hör mal, Kay, mir war so, als ob Mutti hier war. Oder habe ich das vielleicht nur geträumt?«

»Du hast nicht geträumt, Hanna. Mutter kam gleich am zweiten Tag deiner Erkrankung und sie war kaum von deiner Seite zu bekommen. Gott sei Dank, jetzt schläft sie schon fast zehn Stunden. Sie war erst dazu bereit, als das Fieber bei dir zu sinken begann. Aber du solltest noch nicht zu viel reden, noch bist du nicht über den Berg und brauchst viel Ruhe. Du hast jetzt vier Tage keinerlei feste Speisen zu dir genommen. Du solltest versuchen, es jetzt mit etwas leichter Kost zu versuchen. Ich werde dafür sorgen, dass man dir eine kräftige Hühnerbrühe und dazu etwas frisches Weißbrot bringt. Deine Wangen sind in den wenigen Tagen richtig schmal geworden. Versuche jetzt, noch ein wenig zu schlafen. Schlaf ist in deinem Fall nun die beste Medizin.«

»Ich bin auch schrecklich müde, Kay«, entgegnete Hanna mit matter Stimme und schloss die Augen.

Leise verließ Kay nun das Krankenzimmer. Im Schwesternzimmer gab er Schwester Elli noch einige Anweisungen, danach ging er mit eiligen Schritten ins Erdgeschoss hinunter, wo er von seinen Mitarbeitern schon erwartet wurde.

*

Nach weiteren drei Tagen war Hanna zum ersten Mal fast fieberfrei. Am Abend, als Hanna schon schlief, saß Leonore Martens mit Kay oben in dem privaten Wohnraum und unterhielt sich mit ihm über Hanna.

»Weißt du, Junge«, sagte sie zu Kay. »Ich bin so froh darüber, dass es Hanna etwas besser geht. Aber ich meine, sie sollte nicht zu rasch wieder alle Aufgaben und Pflichten übernehmen. Ich will damit sagen, dass sie sich irgendwo in gesunder Luft ein paar Wochen so richtig von ihrer Erkrankung erholen kann. Ich weiß, du könntest jetzt einwenden, dass die Luft hier in der Heide gesund ist. Ich will es auch nicht abstreiten. Aber du kennst auch Hanna. Wenn sie hierbleiben würde, dann würde es ihr Ehrgeiz und ihr Selbstbewusstsein nicht lange zulassen, zuzusehen, wie ihr alle schafft, während sie selber die Hände in den Schoß legt. Nein, mein Vorschlag wäre schon, vielleicht für ein paar Wochen in den Schwarzwald zu fahren. Nun, was meinst du dazu?«

»Eine blendende Idee, Mutter, wenn es dir gelingt, Hanna dazu zu überreden. Weißt du, ich war inzwischen schon zwei Mal für einige Tage auswärts zu einem der Ärztekongresse, und Hanna ist dagegen überhaupt noch nicht fort gewesen. Ein richtig schöner Erholungsurlaub würde ihr guttun. Natürlich muss sie sich zuerst noch hier ein wenig erholen. Von heute auf morgen geht es freilich nicht.«

Eine halbe Stunde später wurde es dunkel hinter den Fenstern der kleinen Giebelwohnung.

Schon am nächsten Tag brachte Leonore Hanna gegenüber ihren Vorschlag zum Ausdruck, in Kürze einige Wochen in den Schwarzwald zu fahren, um sich richtig zu erholen und auszukurieren.

»Hat Kay dir das vorgeschlagen, Mutti?«

»Nein, Hanna, dieser Vorschlag kommt von mir persönlich. Aber ich habe gestern Abend mit Kay darüber gesprochen. Er findet ihn gut. Es geht ja nicht gut, wenn du dich zu schnell wieder in deine Arbeit stürzt und dadurch vielleicht sogar einen Rückfall bekommst. Während der letzten acht Tage musste es auch ohne dich gehen. Kay wird also auch noch einige Wochen länger allein auskommen müssen.«

»Wollt ihr mich hier loswerden, Mutti?« Hannas Stimme, noch immer etwas leise, klang halb scherzend und halb ernst.

»Aber, Hanna, Liebes, das glaubst du doch wohl selbst nicht«, entgegnete Leonore Martens betroffen.

»Es war nur ein Scherz, Mutti. Natürlich bedeutet mir die Arbeit sehr viel. Aber ich sehe auch ein, dass ich noch lange nicht so weit bin. Ich bin schon glücklich, dass ich bis jetzt alles so gut überstanden habe. Ich verspreche dir, dass ich darüber nachdenken werde … Beruhigt?«

»Ja, ich bin beruhigt. Du hast Zeit genug, es dir zu überlegen, denn bis zum Ende der Woche, das sind noch fünf Tage, bleibe ich bei euch. Danach fahre ich wieder zu Vater zurück, denn allzu lange möchte ich ihn nicht allein lassen.«

»Du bist ein Schatz, Mutti. Noch fünf Tage, dann haben Kay und ich ja noch etwas von dir. Weißt du, ich fühle mich ganz gut, und ich möchte eigentlich morgen hinauf in unsere Wohnung, da haben wir beide es etwas gemütlicher. Ich kann über den Tag auf der Couch liegen und mich von dir verwöhnen lassen. Außerdem können wir für die restlichen Tage noch ein zweites Bett in mein Schlafzimmer stellen lassen. Es würde mir guttun, dich einmal ganz in meiner Nähe zu haben, nicht nur hier im Krankenzimmer. Ich werde nachher, wenn Kay kommt, mit ihm darüber reden.«

»Ist es nicht noch ein wenig zu früh, Liebes?«

»Warum sollte es, Mutti? Ich bin heute schon den zweiten Tag fieberfrei. Außerdem habe ich doch Ärzte genug in unmittelbarer Nähe. Ich werde mir bestimmt noch nicht zu viel zumuten.«

»Das will ich wohl auch hoffen, Hanna«, kam da Kays Stimme von der Tür her. Er hatte das Zimmer unbemerkt betreten und die letzten Worte Hannas mitbekommen.

»Schön, dass es dir wieder besser geht. Ich möchte jedoch heute zur Kontrolle noch eine Lungenaufnahme machen. Ich denke doch, dass du mit dieser Maßnahme einverstanden bist. Noch einmal möchte ich die vergangenen Tage, vor allen Dingen die ersten fünf Tage, nicht durcherleben.«

»Natürlich bin ich einverstanden. Sag mir nur Bescheid, wann, dann stehe ich dir zur Verfügung. Ich möchte auch in unsere Wohnung hinauf, damit Mutti es für die paar Tage, die sie ja noch bei uns ist, ein wenig bequemer hat. Liegen kann ich auch oben.«

»Von mir aus, Hanna. Ich weiß ja, dass du jemanden bei dir hast, der schon dafür sorgen wird, dass du dir noch nicht zu viel zumutest. Nicht wahr, Mutti?«

Leonore Martens nickte nur zustimmend, dann sagte sie: »Ich wollte eigentlich noch etwas anderes zur Sprache bringen. Ihr wohnt zwar oben in eurer Wohnung recht gemütlich, aber reicht es euch auf die Dauer gesehen? Vater sagte doch vor einiger Zeit, dass ihr vorhabt zu bauen. Wie sieht es denn mit diesem Vorhaben aus? An den Finanzen kann es doch nicht liegen, oder? Ihr habt beide die Klausel in Opas Testament erfüllt, habt euch eure Existenz aufgebaut. Ihr könnt euch jederzeit euer Erbe auszahlen lassen. Und wir sind ja schließlich auch noch da.«

»Zum nächsten Frühjahr ist Baubeginn, Mutti. Wir haben schon vor längerer Zeit die ersten Vorgespräche mit einem Architekten geführt. Und zwar wollten wir hinten, hinter dem Klinikpark, einen Zweifamilienbungalow bauen lassen. Das Grundstück gehört auch zum Klinikgebäude, also uns. Aber gut Ding will Weile haben. Du kennst das alte Sprichwort, Mutti. Natürlich brauchen wir dazu auch unser Erbteil von Opa. Unsere jetzige Wohnung kann dann von einem unserer Mitarbeiter oder für Pflegepersonal genutzt werden. Bist du zufrieden mit dieser Auskunft?«

»Prima, mein Junge, mehr wollte ich auch nicht wissen«, gab Leonore Martens ihrem Sohn lächelnd zur Antwort.

*

Dann war es so weit. Es war ein sonniger Herbstmorgen, als Hanna ihre Koffer verstaute, um ihre Reise in den Schwarzwald anzutreten.

Bis zuletzt war Kay dagegen, dass Hanna mit dem eigenen Wagen fuhr. Als sie schon die Koffer verstaut hatte, sagte er noch: »Ich bin nicht damit einverstanden, Hanna. So kräftig bist du noch nicht. Die lange Fahrt ist viel zu anstrengend für dich. Willst du es dir nicht noch überlegen und mit dem Zug fahren? Die Reise wäre für dich viel angenehmer und bequemer.«

»Lass nur. Ich bin mit dem Wagen unabhängiger. Außerdem kann ich ja längere Pausen einlegen. Mich treibt doch niemand«, erwiderte Hanna mit einem beruhigenden Lächeln.

»Du musst es wissen, es ist deine eigene Entscheidung. Aber pass gut auf dich auf. Ich möchte dich ja letztendlich gesund und fit wieder hier in Birkenhain erwarten können.«

Mit umwölkter Stirn sah Kay dem Wagen seiner Schwester nach, bis er seinen Blicken entschwunden war, dann ging er ins Klinikgebäude zurück.

Für ein paar Wochen musste es nun ohne Hanna gehen.

Hanna aber freute sich auf die vor ihr liegenden Wochen. Ihr Ziel war der Titisee im Hochschwarzwald, in der Nähe von Neustadt. Sie hatte zwar keine Vorbestellung für ein Zimmer, aber sie war sicher, als Einzelperson eine Unterkunft in einer gemütlichen Familienpension zu bekommen. Doch zunächst lag eine Strecke von etwa sechshundert Kilometern vor ihr.

Körperlich fühlte sich Hanna schon seit Tagen sehr gut, sie hatte keinerlei Beschwerden mehr. Sie fühlte sich nur manchmal noch etwas schwach, kraftlos, aber das würde sich in den kommenden Wochen bei viel Ruhe, guter Luft und kräftigem Essen auch noch geben, dessen war sie sicher.

Nachdem Hanna über die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatte, fühlte sie sich trotz der zwei über eine halbe Stunde dauernden Pausen doch ziemlich abgespannt. Sie entschied sich kurzerhand, von der Autobahn abzufahren, in einem hübschen Ort zu übernachten und erst am kommenden Morgen die restliche Strecke bis zum Titisee zu fahren.

Ruhlbach hieß das Dörfchen, in dem sie schließlich halt machte und wo sie sich in einem kleinen Gasthaus des Ortes ein Zimmer nahm.

Sie bestellte sich zuerst eine warme Mahlzeit und legte sich anschließend für zwei Stunden hin. Gegen Abend unternahm sie dann einen langen Spaziergang durch die landschaftlich sehr hübsche Umgebung. Das Dörfchen lag in einem weiten Tal, umgeben von viel Wald. Ein kleines Flüsschen schlängelte sich malerisch mitten durch den Ort. Hanna bedauerte, ihren Fotoapparat nicht mitgenommen zu haben, so hübsch fand sie alles. Als die Dämmerung hereinbrach, ging sie langsam zum Gasthaus zurück. Nach einer leichten Mahlzeit zog sie sich auf ihr Zimmer zurück und legte sich zu Bett, um am nächsten Morgen schon sehr früh frisch und ausgeruht ihre Fahrt fortzusetzen.

Gegen Mittag war sie dann endgültig am Ziel. Der Titisee breitete sich vor ihr aus.

»Zimmer frei«, las Hanna, und über der Tür des hübschen Fachwerkhauses mit den blumengeschmückten Balkonen stand in verschnörkelter Schrift »Pension Waldfrieden«.

Wunderhübsch, dachte Hanna. Sie brachte ihren Wagen zum Stehen und stieg aus. Sie sah sich genau um. Dicht an einem Waldrand geschmiegt lag die Pension. Alles sah recht malerisch aus. Was Hanna jedoch am meisten begeisterte, war der Blick, den man von dieser Stelle aus über den blau schimmernden Titisee hatte. Sie schätzte die Strecke bis zum See so auf die 150 bis 200 Meter. Ja, so hatte sie sich den Ort vorgestellt, an dem sie Urlaub machen würde.

Die Inhaberin der Pension war eine hübsche, sehr gepflegte Frau, die Hanna auf etwa vierzig Jahre schätzte.

Mit Marlies Korf stellte sie sich Hanna vor und führte sie in ein sehr wohnlich eingerichtetes Zimmer mit Balkon und Blick auf den See.

»Gefällt es Ihnen, Frau Dr. Martens?«

»Es ist wunderschön, Frau Korf. Ich glaube, bei Ihnen werde ich mich sehr wohlfühlen. Haben Sie viele Gäste?«

»Zurzeit nur sechs, aber die restlichen vier Zimmer, außer diesem hier, werden wohl zum Wochenende auch belegt werden. Es sind elf Zimmer, die wir vermieten können. Es ist also in der Regel bei uns immer verhältnismäßig ruhig.«

»Ich nehme das Zimmer, Frau Korf. Ein ruhiges Haus kommt meinen Wünschen sehr entgegen. Ich möchte mich nach einer Erkrankung erholen«, gab Hanna mit einem herzlichen Lächeln zurück.

Sehr rasch waren die Formalitäten erledigt, und Klaus Korf, der vierzehnjährige Sohn des Hauses, brachte Hanna das Gepäck ins Zimmer hinauf. Dann war sie erst einmal allein.

Nachdem sie ausgepackt und sich ein wenig erfrischt hatte, ging sie in das Zimmer und richtete sich ein. Danach zog es sie auf den Balkon hinaus, und sie genoss den wunderbaren Ausblick. Sie war plötzlich sehr glücklich, den Rat der Mutter befolgt zu haben. Sie bereute ihren Entschluss nicht.

*

Ein paar Tage weilte Hanna nun schon in dem kleinen Ort am Titisee, in der Pension »Waldfrieden«. Bis um elf Uhr hatte man Zeit für das Frühstück. Wer wollte, konnte auch die anderen Mahlzeiten im Haus einnehmen, musste diese aber am Abend zuvor anmelden.

Hanna hatte von Beginn an Frühstück und Mittagsmahlzeit bestellt. Eine leichte Abendmahlzeit bekam sie immer irgendwo, wenn sie mit dem Wagen oder zu Fuß unterwegs war.

Die Pensionsinhaberin Marlies Korf, ihr Mann Manfred sowie der vierzehnjährige Sohn Klaus und die zwei Jahre jüngere Tochter Amelie waren sehr nette Menschen. Es war so, wie Marlies Korf es am ersten Tag gesagt hatte, ein ruhiges Haus.

Schon ein paar Mal war Hanna auf ihren Spaziergängen ein Mann aufgefallen, der genau wie sie lange Spaziergänge unternahm. Anfang dreißig schätzte sie sein Alter. Er hatte aber immer einen kleinen zarten Jungen bei sich, der kaum älter als sechs Jahre sein konnte, vielleicht sogar noch jünger. Der junge Mann war wohl der Vater des Jungen, dafür sprach die große Ähnlichkeit. Der Mann hatte dichtes schwarzes Haar, das ihm leicht gewellt in die Stirn fiel und Hanna ein wenig an ihren Bruder Kay erinnerte.

Schlank, hochgewachsen, war er ein äußerst gut aussehender Mann, der Hanna sehr sympathisch war. Der Junge hatte das gleiche schwarze wellige Haar. Ihr Interesse als Ärztin erwachte, da der zarte Junge einen kranken Eindruck machte.

Vater und Sohn mussten wohl ganz in der Nähe wohnen, denn fast jeden Tag liefen sie Hanna irgendwo über den Weg. Ein wenig wunderte sich Hanna auch darüber, dass niemals eine Frau bei den beiden war. Immer waren sie allein. Aber Hanna sah noch mehr. Sie sah auch, wie liebevoll dieser Vater mit dem Jungen umging, und langsam keimte der Wunsch in ihr auf, die beiden näher kennenzulernen. Aber sie konnte ja nicht gut einen fremden Mann ansprechen.

Eine Woche hatte Hanna hinter sich. Es waren Tage gewesen, die ihr so richtig gutgetan hatten.

Am Sonntagnachmittag, einem herrlichen, sonnigen Herbsttag, war Hanna wieder am See unterwegs. Als sie ein hübsches, dicht am See gelegenes Strandcafé sah, beschloss sie, ein Weilchen zu bleiben.

Sie suchte sich einen Platz, von dem aus sie einen guten Ausblick hatte, und bestellte sich ein Kännchen Kaffee und ein Stück Kuchen.

Während sie dem Treiben auf dem vor ihren Augen sich ausbreitenden blau schimmernden Wasser des Titisees zuschaute, entstand plötzlich seitlich der Terrasse Bewegung. Passanten blieben stehen und lenkten auch ihre Aufmerksamkeit vom See ab.

Plötzlich sah Hanna durch eine schmale Gasse der Passanten, wie sich ein Mann bückte und einen kleinen Jungen hochhob. Ihr Herz begann unwillkürlich zu klopfen, als sie erkannte, dass es sich um den sympathischen jungen Mann handelte, der schon seit Tagen ihr Interesse erregte. Im nächsten Moment erkannte sie jedoch auch bestürzt, dass der Junge bewusstlos war. Rasch erhob sie sich, um ihre Hilfe als Ärztin anzubieten. Da kam er auch schon mit seiner leichten Last auf die Terrasse des Strandcafés zu, wohl um Hilfe zu suchen.

Hanna trat ihm entgegen und sagte: »Mein Name ist Martens, ich bin Kinderärztin. Kann ich Ihnen helfen? Kommen Sie, der Junge muss liegen, damit ich ihn untersuchen kann.«

Sie wandte sich an die Kellnerin, die zu ihnen trat, und fragte freundlich: »Haben Sie vielleicht einen Raum, in dem wir den Jungen hinlegen können? Ich bin Kinderärztin, und es handelt sich, wie Sie sehen können, um einen Notfall.«

»Bitte, Frau Doktor, wenn Sie mir folgen wollen.«

Das junge Mädchen führte Hanna und den jungen Mann mit dem Jungen in einen als Büro eingerichteten Raum, in dem auch eine Liege stand.

Während Hanna ihn untersuchte, kam der Kleine wieder zu Bewusstsein und sah sie voller Angst an.

»Ganz ruhig, mein Kleiner, ich tu dir nichts, ich will dir nur helfen«, sagte sie mit weicher Stimme und lächelte ihn beruhigend an.

»Ist das schon öfter passiert?«, fragte sie dann und sah den Vater des Jungen fragend an.

»Nein, so schlimm war es noch nie. Bitte, sagen Sie mir, was meinem Jungen fehlt. Er ist plötzlich ohne ein erkennbares Vorzeichen einfach umgekippt.« Die Stimme des jungen Mannes klang aufs Äußerste erregt.

»Der Junge, Herr …«

»Oh, bitte, entschuldigen Sie, Frau Dr. Martens. Mein Name ist Berkel, Knut Berkel, und der Junge ist mein Sohn Sven«, unterbrach der junge Mann Hanna, und eine dunkle Röte stieg in sein Gesicht.

»Es ist das Herz Ihres Jungen, Herr Berkel. Er gehört dringend in die Behandlung eines guten Arztes. Sie sollten damit auch nicht zu lange warten. Es gibt doch hier in der Umgebung sicher einen guten Arzt, den Sie kennen. Genaues kann ich nicht feststellen, und mein Arztkoffer befindet sich in meiner Pension.«

»Ich kenne hier keinen Arzt, Frau Dr. Martens, ich bin fremd in dieser Gegend. Ich verbringe hier mit meinem Sohn, der seit einiger Zeit kränkelt, einen längeren Urlaub. Ich weiß nicht, ob es sehr vermessen von mir ist, wenn ich Sie darum bitte, meinen Sohn noch einmal zu untersuchen, und wenn keine unmittelbare Lebensgefahr besteht, ihn in den nächsten vierzehn Tagen hier zu behandeln. Aus Gründen, die ich Ihnen im Augenblick nicht näher erklären kann, möchte ich, wenn es nicht unbedingt sein muss, unseren Aufenthalt nicht abbrechen. Ich lebe normalerweise in Hannover, und ein guter Freund von mir hat hier sein Ferienhaus für ein paar Wochen zur Verfügung gestellt.«

War es das Mitleid mit dem Jungen oder dieser seltsame Ausdruck, der bei seinen Worten in seinen Blicken zu lesen war? Hanna nahm sich nicht die Zeit, lange darüber nachzudenken. Vielleicht war es auch der plötzliche Wunsch, ihn näher kennenzulernen, der sie antworten ließ: »Wenn ich helfen kann, gern, Herr Berkel. Bis zu meiner Pension ist es nicht allzu weit. Ich bezahl nur rasch meinen Verzehr, dann können wir gehen. Von meiner Pension aus kann ich Sie und den Jungen zu Ihrer Unterkunft fahren. Solange ich nicht weiß, was Ihrem Jungen genau fehlt, sollten Sie vorsichtig sein und den Jungen nicht laufen lassen.«

»Das würde ich nicht zulassen, nicht wahr, mein Junge?«

Liebevoll fuhr Knut Berkel seinem Jungen über den schwarzen Schopf.

»Wir können es auch noch anders machen, Herr Berkel. Sie bleiben mit Ihrem Jungen hier, und ich hole meinen Wagen. Und du, kleiner Mann, kannst ja während der Zeit eine Schokolade trinken. Die magst du doch sicher gern. Und du musst keine Angst haben. Sobald ich genau weiß, was dir fehlt, holt dein Vati aus der Apotheke die richtige Medizin, und es wird dir besser gehen«, sagte Hanna zum Abschluss zu dem Jungen.

»Ich habe keine Angst, Frau Doktor, ich bin doch schon acht Jahre alt«, kam es tapfer über die Lippen des Jungen, und doch konnte er den ängstlichen Ausdruck in seinen Blicken nicht verbergen. Hanna übersah es und sagte liebevoll: »Soso, Sven, du bist schon acht Jahre alt. Dann bist du ja schon ein großer Junge. Jetzt sei schön brav, ich komme dich in wenigen Minuten mit deinem Vati hier abholen. Wir sehen uns dann an, wie krank dein Herz wirklich ist.«

»Ich danke Ihnen, Frau Dr. Martens, dass Sie sich meines Jungen annehmen wollen«, kam es mit rauer Stimme von Knut Berkels Lippen.

»Ich bin Kinderärztin, Herr Berkel. Es ist mein Beruf, kranken Kindern zu helfen.«

Hanna nickte Knut Berkel noch einmal lächelnd zu und lief hinaus.

Auf der Terrasse beglich sie noch ihre Rechnung, danach ging sie zur Pension Waldfrieden, um ihren Arztkoffer und ihren Wagen zu holen.

*

Es war eines für den Schwarzwald typischen Ferienhäuser, eines der sehr hübschen Nurdachhäuser, das Knut Berkel mit seinem kleinen Sohn bewohnte.

»Hübsch haben Sie es hier, Herr Berkel. So ein Häuschen würde mir auch gefallen. Aber zuerst will ich mich einmal um Sven kümmern.«

Mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln untersuchte Hanna den Achtjährigen so gründlich, wie es ihr möglich war. Sie stellte bei dem Jungen eine Herzschwäche, eine Herzinsuffizienz fest, deren Ursache herauszufinden es klinischer Apparate bedurfte. Mit bestimmten Medikamenten konnte sie ihm nur vorübergehend helfen. Aber eine unmittelbare Lebensgefahr bestand nicht.

Wie von einer schweren Last befreit, atmete Knut Berkel auf und schüttelte ihr überschwänglich die Hand, als Hanna es ihm sagte.

»Werden Sie meinen Jungen im Auge behalten, ihm helfen, solange wir noch hier sind, Frau Dr. Martens?«

»Ja, das werde ich, Herr Berkel. Jetzt schreibe ich Ihnen ein Medikament für den Jungen auf, das Sie ihm aus der Apotheke holen. Während Sie zur Apotheke fahren, bleibe ich noch bei Ihrem Sohn, wenn es Ihnen recht ist.«

»Ob es mir recht ist, fragen Sie, Frau Doktor? Ich muss Ihnen für Ihre Freundlichkeit danken.«

»Ich tue es gern, Herr Berkel. Sie brauchen mir nicht zu danken. Fahren Sie schon, damit Ihr Junge seine Medizin bekommt.«

»Schön brav sein, Sven, ich bleibe nicht lange fort«, sagte Knut Berkel zu seinem Jungen, dann war Hanna mit ihm allein.

»So, kleiner Mann, was wollen wir zwei machen, bis dein Vati zurückkommt? Was machst du denn immer mit deinem Vati?«

»Wir spielen Mensch ärgere dich nicht, dann malen wir zusammen Bilder und spielen mit meinen Autos, die ich von daheim mitgenommen habe, Frau Doktor.«

»Gut, dann spielen wir jetzt eine Runde Mensch ärgere dich nicht, magst du? Und sag nicht Frau Doktor zu mir, du darfst mich Tante Hanna nennen, wenn du magst.«

Mit glänzenden Augen nickte der Achtjährige, und bald darauf waren sie so in das Spiel vertieft, dass sie sogar die Rückkehr von Knut Berkel überhörten.

Ein Weilchen verhielt Knut sich still und sah den beiden zu. Es war ein schönes Bild, der schwarzhaarige Bubenkopf und das lange blonde Haar dieser jungen, hübschen Ärztin so dicht nebeneinander in das Brettspiel vertieft. Er sah auch, wie die Augen seines Jungen in Gesellschaft der jungen Ärztin glänzten. Es zeigte ihn mit einem Mal überdeutlich, was dem Jungen seit längerer Zeit fehlte.

Auf einmal sah der Junge hoch und rief mit strahlenden Augen: »Vati, du bist schon zurück? Schau nur, ich habe Tante Hanna geschlagen, ich habe gewonnen.«

»Aber, Sven, du kannst Frau Dr. Martens doch nicht einfach Tante Hanna nennen.«

»Kann ich doch, Vati, Tante Hanna hat es mir selbst gesagt. Es stimmt doch, nicht wahr, Tante Hanna?« Treuherzig sah der Achtjährige Hanna an.

»Es stimmt, Herr Berkel, es ist mir auch lieber so. Ich bin hier, um mich zu erholen, und wenn der Junge mich Frau Doktor nennt, dann klingt es so streng. Aber ich möchte Sie nun nicht länger stören. Sie möchten jetzt sicher gern mit Ihrem Jungen allein sein. Das Medikament haben Sie bekommen, nicht wahr?«

»Ja, ich werde ihm sofort davon geben. Aber ich hätte da noch eine Frage.«

»Ja, bitte, fragen Sie.«

»Darf ich mit dem Jungen weiter spazieren gehen?«

»Ja, Herr Berkel. Achten Sie nur darauf, dass er sich dabei nicht überanstrengt. Lassen Sie es langsam angehen.«

»Ich habe Sie in den vergangenen Tagen mehrfach gesehen, Frau Dr. Martens. Darf ich Sie zu einem gemeinsamen Spaziergang einladen? Aber nur, wenn Sie nicht allein bleiben möchten. Ich will mich Ihnen auf keinen Fall aufdrängen.«

»Ich nehme Ihre Einladung gern an, Herr Berkel. Warum sollen wir nicht gemeinsam einen schönen Spaziergang unternehmen? Außerdem mag ich Ihren Jungen. Da ich ihn für die nächsten vierzehn Tage hier ärztlich betreue, fühle ich mich ein wenig verantwortlich für ihn. Wenn es Ihnen recht ist, treffen wir uns am Strandcafé. Sagen wir, nach der Mittagsmahlzeit. Ist es Ihnen recht?«

»Gern, also abgemacht, um vierzehn Uhr am Strandcafé«, entgegnete Knut Berkel erfreut, und Hanna bemerkte, dass es dabei in seinen Augen aufleuchtete.

»Auf Wiedersehen, Tante Hanna«, sagte Sven mit glänzenden Augen, als Hanna sich von ihm verabschiedete, und Knut Berkel hielt ihre Hand ein wenig länger fest, und in seinen Augen erschien für Sekunden ein Ausdruck, der ihr Herz zum Klopfen brachte.

Es war noch nicht spät, aber für diesen Tag blieb Hanna in ihrem Zimmer in der Pension, und ihre Gedanken beschäftigten sich noch einmal mit der Begegnung mit Knut Berkel und seinem kranken Jungen. Als sie sich sein Bild vorstellte, begann ihr Herz heftig zu pochen. Sie fragte sich, was denn auf einmal mit ihr los wäre. Hatte dieser Mann einen so nachhaltigen Eindruck auf sie gemacht?

Gegen zwanzig Uhr klopfte es an Hannas Zimmertür. Auf ihre Aufforderung zum Eintreten kam Amelie, die zwölfjährige Tochter der Pensionsinhaberin, ins Zimmer.

»Ja, bitte, Amelie, was möchtest du?«, fragte Hanna freundlich.

»Mutti schickt mich, Frau Doktor. Sie lässt fragen, ob Sie mit uns zu Abend essen möchten. Mutti würde sich sehr darüber freuen.«

Einen Augenblick zögerte Hanna, dann aber sagte sie lächelnd: »Ich komme gern, wenn ich deiner Mutti keine Mühe mache. Hat deine Mutti auch gesagt, wann?«

»Ja, jetzt gleich, Mutti hat den Tisch schon gedeckt.«

»Gut, Amelie, ich komme sofort hinunter.«

Wenig später saß Hanna mit am Tisch.

»Schön, dass Sie noch einmal herunterkommen, Frau Dr. Martens. Ich habe Sie zufällig so früh zurückkommen sehen. Da Sie nicht mehr fortgingen, haben Sie auch noch nicht zu Abend gegessen. Ich bereite immer reichlich vor, damit auch meine Gäste Gelegenheit haben, hier im Haus zu essen. Ich hoffe, Amelie hat Sie nicht gestört.«

»Sie haben mich nicht gestört, und ich danke Ihnen für Ihr freundliches Angebot. Ich nehme es gern an.«

Es waren noch ein Ehepaar und ein junger Mann am gemeinsamen Abendbrottisch, und Hanna verlebte mit ihnen und den Wirtsleuten noch eine angenehme Stunde nach der Mahlzeit, in der man sich angeregt unterhielt.

*

Als Hanna am nächsten Tag kurz vor vierzehn Uhr die Stufen zur Terrasse des Strandcafés hinaufging, hörte sie eine helle Jungenstimme rufen: »Hier sind wir, Tante Hanna.«

Nun sah Hanna Vater und Sohn und hob winkend ihre Rechte. Erneut klopfte ihr Herz ein wenig rascher, als sie auf den Tisch zuging, an dem Knut Berkel mit seinem Sohn Sven saß.

Der junge Mann erhob sich und begrüßte sie herzlich. Lächelnd sagte er: »Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, Frau Dr. Martens. Wenn es nach Sven gegangen wäre, hätte er am liebsten seinen Mittagsschlaf nicht eingehalten, um Sie ja nicht zu verpassen.«

»Ich habe gesagt, dass ich komme, und wenn ich etwas zusage, dann komme ich auch, Herr Berkel«, gab Hanna mit ihrer dunklen Stimme zurück und fuhr Sven über das Haar.

»Und du, kleiner Mann, wie geht es dir heute?«

»Ich habe heute schon zwei Mal meine Medizin genommen, Tante Hanna und geschlafen habe ich heute Mittag auch. Ich bin überhaupt nicht müde.«

»Fein, so soll es auch sein, Sven, denn wir werden jetzt einen schönen Spaziergang machen. Die frische Luft wird dir guttun.«

»Erst noch ein Eis essen, hat Vati gesagt.«

Hanna sah Knut Berkel fragend an, und dieser sagte lächelnd: »Ich habe es dem Jungen versprochen, Frau Dr. Martens. Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen? Spazieren gehen können wir anschließend.«

Hanna zierte sich nicht und lächelte zustimmend. Höflich schob Svens Vater ihr einen Stuhl zurecht und winkte dann die Kellnerin herbei, um die Bestellung aufzugeben.

»Darf es vielleicht auch noch ein Stück Torte sein?« Fragend sah er Hanna an.

»Danke, nein, Herr Berkel, nur einen Kaffee. Ich habe erst vor einer knappen Stunde zu Mittag gegessen«, wehrte Hanna ab.

Knut bestellte daraufhin für Hanna und sich Kaffee und für Sven einen Eisbecher.

»Geht es ihm wirklich heute einigermaßen, Herr Berkel?«, wollte Hanna mit leiser Stimme wissen, während sich der Junge mit seinem Eisbecher beschäftigte.

»Er ist heute eigentlich recht munter, und ich bin auch ein wenig beruhigt, da er ja jetzt Medikamente bekommt. Aber ich weiß auch, dass das keine Dauerlösung ist. Der Junge hatte sich so auf den Urlaub mit mir gefreut, da bringe ich es nicht übers Herz, die schönen Tage mit ihm einfach abzubrechen. Etwas anderes wäre es, wenn Sie mir gesagt hätten, dass unmittelbare Lebensgefahr besteht. Dann hätte ich ihn in die nächste Klinik gebracht.«

»Ich kann Sie schon verstehen, Herr Berkel. Doch wenn Sie mit Ihrem Sohn wieder daheim sind, sollten Sie ihn zu einer gründlichen Untersuchung in eine Klinik bringen. Sie wollen doch sicher nicht, dass er vielleicht einen schweren Herzschaden hat.«

»Das werde ich ganz bestimmt tun«, erwiderte Knut Berkel mit ernster Stimme. »Ich liebe meinen Jungen, und seine Gesundheit ist das Allerwichtigste für mich.«

»Ich bin fertig, Vati. Gehen wir denn jetzt mit Tante Hanna spazieren?«, meldete sich nun Sven mit leicht ungeduldiger Stimme.

»Natürlich gehen wir jetzt, Sven«, sagte Hanna lächelnd und erhob sich auch schon.

Während Knut die Rechnung beglich, fasste der Achtjährige nach Hannas Hand und sagte treuherzig: »Ich freue mich, dass du gekommen bist, Tante Hanna. Du bist lieb, ich mag dich.«

»Ich mag dich auch, mein Kleiner«, gab Hanna mit weicher Stimme zurück und fuhr ihm liebevoll durch das schwarze Haar.

Knut trat zu ihnen, sie verließen die Terrasse des Cafés und schlenderten langsam, den Jungen zwischen sich, am Seeufer entlang. Aber lange hielt es den Jungen nicht so zwischen ihnen, und er lief einige Schritte vor, fand immer etwas Neues, was er betrachten konnte, was für ihn interessant war.

Diesem Nachmittag folgten weitere, aber noch nie hatte Knut von Svens Mutter gesprochen. An einem der Nachmittage, als sie langsam durch den Wald spazierten, fragte Hanna, und ihr Herz klopfte sofort etwas heftiger, weil sie sich ein wenig vor seiner Antwort fürchtete: »Haben Sie inzwischen schon Ihre Frau über Svens Krankheit informiert, Herr Berkel? Sie macht sich doch sicher auch Sorgen.«

»Kaum, Frau Dr. Martens, ich lebe nämlich mit Sven schon seit einiger Zeit allein. Morgens besucht er die Schule und am Nachmittag, wenn ich noch einmal zur Bank muss, kümmert sich das Hausmädchen, unsere Elsa, um ihn. Ich spreche nicht gern darüber. Aber bei Ihnen habe ich das Gefühl, als würde ich Sie schon eine Ewigkeit kennen. Meine Frau hat mich und den Jungen vor einiger Zeit verlassen. Darum ist es für mich auch doppelt schwer, dass mein Junge nicht gesund ist.«

»Das tut mir leid, Herr Berkel. Entschuldigen Sie, dass ich mit meiner Frage an eine Wunde gerührt habe. Das wollte ich nicht, das lag nicht in meiner Absicht.«

»Es muss Ihnen nicht leidtun, Sie konnten es ja nicht wissen. Es ist auch keine Wunde mehr. Cornelia, meine Frau, fühlte sich eingeengt und hat es vorgezogen, ihre Freiheit zu suchen. Es lohnt nicht, auch nur noch einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Um des Jungen willen hätte sie anders handeln müssen. Er ist in einem Alter, in dem man die Mutter doch mehr als den Vater braucht. Aber reden wir nicht mehr davon. Wenn ich Sie um etwas bitten dürfte, nennen Sie mich Knut. Ich bin sehr gern mit Ihnen zusammen, und auch Sven mag Sie. Knut klingt nicht so fremd.«

»Einverstanden, Knut, aber nur, wenn Sie mich Hanna nennen.«

»Also dann, auf gute Freundschaft, Hanna. Sie werden mir und dem Jungen fehlen, wenn unsere Zeit hier vorüber ist.«

Hannas Herz pochte heftiger, und eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht. Rasch wich sie seinen Blicken aus, in denen ein ganz neuer Ausdruck lag.

»Warum sagen Sie nichts, Hanna?« Seine Hand legte sich auf ihren Arm. »Werden wir Ihnen auch ein wenig fehlen?«

Hanna kam nicht dazu, ihm eine Antwort auf seine Frage zu geben, denn in diesem Augenblick kam Sven auf sie zugelaufen, und Hanna erschrak, weil er mit einem Mal leicht schwankte und heftig atmete.

»Sven, mein Kleiner, du sollst doch nicht so schnell laufen. Komm, wir setzen uns ein Weilchen ins weiche Gras, du musst dich jetzt unbedingt ausruhen. Nachher gehen wir ganz langsam zurück.«

»Was hat er, Hanna?« Knuts Stimme klang bestürzt.

»Er hat sich etwas überanstrengt, Knut. Wir sollten ein paar Tage auf die Spaziergänge verzichten. Sven braucht mehr Ruhe.«

»Dann machen wir jetzt eine längere Pause und gehen dann zurück. Morgen bleibt Sven dann den ganzen Tag liegen.«

»Will ich aber nicht, Vati. Dann kann ich Tante Hanna doch nicht sehen.«

»Kannst du wohl, mein Kleiner«, sagte Hanna sofort, weil sie sah, dass der Junge plötzlich Tränen in den Augen hatte.

»Aber wenn ich doch …«

»Wir machen es eben anders. Ich werde ein großes Paket Kuchen besorgen und komm dich morgen in eurem Häuschen besuchen. Wir können ja mit deinem Vati ›Mensch ärgere dich nicht‹ spielen. Nun, was meinst du dazu?«

»Du kommst ganz ehrlich, Tante Hanna?«

»Wenn ich es doch sage, und wenn es deinem Vati recht ist, natürlich«, erwiderte Hanna mit einem weichen Lächeln.

»Natürlich ist es mir recht, Hanna, ich freue mich darauf.«

Erneut wich Hanna seinen Blicken aus, denn sie hatte das Gefühl, als müsse er das Pochen ihres Herzens hören. Sie kannte sich auf einmal selbst nicht mehr. Was war mit ihr los, dass ihr Herz immer heftiger klopfte, wenn er sie nur ansah?

Um Knut in diesem Augenblick nicht in die Augen sehen zu müssen, beschäftigte sie sich rasch wieder mit Sven. Ihre ganze Selbstsicherheit bröckelte ab, je länger sie Knut Berkel kannte und je öfter sie mit ihm und seinem Jungen zusammen war. Dabei war sie voller Hochachtung für ihn, der sich so liebevoll und zärtlich um den Achtjährigen kümmerte, ihm nun auch die Mutter ersetzen musste.

An diesem Tag fiel es Hanna sehr schwer, sich gegen Abend von Vater und Sohn zu verabschieden. Auf der ­einen Seite war es der Junge, der ein Gefühl in ihr geweckt hatte, das mehr als Mitleid mit einem kranken Kind war. Und da war in ihr ein Gefühl des Glückes. Es gab niemanden, der daheim auf ihn und den Jungen wartete. Gab es vielleicht ein wenig Hoffnung für sie?

*

Viel zu rasch waren die Tage vergangen, die Knut und seinem Jungen noch in dem kleinen Ferienhäuschen verblieben waren. Jeden dieser Tage hatten sie und Hanna gemeinsam verbracht. Obwohl Hanna schon längst erkannt hatte, dass sie Knut und auch seinen Jungen liebte, versuchte sie alles, um diese Gefühle vor ihm zu verbergen. Sie glaubte, dass er das gleiche Gefühl für sie empfand, und dass nur das Scheitern seiner Ehe ihn davon abhielt, ihr zu diesem Zeitpunkt seine Gefühle zu offenbaren. Aber das Allerwichtigste war jetzt sowieso erst einmal die Gesundheit von Knuts Jungen.

So war der letzte Tag herangekommen. Da es Sven erneut nicht besonders gut ging, hatte Hanna zugestimmt, diesen letzten Tag mit Knut und dem Jungen in dem kleinen Ferienhaus zu verbringen.

Sven war selig, als Hanna gegen zehn mit der Brötchentüte das Ferienhaus betrat.

»Endlich bist du gekommen, Tante Hanna«, sagte er mit leuchtenden Augen. »Vati und ich haben schon auf dich gewartet. Wir wollen doch zusammen frühstücken.«

»Nur weil wir frühstücken wollen, Sven?«, fragte Hanna scherzend und streichelte ihm liebevoll über die Wange.

»Aber nein, Tante Hanna. Es ist nur, es ist, weil wir doch morgen nicht mehr hier sind. Kannst du nicht mit uns fahren?«

»Das geht nicht, Sven, ich habe es dir doch schon erklärt. Ich bleibe noch eine Woche, danach muss ich wieder zu den kranken Kindern in meine Klinik zurück. Wenn dein Vati dich dann zu uns in die Klinik bringt, sehen wir uns ja wieder. Jetzt frühstücken wir erst einmal. Ich habe hier auch eine große Tüte Brötchen mitgebracht. Ich will hoffen, dass du tüchtig zugreifst.«

Sven nickte eifrig, und Hanna kam jetzt auch dazu, Knut zu begrüßen, der sie bewundernd ansah und mit warmer Stimme sagte: »Ich freue mich, dass Sie uns diesen Tag schenken, Hanna. Sven ist gleich viel lebhafter, wenn Sie in seiner Nähe sind. Er ist dann nicht mehr so still, so traurig, wie noch in der vergangenen Zeit, als wir Sie noch nicht kannten. Ich würde gern noch eine Weile bleiben. Leider muss ich erst einmal nach Hause zurück.«

Hanna kam nicht dazu, etwas darauf zu erwidern, denn Sven sagte etwas ungeduldig: »Ich habe Hunger, Vati.«

»Schon gut, Sven, wir frühstücken ja sofort. Ich hole nur rasch den Kaffee und deinen Kakao aus der Küche.«

Sven sorgte dafür, dass weder sein Vater noch Hanna viel Zeit hatten, nachzudenken. Er genoss es sichtlich, dass er von beiden an diesem Tag besonders verwöhnt und umsorgt wurde.

Während Hanna es übernahm, für die etwas verspätete Mittagsmahlzeit zu sorgen, verließ Knut das Häuschen für kurze Zeit, um noch eine Flasche guten Wein zu besorgen.

»Kochst du in deiner Klinik auch immer für die kranken Kinder das Mittagessen, Tante Hanna? Ich war noch nie in einer Klinik.«

»Nein, Sven, in der Klinik haben wir eine Köchin und noch einige Frauen und Mädchen, die der Köchin in der Küche helfen. Ich bin für die kranken Kinder da. Wenn ich kann, mache ich sie gesund. Natürlich nicht allein. Bei uns in Birkenhain gibt es außer mir auch noch andere Ärzte und Ärztinnen. Mein Bruder ist auch Doktor und macht kranke Kinder gesund. Dich werden wir auch gesund machen, wenn du zu uns kommst.«

»Du bist lieb, Tante Hanna. So lieb wie eine Mutti. Ich mag dich sehr, ich hab dich ganz doll lieb.«

»Ich hab dich auch lieb, Sven. Aber jetzt muss ich mich ein wenig beeilen, damit ich das Mittagessen fertig bekomme. Sonst kommt dein Vati gleich zurück, und ich bin noch nicht so weit. Ein paar Minuten musst du dich jetzt allein beschäftigen. Nach dem Essen stellen wir dann einen Liegestuhl draußen auf, damit du heute noch ein wenig an die Luft kommst. Nicht wahr, du bist jetzt ganz brav.«

Bis Knut zurückkam, war Hanna aber doch mit dem Essen fertig.

Den Rest des Nachmittags verbrachten sie mit Sven vor dem Haus, in dem kleinen Gärtchen, der Junge bequem in einem Liegestuhl und Knut und Hanna bei einem Glas Wein.

Als Hanna sich dann am Abend von beiden verabschiedete, gab es bei Sven reichlich Tränen. Weinend klammerte er sich an ihr fest und stammelte: »Ich will nicht fort, ich will noch bei dir bleiben, ich hab dich doch lieb.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich auch lieb habe, Sven. Aber du musst jetzt ganz vernünftig sein. Eine Woche geht rasch vorüber. Dann sehen wir uns jeden Tag. Heute ist es für dich schon spät genug, du musst jetzt schlafen.«

»Dann bring du mich hinauf ins Bett und sag mir dort gute Nacht, Tante Hanna.«

Hanna sah Knut kurz an, der zustimmend nickte, und Hanna brachte den Jungen hinauf in die kleine Schlafkammer.

Mit einem sanften Kuss auf seine Stirn verabschiedete sie sich dann endgültig von ihm. Als sie sich aufrichten wollte, umschlangen Svens Arme ihren Hals, und leise kam es von seinen Lippen: »Ich hab dich lieb, Tante Hanna. Es wäre so schön, wenn du immer bei mir sein könntest.«

Hanna war über die letzten Worte des Achtjährigen sehr gerührt. Es zeigte ihr aber auch, wie sehr sich das Bubenherz nach der Liebe und Zärtlichkeit einer Mutter sehnte. Wie sehr musste er die Mutter vermissen.

»Bald sehen wir uns ja wieder, Sven«, antwortete sie nur weich, dann ging sie rasch wieder hinunter.

Als sie sich kurz darauf auch von Knut verabschiedete, hielt dieser ihre Hand ein wenig länger fest. Mit einem Blick, der ihr Herz heimlich vor Glückseligkeit erzittern ließ, sagte er: »Schade, dass die schönen Tage schon vorüber sind, Hanna. Aber ich freue mich schon jetzt auf unser Wiedersehen, wenn ich in gut einer Woche meinen Jungen zu Ihnen nach Birkenhain bringen werde.«

»Ich freue mich auch, Knut«, entgegnete Hanna leise. Hastig befreite sie sich aus seinem Griff und eilte, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen, davon. So sah sie auch nicht das glückliche Lächeln auf seinem Gesicht.

*

Gut erholt und strahlender Laune kehrte Hanna eine Woche später nach Ögela zurück.

Kay, der sie empfing, sah sie prüfend an und sagte lächelnd zu ihr: »Ich freue mich, dich so gesund und erholt zu sehen, Hanna. Du schaust geradezu blendend aus. Willkommen daheim.«

»Ich bin auch froh, endlich wieder daheim zu sein. Jetzt bin ich wieder voll da. Es war sehr schön dort im Schwarzwald, aber meine Arbeit und unsere Klinik habe ich doch irgendwie vermisst.«

»Heute ruhst du dich noch von der langen Fahrt aus. Wenn du willst, kannst du ja morgen wieder mit deiner Arbeit beginnen. Ich werde versuchen, mich heute etwas eher freizumachen, dann kannst du mir ein wenig vom Schwarzwald erzählen. Du hast ja während der vergangenen Wochen nicht gerade viel von dir hören lassen.«

Als Hanna dann am Abend von ihrem Erholungsurlaub berichtete, hörte Kay, der seine Schwester nur zu gut kannte, zwischen ihren Worten auch noch etwas anderes heraus. Als sie ihm von Knut Berkel und seinem kranken Jungen erzählte, sagte er lächelnd: »Du hast es also nicht lassen können, du musstest auch im Urlaub die Samariterin sein. Geht es dem Jungen denn inzwischen besser?«

»Nein, Kay, viel konnte ich ja nicht für ihn tun. Sein Vater wird ihn wohl in den nächsten Tagen zu uns nach Birkenhain bringen. Das scheint mir ein Fall für unseren Dr. Dornbach zu werden. Der Junge ist ein netter und lieber Kerl, und auch der Vater, Herr Berkel, ist ein sehr sympathischer Mann. Er wird dir gefallen.«

Unbewusst leuchteten Hannas Augen auf, und Kay sah es. Da auch in ihren Worten etwas Erwartungsvolles mitklang, dachte er bei sich: Ich glaube gar, meine kleine Schwester hat sich im Schwarzwald verliebt. Er traf mit seinen Gedanken damit genau ins Schwarze. Mit einem Lächeln voller Verständnis sagte er jedoch: »Ich glaube, für heute haben wir genug geredet, Hanna. Ich bin dafür, dass wir jetzt beide schlafen gehen. Du hast eine lange und anstrengende Fahrt hinter dir, und mein Tag war auch nicht gerade leicht heute. Morgen erzählst du mir mehr, denn ich muss gestehen, dass du mich neugierig auf unseren neuen Patienten und seinen Vater gemacht hast.«

Da Hanna nun auch die Müdigkeit spürte, die langsam in ihr hochkroch, war sie sofort einverstanden.

Das Gesicht des heimlich geliebten Mannes tauchte vor ihrem inneren Auge auf, und ein zärtliches Lächeln, von Kay mit heimlichem Staunen wahrgenommen, umspielte dabei ihre Lippen. Auf den Mann, der diese Veränderung in seiner sonst immer so nüchternen Schwester zustande gebracht hatte, war er wirklich neugierig geworden. Trotzdem vermied er es, Fragen in eine bestimmte Richtung zu stellen. Er kannte Hanna so gut, dass er wusste, sie würde von sich aus darauf zu sprechen kommen, wenn es etwas zu sagen gab.

Es blieb Kay auch am nächsten Tag nicht verborgen, dass Hanna voll heimlicher Erwartung war. Ein paar Mal ertappte er sie dabei, wie sie nur still dasaß, ein verträumtes, ja, glückliches Lächeln auf den Lippen. Auch lief sie immer wieder zum Fenster, um hinauszusehen, wenn ein Wagen vorfuhr. Und immer las er in ihrem Gesicht die Enttäuschung, wenn es nicht der war, den Hanna anscheinend erwartete.

Am Abend, es war wieder eine stille Stunde oben in ihrer gemütlichen kleinen Giebelturmwohnung, sagte Kay: »Dieser Herr Berkel hat es sich sicher überlegt und seinen Jungen in eine Klinik in der Nähe seines Wohnortes gebracht.«

»Das hat er nicht, Kay, ich weiß es. Ich muss dir dazu ein wenig mehr erzählen. Weißt du, der Junge, Sven, ist mir sehr ans Herz gewachsen. Seine Mutter hat ihn und seinen Vater vor einiger Zeit verlassen. Der Junge leidet wohl unter dem Verlust und hat mich während der Wochen im Schwarzwald sehr in sein Herz geschlossen. Ich vermisse ihn, dabei habe ich ihn jetzt erst gut eine Woche nicht gesehen.«

»Der Junge oder seinen Vater, Hanna?«

»Ich will dir gegenüber ehrlich sein, Kay. Du bist mein Bruder, du wirst mich verstehen. Ich vermisse beide. Den Jungen und den Vater. Bitte, lach mich jetzt nicht aus, wenn ich dir sage, dass ich mich richtig verliebt habe. Mehr noch, ich liebe Knut Berkel. Dass es mich so trifft, hätte ich vor einigen Wochen für unmöglich gehalten.« Eine dunkle Röte stieg Hanna bei ihren Worten bis in die Stirn hinauf. Etwas unsicher sah sie Kay an.

»Verstehst du nun, dass ich sicher bin, dass Knut Berkel seinen Jungen ganz bestimmt in die Klinik bringen wird?«

»Ich verstehe dich schon, Hanna, aber wie sieht es mit seinen Gefühlen für dich aus? Ich möchte nicht, dass du enttäuscht wirst«, entgegnete Kay mit einem verständnisvollen Lächeln.

»Ich glaube, er erwidert meine Gefühle, Kay.«

»Du glaubst, Hanna. Glauben und Wissen, dazwischen liegen Welten. Verrenne dich nicht in eine Liebe, die sich vielleicht nie realisieren lässt. Sicher kannst du erst sein, wenn er dir sagt, dass er dich liebt. Ich gönne dir von Herzen ein schönes Glück, Hanna, aber sei vorsichtig, schenk dein Herz nur einem Würdigen.«

»Ich werde an deine Worte denken. Aber ich glaube doch, dass ich nicht vergeblich warten werde. Du wirst es schon erleben.« Ein zärtliches Leuchten glänzte in Hannas Augen auf.

»Und was macht dieser Herr Berkel beruflich, Hanna?« Fragend sah Kay seine Schwester an.

»Knut Berkel ist im Bankgewerbe tätig, Kay. Aber welche Position er bekleidet, entzieht sich meiner Kenntnis, darüber haben wir noch nicht gesprochen. Im Augenblick ist es auch nicht wichtig«, gab Hanna zurück. »Morgen kommt er bestimmt und bringt seinen Jungen. Er weiß, wie wichtig die Untersuchungen für Sven sind.«

*

Am nächsten Vormittag, als Hanna und Kay gerade die Visite hinter sich gebracht hatten, wurde Hanna Martens durch Martin Schriewers die Ankunft von Knut Berkel und Sohn gemeldet.

»Bitte, bringen Sie Herrn Berkel mit seinem Sohn zu mir und meinem Bruder ins Sprechzimmer, Martin«, bat Hanna.

Mit klopfendem Herzen wartete sie dann, bis es an der Tür pochte, Martin Schriewers die Tür öffnete und sagte: »Herr Berkel und Sohn, Frau Doktor.«

»Tante Hanna, Tante Hanna, da bin ich«, kam es von den Lippen des Achtjährigen, und er lief auf Hanna zu und warf sich in ihre Arme.

Über den Kopf des Jungen hinweg sahen sich Hanna und Knut an, und Hanna sah, wie es in seinen Augen jäh aufleuchtete.

»Hab ich doch gesagt, dass wir uns in einer Woche wiedersehen, mein Kleiner«, sagte Hanna nun liebevoll zu dem Achtjährigen und fuhr ihm mit einer zarten Geste über das schwarze Haar. Danach reichte sie Kurt ihre Hand und sagte mit verhaltener Freude in der Stimme: »Schön, dass Sie Sven bringen, Knut. Darf ich Ihnen meinen Bruder Kay vorstellen?« Lächelnd wies sie auf Kay, der mit wachen Augen die Begrüßung zwischen Hanna, dem Jungen und dessen Vater beobachtet hatte und Knut nun seine Rechte entgegenstreckte.

»Guten Morgen, Herr Berkel, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Meine Schwester hat mir schon ausführlich von Ihnen und dem Problem Ihres Jungen berichtet.«

»Guten Morgen, Herr Dr. Martens. Ich bin so froh, dass ich meinen Jungen zu Ihnen in die Klinik bringen durfte. Sag dem Herrn Doktor auch schön guten Morgen, Sven«, forderte er mit leise mahnender Stimme seinen Jungen auf.

Mit auf dem Rücken verschränkten Händen stellte sich der Achtjährige einen Moment vor Kay hin und sah ihn ernsthaft an.

Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er streckte Kay seine rechte Hand entgegen und sagte mit treuherzigem Blick: »Guten Morgen, Herr Doktor. Sie sind in Ordnung, ich mag Sie. Ich bin der Sven. Tante Hanna hat gesagt, dass Sie mich wieder gesund machen können?«

»Soso, du bist also der Sven. Du gefällst mir auch. Aber mit dem gesund machen, das geht nicht so rasch. Da musst du schon eine Weile hier bei uns in der Klinik bleiben. Wirst du das auch wollen?«

»Ja, sicher will ich das. Da kann ich doch jeden Tag Tante Hanna sehen. Ich habe die Tante Hanna nämlich ganz doll lieb.«

»Fein, Sven, dann werden wir jetzt Schwester Laurie rufen. Sie wird dich schon einmal nach oben in ein hübsches Krankenzimmer bringen und dir helfen, deine Sachen auszupacken. Tante Hanna und ich müssen noch etwas mit deinem Vati besprechen, danach kommen Tante Hanna und er zu dir hinauf. Du kannst ihnen dann ja sagen, ob es dir hier bei uns auf Birkenhain gefällt … Einverstanden?«

Während seiner Worte hatte Kay schon auf einen Knopf gedrückt, der eine Schwester herbeirief. Es war Schwester Dorte, die kurz darauf das Sprechzimmer betrat.

»Schicken Sie mir bitte Schwester Laurie, Schwester Dorte. Sie möchte einen kleinen Patienten hier unten bei mir abholen. Sie soll Sven schon hinauf in sein Zimmer bringen.«

Es dauerte nur wenige Minuten, und Schwester Laurie betrat nach kurzem Anklopfen das Sprechzimmer.

Mit einem fröhlichen Lachen trat sie auf Sven zu und sagte: »Ich bin Schwester Laurie. Möchtest du mir nicht sagen, wie dein Name ist?«

»Ich bin doch der Sven«, antwortete der Achtjährige freimütig.

»So, du bist der Sven. Was meinst du, wir werden uns doch wohl vertragen, nicht wahr? Ich kann schöne Geschichten erzählen. Jetzt zeige ich dir aber zuerst, wo du in der nächsten Zeit wohnen wirst. Kommst du mit mir?« Lustig blinzelten ihre Augen ihm zu, und vertrauensvoll legte er seine kleine Hand in die ihre und verließ mit ihr das Sprechzimmer.

Einen Moment sahen die Zurückbleibenden den beiden nach, dann stellte Kay dem Vater des Jungen einige Fragen und machte sich Notizen zu den Antworten.

»Wann werden Sie wissen, was genau meinem Jungen fehlt, Herr Dr. Martens?«, fragte Knut, nachdem alles Wichtige besprochen worden war.

»Zwei Tage werden die Untersuchungen schon in Anspruch nehmen, Herr Berkel. Wir wollen Ihren Jungen ja mit den anstehenden Untersuchungen nicht überfordern. Aber so weit es Ihre Zeit erlaubt, können Sie Sven zu jeder Zeit und so lange Sie wollen besuchen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Dr. Martens. Ich werde das natürlich ausnutzen, denn ich habe mir noch eine Woche Zeit genommen, in der ich, sooft es geht, bei meinem Jungen sein möchte. Sollte Sven länger hierbleiben müssen, kann ich nur noch einmal während der Wochentage und dann an den Wochenenden kommen. Aber durch Ihre Schwester weiß ich, dass mein Sven hier bei Ihnen beiden auf Birkenhain gut aufgehoben ist, und vor allen Dingen, dass alles für ihn getan wird.«