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Wie nehmen Babys die Welt wahr? Welche Umbaumaßnahmen im kindlichen Gehirn ebnen den Weg für die ersten Wörter? Wie erschließen sich Säuglinge und Kleinkinder den Inhalt anfangs noch kryptischer Wortschwalle, und wie erzeugen sie wenig später selbst welche? Wie lernen Kinder sozial kompetentes Verhalten? Antworten auf diese Fragen und weitere Informationen rund um Schwangerschaft und die ersten Lebensjahre können Sie in "Kinderglück" nachlesen.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2016
Neulich fragte mich mein dreijähriger Sohn, ob sein kleiner Bruder eigentlich auch ein Mensch sei. Er könne doch gar nicht sprechen. »Äh ja, natürlich, Kinder müssen das erst lernen«, lautete meine etwas unbeholfene Antwort – mit der er sich wie zu erwarten nicht zufriedengab: »Warum?« Babys müssen anfangs noch ganz viele Dinge lernen, auch das Sprechen, versuchte ich zu erklären. Das genügte ihm zum Glück als Begründung.
Anna von Hopffgarten
Redakteurin
Wie genau das vonstattengeht, wird er eines Tages in dieser Sonderausgabe nachlesen können. Welche Umbaumaßnahmen im kindlichen Gehirn ebnen den Weg für die ersten Wörter? Wie erschließen sich Säuglinge und Kleinkinder den Inhalt anfangs noch kryptischer Wortschwalle, und wie erzeugen sie wenig später selbst welche? All das erklärt die Neurobiologin Anneke Meyer ab S. 44 im ersten Teil unserer neuen Gehirn&Geist-Serie Familie. Ihr Fazit: Babys sind wahre Meister in Statistik. Unbewusst untersucht ihr Gehirn gehörte Sätze auf Regelmäßigkeiten und erfasst so nach und nach die Gesetze der Muttersprache.
Dabei können Säuglinge in den ersten Lebensmonaten noch die Laute diverser Sprachen unterscheiden – eine Fähigkeit, die sie schnell wieder verlieren. Deshalb, und weil das Gehirn anfangs noch besonders flexibel ist, empfehlen manche Experten, Kindern so früh wie möglich eine Fremdsprache beizubringen.
Auch andere kognitive Fähigkeiten sollen in den ersten Jahren besonders leicht zu erlernen sein. Also auf zum Chinesischunterricht in der Krabbelgruppe oder zum Algebrakurs in der Kita – ganz im Sinne der Frühförderung? Nein, mahnt unsere Autorin Nele Langosch ab S. 74. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass ein Kind durch frühes, strukturiertes Lernen klüger werde. Im Gegenteil: So werde es schnell überfordert und verliere die Lust. Kinder lernen durch die selbst organisierte Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt – also durch freies, kreatives Spiel.
Wer glaubt, seinen Sprössling nicht angemessen zu fördern, kann sich also entspannt zurücklehnen. Ein Ausflug in den Wald, ganz ohne Bestimmungsbuch, tut es auch!
Letzte Woche zog übrigens mein kleiner Sohn ein Baustellenbuch aus dem Kinderzimmerregal und rief voller Stolz: »Bagger!« Sein Bruder war endlich zufrieden: »Mama, er ist wirklich ein Mensch.«
Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen Ihre
Familienplanung
Machen Kinder glücklich?
Viele Menschen verzichten bewusst auf Nachwuchs. Ob sie zufriedener sind als Eltern, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Von Katja Gaschler
Belastende Umstände
Wenn emotionale Probleme in der Schwangerschaft überhandnehmen, kann ein spezielles Stressmanagement helfen.
Von Corinne Urech und Sandra Scherer
Nachgefragt
Woran forschen Sie gerade, Herr Schulte-Markwort?
Der Psychiater Michael Schulte-Markwort untersucht, wie sich die Ängste von Schwangeren auf das Ungeborene auswirken.
Männer in anderen Umständen
Auch manche werdende Väter leiden unter körperlichen und psychischen Beschwerden.
Von Joachim Retzbach
Gute Frage
Gibt es eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz?
Das weiß Ulrike Ehlert, Professorin für Klinische Psychologie in Zürich.
Das frühkindliche Gehirn
Wie der Geist erwacht
Um herauszufinden, wie Babys die Welt wahrnehmen, messen Forscher ihre Hirnaktivität. Unser Autor begleitete zwei kleine Probanden ins Babylabor der Universität Heidelberg.
Von Janosch Deeg
Infografik
Die Entwicklung des Gehirns
Das Gehirn wandelt sich im Lauf der Embryonalentwicklung von einem winzigen Zellhaufen zum komplexesten Organ unseres Körpers. Die zentralen Stationen in Bildern.
Erste Schritte in Richtung Persönlichkeit
Während der ersten Lebensjahre finden im Gehirn wichtige Reifungsprozesse statt. Neben der vorgeburtlichen und frühkindlichen Erfahrung prägen die Gene die spätere Persönlichkeit.
Von Nicole Strüber
Spracherwerb
So kommen die Wörter in den Kopf
Schon bei wenige Wochen alten Säuglingen sind bestimmte Hirnregionen auf das Wahrnehmen von Sprache spezialisiert. Forscher entschlüsseln die zu Grunde liegenden neuronalen Mechanismen.
Von Anneke Meyer
Besondere Kinder
Für immer Frühchen?
Dank einer besseren medizinischen Versorgung überleben immer mehr Kinder eine Frühgeburt. Allerdings haben viele von ihnen mit neurologischen Spätfolgen zu kämpfen.
Von Alison Abbot
Spuren des Alkohols
Trinken Schwangere Hochprozentiges, kann das der körperlichen und geistigen Entwicklung des Kindes schaden. Der Nachwuchs leidet oftmals am fetalen Alkoholsyndrom (FAS) und braucht vielfältige Unterstützung.
Von Reinhold Feldmann
Sirene mit Botschaft
Wenn Babys schreien, wollen sie in der Regel signalisieren, dass ihnen etwas fehlt – beispielsweise Nahrung. In den Lauten finden Wissenschaftler aber auch Hinweise auf neurologische Erkrankungen.
Von Janosch Deeg
Frühförderung
Früh geübt ist halb gewonnen
Lernforscher plädieren für eine bessere Frühförderung: Nicht alles, was gut gemeint ist, tue auch gut!
Von Nele Langosch
Interview
Helfen, teilen, trösten
Der Entwicklungspsychologe Markus Paulus erklärt, wie Kinder sozial kompetentes Verhalten lernen.
Infografik
Meilensteine der Kindesentwicklung: Das erste Lebensjahr
Vom Nuckeln und Lallen bis zum ersten Bewusstsein seiner selbst – das kennzeichnet das Leben eines Säuglings.
Hilfen für Eltern
»Für die Signale sensibilisieren«
Interview
Können Mütter und Väter den feinfühligen Umgang mit ihrem Nachwuchs lernen? Die Ulmer Bindungsforscherin Ute Ziegenhain über Chancen und Grenzen von Hilfsangeboten.
Einsatz am Kinderbett
Eltern von Schreibabys können sich die Unterstützung von Profis holen. Die Autorin trifft eine geplagte Mutter in einer Frankfurter Säuglingsambulanz.
Von Kerstin Schumacher
Interview
»Schlaf kann man nicht erzwingen«
Der Psychologe Jörn Borke weiß, wie Eltern ihr Baby erfolgreicher zum Schlafen bringen.
Editorial
Neu erforscht
u. a. mit diesen Themen: Lehrreiches Nickerchen / Abschweifen steckt an / Blick fürs Detail / Klang der Geborgenheit / Ich weiß, was du denkst
Impressum
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Soziales Handeln
Wie schnell Kinder ein Gespür für Fairness entwickeln, hängt davon ab, in welcher Kultur sie aufwachsen. Darauf deutet eine Untersuchung von Wissenschaftlern um Peter Blake von der Boston University hin. Die Forscher testeten bei mehr als 860 Kindern und Jugendlichen zwischen 4 und 15 Jahren, wie diese sich verhielten, wenn sie entweder benachteiligt oder bevorzugt behandelt wurden. Dazu ließen sie Probanden aus Kanada, Indien, Mexiko, Peru, Uganda, dem Senegal und den USA paarweise ein Spiel spielen. Ein Kind bekam dabei jeweils zwei Belohnungen in Form von Süßigkeiten für sich und seinen Partner vorgesetzt und durfte ent scheiden, ob es die Belohnungen annehmen oder ablehnen wollte – in letzterem Fall gingen dann beide Parteien leer aus. In manchen Runden konnte der Versuchspartner mehr Naschereien abstauben, bei anderen der Proband selbst.
Kinder und Jugendliche aus allen Nationen verzichteten regelmäßig auf kleinere Belohnungen, um auf diese Weise ihrem Partner einen größeren Berg an Süßigkeiten vorzuenthalten. Während Kinder aus den USA und Kanada bereits mit vier bis sechs Jahren begannen, ungerechte Angebote auszuschlagen, taten dies Probanden aus einem kleinen Mayadorf in Mexiko im Schnitt erst mit zehn Jahren.
Neben diesem Altersunterschied fanden die Wissenschaftler aber noch einen grundsätzlichen: Kinder aus Kanada, den USA und Uganda tolerierten auch keine Ungerechtigkeit zu ihren eigenen Gunsten. Sie verzichteten also ebenso auf Belohnungen, wenn sie dabei mehr Süßigkeiten als ihr Partner bekommen sollten.
Die Forscher glauben, dass die Ergebnisse unter anderem mit dem Erziehungsstil zusammenhängen: So seien Eltern aus westlichen Industrienationen dafür bekannt, Unabhängigkeit und Autonomie besonders zu fördern. Deshalb bemühe sich ihr Nachwuchs auch früh, bei anderen einen guten Eindruck zu hinterlassen und auf eine gerechte Verteilung für alle zu pochen.
Die Schlussfolgerung, Menschen aus Kanada und den USA seien besonders fair, lässt sich aus den Ergebnissen der Studie allerdings nicht ableiten. Beispielsweise könnte es sein, dass auch jene Kinder, die sich an der eigenen Bevorzugung zunächst nicht störten, ihre Einstellung im weiteren Verlauf ihrer Jugend noch einmal ändern. (dz)
Nature 528, S. 258–261, 2015
Erziehung
Wenn Eltern ihren Blick beim Spielen mit dem Nachwuchs immer wieder abgelenkt durch die Gegend schweifen lassen, beeinträchtigt das möglicherweise auch die Aufmerksamkeit ihrer Kinder. Chen Yu und Linda Smith von der Indiana University in Bloomington präsentierten Eltern mit deren Kleinkindern verschiedene Spielzeuge, mit denen sie sich gemeinsam beschäftigen durften. Die Probanden saßen sich dabei gegenüber und trugen jeweils eine Kamera auf dem Kopf, die es den Wissenschaftlern später erlaubte, die Blicke der Teilnehmer genau zu analysieren.
Tatsächlich beschäftigten sich die Kinder länger mit einem Spielzeug, wenn ihre Eltern sich diesem ebenfalls für mehrere Sekunden ohne Ablenkung widmeten. Ihr Interesse blieb dann auch länger bestehen, wenn Mutter oder Vater den Blick schließlich wieder abwandten.
Grundsätzlich schien es zudem wirkungsvoller zu sein, das Kind entscheiden zu lassen, womit gespielt werden soll: Eltern, die selbst den Ton angeben wollten, sorgten stattdessen dafür, dass der Nachwuchs schnell das Interesse verlor.
Wie gut Kinder bei verschiedenen Aufgaben bei der Stange bleiben, sei ein wichtiger Indikator für den späteren Bildungserfolg, betonen die Forscher. Das fördere auch die Entwicklung von Sprach- oder Problem-lösekompetenzen. (dz)
Curr. Biol. 26, S. 1235–1240, 2016
Gedächtnis
Bei Kleinkindern sorgt ein Schläfchen nach dem Lernen dafür, dass Inhalte besser im Gedächtnis haften bleiben. Das ergab eine Studie von Forscherinnen um Sabine Seehagen von der Universität Bochum.
Insgesamt 216 Säuglingen im Alter von sechs und zwölf Monaten führten sie mit einer Handpuppe bestimmte Handlungen vor – entweder bevor oder nachdem die Kinder gerade geschlafen hatten. Später schauten sie nach, welche der Handlungen die Kinder nachahmten, als sie die Handpuppe erneut sahen.
Kinder, die innerhalb von vier Stunden nach Demonstration der Handlungen mindestens eine halbe Stunde am Stück geschlafen hatten, imitierten deutlich mehr Handlungen als Altersgenossen, die das Puppenspiel zum ersten Mal sahen. Anders sah es bei Kindern aus, die nicht mindestens eine halbe Stunde gedöst hatten. Sie waren allem Anschein nach unbeeindruckt davon, was die Forscherin mit der Handpuppe vorgemacht hatte. Für die Psychologin Jane Herbert, die an der Studie beteiligt war, legen die Ergebnisse nahe, »dass die beste Zeit für Kleinkinder, um neue Informationen zu lernen, kurz vor dem Schlafengehen ist«. (jd)
Proc. Natl. Acad. Sci. USA 112, S. 1625–1629, 2015
Gehirnentwicklung
Wenn Frühchen nach der Geburt Geräusche hören, die denen im Mutterleib ähneln, fördert das die Entwicklung des Hörzentrums im Gehirn. Zu diesem Schluss kommen Forscher um Amir Lahav von der Harvard Medical School in Boston. Sie spielten 21 Säuglingen, die zwischen der 25. und der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen waren, täglich drei Stunden lang Tonaufnahmen von Herzschlag und Stimme der Mutter vor. Dabei glichen die Wissenschaftler die Aufnahmen zuvor den akustischen Eindrücken an, denen die Kinder während der Zeit im Bauch der Mutter ausgesetzt waren. Die Kontrollgruppe musste mit der normalen Geräuschkulisse der Neugeborenen-Intensivstation vorliebnehmen.
Als Lahav und sein Team nach einem Monat das Gehirn der Frühgeborenen mit Hilfe von Ultraschall untersuchten, stellten sie fest: Der auditorische Kortex, der akustische Reize verarbeitet, war bei jenen Säuglingen vergrößert, die regelmäßig der typischen »Bauch-Geräuschkulisse« gelauscht hatten; andere Hirnregionen profitierten jedoch nicht davon.
Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass Geräusche im Mutterleib offenbar einen Beitrag zur Hirnentwicklung von Kindern leisten. Vermutlich legen die mütterlichen Geräusche sogar den Grundstein dafür, dass die Kleinen später in der Lage sind, Töne und Sprache richtig zu verarbeiten. Inwieweit dieser Effekt auf Herzschlag oder Stimme der Mutter im Einzelnen zurückzuführen ist, vermögen Lahav und Kollegen nicht zu beurteilen. Genau wie unter »natürlichen« Bedingungen bekamen die Frühchen stets beides gleichzeitig zu hören. Vorangegangene Studien belegten aber, dass die Stimme der Mutter eine bedeutende Rolle für die Entwicklung des Hör- und Sprachzentrums bei Säuglingen spielt. (dz)
Proc. Natl. Acad. Sci. USA 112, S. 3152–3157, 2015
Autismus
Menschen mit Autismus verfügen in mancher Hinsicht, etwa wenn es um Details geht, oft über eine schärfere Wahrnehmung als andere Menschen. Dass sich dies schon im Kleinkindalter zeigt und so einen Ansatzpunkt für die Früherkennung bietet, glauben Forscher um Teodora Gliga von der University of London.
Die Wissenschaftler testeten die Wahrnehmung von Kleinkindern im Alter von 9, 15 und 24 Monaten. 82 von ihnen hatten ein Geschwisterkind mit Autismus und somit ein um 20 Prozent höheres Autismusrisiko. Kinder ohne familiäre Vorbelastung dienten als Kontrollgruppe.
Die kleinen Probanden schauten im Versuch auf einen Bildschirm, auf dem mehrmals ein »X« in einem Kreis erschien. An einer Stelle wurde das X durch einen anderen Buchstaben ersetzt. Eine Kamera verfolgte die Blickbewegung der Kinder, so dass die Neurowissenschaftler erkannten, wie schnell die Kleinen den Abweichler ausmachten. Am Schluss absolvierten alle Versuchsteilnehmer einen Standard-test auf Autismus.
Laut Gliga und ihren Kollegen zeigten diejenigen Kinder, die mit 9 Monaten den falschen Buchstaben am schnellsten entdeckt hatten, mit 15 und 24 Monaten vermehrt Autismussymptome. Vielleicht könnte man ähnliche Tests in Zukunft nutzen, um Autismus in Risikofällen früher zu erkennen und die Betroffenen besser zu fördern.
Neben der gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit sind Autisten oft auch in ihrem Sozialverhalten beeinträchtigt, können schlechter sprechen und zeigen stereotypes Verhalten. Seit Langem wird in Fachkreisen diskutiert, ob diesen Symptomen gemeinsame genetische Ursachen zu Grunde liegen. Aus ihren Ergebnissen schließen die Neurowissenschaftler, dass die sensible Wahrnehmung der Kinder im Säuglings alter mit der Entstehung der späteren Symptome zusammenhängen könnte. (cv)
Curr. Biol. 25, S. 1727–1730, 2015
Spracherwerb
Wie Forscher von der University of British Columbia in Kanada berichten, müssen Babys schon früh ihre Zunge trainieren, um Laute verstehen und später sprechen zu können. Das Team um die Sprechwissenschaftlerin Alison Bruderer testete sechs Monate alte Kleinkinder – allesamt aus englischsprachigen Familien – darauf, ob sie einen für ihre Muttersprache unwichtigen Lautunterschied erkannten: einen lediglich im indischen Hindi relevanten »D«-Laut, den man auf zwei verschiedene Weisen aussprechen kann. Menschen, die kein Hindi sprechen, können diese Diskrepanz meist nicht einmal erkennen und schon gar nicht reproduzieren.
In den ersten sieben Lebensmonaten gelingt das allerdings im Prinzip allen Babys auf der Welt: Ihr Gehirn unterscheidet offenbar noch nicht zwischen der Muttersprache der Eltern und Fremdsprachen, denn es werden jeweils die gleichen sensorischen und motorischen Sprachareale aktiviert.
Während die Forscher ihren kleinen Probanden die indischen D-Laute vorspielten, erschwerten sie die Zungenbewegungen bei der Hälfte der Babys mit einem speziell angefertigten Schnuller. Er blockierte das Anheben der Zungenspitze, das beim Nachahmen ebendieses Lauts benötigt wird. Tatsächlich lernten die Kinder unter solchen Umständen nicht, die zwei Lautformen zu unterscheiden, wie nachfolgende Tests belegten.
Die sprachliche Entwicklung der Kleinen sei aber durch den Versuch nicht beeinträchtigt worden: Die Schnuller behinderten lediglich eine bestimmte Zungenbewegung, und das auch nur während der kurzen Phasen, in denen die fürs Englische unwichtigen Laute zu hören waren, so die Forscher. Ein ungehindertes Üben mit der Zunge stelle demnach jedoch eine bis heute unterschätzte Voraussetzung für die Lautbildungskompetenz dar. (jo)
Proc. Natl. Acad. Sci. USA112, S. 13531–13536, 2015
Einfühlungsvermögen
Wer etwas will, das ein anderer hat, muss wissen, wie derjenige tickt. Dann kann man ihn vielleicht dazu bringen, sich von der Sache zu trennen. Wie Forscher um Itai Sher von der University of Minnesota in Minneapolis herausfanden, verfügen Kinder ungefähr ab dem Alter von sieben Jahren über die Fähigkeit, ihr Einfühlungsvermögen strategisch für eigene Zwecke einzusetzen.
Dazu testete das Wissenschaftlerteam Drei- bis Neunjährige, die jeweils beim Gewinnspiel gegen den Experimentator antraten. Jeder der beiden wählte dabei aus fünf Aufklebern eine beliebige Anzahl aus – und bekam sie geschenkt, sofern der andere mehr genommen hatte. Dieser Gierhals ging dann leer aus. Während jüngere Kinder dazu neigten, alle Aufkleber zu nehmen, setzte ab etwa sechseinhalb Jahren ein Umdenken ein: Die jungen Probanden durchschauten ab diesem Zeitpunkt, welche Wahl am ehesten zum Erfolg führen würde, und wählten, wie Erwachsene auch, nur einen oder zwei Aufkleber aus. Offenbar sind Kinder bereits relativ früh Alter in der Lage, ihre »Theory of Mind« strategisch einzusetzen. Darunter verstehen Psychologen die Fähigkeit, die Gedanken eines anderen zu erraten. (jd)
Proc. Natl. Acad. Sci. USA 111, S. 13307–13312, 2014
Kognition
Wenn Kinder mit überraschenden Ereignissen konfrontiert sind, lernen sie besser. Das berichten die Psychologinnen Aimee Stahl und Lisa Feigenson von der Johns Hopkins University in Baltimore (USA). Dieser Trick funktioniert sogar bei Babys, da sie offenbar schon vor dem ersten Geburtstag eine grobe Vorstellung davon entwickeln, wie die Welt um sie herum funktioniert.
Stahl und Feigenson führten mehr als 100 Kleinkindern im Alter von elf Monaten verschiedene Situationen mit bekannten Objekten vor. Manche sollten Überraschung auslösen: Sie stellten die Regeln der Physik auf den Kopf. So sah etwa ein Teil der Kleinen, wie ein Ball eine Rampe hinunterrollte und am Ende des Weges einfach durch eine Wand hindurchglitt. Anschließend präsentierten die Versuchsleiter den Kindern eine weitere Besonderheit des Objekts: Es gab ein Geräusch von sich, wenn man eine bestimmte Bewegung damit vollführte.
Tatsächlich prägten sich die Kinder die Bewegungen besser ein, wenn sich das Objekt ungewöhnlich verhielt. Gleichzeitig beschäftigten sie sich dann auch vermehrt mit ihm, obwohl noch andere, neue Spielzeuge zur Wahl standen. Die Kinder prüften den Gegenstand auf Herz und Nieren, wenn sie zuvor Zeuge ge worden waren, wie er die physikalischen Gesetze missachtet hatte. So drückten sie etwa den Ball auf den Tisch, um sei ne Festigkeit zu prüfen, oder ließen ihn zu Boden fallen, wenn sie zuvor beobachtet hatten, wie er scheinbar über einem Loch im Tisch geschwebt war.
»Kinder machen mit dem Wissen, das sie über die Welt besitzen, Vorhersagen über Ereignisse. Stellen sich diese Vorhersagen dann als falsch heraus, nutzen sie dies, um etwas Neues zu lernen«, erklärt Feigenson. Überraschungen könnten also Lernanreize bieten. Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass Kinder unerwarteten Ereignissen mehr Aufmerksamkeit schenken. (dz)
Science 348, S. 91–94, 2015
Lernen
Eine frühkindliche Sprachprägung wirkt jahrelang nach – so das Resultat einer Studie kanadischer Sprachwissenschaftler. Das Gehirn »erinnere« sich gewissermaßen an eine Muttersprache, der es ausschließlich in den ersten Lebensmonaten ausgesetzt war, auch wenn diese danach nie mehr gesprochen werde. Das schließen Fred Genesee von der McGill University in Montreal und seine Kollegen aus einer Untersuchung, bei der die Gehirnaktivität per funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) beobachtet wurde.
Die Forscher hatten 21 Jugendliche untersucht, die in einem chinesischsprachigen Umfeld geboren und vor dem dritten Lebensjahr von einer französisch sprechenden Familie adoptiert worden waren. Nun beherrschten die 9- bis 17-Jährigen zwar bewusst kein einziges Wort Chinesisch, doch ihre Hirnaktivität offenbarte, dass die Areale der Sprachverarbeitung noch immer auf chinesischen »Input« reagierten – und zwar umso stärker, je länger sie als Kleinkind dieser Sprache ausgesetzt gewesen waren.
Hörten die Probanden beispielsweise chinesisch klingende Pseudowörter, verhielt sich ihr Gehirn ganz ähnlich wie das von zweisprachigen Französisch-Chinesisch-Sprechern: Es zeigte vermehrte Aktivität in sprachverarbeitenden Arealen der linken Gehirnhälfte, vor allem dem supratemporalen Gyrus und dem Planum temporale. Letzteres ist ein Hirnrindengebiet, das nach Auskunft der Forscher bei der Verarbeitung des so genannten lexikalischen Tons eine Rolle spielt, eines phonetischen Merkmals des Chinesischen. Es handelt sich dabei um den charakteristischen Tonhöhenverlauf, mit dem eine Silbe ausgesprochen wird und der in dieser Sprache notwendig ist, um sonst gleich lautende Wörter voneinander abzugrenzen.
Den Wissenschaftlern zufolge zeigt die Untersuchung, wie dauerhaft das Gehirn durch einen frühen sprachlichen Input geprägt wird. Offenbar bleibe die Prägung aus dem Kleinkindalter selbst dann noch erhalten, wenn eigentlich kein Bedarf mehr daran besteht. (jd)
Proc. Natl. Acad. Sci. USA 111, S. 17314–17319, 2014
LEBENSENTWURF Warum verzichten Paare bewusst auf Nachwuchs? Viele fürchten offenbar, mit Kindern bliebe das persönliche Glück auf der Strecke. Ob dem wirklich so ist, hängt von vielem ab – auch von der Familienpolitik eines Landes.
VON KATJA GASCHLER
Auf einen Blick:
Elternglück auf dem Prüfstand
1 Traditionsgemäß gelten Kinder als »größtes Glück«. Heute gibt in Deutschland eine deutliche Mehrheit der Befragten allerdings an, sie wären mit ihrem Leben auch ohne Nachwuchs zufrieden.
2 Statistisch gesehen machen uns Kinder tatsächlich nicht glücklicher. Wie sich die Lebenszufriedenheit von Eltern entwickelt, hängt aber unter anderem vom Einkommen, vom Alter und von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.
3 In Deutschland scheint die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf einer der Knackpunkte zu sein. Besonders berufstätigen Müttern schlägt die Doppelbelastung auf die Psyche.
War etwa alles umsonst? Milliarden flossen in den vergangenen neun Jahren ins Elterngeld, doch die Deutschen bekommen trotzdem viel zu wenig Kinder. Zwar stieg die Geburtenrate laut dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2014 zum dritten Mal in Folge, aber immer noch dümpelt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau unter 1,5 – um die Einwohnerzahl ohne Zuwanderung konstant zu halten, wären 2,1 notwendig.
Doch wie viele dieser kinderlosen Frauen haben freiwillig auf Familie verzichtet? Das ist gar nicht so leicht zu erfassen. Nach einer 2007 veröffentlichten Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach wollten nur acht Prozent der 25 bis 59-jährigen Frauen und Männer in Deutschland explizit keinen Nachwuchs. Letztere scheuten sich dabei häufiger. Oft wird die Familiengründung aber lange und schließlich zu lange hinausgeschoben, oder der Kinderwunsch ändert sich. Je älter, desto mehr Kinderlose erklären auch, gar keine Kinder zu wollen. Unter den 35- bis 37-Jährigen sagte das laut einer Langzeitstudie (siehe»Pairfam«) mindestens jeder Fünfte.
Warum aber entscheiden sich so viele Menschen früher oder später bewusst gegen Kinder? Verschiedene Argumente werden angeführt, je nachdem, wen man fragt – ob Kinderlose oder Eltern, Verheiratete, Menschen in einer Fernbeziehung, Ältere oder Jüngere. Den einen fehlt der geeignete Partner, andere scheuen die Kosten, befürchten berufliche Nachteile oder meinen, Kinder hätten in unserer Welt keine gute Zukunft.
Studien belegen klar, dass besonders Paare mit geringem Einkommen Angst vor dem sozialen Abstieg haben. Dass die Ärmeren das 2007 eingeführte Elterngeld kaum motivieren konnte, war abzusehen: Wer vor der Geburt des Kindes wenig verdiente, bekam danach auch kaum etwas. Mit dem über 24 Monate ausgezahlten Erziehungsgeld, das es früher gab, waren Geringverdiener also besser dran. Aber auch hoch qualifizierte Frauen, die eigentliche Zielgruppe des Elterngelds, reagierten nicht so euphorisch wie erhofft. Denn Elterngeld hin oder her – ihnen droht der Karriereknick, wenn sie dem Arbeitgeber nicht mehr Vollzeit zur Verfügung stehen.
Viele Menschen verbinden mit Kindern offenbar eher Probleme. Bei einer Forsa-Umfrage von 2010 mit rund 1000 kinderlosen Deutschen zwischen 25 und 45 Jahren erklärten 79 Prozent, das Leben sei ohne Kinder schon anstrengend genug. Mehr als 80 Prozent gaben an, sie wären auch ohne Nachwuchs zufrieden. Das erstaunt. Erklärten uns Evolutionspsychologen nicht immer, der Mensch strebe vor allem nach Fortpflanzung? Viele Paare nehmen erhebliche medizinische und psychische Strapazen auf sich, um Kinder zu bekommen. Für sie gehört die Familiengründung zu einem erfüllten Leben.
Aber machen uns Kinder wirklich glücklich – oder glauben viele Kinderlose ganz zu Recht, ohne Nachwuchs gehe es ihnen besser? Diese Frage führt zu hitzi gen Diskussionen, im Bekanntenkreis, in Internetforen und auch unter Forschern. Kinder, so versichern Betroffene, das heißt in jedem Fall »große Gefühle«, positive wie negative: intensive Glücksmomente, aber auch Ängs te, Stolz und Wut. Die Befriedigung, gebraucht zu werden, etwas von sich weiterzugeben auf der einen Seite, auf der anderen der Schmerz des Loslassens und Verlassenwerdens.
Ungeachtet der Komplexität des Phänomens ist aber die Frage berechtigt: Was bleibt – unterm Strich – als Lebensgefühl, wenn man Kinder großzieht? Wie glücklich sind Eltern mit ihrem Leben? Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen finden keinen eindeutigen Glückseffekt für Eltern. Demnach steigern Kinder nicht die Lebenszufriedenheit, eher im Gegenteil: Eltern seien öfter gestresst als Kinderlose, und die Qualität der Partnerschaft sinke, so das Ergebnis einiger Studien. Auch die Gefahr von Depres sionen scheint erhöht. Noch dazu ziehen viele Eltern aus dem Zusammensein mit ihren Kindern offenbar wenig Freude. Eine Studie aus Texas hatte 2004 ergeben, dass zumindest berufstätigen Eltern Fernsehen, Einkaufen oder Kochen mehr Spaß machte, als mit ihren Kindern zu spielen.
